Frau + Karbon = Randonneur(in) - aber nicht nur ...

Verona Garda Gravel Extreme 600

Resoconto in italiano

Zuerst der Kurzfilm (1,5 Min.) & Film in voller Länge (6 Min.)
Bericht auf Deutsch – Bitte nach unten scrollen!
Video des Veranstalters – siehe unten!

Mitternacht ist längst vorbei. Tiefschwarzer Wald. Strada bianca. Die 20%-Steigung hatte mich schon vor Minuten aus dem Sattel geworfen. Schuld auch die Müdigkeit, die meine Konzentration auf ein Minimum schrumpfen lässt. Stockfinstere Nacht. Nur das Frontlicht meines Rades geistert vor mir durch die Dunkelheit. Plötzlich löst sich in der linken Ecke meines Blickfeldes etwas Großes Grau-Braunes. Lautlos segelt es knapp vor mir durch die Luft und ist schon wieder verschwunden. In Sekundenschnelle bin ich hellwach. Was war denn das? Ein Vampir? Den lassen wir im Land der Träume. Was fliegt denn nachts? Uhu, Eule, Käutzchen. Wie war ich nur wieder in eine solche Situation gekommen?

Genau vor einem Jahr waren wir, Hermann und ich, bei der Verona Gravel 200 und waren begeistert von dem Naturparcours im Hinterland des Gardasees. Mit Erfurcht schauten wir damals auf die paar Starter, die die 460 km in Angriff genommen hatte, unvorstellbar!

Day 1 – Motto: Wasser & Hügel

Und nun stehen wir um 6 Uhr am Morgen selbst am Start in Peschiera vor dem Bikeshop Garda Gravel: Verona Garda Gravel Extreme 600!!!  Vor uns 600 Kilometer, viel extremes Gelände, wenig Asphalt, aber dafür auch wenig Verkehr.

Nur etwa 25 sind die Wagemutigen, darunter 5 Frauen, Claudia, Nadia, Valentina, Elena und ich. Am Ende sollten es etwas mehr als die Hälfte ins Ziel geschafft haben, darunter alle 5 Frauen!!!

Einige Teilnehmer dürfen „Whip live“ testen, eine Smartphone-App, um im Notfall getrackt werden zu können. Oh, oh … es wird wohl wirklich extrem … Irgendwie schaffe ich es nicht, mich einzuloggen, Hermann wohl auch nicht …

Flott geht es nun Richtung Verona mit minimal Höhenmetern. Dort werden wir laut meiner Rechnung wohl recht bald vorbeikommen, anschließend folgen nämlich 60 Kilometer Ebene. Flott? Denkste … schon auf den ersten Kilometern erkenne ich, warum das Ding „extreme“ heißt. Nix mit flott dahinrollbaren Passagen. Immer wieder knifflige Abschnitte, die die Durchschnittsgeschwindigkeit rasch sinken lassen. Das kann ja lustig werden. Ich glaube jetzt schon zu verstehen, warum das Zeitfenster von Donnerstag bis Sonntagnacht angesetzt ist. Da sind wir bei der Planung der Etappen wohl etwas zu blauäugig gewesen, wenn wir meinten, bis Samstagabend sei das Ding zu rocken. Au Backe, was ist mit unseren vorgebuchten Unterkünften? Werde wir es bis dahin schaffen? Die Biwaksachen haben wir zuhause gelassen, da die Nächte noch zu kalt sind und wir uns meist in größeren Höhen aufhalten. Eine gewisse Unruhe schleicht sich bei mir ein …

