Das Transcontinental Race (TCR) ist eines der anspruchsvollsten Ultra-Distanz-Radrennen der Welt. Die Strecke führt über mehrere tausend Kilometer längs durch Europa – non-stop, unsupported und ohne festgelegte Route zwischen wenigen Pflicht-Checkpoints und einigen Pflicht-Strecken. Mein Rennen führte mich 5100 Kilometer von Trondheim (Norwegen) nach Kalamata (Griechenland) dabei waren 51.000 Höhenmeter zu bewältigen und das mit einem 22 kg – Rad … Das bedeutet jeden Tag durchschnittlich 260 km und 2600 hm zurückzulegen. Das Ergebnis von TCRNO12: 397 Starter*innen/ 186 Finisher*innen (46%)/ 172 DNF
Meine Geschichte … und wenn ihr wissen wollt, ob ich diese Mammutdistanz in 20 Tagen geschafft habe … lest hier weiter:
Mein neuestes Abenteuer führte mich von der nordwestlichen Atlantikküste in Caminha bis zur südlichen Küste in Vila Real de Stº António. Die Strecke führte über ruhige Nebenstraßen durch atemberaubende Landschaften und vorbei an kulturellen Highlights. Mit etwas über 1.000 km und gut 16.000 m kumulierten Anstiegen und der Hitzewelle war das eine echte Herausforderung für uns Ultracyclisten und Bikepacker.
Planung, siehe unten
Vor meinem Erlebnisbericht eine kurze Vorstellung des Events: Das Grandiagonal Portugal End-to-End war in seiner ersten Edition ein besonderes Abenteuer für alle Teilnehmenden. Das Event wurde als self-supported Bikepacking-Format ausgetragen, bei dem jede und jeder Fahrer:in eigenverantwortlich unterwegs ist und sich selbst um Versorgung und Logistik kümmert. Die Strecke führte einmal quer durch Portugal und stellte klare, aber anspruchsvolle Regeln, die Fairness und Eigenständigkeit im Vordergrund hielten.
Mit rund 160 Teilnehmenden in Solo- und Teamkategorien, darunter 25 Frauen, war das Starterfeld international und vielseitig besetzt. (Ich konnte das Rennen auf dem 6. Platz in der Frauenwertung sowie 46. Rang insgesamt nach 4 Tagen und 1 Stunde Fahrzeit im Süden des Landes beenden).
Alles, was schiefgehen kann… Sarahs Edition … hier lesen …
Die Organisation rund um António und sein Team war hervorragend. Bereits im Vorfeld wurden wir Athletinnen und Athleten umfassend auf die besonderen Anforderungen eines self-supported Events vorbereitet. Ein ausführlicher Service-Guide lieferte alle wichtigen Informationen zur Strecke, Navigation, Versorgung und den Regeln – eine wichtige Grundlage für ein sicheres und gelungenes Abenteuer.
Über den sportlichen Aspekt hinaus verfolgt das Projekt eine klare Vision: Es soll nachhaltige Mobilität fördern, den Naturtourismus stärken und den Radsport weiterentwickeln. Gleichzeitig bietet es den Regionen im Landesinneren Portugals neue Perspektiven und trägt dazu bei, diese landschaftlich beeindruckenden, oft weniger erschlossenen Gebiete stärker in den Fokus zu rücken.
Jetzt gibt es meine „stories“ & Videos, einfach runter scrollen!
Tag 1 – Vom Atlantik in die Berge, Höhenmeter und erbarmungslose Hitze
210km/ 4000Hm/ verstrichene Zeit 13:30, Zeit in Bewegung 11:30
zuerst mein Video Tag 1
Start um 9 Uhr in Caminha, im äußersten Nordwesten Portugals. Für ein 1000-km-Rennen ist das fast schon ein gemütlicher Zeitplan – mein Körper war der Meinung, dass 9 Uhr eindeutig „zu spät für so etwas“ ist und es kribbelt in den Beinen, die los wollen. Dann AC/DC – Hells Bells – und 150 Leute werden auf die Strecke geschickt. Gänsehautmoment. Kurz dieser Gedanke: Was zur Hölle liegt da eigentlich alles vor uns?
Am Anfang läuft es fast unverschämt gut. Kühl, schnell, die Beine machen einfach mit, als hätten sie nicht gelesen, was der Tag noch so vorhat. Die Landschaft zieht angenehm vorbei, und ich denke mir noch: „Vielleicht habe ich das alles ein bisschen unterschätzt – aber im positiven Sinn.“ Ein Schwätzchen da, ein Schwätzchen dort, noch …
Erster Stopp: Brunnen in Arcos de Valdevez. Wasser ins Gesicht, Flaschen voll, weiter geht’s. Noch ein bisschen wellig, noch ein bisschen freundlich. Die ersten 100 km sind plötzlich einfach weg. Ich werde kurz übermütig und beginne innerlich schon zu feiern.
Dann: die nächsten 50 km.
Die fühlen sich an wie Kaugummi, der unter der portugiesischen Sonne vergessen wurde. Und die Sonne meint es ernst – sehr ernst. Dazu der erste „Tough Nut Nr. 1“, wie die Veranstalter den Anstieg nennen. Ich nenne ihn im Nachhinein eher: „Warum eigentlich?“
Ich war in diese erste ordentliche Steigung zu optimistisch gestartet – der Berg hat das sehr schnell korrigiert. Mein Garmin-Gerät immer wieder Rampen mit 12–15 % und das bei weit über 30° C. (Garmin übertreibt wohl etwas mit 44°). Meine Mountainbike-Übersetzung fühlt sich kurz wie eine gute Idee an – bis sie merkt, dass da noch Gepäck dranhängt. Und zwar nicht wenig. Lumacagabi, die Schneckegabi, trägt ja ihr ganzes Haus mit sich herum. Das ist poetisch formuliert – und technisch leider auch ziemlich wahr.
Dafür kommt später etwas, das alles ein bisschen rettet: eine eiskalte Quelle in Germil, dazu ein steingemauertes Dorf, das wirkt, als wäre es aus der Zeit gefallen. Und dann noch mehr Quellen. Immer wieder. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen und stattdessen begonnen, mich bei jeder einzelnen komplett zu „duschen“ – also wirklich: Helm runter, Kopf drunter, den gesamten Körper – alles nass. Der Effekt hält ungefähr zwanzig Minuten, aber diese sind unbezahlbar.
Die Abfahrt danach ist dafür ein Geschenk. Wunderschön geschwungene Straßen, glattgeschliffene Steine, diese typische Landschaft, die dich kurz vergessen lässt, dass du gerade eben noch gelitten hast. Vorbei an einem Stausee – und der Gedanke ist eigentlich nur: Bitte kurz eintauchen. Darf ich aber nicht. Also weiter.
Der zweite „Tough Nut“ des Tages ist weniger romantisch. Viel Verkehr, vermutlich halb Portugal auf dem Heimweg vom See, und ich mittendrin auf einer schmalen Straße.
Etwas später: Die Schatten werden länger, der Hunger meldet sich deutlich, und weit und breit habe ich nichts auf meiner Planung stehen – bis ich an einem See ein unscheinbares Schild mit ‚Bar‘ entdecke, eine steile Rampe hochschiebe und schließlich in einer kleinen Dreimädelwirtschaft lande, wo mich Tochter, Mutter und Oma nach kurzem Ratlos-Blick mit überraschender Selbstverständlichkeit mit Toast, Cola, Ananassaft und am Ende sogar Pistazieneis versorgen – Rettung in ihrer schönsten Form.
Gestärkt kurbele ich weiter. Ich treffe Sara und Miche. Gemeinsam mit ersterer rolle ich weiter Richtung Mondim de Basto. Irgendwann wird klar: heute wird noch entschieden, wie viel Komfort ich mir gönne.
Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich wie Lars und Sarah einfach in ein Hotelzimmer zu retten. Bivy wäre zwar offiziell möglich, aber mein Schlaf ist leider so sensibel, dass schon ein falsch atmender Nachbar als „zu laut“ zählt.
Dann kippt der Abend. Tankstellenstopp, die Sonne sinkt, und plötzlich entscheide ich mich doch für meinen ursprünglichen Plan: Zeltplatz suchen. Genauer gesagt den Spot, den ich mir schon vorher ausgedacht hatte – irgendwo zwischen Friedhof und Sportplatz. Klingt vielleicht morbider als es ist. Praktisch ist es jedenfalls: 20 km bergauf am Abend, dafür morgens weniger leiden.
Ich erreiche den Platz im Dunkeln und baue das Zelt auf. Natürlich mit einem leicht schlechten Gewissen. Wildcampen ist in Portugal ja offiziell nicht unbedingt als „gute Idee“ gesehen.
Kaum liege ich in meinem Zeltchen, höre ich ein Auto. Dann Hunde. Dann noch mehr Geräusche. Mein Fahrrad steht draußen wie ein Weihnachtsbaum auf zwei Rädern – komplett beleuchtet, reflektierend, vermutlich weithin sichtbar. Ich liege da und überlege, ob gerade jemand den Friedhof besucht. Hunde in der Ferne und dann in der Nähe. Führt da wer seinen Bello um Mitternacht spazieren? Schlaf kommt eher in kleinen Stücken als in ganzen Portionen. Ich rechne sekündlich damit, dass mich wer verjagt, Schlimmeres kommt mir glücklicherweise nicht in den Sinn.
Wecker: 3:45
Die Nacht ist vorbei, meine jedenfalls, bevor sie sich richtig angekündigt hat. Zaghafte Dämmerung, alles noch grau und still. Und dann sitze ich wieder auf dem Rad.
Die Luft ist kühl, der Rhythmus passt sofort, und die Straße zieht gleichmäßig bergauf durch ein Naturschutzgebiet. Vor mir sehe ich schon Lichter in Bewegung. Ich bin also nicht allein in dieser übertrieben frühen Stunde.
Und während die Sonne langsam versucht, sich zu entscheiden, ob sie heute freundlich oder brutal wird, frage ich mich nur: Mal sehen, was dieser Tag noch so alles für Überraschungen bereithält.
Tag 2 – Weinberge, Hitzeschlacht und ein Hotel statt Campingplatz
220 km/ 3700 Hm/ verstrichene Zeit: 15:40/ Zeit in Bewegung 13:15
Es dämmert gerade, und die Lichter vor mir verraten: Ich bin nicht der Einzige, der sich freiwillig zu dieser Uhrzeit auf ein Fahrrad setzt.
Wo ich heute Abend landen werde? Keine Ahnung. Der ursprüngliche Plan sieht den Campingplatz in Valhelhas vor – vorausgesetzt, ich komme überhaupt noch über Tough Nut Nummer 5. Aber wie so oft bei solchen Rennen gilt: Der Plan ist eine grobe Empfehlung.
Die erste Überraschung des Tages wartet bereits am Morgen. Tough Nut 3 entpuppt sich als deutlich weniger furchteinflößend als in meiner Planung. Entweder habe ich mich verrechnet oder der Berg hat über Nacht ein paar Höhenmeter verloren.
Oben treffe ich Lars – beziehungsweise trifft Lars mich, denn er ist ja schon am frühen Morgen von Mondim de Basto hochgekurbelt. Gemeinsam stürzen wir uns in die Abfahrt. Die Straßen hier sind ein Traum: perfekt angelegte Kurven, kaum Bremsen nötig und endlich einmal Straßenbauer, die offenbar selbst Fahrrad fahren.
Beim Frühstück lade ich ein. Das fällt in Portugal erfreulich leicht. Entweder ist hier alles günstig oder bei uns alles absurd teuer. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
Anschließend rollen wir weiter talwärts und legen einen Fotostopp am Viaduto do Corgo ein. Die riesige Autobahnbrücke wirkt im morgendlichen Dunst majestätisch.
Danach geht es kurz hoch und dann in flotter Fahrt durch das Herz des Douro-Tals. In der Weinbauregion Cima Corgo reiht sich Weinberg an Weinberg. Sauber gezogene Terrassen ziehen sich die Hänge hinauf, bis wir schließlich Peso da Régua erreichen.
Dort hole ich mir endlich meinen Aufkleber am ersten Kontrollpunkt ab. Die Kontrollstelle liegt malerisch zwischen mehreren beeindruckenden Brücken (Ponte Metálica, Ponte Rodoviária da Régua und Ponte Miguel Torga) und bietet eine Kulisse, die fast vergessen lässt, dass man sich eigentlich in einem Radrennen befindet.
Über die alte eiserne Fußgängerbrücke verlasse ich die Stadt. Danach folgen zehn herrlich entspannte Kilometer flach am Douro entlang. Und durch eines der ältesten und renommiertesten Weinbaugebiete der Welt.
Und dann wartet er auf mich: der Mann mit dem Hammer.
Die Straße richtet sich plötzlich kerzengerade auf. Tough Nut Nummer 4 steht vor mir. Wörtlich. In der prallen Sonne kämpfe ich mich Rampen mit bis zu 15 Prozent hinauf. Das hatte ich am Vortag zwar schon einmal geübt, schöner wird es dadurch aber nicht.
Wasser zum Abkühlen ist zunächst Mangelware. Die Rettung kommt in Tabuaço in Form eines wunderschönen Brunnens mit eiskaltem Wasser. Flaschen auffüllen, Kleidung komplett durchnässen und weiter.
Die folgende Abfahrt bringt leider nur begrenzte Kühlung. Bis unten ist ohnehin wieder alles trocken.
Am Rio Távora, der hier breit wie ein See in der flirrenden Mittagshitze liegt, entdecke ich eine Bar, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Einige Rennräder stehen bereits davor.
Ein gutes Zeichen. Ich parke dazu, bestelle Pizza und Cola und tauche anschließend mitsamt Kleidung in das angenehm kühle Wasser. Hochprofessionelle Regenerationsmaßnahmen.
Danach geht es zurück in die Mittagshitze. Mein Trikot ist nach zwanzig Minuten wieder staubtrocken. Zum Glück stehen entlang der Strecke regelmäßig Brunnen bereit, die inzwischen zu meinen wichtigsten Freunden geworden sind.
Die Pizza liegt allerdings schwerer im Magen als erhofft. In Trancoso folgt daher ein weiterer Stopp im Supermarkt. Kefir und Orangensaft sollen die Verdauung auf Trab bringen. Nur ungern verlasse ich das klimatisierte Paradies wieder.
Unterwegs überhole ich bereits zum zweiten Mal einen Fahrer, der sein Rad bergauf schiebt. Auf meine Nachfrage, ob alles in Ordnung sei, bekomme ich keine Antwort. Vermutlich fehlte ihm die Kraft zum Sprechen. Ich leide also alleine weiter und nutze wirklich jeden Brunnen, der sich anbietet.
Eigentlich wollte ich die Nacht auf dem Campingplatz in Valhelhas verbringen – falls ich Tough Nut 5 überhaupt noch rechtzeitig überquere. Doch irgendwann wird die Sonne gnädiger.
Da ich auf meiner Planung keinen weiteren Supermarkt vermerkt habe, halte ich kurz vor Porto da Carne noch in einer Bar. Außer Getränken gibt es dort nichts. Also geht es nach einer Cola weiter.
Inzwischen hat mich Sarah überholt, und wir fahren ein Stück gemeinsam. Wenig später treffen wir Christoph in einem kleinen Ort. Die fürsorgliche Wirtin serviert uns ausgezeichneten Toast. Meinen schaffe ich allerdings nicht ganz. Den Rest transportiere ich noch bis zum nächsten Abend spazieren, bevor ich ihn schließlich entsorge. Dem Schinken, der einen kompletten Sommertag in meiner Fahrradtasche verbracht hat, vertraue ich dann doch nicht mehr uneingeschränkt.
Christoph hat bereits ein Zimmer in Aldeia Viçosa gebucht. Sarah und ich möchten die etwas kühlere Abendluft nutzen und noch über Tough Nut Nummer 5 fahren. Sie hat ein Zimmer in Manteigas reserviert, direkt am Fuß des Torre Estrela.
Zu zweit vergeht der Anstieg erstaunlich schnell. Die anschließende Abfahrt nach Valhelhas ist erneut ein Highlight, dank der portugiesischen Straßenbaukünste.
Unten angekommen scheint immer noch die Sonne. Zu schade, jetzt schon Schluss zu machen. Der Gedanke wächst: Warum nicht die letzten zwanzig Kilometer bis Manteigas auch noch fahren?
Als wir den Ort in der Dämmerung erreichen, diskutieren wir kurz über die nächste Kontrollstelle. Ich bin überzeugt, dass sie irgendwo hier sein müsste. Sarah ist anderer Meinung. Hätte ich doch nur meine Planung hervorgeholt: Natürlich liegt der zweite Kontrollpunkt genau hier, und am nächsten Morgen werde ich noch einmal 6 Kilometer zurückfahren dürfen, um meinen Aufkleber zu bekommen.
Bleibt die Frage nach dem Hotel. Das liegt leider nicht direkt an der Strecke, sondern wie erwähnt noch einmal knapp drei Kilometer bergauf. Natürlich.
Oben angekommen wartet die Belohnung: Es gibt tatsächlich noch ein freies Zimmer. Dazu serviert man uns spontan eine Gemüsesuppe und einen Früchteteller. Nach diesem Tag schmeckt beides wie ein Sterne-Menü.
Sogar ein Frühstück in Form eines Lunchpakets wird uns für den nächsten Morgen zugesagt. Nach und nach treffen weitere Teilnehmer im Hotel ein.
Duschen. Essen. Schlafen.
Mehr braucht es an diesem Abend nicht.
Tag 3 – Hitzeschlacht, Essiggurken und ein unfreiwilliges Wasserbett
200km/ 3400 Hm/ verstrichene Zeit 16:10 /Zeit in Bewegung 11:40
Der Wecker klingelt noch vor fünf Uhr. In der Hotellobby treffe ich Sarah. Schlechte Nachrichten: Platten. Eigentlich würde man jetzt helfen. Andererseits ist das hier ein Unsupported Race. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und ehrlich gesagt – mit meinen Reifenwechselkünsten wäre ich vermutlich eher moralische als praktische Unterstützung gewesen. Also rolle ich mit einem leicht schlechten Gewissen los.
