Das war vielleicht eine Geschichte gestern. Meine Drohne – mein Willi (so heißt er, weil er manchmal macht, was er will) – ist mir abgehauen. Ob ich ihn wiederfinden werde?
Willi
Meine erste Pässeausfahrt. Von Brixen über den Jaufen und durch das Passeiertal zurück. Ich war mit dem Rad unterwegs, den Jaufenpass hatte ich schon erreicht. Etwas weiter unten hatte ich schon einige Flugübungen mit Willi. Nun wollte ich mich von der Passhöhe von Willi verfolgen und filmen lassen. Alles lief wunderbar. Bei der rasanten Abfahrt ins Tal kam ich zwar den Felswänden manchmal bedenklich nahe und Willi auch, aber es ging gut. Fahrtwind, Kurven, dieses herrliche Gefühl, bergab zu rollen.
Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel: Willi ist nicht mehr hinter mir. Er steigt. Und steigt. Und steigt weiter. Und dann – weg. Aus meinem Sichtfeld verschwunden.
„Hilfe! Und jetzt?“
Die Kamera zeigt mir noch, dass er irgendwo hoch über der Straße schwebt. Tief unter mir sehe ich sogar noch die Galerie. Aber wohin fliegt er? Der Bildausschnitt auf dem Controller verrät mir nichts. Keine Orientierung, kein Hinweis. Nur Himmel, Straße, Leitplanke. Hektisch drücke ich einige Knöpfe. Ob ich es dadurch noch schlimmer mache?
Und dann fällt mir ein: Wenn der Batteriestand kritisch wird, fliegt die Drohne automatisch zum Startpunkt zurück.
Nur dumm, dass ich inzwischen etwa zwei Kilometer weiter unten bin.
Sofort beginnt das Kopfkino: Was, wenn das nicht klappt? Was, wenn Willi irgendwo abstürzt? Oder irgendwo an einem steilen Hang landet? In diesem Gelände – keine Chance, ihn je wiederzufinden. Tausend Bilder schießen mir durch den Kopf. Dabei ist Willi noch gar nicht lange bei mir! Und jetzt soll er mich schon wieder verlassen?
Und selbst wenn er wirklich brav zum Startpunkt zurückfliegt und dort am Straßenrand landet – was, wenn ein Auto zu weit rechts fährt und ihn plattmacht?
Schlimme Gedanken.
Ich trete also wie ein Wahnsinniger in die Pedale und jage mit dem Rad zurück bergauf. Irgendwann kommt ein Auto entgegen. Ich stelle mein Rad an die Leitplanke, reiße den Daumen hoch.
Zum Glück hält der Wagen.
Ob die beiden Insassen verstanden haben, was ich ihnen da völlig außer Atem erzähle, weiß ich bis heute nicht. Ich stammle irgendetwas von: „Drohne … abgehauen … vielleicht oben am Startplatz … keine Ahnung … muss schnell hoch …“
Satzfetzen. Schnappatmung. Leichte Panik.
Sie nehmen mich mit.
Kurz vor der Passhöhe bitte ich meine Retter, langsamer zu fahren. Falls Willi tatsächlich mitten auf der Straße sitzt …
Und plötzlich: wieder ein Kamerabild!
Ich sehe Asphalt. Leitplanke. Willi hat tatsächlich den Heimweg gefunden.
Ganz offensichtlich ist er brav zum Startplatz zurückgeflogen und ist dort (hoffentlich unversehrt) gelandet.
Langsam rollen wir weiter.
Und dann sehe ich ihn.
Da sitzt er. Ganz ruhig. Auf dem Asphalt. Als wäre nichts gewesen. Und wartet.
Mein Willi.
Noch einmal gut gegangen.
Aber eines ist klar: Beim sicheren Drohnenfliegen habe ich wohl noch ein bisschen Nachholbedarf. 😄
Die Drohne Willi bei unserer zweitägigen Skitour im Einsatz (Liffel-, Jakobspitze, Durnholz, Gaishorn)
„Hallo Gabi bin claudio vom messnerbankl wollte dich fragen ob mal zeit hosch auf an ratscher aufn bankl zu kemmen“ …
Nanu, was war denn das? Messner Bankl? Nie gehört … Diese Bildungslücke musste unbedingt „ausradiert“ werden und so klickte ich auf den Link. Etwas unüberlegt -gebe ich zu- das mache ich sonst nicht … , könnte ja fishing sein … oder nicht?
Und das war es wohl auch …, denn kaum geklickt, hing ich schon am Haken.
Langer Worte – kurzer Sinn: Ich hatte die großartige Gelegenheit, zu Gast bei „STORIES FROM THE MESSNER BANKL“ zu sein. Claudio Zocchi hat mich zu einem Gespräch eingeladen, das nicht nur Einblicke in mein Leben und meine Erfahrungen gibt, sondern auch die besondere Atmosphäre dieser kleinen Südtiroler Bank einfängt – ein Ort, an dem Geschichten lebendig werden. 🌳 @messnerbankl
Wenn ihr Lust habt, ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen und persönliche Geschichten zu hören, schaut rein! Spaß hatten wir allemal …
Start nach einem umfangreichen und leckeren Frühstück bei Augustiner Etwa 70 Abenteuerlustige (in Anbetracht der zu erwartenden Verhältnisse) stehen 620 km vom Ziel in Nyons entfernt in den Startlöchern.
Los geht’s! Ich bin in der ersten Startgruppe und etwas verhalten geht es durch Freiburg mit seinen vielen Straßenbahngleisen. Ich schaffe es, an der Jungs-Gruppe dranzubleiben – anfangs allerdings eher unrhythmisch. Ich frage mich nur: wie lange?
Im Kopf geistert etwas herum. Was um Himmels Willen sind Geisteradler? Vor mir, auf dem Radweg, in großer weißer Schrift gepinselt. Mal auf dem Kopf, mal lesbar. Ist Freiburg eine besonders tierfreundliche Gemeinde? Nicht lange und mir geht der „Knopf auf“. Mir war das zweite „R“ im Wort entgangen: GEISTERRADLER!! Ich bin gerade so einer. Pendant zum Geisterfahrer. Zum Glück ist noch fast Nacht.
Raus aus den schützenden Häuserfronten knallt uns erst mal der von der Windy-App angedeutete Wind (harmlos ausgedrückt) entgegen. Mal von vorne (Windschatten erwünscht), mal in harten Böen von der Seite (Windschatten nützt exakt nichts). Meine Beine brennen schon jetzt vom ständigen Gasgeben zum Dranbleiben und Bremsen, um nicht auf den Letzten aufzufahren. Lange packe ich das nicht mehr. Es dämmert und ich muss sowieso mal ein Foto machen, also lasse ich die Jungs ziehen. Dafür stehe ich jetzt voll im Wind. Super Plan.
Meine Gedanken kreisen um Wetterphänomene. Was ist schlimmer – starker Gegenwind oder Regen? Ich kann mich nicht entscheiden. Nicht weit später am Tag werde ich es wissen …
Beim Frühstück hatte es einen Diskurs gegeben, wann es wohl zu regnen begänne. Mit meinen Berechnungen (inklusive App-Vertrauen) träfe das bei mir in etwa auf 100 Kilometer vom Start zu, also bei Montbéliard. Kurz vorher lächle ich etwas hämisch in mich hinein: Ist die Wetter-App wohl doch nicht so zuverlässig. Das hätte ich besser bleiben lassen. Genau 300 Meter vor Vollmachen des 100ers: der erste Tropfen. Ich kann mich nicht schnell genug anziehen, da öffnet der Himmel schon seine Schleusen – und zwar komplett. Und für Stunden.
Und jetzt kann ich auf die Frage von vorher auch eine Antwort geben: Was ist schlimmer, Gegenwind oder Regen? Ganz klar: Gegenwind UND Regen!
Ich bin zwar gut eingepackt, aber Regenfäustlinge und Regenüberschuhe halten nicht, was sie versprechen. In kürzester Zeit lassen sie Wasser durch. Zudem ist es kalt. Sehr kalt. Die Naturgewalten haben mich voll im Griff. Und der Tag ist nicht mal zur Hälfte um.
Der Gegen-„Sturm“ hat mich weiterhin fest im Griff. Kommt er von vorn (also fast ununterbrochen), fällt meine Geschwindigkeit auf 12–15 km/h. Meinen Berechnungen zufolge werde ich in diesem Schneckentempo (lach – LumacaGabi lässt grüßen) ohne Pausen für die nächsten 500 km wohl über 40 Stunden brauchen. Das bedeutet: nicht pünktlich im Ziel sein – und den Mini-Schlaf-Break im 24h-Hotel Ibis in Ambérieu kann ich abschreiben. Dabei hatte ich beim Buchen noch angenommen, dass ich irgendwann vor Mitternacht dort eintrudeln würde und nach einer heißen Dusche ein paar Stündchen schlafen könnte …
Am Rhein-Rhône-Kanal-Radweg entlang (Canal du Rhône au Rhin) ist es landschaftlich eigentlich sehr ansprechend. Ich kann es nur kaum genießen: Entweder brauche ich unsägliche Kraft zum Vorwärtskommen oder werde fast von seitlichen Böen vom Rad gefegt. Meine Taschen hinten bieten eine wunderbare Angriffsfläche. Aerodynamik vom Feinsten – leider falsch herum.
Zwischendurch verlässt mich die Motivation. So ein Kraftaufwand. Wer zwingt mich eigentlich dazu?
Ich halte an. Gerade kommt die Sonne mal hervor und ich krame in meiner Nussmischung. Stephan, Frank und das Tandem mit Christine und Thomas machen auch kurz Halt.
Immer wieder gemeinsam, dann wieder einsam geht es weiter. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Tandem bei einem Café anhalten. Christine wirkte vorher auch nicht so motiviert, meinte, sie seien schon zwei Stunden im Rückstand … Oje. Und ich? (Christine erzählt mir später in Bédoin, dass sie in Ambérieu den Weg des geringeren Widerstands – sprich: Zug – genommen hätten.)
Irgendwann ist Besançon erreicht. Die Festung sehe ich schon von Weitem. Und kurz darauf: die seit 195 km heiß ersehnte Boulangerie. Ich lasse mir beim Auswählen viel Zeit, denn leider gibt es in der warmen Stube keine Möglichkeit zu sitzen – und draußen, mit der Fensterbank als Tisch, ist es bitterkalt.
Weiter geht’s. Nun liegen knapp 90 Kilometer zwischen mir und der nächsten Kontrollstelle. Und dann nochmal 90 bis nach Ambérieu, wo ich mir einen Schlafplatz im Hotel Ibis gebucht hatte. Stress habe ich keinen – 24h-Rezeption. Im Vorfeld hatte ich mir ausgerechnet, dass ich vor Mitternacht ankommen sollte und dann bis 4 Uhr bleiben könnte. Die folgenden Kilometer rund um Lyon sollte man tunlichst vor dem um 5 einsetzenden Berufsverkehr zurücklegen.
Also erst mal los.
Landschaftlich geht es weiter wie gehabt: längs Kanälen, flach. Wenn nur der Gegenwind nicht wäre. Kanalaufwärts (!) ordentlicher Wellengang. Die Durchschnittsgeschwindigkeit erhöht sich nicht und die Beine sind nach 200 Kilometern im Dauereinsatz schon „ansatzweise“ müde.
Nach einem kurzen Wolkenfenster beginnt es wieder zu regnen. Gut, dass ich meine Regenhose heute noch nicht wieder ausgezogen habe. Regen? Was ist das? Es schmerzt im Gesicht. Hagelkörner!
Und ich kann gar nicht schnell genug denken, was Hagel im Sommer normalerweise bedeutet, da blendet mich ein greller Blitz und im selben Moment ein ohrenbetäubender Donner. Natürlich passiert das mir – mit meiner fürchterlichen Gewitterangst. Ich lege einen Zahn zu. Nur weg hier! Glücklicherweise bleibt es bei diesem einen Blitz.
Das Wetter gleicht Aprilwetter – obwohl noch nicht mal Ende März.
Im Wechsel: Regen, Hagel, Sturmböen, ein bisschen Sonne, über den Himmel rasende mehrschichtige Wolkenbänder, dann wieder bleiernes Grau.
Dann bietet ein Waldstreifen etwas Schutz. Ich radle wieder ein paar Kilometer zusammen mit Stephan und Frank. Wir klagen uns gegenseitig unser Leid und tauschen uns aus, wer schon alles das „sinkende Schiff“ verlassen hat. Später werde ich hören, dass sich auf den Bahnhöfen und in den Regionalzügen nicht wenige Randonneure mit Elektrounterstützung Richtung Süden aufgemacht haben.
Die letzten Bäume liegen gerade hinter mir – eine Böe erfasst mich voll und schiebt mich über die gesamte Straßenbreite in den gegenüberliegenden Straßengraben. Mit zitternden Knien steige ich ab und lege einige hundert Meter schiebend zurück. Wenn da ein Auto gekommen wäre … nicht auszudenken.
Eine Gruppe Kühe beäugt mich, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Haben vielleicht recht.
Vier Stunden für die knapp 90 Kilometer – und ich darf wieder ein Beweisfoto schießen für die digitale Brevetkarte. Beneidenswerte Gäste hinter der Scheibe der Pizzeria Le Grill. Stephan meint, ein bisschen weiter sei ein netter Kebab-Laden. Und so landen wir bei Devran.
Hier findet sich schon ein lustiges Grüppchen mit Christoph und Stephan. Ersterer bestellt mir auf Türkisch gleich mein Menü – inklusive Vorzugsbehandlung. Leckeres Ayran (Joghurtgetränk!) – danach lechzt mein Körper. Und mein allererster (!!) Döner im Leben. Köstlich. Nach einem Tag voller Süßkram ein echtes Highlight.
Mit den beiden – sie sollen später auch meine Ferienhaus-Mitbewohner in Bédoin sein – verlasse ich die warme Bleibe. Es ist längst dunkel geworden. Ein Berg vor uns dient dem Warmfahren (wie freundlich) und dreieinhalb Stunden später, weiteren 90 Kilometern, einigen Höhenmetern und ein paar Müdigkeitsattacken später rollen wir gemeinsam auf den Parkplatz des McDonald’s in Ambérieu-en-Bugey.
Halb eins. Mein Wunsch, weit vor Mitternacht hier zu sein, hat sich nicht ganz erfüllt.
Um 2 Uhr liege ich dann frisch geduscht in meinem Bett im Ibis. Der Wecker ist auf Viertel vor Vier gestellt. Schlaf findet sich leider nicht ein. Mein Zimmer ist geteilt und die ungewohnten Atemgeräusche meines Bettnachbarn sind nicht kompatibel mit meinem Schlafbedürfnis. Also döse ich ein wenig vor mich hin – und dann muss ich eh schon wieder aufstehen.
Als ich die Hoteltür aufdrücke – gegen eine kräftige Windböe – glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Es schneit. Fröhlich trudeln die Flocken vom Himmel und beginnen sogar liegenzubleiben. Natürlich schneit es. Warum auch nicht.
Meine Hoffnung, durch frühes Losfahren dem Berufsverkehr auszuweichen, erfüllt sich anscheinend nicht. Große LKWs und rasende PKWs ängstigen mich. Haben die um diese Jahreszeit – und auch noch im Dunkeln – Radfahrer überhaupt auf dem Schirm?
Ohne Ablenkung beschäftigen sich meine – nach der gestrigen Gewalttour von 370 Kilometern verbliebenen – Gehirnzellen mit dem kommenden Tag. Zwar „nur“ knapp 250 Kilometer, aber die Berge drohen schon von meiner papiernen Höhengrafik-Karte. Wie soll ich das schaffen?
Ich muss spätestens um 21:00 Uhr in Nyons sein. Ich rechne und rechne. Mit der Geschwindigkeit vom Vortag wird das nichts. Hätte ich heute früh doch noch mindestens bis Crémieu fahren sollen? Aber bei der Kälte in der offenen historischen Markthalle schlafen? Eher nicht.
Als ich vorbeifahre, scheinen alle Randonneure, die dort übernachtet haben, schon ausgeflogen zu sein. Schlechtes Zeichen?
Ich zweifle weiter. Bin ich die Letzte, die noch durchhält?
Aussteigen wegen des Wetters? Kommt mir zum Glück nicht ernsthaft in den Sinn. Wäre auch logistisch schwierig gewesen. Also: weiter mit Muskelkraft.
Abgelenkt werde ich von riesigen Dampfschwaden und lichterbesetzten, gruselig in die Dunkelheit starrenden Türmen. Gänsehaut. Ich passiere wohl gerade das Kernkraftwerk Bugey.
Die Strecke führt mich nun einige Kilometer über einen Schotterabschnitt parallel zur Straße. Trotz zarter Rennradbereifung bin ich heilfroh, dem Verkehr zu entkommen, und rolle vorsichtig über den unebenen Untergrund.
Es wird langsam hell.
Vollbremsung. Etwas versteckt entdecke ich eine Boulangerie auf der anderen Straßenseite. Frühstück ist längst überfällig – und mehr als erwünscht.
Ich futtere mich in der warmen Gaststube durch das Sortiment. Verständigungsprobleme bescheren mir zwei Kaffeevarianten: einen Café au Lait und einen Cappuccino. Fragt mich nicht nach dem Unterschied – ich war einfach froh über beides.
Einige andere Fahrer trudeln ein. Also doch: Ich bin nicht die Letzte.
Irgendwann muss ich mich losreißen und starte wieder in die Kälte. Überraschenderweise weht immer noch starker Wind – aber ich kann es kaum glauben: Heute aus der richtigen Richtung. Rückenwind!
So erkläre ich es mir auch, dass ich trotz der unzähligen Anstiege heute doch noch pünktlich ankommen sollte. Nicht auszudenken, wie das mit Gegenwind gelaufen wäre …
Ich wage es sogar einmal, meine Regenhose auszuziehen. Bei diesem einen Versuch bleibt es auch, denn kurz darauf bricht wieder ein Guss über mich ein. Die Wetterkapriolen gehen munter weiter – diesmal gern auch in Form von Schneeschauern.
Vor allem auf den höchsten Punkten (die gerade mal auf 600 m liegen!) bläst der Sturm die Flocken quer über die Strecke. Nach dem Col de la Croix geht es erst einmal länger bergab – zumindest theoretisch. Denn bei jedem noch so kleinen Gegenanstieg brennen meine Oberschenkel ordentlich.
So früh im Jahr eine solche Gewalttour – der Körper meldet sich.
Immer wieder überhole ich Matthias oder werde von ihm überholt. Wortlos.
Beim x-ten Mal, als ich wieder anhalte, um irgendetwas an- oder auszuziehen oder in meiner Tasche zu wühlen, frage ich mich kurz, ob Matthias vielleicht denkt, ich würde ständig auf ihn warten … Vielleicht, um „anzubandeln“? 😄
Wie froh bin ich, als ich bei Kilometer 550 rechts abbiegen darf. Nicht auszudenken, wenn wir – wie ursprünglich geplant – durch den Naturpark Vercors hätten fahren müssen, mit Léoncel auf über 900 m. Die schneebedeckten Höhen sehe ich von Weitem. Nein danke.
Zwar sparen wir uns diesen einen langen Anstieg, aber höhenmäßig wird es nicht wirklich einfacher. Ständiges Auf und Ab. Teilweise richtig giftige Rampen.
Dann plötzlich: Der Track verlässt die Straße und führt auf einen Wanderweg. Aha?
Ich schiebe. Einen Grund wird es schon haben. Matthias vor mir macht es genauso.
Raufschieben, steinig wieder runter, dazwischen einen umgestürzten Baum überklettern – und ich stehe wieder neben der Straße. Erleichterung! … die genau zwei Sekunden hält.
Es geht nicht auf der Straße weiter. Sondern wieder über diesen Weg.
Andere sind schlauer und bleiben einfach unten. Ich nicht. Ich will ja keinen DSQ riskieren.
Also wieder rein ins Gestrüpp, durch Büsche und Himbeer-Ranken. So bin ich halt. Wie ein Fähnchen im Wind – ich mache brav, was von mir verlangt wird.
Die Motivation sinkt nach einem weiteren 20%-Anstieg spürbar. Da rollen Horst und Karl heran. Ich hänge mich dran. Ein bisschen Plaudern hilft erstaunlich gut gegen Leiden und Kopfkino.
Gemeinsam erreichen wir den Kontrollpunkt beim Mairie von La Baume-Cornillane. Hier treffen wir plötzlich auf einen ganzen Pulk Randonneure. Wo kommen die denn alle her?
Nebenbei löst sich auch mein Rätsel: Mairie = Rathaus. Wieder was gelernt.
Mit Horst und Karl rolle ich weiter. In rasanter Fahrt geht es runter nach Crest.
Vielleicht etwas zu rasant.
In einer scharfen Rechtskurve sehe ich Horst vor mir auf der nassen Straße wegrutschen. Das Hinterrad geht weg, der ausgeklickte Fuß versucht zu retten, was noch zu retten ist. Vergeblich.
Er überschlägt sich mehrfach und stürzt die Böschung hinunter. Auf allen Vieren landet er unten auf dem Acker.
Karl und ich helfen ihm wieder hoch. Rad: ok. Horst: bis auf einen Kratzer erstaunlich ok. Meine Knie: zittern.
In Crest muss ich erst mal pausieren. Milchkaffee und Pain au Chocolat. Es ist inzwischen fast drei. Noch zwei Berge.
Werde ich die Maximalzeit schaffen?
Zu den beiden Anstiegen lässt sich nur sagen: Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt.
Ich starte. Matthias überholt mich wieder – genau in dem Moment, als ich wegen eines blauen Wolkenfensters meine Regenhose ausziehe.
Der Wind schiebt mich den Col du Lauzon hinauf. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus: hohe Felswände, eine beeindruckende Schlucht. Der Sturm erfasst unten das Wasser und schleudert es nach oben. Ein Regenbogen ist zu erahnen – leider nur schemenhaft.
Auf der Passhöhe: natürlich wieder Schneesturm. Also: schnell runter und Regenhose wieder an.
Im Tal dann: das erste Lavendelfeld vor spektakulärer Felskulisse. Wir sind in der Provence.
Ein letzter, langer Anstieg zum Col de la Sausse. Mit Rückenwind geht es erstaunlich gut – bis auf die letzten Meter. Richtungswechsel. Und plötzlich wird Radfahren fast unmöglich.
Ich habe kurz Sorge, vom Rad geweht zu werden. Trotzdem will ich unbedingt mein Erinnerungsfoto am Passschild.
Absteigen wird zur Herausforderung. Auf einem Bein stehen? Schwierig. Rad loslassen? Risiko. Aber es klappt.
Die Abfahrt danach wird… sagen wir: denkwürdig. So starke Seitenböen habe ich selten erlebt. Wie ich unten ankam, ist eine Mischung aus Können, Glück und vermutlich Schutzengel.
Dann, es dämmert bereits, rolle ich in Nyons ein.
Ich kann es kaum glauben. Was ich auf diesen 620 Kilometern erlebt habe, passt eigentlich auf keine Kuhhaut – geschweige denn auf eine Word-Seite.
Der angenehme Teil folgt: Herzliche Aufnahme bei Margriet und Eric, gemütliche Fahrt nach Bédoin mit Daniel, ein tolles Ferienhaus mit netten Radfahrkollegen.
Der Ventoux: wegen des Sturms nur bis Le Chalet Reynard (ja, ich gebe es zu – ich bin ein Weichei 😄). Dafür eine Traumabfahrt durch die Gorges de la Nesque.
Und schließlich die Rückreise mit dem Zug ab Avignon. Selbst die TGV-Fahrt mit Rad wird noch einmal abenteuerlich. Anleitung für das Verpacken des Rades: siehe weiter unten!
Schön war’s!!!
Vorher …
Die Anmeldung hatte es schon in sich: Punkt Mitternacht, in den ersten Sekunden des neuen Jahres. Bevor andere mit Sekt anstoßen oder längst selig schlummern, amüsierte ich mich traditionell vor dem Fernseher bei „Dinner for One“ mit „The same procedure as every year“, in den letzten Sekunden des alten Jahres saß ich dann schon etwas verschlafen vor dem Rechner. Eigentlich wollte ich ja früh ins Bett – aber die Startplätze sind angeblich wenige Minuten nach Mitternacht restlos vergeben. Also: Frohes Neues – Klick!
Das Event findet in der letzten Märzwoche statt. In unseren Breiten ist da eher „Übergangsjacke mit Handschuhen“ als Frühlingsgefühle angesagt. Etwas über 600 Kilometer führen von Freiburg im Breisgau nach Nyons – Zeitlimit: 40 Stunden. Klingt sportlich. Ist es vermutlich auch.
Rückfahrt mit TGV … hier muss man sein Rad „verstecken“. Ich habe aus Fallschirmseide eine Hülle genäht, klein zusammenlegbar, leicht und das Rad „verschwindet“ darin schnell. Hier, wie ich es gemacht habe. Hier ein eine Anleitung.
Das lief vorher so ab …
Die Begeisterung bekam nach der Anmeldung einen kleinen Dämpfer, als ich das „Drumherum“ studierte. Zuerst die Anreise mit dem Zug nach Freiburg. Ich + Rad + Zug = latente Nervosität. Kommt der Zug pünktlich? Erreiche ich die Anschlüsse? Ist der Fahrradplatz wirklich frei? Ein Abenteuer vor dem eigentlichen Abenteuer.
Dann die beiden Brevettage, an denen ich hoffentlich Nyons pünktlich erreiche. Am nächsten Tag fährt, wer möchte, weiter nach Bédoin – unter die Südseite des Ventoux, denn im März ist die Nordseite meist noch gesperrt. Kleine Randnotiz: Bédoin war natürlich ausgebucht. Zeitgleich findet eine Laufveranstaltung statt. Großartig.
Also Planspiel: Auto einen Tag vorher nach Bédoin bringen? Dann mit dem Zug (noch so ein „Rad-im-Zug-Tag“) zurück nach Freiburg zum Start? Logistisch eine kleine Doktorarbeit.