Wasser. Das erreichen wir nach den ersten Hügeln. Bei Pescantina geht es ans Etschufer. Fein der Bifis-Kanal … Schon wieder „denkste!“, denn nach kurzen Radweg-Intermezzo geht es ins Gelände und zwar wirklich. Der Weg am Fluss entlang ist schmal und unregelmäßig. Meine Vorderreifen bohren sich immer wieder in tiefen Sand. Und da ist es auch schon passiert: Der erste Sturz.  Mein Bike bleibt abrupt stehen, beide Schuhe sind in den Klickpedalen gefangen und in Zeitlupe kippe ich seitwärts. Ich schlage auf irgendwas Hartem auf. Mein Oberschenkel schmerzt höllisch. Das wird wohl den ersten blauen Fleck geben. Notdürftig schüttle ich den Sand ab und versuche die anderen wieder einzuholen. Die sind auch nicht viel schneller als ich. Nach unzähligen sehr idyllischen Kilometern verlassen wir das Etsch-Ufer. Hermann bleibt plötzlich stehen. „Mein Handy ist weg!“ Oh, weh! Ich will langsam vorausfahren, Hermann dreht um, um sein Phone zu suchen. Nach wenigen Metern nagt das schlechte Gewissen. Ich kann doch meinen Radpartner nicht alleine zurück fahren lassen und vier Augen sehen mehr als zwei. Zwei Kilometer in Schritt-Tempo zurück. Vom Handy keine Spur. Vom Gerüttel wird es wohl auch kaum mitten auf dem Weg liegen, sondern vielleicht rechts oder links in die Büsche katapultiert. Ratlos gehe ich wieder zurück. Von Hermann keine Spur. Er wird am Ende fünf Kilometer zurück gefahren sein, ich hoffe nicht die 30 Km zum Start zurück… Ich habe eine Erleuchtung. Whip live!! Was, wenn Hermann doch auf der Karte gelistet ist? Mit zitternden Fingern gehe ich auf die App, öffne Verona Gravel und gebe seinen Namen ein. Mein Herz macht einen Sprung. Da ist ein Punkt mit seinem Namen. Schnell will ich ihn anrufen, dass er wieder zurückkommt. Ich Dumme, er hat ja kein Handy … Nach etwas Rumprobieren gelingt es mir meinen Standort einzublenden. Ich befinde mich nicht weit entfernt. Langsam bewege ich mich auch den Hermann-Punkt zu, bis wir auf gleicher Höhe sind. Ich suche Zentimeter für Zentimeter. Kein Smartphone. Auch mein Versuch, das Phone anzurufen – Fehlanzeige, es wird wohl auf lautlos gestellt sein. Auf der einen Seite geht es hinter den Brombeerstauden senkrecht ein paar Meter zum Ufer hinunter, überall trockenes Laub. Urs fährt vorbei, dann Claudia. Irgendwann schließt auch Hermann wieder auf. Zu zwei suchen wir, verzweifelt ziehe ich schon in Betracht in die Dornenbüsche zu steigen. Da! Hermann: „Ich habe es!!!“ Erleichtert nehmen wir die Fahrt wieder auf. Wir sind nun die Allerletzten. Und für die verlorene Dreiviertel-Stunde werden wir wohl auf eine gemütliche „Essenspause“ verzichten müssen. Meine Gedanken fliegen zum gebuchten Bett in Cornedo Vicentino. Das scheint in unerreichbarer Ferne. Aber werden wir sonst noch einen Schlafplatz finden?

Vor Verona steht plötzlich der Veranstalter Giorgio (Musseu) an der Strecke und begleitet uns ein Stück. Er macht den Vorschlag, den nächsten Hügel abzukürzen, um wieder Anschluss an die anderen zu bekommen. Wie kann er nur!! Auf keinen Fall!!! Das geht aber so was gegen unser Ehrempfinden. Es geht nun steil hoch, knapp noch fahrbar. Steine säumen den Weg. Ich quatsche mit Musseu und da ist es schon passiert: Mein Vorderrad rutsch ab, das Rad stellt sich quer und ich kippe mal wieder nach rechts. Wie gehabt – das Klickpedal löst nicht aus. Ich lande auf meinem Allerwertesten. Blauer Fleck Nummer zwei. Wie peinlich.

