Video Tag 14:
Tag 14 – Freitag, 29.08.2025
5km bis zum Crash
Hermann: 150 km bis Karakol, weitere 340 km im Taxi nach Bishkek ins KH
Gabi: 150 km Räder holen mit „Taxi“, 150 km zurück nach Karakol, dann nach Bishkek
Am Morgen Frühstück im Zelt, draußen hat es Minusgrade. Ich habe noch einen kleinen Beutel Morgenstund gefunden, genügend Gas haben wir auch noch für heißes Wasser und so lassen wir uns die „Henkersmahlzeit“ schmecken. Das der Brei sowas sein sollte, wissen wir natürlich nicht.

Das Zelt, Reif hat sich an diesem eiskalten Morgen darauf festgesetzt, wird ein letztes Mal zusammengelegt und verstaut. Alle anderen Habseligkeiten finden ihren Weg in die Taschen. Höchste Zeit wieder in die Zivilisation zu kommen, Ordnung ist was anderes und nicht nur wir haben eine gründliche Pflege notwendig. Aber dieser letzte Tag – den wollen wir noch „genießen“.
Meine Snacks gehen dem Ende zu, aber ich finde noch ein paar Snickers und Gummibärchen. Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein, ohne uns verpflegen zu können, für die Mittagspause ist aber mit Dosenfisch, Käse und Brot gesorgt. Gut 150 Kilometer liegen noch vor uns. Erst müssen wir etwa 25 km durch dieses einsame Tal bis zu einer Militärstation und dann ist es noch einmal soweit auf die Passhöhe des gut 4000 Meter hohen Chon Ashuu. Die Planung verspricht hier einige Kilometer Asphalt. Fein!

Vom Pass nach Karakol können wir uns auf fast 100 Kilometer Abfahrt freuen.
Das ganze dürfte bis zum Abend abgehakt sein. Wir würden der „Snail“ einen ganzen Tag voraus sein. Wer hätte das gedacht. Ich freue mich für Hermann. Er ist zwar durch meinen dreitägigen Ausfall nicht offiziell in der Wertungsliste, aber Finisher wird er sein. Klasse!
Mein Mann reißt mich aus meinen frühmorgendlichen Tagträumereien. Wir müssen los, um Karakol am Abend noch bei Tageslicht zu erreichen. Er rollt los, ich bin immer noch beim Sortieren meiner Siebensachen. Wie immer. Hermann meckert nicht selten, was ich denn immer noch zu „knafln“ habe. („Knafln“ bedeutet im Südtiroler Dialekt, wenn jemand herumtrödelt oder herumwerkelt, – in leicht neckischer Färbung). Das trifft es genau, wenn ich, oft zwecklos, doch noch versuche eine strukturierte Ordnung in meinen Kram zu bekommen. Im Laufe des Unterwegsseins finde ich nämlich manche Dinge oft nicht, weil sie ihren ursprünglich zugewiesenen Platz verlassen haben. Wie auch immer. Ärgerlich!
Hermann ist schon um die nächste Biegung verschwunden, da mache auch ich mich auf den Weg.
Der Weg ist schotterig, größere Steine am Rand, immer wieder mal kleine Steinchenhaufen zu durchfräsen. Ich bleibe rechts, da scheint es am besten zu sein. Zum Glück sind wir hier nicht nachts langgefahren.
Eine Kurve, uuuupps, hier wird es auch noch sehr steil. Ich verlagere mein Gewicht nach hinten, bremse verkrampft und versuche mich zu erinnern, was Hermann immer gesagt hatte, den Lenker lockerlassen, das Rad sucht sich dann schon seinen Weg. Aber hier ist es definitiv zu steil für mich, ich steige ab. Als ich den Blick vor mir schweifen lasse …
Hermann??? Vor mir, in der Steilstufe, sitzt er mitten auf dem zweispurigen Weg, das Rad neben ihm, ein paar Daunen schweben um ihn herum. Gleich wird er wohl aufstehen und wieder aufsteigen. Aber so ist es nicht. Schon bin ich bei ihm, lehne mein Rad an die Felswand neben uns. Knie mich neben ihn. Was ist passiert?
Hermann berichtet, er glaubt sich zu erinnern, dass er von der linken Fahrspur auf die rechte wechseln wollte. Im groben Schotterstreifen in der Mitte habe sein Vorderrad wohl blockiert. Das Rad habe ihn dann abgeworfen. Er kann den rechten Fuß nicht bewegen, wenn er das mache, schmerze es in der Leiste. Was tun? Einen Moment ausruhen. Vielleicht ist nur etwas geprellt oder so. Aber weg von der Straße müssen wir. Ich schiebe das Rad an den Rand. Die Stelle ist etwas unübersichtlich. Wenn da ein Radfahrer mit Schwung käme, sähe er uns erst im letzten Moment. Und da kommt schon wer, Peter oder Ethan?, wir wissen es nicht. Wir informieren ihn, was passiert ist und beratschlagen, was nun zu tun sei. Internet gibt es hier am Ende der Welt nicht. Wer weiß, wann wir wieder Empfang haben. Inzwischen erkennen wir die Unmöglichkeit weiterzufahren. Besagter Fahrer verspricht talauswärts Hilfe zu holen, sobald er jemanden trifft.
Es ist unter Null Grad, die Sonne geht zwar grad auf, aber am gegenüberliegenden Berghang. Ich packe Hermann in seinen Schlafsack, helfe ihm zur Felswand, damit er sich anlehnen kann, hülle ihn in alle Kleidungsstücke, die ich finden kann. Noch ist ihm nicht kalt. Aber was tun? Der SOS-Knopf fällt unserer Meinung nach weg, da er nur für „lebensbedrohliche“ Situationen gilt und in einer solchen sind wir wohl nicht.

