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Zusammenfassend: 4650 Kilometer, 32.000 Höhenmeter, durch 10 Staaten Europas (Italien, Slowenien, Ungarn, Slowakei, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen).

200 Gemeldete, darunter 25 Frauen. 102 haben das Nordkap erreicht, darunter 5 Frauen.

Kleine Anekdote beim Briefing: Dort wurden Interviews gemacht. Ich hatte mein Northcape Schildmütze an und schaute dem Treiben einige Zeit zu. Mich fragte Andrea nicht, ob ich interviewt werden wollte, ich fragte ihn nach einer Weile, nach welchen Kriterien er die Leute aussuche. Er: „Naja, die Teilnehmer der NC4K …“. Hmmhmmm, ich sei ja auch eine Teilnehmerin … Tja, das sieht man mir alter Tante wohl nicht an, dass ich mich traue, mich auf diesen langen Weg zu begeben, Schildkappl hin oder her …

Start: Es geht gleich zur Sache: Auffahrt zum Passo della Borcola mit den vollbeladenen Rädern, meines wiegt ohne Essen und Getränk an die 20 kg. Ich unterhalte mich mit einigen Teilnehmern, besonders beachtlich finde ich, dass der 23-jährige Karl hier mitmacht. Ihn werde ich noch öfters treffen. Auf der Passhöhe scherze ich mit Eduardo, dass er sich gefälligst in die „fila“, die Reihe einordnen soll zum Fotomachen … auch ihn werde ich in Finnland noch öfters treffen. Übernachtung in Tarcento, jedoch mit sehr wenig Schlaf, da der Zimmerkollege erst um 1 Uhr eintrudelt, ich in Unterwäsche durchs Hotel geistere, um ihm zu öffnen und bei Wäsche und Aufräumen nicht mehr in den Schlaf finde. Als dann noch um halb vier Licht wird und die zu ladenden Geräte umgesteckt werden, flüchte ich hellwach auf die Strecke.

Der Vršič-Pass steht als Schreckgespenst vor mir. Nach dem idyllischen Soča – Tal

stehen über 40 Kehren bis auf die Passhöhe an. Die letzten Meter schiebe ich mein schweres Bike. Nach Kranjska Gora runter kann man auch nicht voll Gas geben, die 40 Serpentinen nach unten haben je sehr holprig gepflasterte Kehren. Schon nach der zweiten spüre ich einen Sprühregen an meinen Beinen. Oje, jetzt schon die erste Panne? Hat mein Tubeless-Reifen ein Loch? Ich halte und wische mir die klebrige Masse ab. Nicht Dichtmilch ist es, sondern Pfirsich-Matsch. Mein Beutel mit in Bovec erstandenen und auf die hintere Tasche geklemmten Früchte hatte sich gelöst, schlug nun im Takt gegen die Speichen. Aufgeschlitzt ergoss sich die Sauce auf meine Beine. Wehe, was passiert wäre, wenn der Plastiksack sich in den Speichen verfangen hätte …

Im Tal dann ein kilometerlanger Radweg mit viel Verkehr. Bei einem Päuschen quatsche ich mit Detlev. Mit ihm werde ich später dann noch ein Eis essen, dann verlieren wir uns aus den Augen. In der mittäglichen unsäglichen Hitze gibt es noch einen kleinen Pass, dann Abfahrt zum malerischen Bleder See. Hier treffe ich auf Sara, die einen Tag vor mir am Kap ankommen wird. Sie bedankt sich überschwänglich, dass ich „Schuld“ sei, dass sie dieses Abenteuer miterleben darf, ich hatte ihr bei der Schottergaudi davon erzählt.