Musseu verlässt uns. Weiter geht es nach Verona und irgendwie auf Schleichwegen durch die Stadt. Vorbei an geschichtsträchtigen Orten. Bei der Arena von Verona fängt uns Musseu wieder ab und begleitet uns einige Kilometer. Claudia sei nur ein paar Minuten vor uns. Der Abstand wird wieder größer, da wir auf dem Schotter-Etsch-Radweg erst mal die mitgebrachten Brote essen. Nun liegen 60 Kilometer Ebene vor uns. Für mich und meine Beine scheint das eine Horror-Vision. Ebene … immer dieselben Muskeln beansprucht. Viel lieber fahre ich etwas kupiert. Wo es hochgeht, geht es auch wieder runter. Aber bis hierhin habe ich erkannt, Steigungen tun bei der V.G.G.E. meist höllisch weh.  

Ich ziehe in Betracht, die langweilige Passage mit meinem Hörbuch zu versüßen, aber um die Kopfhörer rauszuziehen, müsste ich wieder anhalten, das ist nicht drin, soll noch eine kleine Hoffnung bestehen, den Schlafplatz noch in der Nacht zu erreichen. So vertreibe ich mir die nächste Zeit mit Berechnungen dieses Problem betreffend. Eine ganze Stunde vergeht so mit einer einfachsten Addition. Sagenhaft, wie Radfahren den Kopf von allem befreit. Nahezu Leere! Bei Kilometer 130 sollte es in die „Berge“ gehen, durch die Colli Berici. Und zwar fünf Erhebungen in Folge. Dann sollte die längste Steigung an diesem Tag folgen, zum höchsten Punkt Cima die Monte Malo. Die Gesamtanstiege auf die „Hügel“ sollten zwar mit maximal 400 Metern nicht so ernst sein, aber auch das wieder ein Fall von „Denkste!“

Irgendwann ist die mir verhasste Ebene abgehakt. Einen Supermarkt-Stopp erlauben wir uns noch, um unseren Proviant wieder zu ergänzen: Kefir-Cola-Tramezzini- Ricciarelli, Mandelkekse mit weichem Kern, picksüß, aber himmlisch lecker. Auch unsere Wasserreserven müssen aufgefüllt werden, wer weiß, wann es wieder was gibt.

Nun nehmen wir den ersten Hügel in Angriff. Sofort wird mir klar, dass „nur“ 200 Höhenmeter sich anfühlen können wie 1000 … Steigungen mit an die 20% im Gelände schmeißen mich aus dem Sattel, bevor der Muskel-Schmerz in den Oberschenkeln ankommen konnte. Ich beginne stark zu zweifeln, ob meine Übersetzung 34/34 ideal für solche Vorhaben ist. Dann auch noch ein „Verhauer“. Auf die paar Höhenmeter mehr kommt es nun auch nicht mehr an.

Auf den ersten Hügel folgt der zweite, dann der dritte. Unendliche Male runter vom Rad, rauf auf den Sattel, nach ein paar Metern wieder runter. Beim Aufsteigen das rechte Bein über Packtasche und Sattel wuchten, runter den umgekehrten Weg. Hunderte Male. Wie wird sich das wohl auf meine Statur auswirken. Ich kichere vor mich hin, obwohl mir das Lachen längst vergangen ist. Aber zu komisch der Gedanken, dass die Muskeln der rechten Pobacke wohl unverhältnismäßig gestärkt werden. Kann ich mich in Zukunft noch in die Sauna trauen? Wie erkläre ich die dicke rechte Pobacke?

Die Gegend ist aber traumhaft schön. Viele Weinberge und Olivenhaine, ähnlich wie in der Toskana. Einige Male hängen am Wegesrand mitten in der Pampa Plakate mit ALÉ CLAUDIA, VAI NADIA, FORZA ELENA! Sehr motivierend, ich wurde wohl vergessen. Vorschau: Giancarlo P. wird sich anschließend bei mir melden, er wusste von mir nicht … Und beim nächsten Mal wird er auch „Tifo“ für mich sein.