Aus den Augenwinkeln sehe ich unter uns eine Bewegung. Erst jetzt bemerke ich den Schafspferch und daneben eine winzige Hütte. Und aus dieser war gerade ein Mann getreten. Ich laufe hinunter zu ihm. Ich berichte mit Hilfe des Translators auf meinem Smartphone über den Unfall . Zum Glück habe ich Russisch und Kirgisisch heruntergeladen und somit offline verfügbar. Ich frage, ob es hier irgendwo Internet gebe, um Hilfe herbeizuholen. Er verneint, meinte dann etwa 10 Kilometer weiter talauswärts gäbe es ein Haus mit Internet. Das habe ich jedenfalls so verstanden. Dann macht er eine Bewegung wie „Pferd reiten“ und dann eine wie „Auto lenken“ und geht davon, in die Berge.
Unverrichteter Dinge kehre ich zu Hermann zurück. Ich stelle den Gaskocher auf, damit Hermann was Warmes zu trinken bekommt. Aus dem Hüttchen unter uns kommt eine Frau und verschwindet im etwas entfernten Klohäuschen. Wie überall, 4 Pfosten und Tuch als Blickschutz rundherum. Also sind hier doch mehr Leute als gedacht.
Nicht lange später kommt der Hirte über den Berghang herab, an einem langen Seil hat er ein gesatteltes Pferd. Die beiden kommen hoch zu uns. Hermann soll auf das Pferd steigen, deutet er.
Das ist jedoch nicht möglich. Der mindestens zwei Kopf kleinere Mann zieht Hermann nun kurzerhand hoch und trägt ihn auf seinem Rücken bergab die etwa 200 m zu seiner kleinen Hütte.
Ich packe alle Sachen, die wir rund um uns verstreut haben, zusammen. Da kommt der Hirte zu mir zurück, deutet auf mich und auf die Hütte. Er schnappt sich Hermanns Rad und schwingt sich auch schon auf den Sattel. Ich halte den Atem an. Gibt es den nächsten Unfall? Es ist steil, das Rad zu groß für den Kerl. Langsam eiere ich hinter ihm hinunter, beobachte das Geschehen argwöhnisch. Aber souverän meistert er Schotterweg, Rasenkante und das unwegsame Wiesen-Stück bis zur Hütte.
Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, betrete ich das winzige Domizil. Die nicht mehr als 3×3 Meter Haus sind komplett mit Decken ausgelegt. Zwei kleine Buben schlafen noch. Die Hütte ist so winzig, dass gerade mal vier Leute nebeneinander liegen können. Hermann lehnt schon auf den Decken.

Ich beratschlage mit ihm. Ich werde versuche, die besagten 10 Kilometer talauswärts zu fahren, um Nelson zu informieren, damit er uns ein „Taxi“ schicken kann. Der Weg hierher ist wohl fahrbar. Ich reiche Hermanns Gastgebern alles, was ich noch habe: eine Fischdose, eine Packung Käse, Kekse, einen Laib Brot und starte los.
Ich komme nicht weit, da ist schon der erste Bach zu durchqueren. Ich überlege nicht lang und wate durch. Nasse Füße sind nichts im Vergleich zu Hermanns Verletzung, ich kann jetzt nicht zimperlich sein und Zeit mit Schuhe-Ausziehen verplempern. Weiter! Ich bin grad wieder auf mein Rad gestiegen, zitternd vor Kälte, da nähert sich ein weißes Auto – fragt man Frauen, sprich mich, was das denn für ein Auto gewesen sei, kommt dann lapidar „ein weißes“. Ich mache eine Handbewegung soviel wie „bitte anhalten“, die Scheibe wird herunter gelassen, zwei Gesichter schauen mich erwartungsvoll an. Ich frage, ob die beiden Deutsch sprechen oder Englisch. Ich bin total durch den Wind und radebreche; die beiden scheinen nur verstanden zu haben, dass ich Internetempfang suche und sie klären mich auf, bis mindestens Karakol gäbe es nichts. Dann fahren sie weiter.
Verzweifelt trete ich weiter in die Pedale. Ich habe noch keine fünf Kilometer seit der Hütte zurückgelegt, da treffe ich auf Paolo V. – Italiener, wie ich erleichtert erkenne. Er berichtet mir, dass, ich nenne ihn mal Peter, ihm vom Vorfall erzählt habe und dass sie mit seinem Tracker, der eine Schreibfunktion habe, Nelson informiert hätten. Antwort gäbe es noch keine.
Ich sehe, dass das weiße Auto wieder zurückkommt. Paolo erzählt mir, dass das Touristen-Paar hier in der Nähe im Auto übernachtet hätte. Die beiden wollten Hermann holen. Greta und Alessandro sagen uns, dass sie ihn nicht gefunden hätten und so wieder umgekehrt seien. Wir entdecken, dass wir alle vier Italiener sind, das macht die Sache gleich einfacher. Ich lasse mein Rad liegen und fahre mit Alessandro in Richtung Hermann.

