Und auch heuer gab es leider kein Audax Randonneé Solstizio d’Inverno, das sonst von Fabio Albertoni organisiert wurde. Also hieß es wieder: selber machen.
Wasserkrippe in Cassone
So gingen wir erneut alleine auf die nächtliche Runde um den Gardasee. Rund 200 Kilometer und 1.200 Höhenmeter später war klar: Es war jede Pedalumdrehung wert.
Eingeladen hatte ich über Instagram und Facebook, außerdem wurde die Runde als JOINME! auf der Skinfit-Website angekündigt.
Am Ende standen 12 Leute in Arco am Start: Umberto aus Trient, die beiden Mädels Margy und Gaia, drei Jungs aus dem Raum Turin (Marco, Gabriele und Massimo), Andrea aus Linz, Uli aus München, Christian und ich aus dem Raum Brixen sowie Michael und Benjamin aus dem Vinschgau.
Lazise
Gemeinsam rollten wir los Richtung Norden. Jede*r im eigenen Rhythmus, ganz ohne Druck. Unterwegs fanden sich immer wieder kleine Grüppchen – genau so, wie es sein soll vier Tage vor Weihnachten.
Nach der ersten Schleife über die Nordrunde (Arco – Radweg Richtung Sarche – Toblino-See – entspannt zurück nach Arco) trafen wir uns bei Kilometer 45 wieder.
Wer mochte, legte eine Pause ein: Die Bar Centrale in Arco hatte bis Mitternacht geöffnet – perfektes Timing.
Peschiera
Danach ging es im Uhrzeigersinn rund um den Gardasee. Bei Kilometer 111 stand der nächste Boxenstopp an: Energie nachladen bei McDonald’s in Peschiera (am Wochenende nachts bis 2 Uhr offen – wer hätte das gedacht?).
Die Vinschger waren schon wieder unterwegs, als ich dort ankam, kurz darauf war der Rest der Truppe wieder komplett. Essen, aufwärmen, weiter.
Sirmione, Desenzano, Saló … dann durch die Tunnel der Gardesana Occidentale, vorbei an Limone, Riva und zurück nach Arco. Die Gruppe zog sich etwas auseinander – ich „musste“ zum Beispiel immer wieder stehen bleiben, um die Weihnachtsbeleuchtung zu fotografieren. Man kann ja nicht einfach dran vorbeifahren.
Als ich schließlich wieder in Arco einrollte, kündigte ein feiner lila Streifen am Himmel bereits die Morgendämmerung an. Am Parkplatz folgte noch eine kurze Verabschiedung – alle happy, alle zufrieden.
Obwohl es unterwegs kaum unter 4 Grad hatte, war es am Parkplatz neben dem Fluss deutlich kälter: Raureif am Dach, mein Auto-Aufstelldach war zugefroren. Also verzichteten wir drei auf eine Schlafpause und packten unsere sieben Sachen zusammen.
Erstaunlich, welches Chaos ein paar Sachen anrichten können. Räder verstaut – meines hinter dem Sitz, Andreas und Ulis auf dem Heckträger – los ging’s.
Und dann kam der Moment, der mir heute noch in den Knochen steckt.
Beim Wegfahren fragte ich Uli noch, ob die Räder wirklich gut festgezurrt seien – und ob die rote Bandschlinge als zusätzliche Sicherung montiert sei. „Wozu denn?“ Ich erzählte ihm meine Geschichte vom Tuscany Trail, wo mir fast zwei MTBs auf der Autobahn verloren gegangen wären. Die Bandschlinge blieb trotzdem nutzlos hinter meinem Sitz.
Irgendwann auf der Autobahn hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich fragte Andrea, die hinten saß, was das gewesen sei. Sie schaute zum Radträger und rief: „Da ist nur noch ein Rad.“ „Du machst Witze“, sagte ich. „Nein!!!“
Pannenstreifen. Anhalten. Fünf Meter hinter dem Auto lag Ulis Rad.
Erstmal Schockstarre. Die beiden zogen Leuchtwesten an, stiegen aus. Auf den ersten Blick schien das Titanrad unversehrt – bis auf den fehlenden Spiegel. Später stellte sich heraus: dem Rad ist wirklich nichts passiert. Mehr Schaden hatte mein Setup: Die rot-weiße Warntafel war kaputt, zwei Befestigungen am Träger, die Felgenschuhe, waren weg – wie und wohin, bis heute ein Rätsel.
Der Schreck sitzt tief. Mein Fehler war klar: Ich hätte darauf bestehen müssen, die Räder zusätzlich zu sichern. Also: Leute da draußen – verlasst euch nicht nur auf die Befestigungen am Radträger! Sichert zusätzlich. Mit Bandschlinge, Gurt, was auch immer.
Was hätte passieren können, mag man sich gar nicht ausmalen: ein Rad auf der Fahrbahn, ein nachfolgendes Auto, ein Unfall …
August 2025, eigentlich standen ein paar Tage vor Abflug alle Ampeln auf Rot:
„Gabi fahr nicht nach Kirgistan!“. Ein Harnwegsinfekt, ein Stolpern über die Treppe mit einer starken Oberschenkelmuskel-Prellung oder vielleicht auch ein leichter Muskelfaser-Riss. In Kirgistan bei der viertägigen Akklimatisierungsfahrt befiel mich ein Infekt mit Fieber und Husten.
Alle Beschwerden schienen sich kurz vor dem Start gebessert zu haben. Trotz der Option im Kopf im Notfall zurück nach Osh zu fahren, falls eine Verschlechterung eintreten sollte, ging ich mit gemischten Gefühlen an den Start.
Denn das, was vor Hermann und mir lag, war nicht zu unterschätzen: Fast 2000 Kilometer mit nahezu 30.000 Höhenmeter durch Kirgistan, mit Start in Osh bis zum Zielort Karakol. Mitunter Hunderte Kilometer einsamster, schwer erreichbarer Gegenden, hohe Pässe (knapp über 4000m NN), mehrere Tage auf Höhen zwischen 3000 und 4000m NN, eiskalte Nächte, viele Schiebe- und Tragestrecken, unzählige Flussdurchquerungen, wenig Verpflegungsmöglichkeiten – das ist das Silk Road Mountain Race, dessen Veranstalter Nelson für seine Events den Anspruch erhebt, zu den anspruchsvollsten zu gehören. Beim Atlas Mountain Race (2023) bekamen wir einen „Vorgeschmack“.
Die hohe Ausfallquote spricht Bände. Dieses Jahr kam etwas mehr als die Hälfte der 235 Starter*innen ins Ziel: nämlich 131 gegenüber 104, die irgendwann früher oder später „gescratched“ haben, also aus dem Rennen ausstiegen. Ich spreche von Rennen, sehe es aber eher als Abenteuer, bei dem man ohne Hilfe von außen (unsupported) eine vorgegebene Strecke absolvieren soll, natürlich gegen die laufende Zeit. Es gibt nichts zu gewinnen außer der Ehre, es geschafft zu haben …
Etwas „Sicherheit“ vermittelt die Tatsache, dass jeder einen GPS-Tracker mithaben muss. Auf der Plattform dotwatcher.cc kann die „Welt“ digital miterleben, wo ihre „Dots/ Punkte“ gerade sind und auf welchem Rang in der Reihenfolge sie fahren oder ob sie von der Schnecke eingeholt oder überholt werden, die virtuell mitfährt und das Zeitlimit markiert.
Im Notfall drückt man „einfach“ auf SOS und Hilfe wird losgeschickt. Dass das mit der Hilfe nicht so „einfach“ ist, durften wir am eigenen Leib erfahren, das „Rennen“ endete für uns nämlich mit Drama. Bleibt dran!
Zuerst mussten wir aber mal ankommen … Ein Abenteuer für sich …
Nach den letzten Worten, die uns Nelson beim Briefing mit auf den Weg gab, geht es mit großem Polizeiaufgebot los. Hermann und ich mittendrin. Wir haben uns bei der Anmeldung dazu entschlossen als Team zu starten. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das bedeutet wir müssen die Strecke gemeinsam beenden, sonst steht auf der Finisher-Liste DNF, die Abkürzung für Did Not Finish und bedeutet im Sport „nicht beendet“.
Unsere Motivation (bei mir nach Anlaufschwierigkeiten und einigen Bedenken) ist groß und die Aufregung legt sich nach einigen Kilometern im Strom der fast 250 Teilnehmer*innen, der sich durch Bishkek und dessen Außenbezirken ergießt, unter Jubel und Applaus der Zuschauer. Dann zieht sich das Feld etwas auseinander. Es geht überland und immer wieder durch kleinere Siedlungen. High-Five hier und da, die Kinder und Jugendlichen schließen wohl untereinander Wetten ab, wer mehr Abschläge bekommt. Plötzlich zielt ein Halbwüchsiger mit einer Farbspraydose auf mich … Zum Glück kommt der erwartete Farbsprühregen nicht, ich werde mich aber Tage später daran erinnern.
Asphalt geht über in Schotter und unwillkürlich werden wir immer wieder eingenebelt vom Staub der vorbeifahrenden Autos. Es wird immer einsamer und hügeliger. Die Sonne verschwindet hinter orangeroten Wolken und dann kommt die Dämmerung. Auf der am Horizont weit vor uns verschwindenden Straße rotblinkende Lichter der anderen weiter vorne. Mystische Stimmung.
Dann Dunkelheit. Im Wissen, dass es den ganzen nächsten Tag keine Möglichkeit der Verpflegung gibt, sehne ich einen Shop herbei, auch um meine mich langsam einholende Schläfrigkeit mit Cola zu bekämpfen. Wir haben doch vor, die erste Nacht durchzufahren. Das Wasser geht mir auch langsam aus. Ob um diese Zeit, es geht ja schon auf Mitternacht zu, noch was offen ist? Und da, am nächsten Ortsanfang ein hell beleuchtetes Gebäude.
Ein großes buntes Plakat an der Fassade, магазин (Magazin) weist darauf hin, dass es hier einen Laden gibt. Die unzähligen am Boden liegenden bepackten Fahrräder sind auch ein untrügliches Zeichen dafür. Und der Raum ist nahezu leergekauft, naja, so ist das eben, wenn man sich so ziemlich am Ende des Feldes befindet. Aber Wasser gibt es noch und Cola.
Sorgen hätten wir uns da aber keine machen müssen, denn bis weit nach Mitternacht waren alle Läden auf den nächsten Kilometern geöffnet. Wir kehren noch zweimal ein. Einmal kaufen wir Brot, Käse und Kekse und stocken so unsere Vorräte auf. Statt des kleinen Münzwechselgeldes bekomme ich eine kleine verpackte weiße Kugel. Dann folgt eine lange Abfahrt auf Teer, ich habe Zeit zu rechnen und komme auf das Ergebnis, dass ich zu wenig Wasser habe. Ein einsamer kleiner Shop einer netten kleinen Familie nimmt uns auf, bewirtet uns mit Granatapfelsaft und Wasser. Ungläubig hören sie zu, was wir noch vorhaben. Die Bezahlung müssen wir fast aufdrängen.
Nun geht es endgültig ins Gelände. Entlang eines schmalen Baches folgen wir einer staubigen Piste. Irgendwann ahne ich, dass das Tälchen begrenzt wird von Berghängen, sehen kann ich es nicht genau. Erst als der fast volle Mond hinter Felswänden aufgeht. Die Straße wird immer holpriger, am Rand große Steine, Häuser gab es schon lange keine mehr. Langsam sollte ich wieder mal was essen. Wie wäre es mit etwas Süßkram? Ich wickle die weiße Kugel aus, ah, wohl weiße Schokolade. Lecker! Ich beiße hinein. Argggghhhh, was ist denn das? Schmeckt nach einem sehr sehr reifen Käse. Mein Gaumen reagiert beleidigt und entledigt sich schleunigst des fremden Dings. Was wohl ein Sakrileg ist …
Meine Recherche ergibt: Kurut – das kirgisische Raffaello! Klassisches Kurut wird in Form kleiner weißer Kugeln hergestellt. Es besteht aus getrocknetem Quark und Salz. Kurut ist das Lieblingsessen vieler Kirgisen. Sowohl der Erwachsenen als auch der Kinder. Das traditionelle Gericht wird das ganze Jahr über verzehrt und ist in ganz Kirgistan zu bekommen.
Kurut ist eng verbunden mit den nomadischen Wurzeln der Kirgisen. Als Nomaden hatten Kirgisen Kühe. Aus deren Milch produzierten sie Quark, um sie haltbar zu machen. Doch wenn es zu heiß war, konnte auch Quark nicht lange aufbewahrt werden. Daher hat man ihn gesalzen und getrocknet. Und so wurde Kurut erfunden. Aufgrund des Salzgehalts kann man es jahrelang lagern. Dass der Geschmack recht deftig ist und gewöhnungsbedürftig für europäische Gaumen, versteht sich.
106 Kilometer habe ich auf dem Tacho. Ein paar Minuten später immer noch gleich viel, auch bei den Höhenmetern ändert sich nichts. Die Karte auf dem GPS ist auch immer gleich. Was ist das denn? Mein Gerät, ich liebe es eigentlich, es ist benutzerfreundlich, bietet mir praktische Funktionen, reagiert normalerweise zuverlässig. Aber gerade … Ich lade die Strecke neu, schalte das Gerät aus, nichts! Irgendwann lasse ich das Gerät einfach aus. Ich fahre also ohne und hoffe Hermann fährt mir nicht davon. Im Dunkeln ohne die Strecke, oje! Immer wieder frage ich ihn wo wir genau sind, wie das Höhenprofil vor uns ist . Blöd, nicht zu wissen, was vor einem liegt, vor allem nicht im Dunkeln, meine Motivation schwindet.
Nach 125 Kilometern, es ist schon nach 2 Uhr am Morgen, überfällt uns doch beide die Müdigkeit und wir beschließen, wie andere entlang der Strecke, uns auch für einen Powernap oder etwas länger (?) einen geeigneten Schlafplatz zu suchen.
Trotz hellen Mondlichts ist ein solcher aufgrund der Geländebeschaffenheit nicht so schnell ausgemacht, aber dann wird das Tal weiter und wir können einen ebenen Platz neben einem großen Felsblock in Beschlag nehmen, der zum Radanlehnen, als Ablage und später als Frühstückstisch dient.
Zelt? Wir begnügen uns mit Matte und Schlafsack. Traumhaft mit Blick auf den grandiosen Sternenhimmel, auf die Milchstraße genau über uns, einzuschlafen.
Viel zu schnell vibriert der Uhr-Alarm. Genau genommen hatten wir ja einen tierischen Wecker. Ein Esel in unserer Nähe begrüßte lauthals den ersten Vorbeifahrenden. Rasch muss heißes Wasser her für einen der Kaffeebeutel (Luxus für die erste Nacht) und unser Jentschura Morgenstund-Frühstück. Gestärkt geht es weiter. Gestärkt? Ja, noch fühle ich mich gut, Hermann logo ohne Frage.
Der Eingang des Surmatash Nationalparks ist bald erreicht kurz nach der abenteuerlichen Überquerung des Flusses auf einer Brücke, dessen Bauweise stark abweicht von unseren Brücken, sie verbindet nämlich das eine, viel höher gelegene Ufer mit dem tieferen und ist dementsprechend sehr steil. Im Naturreservat soll es sogar noch Berglöwen geben. Allerdings sollten diese im Sommer durch das reichlichere Nahrungsangebot wenig Gelüste auf vorbeifahrende Bikepacker haben.
Am Eingang des Parks finden wir sogar Wasser. Schnell kramen wir Filter und Reinigungstabletten heraus. Wo aber soll ich die zusätzlichen 2 Liter des kostbaren Nass‘ unterbringen? Ich lege den Wasserbeutel mal auf meinen Lenker. Ob die Befestigung wohl hält? Wer weiß, wann wir das nächste Mal Wasser finden, der Fluss, an dem wir entlang radeln ist hier undurchsichtig braun durch das mitgeführte Material.
Am Morgen gebe ich meinem GPS-Gerät eine neue Chance. Ich schalte es ein. Leider hat sich nichts geändert, Navigation, Kartenansicht, alles ist blockiert. Ich entschließe mich zu einem Reset. Wie ging das nochmal? Kein Internet und so kann ich auch nicht Dr. Google um Hilfe fragen oder die KI. Ich erinnere mich, dass ich Gosia auf ihrer Australiendurchquerung mal geholfen hatte, ihr Gerät wieder in Gang zu bekommen, ich schaue im WhatsApp-Chat nach. Bingo! „Schalten Sie das Gerät aus, halten Sie die beiden Tasten an der Unterseite des Gerätes (LAP und START/STOP) gedrückt. Schalten Sie das Gerät ein (Einschalttaste nur kurz drücken und wieder loslassen). Ok, mache ich!
Ergebnis: Alle geladenen Strecken sind weg, alle mühsam über Wochen erstellten POIs ebenso. Ohne Internet kann ich die Strecken nicht wieder auf das Gerät bekommen, fahre also ohne. Zum Glück gibt es nicht viele Abzweigungen hier am Ende der Welt auf dem Weg zum Koy-Djul-Pass und dem Shiman-Bell-Pass. Und die Karte habe ich ja wieder, aber so ins „Blaue hinein fahren“ ist wenig motivierend, ich habe keine Ahnung, was vor mir liegt, wo die Steigungen sind, wie steil, wie lang … Wie abhängig man von der Elektronik auch beim Radfahren inzwischen ist. Immer wieder frage ich Hermann um Infos, nerve ihn so den ganzen Tag. Bei den Abfahrten später vermisse ich die Bildschirmansicht mit der Strecke sehr, um die Kurvenführung zu sehen.
Mit dem Reset habe ich nun auch meine gewohnte Seiteneinteilung nicht mehr. Ärgerlich! Und besonders eine Funktion waren dazu gekommen, die ich nicht in der Lage bin auszuschalten: Sobald ich schieben muss und somit sehr langsam bin, wird Auto-Pause aktiviert. Das heißt das Gerät glaubt ich stehe und zählt keinen Kilometer und keinen Höhenmeter mehr. Und das passiert heute sehr sehr oft. Die Strecke heute und die der nächsten Tage kann ich so nicht auf Strava laden, wie schaute das denn aus, wenn mehrere Kilometer und vor allem sehr viele Höhenmeter fehlen? Also bin ich wohl auch abhängig von den Socials … oder geltungssüchtig??? Nö, ich will die Strecken nur auswerten anschließend (Ausrede… *lach*).
Die über hundertsiebzig Kilometer Anstieg von Osh bis zum ersten Pass sollten laut Planung mit überschaubaren durchschnittlichen Steigungsprozenten zu überwinden sein. Aber nichts da. Es folgen immer wieder kleine Abfahrten und dann um so steilere Anstiege.
Auch wird das Tal immer enger, begrenzt durch schroffe Felswände. Da der Weg nicht viele Möglichkeiten hat, sind mehrere Steilstufen zu bewältigen. Also immer wieder raus aus dem Sattel und runter vom Rad. Die angedrohten 5 Kilometer hike a bike werde ich wohl dann schon voll haben, bevor die eigentliche Schiebestrecke beginnt. Auch der erste Bach will gequert werden. Ich fahre durch und meine Füße werden durch den eiskalten Schwall das erste Mal nass.
Das Tal weitet sich. Eine wunderschöne Art Almlandschaft erwartet uns. Und vor der mit Bangen erwarteten Steilstufe machen wir eine kurze Vor-Mittagspause im Schatten eines Baumes, den es hier auf über 2500m noch gibt. Menü der Wahl: Brot (Kirgisisches Brot – sehr lecker!) und eine Dose Sardinen in Tomatensauce. Ins Wasser schütte ich nun eine Packung Styrkr Elektrolyt Pulver. Weiter geht es. Die Hitze staut sich im Tal. Ich habe großen Durst. Immer wieder bleibe ich stehen, um zu trinken.
Dadurch komme ich irgendwie total aus dem Rhythmus. In immer kürzeren Abständen kommt der Wunsch zu einer Trinkpause (Ausrede). Auf jeden Fall verbinde ich Anstrengung und Geschmack des Getränks miteinander und ab diesem Tag kann ich den bittersalzigen Geschmack von Styrkr nicht mehr ertragen. Ich schleppe einige Briefchen noch einige Tage mit, verschenke sie dann. Wie wünsche ich mir banalen Apfelsaft herbei, am besten vermischt mit Kanne Brottrunk, es gibt nichts Besseres. (Elektrolytpulver ist nicht das einzige, das ich überflüssigerweise mitschleppe, wie ihr wisst, ich hamstere gern, um in Notzeiten was zu haben. So wandern Gummibärchen, Äpfel, Nüsse und vieles mehr über einen Gebirgs-Pass zum nächsten).
Die Schiebestrecke liegt in der prallen Sonne, Bäume gibt es hier direkt am Weg kaum mehr. Es ist sehr mühsam, das schwere Rad nach oben zu wuchten. Ich vermute, meines wiegt um die 25 Kilogramm. Zumindest legen sich nur wenige Hindernisse in den Weg. In steilen Serpentinen windet sich der Weg nach oben. Autos können hier nicht mehr fahren. Weiter oben wird es wieder fahrbar. Aber trotzdem für mich immer wieder zu steil. Aus den „angedrohten“ fünft Schiebekilometern sind bestimmt schon das Doppelte geworden.
Und hoch zur vorletzten Anstrengung auf den Koy-Djul-Pass gibt es zwar eine breite Schotterstraße, aber ich bin etwas schlapp nach den Hitze-Schiebe-Kilometern und muss auch da hochschieben. Vielleicht macht auch die Höhe was aus. Immerhin sind wir hier auf 3800m über NN. Mein wohl noch nicht ganz überwundener Infekt macht sich auch bemerkbar. Aber das bisschen Husten stört mich nicht so.
Die Straße schlängelt sich über endlose Serpentinen nach oben. Ich schleiche wohl dahin. Aber andere tun es auch … Mir tut es leid, dass Hermann oben so lange auf mich warten muss. Und wie bin ich froh, als er mir auf den letzten paar Hundert Metern entgegenkommt und mir das Rad abnimmt. Er ist mit Schieben schneller als ich ohne Rad, fast komme ich ihm nicht nach.
Nun folgt eine wunderbare Abfahrt. Hohe Berge in den unterschiedlichsten Farben liegen vor uns. Ich vergesse, dass noch ein kleiner Anstieg vor uns liegt, der entpuppt sich aber als harmlos und bald stehen wir auch auf dem zweiten Pass, dem Shiman-Bell-Pass. Und jetzt nur noch Abfahrt, bis zur Schlafpause. Juhu!
Und es gibt so viel zu sehen. Traumhaft. Nach vielen Kilometern über Schotter, teilweise mit Vorsicht zu befahren, da sich feste und bodenlose Schotterschichten abwechseln, passieren wir einige Hütten und Jurten. Dann rollen wir ein enges Tal entlang. Kühe auf dem Heimweg, begleitet von (friedlichen) Hunden zeigen uns, dass die nächste Siedlung wohl nicht mehr weit sein kann.
Wie üblich auch hier Kinder am Weg, die uns mit High-Five begrüßen möchten. Zwei Buben vor mir. Aber was …? Ich kann ihre Handbewegung erst nicht deuten, aber dann spüre ich was Nasses an Hals, Oberkörper und Beinen. Ich schaue an mir herunter, ich bin voll von Lehm, dieselbe Farbe, mit der die Häuser hier getüncht sind, an mir, an meinem Rad, an den Taschen. Ich lege eine Vollbremsung, lehne mein Rad an eine Wand und blicke zurück. Na wartet! Natürlich, niemand mehr da. Die beiden haben sich schleunigst verdrückt. Ich renne zurück. Nichts. Unverrichteter Dinge gehe ich zurück. Vorbei an einer daher trottenden schwarzen Kuh, die mich mit großen Augen anguckt. Ich versuche den Dreck notdürftig abzuwischen.
Etwas weiter sitzt Dmitrii (?) mit einer großen Wassermelone. Mitleidig bietet er mir ein Stück an, auch Hermann kommt zurück und fragt, was mir denn passiert ist. Ich glaube, ich habe noch nie so etwas Leckeres gegessen.
Nicht mehr weit und wir sind in Doroot Korgon.
Davor aber noch ein unerwarteter Kraftakt: Die letzten fünf flachen Kilometer haben wir Gegenwind, besser gesagt Gegen-„Sturm“. Ich komme kaum weiter, sobald ich aus Hermanns Windschatten „falle“.
Im Ort wollen wir ein Hotel oder ein Guesthouse suchen. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Zuerst füllen wir noch unsere Vorräte und Wasser auf, dann fahren wir Unterkunft-Suchen. Ohne Erfolg. Das Hotel auf Google Maps ist geschlossen, Leute, die wir unterwegs fragen, schicken uns von da nach dort, sagen uns die Namen eines Guesthouses, es gäbe ein Hinweisschild. Fündig werden wir nicht, Schilder sind in Kyrillischer Schrift, das kann ich meist nur ansatzweise bis gar nicht entziffern. Ratlos stehen wir da.
Ein anderer Radfahrer kommt auf uns zu. Er habe von Vadim einen Tipp bekommen von einem Hostel in der Nähe, das extra für uns aufmachen würde. Super! Wir sind die ersten, die eine freundliche ältere Frau einlässt. Wir suchen noch ein Restaurant, sind aber zu spät dran. Als wir zurück kommen, ist der Gang im Parterre voll mit Rädern. Wir kochen zwei der Tactical Foodpacks, unserer gefriergetrockneten Menüs. So müssen wir sie zumindest in den nächsten Tagen nicht schleppen. Eine Dusche und ein feines weiches Bett tut gut nach der (fast) durchfahrenen letzten Nacht und den kräfteraubenden Schiebekilometern heute.
Ich fühle mich gut. Fieber habe ich vermutlich keines mehr, meine Stimme klingt etwas wund, ich huste aber nur selten. Zurück muss ich also wohl nicht, wie auch, diese zwei Pässe zurück, nein danke!
Vorsprung auf die Schnecke haben wir auch … Am nächsten Morgen wird sie erst auf dem Pass vom Vortag sein und etwa 70 Teilnehmer sind auch noch hinter uns.
Und jetzt kann ich auch die Strecken wieder auf mein GPS-Gerät hochladen und bin wieder unabhängig. Ich denke, wenn ich alleine gewesen wäre, wäre das wohl ein Grund gewesen zu scratchen. Ich habe zwar eine zweite Möglichkeit des Navigierens auf dem Smartphone, aber das braucht viel Energie und die habe ich auch nicht unbegrenzt. Mein Nabendynamo arbeitet nicht so toll, wenn ich schiebe *lach*.
9 Uhr morgens, Tag 4 des Taunus Bikepacking, 11 Kilometer auf dem Tacho – klingt nicht dramatisch, wären da nicht die über fünf Stunden, die schon vergangen sind. Willkommen im Taunus, wo jedes Höhenmeterchen gefühlt ein halbes Alpenpass-Abzeichen einbringt.
Der Tag beginnt zäh: eine kleine Panne bei Stephan, den ich immer wieder treffe, haben wohl eine ähnliche Grundgeschwindigkeit (und natürlich fährt man da nicht einfach vorbei – Teamgeist vor Zeitschnitt), dann der epische Anstieg zum Pferdskopf. Wer auch immer den Stempelpunkt dort oben gesetzt hat, dachte wohl an ein Trailrunning-Event, nicht an Bikepacking. Gefühlte 20 Stockwerke später – Schweiß, Staub, Schnappatmung – wird man immerhin mit einer Aussicht belohnt, die selbst Postkarten neidisch macht.
Danach ein Rewe-Stopp in Schmitten (ja, Kalorien müssen rein – sonst bleibt man irgendwann einfach stehen), gefolgt vom gemütlichen Frühstück beim Bäcker. Schließlich will man ja nicht dehydriert oder unterkoffeiniert in die nächste Rampe rollen. Dass direkt danach ein wurzeliger Singletrail folgte, der das Vorankommen wieder in Zeitlupe verwandelte – war das Absicht oder sadistisches Streckendesign?
Und dann kam noch die Hitze. Die Art von Hitze, bei der jede Steigung zur Sauna mutiert. Der Fahrtwind war irgendwann nur noch symbolisch – und der Wunsch nach einem Planschbecken allgegenwärtig.
Tagesziel: ambitioniert – Realität: Dämpfer Also – schaffe ich es bis zur Finisher-Party am Samstag?
Mathematisch: Schwierig. Emotional: Möglich! Realistisch: Nur mit einem guten Flow, keinen Pannen, und einer ordentlichen Portion Entschlossenheit (und vielleicht einem kleinen Gebet an die Bikepacking-Götter).
Fazit: Ich bin zwar nicht schnell – aber dafür episch unterwegs. Vermutlich komme ich nicht mit persönlicher Bestzeit zur Finisher-Party, aber auf jeden Fall mit Geschichten, Schweißperlen und einer ordentlichen Dosis Taunus-Charakter im Gepäck.
Im Lauf von Tag 4 werde ich noch zigmal zweifeln, ob die Finisher Party am Samstag Abend ein realistisches Ziel sein kann.
Der Morgen beginnt mit einem klassischen Stimmungskiller: Regen. Nicht dramatisch, aber hartnäckig. Die große Entscheidung: Welche Jacke? Eine Frage, mit der ich manche beim Frühstück wohl nerve … Nach endlosem innerem Ringen entscheide ich mich für die schwerere Windjacke – woraufhin der Regen sich natürlich bald trollt. Timing deluxe, aber Taktik. Aber immerhin: ich war vorbereitet. Emotional.
Bei meinem Start, ich um 8:20, fällt die Art von Niesel, die alles irgendwie feucht macht – Kleidung, Moral, und ganz besonders das Rad, das sich binnen einer Stunde in ein rollendes Biotop verwandelt. Aber hey – der Spuk ist bald vorbei! Nur der Matsch bleibt. Und zwar überall.
Bald schon überholen mich etliche Fahrer – offenbar motiviert und voller Watt. Doch ich bleibe ruhig. Später sammele ich einige wieder ein – das ist Bikepacking, kein Sprint.
Die Wege? Matschig, rutschig, gelegentlich unter Wasser. Jesko hat das Streckendesign offenbar auf dem Einrad rückwärts geschrieben – gefühlt 80 % Singletrails, 20 % Schweiß, 100 % Herausforderung.
Zwischen den rutschigen Waldwegen, nassen Wurzeln und müden Beinen liegt immer wieder: Taunus-Idylle. Weitblicke, Lichtspiele durch Blätterdächer, ein ständiges Auf und Ab. Eine Landschaft, in der man sich verlieren kann – sowohl auf der GPX-Karte (Unkonzentriertheit wieder ein paar Meter strafweise zurück) als auch im Kopf.
Dazwischen Ablenkung: romantische Fachwerkstädtchen, wie aus dem Bilderbuch. Verwinkelte Gassen, blumengeschmückte Balkone, Kopfsteinpflaster. Ich staune – kurz – und dann geht’s weiter. Denn diese pittoresken Oasen, wie Kronberg, Eppstein oder Idstein, wechseln sich gnadenlos ab mit endlos scheinenden Wald- und Feldpassagen, die sich ziehen wie zäher Kaugummi.
Und dann sind da noch diese gnadenlosen Anstiege – wie hoch zum Kapellenberg oder zum Kaisertempel in Eppstein oder anderen Aussichtspunkten. Doch so steil sie auch sind, ich fluche kaum – denn kein Anstieg erscheint mir ohne Sinn. Jeder hat seine Aussicht, seine Magie, seinen eigenen kleinen Triumph.
Nicht ganz so magisch: Mein Garmin-Gerät, das brav den Weg zeigt – und ich, die brav… nicht hinschaut. Unkonzentriert, irgendwo falsch abgebogen. Der Klassiker. Verfahren. Zurück. Fluchen. Lachen. Weiter.
Sonntag in der Zivilisation – oder: Bikepacker betritt die feine Welt: Sonntag im Taunus. Alles hat zu. Die Bäcker schlafen, die Tankstellen träumen – nur mein Magen ist hellwach und sehr klar in seiner Kommunikation: „Jetzt. Essen. Bitte.“
Rettung! Die Hubertushütte taucht auf wie eine Fata Morgana für eine matschverschmierte Radfahrerin. Ich bremse abrupt, parke mein Bike dezent am Eingang, abschließen erachte ich als nicht notwendig, wer klaut ein so verdrecktes Rad, vollbepackt fühle ich mich wie eine Obdachlose. Mit demütig auf den Boden gerichtetem Blick hoffend auf etwas Magenfüllendes. Die Gäste – fein gekleidet, mit Weißwein in der Hand – mustern mich wie ein seltenes Wildtier auf der Durchreise. Ein Kind flüstert: „Mama, hat die im Dreck geschlafen?“ Mama zieht es vor, nicht zu antworten.
Doch dann: die Kellnerin. Ein Blick. So könne ich hier nicht rein. Bevor ich einen Fuß auf die heiligen Bretter der Außengastronomie setzen darf, kommt die Ansage: „Sie müssten sich bitte etwas säubern“; der ausgestreckte Finger in Richtung einer Hundetränke mit Wasserhahn. Ich nicke ergeben. Schließlich bin ich dankbar, dass sie nicht direkt den Kammerjäger ruft.
Ich schrubbe mich also – Gesicht, Arme, grob das, was mal Knie waren und die Schuhe, dann wage ich mich zurück.
Und ich bekomme sie. Die Spargelcremesuppe. Mit viel Brot – wahrscheinlich in der Hoffnung, ich sei dann schneller satt und verschwinde eher. Dazu eine Cola und ein Cappuccino, seltsame Kombination. Aber fast feierlich.
Nach dem Essen begebe ich mich in die sanitären Räumlichkeiten, um mich – sagen wir mal – gesellschaftskompatibler zu machen. Viel lässt sich nicht mehr retten, aber die groben Matschinseln verschwinden immerhin. Die Frisur bleibt naturbelassen.
Etwas später ein weiterer Versuch mich und das Rad an einem Brunnen notdürftig zu entmatschen – Ergebnis: ich sehe aus wie ein Mensch mit Ambitionen, das Rad hingegen bleibt in der Kategorie „Schlammkünstler des Jahres“, optisch hat’s ein wenig geholfen, technisch: eher nicht, Kettenöl später. Und wertvolle Zeit hat es mich auch gekostet.
Trotz allem: Es ist wunderschön. Der Taunus liefert. Rauf, runter, rauf, runter – ein ständiges „Hach!“ gefolgt von einem „Uff!“. Zwischen Matsch und Mühsal blitzen immer wieder diese Momente auf, in denen man denkt: „Jaaaa! Dafür bin ich hier.“
Tagesziel: mehr als erfüllt – und dann Trail Magic* beim Hangar in Michelbach. (*Trailmagic: Dieser Begriff gehört eng zum TBP, sonst ist mir der noch bei keinem Event begegnet. Die Fahrer*innen dürfen Unterstützung von außen annehmen, nur wenn sie für alle verfügbar ist; so findet man an mehreren Orten an der Strecke von Freunden mit Leckereien und Getränken ausgestattete Tische, manchmal betreut, manchmal nicht, die im Vorfeld auch nicht bekannt sind. Für uns Bikepacker*innen sind diese sehr motivierend.)
180 Kilometer, 3.800 Höhenmeter – das nennt man wohl: ordentlich geliefert. Am Abend rolle ich mit einer kleinen Gruppe in die Dunkelheit. Ziel: Flugplatz Michelbach. Was uns dort erwartet, ist fast zu schön, um wahr zu sein: ein Trail Magic, ganz offiziell, offen für alle Bikepacker.
Bratwurst, Rehsalami, Lichterkette – und das Gefühl, willkommen zu sein. Ich bekomme noch eine halbe Wurst – es ist spät, und Andreas und seine Crew sind bereits kurz vor der Nachtruhe. Versteh ich. Ich falle ja auch eher in die Kategorie Nachzügler mit Schlammkruste.
Der Schlafplatz ist spektakulär: ein Hangar, direkt neben einem historischen Flugzeug. Nur: „Schlafen“ ist ein großes Wort. Der Lärmpegel im Hangar ist… nennen wir es: lebendig. Erst das Rascheln der Biwaksäcke, dann das Schnarchen, das sich wellenartig über die Halle ausbreitet. Meine Ohrenstöpsel geben bald auf – sie fallen ständig raus, wahrscheinlich freiwillig.
Gegen Morgen: Aufbruchstimmung. Flüstern, Zipper, Schuhtapsen, das metallische Klackern von Kochern und Bechern – die Bikepacker-Welt erwacht. Ich auch. Und dann: Frühstück um 5 Uhr, mit frischem Gebäck und Kaffee – von Andreas und seinem Team mit einem Lächeln serviert, als hätten sie nicht selbst gerade nur drei Stunden geschlafen.
Tag 2 153 km/ 3100Hm, verstrichene Zeit: ca. 16h
Wolfsland, Werkzeug und Weinberge – Taunus, du Tier
Dann rolle ich los. In den frühen, kühlen Tag. Müde Beine, warmer Kaffee im Bauch – und im Kopf die Frage: Was bringt dieser Tag? Über etwas bin ich mir sicher – neue Geschichten.
Der erste Berg habe ich hinter mir. Nach Michelbach ein kurzer Hauch Zivilisation auf Asphalt, doch dann: links oben eine Burgruine.
Mir schwant Böses. Zu Recht: Es folgt eine Rampe mit über 20 % Steigung – Hohenstein. Ich trete sie hoch. Oben treffe ich erstmals auf Stefan. „Bist du hier AUCH hochgetreten?“ frage ich in heldenhafter Pose. „Nee“, sagt er trocken, „ich brauch meine Beine noch.“ Der Dämpfer sitzt. Ich versinke etwas in meinem Schweiß. Ein kleiner Dämpfer für mein Ego – dafür große Erkenntnis: Selbstüberschätzung fährt sich nicht leichter; ich höre in mich hinein, zwickt da nicht mein rechtes Knie ein wenig?
Nach Bad Schwalbach wird es einsam. Pause im Wispertal. Einsamkeit, Brotvesper, ein bisschen Selbstmitleid. Ein Ort der Stille, an dem man sich fast sicher fühlt – bis ich am nächsten Tag erfahre, dass genau hier das einzige Wolfsrudel des Taunus lebt. Zum Glück ist Sommer – das Buffet ist für die Wölfe reich gedeckt, und ich offenbar kein Menüpunkt; die Wölfe haben anderes auf dem Speiseplan als müde Radfahrerinnen mit Käsebrot.
Tags zuvor schon hatten mir glitschige Singletrails, nasser Waldboden und eine Reihe von Steilstücken den Respekt vor dem Taunus eingeimpft.
Jetzt bin ich auf dem Weg nach Nastätten – Supermarktstopp! Und was für einer: Kefir und Erdbeerkuchen. Gestärkt geht’s weiter Richtung CP1. Noch ein paar Kilometer, dann ist ein Viertel der Runde abgehakt.
Wobei… was heißt überhaupt „Runde“? Eine 1000-Kilometer-Strecke auf 75 x 35 Kilometern Fläche – ich habe ständig das Gefühl, im Kreis zu fahren. Man nähert sich Orten, entfernt sich wieder, nur um sich ihnen erneut zu nähern. Ich vermute: Streckenplaner Jesko wollte sicherstellen, dass wir wirklich jedes Tal im Taunus auswendig kennen.
Dann: zufällig ein kurzer Blick in die WhatsApp-Gruppe. Markus, den ich vom Race Around Rwanda kenne, meldet: Seine Toolbox ist weg. Wenig später biege ich vom Asphalt auf Schotter, da ragt etwas aus dem Gras. Vollbremsung. Zurück. Und da liegt sie – mindestens 1 Kilo schwer. Ich adoptiere die verstaubte Toolbox und trage sie mit in meiner schon übervollen Tasche. Über die nächsten Hügel. Für Markus.
Wenigstens muss ich sie nicht bis zum Checkpoint hochbuckeln. Und ich ahne noch nicht: Das war nicht mein letzter „Nachtrag“ in diesem Rennen. (Ach ja, Markus, wenn du das liest, ich warte noch auf den versprochenen Aperitif … *lach)
Slalom, Schleifen, Schrammen – und ein Viertel geschafft
Ein Forstweg zieht sich zäh nach oben – und genau hier ist eine Gegenverkehrszone im Rennen. Also penibel rechts bleiben. In einer Kurve rauscht mir dann auch prompt ein Mitfahrer entgegen – mit ordentlich Tempo. Nur mit einem beherzten Lenkmanöver vermeiden wir das große Double-K.O.– was für ein Bild das für Gosia, der Taunus-Bikepacking-Fotografin, gewesen wäre!
Und als Krönung: Ein Auto genau an der Abzweigung. Ich sehe sie nicht. Fahre weiter bergauf. Klar, was sonst. Bonus-Höhenmeter, ganz uneigennützig. Als ich den Fehler bemerke, ist das Extra-Training schon in den Beinen eingebucht.
Dann: Singletrail. Die Bremsen quietschen, die Brennnesseln beißen, Dornranken kratzen – ich sammele weitere Quadeln und Schrammen für meine wachsende Kollektion. Ein umgestürzter Baum verlangt akrobatische Kletterei – der Trail hat’s in sich. Wer dachte, man könne CP1 einfach so erreichen, hat den Taunus unterschätzt.
Aber dann ist es geschafft: CP1 ist versteckt, irgendwo an einer Bank. CP1 – lebendig, laut, irgendwie gemütlich rund um die Holzbank von Mehrholzblick herum. Fachgesimpel, Gelächter, ein Hauch von Erleichterung liegt in der Luft. Und Gosia (@bite.of.me) hält alles fest, auch das Aufdrücken des begehrten ersten Stempels – danke für die Bilder! Dann bergab wieder der Trail: Brennnesseln, Dornen, Kratzer, Quadeln. Ich überklettere den Baum und fluche. Es soll nicht der letzte gewesen sein.
Kaum beginnt man, sich wie ein Held zu fühlen („ein Viertel ist geschafft!“), schiebt sich die nächste Realität ins Bewusstsein: Zwei ordentliche Bergriesen stehen noch bevor, bevor ich endlich in Rüdesheim am Rhein bin – dort, wo ich in meiner Planung einst ganz naiv einen „Schlafplatz“ vorgesehen hatte.