Als Zechprellerin verlasse ich nach der Übernachtung in Žalec das Hotel. Ich war der Meinung, das hätte ich mit meiner Buchung schon gezahlt. Unterwegs muss ich mich daher noch mit der Begleichung der Rechnung herumschlagen. Es geht wunderbar durch das Bauernland von Slowenien. Allerdings sind auch einige Kilometer Straßenbaustelle mit Schotter dabei. Am Rand immer wieder Störche auf den Wiesen oder hoch oben in ihren Nestern auf Stromleitungsmasten. Mittagsrast bei Suppe in einem einsam gelegenen Lokal. Ich der einzige Gast, bis plötzlich das Lokal voll ist mit Polizisten. Nanu? Suchen die mich wegen Geschwindigkeitsübertretung? Oder doch wahrscheinlicher „Untertretung“? Die Hitze ist nahezu unerträglich. Sehnsüchtig halte ich nach Gartenschläuchen Ausschau. Nichts weit und breit. Dann habe ich eine geniale Idee: Ich fahre jeden Friedhof an und dort immer ausgiebige „Dusche“. Ab der slowenischen Grenze waren die ersten 50 km grenzwertig. Auf und ab ging es zwar schon den ganzen Tag, aber jetzt bei mega-schlechtem Straßenbelag und viel Verkehr. Einige Male bin ich mit meinem Rad aufs Bankett gesprungen, wenn sich ungebremst ein Sattelschlepper näherte. Vorbei an einem Auto, das auf dem Dach liegt, Ambulanz und Polizei sind schon vor Ort. Dachte ich bei mir, dass diese 50 Km das Schlimmste seinen, was ich auf meiner Fahrt erlebe, so sollte ich in den nächsten Tagen eines Besseren belehrt werden. Am Plattensee entlang gab es zum Glück einen Radweg.

Zeitig in der Früh verlasse ich das kleine Hotel. Ein anderer Teilnehmer wohnt auch hier, schläft anscheinend aber noch.  Gate 1 in Tihany war unspektakulär… kein Zeichen von NC4kK, aber der Ausblick von der Anhöhe auf den See mit der aufgehenden Sonne ist wunderbar. Die Weiterfahrt ist flach. An der Donau vor Budapest gibt es Fischgulasch. Die Straße vor und nach Budapest ist schrecklich. Ein wahnsinniger Verkehr und ich hatte mich schon auf einen Donauradweg gefreut. In der Nähe der Grenze zur Slowakei habe ich ein Apartment gebucht. Gegen Abend haben Xavier und Buran aufgeschlossen und wir vereinbaren, uns die Unterkunft zu teilen. Diese gibt es allerdings nicht. Wir sind daher gezwungen, es uns in einem nahegelegenen Park „gemütlich“ zu machen und dort zu biwakieren. Zumindest hatte ich nun ich mein mitgeschlepptes Biwak Zeug nicht umsonst mit. Es ist ein ruhiges Plätzchen, jedoch plagen mich die Mücken.

Bei Dämmerung verlasse ich den Park. Heute stehen drei eigentlich nur relativ kleine Berge an, aber bei der Hitze und mit dem schweren Rad kommen heute einige Zweifel auf. Der erste Krisentag ist da. Zwar glücklicherweise wenig verkehrsreiche Straßen. Bei einer kurvenreichen Abfahrt komme allerdings vorbei an einem LKW, der in den Büschen am Straßenrand auf dem Dach liegt. Ist aber schon jemand da, zwei Leute haben ihr Auto am Rand geparkt und schauen auf den Verunfallten. Hätte ich anhalten sollen? Kurz darauf ist die Feuerwehr schon auf dem Weg.  Der zweite Anstieg ist „brutal“ bezüglich Steigung in der prallen Sonne. Die Motivation schwindet immer mehr. Vor der dritten Passhöhe eine lebhafte Stimme neben mir: Olena. Nach einem kurzen Austausch ist sie schon davongezogen. Wir werden uns noch ein paar Mal treffen, sie kommt dann einen Tag vor mir an. Eine Unterkunft hatte ich in Strba, in der kleinen Tatra gebucht. Aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es bis dahin noch so weit ist. Fast 40 Kilometer durch einsamste Täler. Aber der Blick auf den Ort vor dem Hintergrund der Hohen Tatra lässt alle Krisen des Tages vergessen.

