zuerst mein Video Tag 17 bis 19
Donnerstag, 06.08.
260 km / 2.500 Hm
Leskovik, CP4, am Morgen
Als mein Wecker läutet und mich aus meinen Träumen reißt, höre ich meinen Zimmernachbarn schon aufbrechen und bekomme etwas Stress. Ein erneutes Rechnen bestätigt aber: Beeilen muss ich mich nicht. Die albanische Grenze öffnet um 7 Uhr, die griechische erst um 8 Uhr, und bis dahin sind es 14 Kilometer hinunterzurollen. Gegen halb sechs fühle ich mich fast schon ausgeschlafen und gönne mir noch eine Dusche – vermutlich wird die nächste erst nach dem Zieleinlauf fällig. Also mache ich mich langsam fertig und gehe zu meinem Rad, um die Taschen zu packen.

Zu meinen Füßen liegt ein schwarzer Fussel. Den wische ich mit der Hand weg – man will ja keinen Schmutz hinterlassen. Nanu? Der Fussel beginnt sich zu bewegen und ein Teil davon bewegt sich in Richtung meiner Hand. Ich schaue genauer hin: ein Skorpion, der seinen Giftstachel wehrhaft nach oben reckt. Das hätte mir jetzt noch gefehlt.
Ich befördere mein Rad, wie uns erklärt wurde, über die Treppe zum Notausgang. Draußen, inmitten einer Schar Hühner, gönne ich meinem Drahtesel noch eine Kettenpflege und pumpe etwas Luft nach. Erst danach sehe ich die steile Metalltreppe. Oje – wie soll ich das schwere Ding da hochbekommen? Schweißtreibend geht es Zentimeter für Zentimeter nach oben. Immer schön das Gleichgewicht halten, damit das Rad nicht rückwärts rollt.

Aus Richtung Gastterrasse höre ich lebhafte Gesprächsfetzen. Eine Gruppe Polizisten genießt ihren Morgenkaffee und die erste Zigarette. Ach, deshalb meinte der Wirt heute Nacht, ich könne das Rad bedenkenlos draußen stehen lassen. Dann wäre ich wenigstens nicht schon am frühen Morgen von der langen, leiterähnlichen Treppe völlig geschafft und schweißüberströmt gewesen.
Einen Kaffee bekomme auch ich, schwätze kurz mit den staunenden Wachleuten und starte schließlich bergab.

Ich bin noch ganz happy, dass ich den letzten Checkpoint so knapp aber doch pünktlich erreicht habe. Traumhaft ist der Ausblick auf die albanischen Berge ringsum. Später werde ich recherchieren, dass der Melesin unmittelbar westlich von Leskovik liegt – der Berg, den man auf vielen Bildern hinter der Stadt sieht. Und da ist auch der Gramoz mit seinen 2.523 Metern, der höchste Berg der Gegend. Auch nach Süden breitet sich vor meinen Augen eine bewaldete Berglandschaft aus. So schön! Hier müsste man einmal Zeit haben, bergzusteigen.
Vor der Grenze wartet bereits eine mehr als Handvoll große Gruppe. Einige von uns und auch ein paar Volunteers, die sich ebenfalls mit dem Rad Richtung Kalamata aufmachen. Lebhaftes Geplapper. Wir sind wohl alle überglücklich, dass es von hier nicht mehr weit ist.