Aber hey: Noch bin ich wach. Und unterwegs.
Aber die Erkenntnis wird sich in den nächsten Tagen noch weiter bewahrheiten: Hier im Taunus sind 100 Höhenmeter so schwer wie daheim 1000 – unbefestigt, steil, heiß. Sobald die Sonne durchkommt, wird’s brütend.
Der erste Berg startet wie ein Vorschlaghammer, wird dann lieblicher. Wald. Millionen pinkfarbene Fingerhüte säumen den Weg – fast romantisch. Die Schotterabfahrt erfordert volle Konzentration, unten übermannt mich die Müdigkeit. Powernap auf Bank – gescheitert, zu heiß. Dann rettet mich ein Bäcker: Streuselkuchen & Latte macchiato mit zwei Zucker, verdient wie ein Etappensieg.
Die Abfahrt durch die Weinberge des Rheingaus ist ein Traum. Doch der nächste Berg – die Kalte Herberge (wieso eigentlich „kalt“???) – sieht im Höhenprofil schon fies aus.
Und in Kiedrich sitzen einige Radfahrer, auch Markus und winken herüber. Ich fahre weiter. Jetzt verstehe ich, sie haben wohl den Moment des Losfahrens zur Kalten Herberge noch herausgezögert. Ich will den Berg möglichst schnell hinter mich bringen.
Und meine Vorahnung bestätigt sich: Nach Kloster Eberbach geht’s permanent +/- 17 % steil bergauf – mehrere Kilometer lang. Kerzengrad führt die Straße nach oben und verliert sich im Horizont. Es wird flacher, ich freue mich – zu früh. Das Navi pfeift mich aus der flotten Abfahrt zurück. Falsch. Ich muss zurück – hoch! Ein unscheinbarer, steiler Pfad. Ich schiebe. Bis ganz oben.
Dann aber: wirkliche Abfahrt, runter zum Rhein. Das REWE noch geöffnet – ich schlage zu. Kefir, Erdbeeren, Ananas, eine Bowl mit Gemüse und für das Frühstück vorsorglich Lattemacchiato aus der Flasche und Müllers Milchreis, ich sollte am nächsten Tag erst nach 30 Kilometern bei einem Bäcker vorbeikommen. Vor dem Laden treffe ich Dani und Max, wir essen auf dem Boden wie Picknick-Punks. Ich prahle mit meinem Planungswissen: Der Grillplatz sei locker erreichbar. Alle überzeugt.
Und tatsächlich: Die Weinberge lassen sich im Abendlicht leichter erklimmen, die Aussicht motiviert: Burgruine Ehrenfels, glitzernder Rhein, Niederwalddenkmal. Den Grillplatz erreiche ich bei Dämmerung (es ist schon fast 22 Uhr) – Max und Stephan richten sich grad häuslich ein. Ich stelle mein Zelt in der Nähe auf. Der Boden ist durchwühlt – Wildschweine waren wohl schon beim Abendessen. Ich hoffe, sie haben jetzt Feierabend.
Tag 3 161km/ 3200Hm; verstrichene Zeit: ca 17h
Etappenbericht mit Wildschweinpanik und Geleebonbon-Magie
Die Nacht? Nicht gerade ein Wellness-Retreat. Ohne mein abendliches Leseritual komme ich kaum in den Schlafmodus – wie soll der Geist ruhen, wenn er auf Seite 200 hängen geblieben ist? Stattdessen liege ich wach und horchte auf jedes Geräusch, das potenziell von wildgewordenen Wildschweinen stammen könnte, die um mein Zelt herum breakdancen – vermutlich mit meinen Radschuhen im Maul. Szenario des Grauens: Ich, auf dem Bike, in Flipflops.
Noch vor dem Wecker zwitschern mich die Vögel wach. Ich packe mein Häuschen zusammen, frühstücke meinen traditionellen Milchreis (Reis mit Charakter!), und brauche fast eine Stunde, bis ich abfahrtsbereit bin – Weltrekord im gemütlichen Rumsortieren. Dann geht’s los, gemeinsam mit Stephan.
Erst geht’s runter nach Assmannshausen ans Rheinufer – herrlich! Dann wieder hoch – weniger herrlich. Aber mit Gequatsche vergeht die steile Rampe irgendwie schneller. 12 Grad und frische Morgenluft – schreien förmlich nach Bäckerpause. Unterwegs finde ich ein Paar Handschuhe auf dem Trail. Offenbar ist es mein Schicksal, anderen ihr Zeug hinterherzutragen. Beim Bäcker klärt sich das Rätsel: Sie gehören Markus, dem Mann, der seinen Radrahmen selbst gebaut hat und später an seinen etwas abgefahrenen Reifen rumbasteln wird.
Meine Knie motzen etwas – die sind offenbar auch keine Fans von steilen Schotterauffahrten und holprigen Singletrails. Die Abfahrten fahre ich mit der Vorsicht einer Katze, die gerade einen Gurkenschatten gesehen hat. In den letzten Tagen sind zwei Mitfahrer gestürzt – Guy hat sich Hemd, Hose und Haut ruiniert, letzteres wird wohl heilen, die anderen beiden sind wohl hin. Manfred liegt im Krankenhaus. Schaltauge hin, Motivation noch da, aber er wird wohl scratchen müssen. Also: Vorsichtig!
Es ist viel steil, viel wild, wenig zügig. Eigentlich wollte ich heute Richtung Checkpoint kommen. Stattdessen: 5,5 Stunden für 50 km. Und dann – plötzlich mitten im Wald – Trailmagic! Ein Biertisch mit leckeren Sachen und Getränken, aufgestellt von der Mama von @hey.hannanah. Ganz ehrlich: Die Gelee-Bonbons waren die wahren Energiespender dieses Tages.
Aber irgendwie läuft’s trotzdem nicht so. Wieder ein Aufstieg, dann ein Bachtal bei Sauerthal – matschig, zugewachsen, wie durch grünen Pudding fahren. Ich verpasse dreimal die Einfahrt. Das kann doch nicht sein, da entlang? Die Motivation? Hat wohl den letzten Abzweig verpasst. Dann will ich beim Fahren die GoPro einschalten – fast lege ich mich hin. Ich lerne: Multitasking ist ein Mythos.
Kurz vor Lorch dann – Erlösung: Ein Rewe! Dort sammeln sich ein paar Mitfahrer, wir klagen uns gegenseitig unser Leid und trinken, ich Kefir, auf die harte Realität. Danach geht’s steil die Weinberge hoch – bei der Hitze eine Mischung aus Sauna und Schinderei. Drei Berge rauf, drei wieder runter – gegenüber am Rhein dasselbe Schloss von morgens – vor den drei Bergen. Hätte man auch mit der Fähre oder am Ufer entlang machen können … aber wo bleibt da das Drama?
Fast 500 Höhenmeter in der Mittagshitze – Schatten ist Luxus, der hier nicht geliefert wird. Mediterranes Feeling. Danach: Felder, Wälder, Getreide bis zum Horizont. Gerade Rewestopp – Ananas, Kefir und zwei Gurken (mein Gourmetmoment). Vor mir: 70 km Einsamkeit bis zum nächsten Versorgungspunkt und Hoffnung auf Rückenwind, der bei diesem Höhenprofil höchstens Kühlung bringen würde.
Bei der größten Mittagshitze taucht in Patersberg der auf meiner Planung notierte Dorfautomat auf. Meine Rettung. Ich lechze nach einem Lattemacchiato oder ähnlichem. Es gibt eine Dose Eiskaffee. Himmlischer Motivationsschub.
Eine Gruppe Mitleidender kreist in dieser Zeit umeinander. Einmal ist Dani vor oder Stephan oder …, dann wieder wer anders, dann sitzt einer wieder im Schatten einer Bank und ich löse ihn dort ab, um selber den Körper etwas runter zu kühlen und mit Gurken, Käse und Brezel die Reserven aufzufüllen. Ausrede zur x-ten Pause. Qualvoll an einem Waldschwimmbad vorbei zu fahren und die kreischenden Kinder dort zu hören, Ohren zuhalten geht leider auch nicht.
Nach dem Mittags-Rewe dann Frust deluxe – 11 Stunden für müde 100 km. Will man eigentlich nicht auf Strava hochladen. Doch dann: sanftes Auf und Ab über Wiesen und Felder – fast meditativ. Rewe in Hausen an der Aar: Großes Schlemmen mit Fetasalat, Brezel, Limettencreme und Melone. Schlaraffenland auf 7-EURO-Budget. Noch 40 km zum Schlafplatz – läuft plötzlich flüssig. Mit dabei: Stefan. Wir bauen gegenseitig unsere Motivation auf. Zwei Frauen weisen uns kurz vor Dämmerung zu einem Sportplatz mit Grill-Hütte. Unser Camp für die Nacht. Staubig, aber gemütlich. Vor dem Schlafengehen gönne ich mir eine Katzenwäsche mit dem kostbaren Trinkwasser, sparsam auf ein Funktionstuch geträufelt – so füge ich mich mit meinem nur halb erfrischten Körper nahtlos in die staubige Hütte ein.
Und: Endlich mal wieder geschlafen! Fünf volle Stunden, was nach den letzten Nächten nach Luxusklasse klingt. Wecker um halb fünf, schnelles Packen (eine ganze Stunde!), Milchreis und Flaschen-Latte – auf geht’s in einen hoffentlich weniger frustrierenden Tag! Die Hoffnung stirbt aber wohl zuletzt …
Tag 4 151km/ 2800 Hm; verstrichene Zeit ca. 16h
Halbzeit mit Umwegen
Nach einem ersten Tag mit Raketenstart, einem zweiten mit solidem Flow und einem dritten, der sich eher nach Kaugummi anfühlte (bis zumindest km 100), starte ich heute guten Mutes in Tag 4. CP2 steht auf dem Plan, und damit die heiß ersehnte Streckenhälfte. Das Wetter? Postkartenwürdig. Los geht’s!
Wasser habe ich kaum noch, aber mein Zwischenstopp auf dem Friedhof gilt nur der blitzschnellen Katzenwäsche (bitte kein Publikum – ich fühle mich dabei schon schuldig genug). Trinken? Lieber nicht. Ich habe auf WhatsApp gelesen, dass einige Mitfahrer*innen mit üblen Magenproblemen kämpfen. Brunnen meide ich konsequent – angeblich oft nur Umlaufwasser. Vertrauen sieht anders aus.
Bei Sonnenaufgang treffe ich auf erste Frühaufsteher – vor allem tierische. Neugierige Pferdchen schauen mir hinterher, ein Igel erstarrt am Straßenrand zu einer stacheligen Statue. Ich bin unterwegs von Schmitten auf den Pferdskopf und denke dabei schon sehnsüchtig ans Frühstück. Doch erstmal stehen mir noch ein paar flache Kilometer bevor – und mitten drauf: Stephan. Neben seinem Rad. Mit Platten. Ich frage im Vorbeifahren: „Hast du alles?“ – „Ja“, sagt er.
Doch dann: Vollbremsung. Mein innerer Dialog läuft auf Hochtouren: „Fahr weiter, das ist ein unsupportetes Rennen, du darfst eh nicht helfen.“ „Ja, aber … du bist schon mit ihm gefahren … willst du jetzt echt so ein Schuft sein?“ Kurz: Ich drehe um. Biete meine Standpumpe an (von „helfen“ kann man bei meiner Technikkenntnis kaum sprechen). Aber mit ein paar Handgriffen läuft das Ding bald wieder, „pronto“ für den letzten Kilometer.
Der zweite Stempel lässt sich nicht lumpen: 20 Etagen (gefühlte) geht’s zur Turmplattform. Aber die Aussicht? Kino. In der Ferne grüßt der Große Feldberg – und auf meinem GPS lade ich Track 3 von 4. Halbzeit.
Abfahrt zurück nach Schmitten. Unterwegs treffe ich Nina – ohne zu ahnen, welche Rolle sie später noch spielen wird. Rewe macht gerade auf – Stephan sei Dank, sonst wäre ich wohl hungrig weitergerollt. Eine Flasche Kefir auf Ex (sonst nie mein Ding, aber mein Körper verlangt es wie ein Teenie nach TikTok). Ich decke mich ein, denn 50 km ohne Verpflegung stehen bevor. Stephan klagt derweil über seine Schaltung – sie springt nun fröhlich in die kleinen Gänge. Ich erinnere mich dunkel an einen Tipp meines Mechanikers: „Schräubchen nach links – oder rechts – halbe Umdrehung, dann wieder zurück, oder so?“ Versuch macht klug – und siehe da: es hilft! Ich gönne mir zur Belohnung süße Teilchen beim Bäcker und einen Latte Macchiato (mit zwei Zucker).
WhatsApp, FollowMyChallenge – ein kurzer Blick aufs Rennen. Plötzlich steht Stephan wieder da. Nun zicken die großen Gänge. Er will auf den Radladen warten. Ich fahre weiter – Zeit und Kilometer schreien Alarm. Fünf Stunden rum, erst 11 km geschafft. Wenn das so weitergeht, bin ich zur Finisher-Party nicht vor Ort.
Dann geht’s richtig ins Gelände: Singletrail. Ich bin langsam, sehr langsam. Wälder, Felder, Tiere, Hitze – alles wie gemalt, nur dass das Bild zu kleben scheint.
Dann, kaum 30 km nach CP2, fällt mein Blick auf ein Schild am Straßenrand, in Neonfarben (erregt die Aufmerksamkeit auch des müdesten Hirns). „Trail Magic: Free Food. Free Toilet. Free Coffee. Free Shower. Free Safe Place to Sleep.“
Letzteres streiche ich – es ist noch nicht mal Mittag. Aber Dusche … nach dreieinhalb Tagen? Ich hoffe, das ist kein Hitzedelirium. Und siehe da: es ist echt! Ein Wohnhaus direkt an der Strecke. Davor: Ramon, Röttger, Markus, Bernd, zwei Trailangels und ein Buffet, das jedem Schlaraffenland die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ich ziehe meine „virtuelle Nummer“ – Anstellen zur Dusche – und stärke mich derweil mit Brötchen, Kaffee, Obst, Süßem, Getränken.
Dann: Duschen. Mit allem, was ich anhabe (außer den Schuhen) besteige ich den Sehnsuchtsort. Komplett. Trocknen später am Rad: Socken, Hose, Shirt – alles kunstvoll verknotet und an der Packtasche verzurrt, damit nichts in die Speichen wandert.
Zum lustigen Treiben hier kann ich zur guten Stimmung beitragen: Anekdote vom Tag zuvor, die Runde in Pfaffenwiesbach verkugelt sich vor Lachen: Geisenheim am Nachmittag. Ein Mann steht an einer Ecke, Smartphone in der Hand, auf dem Asphalt vor ihm mit Kreide die Nummern „77“ und „14“ notiert. Ich nutze die Situation meine Beinen nach dem letzten Berg eine kurze Pause zu gönnen: Ich frage vorsichtig: „Warten Sie auf einen Taunus-Bikepacker?“ Er nickt. „Ja, auf die 77“. Ich weiß dessen Namen nicht, deshalb frage ich nach. Ich verstehe etwas, was wie Hermann klingt. Hermann? Ich überlege kurz. „Oh, cool, so heißt mein Mann auch. Im Rennen gibt’s allerdings keinen Hermann. Aber ich sage lieber nichts – vielleicht bin ich ja verwirrter als gedacht. Später werfe ich einen Blick ins Tracking: Nummer 77 – das ist Ramon. Nicht Hermann. Nur fast. Als ich den „Hermann-Moment“ schildere, bricht die Runde in schallendes Gelächter aus. Seither hört man immer wieder ein neckisches: „Na, Hermann, wie läuft’s?“ Ramon nimmt’s mit Humor.
Ich breche auf – schweren Herzens. Ich warte aber noch auf die unter Riesenapplaus stattfindende Ankunft von Nina. Im Getümmel mache ich mich davon.
Es ist Mittag. Nach fast sieben Stunden bin ich gerade einmal 41 Kilometer weit gekommen. Ob das noch aufzuholen ist?
Der Taunus – friedlich, sauber, als hätte ihn jemand morgens mit dem Mikrofasertuch poliert. Eine ansteckende Ruhe liegt über allem. Mal Weite wie im Wüstenfilm, dann wieder Wald, so dicht, dass man glaubt, gleich in einem Märchenwald auf eine Gruppe sprechender Rehe zu treffen. Überall Schutzhütten – auf drei Seiten geschützt, vorne offen. Ein Zelt? Hätte ich mir glatt sparen können! (Allerdings sind einige der Hütten schon besetzt, wenn ich abends vorbeikomme).
Kleine Orte tauchen auf, mit überraschend vielen netten Menschen. Ich schwöre, in den Bäckereien des Taunus sind alle Mitarbeiter*innen Teilzeit-Engel – inklusive der Dame, die mir den Löffel persönlich über die Treppe entgegenträgt. Mein Gesicht muss nach „plattgekochter Radfahrer“ geschrien haben.
Was die Wege angeht, scheint es im Taunus ein Gesetz zu geben: Keine Steigung unter 14%. Wenn’s mal sanft bergauf geht, ist das wohl ein Versehen. Nach 11.000 Höhenmetern melden meine Beine übrigens offiziell Insolvenz an. Und wenn’s steiler wird, dann absteigen. Oder stürzen – was sich bei mir in die Brennnesseln und Disteln manifestiert hat. Danke, liebe Natur, für dieses brennend-juckende Andenken.
Heute ist’s warm. Wieder. Diesig obendrein. Ich trödele nach dem himmlischen Trailmagic-Stopp in einem flatternden Shirt weiter – radmodisch fragwürdig, aber angenehm luftig. Es geht hügelig weiter, keine ernstzunehmenden Berge im Moment. Dafür ist es schon Mittag, und ich habe nicht mal 50 Kilometer geschafft. Mein Tagessoll winkt mir im Rückspiegel zu (sofern ich einen hätte) und verschwindet lachend in der Ferne. Und meine Ankunft am Freitagabend? Die kann ich mir langsam abschminken.
Der Große Feldberg guckt immer wieder um die Ecke, mal näher, mal wie ein ferner Mythos. Der letzte und höchste Berg, ca. 30 Kilometer vor dem Ziel. Ganz ehrlich? Ich fang jetzt schon an, mit ihm zu verhandeln – wird er mir wohlgesinnt sein?
Straßenstücke sind ein Wechselbad der Gefühle: Freue ich mich über schönen Asphalt, kommt garantiert ein Abbiegehinweis in den Schotterhorror. Umgekehrt biege ich missmutig in den nächsten Weg ein – und lande plötzlich auf frischem, glattem Teer. Taunus, du alter Trickser.
Und dann: Dani. Immer wieder mal begegnet er mir – und ist dann plötzlich wieder weg. Ich vermute magische Tarnfähigkeiten seines blau-rot-karierten Hemds.
In der Nachmittagsglut habe ich eine Halluzination: Auf der Wiese steht ein Kamel. Kein Witz. Ich bin kurz davor, es nach dem Weg zu fragen.
Bad Camberg empfängt mich am späten Nachmittag nach nicht einmal 100 Kilometern mit offenen Armen – und einem Supermarkt. Großeinkauf deluxe: Abendessen für sofort, Frühstück für später.
Ich glaube es war hier, bin mir aber vor lauter Schleifen und Fast-Kreisen nicht mehr sicher: Bei der Erwähnung, dass ich nach Limburg müsse, bekomme ich die Info, das sei eh nur noch 5 Kilometer bergab. Dass ich aber noch über 200 Kilometer vor mir habe dorthin, verschwieg ich lieber. Nicht, dass ich noch als „Plemm-Plemm“ erkannt werde …
Der Weg zum Schlafplatz zieht sich wie Kaugummi auf Asphalt. Die Sonne hängt tief, die Felder rumpeln wild unter den Reifen, und ich schleppe mich wie ein müder Esel durchs Gelände. Als die Dämmerung sich anschleicht, checke ich schnell „FollowMyChallenge“ – Dani hat das Dörsbachtal schon hinter sich. Und das Ding verspricht Schiebe-Passagen und Singletrails. Nichts für Nachteulen.
Ich finde einen Grillplatz auf der Abfahrt ins Dörsbachtal – versteckt für müde Held*innen. Scharfe Rechtskurve, ein paar Meter runter, hinter Bäumen: Jackpot. Zelt aufgebaut, na ja, irgendwie. Der Boden ist härter als meine Motivation bei 38 Grad – die Heringe stecken eher symbolisch. Mein Zelt hängt wie eine alte Hängematte im Wind, und ich muss aufpassen, dass ich es nachts nicht mit einer unbedachten Bewegung einreiße. Am Morgen: so nahe am Fluss alles klatschnass vom Tau. Zelt, Schlafsack, Laune.
Aber hey – ich bin noch da. Und das ist doch schon mal was!
Tag 5 142km/ 2900 Hm, verstrichene Zeit ca. 15h
Von Feuchtigkeit, Feiertagen und faltbarer Pizza
Der Tag beginnt wie jeder gute Campingmorgen: mit klatschnassem Zelt, feuchtem Schlafsack und dem Gefühl, das Gewicht meiner Fehler auf dem Rücken zu tragen – nämlich Schlafplatz am Fluss. Aber hey, wenigstens ist das Frühstück trocken.
Ich starte mit leichtem Bammel in den „technischen Abschnitt“, der sich dann als harmloser herausstellt als mein letzter Versuch, den Zeltboden einzuschlagen. Gut so – schwere Abschnitte würden mich heute eher in die Knie zwingen als motivieren.
In Singhofen hoffe ich auf Brot und Gebäck, aber der Bäcker hat geschlossen. Um 6 Uhr morgens. Gibt es etwas wie Taunus-Zeit? Also nach Lust und Laune? Beim Supermarkt ein paar Meter weiter warten zwei rauchende Damen auf ihren Arbeitsbeginn – oder das Ende der Raucherpause, wer weiß. Auf meine Frage nach dem anderen Bäcker folgt die erstaunliche Nachricht: „Der macht heute gar nicht auf.“ Warum, verstehe ich erst später. Spoiler: Feiertag. Nicht bei mir, aber offenbar hier überall.
Ein paar Jungs überholen mich. Ich dachte, die sind schon über alle Berge.
Und grad ein lustiges Ortsschild: „Berg“, das ist ganz ja was neues …
Ich scheine etwas verzweifelt ausgesehen zu haben – darf zumindest im Kunden-WC meine Trinkblase auffüllen. Ein Segen! Die vollen Brotkisten im Geschäft schauen mich an wie Sirenen Odysseus. Aber Regeln sind Regeln. Noch geschlossen ist geschlossen.
Kurz danach hole ich Stephan ein, der die Nacht mit raschelnden Mitbewohnern (Mäusen!) in einer Hütte verbracht hat. Ich beneide ihn nicht. Der Dorfladen in Gemmerich, mein letzter Hoffnungsschimmer auf Frühstück, ist natürlich auch zu. Stephan schaut mich an: „Heute ist doch Feiertag.“ Ich so: „Bitte was?!“ In meiner Welt war das ein stinknormaler Donnerstag.
Essen? Wasser? Ach ja. Ich habe ja noch meine Notration dabei – seit vier Tagen transportiere ich sie wie einen Schatz über jeden Hügel: Datteln, Nüsse, Knoppers von fragwürdiger Konsistenz. Ich bin nun mal ein Hamstertyp – lieber zehn Riegel zu viel als einer zu wenig. Ein Teil davon wird übrigens die komplette Tour mitfahren und am Ende ungeöffnet zurückkehren. Treue Begleiter.
In Wellmich am Rhein ignoriere ich den Hinweis auf meiner Planung – zur Tankstelle (2 km Umweg? Nein danke!) und klettere lieber direkt nach oben – ein Entschluss, der sich auszahlt: In Lykershausen wartet der heilige Gral des Tages: DER Kiosk! Offen! Für uns Bikepacker! Günter, der Hüter der Snacks, zaubert Wurst- und Käse-Brote, Kaffee, Getränke – ich weine fast vor Dankbarkeit.
Doch der Berg ruft, und so rolle ich wieder runter an den Rhein, durch Braubach (wirklich sehr pittoresk) und wieder rauf in den Wald. Schön schattig – gut, denn eine Müdigkeitsattacke deluxe zwingt mich zu einem 10-Minuten-Nickerchen auf einer Parkbank. Luxusreise halt. Klammer auf: Dass ich Minuten zuvor einen Elch an der Strecke gesehen habe, erzähle ich lieber niemandem. Klammer zu. (entpuppte sich sowieso als ein Ast im Gebüsch)
In Dachsenhausen gibt’s an der Tanke das volle Programm: Eis, Haribo, noch ein Eis. Ich nähere mich gefährlich der Kalorienbilanz eines Kleinkindgeburtstags.
Die Abfahrt auf der alten Bahntrasse ist ein Träumchen – und plötzlich: das Lahntal! Damit auch der letzte Checkpoint in greifbarer Nähe. Doch vorher gilt es, sich durch Bad Ems zu quälen – vorbei an Menschen in Kanus, auf SUPs, beim Baden oder Flanieren. Alle scheinen im Urlaub zu sein. Ich schwitze derweil literweise und fluche innerlich. Der Aufstieg zum Malberg-Turm ist weniger ein Anstieg, mehr ein Hindernislauf mit Klettereinlagen über gefällte oder geknickte Bäume.
Oben dann die Belohnung: Aussicht! Turm! Checkpoint 3! Und ein kühler Trail, der mich nach Nassau führt – zur Eispause und einem kurzen Italienischplausch mit den Besitzern der Gelateria, die aus dem Raum Treviso kommen, genauer aus Conegliano.
Ich frage den Sohn der Gastwirte auf Italienisch, ob ich mich etwas frisch machen dürfe. Er schaut mich entgeistert an. Ich frage nochmal, nun auf Deutsch. Da löst er sich aus seiner Erstarrung und fragt mich, ob ich grad Italienisch mit ihm gesprochen habe. Was Unerwartetes mit einem macht. Und ich dachte, nur mein Hirn sei heute nicht mehr ganz frisch.
Stephan ist auch da – nebenan, bestellt Pizza. Ich mache es andersrum: erst Eis, dann Pizza. Mein Fehler.
Denn die Pizza dauert. Und dauert. Und… ja, ich werde vergessen. Irgendwann packe ich beleidigt das Ding mitsamt Karton zusammen – faltbares Abendessen to go – und fahre weiter. Einmal quer über den nächsten Berg Richtung Laurenburg.
Stephan und ich rollen gemeinsam über die Trails, die Dämmerung setzt ein, und ich suche verzweifelt ein Plätzchen fürs Zelt. Ein schöner Grillplatz? Von einer Großfamilie belagert. Okay, Plan B: der Campingplatz „Zum Lahntal“.
Zelten? Direkt am Fluss, viel zu feucht. Hotelzimmer? Alle ausgebucht. Aber ich kenne den Trick – aus einem von Markus‘ Videos. Ich frage scheinbar ahnungslos nach einem „Plätzchen“ zum Schlafen – und lande, wie erhofft, im Dachboden. Trockener Boden, Wäscheleine für mein Zelt, Dusche (die zweite in Folge – dekadent!), ein paar Stunden erholsamer Schlaf. Zuvor zwingt mich der Hunger noch die mit dem Kartonboden verbackene Klapp-Pizza zu genießen. Und dadurch verdränge ich auch, dass ich heute nur etwas mehr als 140 Kilometer zurückgelegt habe.
Am nächsten Morgen läuft alles wie am Schnürchen. Milchreis zum Frühstück, dazu der Latte Macchiato von der Tankstelle (seit Stunden körperwarm). Und dann: weiter geht’s.
Denn es ist ja nur noch… wie viel eigentlich?
Tag 6 153km/ 2800Hm, verstrichene Zeit ca.15h
Von Wiesenfallen, belgischen Brocken und flaschenkluger Pfandwirtschaft (Distanz? Viele Kilometer. Höhenmeter? Auch viele. Erinnerungen? Unbezahlbar.)
Ich denke beim Abfahren schon ans Ankommen – ganz klar ein Motivationsfehler. Durchfahren über Nacht? Nee. Dann verpasse ich ja all die Natur- und Kulturschönheiten – und vor allem: die Bäckereien! Und die Wurstbrot-Jausen fremder Frauen. Aber dazu später.
Die Beine fühlen sich heute erstaunlich frisch an, aber ich vertraue dem Braten nicht. Wahrscheinlich ist das bloß Adrenalin, weil mein Rad beim ersten Fotostopp direkt mal wieder umkippt. Schwupps – eine neue Schramme auf meinem Bein, das langsam aussieht wie die Oberfläche eines alten Wanderstocks.
Der Morgennebel an der Lahn sorgt für mystische Stimmung, fast schon romantisch.
Plötzlich in der Ferne, auf einer rasanten Abfahrt: ein bekanntes Gesicht! Volker! Aus den Augenwinkeln kann ich nichts näheres erkennen. Später wird er mir beichten, dass er in dem Moment splitterfasernackt war. Ich bin froh, dass ich nicht genauer hingeschaut habe. Und noch froher, dass die Kamera das Ganze nur ungefähr eingefangen hat (bei Minute xy, aber das bleibt unser Geheimnis).
Wieder treffe ich Stephan – es wird schon zur Routine.
Vor Limburg dann mein Klassiker: ein Navigationsverhauer. Mein Garmin piepst empört, aber ich ignoriere es, wie man eben einen nervigen Beifahrer ignoriert. Und nehme ich eine „Abkürzung“ über eine frisch gemähte Wiese. Großer Fehler.
„Gabi, Haaaalt!“ ruft Stephan noch – zu spät. Ich blicke an meinem Rad hinab: Heuhalme haben sich liebevoll, aber gnadenlos um die Kassette geschlungen – jeder Zahn mit einem individuellen Grashut dekoriert. Nichts geht mehr. Stephan zückt eine Zange und hilft mir beim Grasschnitt am Bike. Partnerhilfe geglückt – zumindest moralisch. DSQ? Jesko? Ich sag einfach mal: kreativ gelöst. Lektion gelernt: Eisstiele nicht wegwerfen – die eignen sich hervorragend zur Grashalm-Operation. Und noch was, Abkürzungen rächen sich. Zumindest enden 10 Meter Abkürzung wohl nicht in einem DSQ (=Disqualifikation, in diesem Moment ein unaussprechlicher Zungenbrecher).
Dann endlich Limburg – eine Stadt wie aus dem Modellbaukasten: Fachwerk, Gässchen, zum Glück ist es noch zu früh für Touristen mit Selfiesticks. Wir suchen verzweifelt einen Rewe, bis uns ein Mann mit Brötchentüte erleuchtet: „Gleich um die Ecke!“ Und tatsächlich – nicht irgendein Bäcker, die Kunstbäckerei Hensel! Ich kann mich nicht entscheiden und nehme einfach drei Stücke plus Latte Macchiato. Danach nochmal rein – wegen des Belgischen Brockens. Ein Gebäck wie ein Gedicht. „Wers nicht kennt, hat was verpennt“, sagt der Bäcker. Recht hat er. Wer es wissen will, es ist ein Gebäck mit mittendrin einem Schokoschaumkuss, um nicht zu sagen M….kopf. Sowas von lecker!
Zurück auf der Straße – ich, fahrender Wäscheständer und nun auch mobiler Pfandcontainer. Nachdem mich Stephan früh belehrt hat, Flaschen neben den Mülleimer zu stellen. Nicht, weil er heimlich Müllliebhaber ist, sondern wegen des Pfands. Ich schimpfte ihn vor Tagen Umweltbanause – Pfand auf fast alles gibt es bei uns nämlich nicht. Ich sammele jedenfalls seither Flaschen wie andere Leute Pilze. Meine Supermarkteinkäufe finanziere ich bald ausschließlich über Joghurtflaschen. Einmal finde ich sogar eine Flasche am Wegesrand – Jackpot!
Mein Körper ruft plötzlich: Kefir! Gurken! (Ja, das sind die echten Gelüste eines Bikepackers.) Ein Supermarkt erscheint wie ein Wunder. Ich bleibe abrupt stehen, ein Rentnerpaar in SUV fühlt sich dadurch emotional verletzt und zeigt mir den Vogel. Ich winke freundlich. Vielleicht gehören wir ja alle zur selben Risikogruppe, Pensionisten …
Vor dem Laden: Ramon. Immer da, wo man nicht mit ihm rechnet. Wir tauschen kurze müde Blicke und Pfandflaschen. *lach!
Es folgt ein wunderbarer Lahnradweg. Aber zu viel Schönheit macht schläfrig – wahrscheinlich wusste das auch Jesko, denn kurz darauf geht’s wieder giftig bergauf. Musik? Hörbuch? Hab ich alles dabei, aber ich fahre lieber im Schweigen mit meinem Leid. Und manchmal sogar mit Würde.
In Braunfels: Eis-Zwangspause. Es ist heiß. Röttger und Ramon rauschen weiter. Ich bleibe kleben – wortwörtlich.
Später, in einem stickig-heißen Dorfanstieg, sitzt eine Frau in der prallen Sonne und isst ein Wurstbrot. Ich bremse abrupt – kleiner Plausch gefällig? Im Rhythmus fahre ich vor lauter Stopps eh nicht, so kommt es auf einen weiteren auch nicht an. Monika, wie ich später erfahre, beobachtet seit einem Tag alle vorbeifahrenden Bikepacker. Fangfrage: „Na, wer bin ich?“ – „Gabi natürlich.“ Na also!
Kurz danach noch Dagmar, ihre Freundin – auf Dotwatcher-Radtour. Ich liebe diese Begegnungen. Ohne Hetze und ständige Uhr-im-Nacken-Attitüde wäre sowas kaum möglich.
Powernap auf Bank. Dann ein Interview bei Tom. Niels lauert im Gebüsch und knipst ein Paparazzi-Foto – ich hatte meine Frisur nicht gerichtet! Skandal.
Wetzlar: Ich drehe hitzetrunken Kreise im Kreisverkehr auf der Suche nach Rewe an der Tankstelle. Drinnen: angenehm klimatisiert. Leider kein Milchreis. Kein Latte. Keine Gurken. Dafür aber: Röttger und Ramon. Schon wieder!
Das wird auch das letzte Mal sein, dass ich die beiden sehe. Sie ziehen durch – Nachtfahrt! Ich nicht. Ich fahre nochmal über eine Wiese. Dieses Mal legal – und falle trotzdem, Fuß im Klickpedal falsch belastet und hänge fest, bis zum bitteren Ende, sprich Boden. Knie blutig, Stolz zerknittert. Ich fluche leise, schimpfe auf Schwerkraft und Konzentrationsmangel.
Auch am Nachmittag finde ich keinen echten Rhythmus mehr. Es ist heiß, die Felder scheinen zu flimmern, und die Sonne hat sich heute offenbar ein „Grillen“-Programm vorgenommen – mit mir als Bratwurst.
Irgendwann finde ich Stephan wieder. Gemeinsam rollen wir in die Dämmerung. Dann – wie bestellt – ein riesiges überdachtes Gebäude am Sportplatz in Oberkleen. Perfekt für eine zeltlose Nacht. Trockener Boden, kein Tau, keine Schnaken.
Ein Luxusbett aus Beton – was will man mehr?
Die letzten Stunden 77km/ 1500 Hm, verstrichene Zeit: 7,5h
Letzter Tag – Frühstart, Feldberg-Finale und das gezähmte Tier Taunus
Gegen drei Uhr wache ich frierend auf – so richtig bibbernd. Irgendwas zwischen Eskimo und Tiefkühlpizza. Schlafsack zu dünn? Körper zu durchgefroren? Egal. Ich pelle mich wie ein müder Burrito aus dem Zelt (okay, von der Isomatte) und beschließe: Packen. Fahren. Vielleicht gibt’s ja Frühstück im Ziel?
Hah! In meiner gewohnt optimistischen Selbstüberschätzung denke ich, ich wäre in ein paar Stunden durch. Kleiner Denkfehler: Vor mir liegen noch drei echte Berge. Nicht so Huppelchen wie neulich, sondern echte, ehrliche, schweißtreibende Anstiege.
Und trotzdem: Frühstück um 10:30 Uhr zählt doch noch, oder? Zumindest, wenn man nachts um drei startet.
Ich fahre los – in die Dunkelheit. Und prompt… in die falsche Richtung. Klassischer Start. Wieder umgedreht, dann richtig. Es ist stockdunkel auf dem Trail, also schalte ich zur SON-Lampe auch noch die Lupine-Helmlampe ein – Licht für ein ganzes Dorf. Bloß keinen Sturz jetzt, nicht so kurz vorm Ziel. Meine Schienbeine haben eh schon das komplette Kratzer-Panorama.
Der Weg führt mich über den Hausberg, den Winterstein und – last but not least – den Großen Feldberg, den Chef im Ring. Dazwischen? Noch ein paar Höhenmeter zum Nachtisch. Aber hey – runter geht’s danach angeblich von ganz allein.
Gerade dämmert es, als ich an einem tief schlafenden Henning vorbeikomme – drapiert wie Dornröschen auf dem Tisch einer Schutzhütte. Ich schleiche vorbei wie ein Ninja auf Reifen. Followmychallenge sagt: Henning confirmed. Ich lasse ihn schlafen. Verdient.
Der Winterstein überrascht mit einer Downhillstrecke – allerdings in der falschen Richtung. Ich schiebe wie eine Touristin mit Kinderwagen in den Alpen. Immerhin kein Gegenverkehr – außer einem Eichhörnchen, das mich offensichtlich auslacht.
Dann: Frühstück in Köppern. Nicht geschenkt, aber verdient. Der Feldberg ruft. Laut.
Der Trail startet vielversprechend: große Steine, knifflige Linienwahl, Puls auf Anschlag. Dann treffe ich Kilian, der tiefenentspannt noch Fotos im verzauberten Märchenwald macht und mir. Ich sehe wohl aus wie die wilde Hilde auf dem letzten Loch pfeifend.
Und plötzlich: Asphalt! Halleluja! Ich leere meine halbleere Wasserflasche – immerhin hab ich noch eine 1-Liter-Pfandflasche im Gepäck. Natürlich. Denn Gabi hamstert. Nicht weil ich Paranoia habe, sondern Planungssicherheit!
Dann kommt sie: die letzte steile Rampe. Kein Mensch würde hier freiwillig rauflaufen – ich muss sie raufschieben. Endgegner-Style. Hinter der nächsten Kurve endlich: der Fernmeldeturm auf dem Großen Feldberg. Ich hab’s fast!
Ein kurzer Plausch mit Stefan auf dem Rennrad – der mit seinem Bianchi offensichtlich nicht gerade vom Winterstein kommt – und dann ab in die Abfahrt. Nur noch 25 Kilometer Schotter und eine kleine Kuppe. Denke ich zumindest.
Doch da steht sie: die letzte Rampe. Kerzengerade, endlos, steil wie das Schuldgefühl beim Pfandflaschenvergessen. Das ist keine Kuppe. Das ist Mord in Kiesform. Ich fluch-leide mich hoch.
Und dann… dann ist es wirklich geschafft.
Ich fliege den The Eppstein Project Campingplatz hoch – fast wie auf Wolken, wenn Wolken aus Staub und Schweiß wären – und höre es schon: Musik, Klatschen, Lachen. Das Ziel!
Das Finisher-Zelt! Alle sind da – Jesko, Frauke, Christian, Inza, Röttger und viele mehr. Umarmungen, Applaus, ein Gefühl wie Weihnachten, Geburtstag und die erste und einzige große Liebe (Hermann , ich meine genau dich!!) auf einmal.
Ich habe es geschafft!
Gut, das mit dem „zum Frühstück ankommen“ war dann eher ein spätes Brunch. Aber hey: Das Tier Taunus ist gezähmt. Und habe auch noch jede Menge Spaß dabei gehabt, zumindest MEISTENS. Echt nicht gelogen …
Pasubio Loop – auf den Spuren des Ersten Weltkrieges und des Memory Bike Adventures
Das Memory Bike Adventure ist eigentlich ein unsupportedes, mehrtägiges Gravel- und Bikepacking-Rennen. Die Strecke ist etwa 720 km lang und führt durch die Region Venetien, entlang bedeutender Schauplätze des Ersten Weltkriegs zwischen Österreich und Italien. Historische Orte wie den Monte Grappa, das Altopiano di Asiago, den Monte Pasubio und das Piave-Gebiet. Die Route ist technisch anspruchsvoll und führt durch abgelegene Gebiete mit begrenzten Versorgungsmöglichkeiten.
Mutig war ich allemal, als ich mich für das Race around Rwanda anmeldete. Dass das Abenteuer Afrika ein ganz besonderes werden würde, ahnte ich schon.
In Kürze, es geht in einer 1000 Kilometer langen Runde um dieses ostafrikanische Land am Äquator, dabei sind gut 18.000 Höhenmeter zu überwinden. Nicht umsonst wird Ruanda „Das Land der 1000 Hügel“ genannt.
Neugierig geworden? Hier zunächst mein Video über das gesamte Rennen. Wer den Bericht lesen möchte, jeder Tag beginnt mit eine kurzen Video.
Tag 1: Start in Kigali – CP1 Lake Muhazi – Gasange 210 km/ 2850 Hm Zeit in Bewegung: 11:30h Verstrichene Zeit: 14:07h
Hier zunächst das Video – Tag 1
Race day morning:
Meine Aufregung steigert sich. Für uns ist im Café Tugende ein wunderbares Frühstück bereitgestellt. Letzte Vorbereitungen bis zum Start. Jemand teilt mir mit, mein Tracker erscheint auf der Legendstracking-Seite als nicht vollständig geladen, also hänge ich ihn nochmal an die nächstbeste Steckdose; daneben hatte jemand wohl dieselbe Idee. Ein letztes Mal aufs Klo, Tracker eingepackt und in die Startlinie eingereiht. Ein fröhliches Geblinke der roten Rücklichter, blau das des Polizeiwagens, der uns auf den ersten Kilometern aus der Stadt hinausbegleitet. Countdown … es geht los! Die Anspannung fällt mit den ersten Pedalumdrehungen ab. Jetzt gibt es kein Zurück mehr … Komme, was kommt!
23 Kilometer Asphalt, unterbrochen von etwa zwei Kilometern grobem Kopfsteinpflaster. Hier zeigt sich, wer seinen „Hausrat“ nicht richtig befestigt hat. Ein Rücklicht, eine Sonnenbrille, Trinkflaschen verlieren ihre Besitzer, mich rüttelt es nur richtig durch, aber alles bleibt dran.