In der Hütte war inzwischen das Nachtlager aufgeräumt und Hermann zum Frühstück eingeladen worden, in der Hüttenmitte stapeln sich abgenagte Knochen auf einem Teller. Die Hirtenfamilie hilft Hermann auf den Beifahrersitz des Mitsubishi 4×4, wie ich inzwischen weiß, ja weiß ist er auch … Hermanns Rad bleibt bei der Hütte, das Allrad-Fahrzeug hat leider keinen Platz für unsere Stahlrösser. Alessandro fährt, Greta und ich sitzen auf der Schlaf-Fläche hinten. Bequem ist was anderes. Sicht hat man hier auch keine, nur nach vorne auf die Fahrbahn.
Mein einziger Gedanke ist, nach Karakol zu gelangen. Wir kommen talauswärts bei meinem nachlässig auf der Wiese liegen gelassenen Rad vorbei. Wir halten und ich verstecke es hinter einem Steinhaufen. Etwas entfernt sehe ich ein einfaches Haus mit einer orangen Fassade. Das merke ich mir, um das Rad wieder zu finden. Mir wird aber ganz anders, wenn ich denke, dass ich diese ganze Strecke noch einmal fahren sollte, zuerst muss ich aber mal jemanden finden, der mich hierher bringt, fraglich ist wann. Und Hermann? Was wird mit ihm? Krankenhaus? Da muss er dann alleine hin.
Noch bin ich aber hier. Was kommt, kommt … ob ich mir Sorgen mache oder nicht.
Greta und Alessandro sind aus Rom und verbringen ihren Urlaub hier in Kirgistan, machen eine Rundreise und fahren die schönsten Orte ab. Ein Highlight war die Übernachtung hier oben vor der Traumkulisse Tian Shan. Sie seien sowieso auf dem Weg zurück nach Karakol, da ihnen der Treibstoff bald ausgehe.
Das mildert mein schlechtes Gewissen ein wenig, so müssen sie nicht nur für uns die 150 Kilometer unwegsamen Kilometer zurück. Die Strecke schüttelt uns so richtig durch, zum Glück hat Hermann kaum Schmerzen.
Die Schotterstraße führt parallel zum reißenden Fluss, mal in Wassernähe, dann wieder höher am Hang. An vielen Stellen ist das Erdreich am Wegrand weggebrochen, ich wage gar nicht hinunter in den Abgrund zu schauen. Ich würde mich da nie trauen mit dem Auto zu fahren. Aber Alessandro macht das souverän.
Zwanzig Kilometer weiter erreichen wir die angekündigte Militärstation. Die beiden zeigen ihr Permit in Papierform. Hermann und ich werden fragend angestarrt. Ich gebe ihnen meinen Reise-Pass und schreibe mit Hilfe des Translators, dass ich Teilnehmerin des Silk Road Mountain Races bin. Der Soldat schaut etwas verständnislos, wollen wir ihn „veräppeln“? Radrennen ohne Rad? Im Auto vorne bricht Hektik aus. Hermann hat gerade entdeckt, dass sein Reisepass in der Tasche am Rad steckt. Er habe nur seine Identitätskarte mit. Zuerst scheint es, dass wir nicht durchdürfen. Was tun? Um 20 Kilometer zurück zu fahren, würde der Sprit würde nicht reichen. Wir versuchen alles mit dem Google-Übersetzer zu erklären und die Wächter haben Nachsicht. Wir können weiter.
Die angekündigte Asphaltstraße zum Pass hoch ist zwar da, aber sie ist in einem desolaten Zustand. Die tiefen kantigen Löcher schütteln uns schrecklich durch. Armer Hermann. Dann wieder Schotter. Ich kann mich nach Stunden Fahrt kaum mehr aufrecht halten, ohne eine Möglichkeit mich anzulehnen. Irgendwann traue ich mich Greta zu fragen, ob ich mich hinlegen darf. So kann ich seitlich mehr von der Gegend sehen, ich schlafe auch mal für ein paar Minuten ein.
Nach 6 Stunden haben wir es geschafft. Wir werden im Zielbereich abgesetzt, der Arzt der Organisation übernimmt Hermann. Ich beteuere noch mehrmals, wie dankbar wir unseren beiden Rettern sind, sie wollen partout nichts annehmen, nicht mal die Tankfüllung. Die beiden müssen übrigens später nochmal zurückkommen, weil Hermanns Helm im Auto liegen geblieben war. Oje! An dieser Stelle nochmal tausend Dank an Greta und Alessandro aus Rom!!!
Es stellt sich bald heraus, dass Hermann ins nächste Krankenhaus muss. Das nächste? Das ist in Bishkek und nochmal 340 Kilometer weit. Ich kann nicht mit, denn wir vereinbaren, dass ich schauen soll, wie ich wieder an unsere Fahrräder komme. Wir werden uns erst am Abend zwei Tage später wieder sehen.
Der Papa von Nelson war so nett, mich zum nächsten Geschäft zu fahren, Proviant für Hermann und mich zu besorgen.

Hermann wird ins Taxi gesetzt. Er wird acht Stunden später, gegen Mitternacht, an sein Ziel kommen und untersucht.
Etwas traumwandlerisch irre ich durch den Zielbereich. Nur am Rande bekomme ich mit, wie einige Fahrer die Finish Line überqueren. Das geht an mir irgendwie vorbei, ich habe andere Sorgen. Wie komme ich an unsere Räder, werde ich es schaffen, die Fahrräder auseinander zu bauen und zu verpacken, wie bewege ich mich in Bishkek mit zwei so großen Gepäckstücken. Aber zuerst muss ich die Fahrräder holen fahren. Ich kann mir nicht vorstellen wie, ist es doch schon halb vier am Nachmittag. Hotel für die kommende Nacht habe ich auch keines.
Schon an der Kasse des Supermarktes kommt Nelsons Vater und sagt, wir müssten uns beeilen, denn Nelson habe ein Taxi für mich akquiriert.
Schnell verabschiede ich mich von meinem Mann und suche vor dem Tor vergeblich mein Taxi. Dort steht nur eine kleine runde Blechschachtel. Kann das wahr sein? Ich werde Nikolai vorgestellt, einem blonden bärtigen jungen Mann, er soll mich über den Chon Ashuu Pass in das entlegene Tal bringen und zwar in diesem Blechdings.
Ich quetsche mich auf die hinterste etwas abgenutzte Bankreihe, es gibt mit dem Fahrersitz drei davon. Anschnallgurte gibt es keine.
Nikolai braust los. Schlängelt sich durch den nachmittäglich recht dichten Verkehr. Mehrmals presse ich meine Augen zusammen und halte die Luft an, also ob wir so schmaler würden, um uns in dritter Reihe an anderen überholenden Autos vorbeizudrängeln und das trotz Gegenverkehr.
Alles bekomme ich hinten glücklicherweise nicht mit, auch deshalb, weil ich hier, wo es noch Internet-Empfang gibt, einiges zu Klären habe. Ich muss Katrin und Lukas, unsere Kinder, informieren. Diese sind gerade unterwegs zu einer Berghütte. Wenn sie uns helfen können, müssten sie das jetzt machen. Ich gebe ihnen die Daten der Versicherungen, des Alpenvereins und unserer Europäischen Reiseversicherung. Katrin verspricht, mit diesen in Kontakt zu treten und sich zuvor noch bei Hermann über die Schwere der Verletzung zu informieren. Erleichtert sinke ich in den Autositz zurück. Eine Sorge weniger. Ich könnte auch mit Empfang nichts ausrichten, da mein Telefon-Account nur Anrufe innerhalb Kirgistan erlaubt.
Meine Aufmerksamkeit führt mich wieder zurück auf das Hier und Jetzt. Trotz geflickter Fahrbahn ist diese mit Schlag-Löchern übersäet, es katapultiert mich ein paar Mal hoch bis ans Dach. In Gedanken bitte ich meine Eltern (fast 90 und 85 Jahre alt) um Verzeihung, sie werden nun wohl wahrscheinlich ohne ihre einzige Tochter noch älter werden.

