Frau + Karbon = Randonneur(in) - aber nicht nur ...

Atlas Mountain Race

english ……. italiano

Atlas Mountain Race. Eigentlich war die Anmeldung etwas gedankenlos … dachte nie und nimmer einen Start-Platz zu bekommen. Und vor Jahren, bei der Erstausgabe des AMR staunte ich, was Menschen so leisten können. Das Ganze schien mir ziemlich abgehoben: schwere Fahrbedingungen, Höhenmeter ohne Ende, eine so hohe Scratch-Quote (soll ein Markenzeichen des MTB-Rennens). Dann die Zusage und im ersten Moment der Schock. Das werden wir wohl nicht schaffen …

Unser AMR. Zunächst einige Eindrücke im Video …

Unser AMR in Ziffern – siehe hier

15 km tiefer Sand – hike a bike

Es ist dunkel, der abnehmende Mond beleuchtet das Szenario nicht so richtig. Ich stapfe unmutig durch tiefen feinen Sand. Seit drei Kilometern etwa … seit ich beim Übergang von einer kurzen Asphaltstrecke in vermeintlichen Schotter von meinem Trek Procaliber abgeworfen wurde: mein Vorderrad blockierte in dem tiefen feinen Sand und ich machte einen zirkuswürdigen Salto Mortale über den Lenker.

Ich schiebe nun. Das aufgepackte etwa 23 kg schwere Rad rollt auch nicht so richtig über die Sandhaufen. Anstrengend. Wieder mal 50 Meter fahren über etwas festeren Untergrund, dann stecke ich wieder fest. Die Motivation sinkt. Eigentlich hatte Philipp in Ait Baha, dem letzten Ort, davon gesprochen, dass es jetzt 60 Kilometer mehr oder weniger abwärts ginge, fein rollen bis zu den nächsten ernsten Bergen, den letzten beiden. Wer hätte aber gedacht, dass nach Ait Baha erst eine verblockte Schiebepassage folgte und nun ein Gelände, das jedem Sandstrand Ehre machen würde … Und kein Ende in Sicht.

Es sollten insgesamt 15 Kilometer werden. Ich füge mich in mein Schicksal nach dem x-ten Male Sand aus den Radschuhen ausleeren. Meine Motivation sinkt auf unter Null. Unser Zeitplan? Dem hinken wir eh schon hinterher, nun aber scheint das pünktliche Ankommen zur Finisher-Party und somit das positive Abschneiden beim Atlas Mountain Race in weite Ferne gerückt, sprich unmöglich. Ich schicke in Gedanken schwärzeste Verwünschungen an Nelson. War ich bisher voll motiviert das Ding zu rocken, so beschimpfe ich nun den Organisator, dass er schuld daran sei, dass ich mich wohl nun in die zahllosen „gescratchten“ Teilnehmer einreihen würde, in die Liste derer, die unterwegs aufgegeben hatten. Am Ende des Rennens sollten es stolze 48% der Gestarteten sein, die ausgestiegen sind. Markenzeichen des AMR? So ein Quatsch, denke ich bei mir. Vermutete ich 4 Stunden für die 60 km leicht abwärts, so muss ich diese Zeit nun für die 15 km Schieben verbuchen …

In den finstersten Minuten denke ich auch noch zurück wie alles begann. Kein Wunder, dass nicht wenige schon bei CP1, nach nur 125 Kilometern ausgestiegen sind: Start des Mountain-Bike-Rennens war um 18 Uhr in Marrakech. Es lässt sich recht geruhsam an, 60 Kilometer nur leicht ansteigend. In Zerkten kurze Einkehr bei einem provisorisch von Einheimischen errichteten Versorgungsstelle: eine Gruppe junger Männer verkauft Tee und Unmengen von Fladenbroten mit Streich-Käse. Dann aber wird es ernst. Über steilste unwegsame Anstiege erreichen wir die Quote 2500, die Piste ist schneebedeckt, erst sind 5 km zu Fuß aufzusteigen zum höchsten Punkt. Ein eisiger Wind bläst, wir messen Minus 6°. Dann geht es weiter zu Fuß hinunter über einen Muli Pfad, der im Dunkeln erst mal gefunden werden muss. Zermürbend. Die durchfahrene erste Nacht zeigt auf dem Tacho bei CP1, Telouet, 125 Kilometer und 3500 Höhenmeter.  