Blöd nur, dass das Hotel oberhalb von Manteigas liegt. Erst einmal also wieder das ganze Stück hinunter ins Dorf, auf der anderen Talseite wieder hinauf und CP2 suchen. Dort gibt es immerhin den nächsten Kontrollstempel, einen Aufkleber – und, viel wichtiger, Kaffee. Um kurz nach fünf hat sonst ohnehin nichts geöffnet.
Gerade wird es hell. Vor mir liegt der längste Anstieg der ganzen Grandiagonal. Überraschenderweise fühlt er sich in der kühlen Morgenluft fast angenehm an.
Die ersten zwei Drittel verbringe ich plaudernd mit Paulo. Irgendwann beschließt er, das Tempo leicht anzuziehen. Genau in diesem Moment beschließen meine Beine, ihren Dienst einzustellen. Noch 250 Höhenmeter bis zum Gipfel.
Von da an wird jede Ausrede dankbar angenommen. Wasser an einer Quelle auffüllen. Blumen fotografieren. Landschaft fotografieren. Fahrrad fotografieren. Noch einmal trinken. Irgendwie schaffe ich es, aus einem gleichmäßigen Anstieg eine kleine Sightseeing-Tour zu machen.
Hatte Paulo von einem legendären Frühstück mit traditionellem Käse erzählt, klingt fantastisch. Erwartungsvoll oben angekommen sehe ich, dass leider sämtliche Lokale geschlossen haben. Also gibt es stattdessen mein Lunchpaket-Sandwich vom Hotel.
Anschließend beginnt eine der längsten Abfahrten der Tour. Kilometerlange Geraden, auf denen das Rad fast von allein beschleunigt. António hatte beim Briefing eindringlich vor den Abfahrten gewarnt. Also höre ich ausnahmsweise auf Vernunft und nehme etwas Tempo heraus. Sogar die portugiesischen Verkehrsschilder fordern Autofahrer dazu auf. Wenn schon die Einheimischen gewarnt werden, sollte ich vielleicht nicht die Heldin spielen.
Die Straße fällt mit bis zu 15 Prozent Gefälle ins Tal. Meine Bremsen werden ordentlich warm. Im Tal angekommen zeigt das Thermometer bereits deutlich über 38 Grad. Vor mir liegen noch zwei der berüchtigten „Tough Nuts“. Höhenmeter sind es gar nicht so viele – aber eben bei Temperaturen, bei denen man das Gefühl hat, jemand hätte die Backofentür geöffnet.
Zum Glück taucht immer wieder ein Brunnen auf. Jeder einzelne wird zur persönlichen Rettungsinsel. Kaum fahre ich weiter, ist das frisch durchnässte Trikot nach wenigen Minuten wieder knochentrocken.
Dazu kommt: Schatten gibt es praktisch keinen. Große Waldflächen wurden in den vergangenen Jahren von Bränden zerstört. An manchen Stellen wachsen erste Büsche nach, aber vielerorts stehen nur noch verkohlte Baumreste. Ein trauriger Anblick.
Nach einer langen Abfahrt sehe ich endlich ein Dorf. Vor mir biegt ein anderer Fahrer spontan in eine Bar ein. Ich bin schon vorbei, bevor mein Gehirn „Stopp!“ denken kann. Hoffentlich kommt bald die nächste Gelegenheit.
Und tatsächlich. Direkt an einem kleinen Fluss liegt eine Bar. Cola. Eis. Lupinenkerne. Eine Kombination, die ich außerhalb eines Ultrarennens vermutlich niemals bestellt hätte. Aber offenbar verlangt mein Körper dringend nach Salz.
Kurz darauf trifft auch Sarah ein. Gemeinsam beschließen wir, ein Bad im eiskalten Fluss zu nehmen. Über kleine Leitern kommt man bequem ins Wasser. Herrlich.
Unsere spontane Umziehaktion – Radtrikot und Unterwäsche müssen reichen – sorgt allerdings für großes Interesse bei einer Gruppe älterer Herren, die im Halbschatten ihre wohl vorgezogene Nachmittagsruhe verbringen. Sagen wir mal so: Unsere Badeeinlage brachte etwas Abwechslung in deren Siesta.
Weiter geht’s. Von Brunnen zu Brunnen.
Laut meinem Höhenprofil sollte der Rest des Tages ziemlich flach sein. Im Nachhinein vermute ich, dass der riesige Torre-Anstieg mit seinen über 1.200 Höhenmetern einfach den Maßstab gesprengt hat. Alles andere sah daneben wie Ebene aus. Die Realität bestand allerdings weiterhin aus erstaunlich vielen Hügeln.
An einem Supermarkt treffe ich João wieder. Wir kennen uns noch vom Silk Road Mountain Race in Kirgisistan. Damals schenkte er uns ein halbes Glas Essiggurken. Eine erstaunlich gute Sportlernahrung.
Also kaufe ich ebenfalls ein Glas. Eigentlich wollte ich teilen. João ist allerdings schon verschwunden. Also esse ich sämtliche Gurken selbst und spüle sie mit vier Erdbeerjoghurts herunter.
Ernährungswissenschaftler würden vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Während sich meine Gedanken den ganzen Tag nur noch darum drehen, wo ich als Nächstes Wasser zum Abkühlen finde, verpasse ich völlig den Halfway Point.
Halbzeit. Nur noch 500 Kilometer. Irgendwie klingt das gleichzeitig motivierend und völlig absurd.
Am späten Nachmittag sammeln sich vor einem Supermarkt in Castelo de Branco plötzlich jede Menge „Grandiagonalos“. Fast alle haben bereits Hotels gebucht. Es ist etwa 17 Uhr.
Für mich viel zu früh. Ich möchte mindestens noch bis Vila Velha de Ródão am Tejo kommen. Hier gäbe es auch einen organisierten Bivy-Spot.
Also wandert Verschiedenes- auf jeden Fall viel zu viel, Kefir, Frühstücksvorräte und allerlei andere Dinge in meine Taschen. Eine halbe riesige Wassermelone verschwindet sofort. Dazu ein halber Liter Kefir. Mein Speiseplan entwickelt sich langsam in sehr kreative Richtungen.
Unterwegs stelle ich fest, dass ich mich sogar im Wochentag vertan habe. Ich war fest überzeugt, wir hätten bereits Mittwoch. Sarah klärt mich auf, dass Dienstag ist. Offenbar beginnt mein Gehirn bei 40 Grad ebenfalls zu kochen.
Später trennen sich unsere Wege. Sarah biegt Richtung Hotel ab. Wir sehen uns erst ganz im Süden Portugals wieder. Ihre dramatische Geschichte ist oben verlinkt.
Ich fahre weiter bis kurz vor Vila Velha de Ródão. An der historischen Stahlbrücke über den Tejo gönne ich mir noch einen Kefir-Bananen-Stopp. Genau deshalb verpasse ich das Kamerateam der Veranstaltung, das offenbar dort auf die Fahrer gewartet hatte. Als ich wieder losfahre, kommen sie mir bereits entgegen.
Schade. Das wäre ein schönes Foto geworden.
Der vorletzte Tough Nut ist dagegen überraschend harmlos. Die Sonne geht langsam unter, die Temperatur sinkt auf angenehm frische 32 Grad.
Plötzlich höre ich hinter mir ein Auto. Es fährt im Schritttempo. Direkt hinter mir. Mir wird schlagartig mulmig. Was wollen die? Umdrehen? Wegfahren? Einfach weiterfahren? Dann geht langsam das Seitenfenster herunter. Ich wage einen Blick zurück. Weißes Auto. Orange Schrift. Beige T-Shirts mit „Grandiagonal“-Aufdruck. Noch nie hat mich ein Organisationsfahrzeug so sehr erleichtert. Die beiden wollten lediglich wissen, ob alles in Ordnung sei und ob ich einen Schlafplatz hätte. Die Szene dauerte vielleicht zehn Sekunden. Gefühlt waren es zehn Minuten.
Kurz darauf finde ich einen Brunnen mit Holztisch. Perfekt für das Abendessen: Kefir, Gurke, Tomaten und ein kompletter Block Feta. Überraschend köstlich.
Danach suche ich mir einen Zeltplatz. Ein paar Meter den Hang hinauf, gerade so weit, dass mich niemand von der Straße aus sieht. Licht bleibt konsequent aus. Tarnmodus.
Fast.
Denn bevor ich endlich schlafen kann, verbringe ich geschlagene zehn Minuten auf allen Vieren im hohen Gras und suche einen Zelthering, der sich beim Aufbau verabschiedet und elegant ins Nirgendwo katapultiert hat.
Gegen zwei Uhr nachts wache ich auf. Meine linke Körperseite ist klatschnass. Neben mir schwimmen Smartphone, Kleidung und allerlei Ausrüstung. Nach kurzer Panik finde ich den Übeltäter: Ich habe die halbe Nacht auf dem Schlauch meines Trinksystems gelegen. Das Ventil war offen. Liter für Liter hat sich mein kostbares Wasser im Zelt verteilt. Mein Schlafsack ist ebenfalls tropfnass. Ich rette, was noch zu retten ist.
Draußen sehe ich in der Dunkelheit einen einzelnen Lichtkegel vorbeiziehen. Kurz überlege ich, ebenfalls sofort weiterzufahren. Stattdessen ziehe ich trockene Kleidung an, kuschle mich in den inzwischen eher feuchten Schlafsack und gönne mir noch zwei Stunden Schlaf. Warm wird das allerdings nicht mehr, ich fröstle. Also stehe ich gegen vier Uhr endgültig auf.
Eine halbe Stunde später rolle ich wieder los. Mit nassem Gepäck. Und hoffentlich geschlossenem Trinkventil.
Tag 4 / Nacht 5 – Hitze, Kreisel und andere Entscheidungen
Tag 4 – 220km/ 2400 Hm/ verstrichene Zeit 16:00/ Zeit in Bewegung 11:30 Nacht 5 zur finishline – 160 km/ 1700 Hm/ verstr. Zeit 8:30/ in Bewegung 7:30
Mein Video wieder zuerst:
Tag 4 / Nacht 5
Ich starte in die Dämmerung, noch leicht feucht vom letzten „Abkühlungsversuch“ und mit der leisen Hoffnung, dass die Hitze des Vortags ein Ausrutscher war. Portugiesen hatten mich allerdings schon gewarnt: südlich der Berge wird Wasser schnell zur Glückssache. Klingt ja erstmal beruhigend.
In der Infogruppe wird eine Umleitung wegen eines Festivals angekündigt. Von Nisa soll man direkt nach Crato fahren. Am Abzweig sitzen zwei Veranstalter wie Wegweiser im Halbdunkel. Ob die da wirklich die ganze Nacht ausharren? Ich hoffe heimlich, dass sie wenigstens gute Musik haben.
In Crato gönne ich mir ein zweites Frühstück. Die Einheimischen schauen etwas irritiert auf die voll bepackte Frau im Rennmodus – vermutlich keine typische Bar-Kundschaft um diese Uhrzeit. Danach geht’s weiter durch eine Landschaft, die irgendwo zwischen Steppe und „wo genau kommt hier eigentlich das Wasser her?“ liegt.
Kühe und Schafe wirken erstaunlich entspannt. Vielleicht wissen sie etwas, das ich noch nicht verstanden habe.
Zwischendurch hole ich eine Männergruppe ein, wir quatschen kurz, dann sind sie wieder schneller weg. Dazu ein Mediateam, das mich regelmäßig überholt – vermutlich immer dann, wenn ich gerade nicht fotogen genug leide. Ich beginne ernsthaft zu überlegen, ob „unsichtbar im Rennen“ eine eigene Kategorie ist. Immerhin: Neon gelb bin ich definitiv nicht gut im Verstecken.
Und dann passiert es natürlich: genau in dem Moment, in dem ich mich innerlich schon über die mangelnde Frauenquote auf den Bildern beschwere, stehen sie plötzlich da – Kamera, Team, perfekte Szene. Ich zwinge meine Mundwinkel nach oben und spiele „alles unter Kontrolle“. Das Ergebnis landet später auf Instagram mit einem Untertitel in der Richtung: Hitze beeinflusst die Geschwindigkeit. Aha. Ich nenne das dann wohl offiziell: strategisches Langsamsein.
Ich bleibe dabei: irgendwo im Mittelfeld ist trotzdem ziemlich solide, auch wenn mein Ego kurz diskutiert.
Die Strecke führt durch wunderschöne Orte wie Sousel und Estremoz. In einem schattigen Stadtgarten entdecke ich plötzlich einen Gartenschlauch. Der Rest ist Geschichte. Ich nenne es „kurze logistische Abweichung“, die Gärtner grinsen, als ich mich des Schlauches bemächtige und mich großzügig abdusche.
Dann kommt der letzte große Anstieg. Nur 200 Höhenmeter – klingt harmlos, fühlt sich bei 40 Grad aber eher nach persönlicher Charakterprüfung an. Oben kümmere ich mich erstmal um mein Fahrrad und schmiere die Kette (man nennt es auch: Prioritäten setzen im Ausnahmezustand).
In Redondo wartet CP3. Danach der klassische Luxus: 3 km zurück zum Supermarkt in der Hitze, weil Planung manchmal eben ein Gerücht ist. Ich esse, trinke, packe Vorräte – und stelle später fest, dass ich 1,5 Liter Wasser zusätzlich ins Ziel transportiert habe. Offiziell „Trainingseffekt“ für das Transcontinental Race im Juli, inoffiziell einfach „Dummheit“.
Ich dusche noch, ziehe alles nass wieder an und fahre weiter. Die Garmin zeigt über 40 Grad. Schatten ist ein Mythos, Wasser ein Luxusgut. Ein Friedhof mit Schlauch wird zur Oase des Tages.
Über mir diese typische Fantozzi-Wolke – nur dass sie mich nicht verfolgt. Hier verfolgt mich ausschließlich die Sonne. Und sie meint es ernst. Ich vergleiche es mit der Fantozzi -Wolke, der nuvola di Fantozzi , ein running gag aus den Kult-Filmen des italienischen Komikers Paolo Villaggio. Ein bösartiges, kleines Gewitterwölkchen, das den glücklosen Buchhalter Ugo Fantozzi auf Schritt und Tritt verfolgt. Hier ist es genau umgekehrt.
Dann taucht Monsaraz auf. Hübsch, aber brutal steil und kantiges Kopfsteinpflaster zwingt mich zu hike a bike. Ein Gewitter droht in der Ferne, zumindest sieht es so aus. Kurz Hoffnung, kurz Stress, dann Kopfsteinpflaster, das eher Wandern als Fahren bedeutet. Oben: keine Gewitter. Nur ich, mein Rad und ein sehr verdienter Latte Macchiato plus Calippo. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Die Abfahrt ist schnell, der Rest hügelig, Hunde unbeeindruckt. Später Abend, die Frage wird dringlicher: Wo schlafen?
Auf einer Brücke über dem Rio Ardila beschließe ich das Abendessen einzulegen. Mozzarella, Tomaten, Gurken, Suppe – Gourmetmoment auf Steinbänken mit Aussicht.
In Moura treffe ich kurz Kontakt zu anderen Fahrern. Einer, Lars, plant um 23 Uhr weiterzufahren. Ich entscheide mich für Schlaf – zumindest theoretisch. Mein Zelt steht schnell zwischen Olivenbäumen. Die Hunde in der Ferne diskutieren offenbar meine Anwesenheit, aber niemand kommt vorbei.
Um halb zwei ist Schluss mit Schlafillusion. Ich starte wieder. 160 km liegen noch vor mir.
Im Dunkeln läuft es erstaunlich gut. Den historischen Bergbauort Mina de São Domingos passiere ich noch im Dunkeln.
Keine Hitze, keine Dramen – nur Kilometer. Steppe, Bäume, Wiederholung.
In Alcoutim perfekt getimter Bäckerstopp um 6 Uhr: Kaffee, Saft, Gebäck. Leben kann so einfach sein.
Dann wird gerechnet: drei Portugiesen hinter mir, 10 km. Motivation aktiviert. 16 km Vorsprung. Dann wieder nur 3. Das nennt man dann wohl „interessante Beziehung zum eigenen Hinterradfeld“. Ich gebe Gas.
Der Rio Guadiana begleitet mich, Spanien auf der anderen Seite. Kein Empfang, kein Stressabbau – großartig.
Und dann: Kreisverkehr. Ich bin zu schnell, denke nicht, das Rad denkt auch nicht mehr mit. Einschlag. Asphaltkontakt. Rutschen. Aufstehen. Aua.
Lenker schief, ich auch. Weiterfahren. Diskussion später. Die letzten Kilometer sind reine Willenssache. Kopfsteinpflaster in Vila Real fühlt sich schmerzhaft an.
Ziel. Platz 46 von 150.
Ich rolle rein, etwas unspektakulär für meinen Geschmack. Kein tosender Applaus, keine dramatische Filmsequenz. Nur Realität, ein paar klatschende Hände und ein sehr müder Körper.
Erst Enttäuschung, dann Stolz. Und dann diese Erkenntnis: Es war mehr, als ich mir selbst zugetraut hätte – bei dieser Hitze, dieser Strecke, diesem Abenteuer.
Und ja: es war ziemlich großartig. Trotz allem. Oder gerade deswegen.
Das war vielleicht eine Geschichte gestern. Meine Drohne – mein Willi (so heißt er, weil er manchmal macht, was er will) – ist mir abgehauen. Ob ich ihn wiederfinden werde?
Willi
Meine erste Pässeausfahrt. Von Brixen über den Jaufen und durch das Passeiertal zurück. Ich war mit dem Rad unterwegs, den Jaufenpass hatte ich schon erreicht. Etwas weiter unten hatte ich schon einige Flugübungen mit Willi. Nun wollte ich mich von der Passhöhe von Willi verfolgen und filmen lassen. Alles lief wunderbar. Bei der rasanten Abfahrt ins Tal kam ich zwar den Felswänden manchmal bedenklich nahe und Willi auch, aber es ging gut. Fahrtwind, Kurven, dieses herrliche Gefühl, bergab zu rollen.
Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel: Willi ist nicht mehr hinter mir. Er steigt. Und steigt. Und steigt weiter. Und dann – weg. Aus meinem Sichtfeld verschwunden.