Am nächsten Tag, es ist schon der sechste, leichter Regen. Unter der Hohen Tatra vorbei treffe ich Paul, der eröffnet, dass er mit dem Zug heimfahren wird, er könne nicht mehr sitzen. Was hab ich für ein Glück, keinerlei Sitzbeschwerden. Ich fahre an einem Tag mit meiner Assos-Radhose, dann folgen zwei Tage, an denen ich mit einer Hose ohne Polsterung fahre. Perfekt. Die Grenze nach Polen macht mir einiges Kopfzerbrechen. Anscheinend führt die Strecke über eine mit hohem Gras bewachsene Wiese. Auch Google Maps bringt keine Lösung. Meine Straße führt ganz in eine andere Richtung. Ich drehe nochmal um, habe ich vielleicht was übersehen? Nein, dann folge ich der Straße etwas und siehe da, es gibt ganz versteckt eine holprige Betonpiste, die in die richtige Richtung führt. Nach der idyllischen Dörfer-Verbindung muss ich nun über eine vielbefahrene Straße Richtung Krakau. Immer wieder donnern mehrachsige LKW’s mit Anhängern vorbei. Fürchterlich. Wenn ich wieder das Geräusch von einem solchen sich nähernden Ungetüms höre, verkrampft sich mein ganzer Körper. Die Fahrer machen keinerlei Anstalten zu bremsen, irgendwann entschließe ich mich jedes Mal auf den Schotterstreifen auszuweichen, auf dem meine Räder zentimetertief einsinken, anzuhalten. Das wunderschöne Krakau erreiche ich mit vielen Zweifeln, ob man wegen eines solchen Rennens das Leben aufs Spiel setzen sollte. Am nächsten Tag wird mich die Nachricht erreichen, dass Olga, eine Teilnehmerin am Plattensee tödlich verunglückt ist. So schrecklich.

Am nächsten Tag ist polnisches Bauernland angesagt, auch das Wetter ist wieder gut. Idyllische Ruhe, kein Verkehr. Man muss nur aufpassen, dass man nicht alle Nase lang ein paar Hunde an den Hacken hängen hat. Beschleunigen und Intervalltraining tut weh nach so vielen Kilometern in den Beinen. Ich vertreibe mir die Zeit mit Ortsschilder lesen. Erstaunlich wie polnische Wörter mit zehn Buchstaben mit 1 bis 2 Vokalen auskommen können. Pure Zungenbrecher für mich. Ich fahre einsam, mir begegnet tagelang kaum jemand von uns. Die Unterkunft in Lipsko liegt etwas abseits der Strecke. Im Dorf Lipsko fällt mir eine Frau am Straßenrand auf, die fotografiert und applaudiert. Auf dem Weg zur Pension hält auf einmal ein Auto vor mir, Warnblinkanlage an, dieselbe Frau steigt aus, stoppt mich und sagt, ich sei falsch gefahren. Ich erkläre, dass ich zur Unterkunft möchte. Sie sagt, sie „verfolge“ das Rennen auf der Map und sei begeistert, dass da auch Frauen dabei seien. Ich sei die zweite Frau heute. Die nette Frau heißt Urszula. Ich bekomme zwei Kuchen, die mich retten, denn Abendessen fällt heute leider aus.

Tag 8 ist wieder geprägt von viel Bauernland, aber zwischendrin mal 20 km befahrenste Straße, wo mich ebenso viele Sattelschlepper mit oder ohne Anhänger überholten. Unterkünfte sind dünn gesät, daher stehen heute über 290km auf dem Programm. Es ist eine gute Taktik, nicht an 290 km zu denken, sondern immer in 5er-Schritten. Den ganzen Tag keine anderen NC4k-Teilnehmer gesehen.
Die Mücken sind lästig. Wenn man mal ein Plätzchen im Wald aufsucht und die Radhose runter lässt, stürzen sich sofort unzählige ausgehungerte Stechsauger auf die ungeschützten blanken Teile.

Das komfortable Hotel verlasse ich gegen 5 Uhr wie jeden Tag. Die Strecke verläuft in der Nähe der russischen Grenze, was ich erst an meinen Handyanbieter-Spesen im Nachhinein erkennen konnte. Immer leicht auf und ab, was ich nur daran merke, weil ich nur 21 bis 25 auf den Tacho bekomme, dann wieder 30 km/h und mehr.
Jeder Tag verläuft gleich: Radeln. Radeln. Radeln. Einkaufen. Essen. Radeln. Radeln. Radeln. Café oder Eis. Radeln. Radeln. Radeln. Denken. Rechnen. Radeln. Radeln. Radeln. Fotografieren. Radeln. Radeln. Radeln. Rechnen. Denken. Radeln. Radeln. Radeln. Hotel einchecken. Waschen. Geräte laden. Duschen. Schlafen. Packen. WIEDERHOLUNG … 30 Kilometer vor meiner nächsten Schlafpause treffe ich im Supermarkt Olena und Karl. Olena zeigt mir den Wetterbericht: Regen ist angesagt für die nächsten Tage. Die Unterkunft in Sakiai muss ich erst zwischen vielen baufälligen Gebäuden suchen. Auf Anruf kommt die Chefin und sperrt mir auf und ist dann wieder weg. Ich bin allein in der netten Pension.