hike a bike in der ersten Nacht
(125km/ 3500Hm)

Nach einem Frühstück mit Tajine, Omelette, Fladenbrot und viel Minze-Tee und nach Sonnenaufgang sieht die Welt wieder ganz anders aus und beschwingt machen wir uns auf. Ein cooler Single Trail durch ein Dorf und dann heißt es schon wieder schieben, hinauf auf eine weite Hochfläche. Sehr abwechslungsreich geht es weiter. Rauf und runter und hinter jeder Biegung ändert sich das prachtvolle Panorama. Der Untergrund wird immer ruppiger, dann wieder sandig und mit tiefem Schotter. 60 Kilometer weiter ist es schon später Nachmittag, als wir in fröhlicher Runde in Ghassate in einem Shop bei Omelette und Minze-Tee zusammen sitzen. Der Zeitrahmen ist überschritten, unmöglich bis nach Imassine zu kommen wie geplant. Nach weiteren 30 Kilometern ist es tiefe Nacht, es ist kalt und wir ausgepowert. In Toundoute gibt es einen Shop, an dem wir unsere Vorräte auffüllen, ratlos machen wir uns auf in die nächste (schlaflose?) Nacht. Wie eine Fata Morgana liegt das Schild vor uns: Gite Amandou… mit den Symbolen: Essen und Schlafen. Wir fragen nach und bekommen ein kleines Zelt aus Unterkunft, Dusche und köstliches Essen.

Aufbruch mitten in der Nacht. Die 40 Kilometer würden wir rasch „rocken“ nach Imassine zur Tankstelle und letzten möglichen Verpflegungsmöglichkeit, bevor es 100 Kilometer in die Einöde geht. Typischer Fall von „Denkste!“, wie häufig in diesem Rennen. Es gilt unwegsam unzählige Canyons zu durchqueren, das bedeutet absteigen, das Rad mehrere Meter hinunter befördern, dann es auf der anderen Seite steilst wieder hinauf zu wuchten. Schnelles Vorankommen? Fehlanzeige und so ist es schon heller Tag, als wir unsere Reserven in Imassine auffüllen.

Tag 2 bringt zunächst eine Flussquerung in eiskaltem Wasser, dann weite Hochflächen und schlussendlich eine mehrere Kilometer lange Schiebestrecke hinauf zum höchsten Punkt auf Quote 2000. Belohnung nun eine 50 Kilometer lange Abfahrt mit Ausblicken, die einem Winnetou-Film zur Ehre gereicht hätten. Felsformationen zum Staunen, dann eine krasse mauerbewehrte Kolonial-Road. Ja nicht zu nah an den Abgrund geraten.

Mein fast nicht vorhandenes technisches Fahr-Können wird auf eine harte Probe gestellt. Mit langsam runter ruckeln ist hier nicht. Ich düse über die lockeren Passagen und hoffe, dass mein Procaliber mich nicht abwirft. Ich glaube die Vittoria Mezcal retten mich über das schwierige Terrain. Da liegt was vor mir auf dem Weg: ein Smartphon. 10 Kilometer weiter kommt mir der Besitzer zu Fuß entgegen, Lawrence, ein 23-Jähriger Teilnehmer, mit dem ich in Marrakech schon eine Runde geradelt war. Sein Rad werden wir etwa 3 km talabwärts abgelegt sehen, der Arme! Erleichterung seinerseits – ich sei sein „angel“ …

Wunderschön fahren wir nun durch eine palmengesäumte Oase abwärts nach Afra. Auch hier trifft sich zu später Stunde eine größere Runde zu Omelette, Käsebrot und Minze-Tee. Etwas stockt die Versorgung, da der Shop Inhaber sich zwischen einem und dem anderen Omelette auf seinem ausgerollten Mini-Teppich zum Gebet niederlässt.

Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter und bauen in einer einsamen Oase unser erstes Biwak auf, hoffend, dass die Dornen im tiefen Sand sich nicht in unsere aufblasbaren Matten bohren. Nach kurzem und wenig erholsamem Schlaf brechen wir sehr früh wieder auf. Ziel ist nun die in einem engen Canyon gelegene Oase Tizgui. Omar, der tagsüber hier Tee kredenzt, schläft wohl noch. So machen wir uns über zahllose Stufen bergwärts auf und gelangen auf die steile Straße, die uns nach Tazenakht bringen sollte. Unterwegs lenke ich mich mit meinem Hörbuch ab, aber als mein Rad auf einmal wie von Geisterhand sich um 90° zur Straßenmitte bewegt kurz bevor ein Auto an mir vorbei braust, fahre ich wie aus Sekundenschlaf gerissen auf. Ich brauche einen kurzen Powernap. Hermann hilft mir neben einer Mauer meine Matte und Schlafsack auszubreiten, ich schlafe etwa 10 Minuten, dann geht es weiter. Ich tausche mich mit Walter aus. Er hat Probleme mit seinem Bein von den langen hike-a-bike-Passagen und will in Ait Saoun aussteigen. Mir geht es zwar nun besser, aber Hermann macht mir Sorgen.

Seine Erkältung hat sich verschlechtert. Ist es da vernünftig weiterzumachen? Bei einem so hammerharten Event? Was wäre, wenn er auch ausstiege? Sollte ich alleine weiterfahren? Oder will uns das Schicksal damit sagen, dass wir gut dran täten, hier nach nicht mal 500 Kilometern das Handtuch zu werfen? Ich bin hin- und hergerissen. Endlich ausruhen? Nach Nachschub von Omeletten und Fladenbroten mit Käse sowie Kaffee und Minze-Tee und der Nachricht von Christian, dass er es hier auch gut sein lassen würde, wollen Hermann und ich zumindest bis Tazenakht weiter fahren und dort eventuell ein Hotelzimmer zu nehmen und dann weiter zu denken.

Die Fahrt über das nun folgende Hochplateau macht irre Spaß und die 5-6 Stunden vergehen wie im Fluge. In Tazenakht gönnen wir uns mehrere Pizzas und wollen, da es erst später Nachmittag ist noch die 60 Kilometer Asphalt hinter uns bringen. Unterwegs merke ich, dass mit meinem Sitzfleisch etwas nicht stimmt, die Haut ist leicht entzündet. Etwas Creme und am nächsten Tag keine Hose mit Polster und das Problem ist gelöst. Zum Glück. Wir passieren nach Dunkelwerden Tamskrout. Wie erwartet gibt es kein Hotel und so schlagen wir unser Biwak einige Kilometer später auf. Der Untergrund ist übersäet mit Steinen nicht grad ideal. Früh geht es wieder weiter.

Einiges an Aufstieg und dann Abfahrt bis nach Assereragh, dem Checkpoint 2. Unbegreiflicherweise stürze ich mit meinem Rad und schlage mit dem linken Oberschenkel hart auf einem spitzen Stein auf. Ein riesiger blauer Fleck ist die Folge, mehr noch aber die starken Schmerzen, wenn ich den Oberschenkel-Muskel aktiviere.

Das heißt beim Pedalieren tut es sehr weh und noch schlimmer, als ich bei CP2 vom Rad steige und einige Meter zu Fuß gehen muss, kaum zu bewältigen. Das wird sich den gesamten Tag nicht ändern. Muss ich scratchen? Von meinen Schmerzen abgelenkt werde ich durch die wunderschöne Landschaften in der Dämmerung, Palmengärten und malerische Dörfchen. Der Tag dämmert ungefähr gegen acht Uhr, abends ist es ab halb acht dunkel.