Die Sonne ist am Untergehen. Die Colli Berici werfen einen Schatten auf die anschließende Ebene. Bei einer gefühlt fast senkrechten Zu-Fuß-Passage schließt Claudia auf. Nanu? Wir dachten, alle seien schon weit weg. Noch ein kleiner Hügel. Am Lago di Fimon legen wir spontan an einem Kiosk am See eine kleine Stärkungs-Pause ein. Wir haben Glück, denn der Kiosk hat eigentlich gerade geschlossen. Toast und Cola kommt gerade recht. Es dämmert nun stark. Claudia entschließt sich den nächsten Hügel noch zu meistern und dann einen Schlafplatz zu suchen. Wir hingegen müssen noch über den großen Berg. Allzu gern würde ich jetzt nicht noch 800 Höhenmeter überwinden müssen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, wir hatten im Vorfeld entschieden. Auf jeden Fall gilt die Option gegen 22 Uhr schlafen zu gehen für uns nicht. Ein Anruf beim Hotel.

Begeistert ist der Mitarbeiter Carlo nicht, aber er erklärt sich bereit, auf uns zu warten. Tausend Dank nochmal! Gefühlsmäßig besteige ich den gesamten Berg zu Fuß, enorme Steigungen sei Dank! Im Halbschlaf wankte ich also bergan und wurde unsanft vom vorbeischwebenden Uhu geweckt. Irgendwann war der höchste Punkt „Cima“ erreicht. Nur noch 10 Kilometer Abfahrt und trudelten 10 nach Eins im Hotel „Due Platani“ ein. Die heiße Dusche war das höchste der Gefühle.

Day 2  – Motto: noch mehr Hügel – heiß & bitterkalt

Am Freitag-Morgen nach einem super Frühstück stiegen wir wieder in die Pedale. Ein Blick auf die App Whip -einige Teilnehmer waren nun hinter uns. Wie froh war ich jetzt, 243 Kilometer, 4000 Höhenmeter und DEN Berg schon hinter uns zu haben. Heute liegen zwar nur 168 Kilometer vor uns, aber wieder über 4000 Höhenmeter und wer weiß, welche Teufeleien sich Musseu wieder ausgedacht hatte. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob San Ambrogio so leicht erreichbar sein wird vor der nächsten Nacht. Ich sollte mich nicht irren. Wunderschön durch die Lessinia zu fahren. Aber auch heute wie gehabt. Unzählige Male Fußmarsch. Unzählige blaue Flecken später, ich eiere durch die Gegend in mich hineinlachend wie mein nächster Saunabesuch wohl sein wird: „Nein, ich habe keinen gewalttätigen Ehemann, das war mein Rad und die Physik. Ja, ja, die Schwerkraft bekam ich einige Male am eigenen Körper zu spüren. Das nennt man wohl learning by doing. Und eines hatte ich gelernt, der Boden hat eine große Anziehungskraft und zwar um so größer, je schlechter der Untergrund ist (was physikalisch wohl Nonsens ist).

Der erste Hügel ist nur kurz, aber Fußmarsch. Den zweiten von fünf haben wir kurz vor Mittag in der Tasche. Verdient haben wir es uns zwar noch lange nicht, entschließen wir uns doch zu einem Trattoria-Stopp in Campiano. Die Pasta, Bigoli mit sugo al pomodoro, schmeckt himmlisch. Wir treffen hier auf Paolo. In den nächsten Tagen werden wir wir uns mehrmals über den Weg laufen.

Nun geht es in den Talgrund und auf der anderen Seite wieder hoch, die Steigungen wie gehabt. Von meinem Gravelbike werde ich immer wieder abgeworfen, es bäumt sich auf wie störrisches Ross. Weitere blaue Flecken. Unterwegs schicke ich in Gedanken Musseu in das Fegefeuer oder Schlimmeres. Beispielsweise als der Track uns einen mehr als steilen Fußweg hochquält. Oben sehe ich, dass die schmale Straße in einer Schleife an denselben Punkt gelangte.