Aber welche Möglichkeiten habe ich? Fragen, ob ich aussteigen darf? Ich füge mich in mein Schicksal. Locker bleiben … auch wenn in den Bergen dann seitlich der Abgrund gähnt.
Ich versuche es mit „Bestechung“, ich lege Nikolai die Hälfte meines Sandwiches hin, ein paar Kekse und ein Snickers. Ich weiß nicht, ob das unter Gastfreundschaft einzuordnen ist, Nikolai gibt mir sofort die Hälfte seines KitKats ab. Am Fahrstil ändert das aber nichts. Immer wieder schaut Nikolai prüfend in den Rückspiegel, wie es der Gabi da hinten wohl geht.
Vor dem Pass nimmt Nikolai logo die Abkürzung, die gefühlt senkrecht nach oben führt. Wie verrückt ist das denn? Nikolai lacht. Und die kleine Blechkutsche kommt ohne Allrad-Computer und ohne Elektronik selbst dort hinauf, wo moderne SUVs längst aufgeben würden.
Meine Achtung vor der Blechschachtel. Der Motor stöhnt und ächzt bergauf, aber Nikolai kennt kein Pardon. Und dann sind wir oben auf dem Chon Ashuu Pass. Das Gefährt darf etwas abkühlen, Nikolai braucht eine Zigarettenpause.
In der Pause „unterhalten“ wir uns via Translator. Nikolai erzählt mir mehr über sein Auto:
Baujahr 1988 wird dieser kleine Bus der russischen Firma UAZ „Tabletka“ (таблетка) genannt, also „Tablette“ wegen seiner runden Form.
Beim Einsteigen macht Nikolai eine einladende Handbewegung, ich setze mich vorne neben ihn. Wir fahren weiter. Der Motor wird nun etwas geschont, denn es geht so weit das Auge reicht hinunter. Die alte Tabletka schaukelte über die durchlöcherte Schotterpiste, als würde sie jeden Moment umkippen. Der Radabstand ist so klein und der Schwerpunkt so hoch, dass ich mich bei jeder Kurve unwillkürlich am Sitz festklammere. Und trotzdem – irgendwie fuhr sie immer weiter, als wäre sie ununfallbar. Und um den Schlaglöchern auszuweichen, kurvt Nikolai immer wieder aufs Schotter-Bankett, nur Zentimeter vom Abgrund entfernt.
Wir erreichen die Militärstation. Die Frage nach meinem „Permit“ kann Nikolai zum Glück lösen und er selbst hat so einen Schein.
Jetzt noch die 20 Kilometer ins Tal hinein und hier wird der Weg so richtig schlecht. Aber nichtsdestotrotz jagt Nikolai seine Tabletka mit unverändertem Tempo über tiefe Löcher oder diesen ausweichend bis nah an den Abgrund.
Zwischen Felswand und abyss verliere ich fast meine Nerven. Warum fällt mir grad das englische Wort für Abgrund ein? Klingt tief, dunkel, auf jeden Fall irgendwie zu nah für meinen Geschmack, er begann nämlich direkt neben den Reifen.
In der Ferne kann ich schon die Mini-Hütte erkennen, mit Hermanns Rad davor. Etwas besorgt bin ich, denn der Steinhügel mit meinem Rad dahinter ist mir nicht aufgefallen. Wir haben zwar kürzlich ein Haus passiert, aber das war weiß getüncht. Was, wenn wir mein Fahrrad nicht mehr finden?
Die Hirtenfamilie begrüßt uns. Für die Kinder habe ich noch ein paar Kekse mitgebracht. Ich versuche etwas zu kommunizieren mit der Frau und den Buben.
Nikolai geht prüfend um das Auto. Ist nach der Höllenfahrt über Löcher und Steine noch alles fest am Auto? Er bückt sich vorne. Was untersucht er da? Die Kardanwelle? Haben die schlimmen Schläge die Schrauben gelockert, gibt es Risse? Ist irgendwas undicht? Nicht von ungefähr, verlangt Nikolai seinem „Buchanka“ heute doch alles ab. Wegen der Ähnlichkeit wir dieses Auto von den Russen oft liebevoll „Brotlaib“ genannt.
Hermanns Rad passt auf den ersten Versuch nicht ins Auto. Müssen wir es auseinanderlegen? Mit etwas Probieren geht es, allerdings sticht der breite Lenker beim Fahren Nikolai ins Genick. Durch die ersten Schlaglöcher fahren und dann passt plötzlich alles.
Nun immer noch die bange Frage, ob wir mein Rad finden und ob es überhaupt noch da ist. Ich weiß, dass es etwa fünf Kilometer bis dahin sind, kurz nach der Bachquerung und da ist auch noch das orange Haus, an das ich mich erinnere.
Besorgt starre ich aus der Frontscheibe. Wo ist der Steinhaufen? Da taucht rechterhand eine orange Hüttenfassade auf (es ist dasselbe Haus von vorhin, auf einer Seite weiß, auf Rückseite orange – welche Verwirrung hatte das ausgelöst). Juhu! Auf gleicher Höhe Richtung Fluss erkenne ich erleichtert den Hügel und alles ist noch da, wie ich es über 10 Stunden zuvor verlassen hatte. Was inzwischen aber alles passiert war … Ich darf gar nicht nachdenken, was noch vor mir liegen wird …