Bald sind die Grenzformalitäten erledigt und ich rolle weiter nach Griechenland. Die Grenzer halten sich offenbar nicht an die offiziellen Öffnungszeiten und sind schon da.
Kurz darauf steht es groß auf die Straße gesprüht: noch 500 Kilometer. Nur noch? Der Sprüher wollte uns wohl beruhigen. In Wirklichkeit sind es noch mehr als 600. Beim ersten Anstieg des Tages setzt sich das Uhrwerk in meinem Gehirn wieder in Dauerschleife: 600 Kilometer, verteilt auf vier Tage – das sind ja NUR 150 Kilometer täglich. Die fehlenden 6.700 Höhenmeter aufgeteilt, und mein Herz hüpft. Jetzt kann ich ganz gemütlich radeln und in den nächsten drei Nächten ordentlich schlafen. Juhu!
Meiner Euphorie wird spätestens beim Telefonat mit Hermann ein Dämpfer verpasst: Wieso vier Tage? Zielschluss ist am Samstag und nicht am Sonntag … So hatte ich ein paar Stunden lang eine ungewohnte Leichtigkeit in den Beinen. Jetzt, mit der „schrecklichen“ Wirklichkeit vor Augen, fühlt sich das Pedalieren wieder ziemlich mühsam an. Dazu brennt die Sonne schon ganz schön heiß. Noch einmal ein Treffpunkt an einem Brunnen, dann sind die anderen weg und ich strample einsam den nächsten Berg hinauf.

Da liegt etwas mitten auf der Straße. Was ist das – die Hälfte eines Handballs? Ich bremse scharf. Ein Schildkrötenpanzer! Mitten auf der Straße. Sofort beginnt meine Rettungsaktion. Denn, was, wenn jetzt ein Auto kommt? Ich hebe die Schildkröte vorsichtig auf. Kopf und Beine hat sie längst eingezogen. Behutsam setze ich sie an den Straßenrand, weit genug weg vom Verkehr. Dann kann die Fahrt weitergehen.
Die nächste Abfahrt ist schon in Sicht – und damit der nächste Fixpunkt meiner Planung.
Tipp: Bei einer so langen Strecke darf man niemals die gesamte Strecke vor Augen haben. 5.000 Kilometer und unzählige Höhenmeter wären schlicht zu viel für den Kopf. Also schrumpft die Welt auf das nächste erreichbare Ziel zusammen – in meinem Fall vorzugsweise auf die nächste Konditorei.

Dort trifft sich tatsächlich wieder ein Teil derer, die noch rechtzeitig zur Finisherparty wollen.
Ab Kalpaki nehme ich wohl wieder einen einsamen Weg, den sonst niemand wählt. Meine Strecke hat ein paar giftige Anstiege in der prallen Sonne parat. Wieder kommen Zweifel auf. In einem kleinen Örtchen vor Ioannina wird mir die Hitze schließlich zu viel. Ich sehne mich nach Wasser zum Abkühlen. Hinter einem Zaun entdecke ich das ersehnte Objekt: einen Gartenschlauch!
Auf der gegenüberliegenden Seite stehen einige Häuser. Zu welchem der Parkplatz mit Wasserstelle wohl gehört? Stimmen aus einem Garten. Ich stelle mein Rad im Schatten ab, gehe in die Richtung und rufe „Hallo!“. Eine Frau kommt ans Tor. Mit meinem kargen Englisch versuche ich ihr zu erklären, dass ich dringend Wasser zum Abkühlen brauche. Bingo! Es ist ihr Grundstück. Sie öffnet mir das Tor und wir quatschen noch ein bisschen. So viel Zeit muss sein. Dann verschwindet sie kurz und kehrt mit drei dünnen, langen Schlangengurken zurück. Ein Genuss, den ich mir beim Weiterfahren zusammen mit meinen inzwischen allgegenwärtigen Oreos gönne.

Die Dame, übrigens Lehrerin in Bulgarien und damit sozusagen eine Kollegin, erklärt mir noch, wie ich nach Ioannina komme, ohne auf der stark befahrenen Hauptstraße unterwegs sein zu müssen. Klarerweise ist davon bei mir nicht viel angekommen, aber meine Strecke führt ohnehin durchs Nirgendwo.
So auch jetzt. Nur dass ich inzwischen durch die staubigen Randgebiete der Stadt fahre und nach kurzer Zeit schon wieder trockene Radklamotten habe. Der nächste Wasserstopp ist also fällig. Und ich werde wieder fündig.
Aus den Augenwinkeln sehe ich ein betagtes Paar in einem Garten. Sie mit einem Schlauch, er gerade aus seiner Trägerhose steigend. Ich bin allerdings schon im Anmarsch. Etwas peinlich – aber zum Glück ist er darunter nicht ganz nackt. Trotzdem hält er sein Gewand verschämt vor sich, während er seiner Frau Anweisungen gibt.
Während ich „dusche“, kommt sie zurück – mit einer 1,5-Liter-Flasche Wasser und … einer großen Gurke. Ich darf nicht undankbar sein und packe auch diese, mich überschwänglich bedankend, in meine Tasche.