Ich kann mich nicht so leicht entschließen loszufahren am nächsten Tag, Tag 10. Es regnet wie vorausgesagt. Ich krame lange rum, um den Aufbruch hinauszuzögern. Die ersten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Ich bin in Kürze klitschnass. Supermarktstopp, um mich auch etwas aufzuwärmen. Fehlanzeige. Klimatisiert und noch kälter als draußen. Zu essen gibt es auch nix Brauchbares. Eiskalter Kefir und trockene Zimtschnecken. Im nächsten Ort wieder ein Geschäft. Dort haben sie so Teilchen doppelt so groß wie Faschingskrapfen. Englisch kann niemand. Auf meine Frage was darin sei, schlägt die Frau mit Armen. Aha, irgendwas mit Geflügel. Übrigens sehr lecker. Für einen heißen Kaffee muss ich noch die nächste Tankstelle abwarten. Regen. Regen. Regen. Aber je weiter ich der 100-Kilometer-Marke komme, desto mehr verschwinden die fiesen Gedanken. Zwischendurch kriminellste Straßenabschnitte. Schwertransporter, die mit Karacho vorbeirumpeln. Eine falsche Bewegung … Ich treffe Karl, der völlig fertig erzählt, er sei fast unter die Räder gekommen, der Sog eines Ungetüms hätte ihn fast unter die Räder des folgenden LKWs gezogen. Ich weiche wieder auf das tiefe Schotterbankett aus, um nichts zu riskieren. Zwischendurch ist es mal regenfrei, dann türmten sich wieder Wolken. Hoffentlich kein Gewitter, wie vorgewarnt. Irgendwann dann nur noch 30 km. Windböen. Vor dem Hotel mache ich einen Waschanlagenstopp. Zwei andere Biker bringen die dreckigen Räder ins Zimmer. Geht auch. Was morgen kommt? Wird sehr hart, denn vor Riga gibt eine 30 Kilometer lange geschotterte Ausweich-Pflichtstrecke. Zudem gibt es zwischen Kilometer 240 und 350 keine Unterkünfte.

Heute, Tag 11, stehen 30 km Schotterpiste auf dem Programm. Der Veranstalter hat diese Strecke gewählt, um die vielbefahrene Straße A7 nach Riga zu vermeiden. Eigentlich sollte es Strafpunkt geben, wenn man auf der A7 bleibt. Gab es aber dann doch nicht, was ich nicht richtig finde. Mir war die Sicherheit wichtig. Allerdings hätte es auf der Straße einen breiten Seitenstreifen gegeben. Auf der Ausweichstrecke bin ich mutterseelenallein. Es ist eine Rüttelpiste, auf der man nur im Schritt-Tempo fahren kann. Festgebacken oder lose kleine und große Steine. Wellblech. Für RR keinesfalls geeignet.
Gruseliges Erlebnis bei einem Verhauer. Plötzlich drei Hunde vor mir. Ein riesiger schwarzer zotteliger uralter und 2 kleinere. Ich näherte mich langsam. Als der große mich bemerkt, kommt er auf mich zugeschossen. Großer Kopf voller Narben, blutunterlaufene Augen und … das Maul voller Schaum. Zähnefletschen. Ich springe vom Rad und stelle es zwischen uns und schief hinter mich, da die anderen beiden von hinten kommen. Schaut nicht gut aus. Irgendwie schleife ich das Rad weiter. Der Große macht immer wieder zähnefletschend Sprünge auf mich zu. Dann lassen sie ab. Ich schiebe mit zitternden Knien mein Rad noch ein Stück …
Auf den ersten Rüttelkilometern hab ich unbemerkt meinen Pfirsich verloren. Dann das Käsebrot … Für diese Nacht eine Hütte im Kämping Peebu gebucht. Allerdings über 6 km abseits von der Route. Das bedeutet Zusatzkilometer.

Am Tag 12 wieder früh zeitig gestartet, um in Tallinn die Fähre nach Helsinki rechtzeitig zu erreichen. Hotel ist in Helsinki gebucht. Heute „nur“ etwa 190 km. In der Früh ist es a….kalt.