Und nach dem Sturm auf den Ventoux? Zurück mit dem Zug. TGV + Rad bedeutet: Radtasche. Der Drahtesel muss als harmloses Gepäckstück getarnt reisen. Für zwei Tage Brevet darf ich also eine ganze Woche einplanen. Effizienz geht anders.
Immerhin: Das Unterkunftsproblem in Bédoin hat sich inzwischen charmant gelöst. Ich darf mit sieben anderen Randonneuren ein Apartment teilen – was vermutlich mindestens so unterhaltsam wird wie der Ventoux selbst.
Und ich habe mir aus Fallschirmseide ein „Kleidchen“ für meinen Renner genäht. Sehr schick, sehr leicht – nur das Einpacken muss ich noch üben. Momentan schlackern die Einzelteile noch etwas zu sehr im Paket. Der Ventoux wird (hoffentlich) bezwungen – aber zuerst muss ich die Packtechnik üben.
Eigentlich bin ich wieder voller Vorfreude: Züge gebucht, Unterkünfte organisiert, alles geplant. Wenn ich da nicht heute Morgen beim Frühstück zwei Abenteuerberichte aus 2018 gelesen hätte. Miserables Wetter. Eisiger Wind. Regen. Dramatische Schilderungen.
Hier die Links dazu – danach werdet ihr mich vermutlich nicht mehr beneiden 😉
Und auch heuer gab es leider kein Audax Randonneé Solstizio d’Inverno, das sonst von Fabio Albertoni organisiert wurde. Also hieß es wieder: selber machen.
Wasserkrippe in Cassone
So gingen wir erneut alleine auf die nächtliche Runde um den Gardasee. Rund 200 Kilometer und 1.200 Höhenmeter später war klar: Es war jede Pedalumdrehung wert.
Eingeladen hatte ich über Instagram und Facebook, außerdem wurde die Runde als JOINME! auf der Skinfit-Website angekündigt.
Am Ende standen 12 Leute in Arco am Start: Umberto aus Trient, die beiden Mädels Margy und Gaia, drei Jungs aus dem Raum Turin (Marco, Gabriele und Massimo), Andrea aus Linz, Uli aus München, Christian und ich aus dem Raum Brixen sowie Michael und Benjamin aus dem Vinschgau.
Lazise
Gemeinsam rollten wir los Richtung Norden. Jede*r im eigenen Rhythmus, ganz ohne Druck. Unterwegs fanden sich immer wieder kleine Grüppchen – genau so, wie es sein soll vier Tage vor Weihnachten.
Nach der ersten Schleife über die Nordrunde (Arco – Radweg Richtung Sarche – Toblino-See – entspannt zurück nach Arco) trafen wir uns bei Kilometer 45 wieder.
Wer mochte, legte eine Pause ein: Die Bar Centrale in Arco hatte bis Mitternacht geöffnet – perfektes Timing.
Peschiera
Danach ging es im Uhrzeigersinn rund um den Gardasee. Bei Kilometer 111 stand der nächste Boxenstopp an: Energie nachladen bei McDonald’s in Peschiera (am Wochenende nachts bis 2 Uhr offen – wer hätte das gedacht?).
Die Vinschger waren schon wieder unterwegs, als ich dort ankam, kurz darauf war der Rest der Truppe wieder komplett. Essen, aufwärmen, weiter.
Sirmione, Desenzano, Saló … dann durch die Tunnel der Gardesana Occidentale, vorbei an Limone, Riva und zurück nach Arco. Die Gruppe zog sich etwas auseinander – ich „musste“ zum Beispiel immer wieder stehen bleiben, um die Weihnachtsbeleuchtung zu fotografieren. Man kann ja nicht einfach dran vorbeifahren.
Als ich schließlich wieder in Arco einrollte, kündigte ein feiner lila Streifen am Himmel bereits die Morgendämmerung an. Am Parkplatz folgte noch eine kurze Verabschiedung – alle happy, alle zufrieden.
Obwohl es unterwegs kaum unter 4 Grad hatte, war es am Parkplatz neben dem Fluss deutlich kälter: Raureif am Dach, mein Auto-Aufstelldach war zugefroren. Also verzichteten wir drei auf eine Schlafpause und packten unsere sieben Sachen zusammen.
Erstaunlich, welches Chaos ein paar Sachen anrichten können. Räder verstaut – meines hinter dem Sitz, Andreas und Ulis auf dem Heckträger – los ging’s.
Und dann kam der Moment, der mir heute noch in den Knochen steckt.
Beim Wegfahren fragte ich Uli noch, ob die Räder wirklich gut festgezurrt seien – und ob die rote Bandschlinge als zusätzliche Sicherung montiert sei. „Wozu denn?“ Ich erzählte ihm meine Geschichte vom Tuscany Trail, wo mir fast zwei MTBs auf der Autobahn verloren gegangen wären. Die Bandschlinge blieb trotzdem nutzlos hinter meinem Sitz.
Irgendwann auf der Autobahn hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich fragte Andrea, die hinten saß, was das gewesen sei. Sie schaute zum Radträger und rief: „Da ist nur noch ein Rad.“ „Du machst Witze“, sagte ich. „Nein!!!“
Pannenstreifen. Anhalten. Fünf Meter hinter dem Auto lag Ulis Rad.
Erstmal Schockstarre. Die beiden zogen Leuchtwesten an, stiegen aus. Auf den ersten Blick schien das Titanrad unversehrt – bis auf den fehlenden Spiegel. Später stellte sich heraus: dem Rad ist wirklich nichts passiert. Mehr Schaden hatte mein Setup: Die rot-weiße Warntafel war kaputt, zwei Befestigungen am Träger, die Felgenschuhe, waren weg – wie und wohin, bis heute ein Rätsel.
Der Schreck sitzt tief. Mein Fehler war klar: Ich hätte darauf bestehen müssen, die Räder zusätzlich zu sichern. Also: Leute da draußen – verlasst euch nicht nur auf die Befestigungen am Radträger! Sichert zusätzlich. Mit Bandschlinge, Gurt, was auch immer.
Was hätte passieren können, mag man sich gar nicht ausmalen: ein Rad auf der Fahrbahn, ein nachfolgendes Auto, ein Unfall …
August 2025, eigentlich standen ein paar Tage vor Abflug alle Ampeln auf Rot:
„Gabi fahr nicht nach Kirgistan!“. Ein Harnwegsinfekt, ein Stolpern über die Treppe mit einer starken Oberschenkelmuskel-Prellung oder vielleicht auch ein leichter Muskelfaser-Riss. In Kirgistan bei der viertägigen Akklimatisierungsfahrt befiel mich ein Infekt mit Fieber und Husten.
Alle Beschwerden schienen sich kurz vor dem Start gebessert zu haben. Trotz der Option im Kopf im Notfall zurück nach Osh zu fahren, falls eine Verschlechterung eintreten sollte, ging ich mit gemischten Gefühlen an den Start.
Denn das, was vor Hermann und mir lag, war nicht zu unterschätzen: Fast 2000 Kilometer mit nahezu 30.000 Höhenmeter durch Kirgistan, mit Start in Osh bis zum Zielort Karakol. Mitunter Hunderte Kilometer einsamster, schwer erreichbarer Gegenden, hohe Pässe (knapp über 4000m NN), mehrere Tage auf Höhen zwischen 3000 und 4000m NN, eiskalte Nächte, viele Schiebe- und Tragestrecken, unzählige Flussdurchquerungen, wenig Verpflegungsmöglichkeiten – das ist das Silk Road Mountain Race, dessen Veranstalter Nelson für seine Events den Anspruch erhebt, zu den anspruchsvollsten zu gehören. Beim Atlas Mountain Race (2023) bekamen wir einen „Vorgeschmack“.
Die hohe Ausfallquote spricht Bände. Dieses Jahr kam etwas mehr als die Hälfte der 235 Starter*innen ins Ziel: nämlich 131 gegenüber 104, die irgendwann früher oder später „gescratched“ haben, also aus dem Rennen ausstiegen. Ich spreche von Rennen, sehe es aber eher als Abenteuer, bei dem man ohne Hilfe von außen (unsupported) eine vorgegebene Strecke absolvieren soll, natürlich gegen die laufende Zeit. Es gibt nichts zu gewinnen außer der Ehre, es geschafft zu haben …
Etwas „Sicherheit“ vermittelt die Tatsache, dass jeder einen GPS-Tracker mithaben muss. Auf der Plattform dotwatcher.cc kann die „Welt“ digital miterleben, wo ihre „Dots/ Punkte“ gerade sind und auf welchem Rang in der Reihenfolge sie fahren oder ob sie von der Schnecke eingeholt oder überholt werden, die virtuell mitfährt und das Zeitlimit markiert.
Im Notfall drückt man „einfach“ auf SOS und Hilfe wird losgeschickt. Dass das mit der Hilfe nicht so „einfach“ ist, durften wir am eigenen Leib erfahren, das „Rennen“ endete für uns nämlich mit Drama. Bleibt dran!
Zuerst mussten wir aber mal ankommen … Ein Abenteuer für sich …
Nach den letzten Worten, die uns Nelson beim Briefing mit auf den Weg gab, geht es mit großem Polizeiaufgebot los. Hermann und ich mittendrin. Wir haben uns bei der Anmeldung dazu entschlossen als Team zu starten. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das bedeutet wir müssen die Strecke gemeinsam beenden, sonst steht auf der Finisher-Liste DNF, die Abkürzung für Did Not Finish und bedeutet im Sport „nicht beendet“.
Unsere Motivation (bei mir nach Anlaufschwierigkeiten und einigen Bedenken) ist groß und die Aufregung legt sich nach einigen Kilometern im Strom der fast 250 Teilnehmer*innen, der sich durch Bishkek und dessen Außenbezirken ergießt, unter Jubel und Applaus der Zuschauer. Dann zieht sich das Feld etwas auseinander. Es geht überland und immer wieder durch kleinere Siedlungen. High-Five hier und da, die Kinder und Jugendlichen schließen wohl untereinander Wetten ab, wer mehr Abschläge bekommt. Plötzlich zielt ein Halbwüchsiger mit einer Farbspraydose auf mich … Zum Glück kommt der erwartete Farbsprühregen nicht, ich werde mich aber Tage später daran erinnern.
Asphalt geht über in Schotter und unwillkürlich werden wir immer wieder eingenebelt vom Staub der vorbeifahrenden Autos. Es wird immer einsamer und hügeliger. Die Sonne verschwindet hinter orangeroten Wolken und dann kommt die Dämmerung. Auf der am Horizont weit vor uns verschwindenden Straße rotblinkende Lichter der anderen weiter vorne. Mystische Stimmung.
Dann Dunkelheit. Im Wissen, dass es den ganzen nächsten Tag keine Möglichkeit der Verpflegung gibt, sehne ich einen Shop herbei, auch um meine mich langsam einholende Schläfrigkeit mit Cola zu bekämpfen. Wir haben doch vor, die erste Nacht durchzufahren. Das Wasser geht mir auch langsam aus. Ob um diese Zeit, es geht ja schon auf Mitternacht zu, noch was offen ist? Und da, am nächsten Ortsanfang ein hell beleuchtetes Gebäude.
Ein großes buntes Plakat an der Fassade, магазин (Magazin) weist darauf hin, dass es hier einen Laden gibt. Die unzähligen am Boden liegenden bepackten Fahrräder sind auch ein untrügliches Zeichen dafür. Und der Raum ist nahezu leergekauft, naja, so ist das eben, wenn man sich so ziemlich am Ende des Feldes befindet. Aber Wasser gibt es noch und Cola.
Sorgen hätten wir uns da aber keine machen müssen, denn bis weit nach Mitternacht waren alle Läden auf den nächsten Kilometern geöffnet. Wir kehren noch zweimal ein. Einmal kaufen wir Brot, Käse und Kekse und stocken so unsere Vorräte auf. Statt des kleinen Münzwechselgeldes bekomme ich eine kleine verpackte weiße Kugel. Dann folgt eine lange Abfahrt auf Teer, ich habe Zeit zu rechnen und komme auf das Ergebnis, dass ich zu wenig Wasser habe. Ein einsamer kleiner Shop einer netten kleinen Familie nimmt uns auf, bewirtet uns mit Granatapfelsaft und Wasser. Ungläubig hören sie zu, was wir noch vorhaben. Die Bezahlung müssen wir fast aufdrängen.
Nun geht es endgültig ins Gelände. Entlang eines schmalen Baches folgen wir einer staubigen Piste. Irgendwann ahne ich, dass das Tälchen begrenzt wird von Berghängen, sehen kann ich es nicht genau. Erst als der fast volle Mond hinter Felswänden aufgeht. Die Straße wird immer holpriger, am Rand große Steine, Häuser gab es schon lange keine mehr. Langsam sollte ich wieder mal was essen. Wie wäre es mit etwas Süßkram? Ich wickle die weiße Kugel aus, ah, wohl weiße Schokolade. Lecker! Ich beiße hinein. Argggghhhh, was ist denn das? Schmeckt nach einem sehr sehr reifen Käse. Mein Gaumen reagiert beleidigt und entledigt sich schleunigst des fremden Dings. Was wohl ein Sakrileg ist …
Meine Recherche ergibt: Kurut – das kirgisische Raffaello! Klassisches Kurut wird in Form kleiner weißer Kugeln hergestellt. Es besteht aus getrocknetem Quark und Salz. Kurut ist das Lieblingsessen vieler Kirgisen. Sowohl der Erwachsenen als auch der Kinder. Das traditionelle Gericht wird das ganze Jahr über verzehrt und ist in ganz Kirgistan zu bekommen.
Kurut ist eng verbunden mit den nomadischen Wurzeln der Kirgisen. Als Nomaden hatten Kirgisen Kühe. Aus deren Milch produzierten sie Quark, um sie haltbar zu machen. Doch wenn es zu heiß war, konnte auch Quark nicht lange aufbewahrt werden. Daher hat man ihn gesalzen und getrocknet. Und so wurde Kurut erfunden. Aufgrund des Salzgehalts kann man es jahrelang lagern. Dass der Geschmack recht deftig ist und gewöhnungsbedürftig für europäische Gaumen, versteht sich.
106 Kilometer habe ich auf dem Tacho. Ein paar Minuten später immer noch gleich viel, auch bei den Höhenmetern ändert sich nichts. Die Karte auf dem GPS ist auch immer gleich. Was ist das denn? Mein Gerät, ich liebe es eigentlich, es ist benutzerfreundlich, bietet mir praktische Funktionen, reagiert normalerweise zuverlässig. Aber gerade … Ich lade die Strecke neu, schalte das Gerät aus, nichts! Irgendwann lasse ich das Gerät einfach aus. Ich fahre also ohne und hoffe Hermann fährt mir nicht davon. Im Dunkeln ohne die Strecke, oje! Immer wieder frage ich ihn wo wir genau sind, wie das Höhenprofil vor uns ist . Blöd, nicht zu wissen, was vor einem liegt, vor allem nicht im Dunkeln, meine Motivation schwindet.
Nach 125 Kilometern, es ist schon nach 2 Uhr am Morgen, überfällt uns doch beide die Müdigkeit und wir beschließen, wie andere entlang der Strecke, uns auch für einen Powernap oder etwas länger (?) einen geeigneten Schlafplatz zu suchen.
Trotz hellen Mondlichts ist ein solcher aufgrund der Geländebeschaffenheit nicht so schnell ausgemacht, aber dann wird das Tal weiter und wir können einen ebenen Platz neben einem großen Felsblock in Beschlag nehmen, der zum Radanlehnen, als Ablage und später als Frühstückstisch dient.
Zelt? Wir begnügen uns mit Matte und Schlafsack. Traumhaft mit Blick auf den grandiosen Sternenhimmel, auf die Milchstraße genau über uns, einzuschlafen.
Viel zu schnell vibriert der Uhr-Alarm. Genau genommen hatten wir ja einen tierischen Wecker. Ein Esel in unserer Nähe begrüßte lauthals den ersten Vorbeifahrenden. Rasch muss heißes Wasser her für einen der Kaffeebeutel (Luxus für die erste Nacht) und unser Jentschura Morgenstund-Frühstück. Gestärkt geht es weiter. Gestärkt? Ja, noch fühle ich mich gut, Hermann logo ohne Frage.
Der Eingang des Surmatash Nationalparks ist bald erreicht kurz nach der abenteuerlichen Überquerung des Flusses auf einer Brücke, dessen Bauweise stark abweicht von unseren Brücken, sie verbindet nämlich das eine, viel höher gelegene Ufer mit dem tieferen und ist dementsprechend sehr steil. Im Naturreservat soll es sogar noch Berglöwen geben. Allerdings sollten diese im Sommer durch das reichlichere Nahrungsangebot wenig Gelüste auf vorbeifahrende Bikepacker haben.
Am Eingang des Parks finden wir sogar Wasser. Schnell kramen wir Filter und Reinigungstabletten heraus. Wo aber soll ich die zusätzlichen 2 Liter des kostbaren Nass‘ unterbringen? Ich lege den Wasserbeutel mal auf meinen Lenker. Ob die Befestigung wohl hält? Wer weiß, wann wir das nächste Mal Wasser finden, der Fluss, an dem wir entlang radeln ist hier undurchsichtig braun durch das mitgeführte Material.
Am Morgen gebe ich meinem GPS-Gerät eine neue Chance. Ich schalte es ein. Leider hat sich nichts geändert, Navigation, Kartenansicht, alles ist blockiert. Ich entschließe mich zu einem Reset. Wie ging das nochmal? Kein Internet und so kann ich auch nicht Dr. Google um Hilfe fragen oder die KI. Ich erinnere mich, dass ich Gosia auf ihrer Australiendurchquerung mal geholfen hatte, ihr Gerät wieder in Gang zu bekommen, ich schaue im WhatsApp-Chat nach. Bingo! „Schalten Sie das Gerät aus, halten Sie die beiden Tasten an der Unterseite des Gerätes (LAP und START/STOP) gedrückt. Schalten Sie das Gerät ein (Einschalttaste nur kurz drücken und wieder loslassen). Ok, mache ich!
Ergebnis: Alle geladenen Strecken sind weg, alle mühsam über Wochen erstellten POIs ebenso. Ohne Internet kann ich die Strecken nicht wieder auf das Gerät bekommen, fahre also ohne. Zum Glück gibt es nicht viele Abzweigungen hier am Ende der Welt auf dem Weg zum Koy-Djul-Pass und dem Shiman-Bell-Pass. Und die Karte habe ich ja wieder, aber so ins „Blaue hinein fahren“ ist wenig motivierend, ich habe keine Ahnung, was vor mir liegt, wo die Steigungen sind, wie steil, wie lang … Wie abhängig man von der Elektronik auch beim Radfahren inzwischen ist. Immer wieder frage ich Hermann um Infos, nerve ihn so den ganzen Tag. Bei den Abfahrten später vermisse ich die Bildschirmansicht mit der Strecke sehr, um die Kurvenführung zu sehen.
Mit dem Reset habe ich nun auch meine gewohnte Seiteneinteilung nicht mehr. Ärgerlich! Und besonders eine Funktion waren dazu gekommen, die ich nicht in der Lage bin auszuschalten: Sobald ich schieben muss und somit sehr langsam bin, wird Auto-Pause aktiviert. Das heißt das Gerät glaubt ich stehe und zählt keinen Kilometer und keinen Höhenmeter mehr. Und das passiert heute sehr sehr oft. Die Strecke heute und die der nächsten Tage kann ich so nicht auf Strava laden, wie schaute das denn aus, wenn mehrere Kilometer und vor allem sehr viele Höhenmeter fehlen? Also bin ich wohl auch abhängig von den Socials … oder geltungssüchtig??? Nö, ich will die Strecken nur auswerten anschließend (Ausrede… *lach*).
Die über hundertsiebzig Kilometer Anstieg von Osh bis zum ersten Pass sollten laut Planung mit überschaubaren durchschnittlichen Steigungsprozenten zu überwinden sein. Aber nichts da. Es folgen immer wieder kleine Abfahrten und dann um so steilere Anstiege.
Auch wird das Tal immer enger, begrenzt durch schroffe Felswände. Da der Weg nicht viele Möglichkeiten hat, sind mehrere Steilstufen zu bewältigen. Also immer wieder raus aus dem Sattel und runter vom Rad. Die angedrohten 5 Kilometer hike a bike werde ich wohl dann schon voll haben, bevor die eigentliche Schiebestrecke beginnt. Auch der erste Bach will gequert werden. Ich fahre durch und meine Füße werden durch den eiskalten Schwall das erste Mal nass.
Das Tal weitet sich. Eine wunderschöne Art Almlandschaft erwartet uns. Und vor der mit Bangen erwarteten Steilstufe machen wir eine kurze Vor-Mittagspause im Schatten eines Baumes, den es hier auf über 2500m noch gibt. Menü der Wahl: Brot (Kirgisisches Brot – sehr lecker!) und eine Dose Sardinen in Tomatensauce. Ins Wasser schütte ich nun eine Packung Styrkr Elektrolyt Pulver. Weiter geht es. Die Hitze staut sich im Tal. Ich habe großen Durst. Immer wieder bleibe ich stehen, um zu trinken.
Dadurch komme ich irgendwie total aus dem Rhythmus. In immer kürzeren Abständen kommt der Wunsch zu einer Trinkpause (Ausrede). Auf jeden Fall verbinde ich Anstrengung und Geschmack des Getränks miteinander und ab diesem Tag kann ich den bittersalzigen Geschmack von Styrkr nicht mehr ertragen. Ich schleppe einige Briefchen noch einige Tage mit, verschenke sie dann. Wie wünsche ich mir banalen Apfelsaft herbei, am besten vermischt mit Kanne Brottrunk, es gibt nichts Besseres. (Elektrolytpulver ist nicht das einzige, das ich überflüssigerweise mitschleppe, wie ihr wisst, ich hamstere gern, um in Notzeiten was zu haben. So wandern Gummibärchen, Äpfel, Nüsse und vieles mehr über einen Gebirgs-Pass zum nächsten).
Die Schiebestrecke liegt in der prallen Sonne, Bäume gibt es hier direkt am Weg kaum mehr. Es ist sehr mühsam, das schwere Rad nach oben zu wuchten. Ich vermute, meines wiegt um die 25 Kilogramm. Zumindest legen sich nur wenige Hindernisse in den Weg. In steilen Serpentinen windet sich der Weg nach oben. Autos können hier nicht mehr fahren. Weiter oben wird es wieder fahrbar. Aber trotzdem für mich immer wieder zu steil. Aus den „angedrohten“ fünft Schiebekilometern sind bestimmt schon das Doppelte geworden.
Und hoch zur vorletzten Anstrengung auf den Koy-Djul-Pass gibt es zwar eine breite Schotterstraße, aber ich bin etwas schlapp nach den Hitze-Schiebe-Kilometern und muss auch da hochschieben. Vielleicht macht auch die Höhe was aus. Immerhin sind wir hier auf 3800m über NN. Mein wohl noch nicht ganz überwundener Infekt macht sich auch bemerkbar. Aber das bisschen Husten stört mich nicht so.
Die Straße schlängelt sich über endlose Serpentinen nach oben. Ich schleiche wohl dahin. Aber andere tun es auch … Mir tut es leid, dass Hermann oben so lange auf mich warten muss. Und wie bin ich froh, als er mir auf den letzten paar Hundert Metern entgegenkommt und mir das Rad abnimmt. Er ist mit Schieben schneller als ich ohne Rad, fast komme ich ihm nicht nach.
Nun folgt eine wunderbare Abfahrt. Hohe Berge in den unterschiedlichsten Farben liegen vor uns. Ich vergesse, dass noch ein kleiner Anstieg vor uns liegt, der entpuppt sich aber als harmlos und bald stehen wir auch auf dem zweiten Pass, dem Shiman-Bell-Pass. Und jetzt nur noch Abfahrt, bis zur Schlafpause. Juhu!
Und es gibt so viel zu sehen. Traumhaft. Nach vielen Kilometern über Schotter, teilweise mit Vorsicht zu befahren, da sich feste und bodenlose Schotterschichten abwechseln, passieren wir einige Hütten und Jurten. Dann rollen wir ein enges Tal entlang. Kühe auf dem Heimweg, begleitet von (friedlichen) Hunden zeigen uns, dass die nächste Siedlung wohl nicht mehr weit sein kann.
Wie üblich auch hier Kinder am Weg, die uns mit High-Five begrüßen möchten. Zwei Buben vor mir. Aber was …? Ich kann ihre Handbewegung erst nicht deuten, aber dann spüre ich was Nasses an Hals, Oberkörper und Beinen. Ich schaue an mir herunter, ich bin voll von Lehm, dieselbe Farbe, mit der die Häuser hier getüncht sind, an mir, an meinem Rad, an den Taschen. Ich lege eine Vollbremsung, lehne mein Rad an eine Wand und blicke zurück. Na wartet! Natürlich, niemand mehr da. Die beiden haben sich schleunigst verdrückt. Ich renne zurück. Nichts. Unverrichteter Dinge gehe ich zurück. Vorbei an einer daher trottenden schwarzen Kuh, die mich mit großen Augen anguckt. Ich versuche den Dreck notdürftig abzuwischen.
Etwas weiter sitzt Dmitrii (?) mit einer großen Wassermelone. Mitleidig bietet er mir ein Stück an, auch Hermann kommt zurück und fragt, was mir denn passiert ist. Ich glaube, ich habe noch nie so etwas Leckeres gegessen.
Nicht mehr weit und wir sind in Doroot Korgon.
Davor aber noch ein unerwarteter Kraftakt: Die letzten fünf flachen Kilometer haben wir Gegenwind, besser gesagt Gegen-„Sturm“. Ich komme kaum weiter, sobald ich aus Hermanns Windschatten „falle“.