Vorbei an Ioannina geht es auf einem Radweg parallel zur Schnellstraße. Ein kleiner Essensstopp mit Powernap, dann folgt eine lange Abfahrt, fast 70 Kilometer bis Arta.
Zunächst komme ich aus meiner einsamen Streckenwahl allerdings wieder einmal auf eine sehr befahrene Straße. Es geht bergauf und LKWs, vor viele lange mit mehreren Achsen, donnern an mir vorbei. Als es schließlich hinuntergeht, ist die Straße breit genug, sodass alle Verkehrsteilnehmer ihren Platz haben.
Ich fahre durch das ausgeprägte Tal des Flusses Louros Richtung Süden. Unterwegs halte ich an einer netten Konditorei und stärke mich mit hausgemachtem Eis. Sehr lecker!
Kurz vor dem antiken Aquädukt von Nikopolis fällt mir hoch über der Straße ein großes, natürliches Felsfenster auf. Das Aquädukt selbst nehme ich dagegen kaum wahr – vermutlich bin ich zu sehr damit beschäftigt, Kilometer zu sammeln, als dass ich mich um 2.000 Jahre alte Bauwerke kümmern würde.

Arta und der Ambrakische Golf
In Arta darf ein Fotostopp bei der antiken Brücke über den Arachthos natürlich nicht fehlen. Sie ist eine der bekanntesten historischen Brücken Griechenlands und wird bereits in der Antike erwähnt.
Danach frage ich mich zu einem Supermarkt durch und mache eine ausgedehnte Einkaufs- und Esspause. Ein bisschen schäme ich mich schon, dort mit meinem schmutzigen, voll bepackten Rad und den nicht mehr ganz sauberen Klamotten aufzutauchen. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Obdachlosenfrau, die mit ihrem ganzen Hausrat unterwegs ist.
Inzwischen ist es fast Abend und ich muss erst einmal wieder aus dem Ortskern herausfinden. Weiter Richtung Süden. Bald fahre ich entlang des Ambrakischen Golfs. Nach all den Bergen, Schluchten und Anstiegen ist der Blick aufs Wasser eine willkommene Abwechslung – auch wenn die Straße deshalb natürlich nicht automatisch flacher wird.

Ein wunderbarer Sonnenuntergang über dem Golf. Ein Moment, bei dem selbst die Lumaca kurz vergisst, dass noch Kilometer vor ihr liegen.
Bei Amphilochia verlasse ich die Küste und es geht wieder ins Landesinnere. Auf einer kurzen, heftigen Steigung treffe ich erneut auf Oliver. Er möchte durchfahren. Ich dagegen plane noch eine kurze Schlafpause – irgendwo, möglichst ein paar Kilometer vor Antirrio. Mein Plan: früh am Morgen weiter, mit der Fähre übersetzen und auf dem Peloponnes wieder Fahrt aufnehmen.
Hunde, Bremsen und ein ungeplanter Campingplatz
In der Dämmerung fängt es dann an: Hundebegegnungen. Hatte ich den ganzen Tag über nur wenige, häufen sie sich jetzt plötzlich – vor oder nach jeder Siedlung. Und die Tiere sind nicht so phlegmatisch, wie ich es in vielen Gegenden des Balkans erlebt habe. Sie sind unberechenbar und schießen plötzlich auf mich zu, die Zähne gefletscht, knurrend oder bellend.
Mehrmals werde ich völlig überrascht und aus meinen Gedanken gerissen. Gerade noch bin ich in meinem TCR-Kopfmodus, da taucht wie aus dem Nichts wieder ein Hund auf und bringt mich schlagartig zurück in die Realität.
Im Laufe der Nacht bin ich von den immer wieder völlig überraschenden Hundeattacken zunehmend entnervt. Es sind unzählige, und jedes Mal schießt mir der Adrenalinspiegel hoch.
Ein paar Kilometer rollt es noch sehr gut, dann muss ich rechts auf eine Nebenstraße abbiegen. Gleichzeitig merke ich: Es rollt nicht mehr so gut. Irgendetwas schleift. Ich bleibe stehen, steige vom Rad und versuche, das Vorderrad frei laufen zu lassen. Es geht nicht. Nach einer halben Umdrehung bleibt es stehen. Komisch.
Neben mir, hinter einem großen Gitter, gefällt einem Hund gar nicht, was ich hier mache. Deshalb suche ich mir auf der anderen Straßenseite einen Platz an einer Mauer. Erst einmal rufe ich Hermann an. Per Ferndiagnose rät er mir, die vordere Felge auszubauen, etwas zu säubern und wieder einzubauen.