Mittagessen – pranzo


Vor Talinn merkte ich, dass, obwohl heute morgen eingepumpt, die Luft im Vorderreifen weniger wird . Beim Einpumpen fällt mir ein Schnitt auf. Die Luft geht gleich wieder raus. Was tun? Da sehe ich doch genau vor mir einen Radladen. So ein Glück. Ich gehe rein, da kommt mir wer entgegen und fragt: „Du bist doch die Gabi?“ Es ist Matthias Siegert, auch Teilnehmer beim Event, mit Umwerfer-Problem. Mit ihm zusammen werde ich an den nächsten beiden Tagen fahren.
Vorne neuen Reifen aufgezogen und hinten auch; dieser hatte auch ein paar Schnitte. Nehme ihn aber als Reserve mit, in Finnland würde es dürftig sein mit Radläden.
Heute gab es mehrere Regenschauer, Regenkleidung an, nach 5 km wieder aus … wieder an usw. Die Missgeschicke häufen sich an diesem Tag:
Erst der Plattfuß, dann der falsche Fähr-Terminal, ich komme so zwei Stunden später als vorprogrammiert nach Helsinki. Dann musste ich im Schiffsbauch zehn Minuten warten, weil der, der sein Rad an meins gekettet hatte, sich verlaufen hatte. Wir müssen dann weiter warten, bis alle Container und Lkws draußen sind. Das muss man mal gesehen haben, der reine Wahnsinn, wenn da ein Fußgänger in die Quere käme, wehe dem. Aus dem Schiff raus und ich habe kein Internet… Wie sollte ich nun das Hotel finden? Hilfe! Dann den Flugmodus bemerkt. An der Ampel muss ich zwei lange Phasen warten, bis ich draufkomme, wie man das Ding bedient, um anzuzeigen, dass man über die Kreuzung will. Automatisch geht da nichts. Im Hotel geht der Aufzug nicht, so schiebe ich mein Rad wieder raus und in den nächsten. Der geht auch nicht … bis ich draufkomme, dass man die Zimmerkarte an einen Sensor halten muss… WOHL NICHT MEIN TAG

Die Strecke wird schwieriger, viel auf und ab. Die Strecke macht aber Spaß. Bin recht schnell auf der Höhe von Lahti. Fast kein Verkehr, viele Radwege.

Früh Morgens des 13. Tages Abfahrt. Aus Helsinki raus sehr gepflegte Radwege. Ich muss noch schmunzeln über die Überfahrt mit der Fähre: Wir Radler hatten eine große Ecke für uns. Wenn man in unsere Nähe kam stieg unverkennbaren Duft auf … Radfahrer in Socken, die tagelang nicht gewaschen wurden. Erster Tankstellen-Kaffee-Stopp. Matthias, Stephan, Julien und Gedas machen sich grad fertig zur Abfahrt. Interessant. Viele Teilnehmer sind jetzt in gleichbleibenden kleinen Grüppchen organisiert. Ich fahre die meiste Zeit alleine. Die Landschaft ist wunderschön. Viel Wald. Was anderes werde ich in den nächsten Tagen kaum sehen. Oder doch: sehr viele Seen eingebettet in Wald. Ich vertreibe mir die Zeit erstmals mit etwas Musik. Mit Sonata Arctica, Stratovarius, Sirenia düse ich über die Kilometer. In den nächsten Tagen werde ich mich auch mit Hörbüchern vergnügen. Welche eine Überraschung: Unser Rad-Kumpel Heikki erwartet mich an der Strecke und wir essen ein Eis zusammen. Er wohnt jetzt wieder in Finnland, verfolgt meine Reise und ist mit dem Rad gekommen, mich zu begrüßen. Später treffe ich wieder auf Matthias. Wir entschließen uns die 300 Kilometer voll zu machen, um bis Jyväskylä zu fahren, davor ist keine Unterkunft zu finden. Es fängt an zu regnen und ist bitterkalt. Eingefroren beziehe ich mein Zimmer.