Im Ort wollen wir ein Hotel oder ein Guesthouse suchen. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Zuerst füllen wir noch unsere Vorräte und Wasser auf, dann fahren wir Unterkunft-Suchen. Ohne Erfolg. Das Hotel auf Google Maps ist geschlossen, Leute, die wir unterwegs fragen, schicken uns von da nach dort, sagen uns die Namen eines Guesthouses, es gäbe ein Hinweisschild. Fündig werden wir nicht, Schilder sind in Kyrillischer Schrift, das kann ich meist nur ansatzweise bis gar nicht entziffern. Ratlos stehen wir da.
Ein anderer Radfahrer kommt auf uns zu. Er habe von Vadim einen Tipp bekommen von einem Hostel in der Nähe, das extra für uns aufmachen würde. Super! Wir sind die ersten, die eine freundliche ältere Frau einlässt. Wir suchen noch ein Restaurant, sind aber zu spät dran. Als wir zurück kommen, ist der Gang im Parterre voll mit Rädern. Wir kochen zwei der Tactical Foodpacks, unserer gefriergetrockneten Menüs. So müssen wir sie zumindest in den nächsten Tagen nicht schleppen. Eine Dusche und ein feines weiches Bett tut gut nach der (fast) durchfahrenen letzten Nacht und den kräfteraubenden Schiebekilometern heute.
Ich fühle mich gut. Fieber habe ich vermutlich keines mehr, meine Stimme klingt etwas wund, ich huste aber nur selten. Zurück muss ich also wohl nicht, wie auch, diese zwei Pässe zurück, nein danke!
Vorsprung auf die Schnecke haben wir auch … Am nächsten Morgen wird sie erst auf dem Pass vom Vortag sein und etwa 70 Teilnehmer sind auch noch hinter uns.
Und jetzt kann ich auch die Strecken wieder auf mein GPS-Gerät hochladen und bin wieder unabhängig. Ich denke, wenn ich alleine gewesen wäre, wäre das wohl ein Grund gewesen zu scratchen. Ich habe zwar eine zweite Möglichkeit des Navigierens auf dem Smartphone, aber das braucht viel Energie und die habe ich auch nicht unbegrenzt. Mein Nabendynamo arbeitet nicht so toll, wenn ich schiebe *lach*.
9 Uhr morgens, Tag 4 des Taunus Bikepacking, 11 Kilometer auf dem Tacho – klingt nicht dramatisch, wären da nicht die über fünf Stunden, die schon vergangen sind. Willkommen im Taunus, wo jedes Höhenmeterchen gefühlt ein halbes Alpenpass-Abzeichen einbringt.
Der Tag beginnt zäh: eine kleine Panne bei Stephan, den ich immer wieder treffe, haben wohl eine ähnliche Grundgeschwindigkeit (und natürlich fährt man da nicht einfach vorbei – Teamgeist vor Zeitschnitt), dann der epische Anstieg zum Pferdskopf. Wer auch immer den Stempelpunkt dort oben gesetzt hat, dachte wohl an ein Trailrunning-Event, nicht an Bikepacking. Gefühlte 20 Stockwerke später – Schweiß, Staub, Schnappatmung – wird man immerhin mit einer Aussicht belohnt, die selbst Postkarten neidisch macht.
Danach ein Rewe-Stopp in Schmitten (ja, Kalorien müssen rein – sonst bleibt man irgendwann einfach stehen), gefolgt vom gemütlichen Frühstück beim Bäcker. Schließlich will man ja nicht dehydriert oder unterkoffeiniert in die nächste Rampe rollen. Dass direkt danach ein wurzeliger Singletrail folgte, der das Vorankommen wieder in Zeitlupe verwandelte – war das Absicht oder sadistisches Streckendesign?
Und dann kam noch die Hitze. Die Art von Hitze, bei der jede Steigung zur Sauna mutiert. Der Fahrtwind war irgendwann nur noch symbolisch – und der Wunsch nach einem Planschbecken allgegenwärtig.
Tagesziel: ambitioniert – Realität: Dämpfer Also – schaffe ich es bis zur Finisher-Party am Samstag?
Mathematisch: Schwierig. Emotional: Möglich! Realistisch: Nur mit einem guten Flow, keinen Pannen, und einer ordentlichen Portion Entschlossenheit (und vielleicht einem kleinen Gebet an die Bikepacking-Götter).
Fazit: Ich bin zwar nicht schnell – aber dafür episch unterwegs. Vermutlich komme ich nicht mit persönlicher Bestzeit zur Finisher-Party, aber auf jeden Fall mit Geschichten, Schweißperlen und einer ordentlichen Dosis Taunus-Charakter im Gepäck.
Im Lauf von Tag 4 werde ich noch zigmal zweifeln, ob die Finisher Party am Samstag Abend ein realistisches Ziel sein kann.
Der Morgen beginnt mit einem klassischen Stimmungskiller: Regen. Nicht dramatisch, aber hartnäckig. Die große Entscheidung: Welche Jacke? Eine Frage, mit der ich manche beim Frühstück wohl nerve … Nach endlosem innerem Ringen entscheide ich mich für die schwerere Windjacke – woraufhin der Regen sich natürlich bald trollt. Timing deluxe, aber Taktik. Aber immerhin: ich war vorbereitet. Emotional.
Bei meinem Start, ich um 8:20, fällt die Art von Niesel, die alles irgendwie feucht macht – Kleidung, Moral, und ganz besonders das Rad, das sich binnen einer Stunde in ein rollendes Biotop verwandelt. Aber hey – der Spuk ist bald vorbei! Nur der Matsch bleibt. Und zwar überall.
Bald schon überholen mich etliche Fahrer – offenbar motiviert und voller Watt. Doch ich bleibe ruhig. Später sammele ich einige wieder ein – das ist Bikepacking, kein Sprint.
Die Wege? Matschig, rutschig, gelegentlich unter Wasser. Jesko hat das Streckendesign offenbar auf dem Einrad rückwärts geschrieben – gefühlt 80 % Singletrails, 20 % Schweiß, 100 % Herausforderung.
Zwischen den rutschigen Waldwegen, nassen Wurzeln und müden Beinen liegt immer wieder: Taunus-Idylle. Weitblicke, Lichtspiele durch Blätterdächer, ein ständiges Auf und Ab. Eine Landschaft, in der man sich verlieren kann – sowohl auf der GPX-Karte (Unkonzentriertheit wieder ein paar Meter strafweise zurück) als auch im Kopf.
Dazwischen Ablenkung: romantische Fachwerkstädtchen, wie aus dem Bilderbuch. Verwinkelte Gassen, blumengeschmückte Balkone, Kopfsteinpflaster. Ich staune – kurz – und dann geht’s weiter. Denn diese pittoresken Oasen, wie Kronberg, Eppstein oder Idstein, wechseln sich gnadenlos ab mit endlos scheinenden Wald- und Feldpassagen, die sich ziehen wie zäher Kaugummi.
Und dann sind da noch diese gnadenlosen Anstiege – wie hoch zum Kapellenberg oder zum Kaisertempel in Eppstein oder anderen Aussichtspunkten. Doch so steil sie auch sind, ich fluche kaum – denn kein Anstieg erscheint mir ohne Sinn. Jeder hat seine Aussicht, seine Magie, seinen eigenen kleinen Triumph.
Nicht ganz so magisch: Mein Garmin-Gerät, das brav den Weg zeigt – und ich, die brav… nicht hinschaut. Unkonzentriert, irgendwo falsch abgebogen. Der Klassiker. Verfahren. Zurück. Fluchen. Lachen. Weiter.
Sonntag in der Zivilisation – oder: Bikepacker betritt die feine Welt: Sonntag im Taunus. Alles hat zu. Die Bäcker schlafen, die Tankstellen träumen – nur mein Magen ist hellwach und sehr klar in seiner Kommunikation: „Jetzt. Essen. Bitte.“
Rettung! Die Hubertushütte taucht auf wie eine Fata Morgana für eine matschverschmierte Radfahrerin. Ich bremse abrupt, parke mein Bike dezent am Eingang, abschließen erachte ich als nicht notwendig, wer klaut ein so verdrecktes Rad, vollbepackt fühle ich mich wie eine Obdachlose. Mit demütig auf den Boden gerichtetem Blick hoffend auf etwas Magenfüllendes. Die Gäste – fein gekleidet, mit Weißwein in der Hand – mustern mich wie ein seltenes Wildtier auf der Durchreise. Ein Kind flüstert: „Mama, hat die im Dreck geschlafen?“ Mama zieht es vor, nicht zu antworten.
Doch dann: die Kellnerin. Ein Blick. So könne ich hier nicht rein. Bevor ich einen Fuß auf die heiligen Bretter der Außengastronomie setzen darf, kommt die Ansage: „Sie müssten sich bitte etwas säubern“; der ausgestreckte Finger in Richtung einer Hundetränke mit Wasserhahn. Ich nicke ergeben. Schließlich bin ich dankbar, dass sie nicht direkt den Kammerjäger ruft.
Ich schrubbe mich also – Gesicht, Arme, grob das, was mal Knie waren und die Schuhe, dann wage ich mich zurück.
Und ich bekomme sie. Die Spargelcremesuppe. Mit viel Brot – wahrscheinlich in der Hoffnung, ich sei dann schneller satt und verschwinde eher. Dazu eine Cola und ein Cappuccino, seltsame Kombination. Aber fast feierlich.
Nach dem Essen begebe ich mich in die sanitären Räumlichkeiten, um mich – sagen wir mal – gesellschaftskompatibler zu machen. Viel lässt sich nicht mehr retten, aber die groben Matschinseln verschwinden immerhin. Die Frisur bleibt naturbelassen.
Etwas später ein weiterer Versuch mich und das Rad an einem Brunnen notdürftig zu entmatschen – Ergebnis: ich sehe aus wie ein Mensch mit Ambitionen, das Rad hingegen bleibt in der Kategorie „Schlammkünstler des Jahres“, optisch hat’s ein wenig geholfen, technisch: eher nicht, Kettenöl später. Und wertvolle Zeit hat es mich auch gekostet.
Trotz allem: Es ist wunderschön. Der Taunus liefert. Rauf, runter, rauf, runter – ein ständiges „Hach!“ gefolgt von einem „Uff!“. Zwischen Matsch und Mühsal blitzen immer wieder diese Momente auf, in denen man denkt: „Jaaaa! Dafür bin ich hier.“
Tagesziel: mehr als erfüllt – und dann Trail Magic* beim Hangar in Michelbach. (*Trailmagic: Dieser Begriff gehört eng zum TBP, sonst ist mir der noch bei keinem Event begegnet. Die Fahrer*innen dürfen Unterstützung von außen annehmen, nur wenn sie für alle verfügbar ist; so findet man an mehreren Orten an der Strecke von Freunden mit Leckereien und Getränken ausgestattete Tische, manchmal betreut, manchmal nicht, die im Vorfeld auch nicht bekannt sind. Für uns Bikepacker*innen sind diese sehr motivierend.)
180 Kilometer, 3.800 Höhenmeter – das nennt man wohl: ordentlich geliefert. Am Abend rolle ich mit einer kleinen Gruppe in die Dunkelheit. Ziel: Flugplatz Michelbach. Was uns dort erwartet, ist fast zu schön, um wahr zu sein: ein Trail Magic, ganz offiziell, offen für alle Bikepacker.
Bratwurst, Rehsalami, Lichterkette – und das Gefühl, willkommen zu sein. Ich bekomme noch eine halbe Wurst – es ist spät, und Andreas und seine Crew sind bereits kurz vor der Nachtruhe. Versteh ich. Ich falle ja auch eher in die Kategorie Nachzügler mit Schlammkruste.
Der Schlafplatz ist spektakulär: ein Hangar, direkt neben einem historischen Flugzeug. Nur: „Schlafen“ ist ein großes Wort. Der Lärmpegel im Hangar ist… nennen wir es: lebendig. Erst das Rascheln der Biwaksäcke, dann das Schnarchen, das sich wellenartig über die Halle ausbreitet. Meine Ohrenstöpsel geben bald auf – sie fallen ständig raus, wahrscheinlich freiwillig.
Gegen Morgen: Aufbruchstimmung. Flüstern, Zipper, Schuhtapsen, das metallische Klackern von Kochern und Bechern – die Bikepacker-Welt erwacht. Ich auch. Und dann: Frühstück um 5 Uhr, mit frischem Gebäck und Kaffee – von Andreas und seinem Team mit einem Lächeln serviert, als hätten sie nicht selbst gerade nur drei Stunden geschlafen.
Tag 2 153 km/ 3100Hm, verstrichene Zeit: ca. 16h
Wolfsland, Werkzeug und Weinberge – Taunus, du Tier
Dann rolle ich los. In den frühen, kühlen Tag. Müde Beine, warmer Kaffee im Bauch – und im Kopf die Frage: Was bringt dieser Tag? Über etwas bin ich mir sicher – neue Geschichten.
Der erste Berg habe ich hinter mir. Nach Michelbach ein kurzer Hauch Zivilisation auf Asphalt, doch dann: links oben eine Burgruine.
Mir schwant Böses. Zu Recht: Es folgt eine Rampe mit über 20 % Steigung – Hohenstein. Ich trete sie hoch. Oben treffe ich erstmals auf Stefan. „Bist du hier AUCH hochgetreten?“ frage ich in heldenhafter Pose. „Nee“, sagt er trocken, „ich brauch meine Beine noch.“ Der Dämpfer sitzt. Ich versinke etwas in meinem Schweiß. Ein kleiner Dämpfer für mein Ego – dafür große Erkenntnis: Selbstüberschätzung fährt sich nicht leichter; ich höre in mich hinein, zwickt da nicht mein rechtes Knie ein wenig?
Nach Bad Schwalbach wird es einsam. Pause im Wispertal. Einsamkeit, Brotvesper, ein bisschen Selbstmitleid. Ein Ort der Stille, an dem man sich fast sicher fühlt – bis ich am nächsten Tag erfahre, dass genau hier das einzige Wolfsrudel des Taunus lebt. Zum Glück ist Sommer – das Buffet ist für die Wölfe reich gedeckt, und ich offenbar kein Menüpunkt; die Wölfe haben anderes auf dem Speiseplan als müde Radfahrerinnen mit Käsebrot.
Tags zuvor schon hatten mir glitschige Singletrails, nasser Waldboden und eine Reihe von Steilstücken den Respekt vor dem Taunus eingeimpft.
Jetzt bin ich auf dem Weg nach Nastätten – Supermarktstopp! Und was für einer: Kefir und Erdbeerkuchen. Gestärkt geht’s weiter Richtung CP1. Noch ein paar Kilometer, dann ist ein Viertel der Runde abgehakt.
Wobei… was heißt überhaupt „Runde“? Eine 1000-Kilometer-Strecke auf 75 x 35 Kilometern Fläche – ich habe ständig das Gefühl, im Kreis zu fahren. Man nähert sich Orten, entfernt sich wieder, nur um sich ihnen erneut zu nähern. Ich vermute: Streckenplaner Jesko wollte sicherstellen, dass wir wirklich jedes Tal im Taunus auswendig kennen.
Dann: zufällig ein kurzer Blick in die WhatsApp-Gruppe. Markus, den ich vom Race Around Rwanda kenne, meldet: Seine Toolbox ist weg. Wenig später biege ich vom Asphalt auf Schotter, da ragt etwas aus dem Gras. Vollbremsung. Zurück. Und da liegt sie – mindestens 1 Kilo schwer. Ich adoptiere die verstaubte Toolbox und trage sie mit in meiner schon übervollen Tasche. Über die nächsten Hügel. Für Markus.
Wenigstens muss ich sie nicht bis zum Checkpoint hochbuckeln. Und ich ahne noch nicht: Das war nicht mein letzter „Nachtrag“ in diesem Rennen. (Ach ja, Markus, wenn du das liest, ich warte noch auf den versprochenen Aperitif … *lach)
Slalom, Schleifen, Schrammen – und ein Viertel geschafft
Ein Forstweg zieht sich zäh nach oben – und genau hier ist eine Gegenverkehrszone im Rennen. Also penibel rechts bleiben. In einer Kurve rauscht mir dann auch prompt ein Mitfahrer entgegen – mit ordentlich Tempo. Nur mit einem beherzten Lenkmanöver vermeiden wir das große Double-K.O.– was für ein Bild das für Gosia, der Taunus-Bikepacking-Fotografin, gewesen wäre!
Und als Krönung: Ein Auto genau an der Abzweigung. Ich sehe sie nicht. Fahre weiter bergauf. Klar, was sonst. Bonus-Höhenmeter, ganz uneigennützig. Als ich den Fehler bemerke, ist das Extra-Training schon in den Beinen eingebucht.
Dann: Singletrail. Die Bremsen quietschen, die Brennnesseln beißen, Dornranken kratzen – ich sammele weitere Quadeln und Schrammen für meine wachsende Kollektion. Ein umgestürzter Baum verlangt akrobatische Kletterei – der Trail hat’s in sich. Wer dachte, man könne CP1 einfach so erreichen, hat den Taunus unterschätzt.
Aber dann ist es geschafft: CP1 ist versteckt, irgendwo an einer Bank. CP1 – lebendig, laut, irgendwie gemütlich rund um die Holzbank von Mehrholzblick herum. Fachgesimpel, Gelächter, ein Hauch von Erleichterung liegt in der Luft. Und Gosia (@bite.of.me) hält alles fest, auch das Aufdrücken des begehrten ersten Stempels – danke für die Bilder! Dann bergab wieder der Trail: Brennnesseln, Dornen, Kratzer, Quadeln. Ich überklettere den Baum und fluche. Es soll nicht der letzte gewesen sein.
Kaum beginnt man, sich wie ein Held zu fühlen („ein Viertel ist geschafft!“), schiebt sich die nächste Realität ins Bewusstsein: Zwei ordentliche Bergriesen stehen noch bevor, bevor ich endlich in Rüdesheim am Rhein bin – dort, wo ich in meiner Planung einst ganz naiv einen „Schlafplatz“ vorgesehen hatte.
Aber hey: Noch bin ich wach. Und unterwegs.
Aber die Erkenntnis wird sich in den nächsten Tagen noch weiter bewahrheiten: Hier im Taunus sind 100 Höhenmeter so schwer wie daheim 1000 – unbefestigt, steil, heiß. Sobald die Sonne durchkommt, wird’s brütend.
Der erste Berg startet wie ein Vorschlaghammer, wird dann lieblicher. Wald. Millionen pinkfarbene Fingerhüte säumen den Weg – fast romantisch. Die Schotterabfahrt erfordert volle Konzentration, unten übermannt mich die Müdigkeit. Powernap auf Bank – gescheitert, zu heiß. Dann rettet mich ein Bäcker: Streuselkuchen & Latte macchiato mit zwei Zucker, verdient wie ein Etappensieg.
Die Abfahrt durch die Weinberge des Rheingaus ist ein Traum. Doch der nächste Berg – die Kalte Herberge (wieso eigentlich „kalt“???) – sieht im Höhenprofil schon fies aus.
Und in Kiedrich sitzen einige Radfahrer, auch Markus und winken herüber. Ich fahre weiter. Jetzt verstehe ich, sie haben wohl den Moment des Losfahrens zur Kalten Herberge noch herausgezögert. Ich will den Berg möglichst schnell hinter mich bringen.
Und meine Vorahnung bestätigt sich: Nach Kloster Eberbach geht’s permanent +/- 17 % steil bergauf – mehrere Kilometer lang. Kerzengrad führt die Straße nach oben und verliert sich im Horizont. Es wird flacher, ich freue mich – zu früh. Das Navi pfeift mich aus der flotten Abfahrt zurück. Falsch. Ich muss zurück – hoch! Ein unscheinbarer, steiler Pfad. Ich schiebe. Bis ganz oben.
Dann aber: wirkliche Abfahrt, runter zum Rhein. Das REWE noch geöffnet – ich schlage zu. Kefir, Erdbeeren, Ananas, eine Bowl mit Gemüse und für das Frühstück vorsorglich Lattemacchiato aus der Flasche und Müllers Milchreis, ich sollte am nächsten Tag erst nach 30 Kilometern bei einem Bäcker vorbeikommen. Vor dem Laden treffe ich Dani und Max, wir essen auf dem Boden wie Picknick-Punks. Ich prahle mit meinem Planungswissen: Der Grillplatz sei locker erreichbar. Alle überzeugt.
Und tatsächlich: Die Weinberge lassen sich im Abendlicht leichter erklimmen, die Aussicht motiviert: Burgruine Ehrenfels, glitzernder Rhein, Niederwalddenkmal. Den Grillplatz erreiche ich bei Dämmerung (es ist schon fast 22 Uhr) – Max und Stephan richten sich grad häuslich ein. Ich stelle mein Zelt in der Nähe auf. Der Boden ist durchwühlt – Wildschweine waren wohl schon beim Abendessen. Ich hoffe, sie haben jetzt Feierabend.
Tag 3 161km/ 3200Hm; verstrichene Zeit: ca 17h
Etappenbericht mit Wildschweinpanik und Geleebonbon-Magie
Die Nacht? Nicht gerade ein Wellness-Retreat. Ohne mein abendliches Leseritual komme ich kaum in den Schlafmodus – wie soll der Geist ruhen, wenn er auf Seite 200 hängen geblieben ist? Stattdessen liege ich wach und horchte auf jedes Geräusch, das potenziell von wildgewordenen Wildschweinen stammen könnte, die um mein Zelt herum breakdancen – vermutlich mit meinen Radschuhen im Maul. Szenario des Grauens: Ich, auf dem Bike, in Flipflops.
Noch vor dem Wecker zwitschern mich die Vögel wach. Ich packe mein Häuschen zusammen, frühstücke meinen traditionellen Milchreis (Reis mit Charakter!), und brauche fast eine Stunde, bis ich abfahrtsbereit bin – Weltrekord im gemütlichen Rumsortieren. Dann geht’s los, gemeinsam mit Stephan.
Erst geht’s runter nach Assmannshausen ans Rheinufer – herrlich! Dann wieder hoch – weniger herrlich. Aber mit Gequatsche vergeht die steile Rampe irgendwie schneller. 12 Grad und frische Morgenluft – schreien förmlich nach Bäckerpause. Unterwegs finde ich ein Paar Handschuhe auf dem Trail. Offenbar ist es mein Schicksal, anderen ihr Zeug hinterherzutragen. Beim Bäcker klärt sich das Rätsel: Sie gehören Markus, dem Mann, der seinen Radrahmen selbst gebaut hat und später an seinen etwas abgefahrenen Reifen rumbasteln wird.
Meine Knie motzen etwas – die sind offenbar auch keine Fans von steilen Schotterauffahrten und holprigen Singletrails. Die Abfahrten fahre ich mit der Vorsicht einer Katze, die gerade einen Gurkenschatten gesehen hat. In den letzten Tagen sind zwei Mitfahrer gestürzt – Guy hat sich Hemd, Hose und Haut ruiniert, letzteres wird wohl heilen, die anderen beiden sind wohl hin. Manfred liegt im Krankenhaus. Schaltauge hin, Motivation noch da, aber er wird wohl scratchen müssen. Also: Vorsichtig!
Es ist viel steil, viel wild, wenig zügig. Eigentlich wollte ich heute Richtung Checkpoint kommen. Stattdessen: 5,5 Stunden für 50 km. Und dann – plötzlich mitten im Wald – Trailmagic! Ein Biertisch mit leckeren Sachen und Getränken, aufgestellt von der Mama von @hey.hannanah. Ganz ehrlich: Die Gelee-Bonbons waren die wahren Energiespender dieses Tages.
Aber irgendwie läuft’s trotzdem nicht so. Wieder ein Aufstieg, dann ein Bachtal bei Sauerthal – matschig, zugewachsen, wie durch grünen Pudding fahren. Ich verpasse dreimal die Einfahrt. Das kann doch nicht sein, da entlang? Die Motivation? Hat wohl den letzten Abzweig verpasst. Dann will ich beim Fahren die GoPro einschalten – fast lege ich mich hin. Ich lerne: Multitasking ist ein Mythos.
Kurz vor Lorch dann – Erlösung: Ein Rewe! Dort sammeln sich ein paar Mitfahrer, wir klagen uns gegenseitig unser Leid und trinken, ich Kefir, auf die harte Realität. Danach geht’s steil die Weinberge hoch – bei der Hitze eine Mischung aus Sauna und Schinderei. Drei Berge rauf, drei wieder runter – gegenüber am Rhein dasselbe Schloss von morgens – vor den drei Bergen. Hätte man auch mit der Fähre oder am Ufer entlang machen können … aber wo bleibt da das Drama?
Fast 500 Höhenmeter in der Mittagshitze – Schatten ist Luxus, der hier nicht geliefert wird. Mediterranes Feeling. Danach: Felder, Wälder, Getreide bis zum Horizont. Gerade Rewestopp – Ananas, Kefir und zwei Gurken (mein Gourmetmoment). Vor mir: 70 km Einsamkeit bis zum nächsten Versorgungspunkt und Hoffnung auf Rückenwind, der bei diesem Höhenprofil höchstens Kühlung bringen würde.
Bei der größten Mittagshitze taucht in Patersberg der auf meiner Planung notierte Dorfautomat auf. Meine Rettung. Ich lechze nach einem Lattemacchiato oder ähnlichem. Es gibt eine Dose Eiskaffee. Himmlischer Motivationsschub.
Eine Gruppe Mitleidender kreist in dieser Zeit umeinander. Einmal ist Dani vor oder Stephan oder …, dann wieder wer anders, dann sitzt einer wieder im Schatten einer Bank und ich löse ihn dort ab, um selber den Körper etwas runter zu kühlen und mit Gurken, Käse und Brezel die Reserven aufzufüllen. Ausrede zur x-ten Pause. Qualvoll an einem Waldschwimmbad vorbei zu fahren und die kreischenden Kinder dort zu hören, Ohren zuhalten geht leider auch nicht.