Nach Katzenwäsche in CP2, der Auberge Des Ètoiles, und einem wunderbaren Menü bestehend aus Tajine (Gemüse und Hühnchenfleisch), Omeletten, Pfannkuchen mit Marmelade, Kaffee, Minze-Tee, begeben wir uns wieder auf die Strecke. Atemberaubende Ausblicke bei der Abfahrt in die Palmerie Aguinane. Auch der Weiterweg über eine einsame Passhöhe ist traumhaft schön. Daran reiht sich eine lange Asphaltstrecke. Unerwartet gibt es vor dem letzten Anstieg an diesem Tag Versorgung mit Brot und Amlou, einer süßen Mandelpaste, und Tee, bereitgestellt von einem Einheimischen, der seinen Keller umfunktioniert zum Café mit Sitzgelegenheit am Straßenrand.

Beim Weiterfahren dräuen Wolken über uns, ein starker Wind bringt erste Regentropfen. Ich mache mein Gepäck rasch wetterfest. Zum Glück ziehen die Wolken in die andere Richtung. Nach der weiten Hochfläche geht es erst mal über eine schottrige schwierige Abfahrt hinunter bis in ein breites Bachbett. Die nächsten etwa 20 km werden nicht leicht werden. Der „Weg“ ist in den runden Kieseln manchmal kaum zu erkennen. Ich hatte eigentlich an gemütliches Ausrollen bis Tagmouth gedacht, das vor dem legendären Anstieg über die „old colonial road“ lag. Leider wieder mal „nein“!

Bei Dunkelwerden haben wir es in das Dorf mit seinem viereckigen Marktplatz geschafft. Wie üblich Verpflegung bestehend aus Omelette, Brot und Tee. Wir versorgen uns noch mit Kekspäckchen und beschließen weiterzufahren bis an den Beginn des Aufstieges, obwohl ein Einheimischer uns anbot, unseren Schlafsack bei ihm auszubreiten.

So gibt es ein paar Kilometer weiter ein weiteres Biwak bei Minusgraden. Der Gedanken an die alte Kolonialstraße mit ihren beiden unpassierbaren Unterbrechungen lässt mich nicht gut schlafen. Nach 3 Stunden Ruhe machen wir uns wieder auf den Weg. Beschreibungen von früheren Teilnehmern sprachen von vielen hike-a-bike-Kilometern. Ich senke meinen Sattel etwas und wunderlicherweise schaffe ich es, das meiste auf meinem Rad zurückzulegen und eiere den Weg bergauf, immer wieder großen Steinen ausweichend. Auf einmal ist die „Straße“ jäh zu ende. Mein Lichtkegel erfasst eine Abbruchkante und einen Abgrund von etwa 10 Metern vor mir. Ich lege mein Rad ab und versuche runterzuklettern. Hmmmhmmm. Oje, wie soll ich da mein Rad nachbekommen? Hermann trifft ein und sagt, er habe 50m vorher einen schmalen Weg gesehen. Also zurück und das Rad tragend nach unten in die Schlucht bugsieren. Bin ich froh, dass mir mein Teampartner hilft, mein Rad auf der anderen Seite wieder nach oben zu wuchten. Knochenarbeit!

Unterbrechung der „old colonial road“? Wo geht es bitte weiter?

Wenige Kurven später dasselbe Szenario. Abgrund vor dem Vorderreifen und Umweg.

Immer wieder treffen wir bei der Weiterfahrt auf Radfahrer, die ihr Lager am Wegrand aufgebaut haben. Ich werde auch wieder müde und am höchsten Punkt gibt es keinen Ausweg als einen kurzen Powernap im Schlafsack, grad 10 Minuten, bis die Kälte von unten durch die Daunen dringt. Aber das genügt schon und nun wird es auch langsam hell, die Sonne geht über den Bergen auf und taucht die Felsen rundum in ein unwirkliches Rot.
Noch 20 Kilometer Abfahrt, deren Untergrund höchste Konzentration verlangen und wir haben unser Frühstück in Issafn, einem kleinen Straßendorf, redlich verdient. Wir finden ein kleines Café am Straßenrand, vor dem schon ein paar Radfahrer sitzen. Es gibt wunderbar leckere frische Süßspeisen, natürlich wie üblich Omeletten und Kaffee und Tee. Ich gönne mir auch einen frisch gepressten Orangensaft und einen Avocado-Shake. Irre lecker und energiereich.