„Hilfe! Und jetzt?“
Die Kamera zeigt mir noch, dass er irgendwo hoch über der Straße schwebt. Tief unter mir sehe ich sogar noch die Galerie. Aber wohin fliegt er? Der Bildausschnitt auf dem Controller verrät mir nichts. Keine Orientierung, kein Hinweis. Nur Himmel, Straße, Leitplanke. Hektisch drücke ich einige Knöpfe. Ob ich es dadurch noch schlimmer mache?
Und dann fällt mir ein: Wenn der Batteriestand kritisch wird, fliegt die Drohne automatisch zum Startpunkt zurück.
Nur dumm, dass ich inzwischen etwa zwei Kilometer weiter unten bin.
Sofort beginnt das Kopfkino: Was, wenn das nicht klappt? Was, wenn Willi irgendwo abstürzt? Oder irgendwo an einem steilen Hang landet? In diesem Gelände – keine Chance, ihn je wiederzufinden. Tausend Bilder schießen mir durch den Kopf. Dabei ist Willi noch gar nicht lange bei mir! Und jetzt soll er mich schon wieder verlassen?
Und selbst wenn er wirklich brav zum Startpunkt zurückfliegt und dort am Straßenrand landet – was, wenn ein Auto zu weit rechts fährt und ihn plattmacht?
Schlimme Gedanken.
Ich trete also wie ein Wahnsinniger in die Pedale und jage mit dem Rad zurück bergauf. Irgendwann kommt ein Auto entgegen. Ich stelle mein Rad an die Leitplanke, reiße den Daumen hoch.
Zum Glück hält der Wagen.
Ob die beiden Insassen verstanden haben, was ich ihnen da völlig außer Atem erzähle, weiß ich bis heute nicht. Ich stammle irgendetwas von: „Drohne … abgehauen … vielleicht oben am Startplatz … keine Ahnung … muss schnell hoch …“
Satzfetzen. Schnappatmung. Leichte Panik.
Sie nehmen mich mit.
Kurz vor der Passhöhe bitte ich meine Retter, langsamer zu fahren. Falls Willi tatsächlich mitten auf der Straße sitzt …
Und plötzlich: wieder ein Kamerabild!
Ich sehe Asphalt. Leitplanke. Willi hat tatsächlich den Heimweg gefunden.
Ganz offensichtlich ist er brav zum Startplatz zurückgeflogen und ist dort (hoffentlich unversehrt) gelandet.
Langsam rollen wir weiter.
Und dann sehe ich ihn.
Da sitzt er. Ganz ruhig. Auf dem Asphalt. Als wäre nichts gewesen. Und wartet.
Mein Willi.
Noch einmal gut gegangen.
Aber eines ist klar: Beim sicheren Drohnenfliegen habe ich wohl noch ein bisschen Nachholbedarf. 😄
Die Drohne Willi bei unserer zweitägigen Skitour im Einsatz (Liffel-, Jakobspitze, Durnholz, Gaishorn)
„Hallo Gabi bin claudio vom messnerbankl wollte dich fragen ob mal zeit hosch auf an ratscher aufn bankl zu kemmen“ …
Nanu, was war denn das? Messner Bankl? Nie gehört … Diese Bildungslücke musste unbedingt „ausradiert“ werden und so klickte ich auf den Link. Etwas unüberlegt -gebe ich zu- das mache ich sonst nicht … , könnte ja fishing sein … oder nicht?
Und das war es wohl auch …, denn kaum geklickt, hing ich schon am Haken.
Langer Worte – kurzer Sinn: Ich hatte die großartige Gelegenheit, zu Gast bei „STORIES FROM THE MESSNER BANKL“ zu sein. Claudio Zocchi hat mich zu einem Gespräch eingeladen, das nicht nur Einblicke in mein Leben und meine Erfahrungen gibt, sondern auch die besondere Atmosphäre dieser kleinen Südtiroler Bank einfängt – ein Ort, an dem Geschichten lebendig werden. 🌳 @messnerbankl
Wenn ihr Lust habt, ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen und persönliche Geschichten zu hören, schaut rein! Spaß hatten wir allemal …
Start nach einem umfangreichen und leckeren Frühstück bei Augustiner Etwa 70 Abenteuerlustige (in Anbetracht der zu erwartenden Verhältnisse) stehen 620 km vom Ziel in Nyons entfernt in den Startlöchern.
Los geht’s! Ich bin in der ersten Startgruppe und etwas verhalten geht es durch Freiburg mit seinen vielen Straßenbahngleisen. Ich schaffe es, an der Jungs-Gruppe dranzubleiben – anfangs allerdings eher unrhythmisch. Ich frage mich nur: wie lange?
Im Kopf geistert etwas herum. Was um Himmels Willen sind Geisteradler? Vor mir, auf dem Radweg, in großer weißer Schrift gepinselt. Mal auf dem Kopf, mal lesbar. Ist Freiburg eine besonders tierfreundliche Gemeinde? Nicht lange und mir geht der „Knopf auf“. Mir war das zweite „R“ im Wort entgangen: GEISTERRADLER!! Ich bin gerade so einer. Pendant zum Geisterfahrer. Zum Glück ist noch fast Nacht.
Raus aus den schützenden Häuserfronten knallt uns erst mal der von der Windy-App angedeutete Wind (harmlos ausgedrückt) entgegen. Mal von vorne (Windschatten erwünscht), mal in harten Böen von der Seite (Windschatten nützt exakt nichts). Meine Beine brennen schon jetzt vom ständigen Gasgeben zum Dranbleiben und Bremsen, um nicht auf den Letzten aufzufahren. Lange packe ich das nicht mehr. Es dämmert und ich muss sowieso mal ein Foto machen, also lasse ich die Jungs ziehen. Dafür stehe ich jetzt voll im Wind. Super Plan.
Meine Gedanken kreisen um Wetterphänomene. Was ist schlimmer – starker Gegenwind oder Regen? Ich kann mich nicht entscheiden. Nicht weit später am Tag werde ich es wissen …
Beim Frühstück hatte es einen Diskurs gegeben, wann es wohl zu regnen begänne. Mit meinen Berechnungen (inklusive App-Vertrauen) träfe das bei mir in etwa auf 100 Kilometer vom Start zu, also bei Montbéliard. Kurz vorher lächle ich etwas hämisch in mich hinein: Ist die Wetter-App wohl doch nicht so zuverlässig. Das hätte ich besser bleiben lassen. Genau 300 Meter vor Vollmachen des 100ers: der erste Tropfen. Ich kann mich nicht schnell genug anziehen, da öffnet der Himmel schon seine Schleusen – und zwar komplett. Und für Stunden.
Und jetzt kann ich auf die Frage von vorher auch eine Antwort geben: Was ist schlimmer, Gegenwind oder Regen? Ganz klar: Gegenwind UND Regen!
Ich bin zwar gut eingepackt, aber Regenfäustlinge und Regenüberschuhe halten nicht, was sie versprechen. In kürzester Zeit lassen sie Wasser durch. Zudem ist es kalt. Sehr kalt. Die Naturgewalten haben mich voll im Griff. Und der Tag ist nicht mal zur Hälfte um.
Der Gegen-„Sturm“ hat mich weiterhin fest im Griff. Kommt er von vorn (also fast ununterbrochen), fällt meine Geschwindigkeit auf 12–15 km/h. Meinen Berechnungen zufolge werde ich in diesem Schneckentempo (lach – LumacaGabi lässt grüßen) ohne Pausen für die nächsten 500 km wohl über 40 Stunden brauchen. Das bedeutet: nicht pünktlich im Ziel sein – und den Mini-Schlaf-Break im 24h-Hotel Ibis in Ambérieu kann ich abschreiben. Dabei hatte ich beim Buchen noch angenommen, dass ich irgendwann vor Mitternacht dort eintrudeln würde und nach einer heißen Dusche ein paar Stündchen schlafen könnte …
Am Rhein-Rhône-Kanal-Radweg entlang (Canal du Rhône au Rhin) ist es landschaftlich eigentlich sehr ansprechend. Ich kann es nur kaum genießen: Entweder brauche ich unsägliche Kraft zum Vorwärtskommen oder werde fast von seitlichen Böen vom Rad gefegt. Meine Taschen hinten bieten eine wunderbare Angriffsfläche. Aerodynamik vom Feinsten – leider falsch herum.
Zwischendurch verlässt mich die Motivation. So ein Kraftaufwand. Wer zwingt mich eigentlich dazu?
Ich halte an. Gerade kommt die Sonne mal hervor und ich krame in meiner Nussmischung. Stephan, Frank und das Tandem mit Christine und Thomas machen auch kurz Halt.
Immer wieder gemeinsam, dann wieder einsam geht es weiter. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Tandem bei einem Café anhalten. Christine wirkte vorher auch nicht so motiviert, meinte, sie seien schon zwei Stunden im Rückstand … Oje. Und ich? (Christine erzählt mir später in Bédoin, dass sie in Ambérieu den Weg des geringeren Widerstands – sprich: Zug – genommen hätten.)
Irgendwann ist Besançon erreicht. Die Festung sehe ich schon von Weitem. Und kurz darauf: die seit 195 km heiß ersehnte Boulangerie. Ich lasse mir beim Auswählen viel Zeit, denn leider gibt es in der warmen Stube keine Möglichkeit zu sitzen – und draußen, mit der Fensterbank als Tisch, ist es bitterkalt.
Weiter geht’s. Nun liegen knapp 90 Kilometer zwischen mir und der nächsten Kontrollstelle. Und dann nochmal 90 bis nach Ambérieu, wo ich mir einen Schlafplatz im Hotel Ibis gebucht hatte. Stress habe ich keinen – 24h-Rezeption. Im Vorfeld hatte ich mir ausgerechnet, dass ich vor Mitternacht ankommen sollte und dann bis 4 Uhr bleiben könnte. Die folgenden Kilometer rund um Lyon sollte man tunlichst vor dem um 5 einsetzenden Berufsverkehr zurücklegen.
Also erst mal los.
Landschaftlich geht es weiter wie gehabt: längs Kanälen, flach. Wenn nur der Gegenwind nicht wäre. Kanalaufwärts (!) ordentlicher Wellengang. Die Durchschnittsgeschwindigkeit erhöht sich nicht und die Beine sind nach 200 Kilometern im Dauereinsatz schon „ansatzweise“ müde.
Nach einem kurzen Wolkenfenster beginnt es wieder zu regnen. Gut, dass ich meine Regenhose heute noch nicht wieder ausgezogen habe. Regen? Was ist das? Es schmerzt im Gesicht. Hagelkörner!
Und ich kann gar nicht schnell genug denken, was Hagel im Sommer normalerweise bedeutet, da blendet mich ein greller Blitz und im selben Moment ein ohrenbetäubender Donner. Natürlich passiert das mir – mit meiner fürchterlichen Gewitterangst. Ich lege einen Zahn zu. Nur weg hier! Glücklicherweise bleibt es bei diesem einen Blitz.
Das Wetter gleicht Aprilwetter – obwohl noch nicht mal Ende März.
Im Wechsel: Regen, Hagel, Sturmböen, ein bisschen Sonne, über den Himmel rasende mehrschichtige Wolkenbänder, dann wieder bleiernes Grau.
Dann bietet ein Waldstreifen etwas Schutz. Ich radle wieder ein paar Kilometer zusammen mit Stephan und Frank. Wir klagen uns gegenseitig unser Leid und tauschen uns aus, wer schon alles das „sinkende Schiff“ verlassen hat. Später werde ich hören, dass sich auf den Bahnhöfen und in den Regionalzügen nicht wenige Randonneure mit Elektrounterstützung Richtung Süden aufgemacht haben.
Die letzten Bäume liegen gerade hinter mir – eine Böe erfasst mich voll und schiebt mich über die gesamte Straßenbreite in den gegenüberliegenden Straßengraben. Mit zitternden Knien steige ich ab und lege einige hundert Meter schiebend zurück. Wenn da ein Auto gekommen wäre … nicht auszudenken.
Eine Gruppe Kühe beäugt mich, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Haben vielleicht recht.
Vier Stunden für die knapp 90 Kilometer – und ich darf wieder ein Beweisfoto schießen für die digitale Brevetkarte. Beneidenswerte Gäste hinter der Scheibe der Pizzeria Le Grill. Stephan meint, ein bisschen weiter sei ein netter Kebab-Laden. Und so landen wir bei Devran.
Hier findet sich schon ein lustiges Grüppchen mit Christoph und Stephan. Ersterer bestellt mir auf Türkisch gleich mein Menü – inklusive Vorzugsbehandlung. Leckeres Ayran (Joghurtgetränk!) – danach lechzt mein Körper. Und mein allererster (!!) Döner im Leben. Köstlich. Nach einem Tag voller Süßkram ein echtes Highlight.
Mit den beiden – sie sollen später auch meine Ferienhaus-Mitbewohner in Bédoin sein – verlasse ich die warme Bleibe. Es ist längst dunkel geworden. Ein Berg vor uns dient dem Warmfahren (wie freundlich) und dreieinhalb Stunden später, weiteren 90 Kilometern, einigen Höhenmetern und ein paar Müdigkeitsattacken später rollen wir gemeinsam auf den Parkplatz des McDonald’s in Ambérieu-en-Bugey.
Halb eins. Mein Wunsch, weit vor Mitternacht hier zu sein, hat sich nicht ganz erfüllt.
Um 2 Uhr liege ich dann frisch geduscht in meinem Bett im Ibis. Der Wecker ist auf Viertel vor Vier gestellt. Schlaf findet sich leider nicht ein. Mein Zimmer ist geteilt und die ungewohnten Atemgeräusche meines Bettnachbarn sind nicht kompatibel mit meinem Schlafbedürfnis. Also döse ich ein wenig vor mich hin – und dann muss ich eh schon wieder aufstehen.
Als ich die Hoteltür aufdrücke – gegen eine kräftige Windböe – glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Es schneit. Fröhlich trudeln die Flocken vom Himmel und beginnen sogar liegenzubleiben. Natürlich schneit es. Warum auch nicht.
Meine Hoffnung, durch frühes Losfahren dem Berufsverkehr auszuweichen, erfüllt sich anscheinend nicht. Große LKWs und rasende PKWs ängstigen mich. Haben die um diese Jahreszeit – und auch noch im Dunkeln – Radfahrer überhaupt auf dem Schirm?
Ohne Ablenkung beschäftigen sich meine – nach der gestrigen Gewalttour von 370 Kilometern verbliebenen – Gehirnzellen mit dem kommenden Tag. Zwar „nur“ knapp 250 Kilometer, aber die Berge drohen schon von meiner papiernen Höhengrafik-Karte. Wie soll ich das schaffen?
Ich muss spätestens um 21:00 Uhr in Nyons sein. Ich rechne und rechne. Mit der Geschwindigkeit vom Vortag wird das nichts. Hätte ich heute früh doch noch mindestens bis Crémieu fahren sollen? Aber bei der Kälte in der offenen historischen Markthalle schlafen? Eher nicht.
Als ich vorbeifahre, scheinen alle Randonneure, die dort übernachtet haben, schon ausgeflogen zu sein. Schlechtes Zeichen?
Ich zweifle weiter. Bin ich die Letzte, die noch durchhält?
Aussteigen wegen des Wetters? Kommt mir zum Glück nicht ernsthaft in den Sinn. Wäre auch logistisch schwierig gewesen. Also: weiter mit Muskelkraft.
Abgelenkt werde ich von riesigen Dampfschwaden und lichterbesetzten, gruselig in die Dunkelheit starrenden Türmen. Gänsehaut. Ich passiere wohl gerade das Kernkraftwerk Bugey.
Die Strecke führt mich nun einige Kilometer über einen Schotterabschnitt parallel zur Straße. Trotz zarter Rennradbereifung bin ich heilfroh, dem Verkehr zu entkommen, und rolle vorsichtig über den unebenen Untergrund.
Es wird langsam hell.
Vollbremsung. Etwas versteckt entdecke ich eine Boulangerie auf der anderen Straßenseite. Frühstück ist längst überfällig – und mehr als erwünscht.
Ich futtere mich in der warmen Gaststube durch das Sortiment. Verständigungsprobleme bescheren mir zwei Kaffeevarianten: einen Café au Lait und einen Cappuccino. Fragt mich nicht nach dem Unterschied – ich war einfach froh über beides.
Einige andere Fahrer trudeln ein. Also doch: Ich bin nicht die Letzte.
Irgendwann muss ich mich losreißen und starte wieder in die Kälte. Überraschenderweise weht immer noch starker Wind – aber ich kann es kaum glauben: Heute aus der richtigen Richtung. Rückenwind!
So erkläre ich es mir auch, dass ich trotz der unzähligen Anstiege heute doch noch pünktlich ankommen sollte. Nicht auszudenken, wie das mit Gegenwind gelaufen wäre …
Ich wage es sogar einmal, meine Regenhose auszuziehen. Bei diesem einen Versuch bleibt es auch, denn kurz darauf bricht wieder ein Guss über mich ein. Die Wetterkapriolen gehen munter weiter – diesmal gern auch in Form von Schneeschauern.
Vor allem auf den höchsten Punkten (die gerade mal auf 600 m liegen!) bläst der Sturm die Flocken quer über die Strecke. Nach dem Col de la Croix geht es erst einmal länger bergab – zumindest theoretisch. Denn bei jedem noch so kleinen Gegenanstieg brennen meine Oberschenkel ordentlich.
So früh im Jahr eine solche Gewalttour – der Körper meldet sich.
Immer wieder überhole ich Matthias oder werde von ihm überholt. Wortlos.
Beim x-ten Mal, als ich wieder anhalte, um irgendetwas an- oder auszuziehen oder in meiner Tasche zu wühlen, frage ich mich kurz, ob Matthias vielleicht denkt, ich würde ständig auf ihn warten … Vielleicht, um „anzubandeln“? 😄
Wie froh bin ich, als ich bei Kilometer 550 rechts abbiegen darf. Nicht auszudenken, wenn wir – wie ursprünglich geplant – durch den Naturpark Vercors hätten fahren müssen, mit Léoncel auf über 900 m. Die schneebedeckten Höhen sehe ich von Weitem. Nein danke.
Zwar sparen wir uns diesen einen langen Anstieg, aber höhenmäßig wird es nicht wirklich einfacher. Ständiges Auf und Ab. Teilweise richtig giftige Rampen.
Dann plötzlich: Der Track verlässt die Straße und führt auf einen Wanderweg. Aha?