Nach dem Mittags-Rewe dann Frust deluxe – 11 Stunden für müde 100 km. Will man eigentlich nicht auf Strava hochladen. Doch dann: sanftes Auf und Ab über Wiesen und Felder – fast meditativ. Rewe in Hausen an der Aar: Großes Schlemmen mit Fetasalat, Brezel, Limettencreme und Melone. Schlaraffenland auf 7-EURO-Budget. Noch 40 km zum Schlafplatz – läuft plötzlich flüssig. Mit dabei: Stefan. Wir bauen gegenseitig unsere Motivation auf. Zwei Frauen weisen uns kurz vor Dämmerung zu einem Sportplatz mit Grill-Hütte. Unser Camp für die Nacht. Staubig, aber gemütlich. Vor dem Schlafengehen gönne ich mir eine Katzenwäsche mit dem kostbaren Trinkwasser, sparsam auf ein Funktionstuch geträufelt – so füge ich mich mit meinem nur halb erfrischten Körper nahtlos in die staubige Hütte ein.
Und: Endlich mal wieder geschlafen! Fünf volle Stunden, was nach den letzten Nächten nach Luxusklasse klingt. Wecker um halb fünf, schnelles Packen (eine ganze Stunde!), Milchreis und Flaschen-Latte – auf geht’s in einen hoffentlich weniger frustrierenden Tag! Die Hoffnung stirbt aber wohl zuletzt …
Tag 4 151km/ 2800 Hm; verstrichene Zeit ca. 16h
Halbzeit mit Umwegen
Nach einem ersten Tag mit Raketenstart, einem zweiten mit solidem Flow und einem dritten, der sich eher nach Kaugummi anfühlte (bis zumindest km 100), starte ich heute guten Mutes in Tag 4. CP2 steht auf dem Plan, und damit die heiß ersehnte Streckenhälfte. Das Wetter? Postkartenwürdig. Los geht’s!
Wasser habe ich kaum noch, aber mein Zwischenstopp auf dem Friedhof gilt nur der blitzschnellen Katzenwäsche (bitte kein Publikum – ich fühle mich dabei schon schuldig genug). Trinken? Lieber nicht. Ich habe auf WhatsApp gelesen, dass einige Mitfahrer*innen mit üblen Magenproblemen kämpfen. Brunnen meide ich konsequent – angeblich oft nur Umlaufwasser. Vertrauen sieht anders aus.
Bei Sonnenaufgang treffe ich auf erste Frühaufsteher – vor allem tierische. Neugierige Pferdchen schauen mir hinterher, ein Igel erstarrt am Straßenrand zu einer stacheligen Statue. Ich bin unterwegs von Schmitten auf den Pferdskopf und denke dabei schon sehnsüchtig ans Frühstück. Doch erstmal stehen mir noch ein paar flache Kilometer bevor – und mitten drauf: Stephan. Neben seinem Rad. Mit Platten. Ich frage im Vorbeifahren: „Hast du alles?“ – „Ja“, sagt er.
Doch dann: Vollbremsung. Mein innerer Dialog läuft auf Hochtouren: „Fahr weiter, das ist ein unsupportetes Rennen, du darfst eh nicht helfen.“ „Ja, aber … du bist schon mit ihm gefahren … willst du jetzt echt so ein Schuft sein?“ Kurz: Ich drehe um. Biete meine Standpumpe an (von „helfen“ kann man bei meiner Technikkenntnis kaum sprechen). Aber mit ein paar Handgriffen läuft das Ding bald wieder, „pronto“ für den letzten Kilometer.
Der zweite Stempel lässt sich nicht lumpen: 20 Etagen (gefühlte) geht’s zur Turmplattform. Aber die Aussicht? Kino. In der Ferne grüßt der Große Feldberg – und auf meinem GPS lade ich Track 3 von 4. Halbzeit.
Abfahrt zurück nach Schmitten. Unterwegs treffe ich Nina – ohne zu ahnen, welche Rolle sie später noch spielen wird. Rewe macht gerade auf – Stephan sei Dank, sonst wäre ich wohl hungrig weitergerollt. Eine Flasche Kefir auf Ex (sonst nie mein Ding, aber mein Körper verlangt es wie ein Teenie nach TikTok). Ich decke mich ein, denn 50 km ohne Verpflegung stehen bevor. Stephan klagt derweil über seine Schaltung – sie springt nun fröhlich in die kleinen Gänge. Ich erinnere mich dunkel an einen Tipp meines Mechanikers: „Schräubchen nach links – oder rechts – halbe Umdrehung, dann wieder zurück, oder so?“ Versuch macht klug – und siehe da: es hilft! Ich gönne mir zur Belohnung süße Teilchen beim Bäcker und einen Latte Macchiato (mit zwei Zucker).
WhatsApp, FollowMyChallenge – ein kurzer Blick aufs Rennen. Plötzlich steht Stephan wieder da. Nun zicken die großen Gänge. Er will auf den Radladen warten. Ich fahre weiter – Zeit und Kilometer schreien Alarm. Fünf Stunden rum, erst 11 km geschafft. Wenn das so weitergeht, bin ich zur Finisher-Party nicht vor Ort.
Dann geht’s richtig ins Gelände: Singletrail. Ich bin langsam, sehr langsam. Wälder, Felder, Tiere, Hitze – alles wie gemalt, nur dass das Bild zu kleben scheint.
Dann, kaum 30 km nach CP2, fällt mein Blick auf ein Schild am Straßenrand, in Neonfarben (erregt die Aufmerksamkeit auch des müdesten Hirns). „Trail Magic: Free Food. Free Toilet. Free Coffee. Free Shower. Free Safe Place to Sleep.“
Letzteres streiche ich – es ist noch nicht mal Mittag. Aber Dusche … nach dreieinhalb Tagen? Ich hoffe, das ist kein Hitzedelirium. Und siehe da: es ist echt! Ein Wohnhaus direkt an der Strecke. Davor: Ramon, Röttger, Markus, Bernd, zwei Trailangels und ein Buffet, das jedem Schlaraffenland die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ich ziehe meine „virtuelle Nummer“ – Anstellen zur Dusche – und stärke mich derweil mit Brötchen, Kaffee, Obst, Süßem, Getränken.
Dann: Duschen. Mit allem, was ich anhabe (außer den Schuhen) besteige ich den Sehnsuchtsort. Komplett. Trocknen später am Rad: Socken, Hose, Shirt – alles kunstvoll verknotet und an der Packtasche verzurrt, damit nichts in die Speichen wandert.
Zum lustigen Treiben hier kann ich zur guten Stimmung beitragen: Anekdote vom Tag zuvor, die Runde in Pfaffenwiesbach verkugelt sich vor Lachen: Geisenheim am Nachmittag. Ein Mann steht an einer Ecke, Smartphone in der Hand, auf dem Asphalt vor ihm mit Kreide die Nummern „77“ und „14“ notiert. Ich nutze die Situation meine Beinen nach dem letzten Berg eine kurze Pause zu gönnen: Ich frage vorsichtig: „Warten Sie auf einen Taunus-Bikepacker?“ Er nickt. „Ja, auf die 77“. Ich weiß dessen Namen nicht, deshalb frage ich nach. Ich verstehe etwas, was wie Hermann klingt. Hermann? Ich überlege kurz. „Oh, cool, so heißt mein Mann auch. Im Rennen gibt’s allerdings keinen Hermann. Aber ich sage lieber nichts – vielleicht bin ich ja verwirrter als gedacht. Später werfe ich einen Blick ins Tracking: Nummer 77 – das ist Ramon. Nicht Hermann. Nur fast. Als ich den „Hermann-Moment“ schildere, bricht die Runde in schallendes Gelächter aus. Seither hört man immer wieder ein neckisches: „Na, Hermann, wie läuft’s?“ Ramon nimmt’s mit Humor.
Ich breche auf – schweren Herzens. Ich warte aber noch auf die unter Riesenapplaus stattfindende Ankunft von Nina. Im Getümmel mache ich mich davon.
Es ist Mittag. Nach fast sieben Stunden bin ich gerade einmal 41 Kilometer weit gekommen. Ob das noch aufzuholen ist?
Der Taunus – friedlich, sauber, als hätte ihn jemand morgens mit dem Mikrofasertuch poliert. Eine ansteckende Ruhe liegt über allem. Mal Weite wie im Wüstenfilm, dann wieder Wald, so dicht, dass man glaubt, gleich in einem Märchenwald auf eine Gruppe sprechender Rehe zu treffen. Überall Schutzhütten – auf drei Seiten geschützt, vorne offen. Ein Zelt? Hätte ich mir glatt sparen können! (Allerdings sind einige der Hütten schon besetzt, wenn ich abends vorbeikomme).
Kleine Orte tauchen auf, mit überraschend vielen netten Menschen. Ich schwöre, in den Bäckereien des Taunus sind alle Mitarbeiter*innen Teilzeit-Engel – inklusive der Dame, die mir den Löffel persönlich über die Treppe entgegenträgt. Mein Gesicht muss nach „plattgekochter Radfahrer“ geschrien haben.
Was die Wege angeht, scheint es im Taunus ein Gesetz zu geben: Keine Steigung unter 14%. Wenn’s mal sanft bergauf geht, ist das wohl ein Versehen. Nach 11.000 Höhenmetern melden meine Beine übrigens offiziell Insolvenz an. Und wenn’s steiler wird, dann absteigen. Oder stürzen – was sich bei mir in die Brennnesseln und Disteln manifestiert hat. Danke, liebe Natur, für dieses brennend-juckende Andenken.
Heute ist’s warm. Wieder. Diesig obendrein. Ich trödele nach dem himmlischen Trailmagic-Stopp in einem flatternden Shirt weiter – radmodisch fragwürdig, aber angenehm luftig. Es geht hügelig weiter, keine ernstzunehmenden Berge im Moment. Dafür ist es schon Mittag, und ich habe nicht mal 50 Kilometer geschafft. Mein Tagessoll winkt mir im Rückspiegel zu (sofern ich einen hätte) und verschwindet lachend in der Ferne. Und meine Ankunft am Freitagabend? Die kann ich mir langsam abschminken.
Der Große Feldberg guckt immer wieder um die Ecke, mal näher, mal wie ein ferner Mythos. Der letzte und höchste Berg, ca. 30 Kilometer vor dem Ziel. Ganz ehrlich? Ich fang jetzt schon an, mit ihm zu verhandeln – wird er mir wohlgesinnt sein?
Straßenstücke sind ein Wechselbad der Gefühle: Freue ich mich über schönen Asphalt, kommt garantiert ein Abbiegehinweis in den Schotterhorror. Umgekehrt biege ich missmutig in den nächsten Weg ein – und lande plötzlich auf frischem, glattem Teer. Taunus, du alter Trickser.
Und dann: Dani. Immer wieder mal begegnet er mir – und ist dann plötzlich wieder weg. Ich vermute magische Tarnfähigkeiten seines blau-rot-karierten Hemds.
In der Nachmittagsglut habe ich eine Halluzination: Auf der Wiese steht ein Kamel. Kein Witz. Ich bin kurz davor, es nach dem Weg zu fragen.
Bad Camberg empfängt mich am späten Nachmittag nach nicht einmal 100 Kilometern mit offenen Armen – und einem Supermarkt. Großeinkauf deluxe: Abendessen für sofort, Frühstück für später.
Ich glaube es war hier, bin mir aber vor lauter Schleifen und Fast-Kreisen nicht mehr sicher: Bei der Erwähnung, dass ich nach Limburg müsse, bekomme ich die Info, das sei eh nur noch 5 Kilometer bergab. Dass ich aber noch über 200 Kilometer vor mir habe dorthin, verschwieg ich lieber. Nicht, dass ich noch als „Plemm-Plemm“ erkannt werde …
Der Weg zum Schlafplatz zieht sich wie Kaugummi auf Asphalt. Die Sonne hängt tief, die Felder rumpeln wild unter den Reifen, und ich schleppe mich wie ein müder Esel durchs Gelände. Als die Dämmerung sich anschleicht, checke ich schnell „FollowMyChallenge“ – Dani hat das Dörsbachtal schon hinter sich. Und das Ding verspricht Schiebe-Passagen und Singletrails. Nichts für Nachteulen.
Ich finde einen Grillplatz auf der Abfahrt ins Dörsbachtal – versteckt für müde Held*innen. Scharfe Rechtskurve, ein paar Meter runter, hinter Bäumen: Jackpot. Zelt aufgebaut, na ja, irgendwie. Der Boden ist härter als meine Motivation bei 38 Grad – die Heringe stecken eher symbolisch. Mein Zelt hängt wie eine alte Hängematte im Wind, und ich muss aufpassen, dass ich es nachts nicht mit einer unbedachten Bewegung einreiße. Am Morgen: so nahe am Fluss alles klatschnass vom Tau. Zelt, Schlafsack, Laune.
Aber hey – ich bin noch da. Und das ist doch schon mal was!
Tag 5 142km/ 2900 Hm, verstrichene Zeit ca. 15h
Von Feuchtigkeit, Feiertagen und faltbarer Pizza
Der Tag beginnt wie jeder gute Campingmorgen: mit klatschnassem Zelt, feuchtem Schlafsack und dem Gefühl, das Gewicht meiner Fehler auf dem Rücken zu tragen – nämlich Schlafplatz am Fluss. Aber hey, wenigstens ist das Frühstück trocken.
Ich starte mit leichtem Bammel in den „technischen Abschnitt“, der sich dann als harmloser herausstellt als mein letzter Versuch, den Zeltboden einzuschlagen. Gut so – schwere Abschnitte würden mich heute eher in die Knie zwingen als motivieren.
In Singhofen hoffe ich auf Brot und Gebäck, aber der Bäcker hat geschlossen. Um 6 Uhr morgens. Gibt es etwas wie Taunus-Zeit? Also nach Lust und Laune? Beim Supermarkt ein paar Meter weiter warten zwei rauchende Damen auf ihren Arbeitsbeginn – oder das Ende der Raucherpause, wer weiß. Auf meine Frage nach dem anderen Bäcker folgt die erstaunliche Nachricht: „Der macht heute gar nicht auf.“ Warum, verstehe ich erst später. Spoiler: Feiertag. Nicht bei mir, aber offenbar hier überall.
Ein paar Jungs überholen mich. Ich dachte, die sind schon über alle Berge.
Und grad ein lustiges Ortsschild: „Berg“, das ist ganz ja was neues …
Ich scheine etwas verzweifelt ausgesehen zu haben – darf zumindest im Kunden-WC meine Trinkblase auffüllen. Ein Segen! Die vollen Brotkisten im Geschäft schauen mich an wie Sirenen Odysseus. Aber Regeln sind Regeln. Noch geschlossen ist geschlossen.
Kurz danach hole ich Stephan ein, der die Nacht mit raschelnden Mitbewohnern (Mäusen!) in einer Hütte verbracht hat. Ich beneide ihn nicht. Der Dorfladen in Gemmerich, mein letzter Hoffnungsschimmer auf Frühstück, ist natürlich auch zu. Stephan schaut mich an: „Heute ist doch Feiertag.“ Ich so: „Bitte was?!“ In meiner Welt war das ein stinknormaler Donnerstag.
Essen? Wasser? Ach ja. Ich habe ja noch meine Notration dabei – seit vier Tagen transportiere ich sie wie einen Schatz über jeden Hügel: Datteln, Nüsse, Knoppers von fragwürdiger Konsistenz. Ich bin nun mal ein Hamstertyp – lieber zehn Riegel zu viel als einer zu wenig. Ein Teil davon wird übrigens die komplette Tour mitfahren und am Ende ungeöffnet zurückkehren. Treue Begleiter.
In Wellmich am Rhein ignoriere ich den Hinweis auf meiner Planung – zur Tankstelle (2 km Umweg? Nein danke!) und klettere lieber direkt nach oben – ein Entschluss, der sich auszahlt: In Lykershausen wartet der heilige Gral des Tages: DER Kiosk! Offen! Für uns Bikepacker! Günter, der Hüter der Snacks, zaubert Wurst- und Käse-Brote, Kaffee, Getränke – ich weine fast vor Dankbarkeit.
Doch der Berg ruft, und so rolle ich wieder runter an den Rhein, durch Braubach (wirklich sehr pittoresk) und wieder rauf in den Wald. Schön schattig – gut, denn eine Müdigkeitsattacke deluxe zwingt mich zu einem 10-Minuten-Nickerchen auf einer Parkbank. Luxusreise halt. Klammer auf: Dass ich Minuten zuvor einen Elch an der Strecke gesehen habe, erzähle ich lieber niemandem. Klammer zu. (entpuppte sich sowieso als ein Ast im Gebüsch)
In Dachsenhausen gibt’s an der Tanke das volle Programm: Eis, Haribo, noch ein Eis. Ich nähere mich gefährlich der Kalorienbilanz eines Kleinkindgeburtstags.
Die Abfahrt auf der alten Bahntrasse ist ein Träumchen – und plötzlich: das Lahntal! Damit auch der letzte Checkpoint in greifbarer Nähe. Doch vorher gilt es, sich durch Bad Ems zu quälen – vorbei an Menschen in Kanus, auf SUPs, beim Baden oder Flanieren. Alle scheinen im Urlaub zu sein. Ich schwitze derweil literweise und fluche innerlich. Der Aufstieg zum Malberg-Turm ist weniger ein Anstieg, mehr ein Hindernislauf mit Klettereinlagen über gefällte oder geknickte Bäume.
Oben dann die Belohnung: Aussicht! Turm! Checkpoint 3! Und ein kühler Trail, der mich nach Nassau führt – zur Eispause und einem kurzen Italienischplausch mit den Besitzern der Gelateria, die aus dem Raum Treviso kommen, genauer aus Conegliano.
Ich frage den Sohn der Gastwirte auf Italienisch, ob ich mich etwas frisch machen dürfe. Er schaut mich entgeistert an. Ich frage nochmal, nun auf Deutsch. Da löst er sich aus seiner Erstarrung und fragt mich, ob ich grad Italienisch mit ihm gesprochen habe. Was Unerwartetes mit einem macht. Und ich dachte, nur mein Hirn sei heute nicht mehr ganz frisch.
Stephan ist auch da – nebenan, bestellt Pizza. Ich mache es andersrum: erst Eis, dann Pizza. Mein Fehler.
Denn die Pizza dauert. Und dauert. Und… ja, ich werde vergessen. Irgendwann packe ich beleidigt das Ding mitsamt Karton zusammen – faltbares Abendessen to go – und fahre weiter. Einmal quer über den nächsten Berg Richtung Laurenburg.
Stephan und ich rollen gemeinsam über die Trails, die Dämmerung setzt ein, und ich suche verzweifelt ein Plätzchen fürs Zelt. Ein schöner Grillplatz? Von einer Großfamilie belagert. Okay, Plan B: der Campingplatz „Zum Lahntal“.
Zelten? Direkt am Fluss, viel zu feucht. Hotelzimmer? Alle ausgebucht. Aber ich kenne den Trick – aus einem von Markus‘ Videos. Ich frage scheinbar ahnungslos nach einem „Plätzchen“ zum Schlafen – und lande, wie erhofft, im Dachboden. Trockener Boden, Wäscheleine für mein Zelt, Dusche (die zweite in Folge – dekadent!), ein paar Stunden erholsamer Schlaf. Zuvor zwingt mich der Hunger noch die mit dem Kartonboden verbackene Klapp-Pizza zu genießen. Und dadurch verdränge ich auch, dass ich heute nur etwas mehr als 140 Kilometer zurückgelegt habe.
Am nächsten Morgen läuft alles wie am Schnürchen. Milchreis zum Frühstück, dazu der Latte Macchiato von der Tankstelle (seit Stunden körperwarm). Und dann: weiter geht’s.
Denn es ist ja nur noch… wie viel eigentlich?
Tag 6 153km/ 2800Hm, verstrichene Zeit ca.15h
Von Wiesenfallen, belgischen Brocken und flaschenkluger Pfandwirtschaft (Distanz? Viele Kilometer. Höhenmeter? Auch viele. Erinnerungen? Unbezahlbar.)
Ich denke beim Abfahren schon ans Ankommen – ganz klar ein Motivationsfehler. Durchfahren über Nacht? Nee. Dann verpasse ich ja all die Natur- und Kulturschönheiten – und vor allem: die Bäckereien! Und die Wurstbrot-Jausen fremder Frauen. Aber dazu später.
Die Beine fühlen sich heute erstaunlich frisch an, aber ich vertraue dem Braten nicht. Wahrscheinlich ist das bloß Adrenalin, weil mein Rad beim ersten Fotostopp direkt mal wieder umkippt. Schwupps – eine neue Schramme auf meinem Bein, das langsam aussieht wie die Oberfläche eines alten Wanderstocks.
Der Morgennebel an der Lahn sorgt für mystische Stimmung, fast schon romantisch.
Plötzlich in der Ferne, auf einer rasanten Abfahrt: ein bekanntes Gesicht! Volker! Aus den Augenwinkeln kann ich nichts näheres erkennen. Später wird er mir beichten, dass er in dem Moment splitterfasernackt war. Ich bin froh, dass ich nicht genauer hingeschaut habe. Und noch froher, dass die Kamera das Ganze nur ungefähr eingefangen hat (bei Minute xy, aber das bleibt unser Geheimnis).
Wieder treffe ich Stephan – es wird schon zur Routine.
Vor Limburg dann mein Klassiker: ein Navigationsverhauer. Mein Garmin piepst empört, aber ich ignoriere es, wie man eben einen nervigen Beifahrer ignoriert. Und nehme ich eine „Abkürzung“ über eine frisch gemähte Wiese. Großer Fehler.
„Gabi, Haaaalt!“ ruft Stephan noch – zu spät. Ich blicke an meinem Rad hinab: Heuhalme haben sich liebevoll, aber gnadenlos um die Kassette geschlungen – jeder Zahn mit einem individuellen Grashut dekoriert. Nichts geht mehr. Stephan zückt eine Zange und hilft mir beim Grasschnitt am Bike. Partnerhilfe geglückt – zumindest moralisch. DSQ? Jesko? Ich sag einfach mal: kreativ gelöst. Lektion gelernt: Eisstiele nicht wegwerfen – die eignen sich hervorragend zur Grashalm-Operation. Und noch was, Abkürzungen rächen sich. Zumindest enden 10 Meter Abkürzung wohl nicht in einem DSQ (=Disqualifikation, in diesem Moment ein unaussprechlicher Zungenbrecher).
Dann endlich Limburg – eine Stadt wie aus dem Modellbaukasten: Fachwerk, Gässchen, zum Glück ist es noch zu früh für Touristen mit Selfiesticks. Wir suchen verzweifelt einen Rewe, bis uns ein Mann mit Brötchentüte erleuchtet: „Gleich um die Ecke!“ Und tatsächlich – nicht irgendein Bäcker, die Kunstbäckerei Hensel! Ich kann mich nicht entscheiden und nehme einfach drei Stücke plus Latte Macchiato. Danach nochmal rein – wegen des Belgischen Brockens. Ein Gebäck wie ein Gedicht. „Wers nicht kennt, hat was verpennt“, sagt der Bäcker. Recht hat er. Wer es wissen will, es ist ein Gebäck mit mittendrin einem Schokoschaumkuss, um nicht zu sagen M….kopf. Sowas von lecker!
Zurück auf der Straße – ich, fahrender Wäscheständer und nun auch mobiler Pfandcontainer. Nachdem mich Stephan früh belehrt hat, Flaschen neben den Mülleimer zu stellen. Nicht, weil er heimlich Müllliebhaber ist, sondern wegen des Pfands. Ich schimpfte ihn vor Tagen Umweltbanause – Pfand auf fast alles gibt es bei uns nämlich nicht. Ich sammele jedenfalls seither Flaschen wie andere Leute Pilze. Meine Supermarkteinkäufe finanziere ich bald ausschließlich über Joghurtflaschen. Einmal finde ich sogar eine Flasche am Wegesrand – Jackpot!
Mein Körper ruft plötzlich: Kefir! Gurken! (Ja, das sind die echten Gelüste eines Bikepackers.) Ein Supermarkt erscheint wie ein Wunder. Ich bleibe abrupt stehen, ein Rentnerpaar in SUV fühlt sich dadurch emotional verletzt und zeigt mir den Vogel. Ich winke freundlich. Vielleicht gehören wir ja alle zur selben Risikogruppe, Pensionisten …
Vor dem Laden: Ramon. Immer da, wo man nicht mit ihm rechnet. Wir tauschen kurze müde Blicke und Pfandflaschen. *lach!
Es folgt ein wunderbarer Lahnradweg. Aber zu viel Schönheit macht schläfrig – wahrscheinlich wusste das auch Jesko, denn kurz darauf geht’s wieder giftig bergauf. Musik? Hörbuch? Hab ich alles dabei, aber ich fahre lieber im Schweigen mit meinem Leid. Und manchmal sogar mit Würde.
In Braunfels: Eis-Zwangspause. Es ist heiß. Röttger und Ramon rauschen weiter. Ich bleibe kleben – wortwörtlich.
Später, in einem stickig-heißen Dorfanstieg, sitzt eine Frau in der prallen Sonne und isst ein Wurstbrot. Ich bremse abrupt – kleiner Plausch gefällig? Im Rhythmus fahre ich vor lauter Stopps eh nicht, so kommt es auf einen weiteren auch nicht an. Monika, wie ich später erfahre, beobachtet seit einem Tag alle vorbeifahrenden Bikepacker. Fangfrage: „Na, wer bin ich?“ – „Gabi natürlich.“ Na also!
Kurz danach noch Dagmar, ihre Freundin – auf Dotwatcher-Radtour. Ich liebe diese Begegnungen. Ohne Hetze und ständige Uhr-im-Nacken-Attitüde wäre sowas kaum möglich.
Powernap auf Bank. Dann ein Interview bei Tom. Niels lauert im Gebüsch und knipst ein Paparazzi-Foto – ich hatte meine Frisur nicht gerichtet! Skandal.
Wetzlar: Ich drehe hitzetrunken Kreise im Kreisverkehr auf der Suche nach Rewe an der Tankstelle. Drinnen: angenehm klimatisiert. Leider kein Milchreis. Kein Latte. Keine Gurken. Dafür aber: Röttger und Ramon. Schon wieder!