Heute, Tag 14, mal Frühstück im Hotel. Ich habe wenig Lust heute auch so viele Kilometer zu fahren, wie am Vortag. Matthias und ich treffen auf Maurits, bzw. wir finden zuerst einen seiner Flip-Flop. Er schließt sich uns an nach einem sagenhaften Supermarktstopp mit leckerstem Kuchen, Erdbeeren, Kefir, … Flip-Flop hat er nun nur noch einen. Warum er den nicht wegwirft? Einer ist besser als keiner. Hahhaaaaa! Es geht den ganzen Tag durch Wälder und Felder. Sehr schön. Da die Originalstrecke auf der heutigen Etappe stark befahren ist, hat der Veranstalter spontan eine Ausweichstrecke vorgeschlagen. Dies will ich heute fahren, um stressfreier weiterzukommen.
Da Unterkünfte entlang dieser Strecke dünn gesät sind, buche ich gleich in der Früh eine Unterkunft. Diese liegt allerdings 13 km abseits der Route und bedeutet Extrakilometer. Im Nachhinein betrachtet war die Alternativroute nicht so toll. Anfangs relativ viel Verkehr. Ich bin wenig motiviert und froh nach 215 km im Hotel in Hirvikoski zu sein. Diese liegt gefühlt am Ende der Welt, das letzte Stück auf Schotterstraße. Wir sind zu dritt allein in der Pension und dürfen sogar die Waschmaschine benutzen.

Am Morgen, Tag 15, gibt es schon um sechs Frühstück. Dann Abfahrt. Wir müssen erst wieder 13 Kilometer auf die Original-Ausweichstrecke (hahaaaa) zurück. Wieder auf der Straße sagte ich, ich möchte mal einen Elch sehen. Einige Minuten später überquert eine Elchkuh vor uns die Straße, gefolgt von ihrem Kalb. Matthias meint, ich soll mir ja nicht auch noch einen Bären wünschen.
Überraschung heute. Eine 13 Kilometer lange übelste Schotterpiste. Rasches Weiterkommen ist Fehlanzeige. Umso demotivierender, wenn man auf der Tracker-Map entdeckt, dass die meisten nicht die Ausweichstrecke nehmen. In Gesellschaft fahren ist auch ganz angenehm. Die Motivation, unterwegs streckenweise bei Schlechtwetter oder Höllenverkehr abhanden gekommen, ist wieder da. Ich steige jeden Morgen aufs Rad ohne zu denken. Ich sehe es so: Das ist einfach meine tägliche Arbeit. Am Abend darf ich dann wieder absteigen für eine Pause. Da es hier so viel zu Sehen gibt, schaue ich auch nicht dauernd aufs Display, um zu sehen, ob wieder fünf Kilometer herum sind … Am nächsten Tag würde ich beim Weihnachtsmann sein. Kurz vor Oulo folge ich meinem Track. Matthias und Maurits bleiben auf der Hauptstraße. Ich werde sie nun erst wieder am Tag nach der Zielankunft im Hotel in Honningsvag treffen.

Obwohl meine Abfahrt auf nachtschlafende Zeit fällt, komme ich bei Oulu an einem 24 Stunden geöffneten Supermarkt vorbei. Das ist mein Glück, denn sonst wäre ich wohl verhungert an diesem Tag. Denn nachher gab es 200 Kilometer nichts, nichts, aber auch gar nichts. Nur Wald, Wald, Wald. Zudem habe ich heute abschnittsweise starken Gegenwind. Misstrauisch äuge ich immer wieder auf mein GPS-Gerät, wann sich denn die Himmelsrichtung ändere. Leider Fehlanzeige über Zig-Kilometer. Nicht auszudenken, wenn ich meine Vorräte nicht hätte aufstocken können und noch schlimmer die Vorstellung, eine Panne zu haben unterwegs. Allein im Wald. Die ersten Rentiere. Also doch nicht ganz alleine. Die hüpfen über die Straße, ja, die hüpfen wirklich. Gegen Abend überquere ich den Polarkreis. Der Santa Klaus in Rovaniemi hat leider schon Feierabend, ihn kann ich also nicht besuchen. Ich habe heute aber eine Hütte mit eigener Sauna. Luxus pur! Ungern fahre ich am Morgen wieder ab.

Tag 17: Heute 250 km in stetigem hoch und runter, aber fein zu fahren. Sehr viele Camper auf dem Weg, aber ein kleiner Seitenstreifen gibt Sicherheit. Es läuft rund, ist nicht so entbehrungsreich wie am Tag zuvor. Nach 125km gibt es nämlich einen Supermarkt. Lachs, Gemüse und Sahnekartoffeln – sehr lecker, warm von der Theke, dazu Blaubeersaft und ein Moltebeerenjoghurt. So gestärkt geht es weiter. Noch mehr hoch und runter und wieder mal ein paar Regen-Tröpfchen. Als ich das Regengewand anhabe, ist der Spuk wieder vorbei. Den ganzen Tag hängen die Wolken schwer am Himmel und ich hoffte möglichst weit zu kommen, ohne nass zu werden. Zu sehen gibt es viel … Wald. Ab und zu wieder mal ein Rentier. Ich vertreibe mir die meiste Zeit mit einem Hörbuch. Heute wieder mal Essen verloren eine ganze Gurke … Kommentar von Peter S., wenn man den Weg nicht findet, braucht man nur dem Futter von Gabi zu folgen … Hahhaaaaa!
In Saariselkä wartet schon das Clubhotel. Nach Aufladen der Akkus, waschen und duschen, futtere ich mich durchs leckere Abendbuffet. Dazu Preiselbeersaft. Statt des Frühstücks bekomme ich ein Lunchpaket und kann so unabhängig starten.