Ich schiebe. Einen Grund wird es schon haben. Matthias vor mir macht es genauso.
Raufschieben, steinig wieder runter, dazwischen einen umgestürzten Baum überklettern – und ich stehe wieder neben der Straße. Erleichterung! … die genau zwei Sekunden hält.
Es geht nicht auf der Straße weiter. Sondern wieder über diesen Weg.
Andere sind schlauer und bleiben einfach unten. Ich nicht. Ich will ja keinen DSQ riskieren.
Also wieder rein ins Gestrüpp, durch Büsche und Himbeer-Ranken. So bin ich halt. Wie ein Fähnchen im Wind – ich mache brav, was von mir verlangt wird.
Die Motivation sinkt nach einem weiteren 20%-Anstieg spürbar. Da rollen Horst und Karl heran. Ich hänge mich dran. Ein bisschen Plaudern hilft erstaunlich gut gegen Leiden und Kopfkino.
Gemeinsam erreichen wir den Kontrollpunkt beim Mairie von La Baume-Cornillane. Hier treffen wir plötzlich auf einen ganzen Pulk Randonneure. Wo kommen die denn alle her?
Nebenbei löst sich auch mein Rätsel: Mairie = Rathaus. Wieder was gelernt.
Mit Horst und Karl rolle ich weiter. In rasanter Fahrt geht es runter nach Crest.
Vielleicht etwas zu rasant.
In einer scharfen Rechtskurve sehe ich Horst vor mir auf der nassen Straße wegrutschen. Das Hinterrad geht weg, der ausgeklickte Fuß versucht zu retten, was noch zu retten ist. Vergeblich.
Er überschlägt sich mehrfach und stürzt die Böschung hinunter. Auf allen Vieren landet er unten auf dem Acker.
Karl und ich helfen ihm wieder hoch. Rad: ok. Horst: bis auf einen Kratzer erstaunlich ok. Meine Knie: zittern.
In Crest muss ich erst mal pausieren. Milchkaffee und Pain au Chocolat. Es ist inzwischen fast drei. Noch zwei Berge.
Werde ich die Maximalzeit schaffen?
Zu den beiden Anstiegen lässt sich nur sagen: Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt.
Ich starte. Matthias überholt mich wieder – genau in dem Moment, als ich wegen eines blauen Wolkenfensters meine Regenhose ausziehe.
Der Wind schiebt mich den Col du Lauzon hinauf. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus: hohe Felswände, eine beeindruckende Schlucht. Der Sturm erfasst unten das Wasser und schleudert es nach oben. Ein Regenbogen ist zu erahnen – leider nur schemenhaft.
Auf der Passhöhe: natürlich wieder Schneesturm. Also: schnell runter und Regenhose wieder an.
Im Tal dann: das erste Lavendelfeld vor spektakulärer Felskulisse. Wir sind in der Provence.
Ein letzter, langer Anstieg zum Col de la Sausse. Mit Rückenwind geht es erstaunlich gut – bis auf die letzten Meter. Richtungswechsel. Und plötzlich wird Radfahren fast unmöglich.
Ich habe kurz Sorge, vom Rad geweht zu werden. Trotzdem will ich unbedingt mein Erinnerungsfoto am Passschild.
Absteigen wird zur Herausforderung. Auf einem Bein stehen? Schwierig. Rad loslassen? Risiko. Aber es klappt.
Die Abfahrt danach wird… sagen wir: denkwürdig. So starke Seitenböen habe ich selten erlebt. Wie ich unten ankam, ist eine Mischung aus Können, Glück und vermutlich Schutzengel.
Dann, es dämmert bereits, rolle ich in Nyons ein.
Ich kann es kaum glauben. Was ich auf diesen 620 Kilometern erlebt habe, passt eigentlich auf keine Kuhhaut – geschweige denn auf eine Word-Seite.
Der angenehme Teil folgt: Herzliche Aufnahme bei Margriet und Eric, gemütliche Fahrt nach Bédoin mit Daniel, ein tolles Ferienhaus mit netten Radfahrkollegen.
Der Ventoux: wegen des Sturms nur bis Le Chalet Reynard (ja, ich gebe es zu – ich bin ein Weichei 😄). Dafür eine Traumabfahrt durch die Gorges de la Nesque.
Und schließlich die Rückreise mit dem Zug ab Avignon. Selbst die TGV-Fahrt mit Rad wird noch einmal abenteuerlich. Anleitung für das Verpacken des Rades: siehe weiter unten!
Schön war’s!!!
Vorher …
Die Anmeldung hatte es schon in sich: Punkt Mitternacht, in den ersten Sekunden des neuen Jahres. Bevor andere mit Sekt anstoßen oder längst selig schlummern, amüsierte ich mich traditionell vor dem Fernseher bei „Dinner for One“ mit „The same procedure as every year“, in den letzten Sekunden des alten Jahres saß ich dann schon etwas verschlafen vor dem Rechner. Eigentlich wollte ich ja früh ins Bett – aber die Startplätze sind angeblich wenige Minuten nach Mitternacht restlos vergeben. Also: Frohes Neues – Klick!
Das Event findet in der letzten Märzwoche statt. In unseren Breiten ist da eher „Übergangsjacke mit Handschuhen“ als Frühlingsgefühle angesagt. Etwas über 600 Kilometer führen von Freiburg im Breisgau nach Nyons – Zeitlimit: 40 Stunden. Klingt sportlich. Ist es vermutlich auch.
Rückfahrt mit TGV … hier muss man sein Rad „verstecken“. Ich habe aus Fallschirmseide eine Hülle genäht, klein zusammenlegbar, leicht und das Rad „verschwindet“ darin schnell. Hier, wie ich es gemacht habe. Hier ein eine Anleitung.
Das lief vorher so ab …
Die Begeisterung bekam nach der Anmeldung einen kleinen Dämpfer, als ich das „Drumherum“ studierte. Zuerst die Anreise mit dem Zug nach Freiburg. Ich + Rad + Zug = latente Nervosität. Kommt der Zug pünktlich? Erreiche ich die Anschlüsse? Ist der Fahrradplatz wirklich frei? Ein Abenteuer vor dem eigentlichen Abenteuer.
Dann die beiden Brevettage, an denen ich hoffentlich Nyons pünktlich erreiche. Am nächsten Tag fährt, wer möchte, weiter nach Bédoin – unter die Südseite des Ventoux, denn im März ist die Nordseite meist noch gesperrt. Kleine Randnotiz: Bédoin war natürlich ausgebucht. Zeitgleich findet eine Laufveranstaltung statt. Großartig.
Also Planspiel: Auto einen Tag vorher nach Bédoin bringen? Dann mit dem Zug (noch so ein „Rad-im-Zug-Tag“) zurück nach Freiburg zum Start? Logistisch eine kleine Doktorarbeit.
Und nach dem Sturm auf den Ventoux? Zurück mit dem Zug. TGV + Rad bedeutet: Radtasche. Der Drahtesel muss als harmloses Gepäckstück getarnt reisen. Für zwei Tage Brevet darf ich also eine ganze Woche einplanen. Effizienz geht anders.
Immerhin: Das Unterkunftsproblem in Bédoin hat sich inzwischen charmant gelöst. Ich darf mit sieben anderen Randonneuren ein Apartment teilen – was vermutlich mindestens so unterhaltsam wird wie der Ventoux selbst.
Und ich habe mir aus Fallschirmseide ein „Kleidchen“ für meinen Renner genäht. Sehr schick, sehr leicht – nur das Einpacken muss ich noch üben. Momentan schlackern die Einzelteile noch etwas zu sehr im Paket. Der Ventoux wird (hoffentlich) bezwungen – aber zuerst muss ich die Packtechnik üben.
Eigentlich bin ich wieder voller Vorfreude: Züge gebucht, Unterkünfte organisiert, alles geplant. Wenn ich da nicht heute Morgen beim Frühstück zwei Abenteuerberichte aus 2018 gelesen hätte. Miserables Wetter. Eisiger Wind. Regen. Dramatische Schilderungen.
Hier die Links dazu – danach werdet ihr mich vermutlich nicht mehr beneiden 😉
Und auch heuer gab es leider kein Audax Randonneé Solstizio d’Inverno, das sonst von Fabio Albertoni organisiert wurde. Also hieß es wieder: selber machen.
Wasserkrippe in Cassone
So gingen wir erneut alleine auf die nächtliche Runde um den Gardasee. Rund 200 Kilometer und 1.200 Höhenmeter später war klar: Es war jede Pedalumdrehung wert.
Eingeladen hatte ich über Instagram und Facebook, außerdem wurde die Runde als JOINME! auf der Skinfit-Website angekündigt.
Am Ende standen 12 Leute in Arco am Start: Umberto aus Trient, die beiden Mädels Margy und Gaia, drei Jungs aus dem Raum Turin (Marco, Gabriele und Massimo), Andrea aus Linz, Uli aus München, Christian und ich aus dem Raum Brixen sowie Michael und Benjamin aus dem Vinschgau.
Lazise
Gemeinsam rollten wir los Richtung Norden. Jede*r im eigenen Rhythmus, ganz ohne Druck. Unterwegs fanden sich immer wieder kleine Grüppchen – genau so, wie es sein soll vier Tage vor Weihnachten.
Nach der ersten Schleife über die Nordrunde (Arco – Radweg Richtung Sarche – Toblino-See – entspannt zurück nach Arco) trafen wir uns bei Kilometer 45 wieder.
Wer mochte, legte eine Pause ein: Die Bar Centrale in Arco hatte bis Mitternacht geöffnet – perfektes Timing.
Peschiera
Danach ging es im Uhrzeigersinn rund um den Gardasee. Bei Kilometer 111 stand der nächste Boxenstopp an: Energie nachladen bei McDonald’s in Peschiera (am Wochenende nachts bis 2 Uhr offen – wer hätte das gedacht?).
Die Vinschger waren schon wieder unterwegs, als ich dort ankam, kurz darauf war der Rest der Truppe wieder komplett. Essen, aufwärmen, weiter.
Sirmione, Desenzano, Saló … dann durch die Tunnel der Gardesana Occidentale, vorbei an Limone, Riva und zurück nach Arco. Die Gruppe zog sich etwas auseinander – ich „musste“ zum Beispiel immer wieder stehen bleiben, um die Weihnachtsbeleuchtung zu fotografieren. Man kann ja nicht einfach dran vorbeifahren.
Als ich schließlich wieder in Arco einrollte, kündigte ein feiner lila Streifen am Himmel bereits die Morgendämmerung an. Am Parkplatz folgte noch eine kurze Verabschiedung – alle happy, alle zufrieden.
Obwohl es unterwegs kaum unter 4 Grad hatte, war es am Parkplatz neben dem Fluss deutlich kälter: Raureif am Dach, mein Auto-Aufstelldach war zugefroren. Also verzichteten wir drei auf eine Schlafpause und packten unsere sieben Sachen zusammen.
Erstaunlich, welches Chaos ein paar Sachen anrichten können. Räder verstaut – meines hinter dem Sitz, Andreas und Ulis auf dem Heckträger – los ging’s.
Und dann kam der Moment, der mir heute noch in den Knochen steckt.
Beim Wegfahren fragte ich Uli noch, ob die Räder wirklich gut festgezurrt seien – und ob die rote Bandschlinge als zusätzliche Sicherung montiert sei. „Wozu denn?“ Ich erzählte ihm meine Geschichte vom Tuscany Trail, wo mir fast zwei MTBs auf der Autobahn verloren gegangen wären. Die Bandschlinge blieb trotzdem nutzlos hinter meinem Sitz.
Irgendwann auf der Autobahn hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich fragte Andrea, die hinten saß, was das gewesen sei. Sie schaute zum Radträger und rief: „Da ist nur noch ein Rad.“ „Du machst Witze“, sagte ich. „Nein!!!“
Pannenstreifen. Anhalten. Fünf Meter hinter dem Auto lag Ulis Rad.
Erstmal Schockstarre. Die beiden zogen Leuchtwesten an, stiegen aus. Auf den ersten Blick schien das Titanrad unversehrt – bis auf den fehlenden Spiegel. Später stellte sich heraus: dem Rad ist wirklich nichts passiert. Mehr Schaden hatte mein Setup: Die rot-weiße Warntafel war kaputt, zwei Befestigungen am Träger, die Felgenschuhe, waren weg – wie und wohin, bis heute ein Rätsel.
Der Schreck sitzt tief. Mein Fehler war klar: Ich hätte darauf bestehen müssen, die Räder zusätzlich zu sichern. Also: Leute da draußen – verlasst euch nicht nur auf die Befestigungen am Radträger! Sichert zusätzlich. Mit Bandschlinge, Gurt, was auch immer.
Was hätte passieren können, mag man sich gar nicht ausmalen: ein Rad auf der Fahrbahn, ein nachfolgendes Auto, ein Unfall …
August 2025, eigentlich standen ein paar Tage vor Abflug alle Ampeln auf Rot:
„Gabi fahr nicht nach Kirgistan!“. Ein Harnwegsinfekt, ein Stolpern über die Treppe mit einer starken Oberschenkelmuskel-Prellung oder vielleicht auch ein leichter Muskelfaser-Riss. In Kirgistan bei der viertägigen Akklimatisierungsfahrt befiel mich ein Infekt mit Fieber und Husten.
Alle Beschwerden schienen sich kurz vor dem Start gebessert zu haben. Trotz der Option im Kopf im Notfall zurück nach Osh zu fahren, falls eine Verschlechterung eintreten sollte, ging ich mit gemischten Gefühlen an den Start.
Denn das, was vor Hermann und mir lag, war nicht zu unterschätzen: Fast 2000 Kilometer mit nahezu 30.000 Höhenmeter durch Kirgistan, mit Start in Osh bis zum Zielort Karakol. Mitunter Hunderte Kilometer einsamster, schwer erreichbarer Gegenden, hohe Pässe (knapp über 4000m NN), mehrere Tage auf Höhen zwischen 3000 und 4000m NN, eiskalte Nächte, viele Schiebe- und Tragestrecken, unzählige Flussdurchquerungen, wenig Verpflegungsmöglichkeiten – das ist das Silk Road Mountain Race, dessen Veranstalter Nelson für seine Events den Anspruch erhebt, zu den anspruchsvollsten zu gehören. Beim Atlas Mountain Race (2023) bekamen wir einen „Vorgeschmack“.
Die hohe Ausfallquote spricht Bände. Dieses Jahr kam etwas mehr als die Hälfte der 235 Starter*innen ins Ziel: nämlich 131 gegenüber 104, die irgendwann früher oder später „gescratched“ haben, also aus dem Rennen ausstiegen. Ich spreche von Rennen, sehe es aber eher als Abenteuer, bei dem man ohne Hilfe von außen (unsupported) eine vorgegebene Strecke absolvieren soll, natürlich gegen die laufende Zeit. Es gibt nichts zu gewinnen außer der Ehre, es geschafft zu haben …
Etwas „Sicherheit“ vermittelt die Tatsache, dass jeder einen GPS-Tracker mithaben muss. Auf der Plattform dotwatcher.cc kann die „Welt“ digital miterleben, wo ihre „Dots/ Punkte“ gerade sind und auf welchem Rang in der Reihenfolge sie fahren oder ob sie von der Schnecke eingeholt oder überholt werden, die virtuell mitfährt und das Zeitlimit markiert.
Im Notfall drückt man „einfach“ auf SOS und Hilfe wird losgeschickt. Dass das mit der Hilfe nicht so „einfach“ ist, durften wir am eigenen Leib erfahren, das „Rennen“ endete für uns nämlich mit Drama. Bleibt dran!
Zuerst mussten wir aber mal ankommen … Ein Abenteuer für sich …
Nach den letzten Worten, die uns Nelson beim Briefing mit auf den Weg gab, geht es mit großem Polizeiaufgebot los. Hermann und ich mittendrin. Wir haben uns bei der Anmeldung dazu entschlossen als Team zu starten. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das bedeutet wir müssen die Strecke gemeinsam beenden, sonst steht auf der Finisher-Liste DNF, die Abkürzung für Did Not Finish und bedeutet im Sport „nicht beendet“.
Unsere Motivation (bei mir nach Anlaufschwierigkeiten und einigen Bedenken) ist groß und die Aufregung legt sich nach einigen Kilometern im Strom der fast 250 Teilnehmer*innen, der sich durch Bishkek und dessen Außenbezirken ergießt, unter Jubel und Applaus der Zuschauer. Dann zieht sich das Feld etwas auseinander. Es geht überland und immer wieder durch kleinere Siedlungen. High-Five hier und da, die Kinder und Jugendlichen schließen wohl untereinander Wetten ab, wer mehr Abschläge bekommt. Plötzlich zielt ein Halbwüchsiger mit einer Farbspraydose auf mich … Zum Glück kommt der erwartete Farbsprühregen nicht, ich werde mich aber Tage später daran erinnern.
Asphalt geht über in Schotter und unwillkürlich werden wir immer wieder eingenebelt vom Staub der vorbeifahrenden Autos. Es wird immer einsamer und hügeliger. Die Sonne verschwindet hinter orangeroten Wolken und dann kommt die Dämmerung. Auf der am Horizont weit vor uns verschwindenden Straße rotblinkende Lichter der anderen weiter vorne. Mystische Stimmung.
Dann Dunkelheit. Im Wissen, dass es den ganzen nächsten Tag keine Möglichkeit der Verpflegung gibt, sehne ich einen Shop herbei, auch um meine mich langsam einholende Schläfrigkeit mit Cola zu bekämpfen. Wir haben doch vor, die erste Nacht durchzufahren. Das Wasser geht mir auch langsam aus. Ob um diese Zeit, es geht ja schon auf Mitternacht zu, noch was offen ist? Und da, am nächsten Ortsanfang ein hell beleuchtetes Gebäude.
Ein großes buntes Plakat an der Fassade, магазин (Magazin) weist darauf hin, dass es hier einen Laden gibt. Die unzähligen am Boden liegenden bepackten Fahrräder sind auch ein untrügliches Zeichen dafür. Und der Raum ist nahezu leergekauft, naja, so ist das eben, wenn man sich so ziemlich am Ende des Feldes befindet. Aber Wasser gibt es noch und Cola.