Kurz vor sechs wird es hell. Das bedeutet hier in Äquatornähe innerhalb von Minuten von Stockdunkel zu Sonnenaufgang, fast so, als ob jemand einen Lichtschalter umlegt. Nur ist es 12 Stunden hell und dann dasselbe Schauspiel umgekehrt. Also gut in die Pedale treten, ich hatte mir vorgenommen nur bei Helligkeit zu fahren. Als Frau alleine fürchte ich mich doch etwas im Dunkeln einsam zu radeln, auch wenn Ruanda als eines der sichersten Länder weltweit gehandelt wird.
Und bei Tagesanbruch geht es auf die erste Gravelstrecke. Diese wird von Simon als „smooth“ beschrieben. Ab und zu ist es aber ziemlich ruppig, wie werden wohl die Abschnitte ohne diese Beschreibung sein?
So früh am Morgen, überhaupt ist heute auch noch Sonntag sind schon sehr viele Leute unterwegs: zu Fuß am Straßenrand, mit hochbepacktem Rad und auch Moto-Taxis gibt es hier – wie ÜBERALL. Das wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Es gibt kaum einmal einen Kilometer, auf dem niemand unterwegs ist.
Ich grüße links, ich grüße rechts mit „Salama“ … glaubte ich doch, das hieße soviel wie „Hallo“. Erst zuhause teilt mir die KI auf meine Frage mit, dass „Salama“ als Gruß oder Ausdruck für Wohlbefinden genutzt wird, ähnlich wie „Alles gut?“ oder „Bleib gesund“ und stammt eigentlich aus dem Swahili. Die Leute sind trotzdem immer überrascht, wenn ich so grüße und antworten fröhlich – mit was auch immer … manchmal mit „Komera“, was „sei stark, habe Kraft“ bedeutet oder mit „Yego„- Ja!
Rotbrauner gestampfter Erdboden begleitet mich über fast 60 Kilometer. Obwohl es trocken ist oder gerade deshalb sind meine Beine bald völlig von einer rötlichen Staubschicht bedeckt, ein klebriges Gemisch mit Schweiß und Sonnencreme. Auch die Farbe meiner Kleidung ist bald nicht mehr eindeutig zu erkennen. Ich nähere mich also schon am ersten halben Tag den Leuten und vor allem den Kindern an, deren Kleidung auch nicht immer makellos rein ist. Wasser wird anscheinend vielerorts für wichtigere Dinge gebraucht als Waschen und Körperpflege und ist nicht immer verfügbar, so wie wie wir es kennen – Wasserhahn auf und das kühle Nass sprudelt. Nein, hier muss es oft von weit her geholt werden. Frauen, Männer, Kinder sieht man häufig mit gelben Kanistern. Die vollen Behälter werden nach Hause geschleppt, oft auf dem Kopf, auch mit hoch beladenen Rädern, die von ihren Fahrern schweißtreibend den Berg hochgeschoben werden.
Bei CP1 sehne ich mich nach einer kleinen Katzenwäsche, die Abkühlung und saubere Beine, Arme und Gesicht versprechen. Aber Fehlanzeige, Wasser ist wohl wie fast überall im Land Mangelware, sagen wir mal für so banale Dinge wie sich des Staubs zu entledigen. Ist das überhaupt wichtig? Ich werde in den nächsten Tagen lernen, dass es viel wichtigere Dinge gibt, zum Beispiel Wasser zum Trinken.
Nach fast 80 Kilometern wechseln wir wieder auf Asphalt und ich halte kurz am Straßenrand bei einer kleinen Gruppe von Kindern: sie bieten Bananen feil. Ein ganzer Strunk oder wie man das nennt für 300 ruandische Franc. Ich brauche nur drei Bananen und bezahle mit 1000 Franc. Das Geld wird mir aus der Hand gerissen und verschwindet, Wechselgeld bekomme ich keines. 1000 Franc haben grad mal den Gegenwert von 70 Cent. Die Kinder umzingeln mich fragen gleich noch nach weiterem Geld. Ich ziehe von dannen.
Kurz darauf eine Radfahrer-Hotspot: Hier muss es was geben und ja, ein Shop!
Alle paar Kilometer gibt es kleine Straßendörfer und hier sind nicht nur noch viel mehr Leute, sondern es gibt kleine „Shops“, die detailliertere Planung hätte ich mir als sparen können. Shop? Hier gibt es, was es gibt: Wasser immer, Fanta auch immer, wobei hier unterschieden wird in Fanta Orange, Fanta Lemon oder Fanta Cola, manchmal auch Fanta Ananas. Irgend eine Art Kekse gibt es auch immer oder Chapati und Mandazi. Dieseostafrikanischen Teigwaren werden oft als Snack oder Beilage gegessen und wohl von den Frauen frühmorgens gebacken und in durchsichtigen großen Eimern zum Bestimmungsort „Shop“ getragen. Chapati – ist ein flaches Brot, das in der Pfanne gebraten wird, Mandazi leicht gesüßte, frittierte Teigkugeln. Anfangs hatte ich etwas Bedenken, diese Energie-Snacks zu probieren.
Ich fülle meine Wasserreserven auf, es ist inzwischen nämlich sehr warm geworden und der Durst größer als normal. Auch eine Cola gönne ich mir. Ich mache eine Entdeckung: mein kleiner weißer Plüschbär, der alle meine Bikepacking-Abenteuer mitgemacht hat, hat mich VERLASSEN. Sprich, ist wohl bei meinem Stopp bei den Kids abgerissen worden. Ich hoffe, er macht ein ruandisches Kind glücklich! Tschüssi Bär!
Nach einer rasanten Abfahrt gibt es wieder Gravel. Smooth und flach. Mit etwas Rückenwind düse ich durch die flache Landschaft. Sie ist auch eine der am tiefsten gelegenen und deshalb eine der heißesten Abschnitte der Strecke, zudem gibt es so gut wie keine Verpflegungspunkte mehr. Es ist etwa Mittagszeit, der Fahrtwind kühlt etwas.
Das wird sich nach den knapp 50 Kilometern ändern. Nun heißt es einige Steigungen zu überwinden. Also nichts mehr mit Fahrtwind und die pralle Sonne bei 38° im Schatten machen mir, die aus dem Winter kommt, ganz schön zu schaffen. Mein Kopf fühlt sich jedenfalls wie eine glühende Kugel an.
Ein Erlebnis lässt mich nicht mehr so unbeschwert durch die Gegend radeln: Vor mir sitzen vier Kinder (sagen wir mal fast Halbwüchsige) auf der Straße , mit gespreizten Beinen eine Barriere gebildet. Als ich bremse, springen sie auf und umzingeln mich. Sie fragen in etwas aggressiverem Ton nach „money“ und als ich weiter fahren will, ziehen und zupfen sie an meinem Rad, wollen meine Wasserflasche rausholen. Ich reiße mich los und flüchte. Erst am Abend werde ich in der WhatsApp-Gruppe lesen, dass einigen ihre Rücklichter abhanden gekommen sind. Aha, das wollten die Kids … Meine Lichter waren aber mit Kabelbindern gesichert, nicht gegen Kinder, sondern gegen das Verlieren …
Sonst aber nur fröhliche Gesichter, alle grüßten zurück, manche Kinder riefen „give me money!“ oder auch nur „good morning“ und „how are you?“
Irgendwann ist das auch geschafft und gegen 15 Uhr trudele ich im ersten Kontrollpunkt ein. Ein Crewmitglied kommt informiert mich gleich, dass mit meinem Tracker was nicht in Ordnung ist und gibt mir einen neuen, auch Lars informiert mich, dass ich laut Legends-Tracking immer noch in Kigali sei. Da werden sie sich zuhause wohl Sorgen machen. Ich will gleich via WhatsApp alle beruhigen und merke, dass ich keinen Internet-Empfang habe.
Ich bin ausgehungert und mache mich erst mal daran mich durch das Sortiment an Mittagessen zu futtern: Gemüse, Reis, Nudeln, Soße, Pommes, Wasser und wieder mal Fanta. Zudem möchte ich mich etwas waschen. Fehlanzeige, es gibt ein einfaches WC, aber kein fließendes Wasser.
Es wird langsam Zeit sich um eine Schlafquartier zu kümmern, ist der Nachmittag doch schon vorangerückt. Hatte ich zuhause mir einige Optionen aufgeschrieben, so muss ich mit Entsetzen feststellen, dass diese Strukturen alle ausgebucht sind. Was tun?
Ich beschließe mit einigen anderen, die dasselbe Problem haben, erst mal weiter zu fahren. Piotr möchte bis nach Byumba weiterfahren, das bedeutet von CP1 noch 90 Kilometer, mehrere kleine und einen langen Anstieg von knapp 1000Hm. Das ist mir definitiv zu lang.
Unterwegs löse ich erst mal mein Internet-Problem und fahre einen der gelben Sonnenschirme, die es in jedem Dorf gibt, an. Darauf das Emblem der Telefongesellschaft deren Sim-Card wir vom Veranstalter bekommen haben. Ich versuche mich verständlich zu machen, dass ich kein Internet habe. Nach einigem Bemühen der Dame unter dem Schirm wird meine eigene Dummheit in technischen Belangen wieder mal enthüllt: ich hatte schlichtweg das Daten-Rooming deaktiviert.
In diesem Punkt erleichtert fahre ich weiter. Und kurz darauf ein Piepton, dass mich eine Nachricht erreicht hat, ich habe ja wieder Empfang … Lars schreibt, er habe im nächsten Dorf eine Unterkunft ausgeforscht. Kurz darauf bin ich dort und wir inspizieren das Gebäude. Zuvor schreibe ich noch Hermann, dass ich unterwegs bin und nicht mehr in Kigali.
Die Räumlichkeiten erschrecken mich zunächst. Das „Bad“ besonders: Ein Abtritt aus Kunststoff, gelber Kanister daneben soll wohl die Klospülung sein. Zwei Zimmer, die Bettwäsche zerwühlt und nicht ganz sauber. Es gibt zumindest Wasser, einen Wasserhahn neben der Eingangstür. Der Herr des Hauses hat wohl seine Familie ausquartiert? Keine Ahnung, denn persönliche Gegenstände gibt es außer einer Hautcreme keine. Es wird uns versprochen, dass die Betten frisch bezogen werden. Wenn wir ein Mückennetz wünschen, dann steigt der Preis von 15.000 auf 40.000 Franc (1000 RWF = 0,70 €). Wir wünschen. Auch ein Dinner kann uns serviert werden. Ich unterstreiche, dass ich gerne nur richtig durchgekochte Speisen möchte. Alles klar.
vorher
In meinem Zimmer gibt es kein Licht, eine neue Glühbirne soll installiert werden. Mann verschwindet, wir sollen nach ihm zusperren und niemandem aufmachen. Es vergeht eine Weile und Mann kommt mit einem Kollegen zurück. Es wird gewerkelt. Strom bekomme ich keinen, aber ein Mückennetz. Etwas später kommt auch frische Bettwäsche und ich muss sagen, ich könnte mein Bett mit Laken nicht so fachgerecht aufbetten, wie unser Vermieter das macht. Ich konnte mich inzwischen mit einem Eimer Wasser behelfsmäßig mit meinem Lappen „waschen“. Irgendwann dann kommt das Essen, siedend heiß: Bohnen, Kartoffeln, Nudeln und Gemüse – und billig, umgerechnet nicht mal 4 Euro. Unsere Gastgeber verabschieden sich. Wir hatten vereinbart, wir rufen an, wenn wir das Haus verlassen, zwecks Schlüsselübergabe. Mit Schrecken entdecke ich, dass ich immer noch nicht auf Legendstracking als Punkt vertreten bin und komme drauf, dass mein Tracker ausgeschaltet ist. Zu blöd: Was denken sich denn die Beobachter des Rennens? Lars und ich buchen in weiser Voraussicht schon mal zwei Zimmer in einem Hotel in Ruhengeri, dem Ort der nächsten Kontrollstelle, bei dem ich voraussichtlich knapp vor Dunkelwerden ankommen würde.
Ich schlafe mäßig gut, denn das Mückennetz versucht zwar seinen Zweck zu erfüllen, aber das geht nur leidlich, wenn sich Mücken innerhalb des Netzes befinden. Ich gehe also mehrfach auf Jagd und entdecke dabei, dass das Mückennetz nicht neu, sondern blutbefleckt ist, wohl von anderen Kammerjägern. Hoffentlich erfüllt meine Malaria-Prophylaxe ihren Dienst.
Tag 2: Gasange – Lake Muhazi – Byumba – Ruhengeri (CP2) 161 km/ 2500 Hm Zeit in Bewegung: 11:23h Verstrichene Zeit: 13:51h
Zunächst mein Video Tag 2
Gegen 5 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg. Lars ist bald hinter der nächsten Biegung verschwunden, ich rolle sehr langsam bergab Richtung Muhazi See, die Gravelabfahrt verlangt meine volle Konzentration. Von „smooth“ keine Rede. Steine, Löcher, Rillen, das volle Programm, um bei einer kleinen Unaufmerksamkeit ausgehebelt zu werden.
Bei Dämmerung radle ich am See entlang. Die Morgenstimmung ist wunderbar. Alleine bin ich auch nicht, immer wieder überhole ich hoch bepackte Radfahrer mit ihren Stahlrädern, auch zu Fuß sind schon eienige unterwegs. „Black Ich komme am Kingfisher Ressort vorbei. Hier hatte ich ja keinen Platz mehr bekommen. Die Rezeption ist auf dieser See-Seite, das Hotel selbst auf der anderen Seeseite wird mit einem Boot angefahren. Nächstes Mal dann …
Ein Rad-Team steht am Straßenrand neben einem Moto. Moto-Taxi? Nein, der hat eine große Holzkiste hinten drauf und darin … frisches Brot. Ich greife zu! Wer weiß, wann ich wieder was bekomme.
Bei der nächsten Abzweigung soll es einen Shop geben. Ich brauche Wasser-Nachschub. Eine Menge Menschen stehen herum, der Shop ist geschlossen. Also weiter. Nun fahre ich auf Asphalt, aber hoch nach Byumba sind es noch knapp 30 Kilometer und fast 1000 Höhenmeter. Ich ziehe im Windschatten einen Radfahrer mit Stahlrad, ein Fahrrad-Taxi, ein sogenannter „Boda-Boda“: Das ist die preiswerte Alternative in Ruanda, vor allem in ländlichen Gebieten. Eine zehnminütige Fahrt kostet etwa 100 RWF, etwa 7 Cent. Diese Taxis bestehen aus robusten Fahrrädern, oft „Made in China“, die für den Transport von Passagieren und schweren Lasten angepasst wurden. Ein charakteristisches Merkmal dieser Fahrräder ist ein verstärkter Gepäckträger, der mit einem gepolsterten Sitz ausgestattet ist, um den Komfort für den Passagier zu erhöhen. Oft verfügen sie über dekorative Elemente, alle möglichen bunten Teile, die von den Fahrern hinzugefügt werden, um ihre Fahrräder zu personalisieren.
Wahrscheinlich hat mein „Mitfahrer“ gerade jemanden von Byumba hinunter gebracht und muss nun wieder zurück. In der Steigung fällt er etwas zurück, ich glaube diese Räder sind Single Speeds …, aber im Flachen schließt er immer wieder auf, strampelt unermüdlich. So geht das über viele Kilometer. Zwischendurch wechseln wir ein, zwei Worte.
Stopp schon vor Byumba an einer Straßenkreuzung. Hier lehnen schon einige Fahrräder an einem beige getünchten Lehmziegelbau mit ein paar Stühlen davor. Ein „Restaurant“. Bekomme ich hier einen Kaffee? Fehlanzeige, aber Cola und Wasser gibt es. Was zu essen? Einer der Männer verschwindet und kommt mit einer Papiertüte voller Chapatis, eine Art Fladenbrot zurück, ich nehme ihm drei ab. Andere bringen Ziegen-Fleisch-Spießchen, da traue ich mich nicht dran.
Gibt es eine Toilette? Nein, aber gegenüber … Ich entschließe weiter zu fahren und bei Gelegenheit schnell hinter den Büschen zu verschwinden. Die Frage ist nur, wo finde ich einen unbeobachteten Ort? Hier, wo kaum mal 100 Meter ohne Leute zu finden sind? Ich finde was in einem kleinen Graben, die Straße rauf und runter kommt grad mal niemand. Unter mir, vielleicht 20 Meter ist eine Gruppe Frauen beim Schneiden von irgendwas, die bemerken mich zum Glück nicht. Kaum die Radhose wieder oben, nähert sich ein Moto-Taxi. Glück gehabt. Nicht auszudenken, wenn man irgendwelche Verdauungsprobleme hätte …
Weiter bis Byumba und dann stürze ich mich in die Abfahrt. Gravel. Und was für einer. Ich fahre im Schritt-Tempo über ausgewaschene Rinnen, über große Steine.
Irgendwann zwei Halbwüchsige am Wegesrand. Beide grüßen nett, ich grüße zurück. Dann springt einer auf und rennt neben mir her. Er kommt immer näher und näher. Plötzlich streckt er die Hand aus, reißt flugs etwas Weißes an sich, dreht um und rennt den Berg wieder hinauf. Perplex stoppe ich und schaue dem Bengel nach. Er schwenkt was in der ausgestreckten Hand und verschwindet hinter den Eukalyptus-Bäumen. Was hat er bloß entwendet? Ich schaue zu meinem Food Pouch am Lenker. Aha, meine Feuchttücher! Lebenswichtig sind sie zwar nicht, aber doch notwendig für die tägliche Hygiene vor allem im Sitzbereich. Hmmmhmm, nachkaufen kann ich die in Ruanda sicher nicht.
Die nächsten 75 Kilometer Gravel sind mal etwas einsamer, durch wunderschöne hügelige Landschaft, mal so steil, dass ich schieben muss, mal wieder säumen Menschen, vor allem Kinder die Wege. Einiges ist so steil, dass ich schieben muss. Zum Glück werde ich hier nicht verfolgt. Kinder rennen gewöhnlich weite Strecken neben den nicht alltäglichen Radfahrern her. „Good morning“ zu jeder Tag- und Nachtzeit. Was heute neu ist, die Kinder fragen im selben Atemzug „give me money“ oder „give your money“ oder „put my oder your money“, … alle möglichen Variationen gibt es.
Zwischendurch ein Stopp bei einem kleinen Shop, von denen es in jeder kleinen Siedlung einen gibt. Manchmal sind diese Mini-Läden schwer zu erkennen: die Lehmziegelhäuser schauen alle gleich aus, oft ist eine Tür offen, oft sind Leute davor. Welches aber ist ein „Shop“? Ich orientiere mich wieder mal, ob andere „Muzungus“ vor Ort sind. Da ist nämlich meist eine ganze Menschentraube rundum. Für mich gibt es wieder mal Wasser, Fanta Ananas und ein paar Kekse. Der Besitzer lässt stolz seinen Nachwuchs ablichten. Ein Gummibärchen für den Kleinen wird von diesem ratlos beäugt.
Der Himmel verdunkelt sich. Bis jetzt hatte ich Glück, ich bin nicht so sicher, wann genau die Regenzeit beginnt. Die lange Regenzeit soll nicht fern von jetzt beginnen und dauert von März bis Mai – in dieser Zeit gibt es häufige und starke Regenfälle. Ist die Abgrenzung überhaupt ganz klar? Auf jeden Fall beginnt es leicht zu tröpfeln, in der Ferne hört man einen Donner. Oje, ich fürchte mich im Freien unheimlich vor Gewittern.
Ich halte unter einem großen Baum an, hier sind mal keine Menschen, wahrscheinlich haben sich alle einen Regenunterstand gesucht. Beim Anziehen einer dünnen Regenjacke und der kurzen Regenhose nutze ich die Zeit und mache ein paar Bissen von meinem Brot, das ich am Morgen beim „fliegenden“- äh motoradfahrenden Händler erstanden hatte. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein etwas molligeres Mädchen in grauem Kapuzen-Shirt neben mir, zeigt auf mein Brot und auf ihren Bauch, der nicht klein ist. Hunger? Ich gebe ihr die Hälfte meines Brotes ab, sie reißt es mir aus der Hand und läuft laut lachend weg, einem Mädchen nach, das mit einem Regenschirm nicht weit von uns geht. Die haben sich wohl über mich lustig gemacht. Ein bisschen verstimmt radle ich weiter.
Zumindest hört es auf zu nieseln. Der Weg ist etwas rutschig geworden, könnte aber schlimmer sein. Aber zu früh gefreut …
Wenig später erreiche ich eine kleine Siedlung und höre schon von Weitem großen Lärm, wie von Baumaschinen. Darauf bin ich schon vorbereitet, habe aber nicht mehr „auf dem Schirm“, dass das mich schon heute trifft.
Straßenbau! Riesige Laster und Bagger manövrieren hier. Und es geht gleich in die Vollen: knöcheltiefer Matsch wickelt sich in Sekundenschnelle um meine Reifen und blockiert diese. Ich springe vom Rad und gehe ein paar Schritte. Sofort habe ich 10 Zentimeter hohe „Stöckel“ unter meinen Sohlen. Das kann ja heiter werden. Schieben geht nicht, ich trage mein mindestens 60 Kilo schwere Bike ein paar Meter. Zumindest meine Füße finden am Rand einen festgetrampelten Weg.
Immer wieder gewaltig große Baumaschinen, manche fräsen den Wegesrand ab und verbreitern die Straße fast auf Autobahnbreite. Nahe den Maschinen sitzen vereinzelt gelb behelmte Leute gemütlich im Schatten, mit einem roten Fähnchen in der Hand und winken mich halbherzig weiter und auch die vielen Menschen, die gerade hier mit oder ohne Last auf dem Kopf unterwegs sind. Ich kann nicht erkennen, ob die behelmten Leute überhaupt im Bilde sind, was die Maschinen gerade machen. Argwöhnisch achte ich selbst drauf, dass ich nicht überfahren werde.
Nach einem festgewalzten Stück, als ich schon erleichtert aufatmen möchte, wieder dasselbe Schauspiel wie zuvor. Der Untergrund ändert sich alle paar hundert Meter.
Vor mir ein RaR-Team. Sie sprechen gerade mit einem Chinesen, der wohl der Bauleiter der Riesenbaustelle ist. Dann schauen sie entsetzt auf ihr Navi. Auf meine Frage meinen sie, sie suchen jetzt eine Umleitung, das hier sei eine Zumutung. Die Baustelle sei 16 Kilometer lang und bei einem Schnitt von 5 km/h, wären wir um Mitternacht wohl noch nicht beim CP2 in Ruhengeri. Oje, oje! Kurz darauf wieder ein Schlammstück. Vor mir kommt einer der beiden Fahrer ins Rutschen, schafft es nicht aus den Klickpedalen und schlägt der Länge nach hin. Voll in den roten Matsch. Der Arme! Ich „eiere“ vorsichtig weiter.
Und es geht einige Kilometer auf toll gewalzten Terrain bergab. In der Ferne höre ich wieder Maschinen und dann folgt dasselbe Schauspiel wie schon einige Male zuvor. Ich füge mich in mein Schicksal. Stop & go!
Dann plötzlich eine Schranke. Dahinter ein steiler langer Hang, von dem bedrohliche Geräusche kommen. Steinschlag! Der Bewacher der Schranke zeigt hoch und sagt, da könne man jetzt nicht durch. Jenseits der Schranke werden einige schwer bepackte Stahlräder hochgeschoben. Auf der anderen Seite gibt es wohl kein Stopp. Ich habe Zeit mir das Schauspiel anzusehen. Eine Serpentinenstraße führt hoch den Berg hinauf. Die Laster quälen sich schwer beladen diesen Berg hoch und leeren das Aushubmaterial der Baustelle einfach den Abhang hinunter, Teile davon landen mit ohrenbetäubendem Gepolter wieder genau hier: auf der Straße. Das nennt man „Problemverlagerung“.
Misstrauisch äuge ich immer wieder auf meinen Tacho. Die 16 Kilometer müssten nun wohl bald zuende sein. Und wirklich. Ich nähere mich einem Dörfchen und einem riesigen Fußballplatz, auf dem angefeuert von sehr vielen Zuschauern, zwei Mannschaften um den Sieg kämpfen. Anscheinend haben die Schüler frei bekommen für dieses Ereignis, denn unzählige Kinder in bunter Uniform tummeln sich um den Platz.
Kurz darauf noch ein kurzer sehr steiler Anstieg und ich habe die Asphaltstraße erreicht. Die Teilnehmer von RaR 2026 dürfen wohl mit 16 Kilometern mehr Teer rechnen.
Noch knapp 30 Kilometer bis zum Kontrollpunkt 2 in Ruhengeri. Es rollt super. Glatter Asphalt und rasante Abfahrten unterbrochen von kurzen Bergaufpassagen. Das habe ich mir jetzt wohl verdient. Massenhaft Leute sind am Rand unterwegs. In zweiter Reihe die üblichen Fahrräder mit Fracht oder als Taxi. Dann viele Moto-Taxis und einige Autos und große Laster. Nachdem ich in rasender Fahrt erst in letzter Sekunde auf ein knietiefes, fast badewannengroßes Loch im Asphalt aufmerksam wurde, verlangsamte ich etwas und fokussiere ich meinen Blick konzentrierter auf den Untergrund. Und mir fällt auf: mein Rad schaut schrecklich aus. Die Farbe ist vor lauter getrocknetem Schlamm kaum wiederzuerkennen. Unwahrscheinlich, dass sie mich so ins Hotel lassen. Was tun?
Kurz vor Ruhengeri fahre ich eine Tankstelle an. Es ist nicht zu erkennen, ob es eine Waschanlage gibt, aber ich frage mal nach, beziehungsweise ich zeige dem Tankwart mein schmutziges Rad. Er zeigt hinter das Gebäude und dort ist eine kleine Truppe gerade dabei einen SUV zu reinigen. Sofort bin ich umzingelt und alle gehen sofort auf meinen Bike-Wasch-Wunsch ein. Eine Muzungu kommt wohl nicht alle Tage. Während sich drei um mein Rad kümmern, spüre ich plötzlich etwas an meinen Beinen. Huch, was ist das denn? Vor mir kniet ein Junge und schrubbt mit Seifenwasser lange und ausgiebig meine rotverkrustete Haut ab. Was für ein Service …
Ich zahle meine Schulden mit einer Bagatelle, gebe ein Trinkgeld und bin wenige Kilometer später am CP1, ich hole mein Gastgeschenk ab, einen kleinen hölzernen Gorilla-Anhänger. Mir wird bewusst, dass ich mein Geschenk bei CP1 nicht geholt habe, ich wusste davon schlichtweg nichts oder ist es eine Ausrede um nicht zusätzliches Gewicht durch die Gegend zu tragen? Spaß beiseite, ein kleiner süßer Stoffelefant wird Tage später im Ziel seinen Weg zu mir finden und ersetzt meinen kleinen Plüschbären. Fast zeitgleich kommt Lars an. Wir essen hier noch etwas und machen uns auf ins Hotel. Wir hatten ja am Abend zuvor dasselbe gebucht.
Herrlich ist die warme Dusche und ein weiches gemütliches Riesenbett unter einem Moskito-Netz. Auf das Waschen meiner Kleidung verzichte ich. Ist nicht so schlimm. So fällt man nicht so auf als wenn ich als „geschniegelte“ Muzungu durch die Gegend radle.
Tag 3: Ruhengeri (CP2) – Volcano Belt – Gishwati Forest – Muhanga 167 km/ 3400 Hm Zeit in Bewegung: 12:04h Verstrichene Zeit: 14:16h
Am Morgen gibt es extra für uns schon um halb fünf ein leckeres Frühstücksbuffet mit Früchten, Ei, Toast, Marmelade, Honig und vor allem Kaffee mit Milch, ich bin wohl doch ein wenig kaffee-süchtig …
Heute geht es gleich zweimal auf über Quote 2800m NN hoch. Insgesamt sind über 3400 Höhenmeter zu überwinden, das Gelände soll auch nicht einfach sein.
Die ersten Kilometer verlaufen zwar bergauf aber angenehm auf Asphalt. Von allen Seiten strömen Kinder in blau-bunten Uniformen und Heften in der Hand herbei und gehen in meine Fahrtrichtung. Aha, die Schule beginnt wohl bald. Irgendwann kommen die Schulkinder mir entgegen, da bin ich wohl an der Schule schon vorbeigefahren.
In der Ferne ragen hohe Bergkegel in den Himmel, beschienen von der gerade aufgegangenen Sonne. Ich nähere mich dem Volcano-Belt, dem Vulkangürtel. In nicht mal 50 Kilometern Luftlinie, in der Demokratischen Republik Kongo, steht der Nyiragongo, ein 3470 m hoher Stratovulkan, der als einer der aktivsten Vulkane der Erde gilt.
Die Straße geht nun nahtlos über in Gravel und zwar in eine sehr steinige Piste, wir wurden schon vorgewarnt, dass es stundenlang ziemlich ruppig sein würde. Ich hoffe, dass ich keine Panne haben werde. Aber der Weg kann noch so erodiert, voller ausgewaschener tiefer Rinnen sein und mit Schlaglöchern durchzogen, Moto-Taxis gibt es auch hier. Sie suchen sich die beste, die glatteste Linie und nicht selten komme ich ihnen dabei in die Quere, auch auf der Suche nach einer guten Spur …
Nach kurzer Zeit Gerüttel über die großen und spitzen festgebackenen Lavasteine schmerzen meine Hand-Gelenke, trotz des meines Redshift ShockStop-System am Vorbau. Und weitere 30 Kilometer „Schüttelpiste“ liegen noch vor mir.
Immer wieder habe ich Begleiter*innen. Anscheinend müssen nicht alle Kinder zur Schule trotz Schulpflicht. Glaube ich mich mal allein und atme vor der nächsten unmenschlichen Steigung erleichtert auf, kommen aus dem Nirgendwo plötzlich wieder ein paar Handvoll Kids und schlappeln neben mir her. Stehenbleiben und verschnaufen oder mal was essen – Fehlanzeige. Reden, fragen, fordern … Ich komme an Markus vorbei, der sich auf einem Stein am Wegesrand niedergelassen hat und „vespert“ – um sich eine Menschentraube, nein, eine „Kinder“-Traube. Ich fahre fast unbemerkt vorbei und werde in Ruhe gelassen.
Ich suche aber ein unbeobachtetes Plätzchen, um mal hinter den Büschen zu verschwinden. Ich glaube diesen gefunden zu haben und nun heißt es sich zu beeilen, bevor aus irgendeiner Richtung wieder jemand auftaucht. Hose runter … da bemerke ich aus den Augenwinkeln, dass ich doch nicht unbeobachtet geblieben bin: in der Kurve unter mir steht eine Frau in buntem Kleid und Harke auf dem Kopf abgelegt und schaut interessiert in meine Richtung. Hmmm … egal, das muss jetzt sein. Anschließend fahre ich verlegen grinsend an ihr vorbei, freundlich grüßend. Nur soviel zur Pipi-Platz-Suche. Wohl in ganz Ruanda ein Ding der Unmöglichkeit mal einen Platz für ein größeres Geschäft zu finden … und man will ja auch dieses saubere Land nicht verschmutzen …
Irgendwann, nach einer für mich schneckenhaften Abfahrt bei all diesen Rinnen und Steinen, geht es auf die Umleitung: Wegen der sich neu zuspitzenden Konflikte zwischen der kongolesischen Armee und der Rebellenmiliz M23 im Grenzbereich Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo zu. Die ursprüngliche Strecke hätte uns durch Gisenyi geführt, die an der Grenze liegt und seit Kurzem im Brennpunkt der Auseinandersetzungen liegt. Der Konflikt zwischen dem Kongo und dem Nachbarstaat Ruanda schwelt seit Jahren: Es geht um Bodenschätze. Hinzu kommen ethnische Spannungen zwischen den Tutsi und Hutu.
Die Strecke führt nun etwas weiter südlich über den Gishwati Forest, mit fast 3000 Meter Höhe einer der höchsten Punkte der der Runde.
Schon als es abgeht in den nächsten Gravelabschnitt merke ich, dass sich etwas geändert hat. Die Leute scheinen hier ärmer zu sein. Die Gesichter oft verhärmt, auch Erwachsene fragen mitunter um Geld. Die Behausungen wirken ärmlicher, es laufen mehr Kinder in Kleidung herum, die kaum noch am Körper hängt, viele Kinder tragen große Lasten.
Am Wegesrand ein super Fotomotiv: Im Bach schwimmen hunderte grell-orange Karotten und werden von mehreren im Wasser stehenden jungen Männern gewaschen. Ich zücke mein Smartphone, da winkt einer der Männer ab, nur gegen „Money“. Ich fahre weiter, dann halt kein Bild, meine Geldbörse möchte ich nicht zücken vor all den Menschen … Die Landschaft ist wunderschön, alles ist tiefgrün, Teeplantagen säumen den Weg. Dieser steigt immer steiler an, irgendwann muss ich absteigen und schieben. Fast biege ich falsch ab, denn der Track verläuft kerzengrade durch den Berg. Irgendwas stimmt da wohl nicht.
Ich folge einfach dem Weg und irgendwann stimmen Weg und Track wieder überein. Zum Glück! Je höher ich komme, desto einsamer ist es. Leute sind hier oben mal keine mehr. Die Landschaft schaut fast so ähnlich aus, wie zuhause: Nadelwälder und weiter oben vergleichbar mit unseren Almen.
Ich glaube es kaum, nach meinem Fußmarsch bin ich am höchsten Punkt angelangt und hier treffe ich auf eine Teerstraße. Diese werde ich nach vielen Kilometern Abfahrt und noch einigen längeren Bergaufpassagen nicht mehr verlassen bis zu meinem heutigen Schlafplatz in Muhanga.
Unterwegs komme ich wieder durch wohlhabendere Zonen. Bunt und ordentlich gekleidete Frauen und Männer, zu Fuß, auf Fahrrad- oder Moto-Taxis, viele Bananenplantagen, fruchtbares Land und hübsche Häuser.
Marktag scheint vielerorts zu sein. Die Leute sind mit allem Möglichen unterwegs: Ziegen, Hühner, Schweine, Bananenstauden, Maiskolben, Ananas und andere Früchte, Getreide, Eimer mit Mandazis, in Fett gebackenen Teigkugeln und vieles mehr.
Leid getan haben mir besonders ein lebendes Schwein, eingepfercht in einer engen Holzkiste, auf einem Fahrrad oder das Dutzend Hähne, die ebenfalls lebend mit den Füßen am Rad festgegurtet wurden.
Der Nachmittag schreitet langsam fort, kurze Pause bei einem Shop zum Cola- und Wasserkauf. Beim Bäcker nebenan gibt es leckeres ofenwarmes frisches Brot. Hier treffe ich auf einige von uns. Auch Lars ist hier. Wir vereinbaren, dass wir uns bei der Abzweigung nach Muhanga treffen, um das Hotel zu suchen, denn die Zimmer sind ja seit dem Vorabend schon gebucht.
Dann fehlen nur noch 20 Kilometer, aber es geht nochmal fast 900 Höhenmeter bergauf. Die Sonne ist zum Glück nicht mehr so stark. Ein LKW fährt an mir vorbei, hinten festgekrallt ein ruandischer Radfahrer. Abgesehen von der Gefährlichkeit beneide ich ihn in diesem Moment schon ein wenig, muss ich doch mein ganzes Gepäck und Rad selbst hochbewegen und das ist mit über 20 Kilo nicht wenig.
Die Sonne geht unter, nun wird es in Kürze dunkel werden. Die Kreuzung ist erreicht. Nachdem Lars und ich uns heute mehrmals gegenseitig überholt haben, treffen wir hier wieder aufeinander. Nun sollten wir bald am Ziel sein, in Muhanga, das einige Kilometer abseits der Strecke liegt. Verkehrsmäßig ist hier die Hölle los, die Straße mit Schlaglöchern gesäumt. Autos blenden mich. Ich hoffe die hinter uns fahrenden Autos erkennen uns. Mehrmals verfahren wir uns auf der Suche nach unserem Hotel. Es befindet sich nicht dort, wo es auf Google Maps angezeigt wird. Wir fragen einen Polizisten. Dieser meint, wir müssten noch etwa drei Kilometer weiter fahren. Entnervt geben wir auf. Vor uns das Splendid-Hotel, das einen guten Eindruck macht. Wir fragen, ob es noch zwei Zimmer gebe. Volltreffer! Eine funktionierende warme Handbrause habe ich auch, wasche heute mal meine Radklamotten und nach einem leckeren Abendessen, Fisch mit Reis, Gemüse und frittierten Bananen, sinke ich müde in mein feines Bett unter dem Moskitonetz-Himmel.
Tag 4: Muhanga– Kibuye (CP3) – Kirambo/ Kagano 149 km/ 2800 Hm Zeit in Bewegung: 09:25h Verstrichene Zeit: 11:44h
Ich schlafe schlecht, liege ab 2 Uhr wach. Je mehr ich mir die Dringlichkeit einer guten Nachtruhe vor Augen führe, desto wacher bin ich. Wie jeden Tag Frühstück um halb fünf -übrigens sehr lecker- und los geht es. Zunächst soll der CP3 in Kibuye, am Kiwu-See angefahren werden, dann ohne Gravel-Intermezzo bis nach Kirambo. Hotels gibt es dort wenige und Lars und ich haben 10 Kilometer abseits zwei Zimmer im Maravilla Kivu Ressort gebucht.
Bei Dunkelheit fahre ich raus aus Muhanga, Lars verschwindet gleich meinem Blickfeld. Ich bleibe stehen und kontrolliere nochmal ob an meinem fahrenden Wäscheständer alles gut befestigt ist. Leider war meine „frische“ Kleidung am frühen Morgen noch nicht ganz trocken.
Die Asphaltstraße vom Tag zuvor geht sofort hintere Muhanga über in eine anfangs mit Löchern übersäte Erdpiste, die bald in Straßenbaustelle übergeht. Über mir schweben ein rotes und grünes Blinklicht. Eine Drohne im Stockdunkeln? Unheimlich. Mein Gedankenkarussell beginnt zu rotieren: Werde ich gefilmt? Werden Daten weiter geleitet an wen, der Böses im Schilde führt? Und wirklich, Minuten später tauchen aus dem Nichts in meinem Scheinwerferlicht vier Männer auf, die nebeneinander die Straße entlang gehen und diese völlig blockieren. Ich schrecke aus meinen Gedanken auf und unzählige Szenarien tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich nähere mich und drücke mich an der Seite vorbei, grüße mit brüchiger piepsiger Stimme. Der Gruß wird fröhlich erwidert. Ich atme auf.
Ich sehe kaum mehr etwas vor mir. Nanu? Es ist nebelig und zudem haben die feuchten Tröpfchen meine Brille beschlagen. Bei Dämmerung sehe ich etwas besser. Nun sind wieder einige Menschen unterwegs und tauchen gespenstisch aus dem Nebel auf.
Mein Rücklicht hatte ich schon ausgeschaltet, Rachel (sie wird ein paar Stunden als zweite Solo-Frau im Ziel ankommen) informiert mich, dass ich im immer dichter werdenden Nebel nicht gut sichtbar bin. Also Licht wieder an.
Irgendwann geht die breite Piste über in Asphalt, der Nebel lichtet sich und ich fahre in den ersten „Berg“. Fast 1000 Höhenmeter sind zu überwinden, die Steigung moderat, aber ich merke, meine Beine sind nicht ganz frisch. Bei zunehmender Sonneneinstrahlung und keinem kühlenden Lüftchen fallen mir die Kilometer heute schwer.
Irgendwann überhole ich Lars, dem geht es ähnlich. Aber nach jeder Steigung kommt wieder eine Abfahrt und die bringt mich flott dahinrollend endlich an den herbeigesehnten Kiwu-See und den dritten Kontrollpunkt in Kibuye.
Der Kivu-See gilt als gefährlichster See der Welt. Die Nordufer liegen am Fuße des aktiven Vulkans Nyiragongo. Die Tiefen des Sees enthalten sehr viel Methan, aus dem Ruanda ein Drittel des Stroms erzeugt. Würden aber die Magma-Kammern unter ihm ausbrechen, könnte dies das Leben in der Zwei-Millionen-Stadt Goma auslöschen. Es könnte sich eine ähnliche Katastrophe ereignen wie im zentralafrikanischen Kamerun 1986. Der Nyos-See, ein ein Kratersee,setzte damals schlagartig und unerwartet Tonnen von CO2 frei. Das Gas strömte in zwei Täler und tötete Menschen und Tiere in bis zu 30 km Entfernung vom See. Damals erstickten fast 2000 Menschen und unzählige Tieren in wenigen Augenblicken.
Das Kiwu-Seeufer ist unendlich schön, ich denke an den Artikel im Geo-Heft. Eine solche Katastrophe wird sich wohl nicht jetzt abspielen, wenn ich hier entlangfahre … Meine Gedanken fliegen immer wieder zu dem Unheimlichen, das hier in der Tiefe schlummert.
Es ist sommerlich heiß. Meine Arme sind krebsrot, an den Handgelenken haben sich weiße Bläschen gebildet, trotzdem ich mich regelmäßig einschmiere. Also ich muss schon sagen, die dunkelhäutigen Menschen rund um mich sind allemal schöner anzusehen als unsereins mit verbrannter „weißer“ Haut.
Endlich darf ich einbiegen in die Zufahrt zum CP3, Olivier von der Crew empfängt mich und führt mich zum Hotel. Es gibt noch Frühstück mit Früchten, Cupcakes und Eierspeise. Ich schlage mehrfach zu. Auch Lars kommt an, wir klagen uns gegenseitig unser Leid, dass es heute bisher sehr mühsam war und kommen überein, keinen überflüssigen Kilometer fahren zu wollen. Lars informiert sich bei unserem Ressort, ob sie uns ein Taxi schicken könnten nach Kirambo, wo wir die Strecke verlassen müssen. Sie können.
Nach viel zu langem Aufenthalt im Kontrollpunkt muss ich endlich aufbrechen. Vor mir liegen nicht mal mehr 100 Kilometer auf Aspalt, die müssten bis zum Beginn der Dämmerung machbar sein.