Abenteuerlich geht es nun endlose Kilometer zurück. Nikolai jagt seinen Kleinbus aus Sowjetzeiten mit oft über 80 km/h über den zerfurchten oft gefährlich hängenden Weg. Und vorne sitzend bekomme ich alles haarklein mit. Und alles ohne Gurt. Bei einem Unfall würde es mich gnadenlos durch die Frontscheibe katapultieren. Ich hatte mich jedoch schon längst meinem Schicksal ergeben.
Den Schlagbaum der Militärstation quere ich nun schon das dritte Mal. Im Aufstieg zum Pass überholen wir einen Radfahrer und noch einen. Nikolai schüttelt verständnislos den Kopf: Es würde jetzt nachts hier oben auf fast 4000m sehr kalt werden, weit unter null Grad. Wie leichtsinnig ist in seinen Augen das Unterfangen dieser bepackten Sportler. Ich würde leichtsinnig eher mein Unterfangen im Augenblick bezeichnen.
Es dämmert, die Berg-Silhouetten am Horizont heben sich vor einem blutroten Himmel ab. So schön! Wenn Hermann das jetzt sehen könnte. Wie es ihm wohl gerade geht? Ist er schon im Krankenhaus? Wird er morgen wieder entlassen? Glücklicherweise weiß er nicht, was ich in diesem Moment für Ängste erlebe. Denn nach der kurzen Pause auf dem Chon Ashuu Pass, das dritte Mal heute, geht es nun nur noch hinunter und gerade habe ich mit Schrecken realisiert, dass Nikolai auch in der Abfahrt die steilste Abkürzung nimmt.
Im Scheinwerferlicht kann ich die Steilheit und jeden einzelnen Stein, jedes Loch scharf umrissen erkennen. Angst? Resignation oder Zuversicht? Vielleicht ist es nicht Ergebung, sondern Vertrauen – in die Hände am Lenkrad und die uralte Tabletka, die zuverlässig die Spur hält. Wer sich ein Bild machen möchte von der Fahrt, schaue sich die betreffenden Sequenzen ab Minute 1:05 auf dem Video Tag 14 an.
Dann bleiben nur noch 40 Kilometer Einfallstraße nach Karakol. Der Belag ist ein Flickenteppich, schlimmer noch als die unbefestigten Wege, aber das Ende naht. Und ich habe wieder Internet-Empfang. Schon wird die Tabletka angehalten, mir die Tür geöffnet, die Räder ausgeladen.
Nikolai will mir etwas mitteilen, etwas mit „Ökonomie“ oder so … Ich verstehe nicht, da erzählt er mir erklärend, dass Nelson ihm vor der Fahrt gesagt hatte, es sei EILIG. Jetzt erklärt sich diese Höllenfahrt in Bezug auf Geschwindigkeit, nicht immer angepasst an das Terrain …
Ich gebe Nikolai sein wohl verdientes Geld. Nicht billig, aber ich habe unsere Räder wieder und vor allem ICH LEBE NOCH! Ich lobe die Fahrkünste des jungen Mannes, beiläufig hatte ich nämlich nachgefragt, wie alt er denn sei. Erst 22!
Fröhliches Treiben im Zielbereich, weitere Ankömmlinge werden empfangen. Ich nicht. Ich bin ja nur DNF und das schon seit ein paar Tagen und nun doppelt DNF …
Es ist nun schon 21 Uhr vorbei. Ich stelle meine Sachen ab.
Was diese Nacht mir bringen wird? Ich habe ja nicht mal ein Zimmer. Zuerst möchte ich das Restaurant finden, nicht weit vom Zielbereich, das mir Armin empfohlen hatte. Mit Google Maps mache ich mich auf den Weg. Die Straße ist zappenduster. Normalerweise würde ich mich jetzt so alleine fürchten, aber ich hatte an diesem Tag schon so viele schlimme Situationen durchlebt, dass keine Angst mehr übriggeblieben ist.
Im Duett Coffee Shop ist noch einiges los. Und das Beste, das Haus beherbergt sogar ein Hostel und es gibt ein Zimmer für mich.
Ich bekomme um diese Zeit sogar noch was zu essen. Das Lokal ist fest in Radfahrerhand. Auch Jos und Markus sind hier, ich setze mich zu ihnen. Armin kommt auch noch vorbei.
Später sinke ich in einen zum Glück traumlosen Schlaf, nicht ohne zuvor kurz mit Hermann telefoniert zu haben. Er teilt mir die Hiobsbotschaft des gebrochenen Oberschenkelhals-Knochens mit und dass die Ärzte ihm eine baldige Operation empfohlen hatten. Aufgrund der Verletzungsart käme nur eine Hüftprothese in Frage. Das wolle er aber am folgenden Tag noch abklären mit Ärzten zuhause. Und mit den Versicherungen alles besprechen.