Sorgen hätten wir uns da aber keine machen müssen, denn bis weit nach Mitternacht waren alle Läden auf den nächsten Kilometern geöffnet. Wir kehren noch zweimal ein. Einmal kaufen wir Brot, Käse und Kekse und stocken so unsere Vorräte auf. Statt des kleinen Münzwechselgeldes bekomme ich eine kleine verpackte weiße Kugel. Dann folgt eine lange Abfahrt auf Teer, ich habe Zeit zu rechnen und komme auf das Ergebnis, dass ich zu wenig Wasser habe. Ein einsamer kleiner Shop einer netten kleinen Familie nimmt uns auf, bewirtet uns mit Granatapfelsaft und Wasser. Ungläubig hören sie zu, was wir noch vorhaben. Die Bezahlung müssen wir fast aufdrängen.
Nun geht es endgültig ins Gelände. Entlang eines schmalen Baches folgen wir einer staubigen Piste. Irgendwann ahne ich, dass das Tälchen begrenzt wird von Berghängen, sehen kann ich es nicht genau. Erst als der fast volle Mond hinter Felswänden aufgeht. Die Straße wird immer holpriger, am Rand große Steine, Häuser gab es schon lange keine mehr. Langsam sollte ich wieder mal was essen. Wie wäre es mit etwas Süßkram? Ich wickle die weiße Kugel aus, ah, wohl weiße Schokolade. Lecker! Ich beiße hinein. Argggghhhh, was ist denn das? Schmeckt nach einem sehr sehr reifen Käse. Mein Gaumen reagiert beleidigt und entledigt sich schleunigst des fremden Dings. Was wohl ein Sakrileg ist …
Meine Recherche ergibt: Kurut – das kirgisische Raffaello! Klassisches Kurut wird in Form kleiner weißer Kugeln hergestellt. Es besteht aus getrocknetem Quark und Salz. Kurut ist das Lieblingsessen vieler Kirgisen. Sowohl der Erwachsenen als auch der Kinder. Das traditionelle Gericht wird das ganze Jahr über verzehrt und ist in ganz Kirgistan zu bekommen.
Kurut ist eng verbunden mit den nomadischen Wurzeln der Kirgisen. Als Nomaden hatten Kirgisen Kühe. Aus deren Milch produzierten sie Quark, um sie haltbar zu machen. Doch wenn es zu heiß war, konnte auch Quark nicht lange aufbewahrt werden. Daher hat man ihn gesalzen und getrocknet. Und so wurde Kurut erfunden. Aufgrund des Salzgehalts kann man es jahrelang lagern. Dass der Geschmack recht deftig ist und gewöhnungsbedürftig für europäische Gaumen, versteht sich.
106 Kilometer habe ich auf dem Tacho. Ein paar Minuten später immer noch gleich viel, auch bei den Höhenmetern ändert sich nichts. Die Karte auf dem GPS ist auch immer gleich. Was ist das denn? Mein Gerät, ich liebe es eigentlich, es ist benutzerfreundlich, bietet mir praktische Funktionen, reagiert normalerweise zuverlässig. Aber gerade … Ich lade die Strecke neu, schalte das Gerät aus, nichts! Irgendwann lasse ich das Gerät einfach aus. Ich fahre also ohne und hoffe Hermann fährt mir nicht davon. Im Dunkeln ohne die Strecke, oje! Immer wieder frage ich ihn wo wir genau sind, wie das Höhenprofil vor uns ist . Blöd, nicht zu wissen, was vor einem liegt, vor allem nicht im Dunkeln, meine Motivation schwindet.
Nach 125 Kilometern, es ist schon nach 2 Uhr am Morgen, überfällt uns doch beide die Müdigkeit und wir beschließen, wie andere entlang der Strecke, uns auch für einen Powernap oder etwas länger (?) einen geeigneten Schlafplatz zu suchen.
Trotz hellen Mondlichts ist ein solcher aufgrund der Geländebeschaffenheit nicht so schnell ausgemacht, aber dann wird das Tal weiter und wir können einen ebenen Platz neben einem großen Felsblock in Beschlag nehmen, der zum Radanlehnen, als Ablage und später als Frühstückstisch dient.
Zelt? Wir begnügen uns mit Matte und Schlafsack. Traumhaft mit Blick auf den grandiosen Sternenhimmel, auf die Milchstraße genau über uns, einzuschlafen.
Viel zu schnell vibriert der Uhr-Alarm. Genau genommen hatten wir ja einen tierischen Wecker. Ein Esel in unserer Nähe begrüßte lauthals den ersten Vorbeifahrenden. Rasch muss heißes Wasser her für einen der Kaffeebeutel (Luxus für die erste Nacht) und unser Jentschura Morgenstund-Frühstück. Gestärkt geht es weiter. Gestärkt? Ja, noch fühle ich mich gut, Hermann logo ohne Frage.
Der Eingang des Surmatash Nationalparks ist bald erreicht kurz nach der abenteuerlichen Überquerung des Flusses auf einer Brücke, dessen Bauweise stark abweicht von unseren Brücken, sie verbindet nämlich das eine, viel höher gelegene Ufer mit dem tieferen und ist dementsprechend sehr steil. Im Naturreservat soll es sogar noch Berglöwen geben. Allerdings sollten diese im Sommer durch das reichlichere Nahrungsangebot wenig Gelüste auf vorbeifahrende Bikepacker haben.
Am Eingang des Parks finden wir sogar Wasser. Schnell kramen wir Filter und Reinigungstabletten heraus. Wo aber soll ich die zusätzlichen 2 Liter des kostbaren Nass‘ unterbringen? Ich lege den Wasserbeutel mal auf meinen Lenker. Ob die Befestigung wohl hält? Wer weiß, wann wir das nächste Mal Wasser finden, der Fluss, an dem wir entlang radeln ist hier undurchsichtig braun durch das mitgeführte Material.
Am Morgen gebe ich meinem GPS-Gerät eine neue Chance. Ich schalte es ein. Leider hat sich nichts geändert, Navigation, Kartenansicht, alles ist blockiert. Ich entschließe mich zu einem Reset. Wie ging das nochmal? Kein Internet und so kann ich auch nicht Dr. Google um Hilfe fragen oder die KI. Ich erinnere mich, dass ich Gosia auf ihrer Australiendurchquerung mal geholfen hatte, ihr Gerät wieder in Gang zu bekommen, ich schaue im WhatsApp-Chat nach. Bingo! „Schalten Sie das Gerät aus, halten Sie die beiden Tasten an der Unterseite des Gerätes (LAP und START/STOP) gedrückt. Schalten Sie das Gerät ein (Einschalttaste nur kurz drücken und wieder loslassen). Ok, mache ich!
Ergebnis: Alle geladenen Strecken sind weg, alle mühsam über Wochen erstellten POIs ebenso. Ohne Internet kann ich die Strecken nicht wieder auf das Gerät bekommen, fahre also ohne. Zum Glück gibt es nicht viele Abzweigungen hier am Ende der Welt auf dem Weg zum Koy-Djul-Pass und dem Shiman-Bell-Pass. Und die Karte habe ich ja wieder, aber so ins „Blaue hinein fahren“ ist wenig motivierend, ich habe keine Ahnung, was vor mir liegt, wo die Steigungen sind, wie steil, wie lang … Wie abhängig man von der Elektronik auch beim Radfahren inzwischen ist. Immer wieder frage ich Hermann um Infos, nerve ihn so den ganzen Tag. Bei den Abfahrten später vermisse ich die Bildschirmansicht mit der Strecke sehr, um die Kurvenführung zu sehen.
Mit dem Reset habe ich nun auch meine gewohnte Seiteneinteilung nicht mehr. Ärgerlich! Und besonders eine Funktion waren dazu gekommen, die ich nicht in der Lage bin auszuschalten: Sobald ich schieben muss und somit sehr langsam bin, wird Auto-Pause aktiviert. Das heißt das Gerät glaubt ich stehe und zählt keinen Kilometer und keinen Höhenmeter mehr. Und das passiert heute sehr sehr oft. Die Strecke heute und die der nächsten Tage kann ich so nicht auf Strava laden, wie schaute das denn aus, wenn mehrere Kilometer und vor allem sehr viele Höhenmeter fehlen? Also bin ich wohl auch abhängig von den Socials … oder geltungssüchtig??? Nö, ich will die Strecken nur auswerten anschließend (Ausrede… *lach*).
Die über hundertsiebzig Kilometer Anstieg von Osh bis zum ersten Pass sollten laut Planung mit überschaubaren durchschnittlichen Steigungsprozenten zu überwinden sein. Aber nichts da. Es folgen immer wieder kleine Abfahrten und dann um so steilere Anstiege.
Auch wird das Tal immer enger, begrenzt durch schroffe Felswände. Da der Weg nicht viele Möglichkeiten hat, sind mehrere Steilstufen zu bewältigen. Also immer wieder raus aus dem Sattel und runter vom Rad. Die angedrohten 5 Kilometer hike a bike werde ich wohl dann schon voll haben, bevor die eigentliche Schiebestrecke beginnt. Auch der erste Bach will gequert werden. Ich fahre durch und meine Füße werden durch den eiskalten Schwall das erste Mal nass.
Das Tal weitet sich. Eine wunderschöne Art Almlandschaft erwartet uns. Und vor der mit Bangen erwarteten Steilstufe machen wir eine kurze Vor-Mittagspause im Schatten eines Baumes, den es hier auf über 2500m noch gibt. Menü der Wahl: Brot (Kirgisisches Brot – sehr lecker!) und eine Dose Sardinen in Tomatensauce. Ins Wasser schütte ich nun eine Packung Styrkr Elektrolyt Pulver. Weiter geht es. Die Hitze staut sich im Tal. Ich habe großen Durst. Immer wieder bleibe ich stehen, um zu trinken.
Dadurch komme ich irgendwie total aus dem Rhythmus. In immer kürzeren Abständen kommt der Wunsch zu einer Trinkpause (Ausrede). Auf jeden Fall verbinde ich Anstrengung und Geschmack des Getränks miteinander und ab diesem Tag kann ich den bittersalzigen Geschmack von Styrkr nicht mehr ertragen. Ich schleppe einige Briefchen noch einige Tage mit, verschenke sie dann. Wie wünsche ich mir banalen Apfelsaft herbei, am besten vermischt mit Kanne Brottrunk, es gibt nichts Besseres. (Elektrolytpulver ist nicht das einzige, das ich überflüssigerweise mitschleppe, wie ihr wisst, ich hamstere gern, um in Notzeiten was zu haben. So wandern Gummibärchen, Äpfel, Nüsse und vieles mehr über einen Gebirgs-Pass zum nächsten).
Die Schiebestrecke liegt in der prallen Sonne, Bäume gibt es hier direkt am Weg kaum mehr. Es ist sehr mühsam, das schwere Rad nach oben zu wuchten. Ich vermute, meines wiegt um die 25 Kilogramm. Zumindest legen sich nur wenige Hindernisse in den Weg. In steilen Serpentinen windet sich der Weg nach oben. Autos können hier nicht mehr fahren. Weiter oben wird es wieder fahrbar. Aber trotzdem für mich immer wieder zu steil. Aus den „angedrohten“ fünft Schiebekilometern sind bestimmt schon das Doppelte geworden.
Und hoch zur vorletzten Anstrengung auf den Koy-Djul-Pass gibt es zwar eine breite Schotterstraße, aber ich bin etwas schlapp nach den Hitze-Schiebe-Kilometern und muss auch da hochschieben. Vielleicht macht auch die Höhe was aus. Immerhin sind wir hier auf 3800m über NN. Mein wohl noch nicht ganz überwundener Infekt macht sich auch bemerkbar. Aber das bisschen Husten stört mich nicht so.
Die Straße schlängelt sich über endlose Serpentinen nach oben. Ich schleiche wohl dahin. Aber andere tun es auch … Mir tut es leid, dass Hermann oben so lange auf mich warten muss. Und wie bin ich froh, als er mir auf den letzten paar Hundert Metern entgegenkommt und mir das Rad abnimmt. Er ist mit Schieben schneller als ich ohne Rad, fast komme ich ihm nicht nach.
Nun folgt eine wunderbare Abfahrt. Hohe Berge in den unterschiedlichsten Farben liegen vor uns. Ich vergesse, dass noch ein kleiner Anstieg vor uns liegt, der entpuppt sich aber als harmlos und bald stehen wir auch auf dem zweiten Pass, dem Shiman-Bell-Pass. Und jetzt nur noch Abfahrt, bis zur Schlafpause. Juhu!
Und es gibt so viel zu sehen. Traumhaft. Nach vielen Kilometern über Schotter, teilweise mit Vorsicht zu befahren, da sich feste und bodenlose Schotterschichten abwechseln, passieren wir einige Hütten und Jurten. Dann rollen wir ein enges Tal entlang. Kühe auf dem Heimweg, begleitet von (friedlichen) Hunden zeigen uns, dass die nächste Siedlung wohl nicht mehr weit sein kann.
Wie üblich auch hier Kinder am Weg, die uns mit High-Five begrüßen möchten. Zwei Buben vor mir. Aber was …? Ich kann ihre Handbewegung erst nicht deuten, aber dann spüre ich was Nasses an Hals, Oberkörper und Beinen. Ich schaue an mir herunter, ich bin voll von Lehm, dieselbe Farbe, mit der die Häuser hier getüncht sind, an mir, an meinem Rad, an den Taschen. Ich lege eine Vollbremsung, lehne mein Rad an eine Wand und blicke zurück. Na wartet! Natürlich, niemand mehr da. Die beiden haben sich schleunigst verdrückt. Ich renne zurück. Nichts. Unverrichteter Dinge gehe ich zurück. Vorbei an einer daher trottenden schwarzen Kuh, die mich mit großen Augen anguckt. Ich versuche den Dreck notdürftig abzuwischen.
Etwas weiter sitzt Dmitrii (?) mit einer großen Wassermelone. Mitleidig bietet er mir ein Stück an, auch Hermann kommt zurück und fragt, was mir denn passiert ist. Ich glaube, ich habe noch nie so etwas Leckeres gegessen.
Nicht mehr weit und wir sind in Doroot Korgon.
Davor aber noch ein unerwarteter Kraftakt: Die letzten fünf flachen Kilometer haben wir Gegenwind, besser gesagt Gegen-„Sturm“. Ich komme kaum weiter, sobald ich aus Hermanns Windschatten „falle“.
Im Ort wollen wir ein Hotel oder ein Guesthouse suchen. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Zuerst füllen wir noch unsere Vorräte und Wasser auf, dann fahren wir Unterkunft-Suchen. Ohne Erfolg. Das Hotel auf Google Maps ist geschlossen, Leute, die wir unterwegs fragen, schicken uns von da nach dort, sagen uns die Namen eines Guesthouses, es gäbe ein Hinweisschild. Fündig werden wir nicht, Schilder sind in Kyrillischer Schrift, das kann ich meist nur ansatzweise bis gar nicht entziffern. Ratlos stehen wir da.
Ein anderer Radfahrer kommt auf uns zu. Er habe von Vadim einen Tipp bekommen von einem Hostel in der Nähe, das extra für uns aufmachen würde. Super! Wir sind die ersten, die eine freundliche ältere Frau einlässt. Wir suchen noch ein Restaurant, sind aber zu spät dran. Als wir zurück kommen, ist der Gang im Parterre voll mit Rädern. Wir kochen zwei der Tactical Foodpacks, unserer gefriergetrockneten Menüs. So müssen wir sie zumindest in den nächsten Tagen nicht schleppen. Eine Dusche und ein feines weiches Bett tut gut nach der (fast) durchfahrenen letzten Nacht und den kräfteraubenden Schiebekilometern heute.
Ich fühle mich gut. Fieber habe ich vermutlich keines mehr, meine Stimme klingt etwas wund, ich huste aber nur selten. Zurück muss ich also wohl nicht, wie auch, diese zwei Pässe zurück, nein danke!
Vorsprung auf die Schnecke haben wir auch … Am nächsten Morgen wird sie erst auf dem Pass vom Vortag sein und etwa 70 Teilnehmer sind auch noch hinter uns.
Und jetzt kann ich auch die Strecken wieder auf mein GPS-Gerät hochladen und bin wieder unabhängig. Ich denke, wenn ich alleine gewesen wäre, wäre das wohl ein Grund gewesen zu scratchen. Ich habe zwar eine zweite Möglichkeit des Navigierens auf dem Smartphone, aber das braucht viel Energie und die habe ich auch nicht unbegrenzt. Mein Nabendynamo arbeitet nicht so toll, wenn ich schiebe *lach*.
9 Uhr morgens, Tag 4 des Taunus Bikepacking, 11 Kilometer auf dem Tacho – klingt nicht dramatisch, wären da nicht die über fünf Stunden, die schon vergangen sind. Willkommen im Taunus, wo jedes Höhenmeterchen gefühlt ein halbes Alpenpass-Abzeichen einbringt.
Der Tag beginnt zäh: eine kleine Panne bei Stephan, den ich immer wieder treffe, haben wohl eine ähnliche Grundgeschwindigkeit (und natürlich fährt man da nicht einfach vorbei – Teamgeist vor Zeitschnitt), dann der epische Anstieg zum Pferdskopf. Wer auch immer den Stempelpunkt dort oben gesetzt hat, dachte wohl an ein Trailrunning-Event, nicht an Bikepacking. Gefühlte 20 Stockwerke später – Schweiß, Staub, Schnappatmung – wird man immerhin mit einer Aussicht belohnt, die selbst Postkarten neidisch macht.
Danach ein Rewe-Stopp in Schmitten (ja, Kalorien müssen rein – sonst bleibt man irgendwann einfach stehen), gefolgt vom gemütlichen Frühstück beim Bäcker. Schließlich will man ja nicht dehydriert oder unterkoffeiniert in die nächste Rampe rollen. Dass direkt danach ein wurzeliger Singletrail folgte, der das Vorankommen wieder in Zeitlupe verwandelte – war das Absicht oder sadistisches Streckendesign?
Und dann kam noch die Hitze. Die Art von Hitze, bei der jede Steigung zur Sauna mutiert. Der Fahrtwind war irgendwann nur noch symbolisch – und der Wunsch nach einem Planschbecken allgegenwärtig.
Tagesziel: ambitioniert – Realität: Dämpfer Also – schaffe ich es bis zur Finisher-Party am Samstag?