Einige wenige Dörfer liegen am Weg, man sieht kaum einmal einen Menschen, geschweige denn eine Bar oder Ähnliches. Endlich: In der Pizzeria La Rotonda in Roveré Veronese gibt es Stärkung. Toast und Cola. Der sehr nette Wirt bringt uns Parmesankäse und packt uns sogar noch ein Säckchen voll ein. Eine der besten Wegzehrungen!

In die Dämmerung radeln wir mit Elena, Andrea und Daniel. Diese entscheiden sich für eine Nächtigung in Erbezzo. Die haben es gut. Wir müssen noch zum höchsten Punkt, Richtung Passo Fittanze, gebuchte Unterkunft sein Dank. Es wird schon wieder Nacht, viel zu schnell. Die Aussicht wohl wieder kein Schlaf zu vernünftiger Zeit. Irgendwann sind wir auf dem höchsten Punkt: Schnee und mit knapp 2 Grad bitterkalt. An für sich gibt es jetzt nur noch 30 Kilometer bergab. Aber die ziehen sich endlos. Die Abfahrten sind sehr geröllig. Sturz drei und vier folgen. Noch mehr blaue Flecken.   und ein blutendes Knie. Meine Handgelenke schmerzen unsäglich vom krampfhaften Bremsen und vom Gerüttel über die groben Geröllwege. Zwischendurch immer wieder mal Asphalt. Aber kaum dass der Gedanke aufkommt – „Oh schön, jetzt war Giorgio mal gnädig beim Planen!“, geht es schon wieder ab und in die Stein-Pampa. Denkste!

Weit nach Mitternacht wird es schon wieder, bis wir im Apartment Cris in Sant‘ Ambrogio di Valpolicella ankommen, froh, die zitternden Glieder bei einer heißen Dusche aufzuwärmen und eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Der Chef hatte uns liebenswürdigerweise ein kleines Frühstück gerichtet mit Schoko-Ostereiern. Vielen Dank!

Day 3 – Motto: unzählige Hügel, viel Wasser, Hitze, Kälte

Früh morgens Aufbruch. Etwa 200 Kilometer liegen noch vor uns und ich weiß nach einer Vorbefahrung, was auf uns zukommt, aber zum Glück weiß ich noch nicht alles.

Wir treffen Paolo wieder. Cappuccino-Pause nach einem bunten Mix an Strade Bianche, Etsch-Ufer-Weg, Radwege, Downhillstrecken. Richtig schnell kommen wir nicht weiter. Sturz 5 in eine Brombeerhecke. Neben den blauen Flecken habe ich inzwischen auch jede Menge Kratzer auf meinen Beinen – wenig damenhaft.

Es wird Mittag als wir eine kleine Pause hoch über dem Gardasee in einem Olivenhain einlegen. Ob wir wohl eine weitere Nacht in Peschiera in unserem Basislager „Bike Hotel Enjoy“ einlegen müssen und am Sonntag dann nach dem Frühstück gemütlich die Runde durch die Colli Moreniche? Zeit genug hätten wir ja. Nun folgt die herausfordernde Passage zum Ponte Tibetano. Nicht nur Fußmarsch ist hier angesagt, sondern man muss auf dem losen Geröll das Bike quasi hochwuchten. Auch danach weiterhin regelmäßig Absteigen, Aufsteigen, dahinschleichen auf Holperwegen. Aber fantastische Aussichten auf den Gardasee lassen einen die Qualen vergessen.

Und irgendwann, die Sonne steht schon wieder sehr tief, erreichen wir das Gardasee-Ufer. Gemütlich kann man hier die Uferpromenade entlangradeln. Zur Gemütlichkeit werden wir sozusagen von den unzähligen Spaziergängern gezwungen.  An der Punta San Virgilio knipsen wir traumhafte Sonnenuntergangsbilder und ein Bad mit Rad darf logo nicht fehlen, sagen wir mal Bad bis zum Radshort-Ansatz und bis zum Gepäcksträger.