Nach einem kurzen Asphalt-Intermezzo legt Hermann einen Power-Nap auf einer Bank ein, ich fahre weiter. Es geht nun durch einen teilweise palmenbewachsenen Canyon, der durch die Felsenlandschaft aufwärts mäandert. Die Temperaturen steigen an, die Schotterstraße wird immer schlechter und steiler. Hier und dort sind einige Siedlungen. Meist kommen die Kinder sofort angelaufen und begleiten die Fahrer ein Stück, möchten „give-me-five“. Ich höre plötzlich neben mir Steine aufschlagen. Die werden doch nicht …?! Ich bremse abrupt, drehe mein Bike um, setze meinen bösesten Blick auf und schreie „LA“! (das sollte NEIN bedeuten auf Arabisch). Die Kids waren ganz schon erstaunt, sich einer solchen Furie entgegen zu sehen und machten gar nichts mehr, auch den nachfolgenden Hermann ließen sie in Ruhe.

Ich „leide“ den Weg weiter, wechsle ein paar Worte mit einem französischen Fahrer, der am Shermer’s neck leidet, dem ich immer wieder mal treffen werde, der aber aufgeben wird. Irgendwann schaffen wir es zum höchsten Punkt und hier mündet der Weg in eine breite Schotterstraße. Es geht über die Hochfläche, dann und wann unterbrochen von einer kurzen Abfahrt, deren Höhenmeterverluste durch steilste Anstiege wiedergut gemacht werden. Dann und wann brettert ein LKW vorbei und nebelt uns für Minuten ein. Bei Dunkelwerden geht es abwärts, um dann durch ein weiteres Palmen-Tal anzusteigen.

Der Plan war, bis zu CP3 zu fahren und dort in einem Hotel-Bett zu schlafen. Gegen Mitternacht haben wir jedoch erst etwa die Hälfte des Anstieges hinter uns und vom höchsten Punkt noch 20 Kilometer Abfahrt vor uns. Ein Hotel unterwegs, Kontrollpunkt bei der vorletzten AMR-Ausgabe, ist leider geschlossen und so schlagen wir unser Biwak auf, für 3 Stunden.

Dann geht es weiter nach Tafraoute, CP3. Bei Eintreten in das Hotel werden wir gleich von übereifrigen lokalen Mitarbeitern in Empfang genommen, ich weiß gar nicht, wo mir der Sinn steht und es tut mir leid, dass ich auf den Überschwang nicht ebenbürtig reagieren kann. Ich brauche nur noch eine Dusche und ein Bett. Das gönnen wir uns auch für eineinhalb Stunden. Es scheint, dass wir beim Frühstück die allerletzten sind, die noch da sind. Ich beobachte, wie ein Mann uns beim Essen und den Abfahrt-Vorbereitungen filmt. Nanu? Er stellt sich bei unserer Abfahrt als Volonteer aus Portugal vor. Ach so, … und der filmt das alte Ehepaar … das nicht mal sicher ins Ziel kommt …

In den nächsten Kilometer ändert sich die Landschaft komplett, viele Dörfer sind zu passieren, es ist etwas grüner, Millionen von Kakteen säumen unseren Weg. Es geht auf und ab, abwechslungsreich. In einem kleinen Dorf werden wir von einer jungen Frau angesprochen, Hajar ist hier Lehrerin wie sie sagt und unter katastrophalen Zuständen betreut sie hier vier Schüler. Gerne würde sie uns in ihr bescheidenes Haus einladen und auch das Schulhaus zeigen. Leider müssen wir weiter. Wir werden allerdings über WhatsApp in Kontakt bleiben.