Mathematisch: Schwierig. Emotional: Möglich! Realistisch: Nur mit einem guten Flow, keinen Pannen, und einer ordentlichen Portion Entschlossenheit (und vielleicht einem kleinen Gebet an die Bikepacking-Götter).
Fazit: Ich bin zwar nicht schnell – aber dafür episch unterwegs. Vermutlich komme ich nicht mit persönlicher Bestzeit zur Finisher-Party, aber auf jeden Fall mit Geschichten, Schweißperlen und einer ordentlichen Dosis Taunus-Charakter im Gepäck.
Im Lauf von Tag 4 werde ich noch zigmal zweifeln, ob die Finisher Party am Samstag Abend ein realistisches Ziel sein kann.
Der Morgen beginnt mit einem klassischen Stimmungskiller: Regen. Nicht dramatisch, aber hartnäckig. Die große Entscheidung: Welche Jacke? Eine Frage, mit der ich manche beim Frühstück wohl nerve … Nach endlosem innerem Ringen entscheide ich mich für die schwerere Windjacke – woraufhin der Regen sich natürlich bald trollt. Timing deluxe, aber Taktik. Aber immerhin: ich war vorbereitet. Emotional.
Bei meinem Start, ich um 8:20, fällt die Art von Niesel, die alles irgendwie feucht macht – Kleidung, Moral, und ganz besonders das Rad, das sich binnen einer Stunde in ein rollendes Biotop verwandelt. Aber hey – der Spuk ist bald vorbei! Nur der Matsch bleibt. Und zwar überall.
Bald schon überholen mich etliche Fahrer – offenbar motiviert und voller Watt. Doch ich bleibe ruhig. Später sammele ich einige wieder ein – das ist Bikepacking, kein Sprint.
Die Wege? Matschig, rutschig, gelegentlich unter Wasser. Jesko hat das Streckendesign offenbar auf dem Einrad rückwärts geschrieben – gefühlt 80 % Singletrails, 20 % Schweiß, 100 % Herausforderung.
Zwischen den rutschigen Waldwegen, nassen Wurzeln und müden Beinen liegt immer wieder: Taunus-Idylle. Weitblicke, Lichtspiele durch Blätterdächer, ein ständiges Auf und Ab. Eine Landschaft, in der man sich verlieren kann – sowohl auf der GPX-Karte (Unkonzentriertheit wieder ein paar Meter strafweise zurück) als auch im Kopf.
Dazwischen Ablenkung: romantische Fachwerkstädtchen, wie aus dem Bilderbuch. Verwinkelte Gassen, blumengeschmückte Balkone, Kopfsteinpflaster. Ich staune – kurz – und dann geht’s weiter. Denn diese pittoresken Oasen, wie Kronberg, Eppstein oder Idstein, wechseln sich gnadenlos ab mit endlos scheinenden Wald- und Feldpassagen, die sich ziehen wie zäher Kaugummi.
Und dann sind da noch diese gnadenlosen Anstiege – wie hoch zum Kapellenberg oder zum Kaisertempel in Eppstein oder anderen Aussichtspunkten. Doch so steil sie auch sind, ich fluche kaum – denn kein Anstieg erscheint mir ohne Sinn. Jeder hat seine Aussicht, seine Magie, seinen eigenen kleinen Triumph.
Nicht ganz so magisch: Mein Garmin-Gerät, das brav den Weg zeigt – und ich, die brav… nicht hinschaut. Unkonzentriert, irgendwo falsch abgebogen. Der Klassiker. Verfahren. Zurück. Fluchen. Lachen. Weiter.
Sonntag in der Zivilisation – oder: Bikepacker betritt die feine Welt: Sonntag im Taunus. Alles hat zu. Die Bäcker schlafen, die Tankstellen träumen – nur mein Magen ist hellwach und sehr klar in seiner Kommunikation: „Jetzt. Essen. Bitte.“
Rettung! Die Hubertushütte taucht auf wie eine Fata Morgana für eine matschverschmierte Radfahrerin. Ich bremse abrupt, parke mein Bike dezent am Eingang, abschließen erachte ich als nicht notwendig, wer klaut ein so verdrecktes Rad, vollbepackt fühle ich mich wie eine Obdachlose. Mit demütig auf den Boden gerichtetem Blick hoffend auf etwas Magenfüllendes. Die Gäste – fein gekleidet, mit Weißwein in der Hand – mustern mich wie ein seltenes Wildtier auf der Durchreise. Ein Kind flüstert: „Mama, hat die im Dreck geschlafen?“ Mama zieht es vor, nicht zu antworten.
Doch dann: die Kellnerin. Ein Blick. So könne ich hier nicht rein. Bevor ich einen Fuß auf die heiligen Bretter der Außengastronomie setzen darf, kommt die Ansage: „Sie müssten sich bitte etwas säubern“; der ausgestreckte Finger in Richtung einer Hundetränke mit Wasserhahn. Ich nicke ergeben. Schließlich bin ich dankbar, dass sie nicht direkt den Kammerjäger ruft.
Ich schrubbe mich also – Gesicht, Arme, grob das, was mal Knie waren und die Schuhe, dann wage ich mich zurück.
Und ich bekomme sie. Die Spargelcremesuppe. Mit viel Brot – wahrscheinlich in der Hoffnung, ich sei dann schneller satt und verschwinde eher. Dazu eine Cola und ein Cappuccino, seltsame Kombination. Aber fast feierlich.
Nach dem Essen begebe ich mich in die sanitären Räumlichkeiten, um mich – sagen wir mal – gesellschaftskompatibler zu machen. Viel lässt sich nicht mehr retten, aber die groben Matschinseln verschwinden immerhin. Die Frisur bleibt naturbelassen.
Etwas später ein weiterer Versuch mich und das Rad an einem Brunnen notdürftig zu entmatschen – Ergebnis: ich sehe aus wie ein Mensch mit Ambitionen, das Rad hingegen bleibt in der Kategorie „Schlammkünstler des Jahres“, optisch hat’s ein wenig geholfen, technisch: eher nicht, Kettenöl später. Und wertvolle Zeit hat es mich auch gekostet.
Trotz allem: Es ist wunderschön. Der Taunus liefert. Rauf, runter, rauf, runter – ein ständiges „Hach!“ gefolgt von einem „Uff!“. Zwischen Matsch und Mühsal blitzen immer wieder diese Momente auf, in denen man denkt: „Jaaaa! Dafür bin ich hier.“
Tagesziel: mehr als erfüllt – und dann Trail Magic* beim Hangar in Michelbach. (*Trailmagic: Dieser Begriff gehört eng zum TBP, sonst ist mir der noch bei keinem Event begegnet. Die Fahrer*innen dürfen Unterstützung von außen annehmen, nur wenn sie für alle verfügbar ist; so findet man an mehreren Orten an der Strecke von Freunden mit Leckereien und Getränken ausgestattete Tische, manchmal betreut, manchmal nicht, die im Vorfeld auch nicht bekannt sind. Für uns Bikepacker*innen sind diese sehr motivierend.)
180 Kilometer, 3.800 Höhenmeter – das nennt man wohl: ordentlich geliefert. Am Abend rolle ich mit einer kleinen Gruppe in die Dunkelheit. Ziel: Flugplatz Michelbach. Was uns dort erwartet, ist fast zu schön, um wahr zu sein: ein Trail Magic, ganz offiziell, offen für alle Bikepacker.
Bratwurst, Rehsalami, Lichterkette – und das Gefühl, willkommen zu sein. Ich bekomme noch eine halbe Wurst – es ist spät, und Andreas und seine Crew sind bereits kurz vor der Nachtruhe. Versteh ich. Ich falle ja auch eher in die Kategorie Nachzügler mit Schlammkruste.
Der Schlafplatz ist spektakulär: ein Hangar, direkt neben einem historischen Flugzeug. Nur: „Schlafen“ ist ein großes Wort. Der Lärmpegel im Hangar ist… nennen wir es: lebendig. Erst das Rascheln der Biwaksäcke, dann das Schnarchen, das sich wellenartig über die Halle ausbreitet. Meine Ohrenstöpsel geben bald auf – sie fallen ständig raus, wahrscheinlich freiwillig.
Gegen Morgen: Aufbruchstimmung. Flüstern, Zipper, Schuhtapsen, das metallische Klackern von Kochern und Bechern – die Bikepacker-Welt erwacht. Ich auch. Und dann: Frühstück um 5 Uhr, mit frischem Gebäck und Kaffee – von Andreas und seinem Team mit einem Lächeln serviert, als hätten sie nicht selbst gerade nur drei Stunden geschlafen.
Tag 2 153 km/ 3100Hm, verstrichene Zeit: ca. 16h
Wolfsland, Werkzeug und Weinberge – Taunus, du Tier
Dann rolle ich los. In den frühen, kühlen Tag. Müde Beine, warmer Kaffee im Bauch – und im Kopf die Frage: Was bringt dieser Tag? Über etwas bin ich mir sicher – neue Geschichten.
Der erste Berg habe ich hinter mir. Nach Michelbach ein kurzer Hauch Zivilisation auf Asphalt, doch dann: links oben eine Burgruine.
Mir schwant Böses. Zu Recht: Es folgt eine Rampe mit über 20 % Steigung – Hohenstein. Ich trete sie hoch. Oben treffe ich erstmals auf Stefan. „Bist du hier AUCH hochgetreten?“ frage ich in heldenhafter Pose. „Nee“, sagt er trocken, „ich brauch meine Beine noch.“ Der Dämpfer sitzt. Ich versinke etwas in meinem Schweiß. Ein kleiner Dämpfer für mein Ego – dafür große Erkenntnis: Selbstüberschätzung fährt sich nicht leichter; ich höre in mich hinein, zwickt da nicht mein rechtes Knie ein wenig?
Nach Bad Schwalbach wird es einsam. Pause im Wispertal. Einsamkeit, Brotvesper, ein bisschen Selbstmitleid. Ein Ort der Stille, an dem man sich fast sicher fühlt – bis ich am nächsten Tag erfahre, dass genau hier das einzige Wolfsrudel des Taunus lebt. Zum Glück ist Sommer – das Buffet ist für die Wölfe reich gedeckt, und ich offenbar kein Menüpunkt; die Wölfe haben anderes auf dem Speiseplan als müde Radfahrerinnen mit Käsebrot.
Tags zuvor schon hatten mir glitschige Singletrails, nasser Waldboden und eine Reihe von Steilstücken den Respekt vor dem Taunus eingeimpft.
Jetzt bin ich auf dem Weg nach Nastätten – Supermarktstopp! Und was für einer: Kefir und Erdbeerkuchen. Gestärkt geht’s weiter Richtung CP1. Noch ein paar Kilometer, dann ist ein Viertel der Runde abgehakt.
Wobei… was heißt überhaupt „Runde“? Eine 1000-Kilometer-Strecke auf 75 x 35 Kilometern Fläche – ich habe ständig das Gefühl, im Kreis zu fahren. Man nähert sich Orten, entfernt sich wieder, nur um sich ihnen erneut zu nähern. Ich vermute: Streckenplaner Jesko wollte sicherstellen, dass wir wirklich jedes Tal im Taunus auswendig kennen.
Dann: zufällig ein kurzer Blick in die WhatsApp-Gruppe. Markus, den ich vom Race Around Rwanda kenne, meldet: Seine Toolbox ist weg. Wenig später biege ich vom Asphalt auf Schotter, da ragt etwas aus dem Gras. Vollbremsung. Zurück. Und da liegt sie – mindestens 1 Kilo schwer. Ich adoptiere die verstaubte Toolbox und trage sie mit in meiner schon übervollen Tasche. Über die nächsten Hügel. Für Markus.
Wenigstens muss ich sie nicht bis zum Checkpoint hochbuckeln. Und ich ahne noch nicht: Das war nicht mein letzter „Nachtrag“ in diesem Rennen. (Ach ja, Markus, wenn du das liest, ich warte noch auf den versprochenen Aperitif … *lach)
Slalom, Schleifen, Schrammen – und ein Viertel geschafft
Ein Forstweg zieht sich zäh nach oben – und genau hier ist eine Gegenverkehrszone im Rennen. Also penibel rechts bleiben. In einer Kurve rauscht mir dann auch prompt ein Mitfahrer entgegen – mit ordentlich Tempo. Nur mit einem beherzten Lenkmanöver vermeiden wir das große Double-K.O.– was für ein Bild das für Gosia, der Taunus-Bikepacking-Fotografin, gewesen wäre!
Und als Krönung: Ein Auto genau an der Abzweigung. Ich sehe sie nicht. Fahre weiter bergauf. Klar, was sonst. Bonus-Höhenmeter, ganz uneigennützig. Als ich den Fehler bemerke, ist das Extra-Training schon in den Beinen eingebucht.
Dann: Singletrail. Die Bremsen quietschen, die Brennnesseln beißen, Dornranken kratzen – ich sammele weitere Quadeln und Schrammen für meine wachsende Kollektion. Ein umgestürzter Baum verlangt akrobatische Kletterei – der Trail hat’s in sich. Wer dachte, man könne CP1 einfach so erreichen, hat den Taunus unterschätzt.
Aber dann ist es geschafft: CP1 ist versteckt, irgendwo an einer Bank. CP1 – lebendig, laut, irgendwie gemütlich rund um die Holzbank von Mehrholzblick herum. Fachgesimpel, Gelächter, ein Hauch von Erleichterung liegt in der Luft. Und Gosia (@bite.of.me) hält alles fest, auch das Aufdrücken des begehrten ersten Stempels – danke für die Bilder! Dann bergab wieder der Trail: Brennnesseln, Dornen, Kratzer, Quadeln. Ich überklettere den Baum und fluche. Es soll nicht der letzte gewesen sein.
Kaum beginnt man, sich wie ein Held zu fühlen („ein Viertel ist geschafft!“), schiebt sich die nächste Realität ins Bewusstsein: Zwei ordentliche Bergriesen stehen noch bevor, bevor ich endlich in Rüdesheim am Rhein bin – dort, wo ich in meiner Planung einst ganz naiv einen „Schlafplatz“ vorgesehen hatte.
Aber hey: Noch bin ich wach. Und unterwegs.
Aber die Erkenntnis wird sich in den nächsten Tagen noch weiter bewahrheiten: Hier im Taunus sind 100 Höhenmeter so schwer wie daheim 1000 – unbefestigt, steil, heiß. Sobald die Sonne durchkommt, wird’s brütend.
Der erste Berg startet wie ein Vorschlaghammer, wird dann lieblicher. Wald. Millionen pinkfarbene Fingerhüte säumen den Weg – fast romantisch. Die Schotterabfahrt erfordert volle Konzentration, unten übermannt mich die Müdigkeit. Powernap auf Bank – gescheitert, zu heiß. Dann rettet mich ein Bäcker: Streuselkuchen & Latte macchiato mit zwei Zucker, verdient wie ein Etappensieg.
Die Abfahrt durch die Weinberge des Rheingaus ist ein Traum. Doch der nächste Berg – die Kalte Herberge (wieso eigentlich „kalt“???) – sieht im Höhenprofil schon fies aus.
Und in Kiedrich sitzen einige Radfahrer, auch Markus und winken herüber. Ich fahre weiter. Jetzt verstehe ich, sie haben wohl den Moment des Losfahrens zur Kalten Herberge noch herausgezögert. Ich will den Berg möglichst schnell hinter mich bringen.
Und meine Vorahnung bestätigt sich: Nach Kloster Eberbach geht’s permanent +/- 17 % steil bergauf – mehrere Kilometer lang. Kerzengrad führt die Straße nach oben und verliert sich im Horizont. Es wird flacher, ich freue mich – zu früh. Das Navi pfeift mich aus der flotten Abfahrt zurück. Falsch. Ich muss zurück – hoch! Ein unscheinbarer, steiler Pfad. Ich schiebe. Bis ganz oben.
Dann aber: wirkliche Abfahrt, runter zum Rhein. Das REWE noch geöffnet – ich schlage zu. Kefir, Erdbeeren, Ananas, eine Bowl mit Gemüse und für das Frühstück vorsorglich Lattemacchiato aus der Flasche und Müllers Milchreis, ich sollte am nächsten Tag erst nach 30 Kilometern bei einem Bäcker vorbeikommen. Vor dem Laden treffe ich Dani und Max, wir essen auf dem Boden wie Picknick-Punks. Ich prahle mit meinem Planungswissen: Der Grillplatz sei locker erreichbar. Alle überzeugt.
Und tatsächlich: Die Weinberge lassen sich im Abendlicht leichter erklimmen, die Aussicht motiviert: Burgruine Ehrenfels, glitzernder Rhein, Niederwalddenkmal. Den Grillplatz erreiche ich bei Dämmerung (es ist schon fast 22 Uhr) – Max und Stephan richten sich grad häuslich ein. Ich stelle mein Zelt in der Nähe auf. Der Boden ist durchwühlt – Wildschweine waren wohl schon beim Abendessen. Ich hoffe, sie haben jetzt Feierabend.
Tag 3 161km/ 3200Hm; verstrichene Zeit: ca 17h
Etappenbericht mit Wildschweinpanik und Geleebonbon-Magie
Die Nacht? Nicht gerade ein Wellness-Retreat. Ohne mein abendliches Leseritual komme ich kaum in den Schlafmodus – wie soll der Geist ruhen, wenn er auf Seite 200 hängen geblieben ist? Stattdessen liege ich wach und horchte auf jedes Geräusch, das potenziell von wildgewordenen Wildschweinen stammen könnte, die um mein Zelt herum breakdancen – vermutlich mit meinen Radschuhen im Maul. Szenario des Grauens: Ich, auf dem Bike, in Flipflops.
Noch vor dem Wecker zwitschern mich die Vögel wach. Ich packe mein Häuschen zusammen, frühstücke meinen traditionellen Milchreis (Reis mit Charakter!), und brauche fast eine Stunde, bis ich abfahrtsbereit bin – Weltrekord im gemütlichen Rumsortieren. Dann geht’s los, gemeinsam mit Stephan.