Die Karte zeigt mir, dass die Strecke parallel zum Seeufer verläuft. Also wohl tendenziell flach. Fehlanzeige! Es geht am Hang entlang, von einem Fjord zum nächsten, ständig über irgendwelche Hügel hinauf und auf der anderen Seite hinunter.
Immer wieder Traumausblicke, manchmal mehr, manchmal weniger Menschen. Gegen 16:00 wohl Schulschluss, mit einem Mal wieder viele schuluniformierte Kids in allen Altersstufen, die manchmal fordernd ihre Hände ausstrecken.
Bei einem Foto-Stopp am Straßenrand kommt mir ein Hund entgegen, der einzige bisher in Ruanda. Er hat sichtlich Angst vor mir und trottet in großem Bogen um mich herum.
Wolken brauen sich über mir zusammen und schon beginnt es zu regnen. Nicht stark, aber immerhin so, dass ich in Erwägung ziehe meine Regenjacke hervorzukramen und bei der Gelegenheit auch meinen „Wäscheständer“ abräume, das Zeug soll ja nicht wieder nass werden. Unter einer großen Palme beschließe ich Schutz zu suchen und den Guss auszusitzen. Fein mal die Beine ausruhen zu lassen.
In der kommenden Steigung läuft ein Schüler in beiger Uniform neben mir her. In der Hand einen Stock, mit dem er einen ausrangierten MTB-Reifen vor sich hertreibt und ich staune nicht schlecht: eingeklemmt zwischen den Seitenwänden ein Schreibblock oder Ähnliches aus zerfleddertem Papier. Ich frage ihn, ob er von der Schule kommt und ob das seine „Schoolbag“ sei. Er bejaht lachend.
Unter mir ein Parcours mit ausgefahrenen Spuren, wie ich sie schon öfters gesehen habe, und Leuten, die mit ihren fahrbaren Untersätzen, sprich Fahr- und Motorrädern um die Markierungshütchen kurven. Am Rand jemand mit Warnweste und einem Schreibblock in der Hand. Hier findet wohl eine Abnahme von Fahrprüfungen statt. Anscheinend darf nicht jeder, der ein Gefährt hat, einfach Menschen herumchauffieren, sondern braucht hierzu eine Genehmigung.
Wieder treffe ich auf viele Menschen, die Lasten auf dem Kopf tragen oder aufgetürmt auf dem Rad hochschieben. Besonders leid tut mir ein eng auf einem Gepäcksträger festgebundenes Schwein.
Die Leute sind hier etwas ärmer, scheint mir, die Kleidung nicht ganz sauber und oft mit Rissen und Löchern gesäumt, nur wenige haben ein Smartphone in der Hand. Als es ziemlich steil wird und ich dementsprechend langsam, kommen mir zwei Fahrrad-Taxi-Fahrer, die den Berg hochschieben ziemlich nahe, einer links einer rechts von mir, und rufen ziemlich forsch „five me water!“ und wollen nach meiner Flasche greifen. Ich lege trotz der Anstrengung bergauf noch einen Gang zu.
In manchen Gegenden sind die Leute sehr nett, freundlich, fröhlich, grüßen, … in anderen möchte ich bei Dunkelheit als Frau nicht unbedingt alleine fahren.
Ich erzähle Lars später, als wir uns kurz vor Ende unserer Tagesetappe vor einem kleinen Shop treffen von meinem Erlebnis mit den Männern zuvor, er berichtet, er habe auch ein ungutes Gefühl gehabt. Auf jeden Fall sind wir beide froh, dass wir hier beim Einkaufen zusammen sind. Das Straßendorf hier macht einen wenig gepflegten Eindruck und es sind sehr viele Menschen hier. Wir müssen aber Wasser und Vorräte auffüllen, denn am nächsten Tag auf dem Weg in den Nyungwe Regenwald gibt es wohl kilometer- und stundenlang gar nichts.
Die Sonne steht noch am Himmel, als ich in Kirambo ankomme, gemeinsam mit Lars war ich die letzten Kilometer gefahren. An der Kreuzung telefoniert Lars nochmal mit dem Taxifahrer. Er ist unterwegs. Um uns scharen sich in Sekundenschnelle unzählige Kinder. Die Polizei schickt uns auf die andere Straßenseite, da wir hier ein Verkehrshindernis darstellen.
Die Menschentraube folgt uns auf die andere Seite. Wir sind komplett umzingelt, können uns kaum umdrehen. Nur, wenn ich mein Smartphone oder meine GoPro zücke, um das Gewimmel abzulichten, kommt Bewegung in das Menschenmeer. Fotografieren ist wohl nicht so erwünscht. Aber das müssen die Leute meiner Meinung nach in Kauf nehmen, wenn sie uns so auf den Leib rücken. Eine halbe Stunde vergeht, eine weitere halbe Stunde. Vom Taxi keine Spur. Ein weiteres Telefonat, der Fahrer startet jetzt wohl erst. Die Sonne geht unter, endlich hält ein Auto vor uns. Ja, ein Auto. Trotz Rückversicherung, der Wagen könnte leicht zwei bepackte Räder aufladen, ist dem nicht so.
Fraglich ist, ob überhaupt eines hineinpasst und wenn ja, dann ist sowieso nur noch der Beifahrersitz für einen Menschen frei. Ich verziehe ungehalten mein Gesicht, wäre ich doch schon vor einer Stunde mit dem Rad losgefahren. Ich drehe mich um und fahre einfach los. Diskutieren bringt nichts, dadurch wird das Auto nicht größer und ich muss los, denn die Dämmerung hat begonnen und die dauert bekanntlich nur etwa 15 Minuten, bevor es stockdunkel ist.
Ich rase den Berg hinunter, das Ressort liegt direkt am Seeufer. 7 Kilometer sind ruckzuck abgehakt, dann eine Abzweigung. Jetzt geht es wohl durch die Halbinsel in den See hinaus, bis an deren Ende. Ein Schild: noch 2,8 km bis zum Ressort. Es ist inzwischen Dunkel, aber geschockt blicke ich auf die Piste vor mir. Große grau-schwarze Steine festgebacken und lose zieren die Piste. Ich holpere hinunter, zweimal verliere ich meine vorher erstandene Eineinhalbliter-Wasserflasche, die ich kopfüber in meine Seitentasche gesteckt hatte.
Teilweise ist an Fahren nicht zu denken, ich schiebe mein Rad. Lars schreibt mir „Fahr da nicht hinunter!“ Irgendwann kommt mir der Taxifahrer entgegen, will mich auf den letzten Metern transportieren. Ich fahre mit starrem Blick an ihm vorbei, immer noch stocksauer. Irgendwann bin ich am Ziel und werde hier in der Rezeption erst nochmal meinen Frust los. Zur Besänftigung bekomme ich einen frischen Ananas-Smoothie. Ich frage gleich nach, ob sie nicht für 5 Uhr morgens einen Pic-Up oder Ähnliches organisieren könnten. Denn den Weg wieder zurück wäre eine Katastrophe, der nächste Tag sollte so schon fordernd genug sein. Sie versprechen es.
Mein Zimmer. Ziemlich teuer, aber wunderschön. Hier sollte man mal Urlaub machen dürfen. Beim Abendessen leiste ich mir einen „Tilapia“ in Tomatensauce, eine Fischart, die im Kiwu-See gezüchtet wird. Sehr lecker, garniert mit Kartoffelpüree und Gemüse. Dazu einen weiteren Ananas-Smoothie. Ich sinke in mein superbequemes Bett und schlafe heute sehr gut. Zuvor hatten Lars und ich zwei Zimmer in Kibeho, einem kleinen Pilgerort, gebucht.
Tag 5: Kagano – Nyungwe Rainforest – Kibeho 112 km/ 3000 Hm Zeit in Bewegung: 09:55h Verstrichene Zeit: 11:41h
Nach einem sehr leckeren Frühstück wartet unser Taxi auf uns. Beide Räder werden auf die Ladefläche gehievt. Lars wollte hinten drauf mitfahren, entschließt sich aber kurzfristig doch für eine bequemere Fahrt vorne.
Dann geht das Geruckel los. Für die 10 Kilometer werden wir über 45 Minuten brauchen. Das erste Stück im Schritt-Tempo.
An unserem Ausgangspunkt von gestern ist es noch tiefschwarze Nacht. Man muss genau an der Stelle wieder auf die Strecke, an der man sie verlassen hat. Ich steige aus und verhandle ich mit dem Taxifahrer den Preis; das sollte man zwar vor Antritt der Fahrt machen, aber wir zahlten nicht viel.
Dann heben wir die Räder von der Ladefläche. Lars fährt gleich los. Ich bemerke, dass am Rad etwas anders ist, die Oberrohrtasche schaut irgendwie schmal aus. Ich öffne sie: LEER! Ich schaue nochmal auf die Ladefläche, dort liegen meine Malariapillen und ein kleines Brieflein mit Salz. Rausgefallen? Wo sind dann die anderen Sachen, meine Snickers, Knoppers, das Säckchen mit Gummibärchen, die Nüsse und Datteln? Kurz – mein Proviant für den einsamen Aufstieg in den Nyungwe Regenwald. Alles weg! Auch meine Keego Wasserflasche ist nicht mehr da und als ich weiter kontrolliere, auch der kleine Leatherman ist nicht mehr da. Das gibt es doch nicht. Wie
Ich finde auf den ersten Kilometern meinen Rhythmus nicht, bleibe mehrmals stehen, um nachzusehen, ob auch noch andere wichtige Sachen fehlen. Zum Glück nicht.
Ich versuche zu verstehen. Es gibt zwei Theorien: entweder ist unterwegs beim Schritt-Tempo jemand aufgesprungen: Lars hatte beobachtet, dass der Fahrer mehrmals in den Rückspiegel schaute. Allerdings fehlt bei Lars nichts und sein Rad lehnte auf meinem. Oder hat jemand im Dunkeln von der anderen Autoseite aus auf die Ladefläche gegriffen, als ich mit dem Fahrer verhandelte? Und dort war mein Rad in Griffweite.
Fakt ist, ich habe nichts zu essen und wenig Wasser, bin irgendwie ganz durcheinander und kann mich noch nicht so ganz auf den heutigen Tag einlassen und dabei beschreibt Simon den Streckenabschnitt als einen der schwierigsten: Löcher, steinig, schlammig, vermutlich einiges an hike&bike.
Blauer Morphofalter
Von Anfang an fahre ich auf der gestampften roten Lehmerde. Es bietet sich hier in der Dämmerung sogar noch ein Platz kurz zu verschwinden hinter einem Busch. Das muss ich ausnutzen. Aber viele Menschen sind hier auf dem Weg in den Nationalpark nicht unterwegs. Die Natur ist wunderschön. Alles sehr grün, Vogelgezwitscher, zweimal fliegt ein handtellergroßer türkiser Schmetterling an mir vorbei.
Die Steigungen sind moderat, es wird immer einsamer. Das gefällt mir sehr. Ich habe zwar nichts zu essen und mein Wasser ist fast aufgebraucht, aber das vergesse ich fast vor lauter Staunen. Der Weg ist flach, aber ich muss höllisch aufpassen, immer wieder kleine „Brücken“ aus unregelmäßigen sehr rutschigen Holzbohlen und immer wieder Matschpassagen.
Dann wieder etwas mehr Leute. Da muss wohl ein Dorf in der Nähe sein. Ich biege um die nie nächste Kurve, am Wegesrand steht Lars über sein ausgebautes Hinterrad gebückt. Ich verstehe irgendwas mit den Bremsen ist nicht ok. Er wird wohl neue Bremsbacken einbauen.
Kurze Zeit später die ersten Lehmziegelhäuser. Ein Mann kommt auf mich zu. Was will der denn? Einerseits neugierig, andererseits in Abwehrhaltung blicke ich ihm entgegen. Er fragt mich, ob ich etwas zu trinken oder zu essen brauche und führt mich in seinen nahen „Shop“. Gerettet! Habe ich doch nichts mehr zu trinken und zu essen. Ich decke mich mit Bananen ein, mit Keksen, mit Cola und mit Wasser. Die Colaflasche hat einen etwas dickeren Bauch und kann meine Keego-Flasche im Flaschenhalter gut ersetzen.
Ich zahle wieder mal nur eine Bagatelle im Vergleich zu unseren Preisen daheim und mache mich auf den Weiterweg. Von meiner Strecken-Grafik dräut eine dunkelrot eingefärbte Steigung. Oje, jetzt wird hike&bike anstehen.
Und wirklich, es geht so steil hoch auf einem feucht lehmigen glatten Boden, dass sogar ein Mototaxi seinen Passagier absteigen lassen muss. Ich wandere ein paar hundert Meter, der Boden ist ziemlich rutschig, ich stemme mein Rad mit aller Kraft weiter. Bald aber wird es wieder flacher und gut fahrbar. Ich bestaune die Vielfalt der Vegetation, sind wir doch weit über Quote 2000 ü.NN.
Eine Frau radelt an mir vorbei. Ist das Rachel? Nein, es ist Kate, deren Teampartnerin aufgegeben hatte. Rachel ist am Morgen früher gestartet, mein Start hatte sich durch den Transfer vom Hotel ja verzögert. Mit diesem Zeitguthaben schafft es Rachel noch bis CP4, muss aber die Gravelpassage nach Kibeho im Dunkeln zurücklegen, dazu später. Ich verschwende an diese Gegebenheit keinen Gedanken, ist mir die Platzierung so unwichtig wie nie. Ankommen gilt und schöne Bilder nach Hause bringen.
Schneller als erwartet gelange ich auf die Aspaltstraße, die durch den Regenwald führt. Sie ist die einzige Straße und verläuft nahe an der Grenze zu Burundi. Alle paar Kilometer stehen je drei schwer bewaffnete Soldaten. Ein mulmiges Gefühl, aber sie sind ja für die Sicherheit zuständig. Ich halte bei den ersten kurz an und frage, ob ich ein Bild machen darf. Nein, darf ich natürlich nicht!
Etwas später bekomme ich zu spüren, dass das Fotografieren wirklich nicht erlaubt ist. Ich fahre ein paar Meter mit einem Team mit, ich glaube Dennis und Jorn. Gegenseitig machen wir Fotos, sie von mir, ich von ihnen. In dem Moment als sie auf mich zufahren und ich auf den Auslöser drücke, taucht hinter der Kurve ein Militärwagen auf, darauf ein paar Bewaffnete.
Ich stehe noch immer mit dem Smartphone vor dem Gesicht da. Das gepanzerte Auto macht neben mir eine Vollbremsung. Vom Beifahrersitz schaut ein grimmiges Gesicht. Es scheint ein höheres „Tier“ zu sein. Ich stottere, nein, ich hätte nur ein Bild von den Radfahrern gemacht. Ich will schon meine Fotogalerie für den Beweis öffnen, da fahren sie schon weiter. Uff!
Etwas später bekomme ich doch mein ersehntes Bild: Hinter einer Biegung stehen einige Fahrzeuge, Militär und Polizei. Am Rand der Straße ein großer LKW – auf der Seite liegend. Ich fahre vorbei und knipse zurück. In dem Moment fühle ich mich wie eine „Katastrophen-Touristin“, ein bisschen nagt das schlechte Gewissen schon. Gleichzeitig bin ich etwas durch den Wind durch den Schock den dieser Anblick lieferte. Ich fahre auf der linken Straßenseite und überlege, ob das wohl richtig ist … mein Gehirn ist wohl auch nicht mehr ganz fit. Schnell auf die richtige Seite, denn es kommen immer wieder große Laster entgegen.
Noch 25 Kilometer zum nächsten Ort und nach einigem an Auf und Ab erreiche ich Kitabi. Meinem Wunsch nach wollte ich hier am Ende des 4. Tages übernachten, durch die Streckenänderung wegen des Konfliktes mit Kongo, ging sich das leider nicht aus und das würde vor allem auf den nächsten Tag Auswirkungen haben.
In einer Art „Schnell-Imbiss“ treffe ich auf einige RaR-Fahrer. In verchromten Wannen ist das Essen ausgestellt. Ich wähle Reis, Nudeln, Gemüse, eine Art Spinat und ein paar Pommes, dazu ein Fanta Pinapple, auf das angebotene Fleisch verzichte ich lieber.
Ich entdecke eine WhatsApp-Nachricht von Lars. Er muss leider aufgeben, bekommt seine Hinterbremse nicht repariert. Schade! Später lese ich, dass er Kitabi erreicht, die Nacht hier verbringt und noch alles versucht, um sein Rad wieder in Gang zu bekommen.
Ich mache mich wieder auf den Weg. Und jetzt liegt eines der schönsten Teilstücke vor mir. Das kräftige Grün der gepflegten Teeplantagen bildet eine tolle Kulisse und immer wieder muss ich anhalten für ein Foto.
Dann geht es durch eine recht einsame Gegend, die Gravel-Straße entwickelt sich von „smooth“ zu ziemlich ruppig. Und einige Steigungen liegen auch im Weg. Ich schiebe einige Male.
Ein ärmlich gekleideter Mann mit einem Stein auf dem Kopf bettelt mich um Geld an. Was ist, wenn der mir jetzt nachläuft? Ich komme unbewusst auf die linke Straßenseite. Plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln was Giftgrünes auf mich zurasen und kann grad noch zur Seite springen. Ein Rad, eine „Black Mamba“ mit einem Bub und viel Gepäck drauf. Er ist in der Abfahrt, wer weiß, ob seine Bremsen funktionstüchtig sind. Ein Crash wäre für mich nicht gut ausgegangen.
Dann plötzlich wieder Asphalt und ich rolle auf Kibeho zu, einem Pilgerstädtchen.
Gleich zu Anfang ein kleiner Shop mit Souvenirs, Christus- und Madonnenfigürchen und es gibt auch Getränke und diese frittierten Kugeln. Ich kaufe zur Flasche Wasser ein Cupcake und ein Chapati. Vor dem Laden sitzt Dennis, er wartet auf seinen Teampartner, der auf Herbergsuche ist. Ich bin noch unschlüssig, ob ich noch weiter fahren sollte bis zum nächsten Kontrollpunkt. Aber in einer halben Stunde wird es dunkel. Besser hier bleiben, das Hotel ist ja schon gebucht. Den letzten Anstoß, dass das richtig ist, liefert Dennis: Ein Freund habe ihm dringend abgeraten die nächste Gravelpassage im Dunkeln zu fahren.
Ich suche mein Hotel, habe aber den Namen und die Adresse nicht und lande im falschen, in einer großen Pilgerherberge. Das Zimmer ist riesig, eine heiße und funktionierende Dusche gibt es auch. Auf das Abendessen im Hotel verzichte ich, habe ich doch mein Gebäck und noch eine Avocado, die ich schon seit zwei Tagen mit mir rumschleppe. Fraglich, ob die überhaupt noch genießbar ist, ist diese Frucht doch sehr Druckempfindlich und machte in diesen Tagen in der Tasche wohl einiges mit. Aber überraschend intakt ist das grüne Ding und superlecker.
Dann rolle ich das Moskitonetz runter und ab geht es ins Bett. Der Hotelinhaber hat mir versprochen ein Frühstückspaket vor meiner Tür abstellen zu lassen. Und versichert mir, dass ich um drei das Haus verlassen kann. Ich frage als gebranntes Kind gleich mehrfach nach.
Bei einem letzten Blick auf Legendstracking sehe ich, dass ein paar Häuser weiter wohl mein gebuchtes Hotel sein musste, denn dort befanden sich einige der Dots, so nennt man die Punkte von uns Fahrern auf der Landkarte.
Tag 6: Kibeho – CP4 – Kigali(finish line) 210 km/ 3450 Hm Zeit in Bewegung: 14:28h Verstrichene Zeit: 16:35h
Der Wecker klingelt um kurz vor drei. Wenig später bin ich aus der Tür und stolpere fast über mein Frühstück, das auf einem Stuhl vor meiner Türe steht. Ein paar hartgekochte Eier, Kuchen und Bananen. Was will man mehr.
Ich verabschiede mich an der Rezeption und bin draußen in der kühlen Nacht. Nun führt die Strecke erst mal etliche Kilometer auf einer asphaltierten Straße. Wie aus dem Nichts tauchen immer wieder Menschen auf, werden von meinem Scheinwerfer bestrahlt und verschwinden wieder im Dunkel der frühen Morgenstunden. Auch Fahrräder sind unterwegs. Kein einziger ist mit Beleuchtung unterwegs. Gespenstisch. Man hört oft ein Quietschen, dann werden die Lastenräder von meinem Licht eingefangen. Laut Straßenverkehrsordnung in Ruanda ist das erlaubt, uns RaR-Fahrern schreibt die Organisation vor, dass wir mit Rück- und Frontlichtern ausgestattet sein müssen.
Mein Plan ist heute in CP 4 frühstücken und dann gleich weiter nach Kigali zu fahren. Vermutlich werde ich dort eher später ankommen. Und an die ganze Strecke darf ich gar nicht denken … Über 200 Kilometer und fast 3500 Höhenmeter. Schlimmstenfalls muss ich halt nochmal irgendwo übernachten. Aber wirklich wollen tue ich das nicht.
Nun stehen erst mal 20 Kilometer Asphalt an, dann etwa 50 Kilometer Gravel, es soll durch ein einsames wildes Tal gehen, auf rutschigen Wegen, das was mich gestern vom Weiterfahren abgehalten hatte. Jetzt denke ich erst mal daran etwa zu Mittag CP4 zu erreichen.
Ich starte. Es ist fein, ohne immer im Mittelpunkt zu stehen, durch die Nacht zu radeln. Nach einigen Kilometern sehe ich im Dunkeln vor mir einen Mann in der Dunkelheit am Straßenrand gehen. Ich fahre vorbei und da beginnt an meinem Rad irgendwas streifende Geräusche zu machen. Oje, ich muss stehen bleiben. Einer der Verschlüsse meiner Taschen hatte sich geöffnet und das Band streift die Speichen. Sowas könnte schlimm enden. Ich behebe das Problem und schiele zurück zu dem Mann. Er ist nicht mehr da. Vermutlich war ihm bei der nächtlichen Begegnung genauso unheimlich zumute, wie mir und er macht einen großen Bogen um mich.
Etwas weiter plötzlich aus dem Dunkeln ein „How are you?“ Was für ein Schreck. Und noch etwas weiter taucht vor mir im Scheinwerferlicht eine Gruppe Radlastenfahrer ohne Licht.
Ich treffe auf Markus, wir schwätzen etwas. Ich erzählte, dass ich alleine in der Pilgerherberge übernachtet hatte, während mehrere andere Fahrer im Hotel etwas weiter Unterkunft gefunden hätten. Markus sagte, alleine nicht, denn er wäre auch dort gelandet, nachdem er nichts anderes gefunden hatte. Seinen Dot hatte ich allerdings nicht gesehen, vermutlich ist er angekommen, als ich längst geschlafen habe.
Ich mache vor dem Anfang der Gravelpassage eine Frühstückspause, vielleicht wird es inzwischen hell. Markus fährt weiter.
Bei der Abfahrt dann in das „wilde Tal“ mit dem rutschigen Downhill mache ich dann aber trotzdem noch im Dunkeln. Wirklich wie angekündigt ein rutschiger Weg mit immer wieder tiefen Rinnen, äußerste Konzentration ist angesagt. Bei Dämmerung bin ich im Talgrund angelangt. Der breite Weg wird irgendwann zum schmalen Pfad.
Sehr schön grün, viele Felder, nicht viele Leute sind hier unterwegs, außer einige auf dem Weg zur Arbeit.
Ohne mir Gedanken zu machen, radle ich dahin. Plötzlich ein komisches Geräusch. Es kommt von meiner vorderen Felge. Ich bleibe stehen, drehe das Vorderrad, es klackt seltsam. Ist da etwas mit einem Lager? Ist das das Ende meiner Fahrt? Tausend Gedanken gehen in meinem Kopf herum, jetzt bin ich bis hierher gekommen, es wäre so schade, jetzt aufgeben zu müssen. Ich baue das Vorderrad aus, weiß aber als technische Niete nicht, was ich tun kann. Als ich es ratlos wieder einbauen will, an einem Arm das Fahrrad, die Felge in der anderen Hand, reißt mich das schwer bepackte Rad mich fast um.
In dem Moment kommt Markus vorbei. Nanu, wo bin ich denn an ihm vorbei? Er bleibt stehen und bietet seine Hilfe an. Oh, gerne! Ich klage ihm mein Leid, dass da ein komisches Geräusch sei und drehe die Felge nach dem Einbau. Er meint, das klinge nach etwas, das an den Speichen streift und in dem Augenblick sehe ich es, der Kabel, der vom Nabendynamo nach oben führt, hatte sich durch die andauernden Schläge aus dem Fließbändchen gelöst … So einfach war die Lösung, puh!! Markus meinte, es sei besser die Enden mit Tape zu fixieren. Das mache ich, dann rolle ich weiter.
Kurze Zeit später kann ich die Hilfe vergelten. Eine der Brücken aus unregelmäßigen Holzbohlen stellt sich uns in den Weg. Markus hat schon einen Fuß aus den Klickpedalen gelöst und will so halb auf dem Rad sitzend irgendwie das etwa fünf Meter lange Hindernis überwinden. In dem Moment rutscht sein Radschuh auf dem runden feuchten Holz aus, das linke Bein verschwindet im Zwischenraum zwischen zwei Balken, das Rad kippt über den Mann drüber. So eingeklemmt kann sich Markus kaum rühren. Ich ziehe und zerre sein Rad nach oben und er kann sich befreien. Außer einem blutenden Schienbein ist nichts passiert.
Ich steige lieber vom Rad und balanciere vorsichtig über die abenteuerliche Konstruktion.
Etwa einen halben Kilometer später trifft es dann mich: Auf einer etwas erhöhten Grasnarbe rutscht mein Vorderrad weg und ich falle im Zeitlupentempo um, ohne etwas dagegen tun zu können, da ich durch ungünstige Belastung nicht schnell genug aus den Klickpedalen komme, also quasi mit den Schuhen festhänge. Schnell stehe ich wieder auf, reinige meine erdbeschmierten Beine und die Hose. Um mich herum einige staunende Kinder. Mit wohl hochrotem Kopf scherze ich laut: „Muzungu bum bum!“ und fahre lachend weiter.
Für eine Weile kann ich mich irgendwie nicht mehr gut konzentrieren und komme noch etliche Male in seltsame Situationen, als könne ich nicht mehr radfahren. Der Weg biegt nun scharf nach links ab, eher unwegsam, ich schiebe ein paar Mal. Dann das Aha-Erlebnis: Ich stehe vor der angekündigten Hängebrücke, auf der man das breite Bachbett statt des River-Crossings überwinden konnte. Etwas weiter sehe ich aber, dass die Leute alle die „Direttissima“ durch das seichte Wasser nehmen. Egal, die Brücke muss man gesehen haben.
Irgendwann finde ich glücklicherweise meinen Rhythmus wieder.
Nach einigen steilen Anstiegen in der immer unbarmherzigen herabbrennenden Sonne erreiche ich früher als erwartet den Ort Gisagara und fahre das Hotel an, das die letzte Kontrollstelle beherbergt. Lange werde ich mich nicht aufhalten, ich habe ja noch was vor und zu essen gibt es auch nicht besonders viel.
Schon bin ich wieder unterwegs. Und tauche in den nächsten und vorletzten Gravelabschnitt ein, zunächst rolle ich 10 Kilometer bergab. Die letzte Etappe, von CP4 bis ins Ziel sollte „nahezu flach“ sein, hatte irgendjemand gesagt. Denkste! Ein steiler kurzer Berg folgt dem nächsten, alles in der prallen Sonne. Irgendwann mag ich nicht mehr bergauf fahren. Und Leute mag ich gerade auch mal nicht um mich haben. Ich versuche die hier wieder sehr zahlreichen Kinder mit ihren immer gleich lautenden Forderungen zu ignorieren. Ich fahre mit starr geradeaus gerichtetem Tunnelblick meines Weges.
Nahe einem Dorf, es geht bergauf, laufen sicher 20 Kids hinter mir her. Ich ahne, dass es gleich wieder losginge mit „put my money!“ oder „give me money!“ Um die Kinder davon abzulenken, frage ich, was sie in der Schule lernen, vielleicht auch auf Englisch zählen? Die Kinder hinter mir im Galopp zählen wir nun zusammen laut bis dreißig. Dann lerne ich ihnen auf Deutsch bis fünf zu zählen. Richtig richtig nett war das. Als ich dann bergab schneller werde höre ich ein vielstimmiges bye-bye!
Irgendwann ist auch der vorletzte Gravelabschnitt vorbei und dieser mündet in eine breite perfekte Teerstraße. Meine Garmin spielt auf den ersten Kilometern verrückt. Meine gefahrene Linie folgt nicht dem Track, sondern ist parallel dazu, Kurven werden geschnitten. Ich zweifle, ob ich richtig fahre und kehre sogar nochmal ein paar hundert Meter zurück. Ich lade die Strecke neu, jetzt passt es. Zum Glück gibt es wenig Verkehr und die Anstiege sind angenehm.
Meine Berechnungen ergeben, dass ich es zwar nicht bis zur Dämmerung nach Kigali schaffen würde, aber auf jeden Fall noch heute. Die kurz vor dem Rennen geänderte Strecke „brockte“ uns eine zusätzliche Gravelstrecke ein, die demnächst beginnen sollte und den Weg nach Kigali etwas abkürzte. Ich erinnere mich, dass ich noch kein Hotel für diesen Abend hatte und lege eine kleine Pause im Schatten ein, organisiere das Zimmer und esse was. Ein Team RaR-Fahrer zieht vorbei und ich mache mich auch startbereit.
Kurz darauf biege ich in die rotbraune Schotterstraße ein. Ein letztes Mal viele Menschen, besonders viele Kinder, anscheinend ist die Schule gerade aus. Die 11 Kilometer werden auch noch umgehen. Aber nach 20 Kilometern bin ich immer noch auf diesem Weg. Da muss wohl bei meinen Aufzeichnungen irgendwas schief gelaufen sein. Irgendwann ist dann aber der letzte Gravelmeter geschafft.
Was aber nun kommt, gefällt mir gar nicht. Eine relativ schmale Straße und sehr viel Verkehr. Natürlich ist das so, denn ich befinde mich nun im Einzugsbereich von Kigali. Glücklicherweise kann ich auf den harten Seitenstreifen ausweichen, auf dem aber auch Fußgänger unterwegs sind und der unangenehm holprig ist.
Also weiche ich immer wieder auf die Straße aus, wenn ich in meinem Seitenspiegel freie Bahn sehe. Das Wechseln auf die Fahrbahn ist nicht ungefährlich, da zwischen den beiden ein unregelmäßiger aufgeworfener Rand besteht. Höchste Konzentration ist vonnöten, nach etwa 15 Stunden Fahrzeit heute schon, ist die bei mir nicht mehr so stark gegeben.
Bei Dämmerung mündet diese Straße nahtlos in eine Art vierspurige Schnellstraße und es geht bergauf. Hier fühle ich mich auch nicht sehr wohl und klettere durch die Büsche auf den gepflasterten Fußweg, der parallel verläuft. Mal sind hier mehr, manchmal weniger Leute unterwegs. Ich habe noch 16 Kilometer vor mir. Dann nur noch Abfahrt, ich wechsle auf die Straße und werde vom dichten Verkehr mitgetragen, Autos und unzählige Moto-Taxis brausen an mir vorbei. Wird schon gut gehen. Dann muss ich durch einen Kreisverkehr.
Der Verkehr staut sich, mittendrin ich. Verrückt! Aber die Welle aus roten Rück-Lichtern spült mich einfach mit und spuckt mich dann an der richtigen Ausfahrt wieder aus. Nur noch 2 Kilometer und diese gehen steil hoch. Lionel zieht an mir vorbei und ruft mir was zu. Jetzt einen letzten Sprint, um meine Platzierung von vorher zu halten? Nein, danke!
Bei der Einfahrt zum Cafe Tugende, der finish line, bleibe ich sogar noch stehen, um ein Foto zu machen, inzwischen ist mein Konkurrent sicher weg und richtig, die Ziellinie ist nun frei – nur für mich …
Erleichtert und in Siegerpose reiße ich die Arme hoch und nehme dann mein finisher-Geschenk und ein Skol Panache, eine Art ruandisches Radler entgegen. Noch am Vor-Abend hatte ich es stark bezweifelt auch nur annähernd so früh zurück in Kigali zu sein. Eine mitunter anstrengende aber wunderschöne „Reise“ ist hier zu Ende.
Fazit:
110 Starter*innen
Davon knapp 20 Frauen (6 Solo)
87 Finisher*innen
23 DNF
Gabi: 3. Solo-Finisherin/ 50. insgesamt
Maximalzeit: 163h
Siegerzeit: 57h 50min
Gabi: 134:41 (1 Tag vor Finisherparty) – ich vermied Nachtfahrten – nicht nur, als Frau allein, sondern um die schönen Landschaften bewundern zu können
Nachwort:
Top rider Innocent with his little son
Ich bin unendlich dankbar, unter Bedingungen leben zu dürfen, die mir jederzeit Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Einrichtungen, einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung sowie vielen weiteren Annehmlichkeiten ermöglichen, die ein unbeschwertes Leben ausmachen.
Mein Bikepacking-Erlebnis in Ruanda war einfach unvergesslich! Wunderschöne Natur, atemberaubende Landschaften und eine unglaubliche Sauberkeit, die das Reisen besonders angenehm machte. Dazu kamen die herzlichen und freundlichen Menschen, die jede Begegnung zu etwas Besonderem machten. Ein echtes Abenteuer, das ich jederzeit wiederholen würde!
Zur „Sauberkeit“: Müll am Straßenrand? In ganz Ruanda ist das nahezu undenkbar. Selten mal eine zerquetschte Plastikflasche, aber sonst nichts … Wie kommt das? Ruanda hat strenge Maßnahmen gegen Plastikmüll ergriffen. Seit 2008 gibt es ein vollständiges Verbot von Einwegplastiktüten, das in den letzten Jahren auf weitere Plastikprodukte wie Strohhalme, Flaschen und Verpackungen ausgeweitet wurde. Die Regierung setzt das Verbot konsequent durch, indem sie Einfuhren kontrolliert, Strafen verhängt und alternative umweltfreundliche Materialien fördert. Diese Politik hat Ruanda zu einem der saubersten Länder Afrikas gemacht, insbesondere in der Hauptstadt Kigali. Zudem gibt es Programme zur Mülltrennung und Recycling-Initiativen, die helfen, Plastikmüll weiter zu reduzieren.
Moses‘ Energiebars
Ich erstand vor dem Start lokale Energie-Bars, verpackt in Bananenblätter. Sehr lecker! Und die Verpackung darf man bedenkenlos in den Straßengraben werfen.
Murakoze cyane, Rwanda und besonders Simon und der gesamten Crew!!!
Da die Audax Randonneé solstizio d’inverno, organisiert von Fabio Albertoni, leider in diesem Jahr (vorübergehend) nicht stattfindet, habe ich mir überlegt, ob wir an diesem besonderen Tag nicht trotzdem auf die nächtliche Fahrt um den Gardasee gehen. 200 Kilometer mit 1200 Höhenmetern haben wir vor uns.
Und das war mein Skinfit JOINME!
Treffpunkt ist Arco, Bar Ai Conti, Abfahrt 19:30
Mit der Radfahrt um den Gardasee feieren wir die Winter-Sonnwend-Nacht, die längst Nacht des Jahres. 7 Leute finden sich pünktlich ein, 3 Mädels und 4 Jungs. Zunächst geht es auf dem Radweg Richtung Norden, dabei sind einige Höhenmeter zu überwinden.
Vorbei ging es am am nächtlich dunklen Toblino See bis nach Santa Massenza. Hier ist, wie die Italiener sage „giro di boa“, das heißt, hier drehen wir um und rollen auf demselben Weg hinunter und zurück nach Arco. Angetrieben werden wir von italienischen Schlagern, die aus der Lautsprecherbox von Doris schallt. Mit Einschlafen auf dem Bike ist nix …
Auf jeden Fall ist auf dem Radweg etwas Vorsicht geboten, besonders bei den Abfahrten, denn um diese Jahreszeit könnte es auch mal glatte Stellen geben. Heute aber nicht, alles ist trocken und die Temperatur ist gnädig mit uns, noch …
Zurück in Arco stärken wir uns im Café Centrale mit heißem Getränk😂 . Dann starten wir zur Gardasee-Runde und zwar im Uhrzeigersinn. Die Gruppe spaltet sich nun etwas, denn ein Grüppchen lässt sich etwas mehr Zeit. Peter, Umberto, Jasmin und ich fahren langsam vor, um nicht zu viel auszukühlen. Hermann startet auch irgendwann, entscheidet sich dann aber -wegen der Weihnachtsfeier in der Nacht zuvor- es nach 50 Kilometern gut sein zu lassen und sich in den warmen Schlafsack zurückzuziehen. Auch Ulrich und Doris machen sich wieder auf den Weg.
Wie immer sind die Dörfer rund um den See schön weihnachtlich geschmückt, es gibt kaum ein paar Meter Dunkelheit. An mehreren Orten sind sehr malerisch Unterwasserkrippen installiert.
Nach angenehmem Auf und Ab erreichen wir Peschiera und wärmen uns beim McDonald’s auf. Als Gruppe 1 grad wieder aufbricht, kommen Doris und Uli. Sie werden in Limone frühstücken, bevor sie sich in ihrem Appartement noch ein paar wohlverdiente Stündchen Schlaf gönnen.
Riva
Aber zunächst müssen wir entlang des Südufers und dann noch einige Höhenmeter überwinden Richtung Norden über die Gardesana Occidentale mit ihren zahlreichen Tunnels, in der Nacht glücklicherweise autofrei.
Die Fahrt ist ein herrliches Lichter-Spektakel, durch die weihnachtlich geschmückten Gardasee-Orte. Da der See temperaturausgleichend wirkt, ist es gar nicht sooo kalt. Und wie immer erstaunlicherweise mitten in der Nacht, ab drei, halb vier lautes Vogelgezwitscher und das am Winteranfang.
Es ist noch dunkel, als wir die Runde beschließen. Nach einem Zielfoto brechen alle in unterschiedliche Richtungen auf, um sich noch etwas auszuruhen. Schön war es. Danke an die Teilnehmer*innen, es war schön mit euch!! Danke an unser „Baby“ Jasmin. Nett, dass du mit uns „alten Hasen“ gefahren bist. Hochachtung vor Umberto, der auf den 200 Kilometern mit seinem Brompton super mithalten konnte.
Von Hundebissen und mitternächtlichen Schneestürmen …
Mit dem MTB von der Côte d’Azur nach Thonon-les-Bains am Genfer See – 1050 Kilometer und 32.800 Höhenmeter über die Berge entlang alter Militärwege, der Via del Sale, in Angesicht des Königs der Berge, des Mont Blanc, über mehrere namhafte Pässe – das ist Alps Divide. Die Herausforderung nahm ich als Solo-Fahrerin an und machte mich mit meinem Trek Prokaliber und meinem Mini-Zelt auf den Weg. Nach Panceltic Ultra und Lakes ’n‘ Knödel sollte das der krönende Saisonabschluss werden. Der Start in Menton, dem entzückenden Côte d’Azur Örtchen, fühlte sich so harmlos an. Niemand konnte vorausahnen, welche Schwierigkeiten sich den rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Weg legen würden und wie wenige das Ziel sehen sollten … (hier meine Gedanken vor dem Rennen & Planung)
Bei sommerlicher Hitze geht es pünktlich um 16:00 nach einem kurzen Briefing los, zunächst polizeibegleitet an der palmenbestandenen Küste entlang, dann in der prallen Hitze, bei über 30 Grad den Hang hinauf. Ich fühle mich wie kurz vor einem Hitzekollaps. Das Wetter verspricht zumindest im Moment stabil zu sein, das Feld zieht sich bald auseinander und ich radle allein dahin.
Das erste Mal schaue ich hoch zum Himmel, als Donnergrollen zu hören ist, dunkle Gewitterwolken hatten sich da zusammengebraut. Und das schon kurz vor Sospel. Das hatte ich nicht erwartet. Ebenso nicht die ruppige Abfahrt über einen steinigen und gefurchten Weg. Die Bäume bieten scheinbar Schutz, zumindest vor dem Regenguss, der nun einsetzt. Regenzeug raus. Am Brunnen in Sospel trifft sich eine größere Gruppe. Also bin ich doch nicht allein. Ich radle weiter. Im Regen. Es dämmert langsam. Die Strecke führt -was ich im Dunkeln erkennen kann- schön am Fluss Roia entlang.
Bis die Strecke abzweigt und nach unmenschlich steilem Anstieg an Verrandi vorbei schlussendlich einem alten nicht gepflegten Militärweg folgt. “Achtung, felsig!” schreiben Katie und Lee, die Organisatoren. Ich schiebe mein vollbepacktes Rad einige Kilometer nach oben, da es mich immer wieder ungnädig aus dem Sattel wirft. Als Leona mich fahrenderweise überholt, versuche ich es auch wieder.
Immer wieder aber hike & bike Passagen. Das hatten wir doch kürzlich schon mal beim Lakes ‘n’ Knödel. Es geht auf Mitternacht zu. Mein Entschluss auch in der ersten Nacht zu biwakieren, setze ich in der Nähe eines verfallenen Stallgebäudes in die Tat um. Ich stelle mein Zelt auf, verliere aber viel Zeit damit, einen Hering im tiefen Gras zu suchen, den es aus der Verankerung gerissen hatte und weg katapultiert. Ohne diesen könnte ich mein Zelt nicht mehr aufstellen. Mein Tun muss ansteckend sein, denn innerhalb kurzer Zeit wird das Gebäude bevölkert und stehen weitere zwei Zelte in der Nähe. Ein Campingplatz sozusagen.
Sonntag, 8. September 24
Schon vor Dämmerung fahre ich weiter. Rechts im Wald ein Geräusch. Was war das? Eine Art Grunzen. Bevor ich mir weiter Gedanken machen kann, galoppiert vor mir von Links nach Rechts ein jugendliches Wildschwein über den Weg. Schnell weg! Bevor Wildschwein-Mama mir Böses will.