Geht ja. Dann merke ich, dass auch hinten nicht alles rund läuft. Jetzt verstehe ich auch, warum sich das Weiterkommen schon seit heute Morgen etwas mühsamer angefühlt hatte. Ich baue alle Taschen ab. Im Dunkeln, nur im Licht der Stirnlampe, ist alles etwas mühsam. Felge ab, Bremsbacken notdürftig säubern, wieder einbauen, alles erneut aufpacken und hoffen, dass ich kein Kleinteil vergessen habe.
Es scheint besser zu gehen als zuvor. Ganz genau schaue, spüre und höre ich lieber nicht hin. Weiter. Bei Tageslicht sollte ich vielleicht die hinteren Bremsbacken wechseln. Weiter in der Dunkelheit, vorbei an dem knurrenden Wachhund, der sich erst wieder beruhigt, als ich einige Meter entfernt bin.
Die Gegend wird sehr einsam. Keine Menschenseele, kein Auto, nichts. Ob ich hier wohl richtig bin? Hätte ich davor nicht besser geradeaus fahren sollen? Zudem geht es wirr hin und her. Die Orientierung habe ich längst verloren. Kurz bin ich wieder auf einer befahreneren Straße, dann geht es erneut durch kleine Dörfer.
Dann passiert es.
Ohne Vorwarnung hechten ein paar Hunde aus den Büschen vor mir, knurren und bellen böse. Ich werde aus meinen Träumereien gerissen und springe so schnell ich kann vom Rad. Das 22-Kilo-Ding reißt mich dabei um. Rücklings stürze ich und lande auf meinem fast vollen Trinkrucksack. Der Verschluss öffnet sich durch den plötzlichen Druck. Wasser spritzt in einem Schwall quer über die Straße, der Rest ergießt sich über mich.
Klatschnass bin ich. Was ich in der Hitze des Tages toll gefunden hätte, ist in der Kühle der Nacht nur noch unangenehm. Ich fange wie ein Rohrspatz an zu schimpfen. Die Hunde bleiben wie angewurzelt stehen und schauen ganz verdattert.
Ich steige wieder auf und fahre schimpfend weiter. Alleine!
Was nun? Eigentlich wollte ich noch mindestens 30 Kilometer weiter. Ich sollte mich aber umziehen. Ich bin mega genervt. Es ist fast Mitternacht und ich fahre gerade an einem Olivenhain entlang. Spontan entscheide ich mich, biege ein und schiebe mein Rad ein Stück hinein. Der ideale Platz zum Zelten. Ein knorriger Stamm dient als Fahrradständer, der Untergrund nimmt meine Heringe leicht auf. Was will man mehr?
Die Hunde, die in der Ferne kläffen und meine Anwesenheit weitersagen, stören mich schon gar nicht mehr. Wird schon niemand kommen und mich um diese Uhrzeit wegschicken. Insgesamt werde ich hier zweieinhalb Stunden verweilen. Das bedeutet: etwas mehr als eineinhalb Stunden Schlaf, dann wieder packen. Nebenbei die Cappuccino-Dose „genießen“ – alles ist wie immer.
Freitag, 07.08.
220 km / 1700 Hm