Erst geht’s runter nach Assmannshausen ans Rheinufer – herrlich! Dann wieder hoch – weniger herrlich. Aber mit Gequatsche vergeht die steile Rampe irgendwie schneller. 12 Grad und frische Morgenluft – schreien förmlich nach Bäckerpause. Unterwegs finde ich ein Paar Handschuhe auf dem Trail. Offenbar ist es mein Schicksal, anderen ihr Zeug hinterherzutragen. Beim Bäcker klärt sich das Rätsel: Sie gehören Markus, dem Mann, der seinen Radrahmen selbst gebaut hat und später an seinen etwas abgefahrenen Reifen rumbasteln wird.
Meine Knie motzen etwas – die sind offenbar auch keine Fans von steilen Schotterauffahrten und holprigen Singletrails. Die Abfahrten fahre ich mit der Vorsicht einer Katze, die gerade einen Gurkenschatten gesehen hat. In den letzten Tagen sind zwei Mitfahrer gestürzt – Guy hat sich Hemd, Hose und Haut ruiniert, letzteres wird wohl heilen, die anderen beiden sind wohl hin. Manfred liegt im Krankenhaus. Schaltauge hin, Motivation noch da, aber er wird wohl scratchen müssen. Also: Vorsichtig!
Es ist viel steil, viel wild, wenig zügig. Eigentlich wollte ich heute Richtung Checkpoint kommen. Stattdessen: 5,5 Stunden für 50 km. Und dann – plötzlich mitten im Wald – Trailmagic! Ein Biertisch mit leckeren Sachen und Getränken, aufgestellt von der Mama von @hey.hannanah. Ganz ehrlich: Die Gelee-Bonbons waren die wahren Energiespender dieses Tages.
Aber irgendwie läuft’s trotzdem nicht so. Wieder ein Aufstieg, dann ein Bachtal bei Sauerthal – matschig, zugewachsen, wie durch grünen Pudding fahren. Ich verpasse dreimal die Einfahrt. Das kann doch nicht sein, da entlang? Die Motivation? Hat wohl den letzten Abzweig verpasst. Dann will ich beim Fahren die GoPro einschalten – fast lege ich mich hin. Ich lerne: Multitasking ist ein Mythos.
Kurz vor Lorch dann – Erlösung: Ein Rewe! Dort sammeln sich ein paar Mitfahrer, wir klagen uns gegenseitig unser Leid und trinken, ich Kefir, auf die harte Realität. Danach geht’s steil die Weinberge hoch – bei der Hitze eine Mischung aus Sauna und Schinderei. Drei Berge rauf, drei wieder runter – gegenüber am Rhein dasselbe Schloss von morgens – vor den drei Bergen. Hätte man auch mit der Fähre oder am Ufer entlang machen können … aber wo bleibt da das Drama?
Fast 500 Höhenmeter in der Mittagshitze – Schatten ist Luxus, der hier nicht geliefert wird. Mediterranes Feeling. Danach: Felder, Wälder, Getreide bis zum Horizont. Gerade Rewestopp – Ananas, Kefir und zwei Gurken (mein Gourmetmoment). Vor mir: 70 km Einsamkeit bis zum nächsten Versorgungspunkt und Hoffnung auf Rückenwind, der bei diesem Höhenprofil höchstens Kühlung bringen würde.
Bei der größten Mittagshitze taucht in Patersberg der auf meiner Planung notierte Dorfautomat auf. Meine Rettung. Ich lechze nach einem Lattemacchiato oder ähnlichem. Es gibt eine Dose Eiskaffee. Himmlischer Motivationsschub.
Eine Gruppe Mitleidender kreist in dieser Zeit umeinander. Einmal ist Dani vor oder Stephan oder …, dann wieder wer anders, dann sitzt einer wieder im Schatten einer Bank und ich löse ihn dort ab, um selber den Körper etwas runter zu kühlen und mit Gurken, Käse und Brezel die Reserven aufzufüllen. Ausrede zur x-ten Pause. Qualvoll an einem Waldschwimmbad vorbei zu fahren und die kreischenden Kinder dort zu hören, Ohren zuhalten geht leider auch nicht.
Nach dem Mittags-Rewe dann Frust deluxe – 11 Stunden für müde 100 km. Will man eigentlich nicht auf Strava hochladen. Doch dann: sanftes Auf und Ab über Wiesen und Felder – fast meditativ. Rewe in Hausen an der Aar: Großes Schlemmen mit Fetasalat, Brezel, Limettencreme und Melone. Schlaraffenland auf 7-EURO-Budget. Noch 40 km zum Schlafplatz – läuft plötzlich flüssig. Mit dabei: Stefan. Wir bauen gegenseitig unsere Motivation auf. Zwei Frauen weisen uns kurz vor Dämmerung zu einem Sportplatz mit Grill-Hütte. Unser Camp für die Nacht. Staubig, aber gemütlich. Vor dem Schlafengehen gönne ich mir eine Katzenwäsche mit dem kostbaren Trinkwasser, sparsam auf ein Funktionstuch geträufelt – so füge ich mich mit meinem nur halb erfrischten Körper nahtlos in die staubige Hütte ein.
Und: Endlich mal wieder geschlafen! Fünf volle Stunden, was nach den letzten Nächten nach Luxusklasse klingt. Wecker um halb fünf, schnelles Packen (eine ganze Stunde!), Milchreis und Flaschen-Latte – auf geht’s in einen hoffentlich weniger frustrierenden Tag! Die Hoffnung stirbt aber wohl zuletzt …
Tag 4 151km/ 2800 Hm; verstrichene Zeit ca. 16h
Halbzeit mit Umwegen
Nach einem ersten Tag mit Raketenstart, einem zweiten mit solidem Flow und einem dritten, der sich eher nach Kaugummi anfühlte (bis zumindest km 100), starte ich heute guten Mutes in Tag 4. CP2 steht auf dem Plan, und damit die heiß ersehnte Streckenhälfte. Das Wetter? Postkartenwürdig. Los geht’s!
Wasser habe ich kaum noch, aber mein Zwischenstopp auf dem Friedhof gilt nur der blitzschnellen Katzenwäsche (bitte kein Publikum – ich fühle mich dabei schon schuldig genug). Trinken? Lieber nicht. Ich habe auf WhatsApp gelesen, dass einige Mitfahrer*innen mit üblen Magenproblemen kämpfen. Brunnen meide ich konsequent – angeblich oft nur Umlaufwasser. Vertrauen sieht anders aus.
Bei Sonnenaufgang treffe ich auf erste Frühaufsteher – vor allem tierische. Neugierige Pferdchen schauen mir hinterher, ein Igel erstarrt am Straßenrand zu einer stacheligen Statue. Ich bin unterwegs von Schmitten auf den Pferdskopf und denke dabei schon sehnsüchtig ans Frühstück. Doch erstmal stehen mir noch ein paar flache Kilometer bevor – und mitten drauf: Stephan. Neben seinem Rad. Mit Platten. Ich frage im Vorbeifahren: „Hast du alles?“ – „Ja“, sagt er.
Doch dann: Vollbremsung. Mein innerer Dialog läuft auf Hochtouren: „Fahr weiter, das ist ein unsupportetes Rennen, du darfst eh nicht helfen.“ „Ja, aber … du bist schon mit ihm gefahren … willst du jetzt echt so ein Schuft sein?“ Kurz: Ich drehe um. Biete meine Standpumpe an (von „helfen“ kann man bei meiner Technikkenntnis kaum sprechen). Aber mit ein paar Handgriffen läuft das Ding bald wieder, „pronto“ für den letzten Kilometer.
Der zweite Stempel lässt sich nicht lumpen: 20 Etagen (gefühlte) geht’s zur Turmplattform. Aber die Aussicht? Kino. In der Ferne grüßt der Große Feldberg – und auf meinem GPS lade ich Track 3 von 4. Halbzeit.
Abfahrt zurück nach Schmitten. Unterwegs treffe ich Nina – ohne zu ahnen, welche Rolle sie später noch spielen wird. Rewe macht gerade auf – Stephan sei Dank, sonst wäre ich wohl hungrig weitergerollt. Eine Flasche Kefir auf Ex (sonst nie mein Ding, aber mein Körper verlangt es wie ein Teenie nach TikTok). Ich decke mich ein, denn 50 km ohne Verpflegung stehen bevor. Stephan klagt derweil über seine Schaltung – sie springt nun fröhlich in die kleinen Gänge. Ich erinnere mich dunkel an einen Tipp meines Mechanikers: „Schräubchen nach links – oder rechts – halbe Umdrehung, dann wieder zurück, oder so?“ Versuch macht klug – und siehe da: es hilft! Ich gönne mir zur Belohnung süße Teilchen beim Bäcker und einen Latte Macchiato (mit zwei Zucker).
WhatsApp, FollowMyChallenge – ein kurzer Blick aufs Rennen. Plötzlich steht Stephan wieder da. Nun zicken die großen Gänge. Er will auf den Radladen warten. Ich fahre weiter – Zeit und Kilometer schreien Alarm. Fünf Stunden rum, erst 11 km geschafft. Wenn das so weitergeht, bin ich zur Finisher-Party nicht vor Ort.
Dann geht’s richtig ins Gelände: Singletrail. Ich bin langsam, sehr langsam. Wälder, Felder, Tiere, Hitze – alles wie gemalt, nur dass das Bild zu kleben scheint.
Dann, kaum 30 km nach CP2, fällt mein Blick auf ein Schild am Straßenrand, in Neonfarben (erregt die Aufmerksamkeit auch des müdesten Hirns). „Trail Magic: Free Food. Free Toilet. Free Coffee. Free Shower. Free Safe Place to Sleep.“
Letzteres streiche ich – es ist noch nicht mal Mittag. Aber Dusche … nach dreieinhalb Tagen? Ich hoffe, das ist kein Hitzedelirium. Und siehe da: es ist echt! Ein Wohnhaus direkt an der Strecke. Davor: Ramon, Röttger, Markus, Bernd, zwei Trailangels und ein Buffet, das jedem Schlaraffenland die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ich ziehe meine „virtuelle Nummer“ – Anstellen zur Dusche – und stärke mich derweil mit Brötchen, Kaffee, Obst, Süßem, Getränken.
Dann: Duschen. Mit allem, was ich anhabe (außer den Schuhen) besteige ich den Sehnsuchtsort. Komplett. Trocknen später am Rad: Socken, Hose, Shirt – alles kunstvoll verknotet und an der Packtasche verzurrt, damit nichts in die Speichen wandert.
Zum lustigen Treiben hier kann ich zur guten Stimmung beitragen: Anekdote vom Tag zuvor, die Runde in Pfaffenwiesbach verkugelt sich vor Lachen: Geisenheim am Nachmittag. Ein Mann steht an einer Ecke, Smartphone in der Hand, auf dem Asphalt vor ihm mit Kreide die Nummern „77“ und „14“ notiert. Ich nutze die Situation meine Beinen nach dem letzten Berg eine kurze Pause zu gönnen: Ich frage vorsichtig: „Warten Sie auf einen Taunus-Bikepacker?“ Er nickt. „Ja, auf die 77“. Ich weiß dessen Namen nicht, deshalb frage ich nach. Ich verstehe etwas, was wie Hermann klingt. Hermann? Ich überlege kurz. „Oh, cool, so heißt mein Mann auch. Im Rennen gibt’s allerdings keinen Hermann. Aber ich sage lieber nichts – vielleicht bin ich ja verwirrter als gedacht. Später werfe ich einen Blick ins Tracking: Nummer 77 – das ist Ramon. Nicht Hermann. Nur fast. Als ich den „Hermann-Moment“ schildere, bricht die Runde in schallendes Gelächter aus. Seither hört man immer wieder ein neckisches: „Na, Hermann, wie läuft’s?“ Ramon nimmt’s mit Humor.
Ich breche auf – schweren Herzens. Ich warte aber noch auf die unter Riesenapplaus stattfindende Ankunft von Nina. Im Getümmel mache ich mich davon.
Es ist Mittag. Nach fast sieben Stunden bin ich gerade einmal 41 Kilometer weit gekommen. Ob das noch aufzuholen ist?
Der Taunus – friedlich, sauber, als hätte ihn jemand morgens mit dem Mikrofasertuch poliert. Eine ansteckende Ruhe liegt über allem. Mal Weite wie im Wüstenfilm, dann wieder Wald, so dicht, dass man glaubt, gleich in einem Märchenwald auf eine Gruppe sprechender Rehe zu treffen. Überall Schutzhütten – auf drei Seiten geschützt, vorne offen. Ein Zelt? Hätte ich mir glatt sparen können! (Allerdings sind einige der Hütten schon besetzt, wenn ich abends vorbeikomme).
Kleine Orte tauchen auf, mit überraschend vielen netten Menschen. Ich schwöre, in den Bäckereien des Taunus sind alle Mitarbeiter*innen Teilzeit-Engel – inklusive der Dame, die mir den Löffel persönlich über die Treppe entgegenträgt. Mein Gesicht muss nach „plattgekochter Radfahrer“ geschrien haben.
Was die Wege angeht, scheint es im Taunus ein Gesetz zu geben: Keine Steigung unter 14%. Wenn’s mal sanft bergauf geht, ist das wohl ein Versehen. Nach 11.000 Höhenmetern melden meine Beine übrigens offiziell Insolvenz an. Und wenn’s steiler wird, dann absteigen. Oder stürzen – was sich bei mir in die Brennnesseln und Disteln manifestiert hat. Danke, liebe Natur, für dieses brennend-juckende Andenken.
Heute ist’s warm. Wieder. Diesig obendrein. Ich trödele nach dem himmlischen Trailmagic-Stopp in einem flatternden Shirt weiter – radmodisch fragwürdig, aber angenehm luftig. Es geht hügelig weiter, keine ernstzunehmenden Berge im Moment. Dafür ist es schon Mittag, und ich habe nicht mal 50 Kilometer geschafft. Mein Tagessoll winkt mir im Rückspiegel zu (sofern ich einen hätte) und verschwindet lachend in der Ferne. Und meine Ankunft am Freitagabend? Die kann ich mir langsam abschminken.
Der Große Feldberg guckt immer wieder um die Ecke, mal näher, mal wie ein ferner Mythos. Der letzte und höchste Berg, ca. 30 Kilometer vor dem Ziel. Ganz ehrlich? Ich fang jetzt schon an, mit ihm zu verhandeln – wird er mir wohlgesinnt sein?
Straßenstücke sind ein Wechselbad der Gefühle: Freue ich mich über schönen Asphalt, kommt garantiert ein Abbiegehinweis in den Schotterhorror. Umgekehrt biege ich missmutig in den nächsten Weg ein – und lande plötzlich auf frischem, glattem Teer. Taunus, du alter Trickser.
Und dann: Dani. Immer wieder mal begegnet er mir – und ist dann plötzlich wieder weg. Ich vermute magische Tarnfähigkeiten seines blau-rot-karierten Hemds.
In der Nachmittagsglut habe ich eine Halluzination: Auf der Wiese steht ein Kamel. Kein Witz. Ich bin kurz davor, es nach dem Weg zu fragen.
Bad Camberg empfängt mich am späten Nachmittag nach nicht einmal 100 Kilometern mit offenen Armen – und einem Supermarkt. Großeinkauf deluxe: Abendessen für sofort, Frühstück für später.
Ich glaube es war hier, bin mir aber vor lauter Schleifen und Fast-Kreisen nicht mehr sicher: Bei der Erwähnung, dass ich nach Limburg müsse, bekomme ich die Info, das sei eh nur noch 5 Kilometer bergab. Dass ich aber noch über 200 Kilometer vor mir habe dorthin, verschwieg ich lieber. Nicht, dass ich noch als „Plemm-Plemm“ erkannt werde …
Der Weg zum Schlafplatz zieht sich wie Kaugummi auf Asphalt. Die Sonne hängt tief, die Felder rumpeln wild unter den Reifen, und ich schleppe mich wie ein müder Esel durchs Gelände. Als die Dämmerung sich anschleicht, checke ich schnell „FollowMyChallenge“ – Dani hat das Dörsbachtal schon hinter sich. Und das Ding verspricht Schiebe-Passagen und Singletrails. Nichts für Nachteulen.
Ich finde einen Grillplatz auf der Abfahrt ins Dörsbachtal – versteckt für müde Held*innen. Scharfe Rechtskurve, ein paar Meter runter, hinter Bäumen: Jackpot. Zelt aufgebaut, na ja, irgendwie. Der Boden ist härter als meine Motivation bei 38 Grad – die Heringe stecken eher symbolisch. Mein Zelt hängt wie eine alte Hängematte im Wind, und ich muss aufpassen, dass ich es nachts nicht mit einer unbedachten Bewegung einreiße. Am Morgen: so nahe am Fluss alles klatschnass vom Tau. Zelt, Schlafsack, Laune.
Aber hey – ich bin noch da. Und das ist doch schon mal was!
Tag 5 142km/ 2900 Hm, verstrichene Zeit ca. 15h
Von Feuchtigkeit, Feiertagen und faltbarer Pizza
Der Tag beginnt wie jeder gute Campingmorgen: mit klatschnassem Zelt, feuchtem Schlafsack und dem Gefühl, das Gewicht meiner Fehler auf dem Rücken zu tragen – nämlich Schlafplatz am Fluss. Aber hey, wenigstens ist das Frühstück trocken.
Ich starte mit leichtem Bammel in den „technischen Abschnitt“, der sich dann als harmloser herausstellt als mein letzter Versuch, den Zeltboden einzuschlagen. Gut so – schwere Abschnitte würden mich heute eher in die Knie zwingen als motivieren.
In Singhofen hoffe ich auf Brot und Gebäck, aber der Bäcker hat geschlossen. Um 6 Uhr morgens. Gibt es etwas wie Taunus-Zeit? Also nach Lust und Laune? Beim Supermarkt ein paar Meter weiter warten zwei rauchende Damen auf ihren Arbeitsbeginn – oder das Ende der Raucherpause, wer weiß. Auf meine Frage nach dem anderen Bäcker folgt die erstaunliche Nachricht: „Der macht heute gar nicht auf.“ Warum, verstehe ich erst später. Spoiler: Feiertag. Nicht bei mir, aber offenbar hier überall.
Ein paar Jungs überholen mich. Ich dachte, die sind schon über alle Berge.
Und grad ein lustiges Ortsschild: „Berg“, das ist ganz ja was neues …
Ich scheine etwas verzweifelt ausgesehen zu haben – darf zumindest im Kunden-WC meine Trinkblase auffüllen. Ein Segen! Die vollen Brotkisten im Geschäft schauen mich an wie Sirenen Odysseus. Aber Regeln sind Regeln. Noch geschlossen ist geschlossen.