Nachts auf der alten Military Road ist es manchmal richtig unheimlich. In Pfützen spiegelt mich mein Vorderlicht und irrlichtert durch die Bäume. Mir fallen ein paar Gedichtzeilen von Droste Hülshoff ein: O schaurig ist’s über’s Moor zu gehn … bei mir hier: schaurig ist’s allein durch denn Wald zu fahrn … Irgendwann ist auch der schlechte Militärweg zu Ende, nur um von einer noch steinigeren Abfahrt abgelöst zu werden. Kurz vor Pigna holt mich Jo ein und wir wechseln ein paar Worte. Wir werden uns in den nächsten Tagen noch mehrmals treffen.
In Pigna, einem kleinen italienischen Dörfchen, ist glücklicherweise die Pasticceria geöffnet. Heute ist ja Sonntag. Ich decke mich Brioche und anderem Gebäck ein, bestelle zum Mitnehmen was Herzhaftes, Pizza. Frisch gepresster Orangensaft und der übliche Latte Macchiato (ihr wisst schon: mit zwei Zucker) runden das Ganze ab. Ich komme mit Chris, einem deutschen Radfahrer, ins Gespräch. Für ihn ist das Rennen hier schon zu Ende. Ihm war am Abend zuvor sein Rad gestohlen worden. Schock! Ich bin unterwegs nämlich meist nachlässig, was Rad-Abschließen betrifft. Ich habe sowieso nur eine “Wegfahrsperre” mit, sprich ein dünnes Kabelschloss. Wohl kein Hemmnis für ernsthafte Diebstahlambitionen.
Auf Teer geht es nun viele Kilometer und Höhenmeter hoch. Regen ist angesagt. Ich quatsche mit Jo und Martin und achte kaum auf das Wetter. Regen ist vorausgesagt und schon fallen die ersten Tropfen. Diese arten bald aus in einen ordentlichen Regenguss. Dann der erste Blitz. Krampfhaft zähle ich die Sekunden. Das Gewitter ist nur wenige Kilometer entfernt. Ich bekomme “Beine” und beeile mich. Die schützende Hütte ist nicht mehr sehr weit weg. Außer Atem muss ich bald mein Tempo drosseln und füge mich in mein Schicksal. Vielleicht sieht der Blitz mich nicht, noch bin ich unterhalb der Waldgrenze. Trügerisch.
Am Ende der Teerstraße ein Ristorante. Hierhin haben sich einige Leute hin gerettet. Torsten und Stuart sind schon wieder beim Aufbrechen. Der Chef des Hauses hält davon nicht viel, die kommenden etwa 80 Kilometer über die Alta Via del Sale führt in Höhen über der Waldgrenze und bietet keinerlei Unterstandmöglichkeiten. Und es regnet weiter und lokale Gewitter sind vorausgesagt. Die Zimmer sind allerdings ausgebucht. Ich könnte es in der benachbarten CAI-Hütte versuchen. Bingo! Das Rifugio Allavena hat verfügbare Lager. Mir schwebt nämlich vor den Nachmittag über zu schlafen und gegen Abend, bei Nachlassen des Regens, wieder loszufahren.
Die netten Hüttenwirtsleute kümmern sich sehr nett um uns, eine Gruppe, die inzwischen auf über 10 Leute angewachsen ist. Es gibt Duschen und dann leckeres Mittagessen. Am fröhlich knisternden Bollerofen trocknen inzwischen kiloweise durchnässte Kleider und Schuhe. Dann Mittagsschlaf. Oder besser Mittagsruhe, denn schlafen kann ich um diese Zeit nicht.
Wie vorausgesagt hört der Regen gegen 18 Uhr auf und ich mache mich fahrbereit. Die Hüttenleute versuchen mir mein Vorhaben auszureden, denn in der Dunkelheit diese Strecke zu fahren sei riskant. Sie müssen es wissen. Ich aber bin uneinsichtig und entschwinde vollbepackt in die Dunkelheit. Ich bin noch keine 500 Meter weit gekommen, da mündet der Fahrweg in einen steilen steinigen Weg und verspricht einiges an Schieben. Das hatte Stuart vorausgesagt, als er nach seinem Aufstieg zum Passo Tanarello nochmal zur Hütte zurück musste, weil er seine Dokumente unterwegs verloren hatte. Der Arme! Ein ungemütlicher Wind bläst mir entgegen und im Lichtkegel meiner Helmlampe kann ich erkennen, dass es wieder angefangen hat zu regnen. Ein Spruch kommt mir in den Sinn: “Man soll nichts machen, um andere zu beeindrucken, sondern nur das, was einen selbst glücklich macht”. Kurzerhand wende ich mein Rad. Applaus der Hüttenleute und der anderen Alps Dividler brandet mir entgegen, als ich wieder durch die Tür trete.
Ich bin grad zurecht für das mehrgängige Abendessen und dann schließe ich den Reißverschluss meines Schlafsackes.
Montag, 9. September 24
Ich wache gegen ein Uhr auf und begebe mich ans Frühstücksbuffet, das die Hüttenwirtsfamilie netterweise hergerichtet haben, damit jeder starten kann, wann er will. Das Pair Kate und James und zwei Mädels sind schon aufbruchbereit. Ich folge ihnen eine Stunde später. Vor dem Wegfahren habe ich die glorreiche Idee meinen Reifendruck etwas zu vermindern. Klasse Fahrgefühl! (Die knapp 3 Bar waren viel zu viel; am ersten Tag mit einigen Teer-Kilometern vielleicht nicht schlecht, aber im Gelände … kein Wunder, dass es mich wie einen Prellball rumgeworfen hat).
Nach dem ersten Berg folgt eine längere Abfahrt über Almgelände, was ich am gelegentlichen Glockengeläute höre. Hundegebell. Etwas Braunes schießt vor mir aus dem Wald und verschwindet sofort auf der anderen Seite. Einige Kilometer weiter muss ich vom Rad steigen. Ein mittelgroßer brauner Hund pirscht sich von hinten knurrend an mich heran, die Nackenhaare aufgestellt. Keine Schafe oder Kühe weit und breit, aber leere Stallungen.
Ich spreche mit dem Tier und begebe mich auf die andere Seite meines Rades. Der Hund ebenso. Dann wieder zurück. Hund auch. Ich rede freundlich weiter und nestle einen Keks aus meiner Tasche, halte es ihm hin als Beweis meiner friedlichen Absichten. Hund schnuppert nur kurz daran, verschmäht die Leckerei allerdings. Ich mache nach Minuten einen vorsichtigen Schritt nach vorne und spüre was an meinem linken Knöchel, so als wäre ein kleiner Stein gegen mein Bein geprallt, aber da waren keine Steine … das werden wohl die Hundezähne gewesen sein. Ich begebe mich wieder auf die andere Seite. Hund auch.
Ein weiterer zaghafter Schritt nach vorn und die Zähne graben sich tief in mein Bein. Mein Angreifer springt gleichzeitig nach hinten und lässt mich gehen. Mit zitternden Knien verschwinde ich hinter der nächsten Kurve, dort packe ich erst mal mein Erste-Hilfe-Set aus und desinfiziere die blutende Wunde. Aua! Ein Pflaster darüber. Glücklicherweise bin ich gegen Tollwut und Tetanus geimpft und mache mir im Moment keine Gedanken. Aber immer, wenn ich in der Ferne Bellen höre, steigt Panik in mir auf und das wird in dieser Nacht und am nächsten Tag noch oft passieren. In der Dämmerung komme ich wieder mal bei Schafen vorbei. Kein Hund. Weiter unten eine Ziegenherde, aber der Hirte ist auch da.
Beim Mauthäuschen am Beginn der Alta Via del Sale stellt mir der freundliche Kassier seinen SOS-Notfall-Set zur Verfügung und ich kann die Wunde, die immer noch stark blutet, nochmal reinigen und abdecken. Durch die andauernde Bewegung beim Pedalieren hat die Biss-Stelle keine Ruhe. Der Mann erzählt mir, dass in der Nähe kürzlich erst noch wer gebissen wurde.
Ich fahre weiter und freue mich auf die Alta Via del Sale bei wunderschönem Wetter. Die Sonne geht grad auf. Mein Hochgefühl dauert nicht lange, dann wieder Hundegebell, von vielen Hunden. Und schon springt eine ganze Meute riesiger weißer Tiere der Gattung pastore maremmano auf mich zu. Ich in Windeseile vom Rad. Erleichterung, als die Tiere zurückgerufen werden.
Die nächsten vielen Kilometer auf dem berühmten alten Militärweg sind atemberaubend schön. Das Rifugio Don Barbera lasse ich rechts liegen in der Annahme, es sei nur eine kleine Almhütte. Aber ich habe eh noch Wasser und Proviant genug.
Bei einer kurzen Ess-Rast entdecke ich, dass meine Lenkertasche “geflutet” ist vom Regen am Vortag. Meine Powerbank liegt komplett im Wasser. Die ist wohl “hinüber”. Ich kann zwar meine Geräte mit dem Pufferakku, der vom Nabendynamo gespeist wird, laden, aber das ist nicht so einfach. Bei Dunkelheit geht das nicht, da der Dynamo die Vorderlampe speist und beim Bergauffahren wird zu wenig Strom erzeugt. Ich muss also den ganzen Tag gut planen, wann ich ein Gerät anschließen kann zum Laden. Und jetzt ist auch noch meine eiserne Stromreserve futsch …
Dann wieder belebtere Gegend bei Limone Piemonte. Hier war ich vor einigen Jahren zweimal bei einem Berglauf, dem Grand Raid Cro-Magnon, das einmal abgebrochen wurde wegen Schlechtwetters und nächtlichem starken Schneefall auf der Strecke. Ich erinnere mich zurück, nichts ahnend, was auf mich noch zukommen sollte ein paar Tage später.
Dann Abfahrt nach Tende. Aber nicht auf der spektakulären Colle di Tenda – Pass-Straße, sondern auf einer sehr sehr ruppige Schotterpiste und mich ziemlich durchrüttelt. Die Handgelenke schmerzen bald sehr.
Section 2 von Tende zum CP1 Refuge Hotel de Bayasse (196 km/ 5650 Hm)
Ab Tende aber belohnt eine 20 Kilometer lange schnelle Asphaltabfahrt mit Rückenwind. Eis- und Latte Macchiato-Pause an der Tankstelle und dann rein nach Saint Dalmas de Tende. Hier gibt es einen Supermarkt und eine Apotheke. Die Apothekerin verarztet mich nochmal, meint aber, ich solle doch besser zum Arzt wegen der Infektionsgefahr. Sie ist so nett und verschafft mir einen Termin. Bald bin ich aus dem Hospital wieder raus mit einem Rezept für ein Anti- und einem Probiotikum.
Nachtrag zur Verständigung in Frankreich. Ich kann kein Französisch, beispielsweise die Angestellten in der Apotheke können nur Französisch. Sie konnten auf jeden Fall nicht gut genug Englisch, um mein nicht gut ‘genuges’ Englisch zu verstehen. Aber der Translater tut gute Dienste. Ich spreche auf Deutsch rein, es kommt auf Französisch raus und umgekehrt sie sprechen auf Französisch rein und es kommt auf Deutsch raus und alles ist paletti.
Im Supermarkt treffe ich auf die meisten der lustigen Hüttenrunde einen Tag zuvor. Gemeinsam radeln wir Richtung Col Turini. Als ich Jo meine Verarztung zeige, erzählt sie, dass sie ebenfalls gebissen wurde. Sie wird erst am nächsten Tag beim Arzt vorbei schauen.
Ich entsorge meinen Müll und schweren Herzens meine Powerbank. Ein Straßenschild weist nach Rechts, Sospel, Menton. Wie verführerisch. Mindestens 5 Tage habe ich noch vor mir. Wenn die so ähnlich sich zeigen, wie die letzten beiden Tage, dann wird das wohl eines der härtesten Events werden. Wie gut, dass ich hier noch nicht weiß, wie sich das Ganze entwickeln wird … Am besten nur schrittweise vorausdenken, also jetzt mal nur bis zum nächsten “Zeltplatz”.
Samstag und Sonntag war ich so mit dem Fortgang des Rennens beschäftigt, dass ich mir nicht vorstellen konnte irgendwann mal etwas in die Aufnahme-App zu sprechen, nun ist aber alles etwas ruhiger und gemütlicher, schneller geht es eh nicht und ich kann nebenbei etwas quatschen. Die Erinnerungen an die einzelnen Tage verblassen nämlich sehr schnell.
Meine Gedanken schwadronieren. Ich überlege mir, ob ich nicht auch Wolfsgegnerin werden sollte. Denn die Wölfe sind Schuld, dass ich heute so viel Zeit im Hospital verplempert habe. Gäbe es keine Wölfe, bräuchte es keine Hirtenhunde …
26 Kilometer und 1700 Höhenmeter lang ist der Aufstieg. Es wird langsam Nacht. Ich habe noch keine Idee, wo schlafen. Unterwegs entdecke ich das Zelt von Kate und James, dem Pair. Schlagartig merke ich, wie müde ich auch schon bin. Seit meinem Aufbruch im Rifugio Allavena sind nun gut 19 Stunden vergangen, allerdings mit nur 130 Kilometer und 4000 Höhenmetern, was wohl auf den nicht einfachen Untergrund zurückzuführen ist.
Aus dem Bikepackerleben gegriffen: Abfahrt, alles anziehen, dann wenn die Sonne kommt, wird es warm, Ärmlinge und Beinlinge weg und irgendwo hinstecken. Easy zu merken, Beinlinge kommen dahin, Armlinge dorthin, es gibt ja nicht viele Möglichkeiten, die Lenker-Rolle, die Tasche hinten oder seitlich. Ich merke mir morgens, die Ärmlinge sind in der Rolle links, Beinlinge in der Rolle rechts. Am Nachmittag suche ich zuerst in der hinteren Tasche, dann in der Seitentasche und dann fällt mir ein, ich könnte auch in der Rolle schauen. Ich muss mir unbedingt ein System ausdenken, dass gewisse Sachen immer an denselben Ort gepackt werden.
Wider Erwarten mündet der geschotterte Fahrweg (“Fahr”???) in einer asphaltierten Straße. Weit ist es nicht mehr auf den Colle. Und hier DER ideale Schlafplatz. Eine kurze steile Böschung muss ich erklimmen, darüber ein wunderbarer ebener Platz unter einer Lärche. Ich entscheide spontan, hier zu bleiben und stelle mein Zelt auf.Über mir ein herrlicher Sternenhimmel. Eine leichte Brise führt dazu, dass auch keine nasskalten Nebel sich über meine Schlafstatt legen. Es ist wirklich gemütlich.
Dienstag, 10. September 24
Nach kurzem erholsamem Schlaf breche ich wieder auf. Bald bin ich auf dem Col Turini und gehe in die Abfahrt ins Vésubie-Tal. Die ist allerdings nicht so cool. Es ist ungemütlich kalt, der Weg zum Teil auf nassem und rutschigem Waldboden. Es ist zappenduster, wenn mir hier die Lampe ausfallen würde, nicht auszudenken, ich habe ja auch die Powerbank nicht mehr. Irgendwo Hundegebell. Mir sträuben sich schon die Nackenhaare. Es dämmert endlich. Lissa überholt mich. Ich fahre abwärts eher verhalten. Um kurz vor sieben treffen wir uns vor der Boulangerie in La Bollene. Gut getimt, diese sperrt gerade auf. Und wie leckere Dinge es hier gibt. Ich decke mich fürs Frühstück und untertags ein. Lissa erzählt, dass ihr Smartphone ähnlich wie meine Powerbank die Regengüsse vom Sonntag nicht überlebt hat und nicht mehr funktioniert. Nicht auszudenken.
Mein Zeitplan hat sich durch die unvorhergesehenen Ereignisse beträchtlich verschoben. Ich hoffe, dass ich es heute noch über den Col de la Bonette schaffe, denn der CP1 unterhalb des Gipfels schließt um 1 Uhr heute Nacht. Vielleicht könnte ich dort schlafen und meine Sachen mal waschen. Riecht nämlich alles nicht mehr ganz gut, besonders die Socken.
Weiter taleinwärts mache ich nochmal einen kurzen Supermarktstopp. Ich habe unheimliche Lust auf Yoghurt. Dem muss ich sofort nachgeben, wahrscheinlich braucht mein Körper das gerade. Dann ist das falsopiano, die falsche Ebene, wie der Italiener sagt wieder vorbei und auf traumhaftem Splitt geht es hoch auf den ersten ernsten Berg heute, den Col du Suc. Ich hole Jo und Martin ein. Kurz vor dem höchsten Punkt ist der feine Weg schlagartig vorbei. Große Baumaschinen verlegen den Weg und wir müssen äußerste Vorsicht walten lassen, dass die Arbeiter unsere Anwesenheit merken. Und wieder lange Abfahrt zuletzt lässig über eine Teerstraße und hinein ins Tal des Flusses Tinneé. Mittagessen-Zeit mit Jo.
Es ist heute sehr heiß. Am parallel fließenden Fluss würde ich mich gerne erfrischen, aber davon raten überall große Schilder ab. Meine Rettung ist ein Spielplatz mit einer Wasserzapfstelle. Mit einem Schwengel kurbelt man den Wasserfluss an. Ich wasche meine gesamte Kleidung. Wie ich das technisch mache, um nicht splitterfasernackt dazustehen wird nicht verraten. Eine Weile trocknen die Sachen am Zaun, noch feucht angezogen kühlt mich das bei meiner Weiterfahrt.
In Saint Etienne de Tinneé ein letzter Supermarkt-Stopp mit Feta, Gurke und Datterini-Tomaten, mein griechischer Salat, Yoghurt (ekelhaft, schmecken chemisch und man muss immer mindestens ein Viererpack kaufen), Obst und Kekse für unterwegs.
Es gibt lange nichts mehr und ich muss meine Reserven auffüllen und wohl über den nächsten Berg schleppen. Dort werde ich wohl viel Zeit haben, meine Vorratshaltung zu überdenken. Mein am Samstag in Menton beim Frühstücksbuffet gehamsterte Brot hatte ich erst kürzlich weggeworfen, nachdem ich es zwei Tage über die Berge geschleppt hatte. Auch meine Quinoa-Fertigmahlzeit aus dem Supermarkt landete grad im Müll, auch das hatte ich mitgeschleppt, bis es nicht mehr genießbar war. Und den Apfel, rundherum voller brauner Flecken vom Gerüttel, sollte ich vielleicht auch nicht mehr so lange aufheben.
Auch Wasser trage ich sparsam verwendend immer wieder über die Gipfel, um es beim nächsten Brunnen auszuschütten. Ich treffe Kris W., er muss hier leider aufgrund eines technischen Defekts aufgeben und erzählt, wie kompliziert es ist, hier wieder weg zu kommen. Seine Banane nehme ich dankend an, ich sollte sie noch über drei Berge tragen – nur soviel zur sinnvollen Vorratsplanung *lach* …
Auch Lissa startet nun in Richtung Col de la Bonette, dessen Gipfel auf 2700 m liegt. Später Nachmittag, ich muss mich das erste Mal mit einem Hörbuch motivieren. Weit kann man auf einer geteerten Straße fahren. Die Bergwelt rundherum ist in ein magisches Licht getaucht. Meine Motivation ist seit es dämmert mit dem Tageslicht irgendwie abhanden gekommen. Es scheint mir sehr schwer zu fallen. Ein Blick auf das Höhenprofil erklärt alles: Es hat stellenweise über 15% Steigung. Uffa!
Nun fahre ich auf einem naturbelassenen Weg. Der Aufstieg ist mühsam. Es wird dunkel. Vor mir sehe ich die Radbeleuchtung von Jo, weiter unten auch ein Licht, das muss Lissa sein. Hier muss ich auch wieder runter. Da muss ich besonders aufpassen, um nicht zu stürzen. Hoch über mir sehe ein Licht herumgeistern. Emily kommt vom Gipfel herunter. Ein kurzer Wortwechsel. Kalt soll es sein da oben.
Überraschung. Ich gelange auf eine Teerstraße, die in einer großen Runde um die Gipfelerhebung führt. Als ich auf dem höchsten Punkt bin, ist Jo schon weg. Ich merke auch, warum. Ungeschützt greift der Sturm voll zu. Schnell anziehen und weg von hier.
Die Abfahrt auf dem Aufstiegsweg ist nicht so schlimm, wie befürchtet, aber das was nun kommt, möchte ich niemandem zumuten. Weiter unten sehe ich Jos Lampe irrlichtern. Sie kommt da unten genau so langsam weiter, wie ich hier oben: Der “Weg” gleicht einem Bachbett. Fahren ist unmöglich. Also ist Runter-Schieben angesagt. Und auch dabei muss man hier noch höllisch aufpassen zwischen den Steinen sich mit den Radschuhen nicht umzuknicken und vom Gewicht des Rades nicht umgerissen zu werden. Die Schiebe-Zeit kommt mir ewig vor. Irgendwann ein Auto am Rand geparkt. Wie kommt hier ein Auto hoch. Unvorstellbar. Aber der Untergrund ist etwas besser geworden. Ich versuche es auch auf dem Sattel. Halsbrecherisch überholt mich Lissa.
Endlich da. Im Refuge Hôtel de Bayasse, dem CP1, dem ersten Kontrollpunkt. Es ist schön warm. Katie und ihre Mutter empfangen uns. Es gibt noch ein warmes Gericht: Quinoa mit Gemüse, so lecker! Im Wohnraum eine (fast) reine Mädelsgruppe. Mein Hirn ist nach den Strapazen der letzten Stunden wohl etwas daneben. Ich erinnere mich an die einfachsten englischen Phrasen und Wörter nicht mehr und gebe wohl ein erbärmliches Bild ab. Was ich aber verstehe, fast die Hälfte der Teilnehmer sind schon ausgestiegen. Eine heiße wohltuende Dusche und rein in die Federn meines Schlafsackes. Der Wecker vibriert viel zu früh, 5 Uhr. Ich stelle ihn 10 Minuten weiter. Dann packe ich. Meine Berechnungen ergeben, dass ich zum Frühstück in Barcelonnette viel zu früh sein werde. Und dort muss ich bei Öffnungszeit hin, da die nächste Möglichkeit einzukaufen erst bei meinem DNF sein wird, aber das weiß ich im Moment zum Glück noch nicht. So lege ich mich nochmal hin. Einige Leute schnarchen laut, die Luft ist sehr schlecht, ich kann nicht mehr einschlafen und gebe entnervt auf. Wieder mal eine Fehlplanung. Hätte ich den Wecker nicht so früh gestellt …
Section 3 von CP1 nach Bardonnecchia (210 km/ 5300 Hm)
Mittwoch, 11.September 24
Die 20 Kilometer bergab rollen sind bitterkalt. Die Boulangerie in Barcelonnette will ich gar nicht mehr verlassen. Erst nach zwei pain au chocolat und zwei Cappuccinos kann ich mich aufraffen. Duncan hat sich an den Nebentisch gesetzt, wir quatschen etwas. Später werde ich sehen, dass er in Embrun aus dem Rennen aussteigt. Wieder einer von so vielen, die bisher aufgegeben haben. Die Strecke führt nun auf einer alten Bahntrasse. Der erste Tunnel ist fast 2 Kilometer lang. Ich wusste nicht, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Aber hier nochmal zurück … oje!
Dann kommt der riesige türkisfarbene Stausee in den Blick, der Lac de Serre-Ponçon, an dessen anderem Ende ich Embrun erreichen werde. Von hoch oben sehe ich die lange Brücke über den See, die ich vor einigen Jahren beim Three Peaks Bike Race überquert habe auf unserem Weg von Wien nach Barcelona. Aber zunächst geht es noch über zwei Berge und durch lange Abfahrten auf Schotter. Ich treffe auf Marc und Webster. Die Aufstiege sind kurzweilig mit Erfahrungsaustausch, dann trennen sich die Wege wieder – ich bin einfach in den Abfahrten eine Schnecke. Kurz vor Embrun treffen wir uns dann wieder im La Cantine, einem supercoolen Burger-Restaurant in der Nähe von Embrun. Das liebe ich an diesen Events. Man trifft viele Gleichgesinnte, fährt mal mit dem einen oder der anderen ein Stück gemeinsam. Mein Nabendynamo lädt irgendwie nicht richtig, auch das noch. Ich werde erst später merken, dass ich den ganzen Tag das Vorderlicht angelassen habe.
Bevor ich mein Nachtlager wieder aufschlage, muss noch ein langer Aufstiege bewältigt werden. Die Strecke über einen Forstweg hoch über Embrun muss ein touristisches Highlight für Geländewagenfahrer sein. Immer wieder kommen allradbetriebene Fahrzeuge, oft Belgier, im Pulk entgegen, Staub und Abgase nebeln mich ein.
Ich lese mit Schrecken auf einer meiner Medikamenten-Schachteln das Wort complément alimentaire. Nahrungsergänzung? Wie? Ich hatte angenommen, diese Tabletten seien das Antibiotikum. Ich hatte bisher also das Antibiotikum einmal am Tag und das Probiotikum dreimal genommen. Wie blöd kann man denn sein! Hoffentlich hatte das keine Auswirkungen.
Das Skigebiet von Risoul ist erreicht und bis zur Dämmerung schaffe ich es hinunter nach Guillestre. Der Ort ist über einen Hügel angelegt, ich möchte da zwar nicht hinauf, aber ich muss, da ich kaum noch Wasser habe.
Dann radle ich dem Kajak-Wildwasserfluss, Le Guil, entlang. Schade, dass man im Dunkeln nichts sehen kann. Bei Château Queyras mit seinem lila-pink beleuchteten Schloss treffe ich Webster wieder. Er hat ein Challet gebucht, er weiß aber nicht genau, wo die Ortschaft liegt. Ich bin jetzt gegen 23:00 Uhr schon bettreif und suche ab hier einen geeigneten Platz mein Zelt aufzustellen.
Das ist gar nicht so leicht. Rechts unzugänglicher Wald, links fällt die Straße steil zu einem, wie man hört, reißenden Bach ab. Es fängt zudem an zu tröpfeln. Irgendwann zweigt ein steiler Weg ab. Am Wegesrand kann ich eine scheinbar ebene Fläche ausmachen. Ich baue mein Zelt auf und als ich endlich im Schlafsack liege, merke ich, dass es doch nicht so eben ist, wie es den Anschein hat. Ich rutsche immer wieder runter von der Matte. Aber die Müdigkeit und die Geräuschkulisse, Wasserrauschen von Bach und das Ploppen der Regentropfen auf das Zelt wirken einschläfernd.
Donnerstag, 12.September 24
Am Morgen ist es sehr ungemütlich feuchtkalt. Ich stelle den Wecker auf vier. Dann weiter auf fünf und starte dann kurz vor sechs. Das Zelt war klatschnass und auch Ausschütteln hilft nicht wirklich. Der Schlafsack ist außen feucht. Zum Glück regnet es nicht mehr. Ich schütte noch etwas Wasser in meine gefriergetrocknete Mahlzeit von Firepot, Geschmack „Baked Apple Porridge” – lecker. Das Päckchen ist mit mir schon durch das Panceltic Ultra und Lakes ‘n’ Knödel gereist. Wie blöd kann man sein. Im Anstieg Richtung Brunissard wird mir wenigstens warm. Bei einem kleinen Dörfchen gucke ich mal, wo die anderen sind und was mich im nächsten Dorf, in Brunissard erwartet.
Kaffeé und Frühstück? Websters Trackingpunkt scheint dort auf, oje, der Arme wird sicher erst weit nach Mitternacht in der Unterkunft gewesen sein. Vor besagtem Ort empfängt mich sehr starker kalter Wind, der talauswärts fegt und leider ist Brunissard wohl schon im Winterschlaf, es gibt gar nichts. Nächste Möglichkeit sich zu versorgen, wird wohl Briançon sein. Aber ich muss noch über den Ayes Pass. Und um dorthin zu gelangen gibt es noch eine längere Schiebestrecke, wie die Beschreibung der Veranstalter androht.
Ein Schild weist zum Col d’Izoard. Ich muss leider links ab ins Gelände. Ein Stück weiter ein Campingplatz und davor ein Brunnen. Mindestens genug Wasser werde ich haben. Das Rezeptionszelt wird gerade aufgesperrt. Einen Kaffeé könnte ich haben, aber das Brot ist leider reserviert für die Campinggäste. Ein Mann mit Hund holt sich gerade sein Baguette ab, reißt spontan ein Drittel davon ab und gibt es mir. Der Mann vom Empfang schenkt mir noch ein Stück Butter dazu. Der Kaffee ist köstlich und ich sitze im Warmen, auch mein Smartphone kann ich laden.
Dann muss ich weiter. Es wird heftig. Weiterhin starker kalter Wind. Sehr steil geht es auf einem Zick-Zack-Weg hoch. Ich schiebe. Wenn das die angekündigte Schiebestrecke ist, ist das nicht so schlimm. Im Hinterkopf schwant mir aber, dass das nicht alles sein kann. Und wie wahr: Hinter der nächsten Biegung weist ein Wanderschild auf einen schmalen Pfad und zum Ayes-Pass. Knapp zwei Kilometer sollen es sein. Es geht gleich zur Sache, es ist sehr steil und steinig. Schieben geht zwar langsam, aber es geht. Je weiter nach oben ich komme, desto mühsamer wird es. Irgendwann bleibe ich außer Atem stehen, vor mir einige höhere Steinstufen. Wie soll ich mein Rad da drüber wuchten? Die insgesamt 20 Kilo fühlen sich an wie eine Tonne. Tragen wäre vielleicht besser. Ich versuche mich seitlich am Rad so zu positionieren, dass ich es huckepack nehmen kann. Fehlanzeige. Das Rad kippt und ich klappe darunter zusammen. Vielleicht geht es mit einer Tragehilfe? Ich verknote meine lange Regenhose und lege eine Schlinge um den Sattel. Diese Lösung ist auch nicht das Wahre, mein Bike reißt mich fast mit in die Tiefe. Also wie zuvor, schieben, Vorderrad hochwuchten und mit Schulter den Rest nachdrücken. Irgendwann nach ein paar sehr hohen klettersteigähnlichen Stufen bin ich doch oben. Und hinten runter ist ein alpiner Weg mit tiefem Schotter. Ein fahrbarer Weg ist noch lange nicht in Sicht.
Briançon erreiche ich am späten Vormittag. Das Gewimmel in den Straßen erschlägt mich fast. Die Einsamkeit ist mir doch lieber. Also nur schnell das Frühstück nachholen und weiter. In der Boulangerie gibt es leider keinen Kaffee, aber ein Abkommen mit der daneben liegenden Bar: ich kann meine Pain au chocolat dort verspeisen bei heißem Tee und Latte Macchiato im Warmen. Die wenigen Gäste, die draußen sitzen verfolgen interessiert und verwundert, wie ich inzwischen mein Zelt auspacke und zum Trocknen über mein Rad hänge. Ich sehe inzwischen sicher ähnlich aus wie ein Clochard, wie die Wohnsitzlosen, die mit ihrer Habe durch die französischen Großstädte ziehen. Naja, mindesten fühle ich mich so, auch nachdem ich mich im WC-Bereich etwas frisch gemacht habe. Ein blick auf die Dotwatcher-Seite, immer mehr Leute fallen hinter mir weg. Irgendwann werde ich wohl die Letzte sein.
Der Weiterweg ist cool. Ohne viel Steigung führt die Strecke immer parallel zum Fluss Durance. Sehr schön. Das Gelände wäre wunderbar geeignet für einen netten Sonntagsnachmittags-Singletrail-Ausflug. Sehr unterhaltsam, aber für 20 Kilo nicht so geeignet. Ich verfahre mich, da ich mir nicht vorstellen kann, dass es auf der Asphaltstraße weiter geht und den Geländeweg bergauf wähle.
Dann ist nur noch der Col de l’Echelle zu erklimmen – auf einer gepflegten Teerstraße, ein Übergang von Frankreich nach Italien und Bardonecchia ist erreicht. Ich habe mir von unterwegs ein Appartment gebucht und das steuere ich erst mal an. Ich lasse dort mein immer noch nasses Zelt und den Schlafsack zum Trocknen, esse schnell meine Gefriermahlzeit, die ich hier, welch Luxus, mit heißem Wasser aufbereiten kann. Auch diese Mahlzeit ist im Sommer schon Tausende Kilometer mit mir unterwegs gewesen. Irgendwas mache ich bei meiner Planung wohl falsch und kein Wunder sind die über 20 Kilogramm. Tactical Foodpack, Geschmack Meat Soup. Sehr sehr lecker!
Section 4 von Bardonnecchia zum DNF in Modane,Valfréjus (87 km/ 3100 Hm)
Dann mache ich mich auf den Weg zum Col de Sommeiller. Es ist inzwischen schon später Nachmittag, etwa 16 Uhr. 1800 Höhenmeter auf knapp 30 Kilometer – am späten Abend sollte ich wohl wieder zurück sein. Noch weiß ich jedoch nicht, was auf mich zukommt. Sonst hätte ich mich vermutlich nicht entschieden loszufahren. (Die Alternative wäre jetzt etwas zu schlafen und gegen Mitternacht zum Col zu starten. Das hätte im Nachhinein getrachtet allerdings dazu geführt, dass ich den Berg gar nicht geschafft hätte). Vor mir sind gerade noch zwei Fahrer beim Aufstieg, etwa 9 Kilometer vor mir, Torsten und Petr.
Die ersten 8 Kilometer und etwa 700 Höhenmeter sind feinster Teer. Das nun folgende flache Schotterstück wird allerdings unterbrochen von einer Umleitung über einen Wanderweg, erst steil runter, dann zusätzliche Höhenmeter hoch. Beim Stausee kommt mir eine vermummte Radfahrerin entgegen: Leona. Oben absolut winterliche Bedingungen, so etwa 3 Stunden werde ich wohl für den Anstieg brauchen. Mir scheint das viel und motiviert fahre ich weiter. Der Schotterweg steigt nun kräftig an, ist aber gut fahrbar. Es dämmert. Noch aber kann ich die Aussicht auf die faszinierende Bergwelt genießen. Glockengebimmel gibt den passenden Rahmen, Kühe gibt es hier oben auf fast 2600 also auch noch. Es wirft mich vom Rad … Upps! Große Steine zeugen davon, dass sich der Untergrund schlagartig geändert hat. Zum Teil recht unwegsam wechsle ich zwischen Schieben und Fahren. Dann irgendwann ist fast nur noch Schieben angesagt. Ein argwöhnischer Blick auf mein GPS-Gerät, es sind noch fast sechs Kilometer und nur noch etwa 400 Hm bis zum höchsten Punkt. Ich schalte meine Lupine-Helmlampe zu, da die nabendynamobetriebene Vorderlampe bei dieser „Geschwindigkeit“ zu wenig helles Licht gibt. Die dicke Lupine-Batterie dürfte noch genügend geladen sein – hoffentlich.
Waren die Temperaturen unter der Waldgrenze recht angenehm, so ist es hier bitterkalt. Der starke Wind tut sein Übriges, um den Körper auszukühlen. Ich ziehe Regenhose und -jacke an. Über die kurzen Radhandschuhe streife ich die dünnen Merinohandschuhe und darüber noch welche mit langen Fingern. Recht dick ist das alles zusammen aber nicht und der kleine Finger fühlt sich schon kalt und taub an. Wie wird das weiter oben werden und auf der Abfahrt? Werden meine klammen Finger es noch schaffen zu bremsen? Meine Skinfit Primaloft Fäustlinge liegen gut in der Schublade zuhause. Sie sind beim Packen dem Minimierungsversuch zum Opfer gefallen.
Durst! Ich bleibe wieder einmal stehen, um einen Schluck aus dem Trinkrucksack zu nehmen. Aber was ist das? Nichts geht mehr. Schon leer? Nein, im Schein der Helmlampe sehe ich das Eis im Schlauch, auch die Trinkflasche ist eingefroren. Ein Blick auf meine Garmin … Minus 6°C!!
Schneetreiben bei -6°
Warum kommen die beiden vor mir nicht entgegen? Mir schwant Böses – das Terrain wird wohl nicht einfacher werden. Endlich ein Licht vor mir. Torsten. Ich klage ihm mein Leid, dass ich in der letzten halben Stunde unzählige Male beschlossen habe umzukehren, ich sei doch nicht lebensmüde. Es wird zwar nicht besser auf dem Weg nach oben, aber mir fehlen doch nur noch etwa 2 Kilometer. Wenn ich es bis hierhergeschafft hätte, soll ich doch das bisschen noch hochwandern. Mit einem Bein am Boden holpert Torsten -er hat warme Fäustlinge sehe ich neidisch- weiter abwärts. und ich ein paar Meter mit leicht erhöhter Motivation schiebe weiter, bis zur nächsten Kurve. Soll ich doch zurück? Zwei ICHs disputieren. Sofort umkehren!! Nein, weiter gehen, mir wird das sonst leidtun, so kurz vor dem Gipfel klein beigegeben zu haben. Petr kommt entgegen. Noch etwa eine halbe Stunde und ich hätte es geschafft. ABER: Dann bin ich oben und dann? An den Rückweg sollte ich auch denken. Weiter hike & bike? Noch lange in dieser lebensfeindlichen Höhe? Ich wage gar nicht daran zu denken, was alles passieren könnte. Das ganze Unternehmen – Leichtsinn pur!!
Wieder mal muss ich über einen Schuttkegel steigen. Erdrutschmaterial? Ich kann es nicht gut erkennen, nur, dass der Fahrweg immer wieder unterbrochen ist. Dann nur noch ein paar Meter und ich bin oben. Hier stürmt es gewaltig. Raus aus den Handschuhen und das Pflicht-Foto der Tafel mit den vielen Aufklebern schießen. Das ist wohl ein Fehler, ich habe in Sekunden kein Gefühl mehr in den Fingern. Ich drehe um und bewege mich abwärts. Meine warme Windjacke kann ich erst etwas weiter unten anziehen im Schutz eines großen Steines. Den Reißverschluss bekomme ich kaum zu mit meinen eingefrorenen Fingern. Wie konnte ich mich bloß in so eine Situation bringen? Jetzt nichts wie weg hier!
Ich senke meine Sattelstütze ab und versuche so gut es geht über den unwegsamen Pfad abwärtszurollen. Es geht stückeweise besser als gedacht, manchmal genügt es mit einem Fuß auf dem Boden das Gleichgewicht zu halten, dann wieder muss ich runter vom Rad und schieben. Es ist anstrengend, aber das ist auch gut, so ist mir nicht so unheimlich kalt und ich werde auch nicht schläfrig.
Ich bin schon fast wieder auf besserem Untergrund, da sehe ich ein Licht. Eine Fata Morgana? Die gibt es doch nur bei großer Hitze … Es ist Webster. Inzwischen treibt der Sturm dicke Flocken vor sich her. Und der Schnee bleibt schon liegen auf dem Weg. Ich halte und spreche kurz mit Webster. Informiere ihn, dass hier die Schiebestrecke beginnt und dass es eisigkalt ist. Ich wünsche ihm viel Glück. Er stapft weiter, ich rolle weiter. Inständig hoffe ich, dass Webster vernünftig ist und bei diesem Schneetreiben nicht weiter geht. Ich werde weiter unten Katie, der Veranstalterin schreiben, sie solle ihn in dieser Nacht im Auge behalten. Auch Hermann informiere ich, dass ich bei der Waldgrenze sei und nun nur noch leichtes Gelände vor mir liegt. Gegen ein Uhr bin ich in meiner Unterkunft. Eine heiße Dusche belebt meine eingefrorenen Körperteile. Ich sinke ins Bett und sofort in Tiefschlaf. Bei Öffnung der Boulangerie wollte ich vor Ort sein, das heißt ich muss nicht so früh raus.
Freitag, 13.September 24 – schlechtes Omen????
Um 7 klopft es Sturm. Eine aufgeregte Hotelmanagerin steht vor der Tür. Weil ich verbotenerweise das Rad mit in den Wohnbereich genommen habe? Nein, sie wollte nur wissen, ob ich „safe“, wohlbehalten im Zimmer sei. Denn es werde nach mir gesucht. Langsam verstehe ich. Meine Tracker Position ist noch oben am Berg. Mein Smartphone ist aus und niemand kann mich erreichen. Große Aufregung bei Veranstaltern und Hermann, die sich alle Sorgen machen und kurz davor sind, eine Rettungsaktion zu starten.
Im Nachhinein betrachtet – eine Rettungsaktion wäre wohl zu spät gekommen, hätte ich mich dort oben verletzt. Ausgekühlt ist man schnell und bei vermutlich mehr als 6° unter Null droht wohl der Erfrierungstod. Wie der kanadischen Frau, die am selben Wochenende in der Nähe meines Heimatortes bei einer harmlosen Wanderung erfroren ist. Webster war übrigens vernünftig genug nicht mehr weiterzugehen und gelangte wohlbehalten ins Tal.
Am Morgen ist Bardonecchia wie ausgestorben, die Sommersaison ist vorbei und fast alles zu. Kein Bäcker, kein kleiner Shop im Ort. Ich finde eine Boulangerie, die aber keinen Kaffee hat und nur süße Sachen. Heute sollte ich nicht so schnell eine weitere Versorgungsmöglichkeit erreichen.
Der alte Militärweg hinauf zum Colle Rho ist nicht gepflegt. Sehr holprig, steinig und ziemlich steil geht es bergauf. Für mich und mein schwer bepacktes Rad bedeutet das fast 6 Kilometer hochschieben. Die Gipfel rundum sind in eisige Nebel gehüllt, die Sonne kommt zwar ab und zu durch, meine Wasserreserve ist allerdings schon wieder zu Eis geworden. Zudem bringt der stramme Wind immer mal wieder einen Schub Schneeflocken.
Meine Motivation schwindet. Alle paar Minuten suche ich einen Grund stehen zu bleiben. Foto. Was essen. Auf Followmychallenge schauen, wo die anderen noch Verbliebenen sind. Mit Hermann telefonieren, ob es nicht gescheiter sei, abzubrechen. Wetterbericht konsultieren. Meine Lage bemitleiden. Der Gründe anzuhalten, gibt es viele.