Am Morgen berichtet mir Hermann, dass er in ein anderes Krankenhaus verlegt worden sei. Hermann wollte im Moment keine OP, aber es gäbe es dort ohnehin kein freies Bett. Die Fahrt ausgestreckt in der Ambulanz sei ziemlich schmerzhaft gewesen. Nun sei er in einer privaten Orthopädie-Klinik in Bishkek, angeschlossen an das Gebäude der medizinischen Universitäts-Fakultät. Die Klinik würde von Vater Sovetbek Kumushbekovich Kazakov und Sohn Iygilik Kazakov geleitet und die Abteilung sei spezialisiert auf Hüfte und Knie.
Zudem sei Hermann guter Dinge, es ginge ihm hier gut, er habe alles, was er brauche, ein Bett, zu trinken und zu essen.
Auf mich kommt heute eine Mammut-Aufgabe zu: die Räder flugfertig zu machen. Erst noch Stärkung beim Frühstück und neue Herberg-Suche. Glücklicherweise hat meine ursprünglich stornierte Unterkunft Hotel Ordo noch Verfügbarkeit. Hier wohnt auch Armin.
Ich erinnere mich zurück, dass ich den Tag leicht schlafwandlerisch erlebte. Strukturiert gehe ich nicht an die Arbeit. Taschen sind abzubauen, zwei Räder auseinanderzubauen, alles in Radkoffer und Karton zu verstauen, dabei nicht zu vergessen ja alle akkubetriebenen Geräte und Batterien für das Handgepäck herzurichten. Bei der GBDuro England/ Schottland hatten wir ja schon mal am eigenen Leib erfahren, was mit Kartonen mit „suspektem und gefährlichem Inhalt“ passiert.
Einen riesigen Dank an Armin, Jos und Markus, die mir einen Großteil der Arbeit abnehmen. Mein Dazutun liegt darin, mehr oder weniger kopflos und hektisch hier- und dahin zu laufen und nichts wirklich auf die Reihe zu bekommen, zu viel anderes geht mir im Kopf herum. Klebestreifen gibt es auch keinen mehr, Jos borgt mir seinen.
Zwischendurch schaue ich immer mal wieder neidisch zu den ankommenden Finishern. Das hätten auch wir haben können …
Irgendwann ist alles verstaut, alle Taschen haben auch ihren Weg in die Behältnisse gefunden. Das Gepäck wird zu den gefühlten Hunderten anderen Radkoffern gestellt. Mir ist schleierhaft, wie so viele Radkoffer ihren Weg nach Bishkek finden sollen.
Dann ins Hotel, sich etwas ausruhen, um am Abend fit für die Finisher-Party zu sein.
Auch mit Hermann spreche ich. Es geht ihm gut, er habe keine Schmerzen. Er sei dabei alles mit den Versicherungen zu klären. Die Europäische ziehe sich komplett zurück und verweist auf das Kleingedruckte, keine Wettkämpfe!
Mit der Versicherung des AVS scheint es zu klappen. Vielleicht gibt es ja noch eine zeitnahe Rückholung, damit Hermann zuhause operiert werden kann. Inzwischen habe er einen Fragebogen nach dem anderen ausgefüllt und versendet. Im Krankenhaus fehle ihm an nichts, vor allem deswegen, weil im Zimmer nebenan Marina ihre Mutter begleite und ihn mitversorge. Wie nett! Ich bin beruhigt in dieser Hinsicht.
Aber nun kommt anderes auf mich zu: Kann ich auf meinem gebuchten Flug nach Hause? Wie geht das mit zwei Radkoffern? Sie sind zwar beide gebucht, aber bei Pegasus, meiner Fluglinie, darf ein Passagier nur einen mitnehmen. Vielleicht kann mir einer der Silk Road Teilnehmer einen mitnehmen … In München würde Katrin ihn ab dem Gepäckband übernehmen.
Ich löchere zudem den armen Armin immer wieder mit meinen Fragen. Sorry, du hattest mit mir wohl keine angenehme Gesellschaft.
Die Finisher Party ging irgendwie an mir vorbei. Mir war ganz und gar nicht zum Feiern zumute. Ich aß etwas und nach etwas Erfahrungsaustausch mit einigen Fahrern, die wir immer wieder getroffen hatten, unterwegs, verließ ich die Veranstaltung. Der Fußmarsch durch die dunklen Viertel von Bishkek macht mir nichts aus, dunkel sind auch meine Gedanken.
Ein leckeres Frühstück und Armin und ich machen uns auf zum Transfer-Bus nach Bishkek. Es gibt der Busse sogar drei. Und die ganzen Räder werden auf zwei LKWs transportiert, in vier Schichten übereinandergestapelt, oje!
Die Fahrt entlang des Issyk-Kul Sees ist endlos. Und gefühlt ebenso lang müssen wir in Bishkek auf ein Taxi warten, das Armin über die App Yandex Go bestellt und uns ins Hotel bringen soll, ins Smart Hotel. Hier hatten Hermann und ich noch zwei feine Tage verbringen wollen. Die Taxi-App lief wohl heiß, wenn drei Busladungen Leute mit ihrem Gepäck transportiert werden sollen und zwar gleichzeitig …
Irgendwie schaffe ich es vom Taxi bis ins Zimmer mit einem schweren Radkoffer, einem unhandlichen Radkarton, einem schweren großen Rucksack und einem kleinen.
Es ist schon früher Abend als ich mich endlich aufmachen kann zu meinem Hermann. Ich muss mich erst mal in der neuen App zurechtfinden. Alles auf Russisch. Glücklicherweise kann ich die Sprache umstellen. Ich werde die App in den nächsten Tagen noch oft nutzen. Alles klappt (meistens) am Schnürchen: Zielort eingeben, Größe oder Preisklasse des Autos wählen, dann bekomme ich das Kennzeichen des nächstbesten mitgeteilt und kann auf der Karte auf meinem Bildschirm beobachten, wie sich das Fahrzeug nähert. Mit Lux-Augen schauen und bei Sichtung wie verrückt winken, damit der Fahrer auf mich aufmerksam wird.