Das wird auch das letzte Mal sein, dass ich die beiden sehe. Sie ziehen durch – Nachtfahrt! Ich nicht. Ich fahre nochmal über eine Wiese. Dieses Mal legal – und falle trotzdem, Fuß im Klickpedal falsch belastet und hänge fest, bis zum bitteren Ende, sprich Boden. Knie blutig, Stolz zerknittert. Ich fluche leise, schimpfe auf Schwerkraft und Konzentrationsmangel.
Auch am Nachmittag finde ich keinen echten Rhythmus mehr. Es ist heiß, die Felder scheinen zu flimmern, und die Sonne hat sich heute offenbar ein „Grillen“-Programm vorgenommen – mit mir als Bratwurst.
Irgendwann finde ich Stephan wieder. Gemeinsam rollen wir in die Dämmerung. Dann – wie bestellt – ein riesiges überdachtes Gebäude am Sportplatz in Oberkleen. Perfekt für eine zeltlose Nacht. Trockener Boden, kein Tau, keine Schnaken.
Ein Luxusbett aus Beton – was will man mehr?
Die letzten Stunden 77km/ 1500 Hm, verstrichene Zeit: 7,5h
Letzter Tag – Frühstart, Feldberg-Finale und das gezähmte Tier Taunus
Gegen drei Uhr wache ich frierend auf – so richtig bibbernd. Irgendwas zwischen Eskimo und Tiefkühlpizza. Schlafsack zu dünn? Körper zu durchgefroren? Egal. Ich pelle mich wie ein müder Burrito aus dem Zelt (okay, von der Isomatte) und beschließe: Packen. Fahren. Vielleicht gibt’s ja Frühstück im Ziel?
Hah! In meiner gewohnt optimistischen Selbstüberschätzung denke ich, ich wäre in ein paar Stunden durch. Kleiner Denkfehler: Vor mir liegen noch drei echte Berge. Nicht so Huppelchen wie neulich, sondern echte, ehrliche, schweißtreibende Anstiege.
Und trotzdem: Frühstück um 10:30 Uhr zählt doch noch, oder? Zumindest, wenn man nachts um drei startet.
Ich fahre los – in die Dunkelheit. Und prompt… in die falsche Richtung. Klassischer Start. Wieder umgedreht, dann richtig. Es ist stockdunkel auf dem Trail, also schalte ich zur SON-Lampe auch noch die Lupine-Helmlampe ein – Licht für ein ganzes Dorf. Bloß keinen Sturz jetzt, nicht so kurz vorm Ziel. Meine Schienbeine haben eh schon das komplette Kratzer-Panorama.
Der Weg führt mich über den Hausberg, den Winterstein und – last but not least – den Großen Feldberg, den Chef im Ring. Dazwischen? Noch ein paar Höhenmeter zum Nachtisch. Aber hey – runter geht’s danach angeblich von ganz allein.
Gerade dämmert es, als ich an einem tief schlafenden Henning vorbeikomme – drapiert wie Dornröschen auf dem Tisch einer Schutzhütte. Ich schleiche vorbei wie ein Ninja auf Reifen. Followmychallenge sagt: Henning confirmed. Ich lasse ihn schlafen. Verdient.
Der Winterstein überrascht mit einer Downhillstrecke – allerdings in der falschen Richtung. Ich schiebe wie eine Touristin mit Kinderwagen in den Alpen. Immerhin kein Gegenverkehr – außer einem Eichhörnchen, das mich offensichtlich auslacht.
Dann: Frühstück in Köppern. Nicht geschenkt, aber verdient. Der Feldberg ruft. Laut.
Der Trail startet vielversprechend: große Steine, knifflige Linienwahl, Puls auf Anschlag. Dann treffe ich Kilian, der tiefenentspannt noch Fotos im verzauberten Märchenwald macht und mir. Ich sehe wohl aus wie die wilde Hilde auf dem letzten Loch pfeifend.
Und plötzlich: Asphalt! Halleluja! Ich leere meine halbleere Wasserflasche – immerhin hab ich noch eine 1-Liter-Pfandflasche im Gepäck. Natürlich. Denn Gabi hamstert. Nicht weil ich Paranoia habe, sondern Planungssicherheit!
Dann kommt sie: die letzte steile Rampe. Kein Mensch würde hier freiwillig rauflaufen – ich muss sie raufschieben. Endgegner-Style. Hinter der nächsten Kurve endlich: der Fernmeldeturm auf dem Großen Feldberg. Ich hab’s fast!
Ein kurzer Plausch mit Stefan auf dem Rennrad – der mit seinem Bianchi offensichtlich nicht gerade vom Winterstein kommt – und dann ab in die Abfahrt. Nur noch 25 Kilometer Schotter und eine kleine Kuppe. Denke ich zumindest.
Doch da steht sie: die letzte Rampe. Kerzengerade, endlos, steil wie das Schuldgefühl beim Pfandflaschenvergessen. Das ist keine Kuppe. Das ist Mord in Kiesform. Ich fluch-leide mich hoch.
Und dann… dann ist es wirklich geschafft.
Ich fliege den The Eppstein Project Campingplatz hoch – fast wie auf Wolken, wenn Wolken aus Staub und Schweiß wären – und höre es schon: Musik, Klatschen, Lachen. Das Ziel!
Das Finisher-Zelt! Alle sind da – Jesko, Frauke, Christian, Inza, Röttger und viele mehr. Umarmungen, Applaus, ein Gefühl wie Weihnachten, Geburtstag und die erste und einzige große Liebe (Hermann , ich meine genau dich!!) auf einmal.
Ich habe es geschafft!
Gut, das mit dem „zum Frühstück ankommen“ war dann eher ein spätes Brunch. Aber hey: Das Tier Taunus ist gezähmt. Und habe auch noch jede Menge Spaß dabei gehabt, zumindest MEISTENS. Echt nicht gelogen …
Pasubio Loop – auf den Spuren des Ersten Weltkrieges und des Memory Bike Adventures
Das Memory Bike Adventure ist eigentlich ein unsupportedes, mehrtägiges Gravel- und Bikepacking-Rennen. Die Strecke ist etwa 720 km lang und führt durch die Region Venetien, entlang bedeutender Schauplätze des Ersten Weltkriegs zwischen Österreich und Italien. Historische Orte wie den Monte Grappa, das Altopiano di Asiago, den Monte Pasubio und das Piave-Gebiet. Die Route ist technisch anspruchsvoll und führt durch abgelegene Gebiete mit begrenzten Versorgungsmöglichkeiten.
Eigentlich war der Plan die originale Via Vandelli zu fahren, … eigentlich … Zur Erklärung: Die Via Vandelli ist eine im 18. Jahrhundert erbaute historische Handels- und Militärstraße, die Modena mit Massa verband, strategisch durch die Apenninen führte und heute als Wanderweg erhalten ist, Genaueres zur spannenden Geschichte der VV gibt es am Ende des Textes.
Unser Plan war mit Start in Sassuolo, auf der Via Vandelli bis Castelnuovo di Garfagnana zu fahren und nach der Übernachtung im Hotel La Lanterna uns frühmorgens auf den Weg über den Passo della Tamburella zu machen. Nach der Ankunft in Massa sollte es am selben Tag über den Passo della Fioba wieder zurück nach Castelnuovo gehen. Das Hotel war zu dem Zweck für 2 Nächte gebucht. Am dritten Tag sollte dann die Rückfahrt über den Passo delle Radici erfolgen.
Wie sagt man aber so schön: Ein Plan, der nicht geändert werden kann, ist schlecht … oder noch besser: Ein Plan ist dazu da, den Weg zu kennen – aber die Kunst liegt darin, ihn flexibel zu gehen …
Tag 1 104,20 km/ 2.710 m/ Bewegungszeit: 7:47:53 Strava
Das Auto lassen wir auf dem kleinen kostenlosen Parkplatz hinter dem Palazzo Ducale stehen und machen uns gegen 7 Uhr auf den Weg.
Schon nach wenigen Kilometern und dem Einbiegen in die erste Gravelpassage wird unser Plan Via Vandelli über den Haufen geworfen, im wahrsten Sinne des Wortes:
Die Regenfälle der vergangenen Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen, die Wiesen und Wege sind von Wasser gesättigt und lassen nicht nur eine Befahrung stückeweise nicht zu, sondern auch das Rad-Schieben ist kaum möglich, gleich versinkt man knöcheltief im Schlamm.
Auf den ersten Gravel-Metern rutscht mein Fuß ab und ich falle der Länge nach auf den schlammigen Boden. Meine komplette linke Körperseite ist schlammbedeckt, die Hände besudelt, ich kann mich nicht mal sauber wischen.
Das versuche ich (mit wenig Erfolg) in unserem Bar-Stopp in Serramazzoni. Leider bin ich so frustriert, dass es nicht mal ein Beweisfoto gibt, das Davor und Danach unterscheiden sich nur wenig voneinander.
Bis Serramazzoni sind wir wohlweislich auf der Straße geblieben, denn man sah bei Abzweigungen sofort, dass die Verhältnisse überall gleich waren.
Anschließend versuchen wir es aber doch wieder mal mit der Originalstrecke. Aber dann versuchen wir es nicht mal mehr. Schlamm und Wasser überall. So macht Fahren keinen Spaß, abgesehen von der Sturzgefahr.
Bei Pavullo folgt die Route erst mal einem Radweg entlang des Flugplatzes, dann verzichten wir wieder auf Gravel. Schade, denn die Route käme vor Lama Mocogno bei der bekannten Natursteinbrücke Ponte del Diavolo vorbei.
Erst nach La Santona entscheiden wir uns auf einer Serpentinenstraße zum Passo Centocroci hochzufahren und von dort bis kurz vor dem Passo delle Radici original der Via Vandelli zu folgen. Der Untergrund ist hier etwas steiniger und besser fahrbar, aber um nahe jeder Pfütze gibt es tiefen Schlamm.
Das letzte Stück vor dem Passo delle Radici ist steil und schneebedeckt und wir weichen wieder auf die Straße aus. Es fängt zudem an zu regnen und so rollen wir weiter auf der Straße hinunter nach Castelnuovo di Garfagnana.
Der Plan am kommenden Tag über den Passo della Tambura den Kamm der Apuanischen Alpen zu überqueren, wird wohl hinfällig sein. Dort liegt wohl nordseitig auch noch Schnee. Dieser Teil ist zudem mit einigen Schiebepassagen verbunden, 2 Kilometer hoch zum Pass. Dann geht es vermutlich auch zumeist zu Fuß etwa 6 Kilometer auf dem spektakulären gepflasterten und fast schon terrassenförmig angelegten Straßenbauwerk bergab, bis man wieder auf fahrbareres Terrain trifft. Das Herzstück der VV, aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, hätte ich schon gerne gesehen.
Die Wetteraussichten sind nicht besonders. Somit steht für uns fest: Haben wir den ersten Teil auch nicht original erlebt, so verschieben wir den Übergang nach Massa auch auf später und „begnügen“ uns mit einer Tagestour diesseits des Hauptkammes.
Die verdreckten Räder und Packtaschen können wir glücklicherweise im Garten des Hotels La Lanterna in Castelnuovo di Garfagnana säubern.
Fazit Tag 1: Obwohl wir weniger als ein Drittel offroad unterwegs waren, unsere Strecke war auch sehr schön und bis auf wenige kurze Stücke verkehrsarm.
Wir beschließen etwas durch die Garfagnana zu radeln. Die Via Vandelli würde vorbei an Vaglia di Sopra führen und wir möchten zunächst dorthin fahren, um vielleicht einen Blick zu erhaschen auf den Weg Richtung Passo della Tambura. Im weiteren Verlauf sollte es über mehrere kleine Pässe, vorbei an einigen Seen in einer Runde wieder zurück zum Hotel gehen.
Wir folgen zunächst der originalen Strecke vorbei an den Ufern des Lago di Pontecosi, der allerdings trocken ist, also fährt man am Fluss Serchio entlang. Sehr nettes Auf und Ab auf Gravel (auch heute noch sehr nass und rutschig, aber mäßig schlammig).
Aber hier begegnet uns unser erstes Highlight heute: Die Ponte della Madonna di Pontecosi. Der Bau stammt aus der Römerzeit und hat die typische Buckelform. Ihr Name ‚Pontecausi‘ gab dem nahen gelegenen Dorf „Pontecosi“ seinen Namen. Die nassen Platten machen das Ganze äußerst rutschig.
Auf Highlight Nummer zwei treffen wir ein paar Kilometer weiter: Die Überquerung des Tales über die Eisenbahnbrücke Ponte di Villetta, auf dem schmalem Fußweg entlang der Gleise. Schwindelfrei sollte man schon sein, denn der Tiefblick auf den Fluss Serchio beträgt in der Mitte der Brücke ganze 54 Meter und die Brüstung ist nicht sehr hoch.
Die Ponte di Villetta, diese 408 m lange Eisenbahnbrücke der Bahnstrecke Aulla–Lucca mit ihren 13 Bögen wurde übrigens vor knapp hundert Jahren erbaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 50er Jahren wieder aufgebaut. (Infos aus ChatGPT/OpenAI, 01.04.2025)
Dann radeln wir hinein in das enge Tal zum Lago di Vaglia, einem Stausee, an dessen Ende Vaglia Sotto liegt. Ursprünglich hatten wir sogar überlegt, hier zu übernachten, es gibt ein Hotel im Ort oder das „Vecchio Convento“ neben der kleinen romanischen Kirche.
Dann geht es hoch nach Vagli Sopra. Wir sprechen mit einem Einheimischen, der uns versichert, es habe oben noch Schnee, denn etwas tut es uns schon leid, dass wir nicht nach Massa hinüber konnten. Die Schroffheit der Gipfel über uns gibt uns aber einen guten Einblick, auf das, was wir irgendwann doch noch angehen wollen, dann aber mit Start von Modena.
Weiter geht es über eine kleine Passhöhe zum Lago di Gramolazzo. Hier waren wir bei der Randonnée, der 1001Migla, vor etwa 10 Jahren schon mal.
Nun könnte man zurück radeln zum Hotel, aber wir entschließen uns die Runde noch etwas auszudehnen Richtung Minucciano. Die nahezu verkehrsfreien Sträßchen über zwei kleine Anhöhen machen Spaß, auch wenn es wieder mal anfängt zu regnen und uns der Wind durchpustet.
Der Rückweg führt durch mehrere kleinen Dörfer, vorbei an Piazza al Serchio und San Romano in Garfagnana.
Die Idee bei der Villetta Eisenbahnbrücke wieder auf die Gravelstrecke einzubiegen war nicht so gut, die neuen Regengüsse haben die Strecke noch rutschiger gemacht, so biegen für die letzten paar Kilometer zurück auf die Strada Provinciale ab.
Beim Aufstehen strahlt uns tiefblauer Himmel entgegen. Warum versprachen uns die Wetterprognosen DAS schon für die beiden vorhergehenden Tage?
Heute steht leider schon die Rückfahrt nach Sassuolo an.
Die Garfagnana liegt zwischen den Apuanischen Alpen im Westen und dem Toskanisch-Emilianischen Apennin im Osten und so müssen wir letzteren Bergkamm noch einmal überwinden.
Idealerweise fahren wir wieder über den Passo delle Radici und dafür wählen wir eine stückweise zwar etwas steilere aber kaum befahrene Straße aus, vorbei am mittelalterlichen Dörfchen Sassorosso, das man schon vom Tal aus, hoch oben thronend und scheinbar mit dem umliegenden Gestein verschmolzen, erkennen kann.
Die fast 1300 Höhenmeter vergehen mit Blick auf die schneebedeckten Berge vor uns und die Berge in unserem Rücken, die wir gestern so gerne überwunden hätten, wie im Fluge. Die dichten Laubwälder weiter oben sind quasi noch im Winterschlaf. Erste Frühlingsblümchen drücken sich durch die modernde Laubschicht vom Vorjahr.
Ich sinniere unterwegs, wie es sein kann, dass sich drei Asphaltstraßen auf dem Passo treffen, und zwar die, die wir schon kennen, wir aber nicht auf einer bekannten Straße abfahren müssen. Die Lösung, die Abfahrt führt eben nicht auf Asphalt, beunruhigt mich ein wenig.
Und meine Vorahnung wird bestätigt, der Weg ist teilweise noch in tiefem Winterschlaf, sprich schneebedeckt und wo kein Schnee liegt, Matsch und ähnlich rutschiger Untergrund.
Die geschätzten 7 Stunden zum Zielpunkt würden wohl nicht reichen.
Dann aber treffen wir wieder auf festen Untergrund und rollen im Wechsel flach und bergab Richtung Osten durch die Ausläufer des Apennins. Hinter uns die raue wunderschöne Berglandschaft, um uns Buchen-, Eichen- und Kastanienwälder unterbrochen von kleinen Feldern, Weinbergen und Olivenhainen, die sich harmonisch in die natürliche Umgebung einfügen.
Vorbei an Frassinoro und Farneta gelangen wir ins Tal zunächst des Flusses Dolo, der dann etwas weiter in den Secchio mündet.
Laut Planung sollten wir nun noch etwa 30 Kilometer entlang des Flusses, vermutlich über Radwege vor uns haben. Radwege? Denkste!
Bei Kilometerstand 58 und kurz nach der Überquerung des Torrente Dragone geht es ins Gelände. Die Wanderwegspuren sind so ziemlich zugewuchert, hier ist wohl schon länger niemand mehr entlang gegangen. Hätten wir doch die Zeichen richtig gedeutet und wären die nur 2 Kilometer zurückgerollt und auf einer Variante auf der gegenüberliegenden Talseite auf sicherem Terrain geblieben …
Man kann ja mal ein Stück versuchen, zurück geht es ja immer, dachten wir …
Dornenranken verhaken sich an meiner Kleidung und will mich zurück halten, aber auch dieses Zeichen missachte ich. Etwas weiter kann man auch wieder ganz gut fahren. Ein paar Stöckchen im Weg geben einem das Gefühl Bunny Hop zu beherrschen. Und dann ein erster (kleiner) Graben. Die Regenfälle der letzten Wochen (oder Jahre?) haben dazu geführt, dass das Gelände ausgewaschen wurde. Gegenseitig helfen wir uns die bepackten Räder die paar matschigen Meter hinunterheben und auf der anderen Seite des Bächleins wieder hochzuhieven. Dann weiter, nun ist der Untergrund abwechselnd laubbedeckt, dann wieder versinkt man im Matsch. Innerhalb kürzester Zeit erkennt man die ursprüngliche Farbe unserer Räder nicht mehr. Zurück? Laut Karte ist es nicht mehr so weit, bis ans Ende dieses Gravelabschnitts. Also weiter!
Das nächste Hindernis: Wieder ein Bach, aber kreuz und quer liegen dicke Äste über dem Rinnsal. Nicht einfach da drüber zu balancieren, die Pedale und der Sattel verhaken sich immer wieder in den Zweigen, die dreckverschmierten Radschuhe laufen Gefahr abzurutschen. Geschafft! Nun ist ein Umkehren endgültig undenkbar.
Ich versuche notdürftig mit einem Stöckchen meine Radschuhe abzukratzen. Wenn ich nur gewusst hätte, wie zwecklos diese Aktion ist, hätte ich mir die paar Minuten gespart.
Eine Vorahnung habe ich schon, als ich beim Weiterfahren Hermann etwas oberhalb des Weges sehe, sein Rad schiebend. Vor uns ein etwas größerer Bach beziehungsweise das, was der Bach mit dem Gelände gemacht hat: Ein Graben in V-Form. Etwa 10 Meter unterhalb des überhängenden Abbruches das harmlose Rinnsal, die steilen Wände scheinbar unüberwindbar. Hermann meint, weiter oben ginge es vielleicht. Er steht schon etwas unterhalb der Kante, seine Knöchel im nassen Erdmaterial verschwunden. Oje!
Auch meine Schuhe versinken im Nu, als ich weiter oben mein Rad hinunter schleife. Dann über das Wasser und auf der anderen Seite wieder hoch. Ein Blick nach oben lässt plötzlich Angst in mir aufkeimen: Was, wenn das wassergesättigte Erdreich nachgibt? Was, wenn die hohen Erdwände zusammenbrechen und uns in einer Schlammlawine mitreißen? Das Erdreich gibt nach unter meinem Gewicht. Nur mit Mühe und Not kann ich mein Rad über den Rand hochwuchten. Geschafft! Aber wie wir aussehen: von unten bis oben voller Schlamm, die Schuhe unter einer dicken Schicht versteckt. In die Klickpedale kann ich schon lange nicht mehr einrasten.
Ich hoffe, dass wir nicht noch so ein Hindernis antreffen. Aber der nächste Graben ist harmlos und ein paarmal ist noch durch Schlamm zu schieben. Aber das ist jetzt auch egal. Egal ist mir auch, was die Leute denken werden …
Bald erreichen wir den vermeintlichen Radweg. Natürlich gesperrt. Und natürlich setzen wir uns über das Verbot hinweg, klettern über die Schranke und radeln fröhlich am Secchio entlang. Hier fahren wohl unter der Woche LKWs. Nach weiteren drei Kilometern erreichen wir den richtigen Radweg. Auch dieser ist gesperrt, „pericolo“, Gefahr, droht das Schild, das wir auch dieses Mal „übersehen“.
Sehr schön auf feinem Schotter führt der Weg entlang des Flusses. Verdächtig, dass wir so gar keinen Menschen begegnen. Und dann plötzlich geht es nicht mehr weiter. Der Radweg bricht ab. Vor uns ein etwa 5 Meter breiter reißender Bach. Was nun? Wir schieben unsere Räder Richtung Bachmündung, hier ist die Strömung weniger stark. Etwa knietief waten wir durch das eiskalte Nass. Mindestens werden die Schuhe nun (fast) sauber.
Ab hier sind es noch 13 Kilometer nun wirklich auf einem erlaubten Radweg bis nach Sassuolo.
Fazit des Tages: Die geplante Zeit haben wir zwar überschritten, aber abenteuerlich war es allemal wieder …, auch wenn es mir zwischendurch nicht immer so spaßig vorkam … Und auch das Reinigen des lehmverkrusteten Rades, der Taschen, der Schuhe, … war nicht so spaßig …
Tipp, um die Hindernisse auf den letzten 30 Kilometern zu umgehen: Sobald man den Talgrund erreicht, bei Km 56, empfehle ich auf der Brücke den Dolo zu überqueren, bei Cerredolo die Brücke über den Secchio zu nehmen und bis Lugo auf der orographisch linken Seite zu bleiben. Dort trifft man wieder auf unsere Route (etwa bei Km 66). Besser aber noch einige Kilometer auf der Straße bleiben, bis Km 73, um nicht durch den Rio Lucenta waten zu müssen. Es schaut nämlich nicht so aus, als würde der Radweg demnächst gerichtet. Nach dieser Flussquerung kann man bedenkenlos auf dem Radweg bleiben, er führt bis Sassuolo.
Eine genaue Beschreibung der originalen Via Vandelli und einen interessanten Abriss zur Geschichte gibt es auf der Website des DAV: Mit dem Mountainbike über den Apennin
Geschichtliches: Die Via Vandelli ist eine historische Handels- und Militärstraße, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde, um die Städte Modena und Massa in Norditalien zu verbinden. Ihr Name stammt von Domenico Vandelli, einem Geographen und Ingenieur, der den Bau unter der Herrschaft von Francesco III. d’Este, Herzog von Modena, plante.
Entstehungsgeschichte der Via Vandelli
Im 18. Jahrhundert benötigte das Herzogtum Modena einen direkten Zugang zum Meer, um den Handel zu erleichtern und wirtschaftlich unabhängiger zu werden.
Francesco III. d’Este wollte einen strategischen Weg schaffen, der sein Herzogtum mit dem Hafen von Massa verband
Francesco III. d’Este wollte eine Straße, die nur durch sein eigenes Territorium verlief, um keine Zölle an andere Staaten zahlen zu müssen. Angewiesen zu sein auf die Handelswege kontrollierender Nachbarn, würde den Herzog leicht erpressbar machen. Dadurch war er gezwungen, eine Route zu wählen, die die Apenninen überquerte.
Der Bau begann 1738 und dauerte mehrere Jahre.
Die Strecke führte durch die Apenninen und die Apuanischen Alpen, was die Arbeiten besonders anspruchsvoll machte.
Die Straße wurde mit Serpentinen gebaut, um steile Abschnitte zu entschärfen. Teilweise wurden Steinplatten und Brücken angelegt, um den Weg stabiler zu machen. Trotz innovativer Bauweisen war der Weg für Kutschen und Warenverkehr oft schwer befahrbar.
Mutig war ich allemal, als ich mich für das Race around Rwanda anmeldete. Dass das Abenteuer Afrika ein ganz besonderes werden würde, ahnte ich schon.
In Kürze, es geht in einer 1000 Kilometer langen Runde um dieses ostafrikanische Land am Äquator, dabei sind gut 18.000 Höhenmeter zu überwinden. Nicht umsonst wird Ruanda „Das Land der 1000 Hügel“ genannt.
Neugierig geworden? Hier zunächst mein Video über das gesamte Rennen. Wer den Bericht lesen möchte, jeder Tag beginnt mit einem kurzen Video.
Tag 1: Start in Kigali – CP1 Lake Muhazi – Gasange 210 km/ 2850 Hm Zeit in Bewegung: 11:30h Verstrichene Zeit: 14:07h
Hier zunächst das Video – Tag 1
Race day morning:
Meine Aufregung steigert sich. Für uns ist im Café Tugende ein wunderbares Frühstück bereitgestellt. Letzte Vorbereitungen bis zum Start. Jemand teilt mir mit, mein Tracker erscheint auf der Legendstracking-Seite als nicht vollständig geladen, also hänge ich ihn nochmal an die nächstbeste Steckdose; daneben hatte jemand wohl dieselbe Idee. Ein letztes Mal aufs Klo, Tracker eingepackt und in die Startlinie eingereiht. Ein fröhliches Geblinke der roten Rücklichter, blau das des Polizeiwagens, der uns auf den ersten Kilometern aus der Stadt hinausbegleitet. Countdown … es geht los! Die Anspannung fällt mit den ersten Pedalumdrehungen ab. Jetzt gibt es kein Zurück mehr … Komme, was kommt!