Eine lange Abfahrt endet wieder einmal in einem Wadi, keine Ahnung, wo es weiter geht, wir folgen einfach dem Track auf unserem GPS-Gerät. In der Ferne sehen wir einen Weg sich den Berghang hinaufschlängeln. Dieser ist mal wieder nicht fahrbar. Hike-a-bike mit ungewisser Länge. Es könnten bis zu 6 Kilometer werden. Glücklicherweise mündet der Weg aber schon bald in fahrbares Gelände. Auf schmalem Weg kommt uns auf einmal ein brauner California entgegen. Was macht denn der hier? Und wie will der wieder umdrehen? Schon geht die Fahrertür auf und eine Kamera wird gezückt. Später erfahre ich, es ist ein AMR-Mitarbeiter, der so in etwa die Letzten „begleitet“.

mit Hajar

Schön fahrbar fahren wir nun wieder mal etwas auf und ab durch die einbrechende Dämmerung. Irgendwann glaube ich, dass hinter mir ein Bus oder so was naht. Nein, im Dorf neben uns beginnt ein Muezzin mit seinem Singsang zum Gebet zu rufen, die Kollegen in den Dörfern rundum fallen ein.
Wenig später fahren wir in Ait Baha ein, einer etwas größeren Ortschaft. Hier bringen wir in einem kleinen Restaurant den Besitzer zum Staunen mit unseren Bestellungen: Suppe, dann Omelette, Tee, Kaffee und Brathähnchen vom Grill, dazu Unmengen von Brot. Die Reste letzteres packen wir ein, als nächtlichen Snack mit Sardinen in Tomatensauce (wir verputzten auf unserer Fahrt so viele Dosen, wie in den letzten 10 Jahren zuhause nicht …).

Philipp ließ hier seine Prognose vom Stapel, dass es nun gemütliche 60 Kilometer bergab ginge …
Siehe Anfang dieser Geschichte!

Nach den 15 km Sand-hike-a-bike am frühen Morgen habe ich wieder mal Schlafattacken, Hermann auch und so legen wir uns einfach so wie wir sind etwas abseits der Straße auf den Boden. Kleider staubig? Egal! Bald geht es auch wieder weiter. In Jerf ist viel los, Frauen und Schüler stehen an den Bushaltestellen.

Wir kehren in einem kleinen Shop ein und rüsten uns aus für die nächsten beiden Berg-Etappen mit je 1000 und 1100 Höhenmetern. Nun geht es ziemlich trostlos durch Schottergruben, dann eine befahrenere Straße entlang bis hin zur letzten Versorgungsmöglichkeit, einer Tankstelle, sehr verwahrlost und schmutzig ist es hier in diesem Durchgangsort. Hermann hatte mich schon gewarnt, das Wetter sollte sich ändern: ein Sandsturm zieht auf. Als wir die Tankstelle verlassen, nach Omelette und Tee, was wohl sonst, ist Wind aufgekommen, der Himmel ist braunrot und man hat keine Sicht mehr. Das Aufwärtsfahren ist sensationell. Ich brauche die nächsten 1000 Höhenmeter nur ein wenig mittreten, der Sturm schiebt mich nach oben. Aber wehe man verlässt nur leicht die Windrichtung, dann nichts wie runter vom Rad und sich gegen die Böen stemmen. Es fängt auch noch an zu regnen. Wir ziehen unsere Regenhosen und -jacken an. Auf der Höhe endet die Asphaltstraße abrupt und geht in einen lehmigen Weg über. Glücklicherweise folgt nun eine Abfahrt. Plötzlich schlingert mein Rad und rutscht wie auf Seife, dann stoppe ich plötzlich. Was ist los?

Ich blicke nach unten und kann die Bescherung gar nicht richtig einordnen: Schlamm hat sich um die Reifen gewickelt und blockiert alles. Lehm füllt die Zwischenräume zwischen Rad und Taschen aus, die Kette ist nicht mehr zu sehen. Es gelingt mir nicht mal mehr mein Rad zu schieben, die Reifen sind blockiert, das Ganze ist megaschwer. Ich muss aber bis zum nächsten Baum, um einen Ast zu finden zum Abkratzen. Ist allerdings fast sinnlos, denn ein weiterer Meter auf diesem Boden und alles beim Alten. Schieben geht nur auf dem steinigen und unwegsamen Rand des Weges. Wie soll das nun gehen? Wie kommen wir da bloß weg? Irgendwann kann man wieder aufsteigen, solche Passagen wie auf Seife folgen noch mehrere. Der Wind ist hier oben noch stärker geworden. Bei der Abfahrt passiert es dann:

Wir kommen um eine Biegung, ich höre schon ein tosendes Rauschen und schon erfasst eine Sturmböe mein Rad. Ich schaffe es grad noch runterzuspringen und mit aller Kraft den Lenker festzuhalten. Mein Rad wird abgehoben vom Boden und steht fast wie eine Fahne in der Luft. Hermann hat es schlimmer erwischt. Er war nicht schnell genug mit dem Abspringen. Es hebt ihn mit dem Rad in die Luft und mit einer Wucht wird er gegen einen Steinhaufen am Wegesrand geworfen. Abschürfungen an Schienbein und Hand. Er hat mehr Glück als Verstand gehabt. Wäre das ein paar Meter vor- oder nachher passiert, war er in den Abgrund gestürzt. Mit zitternden Knien fahren wir weiter ab, es gibt mehrere Gegenanstiege. Ich frage mich, ob es einen vernünftigen Grund gibt, den nächsten noch höheren Berg zu fahren. Wie wird es dort mit den Windgeschwindigkeiten sein? Gefährlich? Warum gibt es keine Information durch den Veranstalter?

Am tiefsten Punkt kommen wir wieder durch ein Wadi mit Palmen. Dort gibt es zwar kein Dorf, aber da der nächste Pass touristisch mehr genutzt wird, haben sich entlang der Straße mehrere Cafés angesiedelt. Wir stärken uns am frühen Abend wieder mit je zwei Omelette und Tee, quatschen noch etwas mit einigen anderen Teilnehmern, kaufen jede Menge Snacks ein und gehen den letzten Berg an. Aufgrund der vielen Kehren und Serpentinen wird er scherzhaft auch Marokkos Passo Stelvio genannt. Die 1100 Höhenmeter haben es insofern in sich, dass die Steigung nach oben hin fast unmenschlich wird. Der Wind ist zum Glück etwas abgeflaut. Es ist nun nach Mitternacht. Ich bin unendlich müde. Weiter Abfahren in wärmere Zonen wäre vernünftig, aber sobald die Beine nicht mehr treten müssen, kommen die Schlafattacken und Sekundenschlaf wäre fatal. So schlagen wir kurz unterhalb des Passes unser Biwak in einem Wäldchen auf. Nachdem ich mich in meinem Schlafsack eingemummelt habe, höre ich im Halbschlaf draußen vor dem Zelt verschiedene Geräusche. Was gibt es hier wohl für Tiere?

Lange gönnen wir uns keine Ruhe, wir müssen heute vor Mitternacht in Essaouira sein und haben noch 170 km vor uns. Wer weiß, wie das Gelände ist. Machbar? Maprogress zeigt, dass nicht mehr viele hinter uns sind, aber von 220 Teilnehmern schon fast 100 ausgestiegen. Von dem bisschen Stolz noch im Rennen zu sein kann ich auch nicht zehren, jetzt heißt es mit Vollgas weiter. Recht abwechslungsreich ist das Terrain, es geht auf und ab, über Schotter und zwischendurch wieder mal auf Asphalt. Gegen Morgendämmerung ist es wieder mal soweit, beide sind wir so schläfrig, dass nur ein Powernap Aushilfe schafft, für 15 Minuten legen wir uns flach, bis die Kälte in die Glieder kriecht.

Auf unserem Weiterweg überholen wir einen Teilnehmer aus den Niederlanden, der völlig ausgelaugt wirkt. Er hat nichts mehr zu essen, wir geben ihm was von uns ab. Und weiter.
 

Zur Frühstückszeit treffen wir in Imsouane ein, ein Städtchen am Atlantik, das aktuell einer der beliebtesten Surfspots in Marokko ist. Dementsprechend lebhaft geht es schon am Strand unten zu und es ist ein Muss etwas von der Strecke abzuweichen und im Zentrum des Örtchens die Reserven aufzufüllen.

