Alles, was schiefgehen kann… Sarahs Edition
Die durchaus ereignisreiche Geschichte von Sarah. Immer wieder kreuzten sich unsere Wege für ein paar gemeinsame Kilometer – und jedes Mal war klar: sie fährt stark. Sehr stark sogar. Doch irgendwie klebt ihr an diesem Tag das Pech ein wenig zu hartnäckig an den Rädern. Was genau passiert ist, entfaltet sich Stück für Stück im Verlauf der Strecke… Macht euch selbst ein Bild – und leidet ruhig ein bisschen mit …

Am ersten Tag läuteten um 9 Uhr die Glocken von Caminha den Start der ersten Ausgabe des GranDiagonal ein. Spätestens gegen Mittag war klar: Ich war in Portugal angekommen. 42 Grad, lange Anstiege und eine gnadenlose Sonne – zum Glück unterbrochen von gelegentlichen Wasserquellen, die etwas Abkühlung verschafften. Die Landschaft? Einfach atemberaubend.
Der zweite Tag begann mit einem Anstieg in ein Wolkenmeer. Einer dieser Momente, die man nicht vergisst. Nach dem ersten Checkpoint führte die Strecke mehrere Kilometer am Fluss entlang. Rückenwind, angenehme Temperaturen – eine kurze Verschnaufpause, bevor der nächste lange Anstieg in der Mittagshitze wartete. Zum Abschluss noch einige knackige Pflastersteinrampen, dann erreichte ich das Ziel des Tages: ein wunderschönes Bergdorf.
Am dritten Tag wollte ich eigentlich schon um 4:30 Uhr aufbrechen. Stattdessen begrüßte mich ein platter Reifen. Also hieß es: Schlauchwechsel zwischen Billardtisch und Minibar. Dabei wurde mir erneut bewusst, dass Laufrad und Mantel die denkbar ungünstigste Kombination waren – eine Erkenntnis, die sich später noch mehrfach bestätigen sollte.

Mit anderthalb Stunden Verspätung und einem Reifen, der scheinbar überall sitzen wollte, nur nicht korrekt in der Felge, konnte ich schließlich starten. Direkt vor mir wartete das eigentliche Frühstück des Tages: der Torre, der höchste Berg Portugals. Die Auffahrt war landschaftlich ein Traum, die anschließende Abfahrt ins Tal nicht weniger beeindruckend. Mein Fahrrad hatte jedoch andere Pläne. Eine widerspenstige Schaltung zwang mich dazu, teils im Singlespeed-Modus zu fahren.
Für den Abend hatte ich bereits eine Unterkunft gebucht. Dort angekommen stellte ich fest, dass ich deutlich schneller gewesen war als erwartet. Eigentlich hätte ich gerne noch einige Stunden weitergemacht, doch auf den kommenden Kilometern gab es keine weitere Übernachtungsmöglichkeit. Leider erwies sich die Unterkunft als alles andere als erholsam, sodass am Ende kaum mehr als ein bis zwei Stunden Schlaf übrig blieben.

Als der Norden Portugals hinter mir lag, wusste ich: Jetzt beginnt der schwierigste Teil der Reise. Nicht die Berge. Nicht die Distanz. Die Hitze.
Der Plan war, um 3:30 Uhr zu starten. Doch erneut machte mir ein platter Reifen einen Strich durch die Rechnung. Also wieder Schlauchwechsel im Morgengrauen. Meine Beine und Unterarme waren inzwischen von blauen Flecken übersät. Immerhin befand ich mich noch in der Nähe einer größeren Stadt mit einem Bikeshop. Als ich dort um 9 Uhr erschien, wurde ich mit großen Augen gefragt, ob ich die Schläuche tatsächlich selbst gewechselt hätte. Ein schwitzender und zunehmend genervter Mechaniker bestätigte nach kurzer Zeit das, was ich längst ahnte: Diese Kombination aus Felge und Mantel war schlicht eine Katastrophe.
Der frühe Start war damit endgültig Geschichte. Da ich keine Möglichkeit fand, tagsüber noch etwas Schlaf nachzuholen, blieb mir nichts anderes übrig, als um 9:40 Uhr in die aufziehende Mittagshitze zu starten.