Es ist noch dunkel, als ich mich wieder aufmachen muss. Schlaftrunken rolle ich los. Es dauert keine zehn Minuten, da bin ich wieder hellwach – nämlich als die ersten Hunde glauben, mir Beine machen zu müssen. Schrecklich. Mein Stresslevel steigt innerhalb von Hundertstelsekunden. Ich schwöre mir: In Griechenland werde ich sicher nie mehr Rad fahren.

Ich bin genervt und gestresst, und irgendetwas fehlt auch noch, um meine Motivation zu heben. Da ist sie, zu so nachtschlafender Zeit: eine offene Bar. Der Kaffee und etwas Süßes wecken meine Sinne und auch die Aufmerksamkeit, rechtzeitig zu reagieren, wenn die nächsten Köter auftauchen. Ich denke zurück an Albanien, als ich über einen Fahrerkollegen mit einem Stock im Gepäck geschmunzelt hatte. So einen hätte ich heute auch gut gebrauchen können.
Es dämmert, die ersten LKWs brausen vorbei. Wollen die etwa auch nach Peloponnes?

Und dann sehe ich über die Landkante auf das weite Meer. So schön! Farben von Malve bis Orange. In der Ferne Antirrio auf der einen Seite der Meerenge zum Golf von Korinth und Rio auf der anderen.
Und dazwischen die Rio-Andirrio-Brücke, die Schrägseilbrücke mit ihren fächerförmig angeordneten Seilen, die in der Morgensonne glänzt. Ihr Bau hatte Anfang des Jahrtausends für Aufsehen gesorgt, weil es lange als nahezu unmöglich galt, in einem Erdbebengebiet eine Brücke über eine 2,5 km breite und 65 m tiefe Meerenge ohne stabilen Boden zu bauen.

Da darf ich allerdings nicht drüber. Die Brücke gehört zu den Banned Routes, anscheinend wegen der mitunter starken Seitenwinde. Ich muss die Fähre nehmen. Ich rolle ohne Zeitverlust darauf und bin angenehm überrascht, dass ich schon wieder nichts zahlen muss. Das Rad stelle ich an der Fährenwand ab. Es gibt sogar einen einsamen Plastikstuhl, den ich sofort besetze, und ich bereite mein zweites Frühstück zu: Feta, Gurke, Kefir und Brot. Hunger habe ich eigentlich keinen, aber das trockene Brot muss irgendwie runter, also spüle ich es mit Kefir hinunter.

Dann geht es schon los. Kurze Waschaktion, dann staune ich über die gewaltigen Brückenpfeiler, an denen wir vorbeifahren, wunderbar mit der aufgehenden Sonne im Hintergrund. Bilderbuchpanorama. Ein Blick auf die Tracker-App: Parallel zu uns fährt noch eine Fähre, dort sehe ich ebenfalls einen Dot. Wir kommen gleichzeitig an, kurzer Wortwechsel, dann fährt jeder seines Weges.
Ich kurve natürlich wieder einmal etwas umständlich zuerst durch Rio, dann durch Patras, bis ich endlich auf der Küstenstraße lande. Links und rechts nur Betriebe. Leider kein Geschäft, keine Bäckerei.

Auf einmal höre ich mehrstimmig „Gabi“ rufen. Habe ich Halluzinationen? Da steht tatsächlich eine Gruppe Leute auf der anderen Straßenseite und jubelt. Eine Gestalt löst sich aus der Gruppe, kommt über die Straße, reicht mir eine Flasche Wasser und erklärt, dass sie schon seit gestern Abend auf mich gewartet haben. Ich erzähle von meiner spontanen Schlafpause nach dem Hundeangriff. Ein Selfie mit mir und dem Wirt des „Busy & Bee“-Cafés verewigt den Moment, dann muss ich weiter. Nun bin ich wieder voll motiviert.