Kurz danach hole ich Stephan ein, der die Nacht mit raschelnden Mitbewohnern (Mäusen!) in einer Hütte verbracht hat. Ich beneide ihn nicht. Der Dorfladen in Gemmerich, mein letzter Hoffnungsschimmer auf Frühstück, ist natürlich auch zu. Stephan schaut mich an: „Heute ist doch Feiertag.“ Ich so: „Bitte was?!“ In meiner Welt war das ein stinknormaler Donnerstag.
Essen? Wasser? Ach ja. Ich habe ja noch meine Notration dabei – seit vier Tagen transportiere ich sie wie einen Schatz über jeden Hügel: Datteln, Nüsse, Knoppers von fragwürdiger Konsistenz. Ich bin nun mal ein Hamstertyp – lieber zehn Riegel zu viel als einer zu wenig. Ein Teil davon wird übrigens die komplette Tour mitfahren und am Ende ungeöffnet zurückkehren. Treue Begleiter.
In Wellmich am Rhein ignoriere ich den Hinweis auf meiner Planung – zur Tankstelle (2 km Umweg? Nein danke!) und klettere lieber direkt nach oben – ein Entschluss, der sich auszahlt: In Lykershausen wartet der heilige Gral des Tages: DER Kiosk! Offen! Für uns Bikepacker! Günter, der Hüter der Snacks, zaubert Wurst- und Käse-Brote, Kaffee, Getränke – ich weine fast vor Dankbarkeit.
Doch der Berg ruft, und so rolle ich wieder runter an den Rhein, durch Braubach (wirklich sehr pittoresk) und wieder rauf in den Wald. Schön schattig – gut, denn eine Müdigkeitsattacke deluxe zwingt mich zu einem 10-Minuten-Nickerchen auf einer Parkbank. Luxusreise halt. Klammer auf: Dass ich Minuten zuvor einen Elch an der Strecke gesehen habe, erzähle ich lieber niemandem. Klammer zu. (entpuppte sich sowieso als ein Ast im Gebüsch)
In Dachsenhausen gibt’s an der Tanke das volle Programm: Eis, Haribo, noch ein Eis. Ich nähere mich gefährlich der Kalorienbilanz eines Kleinkindgeburtstags.
Die Abfahrt auf der alten Bahntrasse ist ein Träumchen – und plötzlich: das Lahntal! Damit auch der letzte Checkpoint in greifbarer Nähe. Doch vorher gilt es, sich durch Bad Ems zu quälen – vorbei an Menschen in Kanus, auf SUPs, beim Baden oder Flanieren. Alle scheinen im Urlaub zu sein. Ich schwitze derweil literweise und fluche innerlich. Der Aufstieg zum Malberg-Turm ist weniger ein Anstieg, mehr ein Hindernislauf mit Klettereinlagen über gefällte oder geknickte Bäume.
Oben dann die Belohnung: Aussicht! Turm! Checkpoint 3! Und ein kühler Trail, der mich nach Nassau führt – zur Eispause und einem kurzen Italienischplausch mit den Besitzern der Gelateria, die aus dem Raum Treviso kommen, genauer aus Conegliano.
Ich frage den Sohn der Gastwirte auf Italienisch, ob ich mich etwas frisch machen dürfe. Er schaut mich entgeistert an. Ich frage nochmal, nun auf Deutsch. Da löst er sich aus seiner Erstarrung und fragt mich, ob ich grad Italienisch mit ihm gesprochen habe. Was Unerwartetes mit einem macht. Und ich dachte, nur mein Hirn sei heute nicht mehr ganz frisch.
Stephan ist auch da – nebenan, bestellt Pizza. Ich mache es andersrum: erst Eis, dann Pizza. Mein Fehler.
Denn die Pizza dauert. Und dauert. Und… ja, ich werde vergessen. Irgendwann packe ich beleidigt das Ding mitsamt Karton zusammen – faltbares Abendessen to go – und fahre weiter. Einmal quer über den nächsten Berg Richtung Laurenburg.
Stephan und ich rollen gemeinsam über die Trails, die Dämmerung setzt ein, und ich suche verzweifelt ein Plätzchen fürs Zelt. Ein schöner Grillplatz? Von einer Großfamilie belagert. Okay, Plan B: der Campingplatz „Zum Lahntal“.
Zelten? Direkt am Fluss, viel zu feucht. Hotelzimmer? Alle ausgebucht. Aber ich kenne den Trick – aus einem von Markus‘ Videos. Ich frage scheinbar ahnungslos nach einem „Plätzchen“ zum Schlafen – und lande, wie erhofft, im Dachboden. Trockener Boden, Wäscheleine für mein Zelt, Dusche (die zweite in Folge – dekadent!), ein paar Stunden erholsamer Schlaf. Zuvor zwingt mich der Hunger noch die mit dem Kartonboden verbackene Klapp-Pizza zu genießen. Und dadurch verdränge ich auch, dass ich heute nur etwas mehr als 140 Kilometer zurückgelegt habe.
Am nächsten Morgen läuft alles wie am Schnürchen. Milchreis zum Frühstück, dazu der Latte Macchiato von der Tankstelle (seit Stunden körperwarm). Und dann: weiter geht’s.
Denn es ist ja nur noch… wie viel eigentlich?
Tag 6 153km/ 2800Hm, verstrichene Zeit ca.15h
Von Wiesenfallen, belgischen Brocken und flaschenkluger Pfandwirtschaft (Distanz? Viele Kilometer. Höhenmeter? Auch viele. Erinnerungen? Unbezahlbar.)
Ich denke beim Abfahren schon ans Ankommen – ganz klar ein Motivationsfehler. Durchfahren über Nacht? Nee. Dann verpasse ich ja all die Natur- und Kulturschönheiten – und vor allem: die Bäckereien! Und die Wurstbrot-Jausen fremder Frauen. Aber dazu später.
Die Beine fühlen sich heute erstaunlich frisch an, aber ich vertraue dem Braten nicht. Wahrscheinlich ist das bloß Adrenalin, weil mein Rad beim ersten Fotostopp direkt mal wieder umkippt. Schwupps – eine neue Schramme auf meinem Bein, das langsam aussieht wie die Oberfläche eines alten Wanderstocks.
Der Morgennebel an der Lahn sorgt für mystische Stimmung, fast schon romantisch.
Plötzlich in der Ferne, auf einer rasanten Abfahrt: ein bekanntes Gesicht! Volker! Aus den Augenwinkeln kann ich nichts näheres erkennen. Später wird er mir beichten, dass er in dem Moment splitterfasernackt war. Ich bin froh, dass ich nicht genauer hingeschaut habe. Und noch froher, dass die Kamera das Ganze nur ungefähr eingefangen hat (bei Minute xy, aber das bleibt unser Geheimnis).
Wieder treffe ich Stephan – es wird schon zur Routine.
Vor Limburg dann mein Klassiker: ein Navigationsverhauer. Mein Garmin piepst empört, aber ich ignoriere es, wie man eben einen nervigen Beifahrer ignoriert. Und nehme ich eine „Abkürzung“ über eine frisch gemähte Wiese. Großer Fehler.
„Gabi, Haaaalt!“ ruft Stephan noch – zu spät. Ich blicke an meinem Rad hinab: Heuhalme haben sich liebevoll, aber gnadenlos um die Kassette geschlungen – jeder Zahn mit einem individuellen Grashut dekoriert. Nichts geht mehr. Stephan zückt eine Zange und hilft mir beim Grasschnitt am Bike. Partnerhilfe geglückt – zumindest moralisch. DSQ? Jesko? Ich sag einfach mal: kreativ gelöst. Lektion gelernt: Eisstiele nicht wegwerfen – die eignen sich hervorragend zur Grashalm-Operation. Und noch was, Abkürzungen rächen sich. Zumindest enden 10 Meter Abkürzung wohl nicht in einem DSQ (=Disqualifikation, in diesem Moment ein unaussprechlicher Zungenbrecher).
Dann endlich Limburg – eine Stadt wie aus dem Modellbaukasten: Fachwerk, Gässchen, zum Glück ist es noch zu früh für Touristen mit Selfiesticks. Wir suchen verzweifelt einen Rewe, bis uns ein Mann mit Brötchentüte erleuchtet: „Gleich um die Ecke!“ Und tatsächlich – nicht irgendein Bäcker, die Kunstbäckerei Hensel! Ich kann mich nicht entscheiden und nehme einfach drei Stücke plus Latte Macchiato. Danach nochmal rein – wegen des Belgischen Brockens. Ein Gebäck wie ein Gedicht. „Wers nicht kennt, hat was verpennt“, sagt der Bäcker. Recht hat er. Wer es wissen will, es ist ein Gebäck mit mittendrin einem Schokoschaumkuss, um nicht zu sagen M….kopf. Sowas von lecker!
Zurück auf der Straße – ich, fahrender Wäscheständer und nun auch mobiler Pfandcontainer. Nachdem mich Stephan früh belehrt hat, Flaschen neben den Mülleimer zu stellen. Nicht, weil er heimlich Müllliebhaber ist, sondern wegen des Pfands. Ich schimpfte ihn vor Tagen Umweltbanause – Pfand auf fast alles gibt es bei uns nämlich nicht. Ich sammele jedenfalls seither Flaschen wie andere Leute Pilze. Meine Supermarkteinkäufe finanziere ich bald ausschließlich über Joghurtflaschen. Einmal finde ich sogar eine Flasche am Wegesrand – Jackpot!
Mein Körper ruft plötzlich: Kefir! Gurken! (Ja, das sind die echten Gelüste eines Bikepackers.) Ein Supermarkt erscheint wie ein Wunder. Ich bleibe abrupt stehen, ein Rentnerpaar in SUV fühlt sich dadurch emotional verletzt und zeigt mir den Vogel. Ich winke freundlich. Vielleicht gehören wir ja alle zur selben Risikogruppe, Pensionisten …
Vor dem Laden: Ramon. Immer da, wo man nicht mit ihm rechnet. Wir tauschen kurze müde Blicke und Pfandflaschen. *lach!
Es folgt ein wunderbarer Lahnradweg. Aber zu viel Schönheit macht schläfrig – wahrscheinlich wusste das auch Jesko, denn kurz darauf geht’s wieder giftig bergauf. Musik? Hörbuch? Hab ich alles dabei, aber ich fahre lieber im Schweigen mit meinem Leid. Und manchmal sogar mit Würde.
In Braunfels: Eis-Zwangspause. Es ist heiß. Röttger und Ramon rauschen weiter. Ich bleibe kleben – wortwörtlich.
Später, in einem stickig-heißen Dorfanstieg, sitzt eine Frau in der prallen Sonne und isst ein Wurstbrot. Ich bremse abrupt – kleiner Plausch gefällig? Im Rhythmus fahre ich vor lauter Stopps eh nicht, so kommt es auf einen weiteren auch nicht an. Monika, wie ich später erfahre, beobachtet seit einem Tag alle vorbeifahrenden Bikepacker. Fangfrage: „Na, wer bin ich?“ – „Gabi natürlich.“ Na also!
Kurz danach noch Dagmar, ihre Freundin – auf Dotwatcher-Radtour. Ich liebe diese Begegnungen. Ohne Hetze und ständige Uhr-im-Nacken-Attitüde wäre sowas kaum möglich.
Powernap auf Bank. Dann ein Interview bei Tom. Niels lauert im Gebüsch und knipst ein Paparazzi-Foto – ich hatte meine Frisur nicht gerichtet! Skandal.
Wetzlar: Ich drehe hitzetrunken Kreise im Kreisverkehr auf der Suche nach Rewe an der Tankstelle. Drinnen: angenehm klimatisiert. Leider kein Milchreis. Kein Latte. Keine Gurken. Dafür aber: Röttger und Ramon. Schon wieder!
Das wird auch das letzte Mal sein, dass ich die beiden sehe. Sie ziehen durch – Nachtfahrt! Ich nicht. Ich fahre nochmal über eine Wiese. Dieses Mal legal – und falle trotzdem, Fuß im Klickpedal falsch belastet und hänge fest, bis zum bitteren Ende, sprich Boden. Knie blutig, Stolz zerknittert. Ich fluche leise, schimpfe auf Schwerkraft und Konzentrationsmangel.
Auch am Nachmittag finde ich keinen echten Rhythmus mehr. Es ist heiß, die Felder scheinen zu flimmern, und die Sonne hat sich heute offenbar ein „Grillen“-Programm vorgenommen – mit mir als Bratwurst.
Irgendwann finde ich Stephan wieder. Gemeinsam rollen wir in die Dämmerung. Dann – wie bestellt – ein riesiges überdachtes Gebäude am Sportplatz in Oberkleen. Perfekt für eine zeltlose Nacht. Trockener Boden, kein Tau, keine Schnaken.
Ein Luxusbett aus Beton – was will man mehr?
Die letzten Stunden 77km/ 1500 Hm, verstrichene Zeit: 7,5h
Letzter Tag – Frühstart, Feldberg-Finale und das gezähmte Tier Taunus
Gegen drei Uhr wache ich frierend auf – so richtig bibbernd. Irgendwas zwischen Eskimo und Tiefkühlpizza. Schlafsack zu dünn? Körper zu durchgefroren? Egal. Ich pelle mich wie ein müder Burrito aus dem Zelt (okay, von der Isomatte) und beschließe: Packen. Fahren. Vielleicht gibt’s ja Frühstück im Ziel?
Hah! In meiner gewohnt optimistischen Selbstüberschätzung denke ich, ich wäre in ein paar Stunden durch. Kleiner Denkfehler: Vor mir liegen noch drei echte Berge. Nicht so Huppelchen wie neulich, sondern echte, ehrliche, schweißtreibende Anstiege.
Und trotzdem: Frühstück um 10:30 Uhr zählt doch noch, oder? Zumindest, wenn man nachts um drei startet.
Ich fahre los – in die Dunkelheit. Und prompt… in die falsche Richtung. Klassischer Start. Wieder umgedreht, dann richtig. Es ist stockdunkel auf dem Trail, also schalte ich zur SON-Lampe auch noch die Lupine-Helmlampe ein – Licht für ein ganzes Dorf. Bloß keinen Sturz jetzt, nicht so kurz vorm Ziel. Meine Schienbeine haben eh schon das komplette Kratzer-Panorama.
Der Weg führt mich über den Hausberg, den Winterstein und – last but not least – den Großen Feldberg, den Chef im Ring. Dazwischen? Noch ein paar Höhenmeter zum Nachtisch. Aber hey – runter geht’s danach angeblich von ganz allein.
Gerade dämmert es, als ich an einem tief schlafenden Henning vorbeikomme – drapiert wie Dornröschen auf dem Tisch einer Schutzhütte. Ich schleiche vorbei wie ein Ninja auf Reifen. Followmychallenge sagt: Henning confirmed. Ich lasse ihn schlafen. Verdient.
Der Winterstein überrascht mit einer Downhillstrecke – allerdings in der falschen Richtung. Ich schiebe wie eine Touristin mit Kinderwagen in den Alpen. Immerhin kein Gegenverkehr – außer einem Eichhörnchen, das mich offensichtlich auslacht.
Dann: Frühstück in Köppern. Nicht geschenkt, aber verdient. Der Feldberg ruft. Laut.
Der Trail startet vielversprechend: große Steine, knifflige Linienwahl, Puls auf Anschlag. Dann treffe ich Kilian, der tiefenentspannt noch Fotos im verzauberten Märchenwald macht und mir. Ich sehe wohl aus wie die wilde Hilde auf dem letzten Loch pfeifend.
Und plötzlich: Asphalt! Halleluja! Ich leere meine halbleere Wasserflasche – immerhin hab ich noch eine 1-Liter-Pfandflasche im Gepäck. Natürlich. Denn Gabi hamstert. Nicht weil ich Paranoia habe, sondern Planungssicherheit!
Dann kommt sie: die letzte steile Rampe. Kein Mensch würde hier freiwillig rauflaufen – ich muss sie raufschieben. Endgegner-Style. Hinter der nächsten Kurve endlich: der Fernmeldeturm auf dem Großen Feldberg. Ich hab’s fast!
Ein kurzer Plausch mit Stefan auf dem Rennrad – der mit seinem Bianchi offensichtlich nicht gerade vom Winterstein kommt – und dann ab in die Abfahrt. Nur noch 25 Kilometer Schotter und eine kleine Kuppe. Denke ich zumindest.
Doch da steht sie: die letzte Rampe. Kerzengerade, endlos, steil wie das Schuldgefühl beim Pfandflaschenvergessen. Das ist keine Kuppe. Das ist Mord in Kiesform. Ich fluch-leide mich hoch.
Und dann… dann ist es wirklich geschafft.
Ich fliege den The Eppstein Project Campingplatz hoch – fast wie auf Wolken, wenn Wolken aus Staub und Schweiß wären – und höre es schon: Musik, Klatschen, Lachen. Das Ziel!
Das Finisher-Zelt! Alle sind da – Jesko, Frauke, Christian, Inza, Röttger und viele mehr. Umarmungen, Applaus, ein Gefühl wie Weihnachten, Geburtstag und die erste und einzige große Liebe (Hermann , ich meine genau dich!!) auf einmal.
Ich habe es geschafft!
Gut, das mit dem „zum Frühstück ankommen“ war dann eher ein spätes Brunch. Aber hey: Das Tier Taunus ist gezähmt. Und habe auch noch jede Menge Spaß dabei gehabt, zumindest MEISTENS. Echt nicht gelogen …
Pasubio Loop – auf den Spuren des Ersten Weltkrieges und des Memory Bike Adventures
Das Memory Bike Adventure ist eigentlich ein unsupportedes, mehrtägiges Gravel- und Bikepacking-Rennen. Die Strecke ist etwa 720 km lang und führt durch die Region Venetien, entlang bedeutender Schauplätze des Ersten Weltkriegs zwischen Österreich und Italien. Historische Orte wie den Monte Grappa, das Altopiano di Asiago, den Monte Pasubio und das Piave-Gebiet. Die Route ist technisch anspruchsvoll und führt durch abgelegene Gebiete mit begrenzten Versorgungsmöglichkeiten.