23 Kilometer Asphalt, unterbrochen von etwa zwei Kilometern grobem Kopfsteinpflaster. Hier zeigt sich, wer seinen „Hausrat“ nicht richtig befestigt hat. Ein Rücklicht, eine Sonnenbrille, Trinkflaschen verlieren ihre Besitzer, mich rüttelt es nur richtig durch, aber alles bleibt dran.
Kurz vor sechs wird es hell. Das bedeutet hier in Äquatornähe innerhalb von Minuten von Stockdunkel zu Sonnenaufgang, fast so, als ob jemand einen Lichtschalter umlegt. Nur ist es 12 Stunden hell und dann dasselbe Schauspiel umgekehrt. Also gut in die Pedale treten, ich hatte mir vorgenommen nur bei Helligkeit zu fahren. Als Frau alleine fürchte ich mich doch etwas im Dunkeln einsam zu radeln, auch wenn Ruanda als eines der sichersten Länder weltweit gehandelt wird.
Und bei Tagesanbruch geht es auf die erste Gravelstrecke. Diese wird von Simon als „smooth“ beschrieben. Ab und zu ist es aber ziemlich ruppig, wie werden wohl die Abschnitte ohne diese Beschreibung sein?
So früh am Morgen, überhaupt ist heute auch noch Sonntag sind schon sehr viele Leute unterwegs: zu Fuß am Straßenrand, mit hochbepacktem Rad und auch Moto-Taxis gibt es hier – wie ÜBERALL. Das wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Es gibt kaum einmal einen Kilometer, auf dem niemand unterwegs ist.
Ich grüße links, ich grüße rechts mit „Salama“ … glaubte ich doch, das hieße soviel wie „Hallo“. Erst zuhause teilt mir die KI auf meine Frage mit, dass „Salama“ als Gruß oder Ausdruck für Wohlbefinden genutzt wird, ähnlich wie „Alles gut?“ oder „Bleib gesund“ und stammt eigentlich aus dem Swahili. Die Leute sind trotzdem immer überrascht, wenn ich so grüße und antworten fröhlich – mit was auch immer … manchmal mit „Komera“, was „sei stark, habe Kraft“ bedeutet oder mit „Yego„- Ja!
Rotbrauner gestampfter Erdboden begleitet mich über fast 60 Kilometer. Obwohl es trocken ist oder gerade deshalb sind meine Beine bald völlig von einer rötlichen Staubschicht bedeckt, ein klebriges Gemisch mit Schweiß und Sonnencreme. Auch die Farbe meiner Kleidung ist bald nicht mehr eindeutig zu erkennen. Ich nähere mich also schon am ersten halben Tag den Leuten und vor allem den Kindern an, deren Kleidung auch nicht immer makellos rein ist. Wasser wird anscheinend vielerorts für wichtigere Dinge gebraucht als Waschen und Körperpflege und ist nicht immer verfügbar, so wie wie wir es kennen – Wasserhahn auf und das kühle Nass sprudelt. Nein, hier muss es oft von weit her geholt werden. Frauen, Männer, Kinder sieht man häufig mit gelben Kanistern. Die vollen Behälter werden nach Hause geschleppt, oft auf dem Kopf, auch mit hoch beladenen Rädern, die von ihren Fahrern schweißtreibend den Berg hochgeschoben werden.
Bei CP1 sehne ich mich nach einer kleinen Katzenwäsche, die Abkühlung und saubere Beine, Arme und Gesicht versprechen. Aber Fehlanzeige, Wasser ist wohl wie fast überall im Land Mangelware, sagen wir mal für so banale Dinge wie sich des Staubs zu entledigen. Ist das überhaupt wichtig? Ich werde in den nächsten Tagen lernen, dass es viel wichtigere Dinge gibt, zum Beispiel Wasser zum Trinken.
Nach fast 80 Kilometern wechseln wir wieder auf Asphalt und ich halte kurz am Straßenrand bei einer kleinen Gruppe von Kindern: sie bieten Bananen feil. Ein ganzer Strunk oder wie man das nennt für 300 ruandische Franc. Ich brauche nur drei Bananen und bezahle mit 1000 Franc. Das Geld wird mir aus der Hand gerissen und verschwindet, Wechselgeld bekomme ich keines. 1000 Franc haben grad mal den Gegenwert von 70 Cent. Die Kinder umzingeln mich fragen gleich noch nach weiterem Geld. Ich ziehe von dannen.
Kurz darauf eine Radfahrer-Hotspot: Hier muss es was geben und ja, ein Shop!
Alle paar Kilometer gibt es kleine Straßendörfer und hier sind nicht nur noch viel mehr Leute, sondern es gibt kleine „Shops“, die detailliertere Planung hätte ich mir als sparen können. Shop? Hier gibt es, was es gibt: Wasser immer, Fanta auch immer, wobei hier unterschieden wird in Fanta Orange, Fanta Lemon oder Fanta Cola, manchmal auch Fanta Ananas. Irgend eine Art Kekse gibt es auch immer oder Chapati und Mandazi. Dieseostafrikanischen Teigwaren werden oft als Snack oder Beilage gegessen und wohl von den Frauen frühmorgens gebacken und in durchsichtigen großen Eimern zum Bestimmungsort „Shop“ getragen. Chapati – ist ein flaches Brot, das in der Pfanne gebraten wird, Mandazi leicht gesüßte, frittierte Teigkugeln. Anfangs hatte ich etwas Bedenken, diese Energie-Snacks zu probieren.
Ich fülle meine Wasserreserven auf, es ist inzwischen nämlich sehr warm geworden und der Durst größer als normal. Auch eine Cola gönne ich mir. Ich mache eine Entdeckung: mein kleiner weißer Plüschbär, der alle meine Bikepacking-Abenteuer mitgemacht hat, hat mich VERLASSEN. Sprich, ist wohl bei meinem Stopp bei den Kids abgerissen worden. Ich hoffe, er macht ein ruandisches Kind glücklich! Tschüssi Bär!
Nach einer rasanten Abfahrt gibt es wieder Gravel. Smooth und flach. Mit etwas Rückenwind düse ich durch die flache Landschaft. Sie ist auch eine der am tiefsten gelegenen und deshalb eine der heißesten Abschnitte der Strecke, zudem gibt es so gut wie keine Verpflegungspunkte mehr. Es ist etwa Mittagszeit, der Fahrtwind kühlt etwas.
Das wird sich nach den knapp 50 Kilometern ändern. Nun heißt es einige Steigungen zu überwinden. Also nichts mehr mit Fahrtwind und die pralle Sonne bei 38° im Schatten machen mir, die aus dem Winter kommt, ganz schön zu schaffen. Mein Kopf fühlt sich jedenfalls wie eine glühende Kugel an.
Ein Erlebnis lässt mich nicht mehr so unbeschwert durch die Gegend radeln: Vor mir sitzen vier Kinder (sagen wir mal fast Halbwüchsige) auf der Straße , mit gespreizten Beinen eine Barriere gebildet. Als ich bremse, springen sie auf und umzingeln mich. Sie fragen in etwas aggressiverem Ton nach „money“ und als ich weiter fahren will, ziehen und zupfen sie an meinem Rad, wollen meine Wasserflasche rausholen. Ich reiße mich los und flüchte. Erst am Abend werde ich in der WhatsApp-Gruppe lesen, dass einigen ihre Rücklichter abhanden gekommen sind. Aha, das wollten die Kids … Meine Lichter waren aber mit Kabelbindern gesichert, nicht gegen Kinder, sondern gegen das Verlieren …
Sonst aber nur fröhliche Gesichter, alle grüßten zurück, manche Kinder riefen „give me money!“ oder auch nur „good morning“ und „how are you?“
Irgendwann ist das auch geschafft und gegen 15 Uhr trudele ich im ersten Kontrollpunkt ein. Ein Crewmitglied kommt informiert mich gleich, dass mit meinem Tracker was nicht in Ordnung ist und gibt mir einen neuen, auch Lars informiert mich, dass ich laut Legends-Tracking immer noch in Kigali sei. Da werden sie sich zuhause wohl Sorgen machen. Ich will gleich via WhatsApp alle beruhigen und merke, dass ich keinen Internet-Empfang habe.
Ich bin ausgehungert und mache mich erst mal daran mich durch das Sortiment an Mittagessen zu futtern: Gemüse, Reis, Nudeln, Soße, Pommes, Wasser und wieder mal Fanta. Zudem möchte ich mich etwas waschen. Fehlanzeige, es gibt ein einfaches WC, aber kein fließendes Wasser.
Es wird langsam Zeit sich um eine Schlafquartier zu kümmern, ist der Nachmittag doch schon vorangerückt. Hatte ich zuhause mir einige Optionen aufgeschrieben, so muss ich mit Entsetzen feststellen, dass diese Strukturen alle ausgebucht sind. Was tun?
Ich beschließe mit einigen anderen, die dasselbe Problem haben, erst mal weiter zu fahren. Piotr möchte bis nach Byumba weiterfahren, das bedeutet von CP1 noch 90 Kilometer, mehrere kleine und einen langen Anstieg von knapp 1000Hm. Das ist mir definitiv zu lang.
Unterwegs löse ich erst mal mein Internet-Problem und fahre einen der gelben Sonnenschirme, die es in jedem Dorf gibt, an. Darauf das Emblem der Telefongesellschaft deren Sim-Card wir vom Veranstalter bekommen haben. Ich versuche mich verständlich zu machen, dass ich kein Internet habe. Nach einigem Bemühen der Dame unter dem Schirm wird meine eigene Dummheit in technischen Belangen wieder mal enthüllt: ich hatte schlichtweg das Daten-Rooming deaktiviert.
In diesem Punkt erleichtert fahre ich weiter. Und kurz darauf ein Piepton, dass mich eine Nachricht erreicht hat, ich habe ja wieder Empfang … Lars schreibt, er habe im nächsten Dorf eine Unterkunft ausgeforscht. Kurz darauf bin ich dort und wir inspizieren das Gebäude. Zuvor schreibe ich noch Hermann, dass ich unterwegs bin und nicht mehr in Kigali.
Die Räumlichkeiten erschrecken mich zunächst. Das „Bad“ besonders: Ein Abtritt aus Kunststoff, gelber Kanister daneben soll wohl die Klospülung sein. Zwei Zimmer, die Bettwäsche zerwühlt und nicht ganz sauber. Es gibt zumindest Wasser, einen Wasserhahn neben der Eingangstür. Der Herr des Hauses hat wohl seine Familie ausquartiert? Keine Ahnung, denn persönliche Gegenstände gibt es außer einer Hautcreme keine. Es wird uns versprochen, dass die Betten frisch bezogen werden. Wenn wir ein Mückennetz wünschen, dann steigt der Preis von 15.000 auf 40.000 Franc (1000 RWF = 0,70 €). Wir wünschen. Auch ein Dinner kann uns serviert werden. Ich unterstreiche, dass ich gerne nur richtig durchgekochte Speisen möchte. Alles klar.
vorher
In meinem Zimmer gibt es kein Licht, eine neue Glühbirne soll installiert werden. Mann verschwindet, wir sollen nach ihm zusperren und niemandem aufmachen. Es vergeht eine Weile und Mann kommt mit einem Kollegen zurück. Es wird gewerkelt. Strom bekomme ich keinen, aber ein Mückennetz. Etwas später kommt auch frische Bettwäsche und ich muss sagen, ich könnte mein Bett mit Laken nicht so fachgerecht aufbetten, wie unser Vermieter das macht. Ich konnte mich inzwischen mit einem Eimer Wasser behelfsmäßig mit meinem Lappen „waschen“. Irgendwann dann kommt das Essen, siedend heiß: Bohnen, Kartoffeln, Nudeln und Gemüse – und billig, umgerechnet nicht mal 4 Euro. Unsere Gastgeber verabschieden sich. Wir hatten vereinbart, wir rufen an, wenn wir das Haus verlassen, zwecks Schlüsselübergabe. Mit Schrecken entdecke ich, dass ich immer noch nicht auf Legendstracking als Punkt vertreten bin und komme drauf, dass mein Tracker ausgeschaltet ist. Zu blöd: Was denken sich denn die Beobachter des Rennens? Lars und ich buchen in weiser Voraussicht schon mal zwei Zimmer in einem Hotel in Ruhengeri, dem Ort der nächsten Kontrollstelle, bei dem ich voraussichtlich knapp vor Dunkelwerden ankommen würde.
Ich schlafe mäßig gut, denn das Mückennetz versucht zwar seinen Zweck zu erfüllen, aber das geht nur leidlich, wenn sich Mücken innerhalb des Netzes befinden. Ich gehe also mehrfach auf Jagd und entdecke dabei, dass das Mückennetz nicht neu, sondern blutbefleckt ist, wohl von anderen Kammerjägern. Hoffentlich erfüllt meine Malaria-Prophylaxe ihren Dienst.
Tag 2: Gasange – Lake Muhazi – Byumba – Ruhengeri (CP2) 161 km/ 2500 Hm Zeit in Bewegung: 11:23h Verstrichene Zeit: 13:51h
Zunächst mein Video Tag 2
Gegen 5 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg. Lars ist bald hinter der nächsten Biegung verschwunden, ich rolle sehr langsam bergab Richtung Muhazi See, die Gravelabfahrt verlangt meine volle Konzentration. Von „smooth“ keine Rede. Steine, Löcher, Rillen, das volle Programm, um bei einer kleinen Unaufmerksamkeit ausgehebelt zu werden.
Bei Dämmerung radle ich am See entlang. Die Morgenstimmung ist wunderbar. Alleine bin ich auch nicht, immer wieder überhole ich hoch bepackte Radfahrer mit ihren Stahlrädern, auch zu Fuß sind schon eienige unterwegs. „Black Ich komme am Kingfisher Ressort vorbei. Hier hatte ich ja keinen Platz mehr bekommen. Die Rezeption ist auf dieser See-Seite, das Hotel selbst auf der anderen Seeseite wird mit einem Boot angefahren. Nächstes Mal dann …
Ein Rad-Team steht am Straßenrand neben einem Moto. Moto-Taxi? Nein, der hat eine große Holzkiste hinten drauf und darin … frisches Brot. Ich greife zu! Wer weiß, wann ich wieder was bekomme.
Bei der nächsten Abzweigung soll es einen Shop geben. Ich brauche Wasser-Nachschub. Eine Menge Menschen stehen herum, der Shop ist geschlossen. Also weiter. Nun fahre ich auf Asphalt, aber hoch nach Byumba sind es noch knapp 30 Kilometer und fast 1000 Höhenmeter. Ich ziehe im Windschatten einen Radfahrer mit Stahlrad, ein Fahrrad-Taxi, ein sogenannter „Boda-Boda“: Das ist die preiswerte Alternative in Ruanda, vor allem in ländlichen Gebieten. Eine zehnminütige Fahrt kostet etwa 100 RWF, etwa 7 Cent. Diese Taxis bestehen aus robusten Fahrrädern, oft „Made in China“, die für den Transport von Passagieren und schweren Lasten angepasst wurden. Ein charakteristisches Merkmal dieser Fahrräder ist ein verstärkter Gepäckträger, der mit einem gepolsterten Sitz ausgestattet ist, um den Komfort für den Passagier zu erhöhen. Oft verfügen sie über dekorative Elemente, alle möglichen bunten Teile, die von den Fahrern hinzugefügt werden, um ihre Fahrräder zu personalisieren.
Wahrscheinlich hat mein „Mitfahrer“ gerade jemanden von Byumba hinunter gebracht und muss nun wieder zurück. In der Steigung fällt er etwas zurück, ich glaube diese Räder sind Single Speeds …, aber im Flachen schließt er immer wieder auf, strampelt unermüdlich. So geht das über viele Kilometer. Zwischendurch wechseln wir ein, zwei Worte.
Stopp schon vor Byumba an einer Straßenkreuzung. Hier lehnen schon einige Fahrräder an einem beige getünchten Lehmziegelbau mit ein paar Stühlen davor. Ein „Restaurant“. Bekomme ich hier einen Kaffee? Fehlanzeige, aber Cola und Wasser gibt es. Was zu essen? Einer der Männer verschwindet und kommt mit einer Papiertüte voller Chapatis, eine Art Fladenbrot zurück, ich nehme ihm drei ab. Andere bringen Ziegen-Fleisch-Spießchen, da traue ich mich nicht dran.
Gibt es eine Toilette? Nein, aber gegenüber … Ich entschließe weiter zu fahren und bei Gelegenheit schnell hinter den Büschen zu verschwinden. Die Frage ist nur, wo finde ich einen unbeobachteten Ort? Hier, wo kaum mal 100 Meter ohne Leute zu finden sind? Ich finde was in einem kleinen Graben, die Straße rauf und runter kommt grad mal niemand. Unter mir, vielleicht 20 Meter ist eine Gruppe Frauen beim Schneiden von irgendwas, die bemerken mich zum Glück nicht. Kaum die Radhose wieder oben, nähert sich ein Moto-Taxi. Glück gehabt. Nicht auszudenken, wenn man irgendwelche Verdauungsprobleme hätte …
Weiter bis Byumba und dann stürze ich mich in die Abfahrt. Gravel. Und was für einer. Ich fahre im Schritt-Tempo über ausgewaschene Rinnen, über große Steine.
Irgendwann zwei Halbwüchsige am Wegesrand. Beide grüßen nett, ich grüße zurück. Dann springt einer auf und rennt neben mir her. Er kommt immer näher und näher. Plötzlich streckt er die Hand aus, reißt flugs etwas Weißes an sich, dreht um und rennt den Berg wieder hinauf. Perplex stoppe ich und schaue dem Bengel nach. Er schwenkt was in der ausgestreckten Hand und verschwindet hinter den Eukalyptus-Bäumen. Was hat er bloß entwendet? Ich schaue zu meinem Food Pouch am Lenker. Aha, meine Feuchttücher! Lebenswichtig sind sie zwar nicht, aber doch notwendig für die tägliche Hygiene vor allem im Sitzbereich. Hmmmhmm, nachkaufen kann ich die in Ruanda sicher nicht.
Die nächsten 75 Kilometer Gravel sind mal etwas einsamer, durch wunderschöne hügelige Landschaft, mal so steil, dass ich schieben muss, mal wieder säumen Menschen, vor allem Kinder die Wege. Einiges ist so steil, dass ich schieben muss. Zum Glück werde ich hier nicht verfolgt. Kinder rennen gewöhnlich weite Strecken neben den nicht alltäglichen Radfahrern her. „Good morning“ zu jeder Tag- und Nachtzeit. Was heute neu ist, die Kinder fragen im selben Atemzug „give me money“ oder „give your money“ oder „put my oder your money“, … alle möglichen Variationen gibt es.
Zwischendurch ein Stopp bei einem kleinen Shop, von denen es in jeder kleinen Siedlung einen gibt. Manchmal sind diese Mini-Läden schwer zu erkennen: die Lehmziegelhäuser schauen alle gleich aus, oft ist eine Tür offen, oft sind Leute davor. Welches aber ist ein „Shop“? Ich orientiere mich wieder mal, ob andere „Muzungus“ vor Ort sind. Da ist nämlich meist eine ganze Menschentraube rundum. Für mich gibt es wieder mal Wasser, Fanta Ananas und ein paar Kekse. Der Besitzer lässt stolz seinen Nachwuchs ablichten. Ein Gummibärchen für den Kleinen wird von diesem ratlos beäugt.
Der Himmel verdunkelt sich. Bis jetzt hatte ich Glück, ich bin nicht so sicher, wann genau die Regenzeit beginnt. Die lange Regenzeit soll nicht fern von jetzt beginnen und dauert von März bis Mai – in dieser Zeit gibt es häufige und starke Regenfälle. Ist die Abgrenzung überhaupt ganz klar? Auf jeden Fall beginnt es leicht zu tröpfeln, in der Ferne hört man einen Donner. Oje, ich fürchte mich im Freien unheimlich vor Gewittern.
Ich halte unter einem großen Baum an, hier sind mal keine Menschen, wahrscheinlich haben sich alle einen Regenunterstand gesucht. Beim Anziehen einer dünnen Regenjacke und der kurzen Regenhose nutze ich die Zeit und mache ein paar Bissen von meinem Brot, das ich am Morgen beim „fliegenden“- äh motoradfahrenden Händler erstanden hatte. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein etwas molligeres Mädchen in grauem Kapuzen-Shirt neben mir, zeigt auf mein Brot und auf ihren Bauch, der nicht klein ist. Hunger? Ich gebe ihr die Hälfte meines Brotes ab, sie reißt es mir aus der Hand und läuft laut lachend weg, einem Mädchen nach, das mit einem Regenschirm nicht weit von uns geht. Die haben sich wohl über mich lustig gemacht. Ein bisschen verstimmt radle ich weiter.
Zumindest hört es auf zu nieseln. Der Weg ist etwas rutschig geworden, könnte aber schlimmer sein. Aber zu früh gefreut …
Wenig später erreiche ich eine kleine Siedlung und höre schon von Weitem großen Lärm, wie von Baumaschinen. Darauf bin ich schon vorbereitet, habe aber nicht mehr „auf dem Schirm“, dass das mich schon heute trifft.
Straßenbau! Riesige Laster und Bagger manövrieren hier. Und es geht gleich in die Vollen: knöcheltiefer Matsch wickelt sich in Sekundenschnelle um meine Reifen und blockiert diese. Ich springe vom Rad und gehe ein paar Schritte. Sofort habe ich 10 Zentimeter hohe „Stöckel“ unter meinen Sohlen. Das kann ja heiter werden. Schieben geht nicht, ich trage mein mindestens 60 Kilo schwere Bike ein paar Meter. Zumindest meine Füße finden am Rand einen festgetrampelten Weg.
Immer wieder gewaltig große Baumaschinen, manche fräsen den Wegesrand ab und verbreitern die Straße fast auf Autobahnbreite. Nahe den Maschinen sitzen vereinzelt gelb behelmte Leute gemütlich im Schatten, mit einem roten Fähnchen in der Hand und winken mich halbherzig weiter und auch die vielen Menschen, die gerade hier mit oder ohne Last auf dem Kopf unterwegs sind. Ich kann nicht erkennen, ob die behelmten Leute überhaupt im Bilde sind, was die Maschinen gerade machen. Argwöhnisch achte ich selbst drauf, dass ich nicht überfahren werde.
Nach einem festgewalzten Stück, als ich schon erleichtert aufatmen möchte, wieder dasselbe Schauspiel wie zuvor. Der Untergrund ändert sich alle paar hundert Meter.
Vor mir ein RaR-Team. Sie sprechen gerade mit einem Chinesen, der wohl der Bauleiter der Riesenbaustelle ist. Dann schauen sie entsetzt auf ihr Navi. Auf meine Frage meinen sie, sie suchen jetzt eine Umleitung, das hier sei eine Zumutung. Die Baustelle sei 16 Kilometer lang und bei einem Schnitt von 5 km/h, wären wir um Mitternacht wohl noch nicht beim CP2 in Ruhengeri. Oje, oje! Kurz darauf wieder ein Schlammstück. Vor mir kommt einer der beiden Fahrer ins Rutschen, schafft es nicht aus den Klickpedalen und schlägt der Länge nach hin. Voll in den roten Matsch. Der Arme! Ich „eiere“ vorsichtig weiter.
Und es geht einige Kilometer auf toll gewalzten Terrain bergab. In der Ferne höre ich wieder Maschinen und dann folgt dasselbe Schauspiel wie schon einige Male zuvor. Ich füge mich in mein Schicksal. Stop & go!
Dann plötzlich eine Schranke. Dahinter ein steiler langer Hang, von dem bedrohliche Geräusche kommen. Steinschlag! Der Bewacher der Schranke zeigt hoch und sagt, da könne man jetzt nicht durch. Jenseits der Schranke werden einige schwer bepackte Stahlräder hochgeschoben. Auf der anderen Seite gibt es wohl kein Stopp. Ich habe Zeit mir das Schauspiel anzusehen. Eine Serpentinenstraße führt hoch den Berg hinauf. Die Laster quälen sich schwer beladen diesen Berg hoch und leeren das Aushubmaterial der Baustelle einfach den Abhang hinunter, Teile davon landen mit ohrenbetäubendem Gepolter wieder genau hier: auf der Straße. Das nennt man „Problemverlagerung“.
Misstrauisch äuge ich immer wieder auf meinen Tacho. Die 16 Kilometer müssten nun wohl bald zuende sein. Und wirklich. Ich nähere mich einem Dörfchen und einem riesigen Fußballplatz, auf dem angefeuert von sehr vielen Zuschauern, zwei Mannschaften um den Sieg kämpfen. Anscheinend haben die Schüler frei bekommen für dieses Ereignis, denn unzählige Kinder in bunter Uniform tummeln sich um den Platz.
Kurz darauf noch ein kurzer sehr steiler Anstieg und ich habe die Asphaltstraße erreicht. Die Teilnehmer von RaR 2026 dürfen wohl mit 16 Kilometern mehr Teer rechnen.
Noch knapp 30 Kilometer bis zum Kontrollpunkt 2 in Ruhengeri. Es rollt super. Glatter Asphalt und rasante Abfahrten unterbrochen von kurzen Bergaufpassagen. Das habe ich mir jetzt wohl verdient. Massenhaft Leute sind am Rand unterwegs. In zweiter Reihe die üblichen Fahrräder mit Fracht oder als Taxi. Dann viele Moto-Taxis und einige Autos und große Laster. Nachdem ich in rasender Fahrt erst in letzter Sekunde auf ein knietiefes, fast badewannengroßes Loch im Asphalt aufmerksam wurde, verlangsamte ich etwas und fokussiere ich meinen Blick konzentrierter auf den Untergrund. Und mir fällt auf: mein Rad schaut schrecklich aus. Die Farbe ist vor lauter getrocknetem Schlamm kaum wiederzuerkennen. Unwahrscheinlich, dass sie mich so ins Hotel lassen. Was tun?