Dann bin ich auf Km 67, hier sollte das hike & bike beginnen. Nanu? Das begann bei mir ja schon 4 Kilometer früher … Aber hier geht der Militärweg in einen schmalen Wanderweg über. Ein Schild informiert mich, dass ich auf dem Pian dei Morti bin. Hallelujah. So weit ist es schon, auf der Hochfläche der Toten. Ein Fingerzeig? Nein, in diese Liste möchte ich noch nicht aufgenommen werden. Hier ist der Untergrund ganz gut schiebbar. Soll ich doch noch ein bisschen weiter gehen? Falls das Gelände sich so entwickeln würde, wie beim Col de Ayes zwei Tage zuvor, das würde ich körperlich nicht mehr schaffen: mein Rad über Steinstufen hochheben. Wieder muss ich mich gegen eine Sturmböe stemmen. Jetzt ist es aber genug! Ich wuchte mein Rad um 180° in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Jetzt umdrehen und ich käme von Bardonecchia vermutlich ganz unkompliziert mit dem Zug weg, auf der Gegenseite runter und ich wäre schon wieder in Frankreich.
Torsten F.
Da! Eine orange gewandete Gestalt. Torsten. Hat er mich auf dem Sommeiller schon zum Weitergehen überredet, so schlägt er nun in dieselbe Kerbe: Gabi, du bist jetzt ja schon fast oben, nur noch weniger als 2 Kilometer bis auf die Passhöhe. Überredet, ich schiebe weiter, nachdem wir uns gegenseitig beim Fotografieren fotografiert haben. Ähnlich wie beim Witz „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot!“ – treffen sich zwei Mountainbiker bei der AlpsDivide … naja, noch nicht ganz schachmatt, aber beide haben auf dem Beweisfoto das Smartphone vor dem Gesicht … Im Ernst der Situation muss ich doch ein wenig lächeln.
Den Pass kann ich vor mir schon erkennen. Zwei E-Biker sind vor uns. Und die schieben. Warum wohl? Der letzte halbe Kilometer verlangt alles ab. Der Schneematsch ist geschmolzen und hat einen schmalen äußerst steilen Schlammpfad hinterlassen. Unter meinen Schuhen habe ich in Kürze 10 Zentimeter-Stöckel. Um die Reifen wickelt sich die Masse und macht das Rad zentnerschwer.
Die Fortbewegung erfolgt in Zeitlupentempo: Rad einen Viertel-Meter vorschieben, Bremsen drücken, einen Schritt nach vorne machen, einen halben Schritt auf der seifigen Masse zurückrutschen. Alles von vorne. Ein rascher Blick zurück, Torsten ist auch nicht schneller.
Ich bin fix und fertig, als ich endlich oben bin. Hier ist der Sturm, der ungebremst von Norden durch das Tal hochweht gewaltig. Schnell alles anziehen, was ich habe und versuchen das Rad notdürftig vom Schlamm zu befreien. Sogar auf dem Bremssattel hat sich ein Haufen Matsch angehäuft. Dieser ist jedoch stocksteif gefroren und lässt sich leicht wegschnippen. Das tiefgefrorene Material auf den Reifen fällt beim Runterschieben weg.
Runterschieben. Das Gelände ist hier hochalpin. Höchste Vorsicht ist geboten, damit man sich nicht verletzt oder das schwere Bike irgendwo runterkugelt. Eine Windböe erwischt mich seitlich, mir wird das Bike aus der Hand gerissen und die Hinterseite wird gegen einen Stein geschleudert. Schock. Ein Kontrollblick, ob noch alles heil ist. Anscheinend. Nur die Seitentasche, meine Tailfin Panier Bag, hat einen Riss abgekommen. Schade!
Ich mache mich weiter an den Abstieg. Irgendwo ganz weit unten kann ich wieder fahren. Ich komme vorbei an Almen und dann am Skidorf Valfrejus. Wie ausgestorben natürlich. Weiter unten im Tal dann ein Supermarkt im Örtchen Modane. Ich friere so von der Abfahrt und bin ausgehungert. Ich verplempere viel Zeit mit Überlegungen, was nun tun. Warte auf Torsten, um zu erfahren, was er vorhat. Aber ich treffe ihn nicht mehr. Ein Blick auf meine Skizzen zeigt, dass ich in den nächsten Tagen immer wieder lange auf über 2000 m Meereshöhe unterwegs sein würde. Die WhatsApp-Nachricht von Katie, dass es einige Ausweichstrecken gebe, geht irgendwie an mir vorbei. Verfroren wie ich bin, möchte ich das nicht noch weitere zwei Tage haben.
Ich gebe meinem Vernunft-Ich nach: Ab ins nächste Hotel und unter die heiße Dusche! Ich verschwende an den nächsten Tagen zwar (fast) keinen Gedanken mehr, wie „hätte ich doch … wäre ich …“ , aber die Info, dass Torsten einen Berg weiter ausgestiegen sei und Leona auch, hat mich doch darin bestärkt, richtig gehandelt zu haben.
Eisig kalter Sturm … auch hier am Mont Cenis
Stolz bin ich doch, so weit gekommen zu sein. Von an die 100 Starterinnen und Startern haben sehr viele das Rennen vorzeitig beendet. Ganz grob gesagt, pro 100 Kilometer jeweils ein Ausfall von 10. Und ich bin immerhin bis km 700 gekommen und habe über 20.000 Höhenmeter zurückgelegt.
Die letzten Sätze …ein Versuch der Rechtfertigung? Muss ich das aber? Aly (@right_up_my_aly), die beim Race around Rwanda vorzeitig aus dem Rennen ausgestiegen ist, formuliert die DNF-„Niederlage“ (?) treffend. Ich versuche es auch mal so ähnlich.
Ich gehe an den Start eines Event und habe mich körperlich und vor allem auch gedanklich darauf vorbereitet. Alles läuft auf den Moment Überquerung der Ziellinie im Zeitlimit hin. Aber ist das der Sinn der Sache? Liegt der Wert des Abenteuers nur in diesen letzten Kilometern? Oder nicht doch in allem, was vor ihnen kam?
Ich habe das DNF wohl noch nicht verarbeitet. Das Feuer brennt zwar nicht mehr, aber es glimmt noch. Aber ich habe begriffen, dass es beim Erfolg manchmal nicht um das Ergebnis geht – sondern um den Mut, anzufangen. Und manchmal geht es darum, zu wissen, wann man aufhören muss – nicht als Versager, sondern als eine andere Art von Sieg. Ich habe bei der AD vielleicht nicht das Ziel erreicht, das ich mir vorgestellt habe, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht etwas Sinnvolles beendet habe.
(Dieser letzte Text über das „Nichtbeenden“ eines Rennens entstand am 13.03.2025, nach dem Race around Rwanda, das ich mit einem guten Ergebnis beenden konnte)
Samstag, 14.September 24
Heimfahrt nach dem Ausstieg beim AD: Am nächsten Tag fahre ich über den wunderschönen Mont Cenisio runter ins Susa-Tal. Mein Plan die 600 Kilometer über den Comer See, Maloja Pass und das Vinschgau heim zu radeln hat sich allerdings in Susa beim Anblick des wartenden Zuges in Luft aufgelöst. Nach Mitternacht bin ich so wieder zuhause.
Eine Rechnung habe ich offen mit der Alps Divide, jetzt nach meinem ersten DNF. Werde ich dort nochmal starten? Das Rennen ist durch die vielen Höhenmeter sehr hart, aber machbar. Die Gegenden auf jeden Fall wunderschön. Aber das Wetter muss mitspielen. Mal sehen … – abgeneigt bin ich nicht.
Frau allein im Wald. Kaum ist der Reißverschluss meines kleinen Zelts zu und ich eingemummelt in den Schlafsack, höre ich seltsame Geräusche. Ich halte die Luft an und lausche schockstarr mit weit aufgerissenen Augen. Was ist das da draußen? Das und warum ich am zweiten Tag mit dem Schimpfen gar nicht mehr aufhören kann – lest nach dem Video weiter …
Premiere von Lakes ’n‘ Knödel: 730 km/ 15.200 Hm von Fuschl nach Bregenz graveln … Durch den Wortlaut in der Ausschreibung habe ich das Ganze etwas unterschätzt … wahrscheinlich nicht nur ich …
Tag 1: Start – CP1 Blecksteinhaus: 233,11 km/ 3.302 m Bewegungszeit: 14:09:59
Pre-Start. So viele Leute, schauen alle so jung und professionell aus, es wird gefachsimpelt. So wie es aussieht werde ich da wohl im hinteren Drittel mitfahren werden. Besonders auch deshalb, weil meine Beine nicht ganz erholt sind nach den Strapazen des Panceltic-Ultra Race, das ich zwei Wochen zuvor gefinisht hatte; 2300 Kilometer der Küste Schottlands entlang mit unsäglich steilen Aufstiegen – das wird mir hier wohl erspart bleiben, DENKE ICH …
Ich freue mich auf ein paar Tage Radeln durch schöne Landschaften, Knödel essen, mit netten Leuten Erfahrungen austauschen, einfach eine feine Tour fahren, so wie es in der Ausschreibung irgendwie rüberkam. Wie ich mich da getäuscht habe …
Der erste Tag von Fuschl bis zu den ersten Bergen verspricht einfach zu werden. Ich fahre über 200 Kilometer, bis zur ersten Schlafpause. Naja, ganz so leicht ist es dann doch nicht. Ich erinnere mich an die Aussage Bastians beim Briefing: „Ihr werdet mich manchmal hassen …!!“ Immer wieder gibt es Abstecher ins Gelände und da wird es meist mega schlammig durch den Regen der vergangenen Tage und es gibt ein paar Schiebepassagen, mit 20 Kilo Rad & Gepäck ziemlich anstrengend. Am Tag zuvor hatte ich ein Problem mit der Schaltung, die Clemens vom Hotel Jakob wohl durch Entfernen eines Kettengliedes behoben hatte, weiters war viel Luft aus meinem Hinterreifen entwichen und Finn von der Rezeption half mir Milch nachfüllen. Erst, als der Reifen richtig in die Felge sprang schien der Reifen dicht zu halten. Unterwegs merke ich jedoch, dass etwas Luft wieder raus war. Ich habe eine kleine Pumpe mit, feiner wäre halt eine ordentliche Standpumpe. Meine Nachfrage über einen Gartenzaun ist erfolglos. Ich frage noch, ob es einen Gartenschlauch gäbe, mit dem ich Rad und Taschen säubern könnte. Ja! Mit blitzblankem Rad fahre ich weiter, merke aber bald, dass das vergebliche Liebesmüh war, denn die Strecke führt fröhlich weiter durch Matsch. Eitelkeit ist hier wohl fehl am Platz.
Nach dem Chiemsee und Eis- und Kaffeepause radle ich weiter. Im Westen drohen dunkelgraue bleischwere Wolken. Ich habe Glück und fahre immer in die Richtung, in der es etwas heller ist. Dann aber eine riesige gelb-graue Wolkenwalze aus der es schon blitzt. Die Donner erschrecken mich, panisch suche ich einen Unterstand und finde ihn in einem Bushäuschen, bevor es voll anfängt zu schütten. Hier hocken schon zwei weitere Teilnehmer. Eine Stunde etwa müssen wir das Unwetter aussitzen.
Nun geht es etwas auf dem Inn-Damm weiter und in Raubling biege ich ab von der Strecke zu einer Tankstelle. Es gibt auf den nächsten etwa 100 Kilometern keine weitere Verpflegungsmöglichkeit. Eine fröhliche Runde trifft sich hier.
Bei Dämmerung fragte ich in einem Berggasthof nochmal um eine Pumpe. Erfolg. Der Chef des Hauses verschwindet nebenan im Haus, kommt mit einer altertümlich anmutenden Pumpe zurück und macht sich, bevor ich einen Einwand machen kann, an meinem Hinterrad zu schaffen, haut mit Gewalt die Pumpe auf das Ventil, pumpt etwas und zieht das Ding wieder ab. Oh, Schreck, Das Absperrventil sitzt nun schräg, es ist stark verbogen. Wenn ich das nun vorsichtig zurückbiege, bricht es womöglich ab … Also lasse ich es so, wie es ist, bekomme aber die Ventilkappe fast nicht mehr aufgeschraubt.
Weiter fahre ich in die Dunkelheit. Ich hatte laut Plan eigentlich vor, vor dem nächsten Berg zu schlafen, aber ich bin früher dran als gedacht und überquere diesen noch. Vor Bayrischzell finde ich einen kleinen Spielplatz, wie geschaffen für mein Nachtlager. Mein Zeltchen stelle ich auf und merke erst, als ich mich darin einrichte, dass das Gelände nicht eben ist. Ich rutsche immer wieder von der Matte, die Nachtruhe ist dementsprechend unruhig.
Früh, gegen drei Uhr, packe ich. Viel zu lange brauche ich, um meine Siebensachen zu systemieren, wo ist bloß der zweite Socken und wo nur der Handschuh? Das Stirnband finde ich auch erst nach langem Kramen. Hier im Zelt ist anziehen sowieso eine Bauchmuskelübung, da es so nieder ist. Ich fahre weiter. Der Bäcker im nächsten Ort hat natürlich noch nicht auf.
Tag 2: CP1 – CP2 Plumsjoch-Hütte 145,57 km/ 4.303 m Bewegungszeit: 14:10:29
30 Kilometer sind es noch bis zum CP1 auf dem Blecksteinhaus nahe dem Spitzingsee.
Landschaftlich ein Traum, es geht über Almen, durch eine Schlucht bis ins Valepp. Hier war ich dieses Jahr bei der Watzmann-Arber-Rundfahrt (600km/ über 10.000Hm mit dem Rennrad) schon mal. Die schmale Straße führt in angenehmer Steigung durch ein Tälchen nach oben. Dachte ich, denn mein Track führt parallel dazu, immer in Sichtweite der Straße über groben Schotter. Immer wieder muss ich absteigen, denn es sind geröllgefüllte Gräben zu durchschiebe. Zu allem Überfluss fängt es nun auch noch an zu schütten. Regenzeug raus. Die Füße sind im Nu klatschnass. Durchnässt komme ich bei CP1 an. Es gibt einen leckeren Knödel auf Salatbeet. Ein ungewöhnliches Frühstück, gibt aber Kraft für die Weiterfahrt. Und es gibt eine Luftpumpe!
Inzwischen hat es aufgehört zu regnen und ich breche wieder auf. Über den Spitzingsattel bis zum Schliersee natürlich nicht bequem über die Teerstraße, sondern im Gelände. War am Tag zuvor einiges auf Asphalt, so dreht sich das Verhältnis heute um, angenehmen Teer gibt es nur noch selten. Das Wetter ist durchwachsen. Immer wieder nieselt es
In Gmund am Tegernsee fülle ich meine Reserven auf für die nächsten einsamen 100 Kilometer etwa. Auf einem schmalen Fußgängerbrückchen kreuze ich einem Spaziergänger mit Hund: „Wer hotn sich dera Streckn ausgsuacht? De Radler schindn sich olle wie di Verrucktn. Wo miaßtn es hin? Ja, des gang jo do untn viel leichter ibr di Stroßn!“ Ich frage: „Ist es verboten?“ – „Na, obr do isch jo kniehoach Sumpf!“
Heute wird es laut Plan mega „böse“, Einsamkeit, viele Berge, große Steigungen. Wo ich wohl am Abend landen werde? Das Karwendel darf man jedenfalls nur tagsüber befahren, Disqualifikation, wer sich zwischen 20 Uhr und 6 Uhr früh zwischen Pertisau am Achensee und Scharnitz aufhält.
Die Strecke führt nun durch dichten Wald der bayrischen Voralpen. Sehr steile Steigungen zwingen mich zu ziemlich einigen langen Schiebepassagen. Wegen Holzschlägerungsarbeiten war die Strecke kurzfristig umgeleitet worden. Ich hatte den neuen Track auf meiner Garmin. Es ist inzwischen sehr heiß, im Wald angenehm. Nach einer steilen Abfahrt nach Bad Wiessee am gleichnamigen See lege ich eine Mittagspause auf einer Bank ein. Während ich mein Sandwich verspeise, schaue ich zufälligerweise mal auf der Trackerplattform nach. Komisch, da wo ich bin, ist kein Teilnehmer, alle sind etwas weiter oben im Wald.
Verwirrt rufe ich Bastian an, der kann sich das auch nicht erklären. Meine Garmin zeigt mir an, ich sei richtig, laut Livetracking bin ich aber abseits der Strecke. Zu allem Unglück blockiert meine Garmin und ich muss erst googeln, wie ich sie ganz ausschalten und neu starten kann. Das gelingt zum Glück. Bastian hat mir angesagt, ich müsste kurz zurück zur Strecke. Kurz, ja, aber die 20% Teerstraße in der prallen Sonne hochschieben, ist kein Vergnügen.
Im Wald dann fädle ich vermeintlich richtig ein. Garmin scheint einverstanden zu sein. Ich schiebe ein überaus steiles Tal hoch, als ich bemerke, dass die Linie auf meinem Navi, der ich folgen muss, nicht dunkelviolett ist, sondern heller. Schreck! Das bedeutet, das Navi zeigt eine Ausweichstrecke. Was, wenn die mich nicht richtig leitet? Es wird immer steiler, manchmal rutsche ich mit meinen Schuhen zurück. Wenn ich nun die ganzen Höhenmeter wieder runter muss? Das würde ich wohl nicht packen. Und was, wenn das zur Disqulifikation führen würde, weil ich ja offensichtlich falsch bin. Fast bin ich den Tränen nahe, da sehe ich vor mir einen anderen sein Rad schieben. Erleichterung! Dann bin ich wohl doch auf der korrekten Spur.
Weiter oben fädle ich in den dunkelvioletten Track ein. Gerettet! Bei einer Hütte treffe ich auf mehrere Leidensgenossen. Die sind alle das Tal hochgeschoben.
Es geht nun bergab. Bald auch hier eine Schiebestrecke. Einige mutige Gravelbike-Fahrer überholen mich halsbrecherisch. Etwas weiter aber hole ich sie wieder ein. „Ich habe grad meine Hose geschräddert!“, berichtet der eine. Zum Glück ist nicht viel passiert, nach Desinfektion der Wunde am Oberschenkel fahren die beiden auch weiter. Mich bestärkt das darin, vorsichtig, wenn dadurch auch langsamer zu fahren.
An der Grenze zu Österreich ist es nach weiteren zermürbenden Schiebestrecken und gegenseitigem Leidklagen schon später Nachmittag. Ein Grüppchen begibt sich in die nächsten beiden Anstiege. Was da wohl auf mich noch zukommen würde? Ich beschließe ein paar Hundert Meter von der Strecke ab in einem Gasthof noch eine Suppe zu essen und mich dann an den Aufstieg zu machen.
Zehn Kilometer geht es nur auf eine Alm hinauf. Wider Erwarten ist (fast) alles fahrbar. Dann hinunter nach Steinberg am Rofan und wieder hoch, steiler nun. Nach einer Alm wird es noch steiler. Der Weg ist ausgewaschen und führt über faustgroße Steine. Am höchsten Punkt verliert sich der Weg auf einer Almwiese. Irgendwie bleibe ich auf der vom Navi vorgegebenen Spur und finde den Weg wieder. Schiebestrecke, dann ab einer Alm wieder fahrbar, in Richtung Achensee. In Österreich ist es strengstens verboten zu biwakieren, auch Notbiwaks sind nicht erlaubt.
Meine Idee, irgendwo am Ufer des Achensees zu schlafen, gebe ich auf. Ich finde aber auf der Almstraße kurz vor Achenkirch ein Plätzchen neben dem Almweg. Der Schlaf ist kurz, aber erholsam, ich stelle den Wecker noch zweimal um 10 Minuten weiter, ich habe ja keinen Stress, ob ich um 6 Uhr Richtung Plumsjoch starte oder etwas später, ist egal.
Packen, was diesmal schon schneller geht, fast jeder Handgriff sitzt. Bis ins Ziel werde ich wohl Profi.
Vorgangsweise am Abend: Platz finden, Zeltutensilien raus aus der Cyclite-Lenkerrolle, Unterlage ausbreiten, Zelt aufstellen, ordentlich spannen, Schlafsack raus, Matte aufblasen, Kopfkissen ebenso. Umziehen und alles in den Schlafsack stopfen, Schlaf-Shirt an, Jacke darüber und Primaloftjacke darüber, frische Socken an, dünne Hose an, Pflegecreme auf Allerwertesten, Regenhose auch an, Zähne putzen, in Schlafsack schlüpfen, Zelt zu, Licht aus.
Vorgangsweise am Morgen: Zeug aus Schlafsack rausfischen, in richtiger Reihenfolge neben mir hinlegen, im Zelt aufsitzen, Schlafzeug ausziehen, Radzeug an, Matte und Kopfkissen aufstöpseln, alles in die richtigen Hüllen stecken, Zelt aufreißverschlussen, in die Schuhe steigen, Schlafzeug in Beutel und in die richtige Tasche stecken. Zelt abbauen und mit Matte, Unterlage und Kopfkissen sowie mit dem Schlafsack in die Lenkerrolle packen. Schauen, ob alles aufgeräumt ist. Taschen richtig vertäuen, nochmal kontrollieren, ob alles festsitzt und losfahren.
Tag 3: CP2 – CP3 Vilsalpe 180,04 km/ 4.190 m Bewegungszeit: 16:51:19
Am Achensee in die Morgendämmerung hineinzufahren ist sagenhaft schön. Am anderen Ufer kann ich auch Pertisau schon sehen, von wo es dann bitterböse werden sollte – bis zur Plumsjochhütte.
Tankstellenstopp mit Kaffee und Brioche. Noch ein paar Brote gekauft und los geht es.
Bald nach Pertisau geht es dann wirklich hoch. Bekannte hatten mich schon vorgewarnt, hier sei mit Fahren wirklich nichts mehr.
Am Fuß des Berges hält mir ein Bergsteiger ein Gatter auf. Zusammen machen wir uns an den Aufstieg. Mit etwas Quatschen vergehen die Zeit und die Strecke schneller. Mein Begleiter meint, solange ich reden könne, sei es auch nicht so anstrengend … Auf etwa Halbweg lasse ich meine Begleitung ziehen. Hinter mir kommen auch weitere Radschieber nach. Wir klagen uns etwas unser Leid, ich schiebe weiter. Richtig schwer fällt es mir eigentlich nicht, denn ich wusste ja, was auf mich zukommt. Trotzdem schlaucht die Strecke ganz schön: etwa 7 Kilometer mit gut 700 Höhenmetern. So steil teilweise, dass mich das Gewicht meines Rades mehrmals fast umwirft. Dann weiter oben einige Gestalten. Lakes ‚n‘ Knödel – Fotografen. Schweiß von der Stirn wischen, gute Miene zum bösen Spiel machen und einen Schritt zulegen. Als sie wieder aus Sichtweite sind, schleppe ich mich weiter. Nun ist aber die Plumsjochhütte, die zweite Kontrollstelle, nicht mehr weit. Und Kaspress-Knödel in der Suppe gibt es und Kuchen. Karte gestempelt und schon bin ich wieder in der Abfahrt.
Wie immer muss man höllisch aufpassen. Erholsam sind die Abfahrten kaum mal: große Steine, ausgewaschene Rinnen, feine Steinhaufen, alles Fallen, die schnell zum Sturz führen, wenn man unkonzentriert ist und nicht aufpasst.
Im Talgrund angelangt geht es ein paar feine Teer-Kilometer der Riss entlang, bevor es wieder ernst wird. Nun gegen Mittag ist der steile Forstweg zum Kleinen Ahornboden schweißtreibend heiß. Dort angelangt gibt es Kühlung am Brunnen.
Gefürchtet hatte ich mich vor dem Weg zum Karwendelhaus. Diesen war ich zweimal abgefahren und hatte dabei meine Probleme. Wie sollte ich da hochkommen? Es waren noch 4 Kilometer und einige Höhenmeter zu überwinden. Ich schiebe auf dem gerölligen Weg los. Nach etwa 200 Metern merke ich, dass ich schiebenderweise, wohl am Abend noch nicht beim Karwendelhaus angelangt sein würde. Ich steige auf mein Bike und es geht etwas trickreich, aber im Sattel langsam bergauf.
Die Hütte klebt wie ein Adlerhorst ausgesetzt auf einer Felsnase. Sagenhafter Platz. Nach einer Linsensuppe nach Omas Art mache ich mich an die Abfahrt nach Scharnitz. Die 18 Kilometer könnten rasante Abfahrt sein, aber man darf sich nicht verleiten lassen zu unbedachter Schnelligkeit. Der Forstweg birgt Gefahren, wie Rinnen, lose Steine, … Am Tag danach sollte der Hubschrauber zu mehreren Einsätzen in das Tal fliegen müssen. Unterwegs holt mich die Müdigkeit ein. Ich gönne mir 10 Minuten Powernap. Dann weiter. Kurz vor Scharnitz habe ich einen kleinen „Umfall“. Nach Fotopause will ich aufsteigen, der rechte Fuß steckt schon in den Klickpedalen. Ich bekomme das Übergewicht, kippe nach rechts und das gesamte Gewicht meines Körpers, des Rades und des Gepäcks landet auf meinem Knie. Auaa!!!! Die Kniescheibe scheint seltsam eingedellt. Ist die immer so? Es schwillt auch gleich etwas an und schmerzt in Folge bei jeder Kurbelumdrehung und besonders auch beim Laufen kann ich das Knie nicht ganz durchstrecken.
Nach dem unvermeidlichen Tankstellenstopp, hier gibt es aber nichts Gescheites, geht es in der Hitze weiter. Etwas kupiertes Gelände. Ich entdecke, dass sowohl Smartphone- als auch Garmin-Akku fast leer sind. Auch die Powerbank gibt keine Power mehr her. Da ich nirgends schnell fahren kann, geht das Laden unendlich langsam bis gar nicht. Oje, was wenn ich plötzlich ohne Navi dastehe und ohne Möglichkeit zu kommunizieren. Ich stecke den Ladekabel immer wieder um und beobachte argwöhnisch das Laden. Wasser habe ich auch fast keines mehr.
Ein Lichtblick. Bei Lermoos am Anfang des sehr schönen Aufstieges der Leutascher Ache entlang gibt es ein WC-Häuschen – und frisches Wasser. Kurz etwas Körperpflege und Vorräte in Trinkrucksack ergänzt und eingefädelt in das Tal. Die Steigung ist angenehm und meine Geräte bekommen etwas mehr Strom und ich Motivation auch dadurch, dass ich erkenne, hier schon mal gewesen zu sein. In umgekehrter Richtung bei der Schottergaudi.
Irgendwann bin ich dann an der Abzweigung zum „Gegenverkehrsbereich“ Richtung Seebensee. 4 Kilometer musste man hoch, dann wieder runter. Am Anfang treffe ich auf ein Paar, das da wohl schon oben war. Haben die es gut. Warum mussten wir überhaupt da hoch?
Als ich ankomme, weiß ich warum … Der See, der gegenüber der Zugspitze in die Felsen eingebettet ist, ist eines der schönsten Plätze der Tour. Hier treffe ich wieder auf einige Leidensgenossen, die sich grad anziehen. Gute Idee! Ein Bad. Schnell aus den Kleidern geschält und in die kühlen Fluten. Traumhaft. Und nachts musste ich nicht so schmutzig-klebrig in den Schlafsack klettern. Das Beweisfoto habe ich dann doch wieder aus meinem Video entfernt … nackig im See …
Abfahrt nach Ehrwald. Sehr steil. Und da war ich schonmal hochgefahren …
In Ehrwald geselle ich mich zu einem lustigen Grüppchen bei einer Pizzeria al Taglio und verspeise eine Margherita, bevor ich in die Dämmerung starte. Flott geht es durch die Dunkelheit zum Heiterwanger See. Dort wird es spannend. Am Ufer entlang führt zunächst einsam ein Forstweg. Nach Überquerung des Sees und Änderung des Namens in Plansee, warum auf immer, denn das Gewässer hängt zusammen, führt ein schmaler Wanderweg weiter am Ufer entlang. Rechts kann man das Wasser nicht erkennen, nur dass es steil nach unten geht. Vorsichtig „eiere“ ich weiter. Hier allein ein Fahrfehler und niemand würde mich finden, wenn ich den Abhang runter stürzte und/ oder gar ins Wasser fiele.
Irgendwann treffe ich wieder auf ein paar Kollegen, es geht an deinem Campingplatz vorbei. Was nun? Dort einchecken ist nicht mehr möglich. Die Gruppe will noch bis Reutte fahren, das hatte ich eigentlich auch vor. Aber es war schon fast Mitternacht und es ging noch über zwei Berge. Ich ließ die Gruppe ziehen.
In feiner Steigung führte der geschotterte Radweg durch den Wald. Da! Ein ebener Platz neben dem Weg. Der Boden ist jedoch angepresst und steinig, ob ich da wohl meine zelt-Heringe reinbekäme. Ich nehme einen aus der Rolle. Nichts zu machen. Mit dem Hering in der Hand fahre ich weiter. Immer wieder steige ich ab und kontrolliere den Boden. Bis ich einen passenden Platz gefunden hatte, etwas abseits vom Weg war der Boden nicht so verdichtet.
Frau allein im Wald. Kaum ist der Reißverschluss meines kleinen Zeltes zu und ich eingemummelt in den Schlafsack, höre ich seltsame Geräusche. Ich halte die Luft an und lausche schockstarr mit weit aufgerissenen Augen. Was ist das da draußen? Immer wieder diese komischen Geräusche. Mucksmäuschenstill lausche ich weiter … da, wieder! Auf einmal muss ich lachen … ich komme nämlich drauf, was das für Töne sind: mein Magen grummelt vor sich hin; er ist wohl noch mit der Pizza Margherita beschäftigt … Erleichterung. Jetzt kann ich beruhigt einschlafen und das mache ich.
Tag 4 & 5: CP3 – Finish in Bregenz 173,08 km/ 3.415 m Bewegungszeit: 13:29:50
Kurz vor der Morgendämmerung bin ich wieder im Sattel. In Reutte wartet Frühstück. Ein Bäcker hat schon ab 5:15 Uhr auf. Ich bin froh, in der Nacht nicht mehr weiter gefahren zu sein, denn eine tiefe Schlucht musste durchquert werden. Runter schieben und aufpassen, dass man nicht links den Abgrund runter kippt, über eine kleine Brücke und auf der anderen Seite über unregelmäßige Stufen das Rad nach oben hieven. Eine fast unmenschliche Anstrengung bei DEM Gewicht.
Aber geschafft und auf dem Weiterweg ins Tal schieße ich noch ein Biwak-Foto zweier Radler.
Es ist fast 8 Uhr, als ich Reutte erreiche. Der Bäcker hat eine sagenhafte Auswahl, ich schlemme und lasse mir einiges einpacken, denn auch jetzt folgt eine lange Strecke durch die Einsamkeit. An den Weiterweg kann ich mich kaum erinnern. Meine Schaltung, die in den letzten Tagen wieder Probleme zeigte, hängt immer wieder. Ich habe den leichtesten Gang zur Verfügung – zum Glück. Aber die nächsten drei sind ausgefallen. Erst die höheren Gänge kann ich wieder schalten. Wenn das nur gut geht. Hoffentlich ist das nicht Anzeichen, dass mit dem Schaltkabel etwas nicht in Ordnung ist, dass dieser irgendwann bricht.
Einige Höhenmeter sind zu erledigen, bis zum CP3 am Vilsalp-See.
Dort gibt es wieder Knödel und in der Mittagshitze gönne ich mir ein Bad. Beim Wegfahren, oh Schreck! Ist kaum mehr Luft im Hinterreifen. Ich krame die Luftpumpe raus. Nach der schnellen Abfahrt nach Tannheim pumpe ich nochmal nach. Auf dem Weiterweg scheint die Luft zu bleiben. Schlauch einlegen wäre keine Option, denn ich würde es nicht schaffen, den Reifen von der Felge zu bekommen, der war völlig festgeklebt, das hatte ich am Tag vor dem Rennen gemerkt. Blödes Gefühl so hilflos im Falle einer Panne zu sein. In der Gegend gab es seltsamerweise nicht mal einen Radverleih.
Die folgenden Kilometer sind sehr schnell auf einem geschotterten Radweg. Fast 30 Kilometer, bis auf meinem Planungsprofil ein steiler Aufstieg ins Auge stach. Und wie steil der sein sollte. 5 Kilometer mit 500 Höhenmetern reine Schiebestrecke in der sengenden Sonne. Ich schimpfe wieder mal über die Streckenführung. Denn es geht hoch zur Kappeler Alm, nur um auf der anderen Seite steil wieder runterzufahren.
In Oy Supermarktstopp. Endlich komme ich zu meinem geliebten Kefir und etwas Obst. Herrlich. Dann weiter. Der Rottachsee lädt wieder zu einem kühlen Bad ein. Dann nochmal eine Schiebestrecke.
Wegen eines Erdrusches gibt es nun eine Umleitung bis fast Sonthofen. Viele Kilometer rasante Abfahrt auf Asphalt. Hatte ich mir vorgestellt in Sonthofen gemütlich was essen zu gehen, so werde ich enttäuscht. Ich finde nahe der Strecke nur eine Imbissbude. Dort allerdings gibt es einen riesigen Salatteller und die Welt ist wieder in Ordnung.
Etwas auf und ab geht es nun durch Allgäuer Dörfer. Ich möchte mir nun langsam einen Schlafplatz suchen. Aber nichts Geeignetes in Sicht. Irgendwann beginnt eine für den normalen Autoverkehr gesperrte Mautstraße. Links und rechts der Straße nur dichtes Kraut. Oje und ich bin müde. Unerwartet eine kurze Stichstraße nach links. Sie führt hinter einen Baum und sichtgeschützt kann ich hier mein Zelt aufbauen. Neben mir Flussrauschen. Ich schlafe gut, bin aber auch heute am letzten Tag wieder früh auf.
Es sollten nur noch knapp 80 Kilometer zum Ziel sein. Die führten erst über eine Hochfläche, dann vorbei an ein paar Weilern. Frühstück keines in Sicht. Und als ich wieder in die komplette Einsamkeit abtauche, bin ich etwas unmotiviert, denn immer wieder muss ich schieben. Wie langsam die Kilometer herumgehen. Grenze zu Österreich, Vorarlberg, die Gegend heißt Sibratsgfäll. Nach der Abfahrt ein Lichtblick, ein Spargeschäft in Großdorf, das ich auf meiner Planung nicht auf dem Schirm hatte. Dann eine schöne Fahrt der Bregenzer Ach entlang, bis der vorletzte Berg vor mir liegt.
Aber alles nicht so schlimm, man kann wider Erwarten alles fahren. Vor der Abfahrt verfranze ich mich im Blaubeerwald. Viele kleine Wege und keiner scheint der richtige zu sein. Ich schiebe zurück auf die Straße, falsch, also doch durch den Wald. Zu allem Übel fängt es auch an zu regnen. Ich fädle wieder in die richtige Spur ein, fahre talwärts. Ein Donnergrollen. Jetzt erst sehe ich die schwarzen Wolken. Der Regen wird stärker. Sturmböen. Weiter vor sehe ich glücklicherweise eine Ortschaft und rette mich unter ein schützendes Dach.
Als das Schlimmste vorüber ist, fahre ich weiter. Ein Anruf Bastians. Ich solle Straße weiterfahren und nicht ins Gelände. Die Straße solle ich aber noch „genießen“. Bei der Weiterfahrt merke ich, was er damit meinte: über 18% Steigung, lange. Der Ehrgeiz lässt mich aber nicht absteigen, bald sei ja alles vorbei.
Dann die letzte Abfahrt. Unter mir liegt der Bodensee und Bregenz. Am Ufer noch ein obligatorisches Bild, dann muss ich durch die Fußgängerzone schieben. Auch das noch. Die Strecke verlief parallel zur Uferpromenade.
Mittwoch Mittag. Nicht mehr viele Meter und ich bin da. Eine Reise gemischter Gefühle ist zu Ende. Wie immer ganz plötzlich und ich stehe etwas verloren da … Erleichtert, die Strapazen hinter mir zu haben und irgendwie traurig, dass alles schon vorbei ist …
Ich bin super zufrieden: 4 Tage/ 3 Stunden/ 46 Minuten Platz 5 Damen Platz 40 overall (111 Solo-Starter*innen)
~ We Who Travel Have Stories To Tell ~ ~ Wir, die reisen, haben Geschichten zu erzählen~
Und wie viel es wieder zu erzählen gibt, konnte ich mir im Vorfeld des Panceltic Ultra, kurz PCR, nicht vorstellen …
Panceltic Ultra Race in Kürze: Eine rund 2400 Kilometer lange Radstrecke mit Start und Zeitfahren auf der Isle of Man, um dann die schottische Küste mit Isle of Mull und Isle of Sky abzufahren bis zum Ziel in Inverness. Veranstalter Web-Site
Nur wenig Zeit zum Lesen? Britta von Skinfit hat eine wunderbare Zusammenfassung meines Abenteuers erstellt.
Mein Roman …
Auftakt: Zeitfahren auf der Isle of Man:
Bekannt ist die Insel wegen des im Motorsport berühmtberüchtigten TT, der Tourist Trophy, bei der die Motorradfahrer eine Runde von gut 60 Kilometern 6-mal bewältigen müssen. Schnellste Rundenzeit sind unglaubliche 17 Minuten. Trauriger Rekord von bisher über 250 tödlich Verunglückten. Wir Radfahrer gehen das gemütlicher an.
Für mich ist es schon im Vorfeld des Rennens aufregend. Der Hinflug: Kommt mein Rad rechtzeitig an bzw. wird es mit der Lithium-Batterie in der Sattelstütze überhaupt mitgenommen … (ich bin gebranntes Kind von meiner GBDuro- Heimreise )
Kann ich mich bei meiner Gastfamilie Jaqui und Richard überhaupt verständigen mit meinen mageren Englischkenntnissen? Beim Rad-Zusammenbauen dann der Schreck: Die Schaltung funktioniert nicht, die Shimano DI2 ist „tot“. Richard fährt mich über die Insel zum Mechaniker, das Rennen kann kommen! Die Aufregung wird immer größer … Hier tausend Dank an Jaqui und Richard für die herzliche Aufnahme, die Taxidienste und und und …, auf Revanche!!!
Nacht eins: 157 km/ 2900 Hm: über die Isle of Man
Am Samstag, 6. Juli ist es dann soweit. Die Teilnehmer versammeln sich bei Douglas. Registrierung und ein Schwätzchen da und dort. Meine Aufregung wächst. Sie ist aber vorbei, als es endlich losgeht. Wir werden nach einem Briefing (bei dem ich ehrlich gesagt nicht alles verstehe) in Gruppen auf die Strecke geschickt. Glücklicherweise darf ich in einer der ersten Gruppen starten, ich muss die 157 Kilometer lange Runde bis spätestens halb acht Uhr am nächsten Morgen geschafft haben, denn dort treffen sich alle wieder auf der Festlandfähre.
Schon auf den ersten Kilometern bekomme ich einen ersten Geschmack über das, was mich in den nächsten Tagen erwarten wird: steilste Anstiege. Oje, bei meinen etwa 20 kg Rad & Gepäck eine Herausforderung. Die Landschaft auf der Insel und das Zusammentreffen mit netten Gleichgesinnten lässt mich das vergessen und noch sind die Beine ja frisch. Auf Halb-Weg ein etwa 400m hoher Berg. Das Wetter hält sich nicht an die Wettervoraussagen, hier auf der Nordseite der Insel beginnt es zu regnen; ich lege meine Regenkleidung an und fahre weiter.
Auf dem höchsten Punkt schüttet es wie aus Kübeln und da es hier baumlos und ungeschützt ist, greift noch dazu der Wind scharf an, es ist eisig kalt -nicht mehr als 5°C, und ich zittere wie Espenlaub. Ich sehe kaum mehr etwas auf der steilen Abfahrt und der Lenker überträgt mein Schlottern auf das Rad. Ich schlingere vorsichtig bergab. Warm wird es mir erst wieder, als ich die Meeresquote erreicht habe und die nächsten Anstiege warten. Mein Garmin gerät glaubt mich wieder mal auch hirnmäßig fordern zu müssen.
Auch das noch: Die Karte mit der Strecke zeigt sich wieder mal als genordet. Das heißt, ich muss bei jeder Richtungsänderung denken, wohin ich nun abbiegen muss, nicht einfach, da ich ja schon mit dem Linksverkehr sehr gefordert bin jetzt an den ersten Tagen. Mehrmals verfahre ich mich. Aber ich bin gut in der Zeit und kann den Tagesbeginn um etwa 3:30 Uhr genießen. Die Aussicht auf der Küstenstraße ist genial. Gegen 5 Uhr habe ich mein Ziel erreicht. Sachen trocknen, frühstücken, dann geht es auf die Fähre. Die 4 ½ Stunden auf der Fähre kann ich etwas ausruhen, aber an viel Schlaf ist im Kinder-Spielbereich leider nicht zu denken. Zudem stelle ich meinen Wecker viel zu früh, die Fähre war verspätet abgefahren und somit verzögert sich die Ankunft.
Tag eins (128 km/ 1800 Hm): Heysham – Ambleside
Am Festland gibt es nochmal eine Versammlung aller Teilnehmer*innen und dann die sehnlichst erwartete Ansprache des „Clan-Chefs“ Mally. Und endlich dürfen wir los, getrennt nach MO (Magnum Opus Rider hatten im Vorfeld schon einen herausfordernden Bewerb hinter sich gebracht und mussten pünktlich beim Start sein, berechtigt waren Fahrer, die mindestens zwei PCR gefinisht hatten), und dann kamen die Fahrer der kurzen und langen Strecke dran, der Short Route (1736km/ 19.546 Hm) und Full Route (2393 km/ 26.931 Hm).
Endlich geht es los. Es ist schon fast 15:00 Uhr und ich hatte im Vorfeld schon die Vermutung, dass ich an diesem ersten Renntag nicht sehr weit kommen würde. Allerdings war mein Plan der, dass ich noch über den Hardknott-Passs hinter mich bringen wollte und dann eine Schlafpause einlegen. Mein Plan wurde also schon hier am ersten Tag durcheinandergebracht. Eine durchfahrene Nacht reichte mir, ich switchte um, möchte nun in einem Hotel übernachten und nehme die Buchung unterwegs vor. Das ist eine der PCR-Regeln, man darf Unterkünfte nicht im Vorfeld buchen und man darf keine Hilfe von anderen annehmen, die nicht auch für alle anderen Teilnehmer*innen verfügbar ist. Mein Ziel an diesem Tag ist Ambleside, ein Ort im wunderschönen nordenglischen Lake District. Ganz leicht gehen die etwa 130 Kilometer nicht herum, da mir eine kräftige Brise entgegenweht.