Aber welches ist mein Zielort? Ich habe nur eine Adresse in kyrillischer Schrift. Heute geht wohl nichts leicht … Im Hotel hilft man mir. Auch als das Auto vorbeifährt und ich zwar gezahlt habe, aber nun kein Taxi habe, hilft die Dame an der Rezeption weiter und ruft den Fahrer an. Im zweiten Anlauf findet er mich. Wie schlimm ist es, wenn man ohne Sprachkenntnisse im fremden Land ist. Immer kann der Translator auch nicht weiterhelfen.
Der nächste Schock: Ich steige an einer Baustelle aus. Wo ist das Krankenhaus. Ich wandere die Front des Gebäudes entlang und nehme den erstbesten Eingang. Ich telefoniere mit Hermann. Er liegt auf Zimmer sechs. Niemand ist unterwegs auf den Gängen, den ich fragen kann. Es ist Sonntag und wohl Spar-Betrieb. Endlich, da ist eine Schwester in lila Hose und Oberteil. Sie führt mich zu meinem Mann.

Er lacht mir fröhlich aus dem Bett in seinem Einzelzimmer entgegen, das hatte ich nicht erwartet. Innige Begrüßung. Ich lasse mir nochmal alles erzählen, dann sehe ich mich fragend um. Hermann steckt noch in seiner schmutzigen Wäsche. Hat ihm niemand geholfen frische Sachen aus seinem Rucksack zu kramen? Auch die Hände – ungewaschen. Auf dem Gang gibt es zwar eine Toilette, aber keine Seife, kein Toilettenpapier, kein Handtuch, auch nicht im Zimmer.
Alles wirkt auf den ersten Blick etwas provisorisch, lieblos. Ich werde am nächsten Tag erfahren, dass es üblich ist, dass jeder Patient eine Angehörige mithat. Dieser darf bzw. soll im selben Zimmer wohnen, bekommt ein Bett und zu essen. Sie hat die Verpflichtung sich um alles zu kümmern, damit es dem Patienten gut geht. Am Ende werde ich als ausgebildete „Hilfskrankenschwester“ nach Hause fahren.

Als ich später wieder ins Hotel zurückfahre, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wie muss Hermann sich hier fühlen – allein, hilflos, ausgeliefert? Warum kümmert sich keiner? Und ich war an diesen ersten beiden Tagen nicht da! Und ich spüre, wie mich gerade ein leises schlechtes Gewissen begleitet: Ich kann gehen, er muss bleiben.
Den ganzen nächsten Tag verbringe ich im Krankenhaus. Bei meiner Ankunft schon merke ich, irgendwas ist anders: Auf den Fluren ist ein geschäftiges Treiben. Aha! Montag, das Wochenende ist vorbei. Ich lerne Ärzte, Krankenschwestern, die Köchin kennen und vor allem Marina im Zimmer nebenan, die mit ihrer frisch operierten Mutter hier wohnt.

Sie hatte sich so toll um Hermann gekümmert, als niemand sonst bei ihm war. So nett! Sie erzählt mir, dass sie zufällig gehört hatte, wie er auf Deutsch mit jemandem telefonierte, da sei sie neugierig geworden und habe ihn „besucht“. Sie sei aus Bishkek, sei aber mit einem Frankfurter verheiratet und lebe in Abu Dhabi. Danke, Marina, dass du Hermann mit allem Nötigen versorgt hast und deine Hilfe bei der Kommunikation angeboten hast. Deine wertvolle Hilfe hat uns in dieser schwierigen Situation sehr weitergeholfen. Und wie! Schon mal, als es ums Geld geht … Und Marina bestätigt uns auch, dass wir Glück hatten, hier zu landen. Denn die Ärzte hier seien wirklich gut im Bereich der Endoprothetik.
Inzwischen hatte es sich nämlich herausgestellt, dass Hermann zwar nach Hause geflogen werden kann, aber vor dem 4. September sei das bürokratisch nicht möglich. Das bedeutete jedoch, die Operation müsse vor Ort vorgenommen werden, man könne nicht mehr länger warten. Und hier fangen auch die Probleme an. Die Versicherung übernimmt zwar die Kosten, aber Geld überweisen ist nicht so einfach, grenzüberschreitende Zahlungen über IBAN gibt es nicht und so viel Bargeld können wir nicht abheben. Operation ja, aber erst nach der Bezahlung! Mit Hilfe von Marina, unzähligen Gesprächen mit der Versicherung und der unermüdlichen Hilfe von Katrin, die ihrerseits alles Mögliche unternahm, kommt alles ins Rollen. Der OP-Termin wird auf Dienstag früh festgelegt. Die Prothese wird uns gezeigt, es sei ein amerikanisches Standard-Produkt aus Titan. Nach der OP muss Hermann noch eine Nacht auf der „Intensiv-Station“ bleiben.

Am Abend fahre ich zurück ins Hotel. Mein Plan steht: Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, werde ich mit Sack und Pack ins Krankenhaus ziehen. Während der Operation dort zu warten, ergibt ohnehin keinen Sinn.
Ein wenig Verwirrung löse ich aus, als ich mit meinen großen Gepäckstücken im Krankenhaus auftauche. Doch die Operation ist gut verlaufen – ich darf Hermann gleich auf der Intensivstation besuchen, wo er eine Nacht überwacht werden soll. Dr. Kazakov kommt mit einer Plastikdose, darin ein rotes rundes Etwas. Ich scherze, jetzt verstehe ich, warum es jeden Mittag so gute Fleischsuppe gibt …

Wir bekommen nun ein Zimmer mit eigener Toilette, und ich richte mich mit all unseren Sachen und den beiden Fahrrädern häuslich ein. Ich besorge alles, was uns das Leben ein wenig leichter macht: Ich schleppe Fünf-Liter-Wasserflaschen, Obst, Gemüse, Kekse, Instantkaffee, Marmelade, Honig, Joghurt, Saft und vieles mehr aus dem zwei Kilometer entfernten Supermarkt heran. Handtuch und Seife hat zum Glück Marina schon organisiert. Als Waschschüssel dient mir eine abgeschnittene Zehn-Liter-Flasche. Mit der Zeit sammelt sich so einiges an, und unser Zimmer bekommt fast etwas Heimeliges.