Kurz vor Ruhengeri fahre ich eine Tankstelle an. Es ist nicht zu erkennen, ob es eine Waschanlage gibt, aber ich frage mal nach, beziehungsweise ich zeige dem Tankwart mein schmutziges Rad. Er zeigt hinter das Gebäude und dort ist eine kleine Truppe gerade dabei einen SUV zu reinigen. Sofort bin ich umzingelt und alle gehen sofort auf meinen Bike-Wasch-Wunsch ein. Eine Muzungu kommt wohl nicht alle Tage. Während sich drei um mein Rad kümmern, spüre ich plötzlich etwas an meinen Beinen. Huch, was ist das denn? Vor mir kniet ein Junge und schrubbt mit Seifenwasser lange und ausgiebig meine rotverkrustete Haut ab. Was für ein Service …
Ich zahle meine Schulden mit einer Bagatelle, gebe ein Trinkgeld und bin wenige Kilometer später am CP1, ich hole mein Gastgeschenk ab, einen kleinen hölzernen Gorilla-Anhänger. Mir wird bewusst, dass ich mein Geschenk bei CP1 nicht geholt habe, ich wusste davon schlichtweg nichts oder ist es eine Ausrede um nicht zusätzliches Gewicht durch die Gegend zu tragen? Spaß beiseite, ein kleiner süßer Stoffelefant wird Tage später im Ziel seinen Weg zu mir finden und ersetzt meinen kleinen Plüschbären. Fast zeitgleich kommt Lars an. Wir essen hier noch etwas und machen uns auf ins Hotel. Wir hatten ja am Abend zuvor dasselbe gebucht.
Herrlich ist die warme Dusche und ein weiches gemütliches Riesenbett unter einem Moskito-Netz. Auf das Waschen meiner Kleidung verzichte ich. Ist nicht so schlimm. So fällt man nicht so auf als wenn ich als „geschniegelte“ Muzungu durch die Gegend radle.
Tag 3: Ruhengeri (CP2) – Volcano Belt – Gishwati Forest – Muhanga 167 km/ 3400 Hm Zeit in Bewegung: 12:04h Verstrichene Zeit: 14:16h
Am Morgen gibt es extra für uns schon um halb fünf ein leckeres Frühstücksbuffet mit Früchten, Ei, Toast, Marmelade, Honig und vor allem Kaffee mit Milch, ich bin wohl doch ein wenig kaffee-süchtig …
Heute geht es gleich zweimal auf über Quote 2800m NN hoch. Insgesamt sind über 3400 Höhenmeter zu überwinden, das Gelände soll auch nicht einfach sein.
Die ersten Kilometer verlaufen zwar bergauf aber angenehm auf Asphalt. Von allen Seiten strömen Kinder in blau-bunten Uniformen und Heften in der Hand herbei und gehen in meine Fahrtrichtung. Aha, die Schule beginnt wohl bald. Irgendwann kommen die Schulkinder mir entgegen, da bin ich wohl an der Schule schon vorbeigefahren.
In der Ferne ragen hohe Bergkegel in den Himmel, beschienen von der gerade aufgegangenen Sonne. Ich nähere mich dem Volcano-Belt, dem Vulkangürtel. In nicht mal 50 Kilometern Luftlinie, in der Demokratischen Republik Kongo, steht der Nyiragongo, ein 3470 m hoher Stratovulkan, der als einer der aktivsten Vulkane der Erde gilt.
Die Straße geht nun nahtlos über in Gravel und zwar in eine sehr steinige Piste, wir wurden schon vorgewarnt, dass es stundenlang ziemlich ruppig sein würde. Ich hoffe, dass ich keine Panne haben werde. Aber der Weg kann noch so erodiert, voller ausgewaschener tiefer Rinnen sein und mit Schlaglöchern durchzogen, Moto-Taxis gibt es auch hier. Sie suchen sich die beste, die glatteste Linie und nicht selten komme ich ihnen dabei in die Quere, auch auf der Suche nach einer guten Spur …
Nach kurzer Zeit Gerüttel über die großen und spitzen festgebackenen Lavasteine schmerzen meine Hand-Gelenke, trotz des meines Redshift ShockStop-System am Vorbau. Und weitere 30 Kilometer „Schüttelpiste“ liegen noch vor mir.
Immer wieder habe ich Begleiter*innen. Anscheinend müssen nicht alle Kinder zur Schule trotz Schulpflicht. Glaube ich mich mal allein und atme vor der nächsten unmenschlichen Steigung erleichtert auf, kommen aus dem Nirgendwo plötzlich wieder ein paar Handvoll Kids und schlappeln neben mir her. Stehenbleiben und verschnaufen oder mal was essen – Fehlanzeige. Reden, fragen, fordern … Ich komme an Markus vorbei, der sich auf einem Stein am Wegesrand niedergelassen hat und „vespert“ – um sich eine Menschentraube, nein, eine „Kinder“-Traube. Ich fahre fast unbemerkt vorbei und werde in Ruhe gelassen.
Ich suche aber ein unbeobachtetes Plätzchen, um mal hinter den Büschen zu verschwinden. Ich glaube diesen gefunden zu haben und nun heißt es sich zu beeilen, bevor aus irgendeiner Richtung wieder jemand auftaucht. Hose runter … da bemerke ich aus den Augenwinkeln, dass ich doch nicht unbeobachtet geblieben bin: in der Kurve unter mir steht eine Frau in buntem Kleid und Harke auf dem Kopf abgelegt und schaut interessiert in meine Richtung. Hmmm … egal, das muss jetzt sein. Anschließend fahre ich verlegen grinsend an ihr vorbei, freundlich grüßend. Nur soviel zur Pipi-Platz-Suche. Wohl in ganz Ruanda ein Ding der Unmöglichkeit mal einen Platz für ein größeres Geschäft zu finden … und man will ja auch dieses saubere Land nicht verschmutzen …
Irgendwann, nach einer für mich schneckenhaften Abfahrt bei all diesen Rinnen und Steinen, geht es auf die Umleitung: Wegen der sich neu zuspitzenden Konflikte zwischen der kongolesischen Armee und der Rebellenmiliz M23 im Grenzbereich Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo zu. Die ursprüngliche Strecke hätte uns durch Gisenyi geführt, die an der Grenze liegt und seit Kurzem im Brennpunkt der Auseinandersetzungen liegt. Der Konflikt zwischen dem Kongo und dem Nachbarstaat Ruanda schwelt seit Jahren: Es geht um Bodenschätze. Hinzu kommen ethnische Spannungen zwischen den Tutsi und Hutu.
Die Strecke führt nun etwas weiter südlich über den Gishwati Forest, mit fast 3000 Meter Höhe einer der höchsten Punkte der der Runde.
Schon als es abgeht in den nächsten Gravelabschnitt merke ich, dass sich etwas geändert hat. Die Leute scheinen hier ärmer zu sein. Die Gesichter oft verhärmt, auch Erwachsene fragen mitunter um Geld. Die Behausungen wirken ärmlicher, es laufen mehr Kinder in Kleidung herum, die kaum noch am Körper hängt, viele Kinder tragen große Lasten.
Am Wegesrand ein super Fotomotiv: Im Bach schwimmen hunderte grell-orange Karotten und werden von mehreren im Wasser stehenden jungen Männern gewaschen. Ich zücke mein Smartphone, da winkt einer der Männer ab, nur gegen „Money“. Ich fahre weiter, dann halt kein Bild, meine Geldbörse möchte ich nicht zücken vor all den Menschen … Die Landschaft ist wunderschön, alles ist tiefgrün, Teeplantagen säumen den Weg. Dieser steigt immer steiler an, irgendwann muss ich absteigen und schieben. Fast biege ich falsch ab, denn der Track verläuft kerzengrade durch den Berg. Irgendwas stimmt da wohl nicht.
Ich folge einfach dem Weg und irgendwann stimmen Weg und Track wieder überein. Zum Glück! Je höher ich komme, desto einsamer ist es. Leute sind hier oben mal keine mehr. Die Landschaft schaut fast so ähnlich aus, wie zuhause: Nadelwälder und weiter oben vergleichbar mit unseren Almen.
Ich glaube es kaum, nach meinem Fußmarsch bin ich am höchsten Punkt angelangt und hier treffe ich auf eine Teerstraße. Diese werde ich nach vielen Kilometern Abfahrt und noch einigen längeren Bergaufpassagen nicht mehr verlassen bis zu meinem heutigen Schlafplatz in Muhanga.
Unterwegs komme ich wieder durch wohlhabendere Zonen. Bunt und ordentlich gekleidete Frauen und Männer, zu Fuß, auf Fahrrad- oder Moto-Taxis, viele Bananenplantagen, fruchtbares Land und hübsche Häuser.
Marktag scheint vielerorts zu sein. Die Leute sind mit allem Möglichen unterwegs: Ziegen, Hühner, Schweine, Bananenstauden, Maiskolben, Ananas und andere Früchte, Getreide, Eimer mit Mandazis, in Fett gebackenen Teigkugeln und vieles mehr.
Leid getan haben mir besonders ein lebendes Schwein, eingepfercht in einer engen Holzkiste, auf einem Fahrrad oder das Dutzend Hähne, die ebenfalls lebend mit den Füßen am Rad festgegurtet wurden.
Der Nachmittag schreitet langsam fort, kurze Pause bei einem Shop zum Cola- und Wasserkauf. Beim Bäcker nebenan gibt es leckeres ofenwarmes frisches Brot. Hier treffe ich auf einige von uns. Auch Lars ist hier. Wir vereinbaren, dass wir uns bei der Abzweigung nach Muhanga treffen, um das Hotel zu suchen, denn die Zimmer sind ja seit dem Vorabend schon gebucht.
Dann fehlen nur noch 20 Kilometer, aber es geht nochmal fast 900 Höhenmeter bergauf. Die Sonne ist zum Glück nicht mehr so stark. Ein LKW fährt an mir vorbei, hinten festgekrallt ein ruandischer Radfahrer. Abgesehen von der Gefährlichkeit beneide ich ihn in diesem Moment schon ein wenig, muss ich doch mein ganzes Gepäck und Rad selbst hochbewegen und das ist mit über 20 Kilo nicht wenig.
Die Sonne geht unter, nun wird es in Kürze dunkel werden. Die Kreuzung ist erreicht. Nachdem Lars und ich uns heute mehrmals gegenseitig überholt haben, treffen wir hier wieder aufeinander. Nun sollten wir bald am Ziel sein, in Muhanga, das einige Kilometer abseits der Strecke liegt. Verkehrsmäßig ist hier die Hölle los, die Straße mit Schlaglöchern gesäumt. Autos blenden mich. Ich hoffe die hinter uns fahrenden Autos erkennen uns. Mehrmals verfahren wir uns auf der Suche nach unserem Hotel. Es befindet sich nicht dort, wo es auf Google Maps angezeigt wird. Wir fragen einen Polizisten. Dieser meint, wir müssten noch etwa drei Kilometer weiter fahren. Entnervt geben wir auf. Vor uns das Splendid-Hotel, das einen guten Eindruck macht. Wir fragen, ob es noch zwei Zimmer gebe. Volltreffer! Eine funktionierende warme Handbrause habe ich auch, wasche heute mal meine Radklamotten und nach einem leckeren Abendessen, Fisch mit Reis, Gemüse und frittierten Bananen, sinke ich müde in mein feines Bett unter dem Moskitonetz-Himmel.
Tag 4: Muhanga– Kibuye (CP3) – Kirambo/ Kagano 149 km/ 2800 Hm Zeit in Bewegung: 09:25h Verstrichene Zeit: 11:44h
Ich schlafe schlecht, liege ab 2 Uhr wach. Je mehr ich mir die Dringlichkeit einer guten Nachtruhe vor Augen führe, desto wacher bin ich. Wie jeden Tag Frühstück um halb fünf -übrigens sehr lecker- und los geht es. Zunächst soll der CP3 in Kibuye, am Kiwu-See angefahren werden, dann ohne Gravel-Intermezzo bis nach Kirambo. Hotels gibt es dort wenige und Lars und ich haben 10 Kilometer abseits zwei Zimmer im Maravilla Kivu Ressort gebucht.
Bei Dunkelheit fahre ich raus aus Muhanga, Lars verschwindet gleich meinem Blickfeld. Ich bleibe stehen und kontrolliere nochmal ob an meinem fahrenden Wäscheständer alles gut befestigt ist. Leider war meine „frische“ Kleidung am frühen Morgen noch nicht ganz trocken.
Die Asphaltstraße vom Tag zuvor geht sofort hintere Muhanga über in eine anfangs mit Löchern übersäte Erdpiste, die bald in Straßenbaustelle übergeht. Über mir schweben ein rotes und grünes Blinklicht. Eine Drohne im Stockdunkeln? Unheimlich. Mein Gedankenkarussell beginnt zu rotieren: Werde ich gefilmt? Werden Daten weiter geleitet an wen, der Böses im Schilde führt? Und wirklich, Minuten später tauchen aus dem Nichts in meinem Scheinwerferlicht vier Männer auf, die nebeneinander die Straße entlang gehen und diese völlig blockieren. Ich schrecke aus meinen Gedanken auf und unzählige Szenarien tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich nähere mich und drücke mich an der Seite vorbei, grüße mit brüchiger piepsiger Stimme. Der Gruß wird fröhlich erwidert. Ich atme auf.
Ich sehe kaum mehr etwas vor mir. Nanu? Es ist nebelig und zudem haben die feuchten Tröpfchen meine Brille beschlagen. Bei Dämmerung sehe ich etwas besser. Nun sind wieder einige Menschen unterwegs und tauchen gespenstisch aus dem Nebel auf.
Mein Rücklicht hatte ich schon ausgeschaltet, Rachel (sie wird ein paar Stunden als zweite Solo-Frau im Ziel ankommen) informiert mich, dass ich im immer dichter werdenden Nebel nicht gut sichtbar bin. Also Licht wieder an.
Irgendwann geht die breite Piste über in Asphalt, der Nebel lichtet sich und ich fahre in den ersten „Berg“. Fast 1000 Höhenmeter sind zu überwinden, die Steigung moderat, aber ich merke, meine Beine sind nicht ganz frisch. Bei zunehmender Sonneneinstrahlung und keinem kühlenden Lüftchen fallen mir die Kilometer heute schwer.
Irgendwann überhole ich Lars, dem geht es ähnlich. Aber nach jeder Steigung kommt wieder eine Abfahrt und die bringt mich flott dahinrollend endlich an den herbeigesehnten Kiwu-See und den dritten Kontrollpunkt in Kibuye.
Der Kivu-See gilt als gefährlichster See der Welt. Die Nordufer liegen am Fuße des aktiven Vulkans Nyiragongo. Die Tiefen des Sees enthalten sehr viel Methan, aus dem Ruanda ein Drittel des Stroms erzeugt. Würden aber die Magma-Kammern unter ihm ausbrechen, könnte dies das Leben in der Zwei-Millionen-Stadt Goma auslöschen. Es könnte sich eine ähnliche Katastrophe ereignen wie im zentralafrikanischen Kamerun 1986. Der Nyos-See, ein ein Kratersee,setzte damals schlagartig und unerwartet Tonnen von CO2 frei. Das Gas strömte in zwei Täler und tötete Menschen und Tiere in bis zu 30 km Entfernung vom See. Damals erstickten fast 2000 Menschen und unzählige Tieren in wenigen Augenblicken.
Das Kiwu-Seeufer ist unendlich schön, ich denke an den Artikel im Geo-Heft. Eine solche Katastrophe wird sich wohl nicht jetzt abspielen, wenn ich hier entlangfahre … Meine Gedanken fliegen immer wieder zu dem Unheimlichen, das hier in der Tiefe schlummert.
Es ist sommerlich heiß. Meine Arme sind krebsrot, an den Handgelenken haben sich weiße Bläschen gebildet, trotzdem ich mich regelmäßig einschmiere. Also ich muss schon sagen, die dunkelhäutigen Menschen rund um mich sind allemal schöner anzusehen als unsereins mit verbrannter „weißer“ Haut.
Endlich darf ich einbiegen in die Zufahrt zum CP3, Olivier von der Crew empfängt mich und führt mich zum Hotel. Es gibt noch Frühstück mit Früchten, Cupcakes und Eierspeise. Ich schlage mehrfach zu. Auch Lars kommt an, wir klagen uns gegenseitig unser Leid, dass es heute bisher sehr mühsam war und kommen überein, keinen überflüssigen Kilometer fahren zu wollen. Lars informiert sich bei unserem Ressort, ob sie uns ein Taxi schicken könnten nach Kirambo, wo wir die Strecke verlassen müssen. Sie können.
Nach viel zu langem Aufenthalt im Kontrollpunkt muss ich endlich aufbrechen. Vor mir liegen nicht mal mehr 100 Kilometer auf Aspalt, die müssten bis zum Beginn der Dämmerung machbar sein.
Die Karte zeigt mir, dass die Strecke parallel zum Seeufer verläuft. Also wohl tendenziell flach. Fehlanzeige! Es geht am Hang entlang, von einem Fjord zum nächsten, ständig über irgendwelche Hügel hinauf und auf der anderen Seite hinunter.
Immer wieder Traumausblicke, manchmal mehr, manchmal weniger Menschen. Gegen 16:00 wohl Schulschluss, mit einem Mal wieder viele schuluniformierte Kids in allen Altersstufen, die manchmal fordernd ihre Hände ausstrecken.
Bei einem Foto-Stopp am Straßenrand kommt mir ein Hund entgegen, der einzige bisher in Ruanda. Er hat sichtlich Angst vor mir und trottet in großem Bogen um mich herum.
Wolken brauen sich über mir zusammen und schon beginnt es zu regnen. Nicht stark, aber immerhin so, dass ich in Erwägung ziehe meine Regenjacke hervorzukramen und bei der Gelegenheit auch meinen „Wäscheständer“ abräume, das Zeug soll ja nicht wieder nass werden. Unter einer großen Palme beschließe ich Schutz zu suchen und den Guss auszusitzen. Fein mal die Beine ausruhen zu lassen.
In der kommenden Steigung läuft ein Schüler in beiger Uniform neben mir her. In der Hand einen Stock, mit dem er einen ausrangierten MTB-Reifen vor sich hertreibt und ich staune nicht schlecht: eingeklemmt zwischen den Seitenwänden ein Schreibblock oder Ähnliches aus zerfleddertem Papier. Ich frage ihn, ob er von der Schule kommt und ob das seine „Schoolbag“ sei. Er bejaht lachend.
Unter mir ein Parcours mit ausgefahrenen Spuren, wie ich sie schon öfters gesehen habe, und Leuten, die mit ihren fahrbaren Untersätzen, sprich Fahr- und Motorrädern um die Markierungshütchen kurven. Am Rand jemand mit Warnweste und einem Schreibblock in der Hand. Hier findet wohl eine Abnahme von Fahrprüfungen statt. Anscheinend darf nicht jeder, der ein Gefährt hat, einfach Menschen herumchauffieren, sondern braucht hierzu eine Genehmigung.
Wieder treffe ich auf viele Menschen, die Lasten auf dem Kopf tragen oder aufgetürmt auf dem Rad hochschieben. Besonders leid tut mir ein eng auf einem Gepäcksträger festgebundenes Schwein.
Die Leute sind hier etwas ärmer, scheint mir, die Kleidung nicht ganz sauber und oft mit Rissen und Löchern gesäumt, nur wenige haben ein Smartphone in der Hand. Als es ziemlich steil wird und ich dementsprechend langsam, kommen mir zwei Fahrrad-Taxi-Fahrer, die den Berg hochschieben ziemlich nahe, einer links einer rechts von mir, und rufen ziemlich forsch „five me water!“ und wollen nach meiner Flasche greifen. Ich lege trotz der Anstrengung bergauf noch einen Gang zu.
In manchen Gegenden sind die Leute sehr nett, freundlich, fröhlich, grüßen, … in anderen möchte ich bei Dunkelheit als Frau nicht unbedingt alleine fahren.
Ich erzähle Lars später, als wir uns kurz vor Ende unserer Tagesetappe vor einem kleinen Shop treffen von meinem Erlebnis mit den Männern zuvor, er berichtet, er habe auch ein ungutes Gefühl gehabt. Auf jeden Fall sind wir beide froh, dass wir hier beim Einkaufen zusammen sind. Das Straßendorf hier macht einen wenig gepflegten Eindruck und es sind sehr viele Menschen hier. Wir müssen aber Wasser und Vorräte auffüllen, denn am nächsten Tag auf dem Weg in den Nyungwe Regenwald gibt es wohl kilometer- und stundenlang gar nichts.
Die Sonne steht noch am Himmel, als ich in Kirambo ankomme, gemeinsam mit Lars war ich die letzten Kilometer gefahren. An der Kreuzung telefoniert Lars nochmal mit dem Taxifahrer. Er ist unterwegs. Um uns scharen sich in Sekundenschnelle unzählige Kinder. Die Polizei schickt uns auf die andere Straßenseite, da wir hier ein Verkehrshindernis darstellen.
Die Menschentraube folgt uns auf die andere Seite. Wir sind komplett umzingelt, können uns kaum umdrehen. Nur, wenn ich mein Smartphone oder meine GoPro zücke, um das Gewimmel abzulichten, kommt Bewegung in das Menschenmeer. Fotografieren ist wohl nicht so erwünscht. Aber das müssen die Leute meiner Meinung nach in Kauf nehmen, wenn sie uns so auf den Leib rücken. Eine halbe Stunde vergeht, eine weitere halbe Stunde. Vom Taxi keine Spur. Ein weiteres Telefonat, der Fahrer startet jetzt wohl erst. Die Sonne geht unter, endlich hält ein Auto vor uns. Ja, ein Auto. Trotz Rückversicherung, der Wagen könnte leicht zwei bepackte Räder aufladen, ist dem nicht so.
Fraglich ist, ob überhaupt eines hineinpasst und wenn ja, dann ist sowieso nur noch der Beifahrersitz für einen Menschen frei. Ich verziehe ungehalten mein Gesicht, wäre ich doch schon vor einer Stunde mit dem Rad losgefahren. Ich drehe mich um und fahre einfach los. Diskutieren bringt nichts, dadurch wird das Auto nicht größer und ich muss los, denn die Dämmerung hat begonnen und die dauert bekanntlich nur etwa 15 Minuten, bevor es stockdunkel ist.
Ich rase den Berg hinunter, das Ressort liegt direkt am Seeufer. 7 Kilometer sind ruckzuck abgehakt, dann eine Abzweigung. Jetzt geht es wohl durch die Halbinsel in den See hinaus, bis an deren Ende. Ein Schild: noch 2,8 km bis zum Ressort. Es ist inzwischen Dunkel, aber geschockt blicke ich auf die Piste vor mir. Große grau-schwarze Steine festgebacken und lose zieren die Piste. Ich holpere hinunter, zweimal verliere ich meine vorher erstandene Eineinhalbliter-Wasserflasche, die ich kopfüber in meine Seitentasche gesteckt hatte.
Teilweise ist an Fahren nicht zu denken, ich schiebe mein Rad. Lars schreibt mir „Fahr da nicht hinunter!“ Irgendwann kommt mir der Taxifahrer entgegen, will mich auf den letzten Metern transportieren. Ich fahre mit starrem Blick an ihm vorbei, immer noch stocksauer. Irgendwann bin ich am Ziel und werde hier in der Rezeption erst nochmal meinen Frust los. Zur Besänftigung bekomme ich einen frischen Ananas-Smoothie. Ich frage gleich nach, ob sie nicht für 5 Uhr morgens einen Pic-Up oder Ähnliches organisieren könnten. Denn den Weg wieder zurück wäre eine Katastrophe, der nächste Tag sollte so schon fordernd genug sein. Sie versprechen es.
Mein Zimmer. Ziemlich teuer, aber wunderschön. Hier sollte man mal Urlaub machen dürfen. Beim Abendessen leiste ich mir einen „Tilapia“ in Tomatensauce, eine Fischart, die im Kiwu-See gezüchtet wird. Sehr lecker, garniert mit Kartoffelpüree und Gemüse. Dazu einen weiteren Ananas-Smoothie. Ich sinke in mein superbequemes Bett und schlafe heute sehr gut. Zuvor hatten Lars und ich zwei Zimmer in Kibeho, einem kleinen Pilgerort, gebucht.
Tag 5: Kagano – Nyungwe Rainforest – Kibeho 112 km/ 3000 Hm Zeit in Bewegung: 09:55h Verstrichene Zeit: 11:41h
Nach einem sehr leckeren Frühstück wartet unser Taxi auf uns. Beide Räder werden auf die Ladefläche gehievt. Lars wollte hinten drauf mitfahren, entschließt sich aber kurzfristig doch für eine bequemere Fahrt vorne.
Dann geht das Geruckel los. Für die 10 Kilometer werden wir über 45 Minuten brauchen. Das erste Stück im Schritt-Tempo.
An unserem Ausgangspunkt von gestern ist es noch tiefschwarze Nacht. Man muss genau an der Stelle wieder auf die Strecke, an der man sie verlassen hat. Ich steige aus und verhandle ich mit dem Taxifahrer den Preis; das sollte man zwar vor Antritt der Fahrt machen, aber wir zahlten nicht viel.
Dann heben wir die Räder von der Ladefläche. Lars fährt gleich los. Ich bemerke, dass am Rad etwas anders ist, die Oberrohrtasche schaut irgendwie schmal aus. Ich öffne sie: LEER! Ich schaue nochmal auf die Ladefläche, dort liegen meine Malariapillen und ein kleines Brieflein mit Salz. Rausgefallen? Wo sind dann die anderen Sachen, meine Snickers, Knoppers, das Säckchen mit Gummibärchen, die Nüsse und Datteln? Kurz – mein Proviant für den einsamen Aufstieg in den Nyungwe Regenwald. Alles weg! Auch meine Keego Wasserflasche ist nicht mehr da und als ich weiter kontrolliere, auch der kleine Leatherman ist nicht mehr da. Das gibt es doch nicht. Wie
Ich finde auf den ersten Kilometern meinen Rhythmus nicht, bleibe mehrmals stehen, um nachzusehen, ob auch noch andere wichtige Sachen fehlen. Zum Glück nicht.