In Ambleside checke ich ein, lasse verbotenerweise mein Zelt und Proviant hinten und gehe noch auf die 18 Kilometer lange Runde. Die 440 Höhenmeter bringen mich in eine sehr schöne Gegend, die fast alpin anmutet und unseren Almregionen ähnelt. Die Steilheit der Anstiege tut ganz schön weh. Zurück im Ort stocke ich im Supermarkt noch meine Vorräte auf. Die Supermärkte haben in UK glücklicherweise von frühmorgens bis meist 23:00 Uhr geöffnet und das 7 Tage in der Woche.
Schon kurz vor dem Wecker um 3:00 Uhr wache ich auf, packe, esse eine Kleinigkeit und sitze bald wieder im Sattel. Wrynose Pass und Hardknott stehen an. Das Kopfzerbrechen, eine Morgen-Bergtour vor mir zu haben, bewahrheitet sich: Die Straße auf den Wrynose Pass ist mit einer Steigung von bis zu 30 Prozent eine der steilsten in England. Die Steilheit zwingt mich nicht nur an einer Stelle vom Rad. Und an der steilsten Stelle komme ich -kaum zu glauben- auch zu Fuß kaum hoch, immer wieder rutschen meine MTB-Schuhe auf dem glatten Asphalt ab. Sowas hatte ich vorher noch nie erlebt. Auf dem höchsten Punkt wunderbarer Sonnenaufgang. Dasselbe gilt für den Hardknott Pass: auch hier ist Wandern angesagt. Auf den sehr steilen Abfahrten halte ich meinen Lenker sehr verkrampft. Erleichterung dann am Bergfuß, meine Motivation steigt wieder. Erst recht, als ich dann wenig später in einem kleinen Supermarkt einen Latte Macchiato und frisch gepressten Orangensaft bekomme. Ab und zu ein kleines Schwätzchen mit anderen gut bepackten Radfahrern. Nicht alle glauben mich zu verstehen oder verstehen mich wirklich nicht: wahrscheinlich rede ich einen schönen Quatsch mitunter, aber es geht immer leichter mich „aufzudeutschen“, äh „aufzuenglischen“ – gibt es das?
230 Kilometer liegen vor mir, ich habe vor, in der Kontrollstelle ein paar Stündchen zu schlafen, im Freien ist es unerwartet kalt, zum Teil nur 3-4°C
Sind die Steigungen über 15-16% knarzt irgendwas an meinem Rad ganz fürchterlich. Was ist das? Die Kurbel? Ist vielleicht das Tretlager kaputt? Komme ich überhaupt bis nach Inverness? Radläden gibt es nur wenige an der Strecke. Würden meine Beine auch so knartzen, gäbe es ein ganz schönes Konzert. Die Steigungsangaben auf meinem Navi sind teils erschreckend: meine Beine sind schon froh, wenn als Farbe nur ein Mittel-Dunkelrot angezeigt wird und nicht ein Dunkel-Dunkelrot. Immer wieder ein paar Meter zu Fuß. Schenkt mir ja niemand was, wenn ich mich im Sattel hochquäle. Ich bin froh um meine MTB-Schuhe. Im Laufe des Rennens sehe ich bei einigen Teilnehmern völlig ruinierte Rennrad-Schuhprofile.
Nach einigem Auf und Ab komme ich nach Braithwaite. Ab hier gibt es wieder eine Schleife durch die Berge. Im Dorf kommen mir Fahrer entgegen. Die Glücklichen haben die Runde wohl schon absolviert. Zwei hohe Berge sollten es sein. Beim ersten, dem Newlands Pass sehe ich schon von Weitem, dass dort Leute hochwandern. Oje! Und dieser sollte noch der gnädigere Pass sein. Hatte ich mich vor Wrynose und Hardknott gefürchtet, so hatte ich diese beiden gar nicht so auf dem Schirm gehabt.
Auch der nun anstehende Honister Pass hat Steigungsprozente von über 25% zu bieten und ich muss sicher über 2 Kilometer hinauf wandern. Anstiege mach ich im Grunde ja, aber wenn die dann so steil sind, dass man beim Schieben zurück rutscht und die Bremse krampfhaft umklammern muss, um nicht das Rad mitzuziehen, dann ist das weniger lustig. Die Abfahrt ist dafür traumhaft und ein paar Stündchen später bin ich wieder in Braithwaite und nun bin ich die, die mitleidig auf die ankommenden Radfahrer blicke, die die Schleife noch vor sich haben. Im Shop, den sehr nette Frauen führen, gibt es leckeres Essen und ich gönne mir einiges. Anscheinend glauben die Damen, ich bestelle für zwei, denn ich bekomme zwei Gedecke und zwei hoch beladene und lecker garnierte Teller serviert. Zum Abschluss noch ein Dessert und ein Latte, so heißt hier der Latte Macchiato – natürlich wie immer mit zweimal Zucker, man gönnt sich ja sonst nichts.
Weiter geht es über einige Hügel, immer wieder zwingt mich die Steilheit vom Rad, dann wird es nahezu eben, viele Kilometer lang, die Route führt entlang des National England Coast Path, manchmal bis zur Mitte zugewachsen und ich muss durch das Gras pflügen. Müdigkeit überkommt mich und ich mache einen kurzen Powernap-Stopp auf einer Parkbank. In der Ferne hört man Donnner-Grollen. Es war wohl eine gute Wahl so früh aufzustehen, denn dunkle Wolken dräuen über den Bergen, die ich gerade hinter mir gelassen habe. Die jetzt da hoch müssen, fahren wohl im Gewitter. Es fängt an zu tröpfeln und so mache ich mich ohne Nickerchen wieder auf den Weg.
Der Radweg führt nun am Meer entlang, dann biegt er wieder ins Landesinnere ab. Es geht durch landwirtschaftliches Gelände. Ich treffe immer wieder die gleichen drei Radfahrer. Irgendwann geht nichts mehr, wir stehen allesamt im Stau und das bestimmt 20 Minuten lang. Vor uns ein offenes Gatter und von der Weide begeben sich unzählige Kühe gemächlich in Richtung Stall. Immer wieder stockt es, da nachkommende Kühe erst mal stehen bleiben und gucken müssen, wer da steht, nämlich wir Radfahrer. Endlich ist das Ende erreicht, ein Traktor treibt die letzten vor sich her. Nun kommen auch wir wieder in Schwung. Der Boden ist allerdings total verdreckt. Meine Räder starren vor Kuh-Kacke und wohin die Soße überall hin gespritzt ist, möchte ich gar nicht wissen. Oje!
Die fast hundert Kilometer gehen recht flott von der Hand, ich erreiche die schottische Grenze. Nanu, ich dachte, ich sei schon längst in Schottland. Der Grenzort, Gretna Green, ist berühmt. Der Ort wurde über 200 Jahre lang von minderjährigen Paaren aus England, bald aber auch aus Teilen des übrigen Europas zur Hochzeit aufgesucht, weil sie hier ohne Erlaubnis der Erziehungsberechtigten eine Ehe schließen konnten.
Kurzer Tankstellenstopp, wer weiß, wann ich am nächsten Tag wieder die Möglichkeit bekomme mich zu versorgen … laut meiner Planung stehen abgelegene Gegenden an …
Ich treffe auf Caudia Gugole, eine Radfreundin aus Italien, die die short Route fährt und zusammen rollen wir im CP1 im Dorfgemeinschaftshaus Kirkpatrick-Fleming ein. Nach dem anstrengenden Tag und den beiden Tagen ohne viele Leute um mich ist das „Gewusele“ am Kontrollpunkt mir irgendwie zu viel. Vermutlich mache ich einen irgendwie verwirrten Eindruck und weiß in der fremden Sprache zunächst glaube ich nur Blödsinn zu antworten. Oje, oje! Ich esse und trinke was, Katzenwäsche und schaue mich in der Turnhalle um, in der ich mein Schlaflager aufbauen kann. Wie erwartet ist es dort nicht still, Schnarchen, auf Matten Rumgerutsch, … es ist für mich Schlafsensibelchen fürchterlich laut. Zu meinem Ohrstöpseln habe ich immer schon ein gestörtes Verhältnis, sie ploppen immer gleich wieder aus den Ohren raus und genervt stehe ich nach sicher nicht mehr als 2 Stunden Ruhe wieder auf, packe meine Sachen. Warum ich dabei immer so viel Zeit verliere, ist mir rätselhaft, aber es ich mir wichtig, alle Sachen an ihrem definierten Ort zu verstauen, damit ich sie jederzeit schnell wiederfinde.
Kleiner Diskurs zum Thema Gepäck: Schlafsack, Zelt, Zeltunterlage, Matte und Kopfkissen kommen in die Lenkerrolle, Zeltgestänge, Schlafgewand, Esssachen und Regenzeug in die Seitentasche (Tailfin Pannier). In meine Tailfin Top Bag auf dem Carbon Rack hinter meinem Sattel kommen alle Dinge, die ich nicht regelmäßig brauche, wie Werkzeug, Reiseapotheke, Wechselkleidung, eiserne Reserve bezüglich Verpflegung (die ich aber unangetastet wieder mit nach Hause bringen werde, 2 gefriergetrocknete Mahlzeiten, einige Gels und Riegel). Das ist noch so eine Sache- ich hamstere: Ich schleppe Esssachen und Wasser zur Genüge mit über die Berge, verbrauche sie erst kurz bevor ich neues bunkern kann, das heißt zum Beispiel in Sachen Wasser, zwei Flaschen, eine große mit einem Liter und eine kleinere sind am Rad. Die kleine trinke ich immer aus, einen großen Teil der zweiten Flasche schütte ich meist aus, wenn es neues Wasser gibt. Ist das nicht krank? Aber ich will keinesfalls auf dem Trockenen sitzen bleiben. Jetzt kann man verstehen, warum mein Rad mit Gepäck über 20 Kilogramm wiegt, ich will gewappnet sein für alle Fälle. Aber schnell über die Berge kommen geht da nicht. In meinem Foodbag der am Lenker baumelt ist mein Smartphone verstaut, Schloss und verschiedene Kabel. Aller möglicher Krimskrams findet Platz in meiner Unterrohrtasche und in der Oberrohrtasche schnell zugängliches Essen, wie Studentenfutter, ein paar Kekse sind auch immer griffbereit (unterwegs werde ich rausfinden, dass die Kekse mit Ingwer mir super schmecken und gut verdaulich sind).
Noch schnell einen Kaffee und ein Toastbrot mit Erdnusscreme und Orangenmarmelade, Verabschiedung von den netten Helferinnen und Helfern und los geht es nach der Pack-Orgie in Tag drei … Ich werde schon mal vorgewarnt, dass es heute regnen soll. Ab 8:00 Uhr. Zzzz, wie soll das denn gehen, das auf die Minute vorauszusagen?
Tag drei: 266 km/ 2000 Hm: Kirkpatrick (CP1) – Port Patrick
Es dämmert gerade, drei Uhr ist gerade vorbei. Ich bin 70 Kilometer hinter meinem Plan, das werde ich wohl nicht mehr aufholen … Ob ich wohl pünktlich finishen kann? Mein Heimflug ist gebucht, ich darf mich nicht verspäten.
Meine Fahrt geht super flott voran, so liebe ich es: etwas rauf und runter und keine megasteilen Anstiege wie gestern. Überhaupt, die letzten 100 km gestern waren platt, da bekommt man nur „dicke Beine“, immer dieselben Muskeln in Bewegung, nix für mich. Nach 30 km überholt mich das erste Auto. Fein, so einsam! Sonnenaufgang, die Luft ist irgendwie seltsam, so feucht kalt, Regen kündigt sich wohl an. Kurzer Blick auf die Uhr, ach ja, in eineinhalb Stunden soll es losgehen. In Dumfries ist natürlich noch nichts offen und mein Wunsch nach einem Latte wird wohl nicht erfüllt werden. Denk niemals „nie!“, denn am Ende des Ortes etwas versteckt finde ich eine Art Trafik und die Dame dort macht mir doch wirklich einen Kaffee in ihrem Hinterzimmer. Wunderbar!
Motiviert fahre ich weiter. Nun geht es ins Hinterland. Hügel. Nicht sehr anstrengend, ich habe Zeit zu denken, zum Beispiel viel Quatsch: Wusstet ihr, dass hier in den Dörfchen nicht Pound, sondern Salz das Zahlungsmittel ist? Auf jedem fünften Haus steht „for sale“ – für Salz … Wie schön wäre es jetzt so ein nettes Cottage zu haben, vor dem offenen Kamin in ein Lammfell gewickelt auszuschlafen, lesen, … und ich muss hier durch die Gegend fahren. Es ist nicht so sinnvoll hier unkonzentriert den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen, denn regelmäßig zieren knietiefe Schlaglöcher die Straße. In so eines reinzufahren würde das Rennen wohl schlagartig beenden. Besser: Augen auf die Straße!
Die Hügel sind genial heute. Hoch, dann runter Beine baumeln lassen. Das Smartphone lädt sich mit dem Nabendynamo heute schnell auf. Bei meiner Fotografiererei braucht es viel „Saft“. Ein erster Regentropfen ploppt mir auf die Nase. Ein kurzer Blick auf die Uhr: eine Minute vor halb acht: Das geht schon gar nicht. Ein böser Blick meinerseits und es folgen keine weiteren Tropfen, aber die Wolken hängen tief.
Interessant die Ampeln hier. Sie stehen auf Rot, sobald ich abbremse, werden sie grün.
Die Höhenprofile sollte man sich wohl besser ansehen vor der Fahrt und den Maßstab. Auf meinem Profil nämlich gibt es heute unzählige Berge. Nun stellt sich heraus, dass so ein Berg grad mal 40-50 Höhenmeter hoch ist. Auf dem Tacho verfliegen die Kilometer im Nu, schon wieder ist die Hälfte von einem Viertel rum, bald sind dann wieder 10 Kilometer im Sack.
Ich sollte nicht übermütig werden. 6 Minuten vor acht. Autos kommen entgegen mit Scheibenwischer an. Das bedeutet wohl nichts Gutes. In 8 Kilometern habe ich die Hundert voll in grad mal vier Stunden. Ich habe wohl Rückenwind. Kurz nach acht … was ist denn mit dem Regen? Verspätung? Nein, es fängt an zu tröpfeln. An der letzten Bushaltestelle zum Regenkleidung-Anziehen rausche ich vorbei. Sprühregen. Meinte das die Dame vom letzten Kaffeestopp mit „showery“ (duschig?) in Sachen Regen heute. Die Straße ist noch trocken, ich glaub, ich brauche noch nichts anzuziehen.
Kurz vor Kircudbright ist es soweit, die Regenkleidung muss raus. Im Ort dann mein drittes Frühstück bei der Tankstelle mit leckerem Latte und Brownies.
Gegen Mittag das vierte Frühstück in Gatehouse of Fleet in einem netten kleinen Bistro. Diesmal toll mit Pfannkuchen, Avocado, baked beans und anderen leckeren Sachen, dazu einen Pot english breakfast tea. Super gut! Davor kleine Hügel und dann wieder mal ein Gravelabschnitt und ein Radweg durch die Pampa, dann durch den Cally Paark. Es gibt auch wieder steilere Anstiege, an einem werde ich auf ein Knirschgeräusch an meinem Rad aufmerksam. Was das wohl ist? Die Kurbel? Ist da vielleicht das Kugellager kaputt?
Nun folgt ein Berg und Einsamkeit. Interessant, es braucht irgendwo nur an die 200 Höhenmeter hoch zu gehen und die Vegetation ändert sich und präsentiert sich ähnlich wie bei uns über der Waldgrenze.
Im Laufe des Tages fängt es immer mehr an zu regnen, ich brauche meine lange Regenhose, die schwerere Jacke und den Helmschutz. Der Rückenwind schiebt mich weiter Kilometerweit der Küste entlang, der Regen macht mir gar nicht so viel aus.
Supermarktstopp in einem winzigen Ort, Port Willam, kaum bleibe ich stehen, friere ich. Es ist später Nachmittag, langsam muss ich mir Gedanken machen, wo ich schlafen könnte. Der nächste größere Ort ist Stranraer. Laut Booking.com ist alles ausgebucht. Schlafen im Freien? Undenkbar. Alles ist nass. Das Zelt im Regen aufbauen ginge ja noch, aber wohin dann mit all den nassen Sachen? Meine Schuhe und Socken sind klatschnass, die Überschuhe hatten ihren Dienst schon bald aufgegeben. Die nette Dame im Spar-Geschäft meinte, es gäbe noch einen kleinen Ort vorher. Bingo, in Port Patrick werde ich fündig und buche sofort ein Zimmer. Noch etwa 40 km liegen vor mir. Ich treffe auf Janine, wir tauschen uns kurz aus, klagen uns unser leid. Wir überholen uns noch ein- zweimal heute.
Im tagesfüllenden Regen stellt sich bei mir der Horrorgedanke ein, was, wenn das jetzt tagelang so weitergeht? Die Aussichten sind nicht die besten.
Gut, nur bis zum nächsten Stopp denken, mein Hotel in Port Patrick. Noch 10 Kilometer bis dahin. Irgendwie lässt sich mein Rad plötzlich schwer steuern. Nanu? Mir schwant Böses. Ein Blick nach unten genügt, mein Vorderreifen ist fast platt. Schnell runter vom Rad und die Luftpumpe von Zuunterst in der Tasche rausgepult. Ich lehne mein Rad gegen einen Zaun, der Untergrund, nass und matschig, ist nicht ideal für die Standpumpe. Ich bekomme etwas Luft in den Reifen, bevor dieser von der Felge springt. Das ist der Nachteil, wenn man schlauchlos fährt. Ich will auf keinen Fall bei Regen einen Schlauch einlegen müssen. Beim Abschrauben der Pumpe, schraubt sich der obere Teil des Ventils mit ab. Mist, denn jetzt entweicht schlagartig alle Luft aus dem Reifen. Hilfe!! Ein Glück ist, dass der Reifen auf der Felge bleibt, ich schraube das Ding so fest ich kann wieder zu und starte einen zweiten Aufpump-Versuch. Passt! Mit nicht ganz viel Luft fahre ich weiter. Alles Weitere muss auf das Hotel warten. Immer wieder gucke ich argwöhnisch nach unten.
Im Hotel breite ich erst mal alle durchweichten Sachen auf den heißen Heizkörpern aus. Die sind so heiß, dass ich befürchte mir Löcher einzubrennen. Ich bekomme auch noch was zu essen. Tomaten-Suppe und Haggis, das schottische Nationalgericht aus Schafsinnereien. Lecker! Auch wenn viele sagen, das äßen sie nie im Leben …
Anschließend vergeht noch viel Zeit mit Sachen ausbreiten, Reifen „pflegen“, … leider geht das von der Schlafzeit ab. Extra stehe ich nachts nochmal auf, um zu schauen, ob die Luft im Reifen bleibt … Bleibt sie! Die Dichtmilch hat wohl ihren Dienst erfüllt und ein Loch verschlossen. Ich sollte zumindest reifenmäßig gut durch das Rennen kommen.
Tag vier: 221 km/ 2000 Hm: Port Patrick – Kilmacolm
Um vier starte ich wieder nach fast einer Stunde packen und schnellem Frühstück. Oje! Was mache ich da falsch.
Es regnet im Moment nicht mehr. Wann es wohl wieder anfängt? Meine Kurbel knarzt weiter. Auch bei weniger steilen Anstiegen macht sie Krach.
Nach Stranraer fahre ich auf ein Art Hochfläche. Nachdem ich mich verfahren hatte und zwei Kilometer zurück muss, geht der Weg nun auf einem Matschweg durch einen Privatgrund. Rad und Schuhe sind im Nu verdreckt. Dabei hätte ich der Straße gut weiter folgen können, aber Pflichtstrecke ist Pflichtstrecke, der Park ist auf jeden Fall schön.
Es fängt wieder an zu regnen. Anziehen angesagt. An die 80 Kilometer Einöde liegen vor mir.
Auf der schmalen Bergstraße kommt mir ein großer LKW entgegen. Neben einer riesen großen Pfütze will ich ihm ausweichen. Er fährt langsam, um mich nicht anzuspritzen, vorbei und als ich anfahren will, verliere ich das Gleichgewicht, komme nicht aus dem rechten Pedal und stürze im Zeitlupentempo um. Hänge fest, ich kniee in der Pfütze und versinke beim Aufstehen mit beiden Schuhen knöcheltief im Wasser, das Rad ist zum Glück heil. Es geht bergauf, zumindest bekomme ich warm. Demotivierend aber, was mein Navi für Quatsch macht: Es geht bergauf, steil und das Gerät zeigt minus 4 % und Ähnliches an. Auch das Höhenprofil stimmt nicht. Ärger! Einen Neustart möchte ich jetzt vor Ablauf des Tages nicht machen.
Meine Beine sind heute wie Gummi. Ich brauche eine Pause. Seit gestern schleppe ich eine Scheibe Fruchtkuchen und eine Flasche Frappuccino mit mir mit und die könnte ich vor dem nächsten Berg gut mal zu mir nehmen. Vielleicht hebt das meine Motivation. Es kommt mir vor, als würde ich nur langsam vorwärts kommen heute. Kaum bleibe ich stehen, entdecken mich sofort die Miniplagegeister, die Midges, und stürzen sich zu Hunderten auf mich armes Opfer. Meinen Kuchen und Kaffee kann ich so nicht genießen, also weiter! Den halben bröseligen Kuchen verliere ich während der Fahrt. Tipp: Eine Frappuccino-Flasche sollte man nicht schütteln, wenn der Deckel nicht ganz angeschraubt ist. Fazit: Ich und mein Rad sind von oben bis unten besprenkelt.
Heute ist der Tag des ungewollten Trödelns. In den letzten 60 Kilometern bin ich unzählige Male vom Rad gestiegen: einmal anziehen, einmal ausziehen, kurze Regenhose austauschen mit der langen, dann lange Hose wieder aus, fotografieren, zurückfahren, um verlorenen Müll wieder einzusammeln (sprich Frappuccino-Flasche, Verpackung der Fruchtschnitte, …), wieder fotografieren, …
Motivationsschub: Auf dem Asphalt ist das Panceltic-Logo in Blau aufgespritzt. Dann über holen mich zwei Teilnehmer nach fast 100 Kilometern alleine. Immer wieder sehen wir uns. Mein Rad macht immer mehr Krach. Über ein paar ernstere Berge geht es jetzt, ich brauche keine Klingel, das Knirschen meines Rades ist lauter. Wieder mal sehe in der Ferne die beiden Radfahrer. Ich beeile mich vor der nächsten Anhöhe, ihnen nachzukommen, zu spät schon sind sie wieder weg. 150 Höhenmeter geht es hoch, die fühlen sich an, wie bei uns 1500m. Auf dem höchsten Punkt wieder die beiden Radler, ich glaube Rupert und Jack, ziehen sich vor der Abfahrt wohl was an. Meine Chance scheint gekommen. Atemlos erreiche ich sie. Mein Anliegen, was sie wohl von den Geräuschen an meinem Rad halten. Tja, klingt nicht gut, bald kämen wir wieder in belebtere Gegenden und vielleicht gibt es da einen Mechaniker. Sie fahren weiter. Ich fahre auch weiter und als ich wieder Empfang habe, befrage ich mein Internet. In Ayr gibt es tatsächlich einen Rad-Shop, der sogar über Mittag offen habe.
Nach einigen steilsten Anstiegen erreiche ich den Ort und suche sofort den Radladen. Bei Carrick Cycles sind sie sehr nett. Es tut mir leid, dass ich ein so verdrecktes Rad bringe. Ich kann mein Rad dalassen und etwas essen gehen. Das Kugellager wird inzwischen auseinandergenommen und etwas gefettet, es sei in Ordnung gewesen, der gröbste Schmutz ist weg, die Bremsbacken kontrolliert, Kette geschmiert und sogar meine elektronische Schaltung aufgeladen. Erleichtert ziehe ich von dannen, vor dem Geschäft passiert mir ein Missgeschick, meine Tasche kippt nach hinten weg, weil ich sie nicht ordentlich an der Sattelstütze befestigt hatte. Typisch Gabi! Eine Stimme, Janine, ich beteuere, dass nichts weiter passiert sei. Aber wenn das in voller Fahrt passiert wäre, oje! Wir tauschen uns noch kurz aus, dann fährt sie weiter. Ich werde sie anschließend nicht mehr treffen, vor der Überfahrt zur Insel Mull steigt sie wohl aus dem Rennen aus. Sehr viele Fahrer ereilt dasselbe Schicksal, sie beenden das Rennen irgendwann oder einige switchen auf die Short-Route um. 100 von 165 der Full-Route werden am Ende ins Ziel kommen, von 300 Startern insgesamt nicht ganz zwei Drittel.
Nun führt die Strecke an der Küste entlang Richtung Glasgow. Es ist zwar nahezu flach, aber sehr unrhythmisch, der Radweg geht kreuz und quer, Stopp & Go ist angesagt durch die scharfen Richtungsänderungen und durch belebtere Wohngegenden, schattige nasse moosbewachsene Passagen erlauben auch kein höheres Tempo. Der Untergrund ist oft holprig, Radfahrer kommen aus der Gegenrichtung, enge Kurven, Gegenverkehr, Fußgänger. Schnell ist was anderes. Irgendwo suche ich einen Eiswagen heim. Ich brauche was Süßes.
Mit gemischten Gefühlen rolle ich in Largs ein. Keine Ahnung, was mich hier erwartet. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich setze mich etwas verloren nahe des Hafens auf eine Bank. Ein Teilnehmer hält neben mir und fragt mich was, gedankenverloren schaue ich auf mein Smartphone und sehe, dass Rory mir geschrieben hatte, ob ich ein Eis essen gehen möchte. Ich schreibe zurück. Rory kommt und wir entscheiden zusammen etwas essen zu gehen. Bei Nardinis. Die Gründer des Lokals kamen aus Italien, vor fast 90 Jahren. Shannon gesellt sich zu uns und führt das Gespräch an. Gut, so müssen wir nicht über persönliche Dinge reden. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte. Das Essen ist sehr sehr lecker, nach einer Suppe gönne ich mir noch einen großen Salat-Teller. Das ist das, was ich unterwegs am meisten vermisse: Obst und Gemüse. Anschließend gibt es noch einen italienischen Eisbecher. Lecker! Und dann ist es Zeit aufzubrechen. Verabschiedung. Shannon treffe ich noch ein paar Mal. Er war beunruhigt, ob er es vor seinem Rückflug nach Inverness schaffen würde. Ich werde irgendwann auf der Track-App sehen, dass er einer der vielen ist, die auf die Short-Route wechseln. Zum Glück mache ich mir nicht zu viele Gedanken, hoffe aber, dass ich in meinem geplanten Pensum nicht noch weiter zurückfalle. Noch habe ich einen Puffer von fast einem Tag zu meinem Abflugdatum.
Heute wollte ich eigentlich noch etwas weiterkommen, aber ich beschließe bis ans Ende meines Tracks zu fahren und dann einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Aber es kommt immer anders als man denkt, am Ende meines Streckensplits bin ich mitten in einer Steigung. Ich erkenne, dass ich nun noch zum höchsten Punkt muss, dann ein paar Kilometer über eine Hochfläche und dann runter rollen bis Kilmacolm. Keine Ahnung, was mich da erwartet, die Sonne geht unter, die Dämmerung kommt. Durch besagten Ort rolle ich langsam, keine Ahnung, wo ich hier mein Zelt aufstellen kann. Da! Eine Kirche … mal sehen. Ich schiebe mein Rad durch das Eingangstor in den gepflegten Kirchhof. Platz wäre auf dem kurz getrimmten Rasen, aber den Blicken aus den umliegenden Häusern ausgeliefert … Ich lasse mein Fahrzeug stehen und mache mich zu Fuß auf den Weg um die Kirche. Auf der Rückseite finde ich einen Gemeindetrakt … und … der ist schonbesetzt. Drei Räder lehnen an der Wand, aus dem Eingangsbereich ertönen Schnarch-Geräusche. Leise schleiche ich vorbei und hinter der nächsten Ecke mein Traumplatz: eine gepflegte Rasenfläche blickgeschützt vor einer hohen Mauer kommt wie gerufen. Ich hole mein Rad und baue mein Nachtlager auf. Hundegebell und ein Herrchen mit seinem Tier spaziert durch den Kirchhof. Oh, das ist mir jetzt aber peinlich. Ich gehe zu dem Mann und stottere, ob er glaube, ich könne hier schlafen und wäre dann am frühen Morgen schon wieder weg. Er schaut etwas irritiert und meint, er habe kein Problem damit. Nach zwei Stunden Schlaf wache ich frierend auf und ziehe alles an, was ich habe.
Tag fünf: 230 km/ 2160 Hm: Kilmacolm – Campbeltown
Früh mache ich mich auf, meine Schlafnachbarn sind auch schon weg. Kalt ist es, ich brauche meine Primaloft-Jacke. Die 50 Kilometer, die ich auf meine Planung hinten bin, werde ich wohl nicht mehr aufholen.
In die Morgendämmerung fahren ohne Regen und ohne große Steigungen ist fein. Ich unterhalte mich ein paar Worte mit einem Franzosen. Hier fahren wir auch eine Weile gemeinsam mit Teilnehmern der Short-Route, also ist grad mal mehr um mich los. Fein, nicht ganz allein zu sein.
Auf der Höhe von Glasgow biegt die vorgegebene Strecke auf einen Radweg ein. Nach ein paar Metern ist Schluss: Radweg gesperrt. Ich kann an ausgetretenen Spuren im Gras erkennen, dass viele sich über das Sperrgitter hinweggesetzt und sich vorbeigequetscht haben. So mache das auch ich. Aber nach 100 Schiebemetern ist endgültig Schluss. Der Weg trifft auf eine Fahrbahn. Ein hoher Zaun verhindert das Weitergehen und entlang der Straße wuchert undurchdringbares Gestrüpp. Hier ist wohl schon länger keine Durchfahrt möglich. Also zurück zum Sperrschild. Dort stehe ich etwas verloren herum. Aus den Augenwinkeln erkenne ich drei Radfahrer, die mit einem Fußgänger reden. Schnell hin. So erfahre ich, dass wir hier einem Radweg auf der anderen Straßenseite folgen können. Das mache ich auch. Nach einem kurzen Anstieg sehe ich, dass es darum geht, den breiten River Clyde auf einer hohen Brücke zu überqueren. Am anderen Ufer angelangt fädle ich wieder auf den richtigen Weg ein. Gerettet!
Die folgenden Kilometer folgen sehr idyllisch einem Fluss entlang, dem River Leven. Ich sehne mich nach einem Frühstück. Es ist zwar noch sehr früh, grad mal sechs Uhr, aber via Google Maps werde ich fündig. Ich entferne mich nicht mal 100 Meter von meinem Track und stehe vor einem schon geöffneten Fischer-Zubehör-Laden und darin gibt es Kaffee und was zu essen. Genial!
Gestärkt gehen die nächsten Kilometer leicht vonstatten, ich friere auch nicht mehr so. 30 Kilometer fahre ich nun Meeresarmen entlang, erst dem Gare Loch, dann dem Loch Long, wie passend der Name. Das Örtchen Arrochar scheint am Ende der Welt zu liegen. Hier hatte ich eigentlich in der Nacht zuvor schlafen wollen. Hier fädle ich nun in eine stark befahrene Straße ein, Arrochar liegt also doch nicht am Ende der Welt. Und der Verkehr ist schauderhaft. Lastwagen rumpeln vorbei. Ich fürchte mich. Jetzt liegt auch noch ein Pass vor mir, der Rest and Be Thankful, ja der heißt wirklich übersetzt Raste und sei dankbar, kurz The Rest, auf Schottisch Bealach an Easain Duibh. Es gefällt mir gar nicht inmitten des lebhaften Verkehrs nach oben zu fahren. Rettung naht, meine Spur biegt nach ein paar Kilometern auf die Old Military Road ab. Hier ist es ruhig. Das Teil, das in den letzten Tagen so krach gemacht hat, meldet sich zuverlässig wieder und nun bei jeder Kurbelumdrehung. Ob ich das Ziel so wohl erreichen kann oder mein Rad irgendwann mal schlapp macht?
Ich sinne grad über meine Weiterfahrt nach, da überholen Shannon und ein anderer Fahrer (Andrew?) mich. Etwas weiter beobachte ich die beiden, wie sie ihre Räder über ein Viehgatter heben. Da wird doch nicht …? Erinnerungen an die GBDuro steigen in mir hoch, dort hatte ich ein Dutzend solcher Hindernisse. Schnell den beiden nach. Und ich bekomme vier helfende Hände. Wie dankbar ich bin, denn allein hätte ich mein Bike da nicht drüber bekommen. Zwei Forstbeamte oder ähnliches sehen uns und meinen, dass wäre nicht das einzige Gitter. Oje! Da muss ich schauen, dass ich nicht allein hinten bleibe. Das ist jedoch nicht so leicht, denn hier ist es wieder mal so steil, dass ich schieben muss. Beim letzten Tor sperrt der Bauer selbst auf, weil er mit dem Auto zu seinen Tieren will. Glück gehabt!
Nach einer rasanten Abfahrt führt meine Fahrt die Old Military Road an der Meeresküste entlang mich nach Inveraray. Hier stelle ich fest, dass ich in etwas das halbe Panceltic Ultra geschafft habe. Das muss gefeiert werden. Da in dem Fast Food Laden zum Glück kein Platz frei ist, kehre ich in ein nobleres Restaurant ein. Es gibt Tomatensuppe und einen wunderbaren Caesar Salat. Das hatten wir doch schon mal …
Gestärkt geht es weiter. Bald nach dem Essen werde ich müde. Der wenige Schlaf fordert wohl seinen Tribut. Ein Parkbänkchen kommt wie gerufen. Kaum liege ich werde ich schon von unzähligen blutrünstigen Midges umschwirrt. Also kein Powernap, sondern schnell weiter.
Ich hatte vor die ellenlange Halbinsel bis nach Campbeltown zu fahren, in einem Hotel zu schlafen und wenn möglich die 45 Kilometer-Schleife über den Süden der Halbinsel noch am selben Tag zu fahren. Würde ich das schaffen, dann wäre ich 50 Kilometer auf meinen Plan hinten, ansonsten 90 Kilometer, langsam mache ich mir doch Sorgen, denn vermutlich würde ich an diesem Tag die Schleife nicht mehr angehen können und das wird sich auch bewahrheiten.
Von Lochgilphead fülle ich im Supermarkt meine Reserven auf und schleppe viel zu viel mit, denn man weiß ja nie, wann man wieder mal was bekommt, bis zum nächsten Supermarkt. Wir haben glücklicherweise gut Rückenwind und so bremsen mich nur unzählige kurze unmenschlich steile Schiebeanstiege in meinem Vorwärtsdrang zum inzwischen gebuchten Hotel in Campbeltown. Ich mache mir zwischendurch Luft und schimpfe immer mal wieder lautstark auf die Straßenplaner. Oder ist mein Rad einfach zu schwer und meine Beine zu schwach?
Gegen halb neun erreiche ich mein Hotel. Durch ein Missverständnis, die Küche sei länger offen, beeile ich mich nicht beziehe mein Zimmer und dusche noch. Dann gibt es leider nichts mehr und ich kaufe mir im nahen Einzelhandel noch was. Ich bekomme netterweise ein paar Frühstückssachen mit ins Zimmer und richte mir was aus Frühstücksflocken, Cornflakes, Brot, Käse (schleppe ich schon seit dem Vortag mit, Cheddar, lecker!), Snickers, Apfel, Orange. Zwei Becher Müller Milchreis hebe ich mir auf den nächsten Tag auf.
Vor dem Schlafengehen rattert mein Gehirn auf Hochtouren. Die letzte Fähre in Oban zur Isle of Mull legt um 21:45 ab. Die musste ich unbedingt schaffen. 240 Kilometer und mehr als 3200 Höhenmeter lagen zwischen mir und der Fähre. War das machbar? Ich vermute „ja“, aber … Ich musste nur früh genug aufstehen. Um 2 Uhr!
Tag sechs: 271 km/ 3450 Hm: Campbeltown – Port nan Gael auf der Isle of Mull (CP2)
Ich glaubte grad eingeschlafen zu sein, da geht der Weck-Alarm los. 2 Uhr! Mein Zelt und das Frühstück bleiben im Hotel und ich fahre in tiefschwarzer Nacht los. Gleich mal verfahre ich mich, denn mein Navi hat wieder mal beschlossen die angezeigte Karte genordet darzustellen, mit allen schon erwähnten Denkproblemen für die Nutzerin Gabi und das an so frühem Morgen oder war jetzt noch Nacht?
Die Gegend ist sehr einsam und bei Heller-Werden kann ich mich nicht sattsehen an den Naturschönheiten. Und an der Meeresküste kann ich was dickes Wurstartiges auf einem Stein erkennen. Beim Näherkommen verschwindet die Wurst im Wasser und kurz darauf mustern mich schwarze Knopfaugen neugierig und zugleich misstrauisch. Ein Seehund. Wie schön!
Wieder im Hotel angelangt, mache ich mein Rad fahrbereit und frühstücke nebenbei. Fraglich ist, ob es nicht schneller gehen würde, die Dinge hintereinander zu erledigen.
Die folgenden zig Kilometer führen über eine Landstraße nach Norden. Auf der Halbinsel, die ich am Tag zuvor südwärts befahren habe, geht es nun auf der Gegenseite nordwärts, mit etwas Gegenwind. Müdigkeit überfällt mich, da ich ja schon seit 2 Uhr auf bin, aber eine kurze Rast auf einer Parkplatzbank mit Blick über das Meer sei mir nicht gegönnt. Auch jetzt am frühen Morgen wimmelt es von den Ministechmücken, die in Nasenlöcher, Ohren und Augen krabbeln, um ihren Blutdurst zu stillen. Weiter! Das erste Mal ziehe ich meine Kopfhörer raus und lenke mich mit Two Steps from Hell ab. Nach einem Kaffee-Stopp bei der einzigen Möglichkeit weit und breit, einer Tankstelle, geht die Spur ab an die Küste. Wunderschön und sehr einsam. Mittag ist knapp vorbei, ich habe etwa 160 Kilometer hinter mir, da komme ich wieder in Lochgilphead vorbei. Auf dem kurzen Gegenverkehrsbereich unserer Strecke kommen mir einige entgegen, die erst noch die lange Halbinsel runter müssen. Die Armen! Eigentlich bin ich ja nicht schadenfroh, aber es tut doch gut, nicht die letzte zu sein.
An der Tankstelle möchte ich mich an einer Essensausgabe mit warmem Essen eindecken. Großspurig bestelle ich eine große Portion Tomatensuppe und eine normale Portion Maccaroni mit Käsesauce oder was immer das auch ist. Die Suppe schaffe ich, dann kann ich nicht mehr. Die Nudeln müssen mit. Ich werde sie und einige Dinge, die ich am Vortag schon gekauft hatte, über viele Berge fast hundert Kilometer mit mir rumschleppen, bis ich sie nach dem nächsten Supermarktbesuch „genießen“ werde. Ich muss an meiner Verpflegungstaktik wohl was ändern.
Zunächst folge ich einem Kanal, der Loch Gilp mit Loch Fyne verbindet. Hier beobachte ich einige Boote, die sich gemächlich von einer Schleuse zur nächsten treiben lassen. Die haben es fein. Einige Minuten warte ich an einer Drehbrücke und merke, als sie bereit ist, dass ich drüberfahren kann, dass ich gar nicht rüber muss, sondern auf meiner Uferseite bleiben muss. Typisch!
Nach einigen flachen Kilometern, die mein Herz schon hüpfen lässt, so schön und fein heute … kommt der Hammer: drei oder vier Berge mit je einigen hundert Metern, die steilst nach oben führen, dann auf der Gegenseite sehr steil nach unten, ätzend. Einer nach dem andern, bis ich fix und fertig bin. Aber irgendwann hat jede Leiderei ein Ende. Ich schaue auf meine Uhr, ich bin gut in der Zeit, Oban werde ich sicher vor viertel vor Zehn erreichen. Und damit rückt eine pünktliche Zieleinfahrt wieder in greifbare Nähe. Erleichterung.
In Oban bin ich kurz nach sechs. Ich kann sogar noch einkaufen gehen, denn auf der Isle of Mull wird es keine Versorgungsmöglichkeit geben. Mit etwas Beeilung hätte ich sogar noch die sechs-Uhr-Fähre schaffen können, aber ohne Einkaufen. So habe ich auf der Mole genügend Zeit mich warm anzuziehen, denn es ist recht frisch und dann endlich meine Maccaroni zu essen, die ich den halben Tag mit mir rumgekarrt hatte. Sie sind eingepackt in einer recyclebaren Verpackung, ebenso recyclebar ist die Gabel. Und der Recycle-Vorgang hat offenbar schon eingesetzt, der Behälter war matschig und hielt kaum mehr stand. Appetitlich hat das Ganze auf jeden Fall nicht ausgesehen. Aber die Blicke der Wartenden stört mich nicht, viel zu beschäftigt bin ich mit Durchrechnen der Anforderungen, die auf mich zukommen. Auf der Fähre habe ich eine ganze Bank für mich. Ich frage mich gar nicht erst, warum sich niemand neben mich setzen will … ich kann sogar etwas schlafen. Mein Hauptziel für heute war die Fähre zu erreichen. Nun Ich entdecke ich, dass ich zu CP2 noch fast 30 Kilometer zu fahren hatte und dabei einen kleinen Pass zu überwinden.