Hier werden wir die nächsten acht Tage leben. Jeder Tag folgt demselben Rhythmus: Aufwachen, Katzenwäsche mit dem improvisierten Waschgefäß, Kleidung waschen und zum Trocknen über den Radkoffer hängen, der zum Kleiderständer umfunktioniert wurde. Elastische Bandagen gegen Thrombose wickeln, Arztvisite, dann Frühstück. Danach gehe ich einkaufen – zwei Kilometer entlang einer belebten Straße und wieder zurück. Mittagessen, Mittagsruhe, ein kurzer Spaziergang in den Universitätsgarten, Kaffee trinken (heißes Wasser hole ich in der Krankenhausküche), abendliche Visite, Abendessen, Nachtruhe.
Die Routine wird nur gelegentlich unterbrochen – zumindest für mich. Ich muss Krücken besorgen und nutze die Gelegenheit für eine kurze Stippvisite zum Osch-Basar. So richtig genießen kann ich sie nicht, meine Gedanken sind bei Hermann. Danach suche ich eine Apteka, eine Apotheke, und anschließend den MegaCom-Store, um die kirgisische SIM-Karte zu verlängern. Natürlich ist der Laden nicht dort, wo Google Maps ihn verortet. Stress pur.

In den folgenden Tagen muss mein Pegasus-Flug zweimal verschoben werden, weil sich die Informationen zum Rückflug ständig ändern. Aber ob unsere Räder mit mir mitdürfen? Schließlich fahre ich in ein Pegasus-Büro in der Stadt, um Klarheit zu schaffen – und siehe da: Die Damen dort sind ausgesprochen freundlich und schaffen es, dass ich ausnahmsweise beide Fahrräder mitnehmen darf.
Überhaupt hat auf dieser Reise bei Pegasus alles reibungslos funktioniert – ganz im Gegensatz zu meiner Erfahrung mit LH und Brussels Airlines auf dem Weg nach Ruanda im Februar.

Die Menschen im Krankenhaus sind alle freundlich und hilfsbereit.
Dr. Iygilik Kazakov, der Chirurg, der Hermann operiert hat, hat nicht nur hervorragende Arbeit geleistet, sondern kann auch noch fantastisch backen. Zum Frühstück bringt er uns am Tag nach der OP zwei große Stücke Streuselkuchen. Und als an einem Bett die Bettwäsche fehlt, holt er sie kurzerhand selbst und bezieht das Bett. Wo gäbe es so etwas bei uns?
Sehr lieb ist auch die Köchin. Morgens bringt sie uns beiden abwechselnd Grießbrei, Porridge oder Milchreis, mittags und abends meist einen Gemüseeintopf mit etwas Fleisch oder eine kräftige Portion Borschtsch – die Suppe aus Roter Bete und Weißkohl ist ungewohnt, aber köstlich.

So vergehen die Tage. In einem kleinen Laden entdecke ich ein Päckchen Spielkarten – eine willkommene Abwechslung.
Sonst geschieht wenig. Doch ab dem zweiten Tag soll Hermann aufstehen, erst mit einer Art Rollator, später mit den Krücken, die ich besorgt habe. Beim ersten Versuch spielt sein Kreislauf verrückt – nach wenigen Schritten verlässt ihn sein Bewusstsein und hängt in meinen und Dr. Nuraly Arzymatovs Armen. Danach läuft alles ohne Zwischenfälle.

Schließlich die erlösende Nachricht: Der Rückflug ist fix – am 10. September. Der Ambulanzjet wird nicht mehr benötigt, aber für Hermann ist bei Turkish Airlines ein Business-Platz reserviert.
Dr. Pedro Morales Rivera kommt am Tag zuvor, um alles zu besprechen, und um ein Uhr nachts geht es für Hermann los.

Marina hat mir ein Taxi organisiert, und Mirbek steht kurz nach Mitternacht pünktlich vor dem Krankenhaus. Er hat die Anweisung, mich erst wieder zu verlassen, wenn ich durch die Sicherheitskontrolle bin. So nett! Ich bin ihm sehr dankbar – mit all dem Gepäck wäre ich sonst ziemlich unbeholfen gewesen. Auch beim Check-in ist es angenehm, Unterstützung auf Russisch zu haben.
In München wartet meine Tochter Katrin, die dort arbeitet, und hilft mir weiter.
Dann endlich: zu Hause.
Hermann wird mit dem Krankenwagen nach Brixen gebracht und dort noch zwei Nächte stationär aufgenommen.
Die Odyssee ist zuende.

Nun sind rund acht Wochen seit dem Unfall vergangen. Hermann macht gute Fortschritte, geht bereits mit seinen Skitourenstöcken und fährt wieder kleinere Radrunden – derzeit noch mit dem E-Bike. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er bald wieder ganz gesund ist und seine geliebten Sportarten uneingeschränkt ausüben kann. ❤️
Von Herzen danke ich allen, die uns nach Hermanns Unfall beim Silk Road Mountain Race in Kirgistan unterstützt haben – besonders an diejenigen, die direkt vor Ort für uns da waren. Eure Hilfe, euer Beistand und eure Nähe haben uns unglaublich viel bedeutet. Auch allen, die an uns gedacht oder sich über Social Media gemeldet haben, gilt mein aufrichtiger Dank. Ich hoffe, niemanden zu vergessen. (Die Ordnung in der Reihenfolge im Video).

Katrin und Lukas Leitner (unsere Kinder),der unbekannte Hirte und seine Familie, Greta und Alessandro, Armin Brunner, Nelson Trees, Familie und Crew Nelsons, Dr. Maxim Ten, Marina (einen ganz besonderen Dank!!!), Nikolai, Markus Brigl und Jos Voorbraak, #orthopedics_endoprotez, Dr. Sovetbek Kumushbekovich Kazakov, Dr. Iygilik Kazakov, Dr.Nuraly Arzymatov, das Krankenhaus-Team, Dr. Pedro Morales Rivero (TAA), Mirbek, Tyrol Air Ambulance, Alpenverein Südtirol, Orthopädie, Krankenhaus Brixen, Gislar Sulzenbacher, Gerold Siller, Christoph Hofer, Toni und Ralf Preindl, Hansjörg Jocher, Melitta Goller🙏