Lecker mit Omelette und Tee, Orangensaft, Avocado-Shake, verschiedenen Croissants und Crepes. Im Minimarket füllt Hermann unsere Reserven auf und weiter geht es. Noch etwa 90 Kilometer liegen vor uns. Sehr motivierend folgen wir zunächst einer parallel zur Küste verlaufenden Straße. Hier treffen wir auch wieder auf den braunen California. Ach ja, der verfolgt ja die Letzten … egal, wir können stolz sein bei DER Ausfallsquote noch dabei zu sein …

Bald geht es ab von der Straße und zwei normalerweise harmlose Berge sind zu überqueren. Das erste Mal in ungewohnter Mittagshitze wollen meine Beine nicht mehr. Ich fühle mich, als hätte ich Fieber. Ich opfere einen Teil meines kostbaren Wassers, um meinen heißen Kopf zu kühlen. Auch der zweite Berg ist geschafft, bei einer kleinen Pause am ersten und einzigen Brunnen der ganzen Tour treffen wir auf ein kleines Schwätzchen einige Lokals. Ich werde aufgefordert auf den festlich geschmückten Esel zu steigen. Dann müssen wir aber weiter, so angenehm die Pause auch war. Noch 40 Kilometer warten auf uns. Diese dehnen sich wie Kaugummi, halten aber glücklicherweise keine unangenehmen Überraschungen mehr bereit, außer einer kurzen Sandpassage kurz vor dem Ziel.

Angekommen fällt die ganze Anspannung von mir ab. Hatte ich unterwegs einige Male gedacht, ich müsse vor Erlösung heulen, so bin ich nun nur relaxt und erleichtert es geschafft zu haben mit 116 weiteren erfolgreichen Finishern. Ich hole mir den verdienten letzten Stempel. Wir sind nicht mal Letzte, 5 weitere kommen nach uns an und wie schon erwähnt 104 haben gescratched!!  Ich habe keine Zeit auf meine Emotionen zu achten … nun heißt es nämlich schnell Zimmer zu beziehen, zu duschen und sich „fein“ machen für die Finisher-Party … Und so schön ist es hier viele Leute wieder zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Die Strapazen der letzten 8 Tage sind im Nu vergessen.

4 Kommentare

  1. Bruno Felderer

    ein unglaubliches Erlebnis habt ihr beide gut überstanden. Es ist toll, dass Hermann, trotz Krankheit, diese Strapazen gut überstanden hat. Wenn ich eure Räder voller Schlamm sah, wunderte ich mich, dass ihr noch die Kraft hattet das Rennrn fortzusetzen.
    Auf alle Fälle, Kompliment euch beiden. Bewundere euch für euer Durchhaltevermögen. Gruß Bruno

    • Gabi Winck

      LIeber Bruno, vielen Dank!!!! GlG
      Das nächste Abenteuer ist schon in Planung (hatte jetzt eine Woche lang weder Lust mich sportlich zu bewegen und erst recht nicht daran zu denken, im März wieder was Längeres auf dem Rad zu unternehmen. Aber zum Glück komme ich langsam wieder in Schwung …)

  2. Andrea

    Ciao! complimenti per le avventure e i video!
    Nel video sulla Atlas mountain race, ho visto delle bellissime pianificazioni giornaliere stampate, con le distanze, profilo altimetrico ecc. Come le crei?
    Grazie mille.
    Andrea.

    • Gabi Winck

      Ciao, Andrea, mille grazie per i complimenti …
      Io pianifico ogni evento cosí e poi i fogli stampati porto con me … É molto semplice: carico il mio file GPX sulla piattaforma openrunner (ho un account gratuito) mi piace di più il profilo altimetrico qui che su komoot o strava.
      Poi faccio uno screenshot del profilo e lo copio in „Paint“ (programma standard del mio PC) oppure salvo l’immagine e la apro con paint. Poi „dipingo“ e scrivo tutti gli altri dettagli…
      Ciao Gabi
      https://www.openrunner.com/it
      La prossima avventura fra poco … GranGuanche Gravel …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2023 lumacagabi

Theme von Anders NorénHoch ↑