Und damit begann mein persönlicher Albtraum.
Ich war völlig übermüdet, hatte kaum gegessen und war frustriert, weil die Tage zuvor so gut verlaufen waren. Doch anstatt Tempo herauszunehmen, reagierte ich wie so oft: Ich versuchte noch mehr zu drücken. „Es sind doch nur ein paar Kilometer und kaum Höhenmeter“, redete ich mir ein.
Die Hitze sah das anders.
Auf einer einsamen Landstraße merkte ich, wie mir zunehmend schwindelig wurde. Zeitweise wurde mir schwarz vor Augen. Schatten? Fehlanzeige. Der heiße Wind fühlte sich eher wie ein Föhn an, jede Bewegung kostete Kraft. Auf der Karte entdeckte ich schließlich einen Schotterweg zu einem kleinen Dorf. Also bog ich ab.

Gleich am Ortseingang traf ich auf einen Mann, der gerade sein Wochenendhaus in Schuss hielt. Ich fragte ihn, ob ich mich kurz hinlegen dürfe und ob er ein Auge auf mich haben könne. Zu diesem Zeitpunkt hoffte ich noch, mich nach einer kurzen Pause wieder erholen zu können.
Doch mein Körper hatte längst andere Entscheidungen getroffen.
Ich fühlte mich extrem schwach, alles drehte sich. Manchmal ist es Fluch und Segen zugleich, im Gesundheitswesen zu arbeiten. Ich wusste genau, wohin so etwas führen kann.
Ohne zu zögern bot mir der Portugiese sein klimatisiertes Haus an, versorgte mich mit kaltem Wasser und kümmerte sich um mich. In diesem Moment war mir klar, dass sportlich nur noch ein DSQ möglich gewesen wäre. Doch das spielte plötzlich keine Rolle mehr.
Was mich bis heute beeindruckt: Dieser Mensch kannte mich nicht. Trotzdem stellte er einem völlig Fremden alles zur Verfügung, was er hatte. Ohne zu fragen. Ohne zu zögern.
Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang nicht. Am Abend kam er zurück, um seine Hunde zu füttern. Als ich vor die Tür trat, bemerkte ich, dass sich der Himmel verdunkelt hatte und dichter Rauch in der Luft hing.
Es brannte.
Laut Warn-App etwa sieben Kilometer entfernt. Nach einem Gespräch mit seiner Frau stellte sich heraus, dass es sogar noch ein weiteres Feuer in unmittelbarer Nähe gab. Es war offensichtlich: In meinem Zustand dort allein zu bleiben, war keine Option.
Also brachte er mich samt Fahrrad ins nächste Hotel.
Dem Veranstalter schrieb ich kurz darauf. Das DNF war besiegelt.
Am nächsten Morgen kämpfte ich mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Die körperlichen Signale waren eindeutig. Trotzdem fällt es meinem Kopf bis heute schwer, diesen Abbruch zu akzeptieren. Irgendwo sitzt immer noch dieser Gedanke: Vielleicht wäre es irgendwie doch gegangen.
Rational weiß ich, dass das nicht stimmt.
Am nächsten Tag half mir der Portugiese erneut. Er brachte mich eine Stunde weit zur Bushaltestelle des Überlandbusses. Von dort aus folgten weitere sieben Stunden Busfahrt mit einmal Umsteigen.
Als ich schließlich am Zielort ankam, warteten dort Menschen auf mich, die ich vor dem Rennen und unterwegs kennengelernt hatte. Menschen, die sich Sorgen gemacht hatten, als sich mein Tracker nicht mehr bewegte. Menschen, mit denen ich noch Zeit verbringen wollte.
Bis heute beschäftigt mich dieser Abbruch. Vielleicht wird er das auch noch eine Weile tun. Doch wenn ich an Portugal zurückdenke, dann denke ich nicht zuerst an das DNF.
Ich denke an die Berge. An das Wolkenmeer. An die endlosen Straßen. An die Begegnungen. An die Menschen.
Danke an alle, die mich unterwegs und danach mental aufgefangen haben. Danke an Freunde und Familie – Sprachnachrichten und Telefonate.
Und ganz besonders danke an Anderson. In einem Rennen voller Herausforderungen hätte ich keinen besseren Menschen treffen können.
Rückblickend möchte ich keine Begegnung und kein Erlebnis missen.
Denn am Ende war das vielleicht nicht die Geschichte, die ich mir am Start erträumt hatte.
Aber es war eine verdammt gute Geschichte.
Video Tag 1 & 2 mit Sarah