Vorletzter Tag: Es ist 03:30 Uhr. In der Nacht ist es nie dunkel. Immer nur dämmrig. Ich kann nicht mehr schlafen. Vielleicht habe ich es abends auch am Buffet übertrieben… Also früher Start. Mit dem Rad bin ich inzwischen gut organisiert. Beim Packen sitzt jeder Handgriff perfekt. Ich hoffe, ich verliere das Lachssandwich nicht. Es gibt auch Pralinen. Es tut mir leid wegen der großen Tube Zahnpasta, die als Gastgeschenk im Zimmer liegt. Ich bin noch am Überlegen, ob ich es mitnehmen soll … Schöne Landschaft zwischen Ivalo und Inari. Eine Landschaft wie verzaubert. Ab und zu tröpfelt es … Die Beinlinge und lange Jacke habe ich schon seit Tagen nicht mehr abgelegt. Aber ganz angenehm nach der Hitze der ersten Woche. Von Inari aus geht es mehr als 70 km nur die Hügel hinauf und hinunter. Man sieht das Asphaltband kilometerweit gerade vor sich. Immer die gleiche Szenerie. Aber das wird sich bald ändern. Zu Mittag überquerte ich die Grenze nach Norwegen.

Letzter Tag:
Heute will ich das Zeil erreichen. Es läuft sehr gut. Die Gegend ist abwechslungsreich, die Vegetation wird gegen Norden immer spärlicher. Mit Queen, „don’t stop me now…“ sause ich der Küste entlang. Wunderbar. Ich bekomme einen Anruf aus Bozen – Südtirol 1 – Interview. Wer da wohl dahintersteckt? Ich vermute – mein Göttergatte. Während des Interviews zerstechen mich die Mücken. Es geht nun am Meer entlang. Vor mir in der Ferne zwei Leute, die auf das Meer schauen. Gibt es hier vielleicht Delfine? Ich komme näher. Die Jacke kommt mir bekannt vor. Das wird doch nicht …? Dooooch!!! Am Straßenrand stehen Tochter Katrin und Ehemann Hermann –Das gibt es doch nicht! Ich dachte an eine Fata Morgana … Meine Motivation steigt weiter, am Ziel werde ich von meinen Lieben empfangen werden …
Es sind noch 3 lange Tunnels zu durchfahren, davon der Northcape Tunnel, welcher unter dem Meer die Insel erreicht. 7km lang, 10% Gefälle und in der 2. Hälfte 10% Steigung. DER TUNNEL ist voll gruselig. Der unterirdische Autoverkehr macht einen Höllenlärm. Hoch fahre ich auf dem schmalen Bürgersteig. Da möchte ich keinesfalls nochmal durch müssen…

Letzter Tankstellenstopp in Honningsvåg. Nun wird es nochmal ernst. 30 Kilometer mit zwei Steigungen über etwa 300 Höhenmetern. Davor hatte ich schon Bammel. Während der letzten Kilometer kommen unweigerlich Gedanke auf: Endlich geschafft, wenn ich die Bilder der verkehrsreichen Straßen vor mir habe, aber noch viel mehr: Schade, bald vorbei, wenn ich an die unzähligen wunderschönen Streckenabschnitte denke und die vielen schönen Erlebnisse. Und es wird irgendwie eng in meiner Brust, die Tränen muss ich unterdrücken. Der Berg verlangt nochmal alles ab. Nebel. Starker Wind. Und dann bin ich da! Die Emotionen kommen hoch … Und das Schönste, am Ende der Welt warten Tochter und Ehemann … Eine traumhafte Reise ist vorbei. Ziel „Ende der Welt“ erreicht!!! Mitgereist sind Horst und Olga. R.I.P

Wunderbares Video von Guendalina Capone