Ich versuche zu verstehen. Es gibt zwei Theorien: entweder ist unterwegs beim Schritt-Tempo jemand aufgesprungen: Lars hatte beobachtet, dass der Fahrer mehrmals in den Rückspiegel schaute. Allerdings fehlt bei Lars nichts und sein Rad lehnte auf meinem. Oder hat jemand im Dunkeln von der anderen Autoseite aus auf die Ladefläche gegriffen, als ich mit dem Fahrer verhandelte? Und dort war mein Rad in Griffweite.
Fakt ist, ich habe nichts zu essen und wenig Wasser, bin irgendwie ganz durcheinander und kann mich noch nicht so ganz auf den heutigen Tag einlassen und dabei beschreibt Simon den Streckenabschnitt als einen der schwierigsten: Löcher, steinig, schlammig, vermutlich einiges an hike&bike.
Blauer Morphofalter
Von Anfang an fahre ich auf der gestampften roten Lehmerde. Es bietet sich hier in der Dämmerung sogar noch ein Platz kurz zu verschwinden hinter einem Busch. Das muss ich ausnutzen. Aber viele Menschen sind hier auf dem Weg in den Nationalpark nicht unterwegs. Die Natur ist wunderschön. Alles sehr grün, Vogelgezwitscher, zweimal fliegt ein handtellergroßer türkiser Schmetterling an mir vorbei.
Die Steigungen sind moderat, es wird immer einsamer. Das gefällt mir sehr. Ich habe zwar nichts zu essen und mein Wasser ist fast aufgebraucht, aber das vergesse ich fast vor lauter Staunen. Der Weg ist flach, aber ich muss höllisch aufpassen, immer wieder kleine „Brücken“ aus unregelmäßigen sehr rutschigen Holzbohlen und immer wieder Matschpassagen.
Dann wieder etwas mehr Leute. Da muss wohl ein Dorf in der Nähe sein. Ich biege um die nie nächste Kurve, am Wegesrand steht Lars über sein ausgebautes Hinterrad gebückt. Ich verstehe irgendwas mit den Bremsen ist nicht ok. Er wird wohl neue Bremsbacken einbauen.
Kurze Zeit später die ersten Lehmziegelhäuser. Ein Mann kommt auf mich zu. Was will der denn? Einerseits neugierig, andererseits in Abwehrhaltung blicke ich ihm entgegen. Er fragt mich, ob ich etwas zu trinken oder zu essen brauche und führt mich in seinen nahen „Shop“. Gerettet! Habe ich doch nichts mehr zu trinken und zu essen. Ich decke mich mit Bananen ein, mit Keksen, mit Cola und mit Wasser. Die Colaflasche hat einen etwas dickeren Bauch und kann meine Keego-Flasche im Flaschenhalter gut ersetzen.
Ich zahle wieder mal nur eine Bagatelle im Vergleich zu unseren Preisen daheim und mache mich auf den Weiterweg. Von meiner Strecken-Grafik dräut eine dunkelrot eingefärbte Steigung. Oje, jetzt wird hike&bike anstehen.
Und wirklich, es geht so steil hoch auf einem feucht lehmigen glatten Boden, dass sogar ein Mototaxi seinen Passagier absteigen lassen muss. Ich wandere ein paar hundert Meter, der Boden ist ziemlich rutschig, ich stemme mein Rad mit aller Kraft weiter. Bald aber wird es wieder flacher und gut fahrbar. Ich bestaune die Vielfalt der Vegetation, sind wir doch weit über Quote 2000 ü.NN.
Eine Frau radelt an mir vorbei. Ist das Rachel? Nein, es ist Kate, deren Teampartnerin aufgegeben hatte. Rachel ist am Morgen früher gestartet, mein Start hatte sich durch den Transfer vom Hotel ja verzögert. Mit diesem Zeitguthaben schafft es Rachel noch bis CP4, muss aber die Gravelpassage nach Kibeho im Dunkeln zurücklegen, dazu später. Ich verschwende an diese Gegebenheit keinen Gedanken, ist mir die Platzierung so unwichtig wie nie. Ankommen gilt und schöne Bilder nach Hause bringen.
Schneller als erwartet gelange ich auf die Aspaltstraße, die durch den Regenwald führt. Sie ist die einzige Straße und verläuft nahe an der Grenze zu Burundi. Alle paar Kilometer stehen je drei schwer bewaffnete Soldaten. Ein mulmiges Gefühl, aber sie sind ja für die Sicherheit zuständig. Ich halte bei den ersten kurz an und frage, ob ich ein Bild machen darf. Nein, darf ich natürlich nicht!
Etwas später bekomme ich zu spüren, dass das Fotografieren wirklich nicht erlaubt ist. Ich fahre ein paar Meter mit einem Team mit, ich glaube Dennis und Jorn. Gegenseitig machen wir Fotos, sie von mir, ich von ihnen. In dem Moment als sie auf mich zufahren und ich auf den Auslöser drücke, taucht hinter der Kurve ein Militärwagen auf, darauf ein paar Bewaffnete.
Ich stehe noch immer mit dem Smartphone vor dem Gesicht da. Das gepanzerte Auto macht neben mir eine Vollbremsung. Vom Beifahrersitz schaut ein grimmiges Gesicht. Es scheint ein höheres „Tier“ zu sein. Ich stottere, nein, ich hätte nur ein Bild von den Radfahrern gemacht. Ich will schon meine Fotogalerie für den Beweis öffnen, da fahren sie schon weiter. Uff!
Etwas später bekomme ich doch mein ersehntes Bild: Hinter einer Biegung stehen einige Fahrzeuge, Militär und Polizei. Am Rand der Straße ein großer LKW – auf der Seite liegend. Ich fahre vorbei und knipse zurück. In dem Moment fühle ich mich wie eine „Katastrophen-Touristin“, ein bisschen nagt das schlechte Gewissen schon. Gleichzeitig bin ich etwas durch den Wind durch den Schock den dieser Anblick lieferte. Ich fahre auf der linken Straßenseite und überlege, ob das wohl richtig ist … mein Gehirn ist wohl auch nicht mehr ganz fit. Schnell auf die richtige Seite, denn es kommen immer wieder große Laster entgegen.
Noch 25 Kilometer zum nächsten Ort und nach einigem an Auf und Ab erreiche ich Kitabi. Meinem Wunsch nach wollte ich hier am Ende des 4. Tages übernachten, durch die Streckenänderung wegen des Konfliktes mit Kongo, ging sich das leider nicht aus und das würde vor allem auf den nächsten Tag Auswirkungen haben.
In einer Art „Schnell-Imbiss“ treffe ich auf einige RaR-Fahrer. In verchromten Wannen ist das Essen ausgestellt. Ich wähle Reis, Nudeln, Gemüse, eine Art Spinat und ein paar Pommes, dazu ein Fanta Pinapple, auf das angebotene Fleisch verzichte ich lieber.
Ich entdecke eine WhatsApp-Nachricht von Lars. Er muss leider aufgeben, bekommt seine Hinterbremse nicht repariert. Schade! Später lese ich, dass er Kitabi erreicht, die Nacht hier verbringt und noch alles versucht, um sein Rad wieder in Gang zu bekommen.
Ich mache mich wieder auf den Weg. Und jetzt liegt eines der schönsten Teilstücke vor mir. Das kräftige Grün der gepflegten Teeplantagen bildet eine tolle Kulisse und immer wieder muss ich anhalten für ein Foto.
Dann geht es durch eine recht einsame Gegend, die Gravel-Straße entwickelt sich von „smooth“ zu ziemlich ruppig. Und einige Steigungen liegen auch im Weg. Ich schiebe einige Male.
Ein ärmlich gekleideter Mann mit einem Stein auf dem Kopf bettelt mich um Geld an. Was ist, wenn der mir jetzt nachläuft? Ich komme unbewusst auf die linke Straßenseite. Plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln was Giftgrünes auf mich zurasen und kann grad noch zur Seite springen. Ein Rad, eine „Black Mamba“ mit einem Bub und viel Gepäck drauf. Er ist in der Abfahrt, wer weiß, ob seine Bremsen funktionstüchtig sind. Ein Crash wäre für mich nicht gut ausgegangen.
Dann plötzlich wieder Asphalt und ich rolle auf Kibeho zu, einem Pilgerstädtchen.
Gleich zu Anfang ein kleiner Shop mit Souvenirs, Christus- und Madonnenfigürchen und es gibt auch Getränke und diese frittierten Kugeln. Ich kaufe zur Flasche Wasser ein Cupcake und ein Chapati. Vor dem Laden sitzt Dennis, er wartet auf seinen Teampartner, der auf Herbergsuche ist. Ich bin noch unschlüssig, ob ich noch weiter fahren sollte bis zum nächsten Kontrollpunkt. Aber in einer halben Stunde wird es dunkel. Besser hier bleiben, das Hotel ist ja schon gebucht. Den letzten Anstoß, dass das richtig ist, liefert Dennis: Ein Freund habe ihm dringend abgeraten die nächste Gravelpassage im Dunkeln zu fahren.
Ich suche mein Hotel, habe aber den Namen und die Adresse nicht und lande im falschen, in einer großen Pilgerherberge. Das Zimmer ist riesig, eine heiße und funktionierende Dusche gibt es auch. Auf das Abendessen im Hotel verzichte ich, habe ich doch mein Gebäck und noch eine Avocado, die ich schon seit zwei Tagen mit mir rumschleppe. Fraglich, ob die überhaupt noch genießbar ist, ist diese Frucht doch sehr Druckempfindlich und machte in diesen Tagen in der Tasche wohl einiges mit. Aber überraschend intakt ist das grüne Ding und superlecker.
Dann rolle ich das Moskitonetz runter und ab geht es ins Bett. Der Hotelinhaber hat mir versprochen ein Frühstückspaket vor meiner Tür abstellen zu lassen. Und versichert mir, dass ich um drei das Haus verlassen kann. Ich frage als gebranntes Kind gleich mehrfach nach.
Bei einem letzten Blick auf Legendstracking sehe ich, dass ein paar Häuser weiter wohl mein gebuchtes Hotel sein musste, denn dort befanden sich einige der Dots, so nennt man die Punkte von uns Fahrern auf der Landkarte.
Tag 6: Kibeho – CP4 – Kigali(finish line) 210 km/ 3450 Hm Zeit in Bewegung: 14:28h Verstrichene Zeit: 16:35h
Der Wecker klingelt um kurz vor drei. Wenig später bin ich aus der Tür und stolpere fast über mein Frühstück, das auf einem Stuhl vor meiner Türe steht. Ein paar hartgekochte Eier, Kuchen und Bananen. Was will man mehr.
Ich verabschiede mich an der Rezeption und bin draußen in der kühlen Nacht. Nun führt die Strecke erst mal etliche Kilometer auf einer asphaltierten Straße. Wie aus dem Nichts tauchen immer wieder Menschen auf, werden von meinem Scheinwerfer bestrahlt und verschwinden wieder im Dunkel der frühen Morgenstunden. Auch Fahrräder sind unterwegs. Kein einziger ist mit Beleuchtung unterwegs. Gespenstisch. Man hört oft ein Quietschen, dann werden die Lastenräder von meinem Licht eingefangen. Laut Straßenverkehrsordnung in Ruanda ist das erlaubt, uns RaR-Fahrern schreibt die Organisation vor, dass wir mit Rück- und Frontlichtern ausgestattet sein müssen.
Mein Plan ist heute in CP 4 frühstücken und dann gleich weiter nach Kigali zu fahren. Vermutlich werde ich dort eher später ankommen. Und an die ganze Strecke darf ich gar nicht denken … Über 200 Kilometer und fast 3500 Höhenmeter. Schlimmstenfalls muss ich halt nochmal irgendwo übernachten. Aber wirklich wollen tue ich das nicht.
Nun stehen erst mal 20 Kilometer Asphalt an, dann etwa 50 Kilometer Gravel, es soll durch ein einsames wildes Tal gehen, auf rutschigen Wegen, das was mich gestern vom Weiterfahren abgehalten hatte. Jetzt denke ich erst mal daran etwa zu Mittag CP4 zu erreichen.
Ich starte. Es ist fein, ohne immer im Mittelpunkt zu stehen, durch die Nacht zu radeln. Nach einigen Kilometern sehe ich im Dunkeln vor mir einen Mann in der Dunkelheit am Straßenrand gehen. Ich fahre vorbei und da beginnt an meinem Rad irgendwas streifende Geräusche zu machen. Oje, ich muss stehen bleiben. Einer der Verschlüsse meiner Taschen hatte sich geöffnet und das Band streift die Speichen. Sowas könnte schlimm enden. Ich behebe das Problem und schiele zurück zu dem Mann. Er ist nicht mehr da. Vermutlich war ihm bei der nächtlichen Begegnung genauso unheimlich zumute, wie mir und er macht einen großen Bogen um mich.
Etwas weiter plötzlich aus dem Dunkeln ein „How are you?“ Was für ein Schreck. Und noch etwas weiter taucht vor mir im Scheinwerferlicht eine Gruppe Radlastenfahrer ohne Licht.
Ich treffe auf Markus, wir schwätzen etwas. Ich erzählte, dass ich alleine in der Pilgerherberge übernachtet hatte, während mehrere andere Fahrer im Hotel etwas weiter Unterkunft gefunden hätten. Markus sagte, alleine nicht, denn er wäre auch dort gelandet, nachdem er nichts anderes gefunden hatte. Seinen Dot hatte ich allerdings nicht gesehen, vermutlich ist er angekommen, als ich längst geschlafen habe.
Ich mache vor dem Anfang der Gravelpassage eine Frühstückspause, vielleicht wird es inzwischen hell. Markus fährt weiter.
Bei der Abfahrt dann in das „wilde Tal“ mit dem rutschigen Downhill mache ich dann aber trotzdem noch im Dunkeln. Wirklich wie angekündigt ein rutschiger Weg mit immer wieder tiefen Rinnen, äußerste Konzentration ist angesagt. Bei Dämmerung bin ich im Talgrund angelangt. Der breite Weg wird irgendwann zum schmalen Pfad.
Sehr schön grün, viele Felder, nicht viele Leute sind hier unterwegs, außer einige auf dem Weg zur Arbeit.
Ohne mir Gedanken zu machen, radle ich dahin. Plötzlich ein komisches Geräusch. Es kommt von meiner vorderen Felge. Ich bleibe stehen, drehe das Vorderrad, es klackt seltsam. Ist da etwas mit einem Lager? Ist das das Ende meiner Fahrt? Tausend Gedanken gehen in meinem Kopf herum, jetzt bin ich bis hierher gekommen, es wäre so schade, jetzt aufgeben zu müssen. Ich baue das Vorderrad aus, weiß aber als technische Niete nicht, was ich tun kann. Als ich es ratlos wieder einbauen will, an einem Arm das Fahrrad, die Felge in der anderen Hand, reißt mich das schwer bepackte Rad mich fast um.
In dem Moment kommt Markus vorbei. Nanu, wo bin ich denn an ihm vorbei? Er bleibt stehen und bietet seine Hilfe an. Oh, gerne! Ich klage ihm mein Leid, dass da ein komisches Geräusch sei und drehe die Felge nach dem Einbau. Er meint, das klinge nach etwas, das an den Speichen streift und in dem Augenblick sehe ich es, der Kabel, der vom Nabendynamo nach oben führt, hatte sich durch die andauernden Schläge aus dem Fließbändchen gelöst … So einfach war die Lösung, puh!! Markus meinte, es sei besser die Enden mit Tape zu fixieren. Das mache ich, dann rolle ich weiter.
Kurze Zeit später kann ich die Hilfe vergelten. Eine der Brücken aus unregelmäßigen Holzbohlen stellt sich uns in den Weg. Markus hat schon einen Fuß aus den Klickpedalen gelöst und will so halb auf dem Rad sitzend irgendwie das etwa fünf Meter lange Hindernis überwinden. In dem Moment rutscht sein Radschuh auf dem runden feuchten Holz aus, das linke Bein verschwindet im Zwischenraum zwischen zwei Balken, das Rad kippt über den Mann drüber. So eingeklemmt kann sich Markus kaum rühren. Ich ziehe und zerre sein Rad nach oben und er kann sich befreien. Außer einem blutenden Schienbein ist nichts passiert.
Ich steige lieber vom Rad und balanciere vorsichtig über die abenteuerliche Konstruktion.
Etwa einen halben Kilometer später trifft es dann mich: Auf einer etwas erhöhten Grasnarbe rutscht mein Vorderrad weg und ich falle im Zeitlupentempo um, ohne etwas dagegen tun zu können, da ich durch ungünstige Belastung nicht schnell genug aus den Klickpedalen komme, also quasi mit den Schuhen festhänge. Schnell stehe ich wieder auf, reinige meine erdbeschmierten Beine und die Hose. Um mich herum einige staunende Kinder. Mit wohl hochrotem Kopf scherze ich laut: „Muzungu bum bum!“ und fahre lachend weiter.
Für eine Weile kann ich mich irgendwie nicht mehr gut konzentrieren und komme noch etliche Male in seltsame Situationen, als könne ich nicht mehr radfahren. Der Weg biegt nun scharf nach links ab, eher unwegsam, ich schiebe ein paar Mal. Dann das Aha-Erlebnis: Ich stehe vor der angekündigten Hängebrücke, auf der man das breite Bachbett statt des River-Crossings überwinden konnte. Etwas weiter sehe ich aber, dass die Leute alle die „Direttissima“ durch das seichte Wasser nehmen. Egal, die Brücke muss man gesehen haben.
Irgendwann finde ich glücklicherweise meinen Rhythmus wieder.
Nach einigen steilen Anstiegen in der immer unbarmherzigen herabbrennenden Sonne erreiche ich früher als erwartet den Ort Gisagara und fahre das Hotel an, das die letzte Kontrollstelle beherbergt. Lange werde ich mich nicht aufhalten, ich habe ja noch was vor und zu essen gibt es auch nicht besonders viel.
Schon bin ich wieder unterwegs. Und tauche in den nächsten und vorletzten Gravelabschnitt ein, zunächst rolle ich 10 Kilometer bergab. Die letzte Etappe, von CP4 bis ins Ziel sollte „nahezu flach“ sein, hatte irgendjemand gesagt. Denkste! Ein steiler kurzer Berg folgt dem nächsten, alles in der prallen Sonne. Irgendwann mag ich nicht mehr bergauf fahren. Und Leute mag ich gerade auch mal nicht um mich haben. Ich versuche die hier wieder sehr zahlreichen Kinder mit ihren immer gleich lautenden Forderungen zu ignorieren. Ich fahre mit starr geradeaus gerichtetem Tunnelblick meines Weges.
Nahe einem Dorf, es geht bergauf, laufen sicher 20 Kids hinter mir her. Ich ahne, dass es gleich wieder losginge mit „put my money!“ oder „give me money!“ Um die Kinder davon abzulenken, frage ich, was sie in der Schule lernen, vielleicht auch auf Englisch zählen? Die Kinder hinter mir im Galopp zählen wir nun zusammen laut bis dreißig. Dann lerne ich ihnen auf Deutsch bis fünf zu zählen. Richtig richtig nett war das. Als ich dann bergab schneller werde höre ich ein vielstimmiges bye-bye!
Irgendwann ist auch der vorletzte Gravelabschnitt vorbei und dieser mündet in eine breite perfekte Teerstraße. Meine Garmin spielt auf den ersten Kilometern verrückt. Meine gefahrene Linie folgt nicht dem Track, sondern ist parallel dazu, Kurven werden geschnitten. Ich zweifle, ob ich richtig fahre und kehre sogar nochmal ein paar hundert Meter zurück. Ich lade die Strecke neu, jetzt passt es. Zum Glück gibt es wenig Verkehr und die Anstiege sind angenehm.
Meine Berechnungen ergeben, dass ich es zwar nicht bis zur Dämmerung nach Kigali schaffen würde, aber auf jeden Fall noch heute. Die kurz vor dem Rennen geänderte Strecke „brockte“ uns eine zusätzliche Gravelstrecke ein, die demnächst beginnen sollte und den Weg nach Kigali etwas abkürzte. Ich erinnere mich, dass ich noch kein Hotel für diesen Abend hatte und lege eine kleine Pause im Schatten ein, organisiere das Zimmer und esse was. Ein Team RaR-Fahrer zieht vorbei und ich mache mich auch startbereit.
Kurz darauf biege ich in die rotbraune Schotterstraße ein. Ein letztes Mal viele Menschen, besonders viele Kinder, anscheinend ist die Schule gerade aus. Die 11 Kilometer werden auch noch umgehen. Aber nach 20 Kilometern bin ich immer noch auf diesem Weg. Da muss wohl bei meinen Aufzeichnungen irgendwas schief gelaufen sein. Irgendwann ist dann aber der letzte Gravelmeter geschafft.
Was aber nun kommt, gefällt mir gar nicht. Eine relativ schmale Straße und sehr viel Verkehr. Natürlich ist das so, denn ich befinde mich nun im Einzugsbereich von Kigali. Glücklicherweise kann ich auf den harten Seitenstreifen ausweichen, auf dem aber auch Fußgänger unterwegs sind und der unangenehm holprig ist.
Also weiche ich immer wieder auf die Straße aus, wenn ich in meinem Seitenspiegel freie Bahn sehe. Das Wechseln auf die Fahrbahn ist nicht ungefährlich, da zwischen den beiden ein unregelmäßiger aufgeworfener Rand besteht. Höchste Konzentration ist vonnöten, nach etwa 15 Stunden Fahrzeit heute schon, ist die bei mir nicht mehr so stark gegeben.
Bei Dämmerung mündet diese Straße nahtlos in eine Art vierspurige Schnellstraße und es geht bergauf. Hier fühle ich mich auch nicht sehr wohl und klettere durch die Büsche auf den gepflasterten Fußweg, der parallel verläuft. Mal sind hier mehr, manchmal weniger Leute unterwegs. Ich habe noch 16 Kilometer vor mir. Dann nur noch Abfahrt, ich wechsle auf die Straße und werde vom dichten Verkehr mitgetragen, Autos und unzählige Moto-Taxis brausen an mir vorbei. Wird schon gut gehen. Dann muss ich durch einen Kreisverkehr.
Der Verkehr staut sich, mittendrin ich. Verrückt! Aber die Welle aus roten Rück-Lichtern spült mich einfach mit und spuckt mich dann an der richtigen Ausfahrt wieder aus. Nur noch 2 Kilometer und diese gehen steil hoch. Lionel zieht an mir vorbei und ruft mir was zu. Jetzt einen letzten Sprint, um meine Platzierung von vorher zu halten? Nein, danke!
Bei der Einfahrt zum Cafe Tugende, der finish line, bleibe ich sogar noch stehen, um ein Foto zu machen, inzwischen ist mein Konkurrent sicher weg und richtig, die Ziellinie ist nun frei – nur für mich …
Erleichtert und in Siegerpose reiße ich die Arme hoch und nehme dann mein finisher-Geschenk und ein Skol Panache, eine Art ruandisches Radler entgegen. Noch am Vor-Abend hatte ich es stark bezweifelt auch nur annähernd so früh zurück in Kigali zu sein. Eine mitunter anstrengende aber wunderschöne „Reise“ ist hier zu Ende.
Fazit:
110 Starter*innen
Davon knapp 20 Frauen (6 Solo)
87 Finisher*innen
23 DNF
Gabi: 3. Solo-Finisherin/ 50. insgesamt
Maximalzeit: 163h
Siegerzeit: 57h 50min
Gabi: 134:41 (1 Tag vor Finisherparty) – ich vermied Nachtfahrten – nicht nur, als Frau allein, sondern um die schönen Landschaften bewundern zu können
Nachwort:
Top rider Innocent with his little son
Ich bin unendlich dankbar, unter Bedingungen leben zu dürfen, die mir jederzeit Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Einrichtungen, einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung sowie vielen weiteren Annehmlichkeiten ermöglichen, die ein unbeschwertes Leben ausmachen.
Mein Bikepacking-Erlebnis in Ruanda war einfach unvergesslich! Wunderschöne Natur, atemberaubende Landschaften und eine unglaubliche Sauberkeit, die das Reisen besonders angenehm machte. Dazu kamen die herzlichen und freundlichen Menschen, die jede Begegnung zu etwas Besonderem machten. Ein echtes Abenteuer, das ich jederzeit wiederholen würde!
Zur „Sauberkeit“: Müll am Straßenrand? In ganz Ruanda ist das nahezu undenkbar. Selten mal eine zerquetschte Plastikflasche, aber sonst nichts … Wie kommt das? Ruanda hat strenge Maßnahmen gegen Plastikmüll ergriffen. Seit 2008 gibt es ein vollständiges Verbot von Einwegplastiktüten, das in den letzten Jahren auf weitere Plastikprodukte wie Strohhalme, Flaschen und Verpackungen ausgeweitet wurde. Die Regierung setzt das Verbot konsequent durch, indem sie Einfuhren kontrolliert, Strafen verhängt und alternative umweltfreundliche Materialien fördert. Diese Politik hat Ruanda zu einem der saubersten Länder Afrikas gemacht, insbesondere in der Hauptstadt Kigali. Zudem gibt es Programme zur Mülltrennung und Recycling-Initiativen, die helfen, Plastikmüll weiter zu reduzieren.
Moses‘ Energiebars
Ich erstand vor dem Start lokale Energie-Bars, verpackt in Bananenblätter. Sehr lecker! Und die Verpackung darf man bedenkenlos in den Straßengraben werfen.
Murakoze cyane, Rwanda und besonders Simon und der gesamten Crew!!!