Wie Touristen genehmigen wir uns Toast, Bier, Cola, Eis und sind entsetzt über die Preise, die dreimal so hoch ausfallen wie in den Dörfchen der Lessinia. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Weiter in die Dämmerung hineinfahren, wieder mal ein Verhauer, bei dem wir im Kreis fahren. Mein Handy klingelt. Es ist Musseu. Verabredung in der Pizzeria in Peschiera, Paolo ist auch schon da.

Gesagt getan, Stärkung bei einer leckeren Bowl mit Reis, Garnelen, Obst und Gemüse. Was sollen wir nun tun? Es ist 20 Uhr. Schlafen gehen oder weiter fahren? Nur noch läppische knapp 80 Kilometer. Im Vergleich zu dem Erledigten sollte das nur noch gemütliches Ausfahren durch die Moränenhügel südlich des Gardasees bedeuten. Wir wollen weiter und Musseu hat die Idee eines Bed-Sharing mit Paolo, der ein paar Stunden schlafen möchte, bis zu unserem Eintreffen. Im Bike Hotel Enjoy ist man einverstanden. Das gemütliche Ausfahren entpuppt sich dann als nicht so angenehm. Erstens gibt es auch hier viel Gelände und zweitens wird es rund um Mitternacht bitterkalt. Und das interessanterweise in den Senken. Kommt man auf die kleinen Hügel, ist es bis zu 8°C wärmer und dann muss man wieder in die Kälte-Luft-Seen abtauchen.

Aber die Hügel entpuppen sich sanfter als alles, was wir in den vergangenen Tagen erlebt hatten. Irgendwann glaubte ich hinter mir einen Express-Zug zu hören. Spielt meine Fantasie mir Streiche? Sind das die ersten Anzeichen des gefürchteten Sekundenschlafes? Aber nein, das Geräusch entpuppte sich als die herannahende Dreiergruppe mit Nadia im Schlepptau. Und schon ist der Spuk vorbei. War das nur ein Traum? Aber anscheinend hat Hermann das Gleiche gesehen, denn er fragt: „Bist du verärgert, weil du nun nicht die erste Frau im Ziel bist?“ Ich überlege, nein, keineswegs, ich bin froh, dass ich diese Herausforderung in mein „Albo d’Oro“ aufnehmen kann.  

Die abschließenden ebenen 6 Kilometer am Mincio entlang werden nochmal extrem, hier hat es kaum mal 3 Grad, meine Hände und Füße sind nur noch Eisklötze. Um kurz vor halb zwei schließen wir die Verona Garda Gravel Extreme mit 614 Kilometern und über 10.000 Höhenmeter ab. Paolo hat das Zimmer schon verlassen, ich muss mich unter der Dusche erst mal enteisen. Der Schlaf kommt trotz großer Müdigkeit nicht sofort, viel zu viele Eindrücke müssen erst mal verarbeitet werden. Kurz vor Versinken ins Land der Träume freue ich mich auf das super leckere Enjoy-Frühstück, das wir nun in Ruhe genießen können – zum Glück haben wir die Extrem-Runde schon abgeschlossen, 20 Stunden vor Zielschluss und nach 45 Stunden im Sattel.

Danke an Simonetta & Giorgio für das unvergleichlich schöne Erlebnis. Auch wenn wir die Routenwahl einige Male „verflucht“ haben. Aber was einen nicht umbringt, macht einen nur stark …

1 Kommentar

  1. Franz

    Großes Kompliment Gabi und Herrmann für diese tolle Tour und die beeindruckende n Bilder und Berichte. Gefällt mir sehr gut. Wunderbar wie du und Hermann immer wieder so faszinierende und auch anspruchsvolle Touren findet und mit Bravour meistert. Das ist wirklich eindrucksvoll und motivierend. Herzlichen Glückwunsch und Alles Gute weiterhin, Bitte nett lugg lossen LG

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