Auf der Insel angelangt fahre ich eine Zeitlang zusammen mit Seamus. Ich brauche ihn gar nicht aufmerksam machen, dass mit meinem Rad etwas nicht in Ordnung ist, das Geknarzte ist inzwischen kilometerweit zu vernehmen. Nicht mal die Hirschkühe am Wegesrand lassen sich aber davon stören, sie suchen nicht das Weite. Hatte ich am Tag zuvor eine andere Idee zur Herkunft der Geräusche gehabt und ohne Erfolg die Befestigung meiner hinteren Tasche an der Sattelstütze etwas verschoben, so meint Seamus auch, dass er glaubt, das Knirschen liege nicht an der Kurbel, sondern höher. Dann ist es also wirklich die Sattelstütze. Hoffentlich lässt die Schelle nicht nach und mein Sattel sinkt nach unten.
Hatte ich gehofft CP2 wäre wieder eingerichtet mit Schlafmöglichkeit, dann werde ich enttäuscht. Hier gibt einen Campingplatz, auf dem für uns Stellplätze reserviert sind und es gibt Brote mit Erdnussbutter und Marmelade Tee und Kaffee. Nach dem Stempeln meiner Karte richte ich schleunigst meinen Schlafplatz her, umschwirrt von Millionen Plagegeistern. Ich merke, dass mein Mückennetz nicht ganz ideal ist. Die Löcher sind zu groß und die Mini-Midges schwindeln sich gekonnt durch, um zum Ziel zu kommen. Ich verzichte auf die Dusche, die würde mich nur wieder wach machen und anschließend frieren lassen und reinige mich notdürftig mit meinem Funktionslappen, den ich inzwischen für mich und mein Rad nutze.
Den Wecker-Alarm stelle ich auf drei Stunden später, also sehr früh, denn es gibt einen weiteren kritischen Punkt: Ich muss nach der Insel Mull möglichst früh wieder aufs Festland und dort nach fast 100 Kilometern die Fähre auf die Insel Skye erwischen. Die letzte am Samstag, ja inzwischen ist es schon Samstag, wie die Zeit vergeht, die letzte Fähre legt um 16:10 in Mallaig ab. Wenn ich die nicht erreiche, dann geht die nächste erst um halb zehn am Sonntag. Oje! Vorausgeschickt, die Fähre um halb zehn wird wegen eines technischen Defekts ausfallen. Ich muss also eine möglichst frühe Fähre von Mull aufs Festland schaffen, dann 100 km düsen, um zeitgerecht nach Skye ablegen zu können. Das Rennen wird langsam ganz schön stressig … Verlockend wäre auch ein Hotel in Mallaig, gemütlich frühstücken und dann die Fähre … Aber ginge sich dann der Heimflug am Mittwochfrüh noch aus?
Tag sieben: 267 km/ 3500 Hm: Port nan Gael (CP2) – Isle of Skye
Am Morgen noch schnell einen Kaffee getrunken am Panceltic-Zelt und ich schmiere mir auch noch ein Toastbrot mit Erdnussbutter und Orangenmarmelade, das ich während der Fahrt esse will. Die ersten Kilometer begleitet mich Flynn und wir tauschen Erfahrungen aus. Bei den ersten Anstiegen lasse ich ihn ziehen, Hochfahren und Brot essen verträgt sich nicht so gut.
Wunderschön ist die Insel. Sehr einsam. Auf den letzten 10 Kilometern vor der Fähre erkenne ich, dass ich nicht erst die angepeilte 11-Uhr-Fähre, sondern vielleicht schon die um neun Uhr dreißig erwischen könnte, wenn ich weiter in dem Tempo fahren würde. Die beiden Berge hatte ich nicht mehr auf dem Schirm, es wird ganz schön knapp. Zügig radle ich bergauf, versuche mein schweres Gepäck zu vergessen. Runter rase ich, dann nochmal hoch, wieder runter. Völlig verausgabt rolle ich ein paar Minuten vor Ablegen in den kleinen Hafen von Tobermory. Die Fähre hatte ich noch nicht gebucht, das musste ich nun noch. In der Hektik fällt mir nicht mal mehr ein, wie der Ankunftsort auf dem Festland heißt. Die App zeigt aber eh nur eine Fährverbindung. Wenn die Fähre jetzt schon ausgebucht wäre, dann hätte ich mich umsonst so gestresst. Aber ich habe Glück, auch einen Radplatz gibt es noch. Das Verflixte an den Fähren ist nämlich, dass es begrenzte Radmitnahmen gibt. Aufgrund dessen buchen einige der Fahrer mehrere Fährüberfahrten frühzeitig, weil sie nicht genau wissen, welche sie erreichen können. Damit sind die Radplätze ausgebucht, auch wenn sie gar nicht genutzt werden. Das ist ganz schön unfair. Ich buche nun auch noch die Fähre in Malleig, die Radplätze sind allerdings schon aus. Dann muss ich halt die Fähre am nächsten Tag nehmen. Wäre aber nicht fein sich jetzt zu verausgaben und pünktlich vor Ort zu sein und dann nicht mitzudürfen. Aber es bringt gar nichts, sich da jetzt den Kopf zu zerbrechen.
Durch die frühere Festlandfähre rückt das Erreichen der Sky-Fähre jedenfalls wieder in erreichbare Nähe. Es waren etwa 100 Kilometer, für die hatte ich nun gut sechs Stunden Zeit. Klingt recht großzügig, hängt aber von der Beschaffenheit der Strecke ab. Nach einem ersten hohen Berg, naja, hier sind 200m hoch … und einer rasanten Abfahrt fahre ich in ständigem Auf und Ab an der Küste entlang. Musik treibt mich an, unter anderem Evergreen und andere monumentale Stücke von Two Steps from Hell, Sirenia, Sonata Arctica, Hammerfall und besonders Wardruna mit Helvegen. Auf der Road to the Isles geht es auch zügig weiter. Es geht ins Inland, dann wieder runter ans Meer.
Erleichterung, es ist knapp nach 15 Uhr und ich bin schon fast da. Ein Spar-Geschäft liegt an der Strecke. Die Gelegenheit möchte ich noch nutzen. Eine Frau vor dem Geschäft bestätigt mir, dass es nur noch etwa 10 Minuten zur Fähre in Mallaig ist. Nach dem Einkauf frage ich den Chef an der Kasse noch nach Wasser. Er ist so nett, meine Flaschen aufzufüllen. Ich stelle auch ihm sicherheitshalber die Frage nach dem Hafen. Ja, das seien noch 11 Kilometer. Was? 11 Kilometer! Es ist viertel nach drei. Noch so weit und zeigt mir das Abgleichen mit meiner Planung noch einige Aufstiege. Das schaffe ich nie und nimmer. Ich presche los. Hoch über den ersten Hügel, rase runter, weiter und weiter. Ich rase, als würde ich ein Kurzstreckenrennen bestreiten. Ich münde in eine Hauptstraße ein, verfehle den Radweg. Aber was hatte Mally, der Organisator gesagt, wir müssten selbst nach Sicherheitsempfinden entscheiden, ob wir auf der Straße oder auf dem Radweg fahren. Ich düse die Hauptstraße entlang, habe dabei schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Später sollte ich erfahren, dass viele Fahrer die Straße genommen hatten. Das trug bei mir zumindest dazu bei, dass ich zur Fähre komme, als die letzten Autos schon auf dem Schiffsdeck stehen. Brennend fällt mir ein, dass ich keinen Radplatz habe und außer Atem versuche ich dem Einweiser das zu erklären. Er fragt nur, ob ich ein Fußgänger-Ticket habe. Ja, das habe ich. Dann sollte ich zu seinen Kollegen an der Rampe gehen. Diese kontrollierten nur den QR-Code auf meiner App und schickten mich in den Schiffsrumpf. Oben im Aufenthaltsraum gibt es Kaffee.
Ich treffe hier mehrere andere Radfahrer und auch Mally mit seiner Crew sind da. Ich werde interviewt und aufgekratzt wie ich bin, erzähle ich in meinem gebrochenen Englisch jede Menge Quatsch. Ein Foto bekomme ich anschließend von Matt geschickt, es zeigt eine aufgekratzte kanariengelbe Frau. Oje! Aber ich bin so was von erleichtert, ich könnte die Welt umarmen. Der ganze Stress ist von mir abgefallen, jetzt kann ich das Rennen so richtig genießen. Dachte ich am Morgen in Tobermory noch, dass ich so einen Zeitdruck wie dort nicht nochmal erleben möchte, da wusste ich zum Glück nichts davon, was vor Mallaig noch kommen würde. Aber erst mal gut, dass ich hier war, denn den ganzen Sonntag waren die Überfahrten ausgebucht.
Auf der Isle of Skye angekommen war es noch recht früh am Tag und ich rollte ohne Zeitdruck weiter. Ohne Zeitdruck? Ich kehre in einem netten Restaurant ein und genehmige mir die Suppe des Tages, eine Linsensuppe und Knoblauchbrot. Nebenbei beschäftige ich mich mit dem, was mich auf der Insel erwarten würde. Mein Puls erhöht sich schlagartig. Mit gemütlich würde da nichts sein. Ich hatte 230 Kilometer vor mir bis zur Festlandfähre nach Glenelg. Die letzte würde Skye um 19:00 verlassen. Das bedeutet auch am nächsten Tag muss ich mich sputen, sonst hinge ich bis 10 Uhr am Morgen fest.
Ich beschließe noch bis zum Dunkelwerden zu fahren, um am nächsten Tag nicht mehr so viele Kilometer zu haben und mir einen Platz für mein Zeltchen zu suchen. Keine Ahnung wo. Immer mehr Zeug hat sich in meinen Taschen angesammelt. Ich schleppe 2-mal Milchreis mit, ein viertel Kilo Cheddarkäse, weiche Waffeln – die Kombi Waffeln/Käse ist übrigens sehr lecker-, Apfel, Cappuccino in der Flasche, zwei volle Wasserflaschen, Ingwerkekse, Schokolade, Nussmischung und so weiter mit mir. Meine Taschen bekomme ich kaum mehr zu. Ob das dem schlampigeren Packen geschuldet ist? Wohl eher der Überladúng. In den Bergen aber ganz schön schwer. Und ich habe unglücklicherweise kräftigen eiskalten Gegenwind. Ich gondele komot durch die Gegend.
Am Ende meiner Planungstrecke wollte ich mir einen Schlafplatz suchen. Die Kartenarbeit hatte ich wohl nicht ganz genau genommen bei dieser vorletzten Strecke. Am Ende nämlich befinde ich mich mitten in einem Berg. Den muss ich nun noch hoch. Hier ist es fast alpin. Hier geht es nun noch 12 Kilometer über eine Hochfläche hoch und runter. Hier schlafen? Zu kalt und zu windig. Die Sonne ist schon untergegangen. Von der Straße geht es ab auf Schotter. Auch das noch! Langsam rolle ich nun noch offroad einige Kilometer abwärts. Dann ein Glückstreffer. Ein Cattle Grid, ein Viehgitter, daneben, eingefasst von Farnkrautwedeln ein flacher Grasplatz. Wie geschaffen für mein Zelt. Das Rad kann ich gegen den Zaun lehnen und hänge das Ladegerät für die Batterie meiner elektronischen Schaltung Di2 vorsichtshalber noch mal an meine Powerbank. Miges gibt es wegen des kräftigen Windes keine. Bald liege ich auf meiner Matte in den Schlafsack eingemummelt, alle verfügbaren Sachen an, denn recht warm ist es nicht.
Tag acht: 242 km/ 3400 Hm: über die Isle of Skye – Lochcarron
Halb vier Uhr schreit der Wecker. Ich bin so müde und lasse noch zweimal den 10-Minuten-Timer laufen. Gab es beim Zeltaufbau keine Mücken, so sind die Viecher jetzt um so lästiger. Aus Versehen sprühe ich mir auch noch Mückenmittel ins rechte Auge. Die beiden Becher Milchreis frühstücke ich nebenbei, dann verstaue ich die leeren Becher und anderen Müll in meiner Seitentasche. Irgendwo werde ich ihn wohl illegal in einem privaten Mülleimer am Straßenrand entsorgen.
Um fünf Uhr endlich Start. Ich schiebe ein paar Meter hoch, um mit Schwung über den Cattle Grid zu kommen. Dann geht es in fröhlichem Auf und Ab über Skye. Mitten im Nirgendwo entdecke ich einen roten Briefkasten, so einen müsste ich mal fotografieren, das gibt es auch nur hier. Schon bin ich vorbei und zurückfahren möchte ich nun auch nicht mehr. Wenn ich wüsste … dass ich genau diesen Postkasten doch noch fotografieren würde, die Nackenhaare würden sich mir vor Schock wohl aufstellen.
Ich genieße die Fahrt, die Anstiege nicht sehr lang, dann wieder feines Runterrollen. Irgendwann kommt ein Haus in Sicht, ein Mülleimer daneben außerhalb der Sichtweite des Hauses. Das war meine Gelegenheit. Hier werde ich den Müll einwerfen. Ich bremse, steige vom Rad und will in die Seitentasche greifen. Nanu, wo ist sie? Es beginnt in meinem Gehirn zu arbeiten. Entsetzen macht sich breit. Ich habe meine Tasche verloren! Ein rascher Blick auf den Tacho: Sechs Kilometer in Hügelgelände habe ich schon hinter mir. Ich muss zurück! Wo aber ist die Tasche? Hat sie inzwischen ein Auto überfahren oder ein Autofahrer mitgenommen? In der Tasche sind das Zeltgestänge und Regenzeug. Alles Dinge, die ich dringend brauche. Ich rase zurück – bis hin zu meinem Zeltplatz. Die Tasche liegt auf dem Cattle Grid. Das erste Holpern hat sie vom Rad katapultiert, ich hatte vergessen sie am Rahmen zu verriegeln. Nicht auszudenken, wenn ich wie üblich viele Kilometer, ohne anzuhalten gefahren wäre, 30, 50 oder mehr … und dann erst das Fehlen des Panniers gemerkt hätte. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken … Auf jeden Fall wäre eine Stunde mehr Schlaf gescheiter gewesen als dieses sinnlose Hin- und Herfahren.
Weiter geht die Pechsträhne, ich verfahre mich zweimal, anhalten und zurückfahren. Meine Beine fühlen sich zwischendurch auch schwer an, ich halte und esse etwas, dann geht es besser. Ein schwer bepackter Radfahrer kommt mir entgegen. Gehört der zu uns? Bin ich falsch oder er oder gibt es hier eine Gegenverkehrstrecke. Ich halte an, um das zu kontrollieren. Es will heute kein richtiger Rhythmus aufkommen, auf Musik habe ich auch keine Lust.
Nach Dunvegan steht wieder ein Berg im Weg. Wie fast überall ist die Straße einspurig, alle paar Meter gibt es einen Passing Place zum Ausweichen. Die meisten Autofahrer nehmen das sehr ernst, auch Radfahrern gegenüber. Aber nicht alle. Grad hat sich einer noch schnell an mir vorbeiquetschen wollen. Ich weiche auf den Straßenrand aus, klicke mein linkes Pedal aus, verliere das Gleichgewicht und mein linker Fuß tritt ins Leere. Im letzten Augenblick kann ich mich fangen. Ich schimpfe dem Autofahrer hinterher.
Flynn überholt mich und erzählt mir von seiner teuren Campingplatzübernachtung. Er konnte sie allerdings gar nicht nutzen, da er die ganze Nacht in den sanitären Anlagen gesessen sei, im Licht und der Wärme seinen Reifenschaden zu reparieren. Dementsprechend unausgeruht sei er jetzt und zudem schmerze sein Oberschenkel sehr.
Zusammen kommen wir auf dem höchsten Punkt an, dem Quiraing-Viewpoint Dort erwartet uns ein grandioser Ausblick über das Quiraing-Bergmassiv mit seinen Felsentürmen bis hinunter in die Bucht von Staffin und ein Imbiss-Wagen. Ich gönne mir einen Latte und einen Muffin, kaufe noch etwas Süßkram, dann stürze ich mich in die Tiefe.
Skye ist wunderbar. Küstenabschnitte wechseln sich mit Seen und atemberaubenden Bergblicken ab. Ich fahre durch Portree, ein von Touristen nur so wimmelnder Ort mit einer malerischen Häuserkulisse. Ich bin froh da wieder raus zu sein. Irgendwo komme ich in den Gegenverkehrsbereich. Da gibt es eine Vielzahl von Radfahrern, die mir entgegenkommt. Ob es die wohl pünktlich zur Finisher-Party nach Inverness schaffen?
Hatte ich gestern Gegenwind, so habe ich den auch heute wieder, der Wind hat unglücklicherweise gedreht. Zurück in Braedfort kehre ich erst mal im Supermarkt ein, denn ab hier gibt es laut meiner Planung über 150 Kilometer nichts. Das bedeutet aber, alles, was ich einkaufe muss ich vor der Fähre über einen höheren Berg und nach der Überfahrt zunächst über einen hohen und mehrere überschaubare Berge karren und dann stand da noch der Pass Bealach na Bà auf dem Programm. Beim Supermarkt treffe ich wieder Flynn. Er hat wieder Probleme mit seinem Reifen, da hilft meine Pumpe auch nicht und meinen Reserveschlauch kann ich ihm leider auch nicht anbieten. Ich versorge mich mit Milchreis, Käse, Tomaten, einem Thunfisch-Sandwitch- Keksen, Kefir, KitKat, Wasser, denn in den nächsten 120 Kilometern gibt es nichts. Ich fahre weiter, es tut mir sehr leid um den Radkollegen. So weit gekommen und nun soll Schluss sein? Auf der Insel gibt es keinen Mechaniker, der nächste keine Ahnung, wie weit weg.
Die letzte Fähre um 19:00 würde ich locker schaffen, egal, was sich mir nun in den Weg stellte an Steilheiten. Und steil wurde es wieder. Fast oben höre ich ein Geräusch hinter mir. Wer kommt da? Ja, Flynn! Irgendwie hat er es geschafft, seinen Reifen zu reparieren. Das freut mich für ihn. Vom höchsten Punkt geht es extrem steil runter. Leichtsinnig bremse ich mit einer Hand und filme mit der anderen. Irgendwann wird es mich wohl mal vom Rad werfen. Die Fähre liegt schon vor Anker. Es ist nicht mal fünf Uhr am Nachmittag.
Die Glenelg-Skye Ferry ist die letzte ihrer Art. Eine Autofähre, deren Deck gedreht wird – von Hand, wohlgemerkt. Sie quert das Meer zwischen der Isle of Skye und dem Festland. Die Strömungen beim Wechsel zwischen Ebbe und Flut sind sehr stark und so leistet die kleine Autofähre „Glenachulish“ hier eine bärenstarke Arbeit, wenn sie etwa sechs Autos auf einmal in nur fünf Minuten auf die andere Seite bringt. Und Hund hilft fleißig mit. Die Überfahrt ist ein ganz besonderes Erlebnis. Die zweieinhalb Pounds streckt mir Flynn vor, da ich nur einen großen Geldschein habe. Ich teile mit ihm dafür mein Sandwich und die Tomaten. Ich hoffe, die Organisatoren lesen das nicht. Support verboten! Nicht sattsehen kann ich mich an den Vorgängen rund um das Beladen und Ablegen und beobachte sie durch meine Kameralinse noch einmal vom Berghang aus. Alle anderen Radfahrer sind schon lange weg. Aber mich kann nun nichts mehr stressen.
Ich muss mich nun aber auch auf den Weg machen. Auf meiner Skizze droht der Ratagan Pass in dunkelroten Farben vom Blatt. Das bedeutet nichts Gutes. Nach einigem Schieben bin ich am höchsten Punkt. Hört das denn nie auf mit den übersteilen Straßen? War es sonnseitig fast brütend heiß, so muss ich mich jetzt bei der Abfahrt im Schatten warm anziehen. An der Küste angekommen, dem Loch Duich, weiß ich wieder mal nicht, ob ich an einem See oder am Meer bin. Das muss ich zuhause mal recherchieren. Einige Häuser und eine kleine Einkehrmöglichkeit. Um viel Geld bekomme ich sehr wenig Suppe. Ich fülle noch meine Flaschen auf, um wieder so richtig viel zu tragen zu haben und fahre weiter.
Noch drei Hügel, mit kurzen steilen Schiebeeinheiten, wie üblich, und ich kann mein letztes Planungsblatt aufblättern. Und dann möchte ich mir meinen letzten oder vorletzten Schlafplatz suchen. Das wird auf jeden Fall vor dem gefürchteten Pass Bealach na Bà geschehen, das ist gewiss. Den Pass möchte ich mit möglichst frischen Beinen angehen. Unterwegs noch eine Überraschung. Ich drehe mich nach dem zweiten Berg zufällig nach links, als ich in eine Straße einfädeln möchte und da steht es da das Eilean Donan Castle. Ich war hier schon mal im Rahmen des Celtman Triathlons. Erinnerungen!
Jetzt muss nur noch ein Schlafplatz her. Glücklicherweise ist es trocken. Jetzt fällt mir auf, dass es in den letzten Tagen nie geregnet hat. Nun dämmert es schon und neben der Straße gibt es nichts, wo ich mein Zelt aufpflanzen könnte. Etwas weiter ein nun schon geschlossenes Restaurant. Auf der anderen Straßenseite ein Rasen mit einem Zelt und einem handgeschriebenen Zelt „pitch 10 pounds“. Hierher könnte ich zurückfahren, wenn ich demnächst gar nichts finde. Aber wenn mal ein paar Kilometer rum sind, tut ein Zurück weh. Ich hatte auf meiner Planung eine Kirche vermerkt und google diese: da steht geschlossen, ich finde sie aber auch nicht.
Etwas weiter taucht Lochcarron in meinem Blickfeld auf und … eine Kirche der Gemeinde der Free Church of Scotland, alle wären dort willkommen, das klingt schon mal gut. Rund um die Kirche ein hektargroßes gepflegtes Rasengelände mit unzähligen Grabsteinen aus Stein. Sollte ich dort …? Ich schaue links und rechts die Straße entlang, niemand da. Am großen Gitter ein Schild „Hunde haben keinen Eintritt“, entschlossen mache ich mich am Schließmechanismus zu schaffen, mit einem lauten Quitschen geht das Schloss auf. Recht profan wirkt ein Auto neben der Kirche mit einem „for sale“ Zettel an der Windschutzscheibe. Also ist ein kleines Zelt wohl auch nicht so fehl am Platz. Hinter zwei großen Thuyen ist es ideal. Hinter? Wo ist da hinten und vorne? Auf jeden Fall ist der Platz von der Straße aus nicht einsehbar. Rasch alles hergerichtet und rein in die gute Stube. Irgendwo zwischen den Bäumen habe ich ein Licht gesehen, also nicht zu viel Bewegung draußen machen.
Tag neun: 260 km/ 3500 Hm: Lochcarron – Inverness
Ich schlafe sehr gut, es ist so wunderbar ruhig. Früh raus aus den Federn, das Packen geht immer schneller und routinierter von der Hand. Das Quietschen des Gitters und weg bin ich. Dem Schild mit dem Hundeverbot werden sie wohl noch ergänzen müssen mit „Campieren verboten“. Mein Glück, ein paar Meter weiter gibt es sogar eine öffentliche Toilette, die ich schon öfters in Orten besucht hatte für ein Mindestmaß an Körperpflege und Wasserfassen. Exkurs bezüglich öffentlicher Toiletten: Man darf sich nur nicht einsperren lassen, wie es Steve bei der GBDuro vor zwei Jahren passiert ist. Nur mit vom Waschen der Kleidung nasser Kleidung war er, das Rad vor der Tür, rund 10 Stunden eingeschlossen, bis ihn der erste Kunde befreite. Oje, ein Horrorgedanke! Noch einen letzten Blick in den Spiegel: Da blickt mich eine grau-wuschelhaarige Frau mit geblümtem Stirnband an, eigentlich noch voller Tatendrang. Kanariengelbes Radtrikot. Ein Wunder, dass das nach über acht Tagen noch so sauber ist, vermutlich liegt das wohl am Material. Ich werde das daheim mal in der Ausrüstungsliste auswerten. Ich spüre mein Sitzleder nach: Kein Problem nach so vielen Tagen im Sattel. Heute bin ich wieder mit meiner Triathlon-Hose ohne Sitzpolstere unterwegs und fahre gut damit.
Genug getrödelt, ich weiß schon, warum … Es ist nun wirklich Zeit mich an den Aufstieg des letzten hohen Passes zu machen, dem von mir gefürchteten Bealach na Bà.
Es ist ein berühmt berüchtigter Pass auf der Applecross-Halbinsel mit einer sich windenden einspurigen Straße, die bis auf 626 Meter ansteigt. Es ist eine der wenigen Straße in den Highlands, die wie unsere Bergpässe in den Alpen angelegt ist, mit engen Haarnadelkurven, die sich mit Steigungen von teils über 25 % den Berg hinaufschlängeln.
Und der Pass fühlt sich wirklich so an wie bei uns daheim. Nur dass bei uns keine Schilder stehen mit einem Abraten für Führerscheinneulinge. Und was „gradients of 1 in 5“ auf der Warnung bedeutet, google ich erst zuhause, aber es klingt nicht gerade beruhigend. Damit ist eine Steigung von 20% gemeint. Und wirklich, die 20% kommen und bedeuten für mich etwa einen halben Kilometer Schieben, der Rest ist fahrbar, auch wenn die Oberschenkelmuskulatur ganz schön brennt.
Unterwegs habe ich Zeit über den anstehenden Tag nachzugrübeln, denn in der dichten Nebelsuppe lenkt mich sonst nichts ab und auf Musik habe ich keine Lust, zu angenehm ist die Stille ohne auch nur ein Auto. Gut so früh gestartet zu sein. Was liegt nun aber vor mir? Es sind noch 260 Kilometer bis Inverness. Ist das machbar an diesem Tag? Oder sollte ich noch eine Nachtruhe einlegen irgendwo? Das wird sich wohl zeigen im Laufe des Tages.
Plötzlich tauche ich aus dem Nebel. Wunderbare Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Auf dem Pass hat eine Gruppe Caravans ihr Nachtlager mit View aufgeschlagen. Die Sonne geht auf, ich treffe auf einen anderen Radfahrer und wir schießen gegenseitig Fotos, es gibt ja nur so wenige, auf denen ich selbst abgelichtet bin.
Dann die Abfahrt. Eine lange Abfahrt. Es ist ziemlich kalt und das hält mich davon ab, müde zu werden. Anhalten die Primaloft-Jacke anziehen ist die beste Option.
Beim Runterfahren weiß ich glücklicherweise noch nichts von Claudia. Im Ziel werde ich erfahren, dass Claudia Gugole genau in dieser Abfahrt gestürzt ist. Sie kann sich an nichts erinnern. Ich vermute, das könnte Sekundenschlaf gewesen sein. Sie ist glücklicherweise nicht schwerer verletzt, muss das Rennen aber abbrechen. Und von hier, vom Ende der Welt ist es nicht leicht nach Inverness zu kommen.
Wieder auf Meeresspiegelhöhe angelangt liegt Applecross. Der Campingplatz mit Restauration noch in tiefem Schlaf. Schade, also kein Wachmach-Latte.
Hinter einer niederen Mauer liegt ein Hirsch. Ist der angefahren worden? Träge hebt er den Kopf, schaut mir in die Augen, dann döst er weiter. Dem geht es gut! Etwas weiter macht sich eine Hirschkuh im Garten direkt neben dem Haus am Gemüse gütlich. Nur von mir bemerkt. Ich bekomme auch langsam Hunger und halte, um fast eine ganze Packung (250g!) Cheddar zu essen. Als Beilage gibt es eine kleine Ciabatta und einen Apfel. Ich lege Kekse griffbereit neben das Studentenfutter in meine Oberrohrtasche. Was jetzt kommt, braucht Mumm. Das weiß ich in dem Moment aber noch nicht.
Die Applecross Coast Route führt, wie der Name schon sagt an der Küste entlang. Wunderbare Blicke inbegriffen, aber einsamst bezüglich menschlicher Spuren. Auf meinem Planungsblatt schaut das Höhenprofil flach aus. Das täuscht, denn der letzte hohe Pass verfälscht das Bild, wie ich bald merke. Das Gelände ist kupiert, es geht ständig hoch und runter. Hoch heißt hier wieder mal ständig sehr steil hoch und nicht selten muss ich wegen ein paar Metern runter vom Rad, aber 16+% komme ich mit der schweren Ladung ohne Leiden nicht hoch. Und Leiden will ich nicht, also absteigen. Tut meinen Muskeln eh gut, mal eine andere Belastung zu erleben. Wardruna mit Helvegen im Ohr nützt im Moment auch nichts.
Unterwegs erwischt mich eine Müdigkeitsattacke. Ich lege mich kurz ins hohe Gras, der Wind hält die Midges davon ab mich lebendig aufzufressen. Aber schlafen kann ich doch nicht. Im Kopf schwirren mir die Kilometerzahlen rum, noch immer sind es 230 Kilometer bis Inverness. Und wenn ich so „schnell“, sprich langsam weiter komme, wie hier auf der Küstenstraße, dann würde ich wohl bis zur Finisher-Party unterwegs sein. Das lässt mir keine Ruhe, denn die Party wäre am nächsten Tag am Abend und um 5 Uhr früh müsste ich schon am Flughafen sein. Das Rad verpacken müsste ich dann wohl nachts. Ich rappele mich auf und starte, um die verlorenen 7 Minuten wieder aufzuholen. Keinen Spaß macht etwas später die Horde wild gewordener Ferraris und Co, die mit aufjaulenden Motoren die Küste entlangrasen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die denken wohl, die Passing Places sind nur für die anderen da. Das ist nun wirklich der letzte, hoffe ich, und schon rast ein nächster um die Kurve. Die spinnen hochgradig!
Es ist schon später Vormittag, da hellt sich mein Gemüt schlagartig auf. In der Ferne erkenne ich eine weißgetünchte Häuserzeile. Shieldaig!!! Erinnerungen kommen auf: Fünf Jahre zuvor war ich schon einmal hier, beim Celtman Extreme Triathlon. Ich erinnere mich an die fast 4 km Schwimmen im 8° kalten Wasser mit Millionen von Quallen, die Radstrecke über die Highlands und der abschließende Marathon über drei Gipfel des Bergmassivs Beinn Eighe. Ein tolles Abenteuer, aber eine Marathonzeit von fast 9 Stunden zeugt von der Härte des Bewerbs, bei dem man fast weglos mit Kompass und Karte bewaffnet über die Berge irrte. In Shieldaig endlich ein Laden. Davor sitzt … Flynn. Er schwärmt mir vor, was er schon alles gegessen hat, wenn ich Glück habe, gibt es noch eine Dose mit dem leckeren Thunfisch-Salat mit Gemüse oder so. Das Geschäft schaut geplündert aus, vor Flynn waren da wohl schon viele andere. Aber ich bekomme meine gewohnte Kost: Kefir, Ingwerkekse, KitKat und wirklich eine Dose Fertignahrung ist noch da, die letzte. Einen leckeren Kaffee gibt es auch noch. Was will frau mehr? Flynn erkundet inzwischen, wo der auf Google Maps eingetragene Trinkwasserhahn ist. Dann noch ein kurzer Halt am Ende des Dorfes in der öffentlichen Toilette. Die erkenne ich, als ich sie sehe: Hier war die Radwechselzone, alle Triathlon-Räder waren auf der schmalen Straße aufgefädelt wie Perlen.
Zehn Kilometer weiter liegt Torridon, mein Herz hüpft. Hier war das Ziel des Celtman und die Straße, die ich jetzt nehmen muss, bin ich auch schon gefahren. Wunderschön unter den Berggipfeln entlang. Ich komme auch an dem kleinen Wäldchen vorbei, hier war der T2 Wechsel beim Laufen. 10 Minuten vor Cut off hatte ich es hierhin geschafft und musste dann noch über die drei Gipfel hoch über mir, anstatt rund um das Massiv. Memories …
Die Straße ist, nach all dem, was ich heute schon erlebt hatte, angenehm zu fahren. Leichte Steigung, viele Ausweichmöglichkeiten für den langsam zunehmenden Verkehr. Die Autofahrer sind allerdings sehr zuvorkommend gegenüber Radfahrern. Das muss ich rückblickend für fast alle Teile Englands und Schottlands sagen. Fast.
In Kinlochewe möchte ich nochmal meine Wasserreserven auffüllen. Die öffentliche Toilette ist mit einem Baustellenzaun gesperrt. Ich frage den Arbeiter dort, ob ich trotzdem etwas Wasser einfüllen könne. Er öffnet. Wir quatschen etwas. Beeindruckt von dem, was ich gerade mache, bringt er mir eine kleine Wasserflasche. Höflich bedanke ich mich und traue mich nicht nein zu sagen, obwohl ich weiß, dass ich eh nur meine kleine Flasche austrinken werde, die große und nun auch die neue kleine über die Hügel tragen werde. Und wirklich, die kleine Wasserflasche sparte ich mir auf und trank sie vor dem Flugplatz-Security-Check in einem Zug aus. Wie krank ist das denn … Daran muss ich arbeiten. Beim Losfahren nuschelt der Mann noch was von einem Berg. Den hatte ich durch das verzerrte Profil auf meinem Blatt nicht auf dem Schirm. Schock!
Am Beginn des 200-Meter-Anstiegs treffe ich wieder auf Flynn. Ich werde ihn erst wieder am nächsten Tag im Ziel sehen, wo er von seiner besseren Hälfte und Schwiegerfamilie empfangen wird. Er ist vernünftig und plant, vor allem wegen seines immer mehr schmerzenden Knies, eine Übernachtung in einer Pension oder ähnlichem ein. Unterwegs werde ich noch mehrmals daran denken, wie sinnvoll diese Taktik auch für mich gewesen wäre.
Was nun kommt, ist zwar vom Profil her eine Wohltat. Es geht fast 50 Kilometer stetig leicht bergab und ich komme mega schnell weiter. Wermutstropfen ist nur, dass wir auf der ziemlich befahrenen Hauptstraße unterwegs sind. Unterwegs wieder mal ein obligatorischer Powernap, bei dem ich wie üblich nicht einschlafe, aber das Rasten mit geschlossenen Augen bringt auch was. Auf den letzten Kilometern wird der Verkehr noch stärker, hier hätte es allerdings eine optionale Gravel-Ausweichstrecke gegeben. Ich verzichte dankend und hoffe, mein Leben nach so vielen Kilometern nicht aufs Spiel zu setzen. Dann aber schickt mich mein Navi urplötzlich nach rechts weg und bis zum Ziel darf ich nun wieder auf sekundären Sträßchen radeln, natürlich wieder etwas profilierter. Man gönnt sich ja sonst nichts.
In großem Bogen geht es um einen See herum. Sehr idyllisch. Aber bei jedem Stopp bin ich von Bremen und ähnlichem umvölkert. Besser nicht stehen bleiben. Mein Rad macht wie schon in den letzten Tagen einen Höllenspektakel, ich höre es schon gar nicht mehr und mache mir auch keine Sorgen mehr. Was kommt, kommt …
Es ist schon später Nachmittag als ich in Muir of Ort einrolle und mich zum Supermarkt durchfrage. Auch hier das volle Programm: Das Wichtigste ein Latte (-Macchiato mit zweimal Zucker!), Kefir, Käse, Tomaten, Sandwich, Ingwer-Kekse und eine Eineinhalbliter-Flasche Wasser. Wie vorher vermutet, ist die große Trinkflasche noch fast voll und ich nutze sie mein Rad etwas zu säubern. Hhhahahhaaa!
Ich rechne nach: Bis ins Ziel sind es nun noch schlappe 90 Kilometer. Das ist doch nicht viel, grad mal so wie Brixen-Bozen-Brixen. Wenn ich jetzt losfahre, wäre ich locker gegen halb zehn im Ziel. Mein Zelt müsste ich dann nicht noch einmal auf- und abbauen, das klingt verlockend, also los! Die ersten 30 Kilometer laufen auch recht flüssig. Dann stehen noch drei Berge an. Und die drohen vom Blatt mit saftigen Steigungen und mit insgesamt knapp 1000 Höhenmetern. Oh nein!
Unterwegs suche ich immer mal wieder einen guten Grund, um stehen zu bleiben. Eine Blindschleiche, unterarmlang, mitten auf der Straße. Wenn da ein Auto käme, dann wäre sie platt. Ich versuche sie wegzuscheuchen, aber auf dem glatten Asphalt hat sie keinen Halt und schlängelt auf der Stelle. Mit einem kräftigen Zupacken nehme ich sie auf und schleudere sie weit weg in die Büsche. Die hat nochmal Glück gehabt.
Der erste fängt schon sehr steil an, wird dann flacher, ich schaffe es im Sattel zu bleiben. Na also, nicht so schlimm. Der zweite ist zum Teil Schiebestrecke für mich, zwischen 15 und 20% Steigung. Dann wird es langsam dunkel, sprich 11 Uhr ist vorbei. Also ist wohl nichts mit Zieleinlauf um halb zehn. Weit muss ich hochschieben auf den dritten Hügel, denn bei uns zuhause wäre das so einer. Irgendwo auf der Hochfläche müsste eine Gravelpassage abgehen. Hermann hatte mich aber informieret, dass die meisten auf der Straße fahren würden. Nanu? Ich frage mal beim Organisator nach und bekomme auch bald eine Antwort via E-Mail. Und wirklich, bei der Abzweigung steht ein großes Holzschild, dass die Panceltic-Rider auf dem geteerten Radweg bleiben sollten. Mein Navi spielt verrückt, als ich mich von der hochgeladenen Strecke entferne, und will mich immer wieder zur Originalroute zurück zwingen. „Nein“, sage ich laut. Hier oben ist es ziemlich kalt. Oder ist das meiner Müdigkeit geschuldet? Die überkommt mich jetzt nämlich und ich denke wehmütig, dass meine Mitradler jetzt wohl alle irgendwo schlafen würden. Eine Nacht am Ende des Rennens durchfahren macht sicher niemand.
Dann bin ich wieder auf dem originalen Track und nah bei Inverness. Mein Navi hat allerdings seinen Dienst quittiert und schickt mich beim letzten Kreisverkehr mehrmals die Runde. Die richtige Abfahrt finde ich im Dunkeln nicht und so verliere ich viel Zeit, um Google zu befragen, wo es hier zum nahen Campingplatz, dem Zielort geht. Irgendwann bin ich dann dort, es ist kurz vor 1 Uhr in der Früh. Um ein wärmendes Lagerfeuer sitzen ein paar Leute und warten auf die letzten Ankömmlinge an diesem Tag, oder nein: der neue Tag hatte ja schon angefangen, es ist kurz vor eins. Auf einen Schlag ist die lange Reise vorbei, das muss frau erst mal fassen …
Ich bekomme noch was zu essen und mir wird angeboten, anstatt mein Zelt aufzubauen, im großen (Pferde-) Transporter der Organisation zu schlafen. Nach einer Dusche wickele ich mich in meinen zu dünnen Schlafsack und friere mich durch die restliche Nacht, nahezu schlaflos. Das kommt davon, wenn man von der „letzten Nacht durchfahren“ spricht. Trotzdem bin ich munter am nächsten Morgen, kann in aller Ruhe mein Rad auseinanderbauen. Das hat wider Erwarten gut durchgehalten. Als ich das Sattelrohr abziehen und die Schelle wieder zuschraube, funktioniert das nicht: das Gewinde ist kaputt. War das das Geräusch? Was wäre passiert, wenn die Klemmung unterwegs nachgelassen hätte? Ich hätte kein Ersatzteil mitgehabt. Und mit einem Sattel, der womöglich ganz runterrutscht und sich nicht fixieren ließe, hätte ich wohl das Rennen vorzeitig beenden müssen. Glück gehabt!
Den ganzen Tag ist viel los im Zielbereich, ständig kommen Fahrer an, ein Plausch hier, einer da. Später ziehe ich ins Hotel, nutze meinen Essensgutschein bei der Finisher-Party, trinke endlich mal ein schottisches Bier. Ich erstaune dabei die Barfrau, indem ich meinen Wunsch äußere, die Hälfte Bier, die andere Hälfte bitte Apfelsaft – das beste nach-dem-Sport-Getränk!!! Ich lerne ein paar Leute kennen, verabschiede mich frühzeitig, denn ich habe Schlaf bitter nötig. Allerdings sei mir der schon wieder nicht lange gegönnt: Um vier muss ich schon wieder raus aus den Federn, das Taxi zum Flughafen wartet.
Begriffsklärung: Ein solches Event nennt sich zwar Rennen, aber für mich ist es eher eine gemeinsame und doch nicht gemeinsame Fahrt mit vielen Gleichgesinnten. Das einzig, das mich an ein Rennen erinnert ist die vorgegebene Zielzeit, durch die die Tage auf dem Rad für mich gezwungenermaßen etwas intensiver sind und die Nächte recht kurz, damit ich es zeitlich ins Ziel schaffe.
Fazit: Meine Planung hat sich zwar schon nach einem Tag in Luft aufgelöst und ich hinkte meinem Pensum immer nach, aber am Ende war ich doch nur 4 ½ Stunden hinter meinem Plan im Ziel. Ich bin doch ein bisschen stolz auf meine Leistung.
Geamt-Ergebnis:
64. von 165 der Full Route – lange nicht die letzte … denn: gestartet waren insgesamt gut 300 Fahrer, ins Ziel kamen 101 von 165 der langen Strecke und 88 von 139 der kurzen. Dabei muss erwähnt werden, dass ziemlich einige der Long Distanz unterwegs auf die kurze Strecke wechselten. Diesen Wunsch verspürte ich überhaupt nie! Zu schön war das Abenteuer Full Route des Panceltic Ultra … Ich genoss (fast) jeden Kilometer.
“Cracking video and photos – it does make it look all a bit easy doesn’t it! Or maybe that’s just me – no images of suffering – I’ve showed it to my wife to give her an insight into the stunning scenery we were privileged to see.” (Sean Case)
Übersetzung: Tolles Video und Fotos – es sieht alles ein bisschen einfach aus, nicht wahr! Oder vielleicht bin das nur ich – keine Bilder des Leidens 😆 – ich habe es meiner Frau gezeigt, um ihr einen Einblick in die atemberaubende Landschaft zu geben, die wir sehen durften. (Sean Case)
Ich: Naja, die Bilder des Leidens (gab es die überhaupt?), dazu hatte ich wohl keine Kraft …, aber die sind sicher irgendwo zwischen den Bildern wunderschöner Landschaften …