Dieses Hochgefühl dauert allerdings nicht sehr lange. Der dichte Verkehr, der millimeternah an mir vorbeizieht, stresst mich wieder einmal. Wenn ich nur wüsste, wie sehr sich das noch zuspitzen würde.
Kurz darauf komme ich doch noch zu meinem inzwischen dritten Frühstück: An der Straße entdecke ich einen Fournos, eine Art Bäckerei. Ein etwas noblerer Laden, in dem ich in meinem inzwischen ziemlich abgerissenen Zustand offenbar einiges an Aufsehen errege. Ich entschuldige mich und erkläre wieder einmal, was ich hier eigentlich mache. Staunen. Dann noch eine Waschaktion, als würde das inzwischen noch irgendetwas nützen. Aber immerhin fühle ich mich danach nicht mehr ganz so klebrig.
Dann wird es schlimm. Die Straße fühlt sich an wie eine Art Autobahn – die wirkliche, verbotene Autobahn führt parallel dazu. Diese hier ist meistens dreispurig. Wenn ich Glück habe, ist meine Seite zweispurig und die Autos der Gegenfahrbahn müssen sich mit einer Spur begnügen. Gefühlsmäßig fahre ich allerdings ständig auf einer einzigen Spur.
Der Gegenverkehr ist mit flexiblen Pollern getrennt, schmalen, biegsamen Kunststoffpfosten. Meine Spur ist schmal. Ein Auto kommt noch gut an mir vorbei, die LKWs leider nicht. Höre ich einen herandonnern, bleibe ich stehen. Wenn ich Glück habe, hupen sie beim Herannahen und ich drücke mich so weit wie möglich an den Rand. Wenn nicht, dann wehe mir – denn bremsen tut keiner. Mein Puls steigt ins Unendliche, obwohl es eigentlich flach ist.

Inzwischen ist es trotz des frühen Vormittags brütend heiß geworden. Alle paar Kilometer rolle ich deshalb zu einer Tankstelle. Einmal nutze ich den Rasensprenger auf einer kleinen Grünfläche davor, ansonsten Toiletten oder Außenwasserhähne zum Erfrischen. Jede Gelegenheit wird genutzt.
Und gar nicht lange nach meinem dritten Frühstück folgt dann das vierte – oder man kann es auch ein frühes Mittagessen nennen – an einer Tankstelle auf der Gegenseite. Das „Menü“, das ich mir zusammenstelle, ist wieder einmal etwas eigen: ein halber Meter belegtes Baguette, Limonade, Schokomilch, Orangensaft, Latte Macchiato und etwas Rotes, Durchsichtiges, Glibberiges. Das kenne ich noch aus meiner Kindheit: Götterspeise.
Wasservorräte auffüllen und wieder einmal die Toilette unter Wasser setzen beim Versuch, ohne Duschvorrichtung eine solche zu imitieren. Man muss sich schließlich zu helfen wissen.
Beim Wegrollen muss ich gut aufpassen, dass ich nicht in die falsche Richtung fahre. Das würde mir gerade noch fehlen, wieder nach Patras zu kommen.
Ich habe das Gefühl, im flachen Küstenland des Peloponnes grottenlangsam weiterzukommen.

Musste ich bis hierher die stark befahrene Straße nehmen, kann ich nun zumindest teilweise über kleine Ortschaften ausweichen und fahre sozusagen Schlangenlinien. Durch ein Dorf, sich durch die Gassen suchend, dann wieder die Hauptader überqueren, durch den nächsten Ort. Der Vorteil: Dann und wann finde ich einen Brunnen oder einen Gartenschlauch. Ich muss jede Gelegenheit nutzen.
An einer Art Autowerkstatt halte ich und frage nach Wasser – zum Übergießen, nicht zum Trinken. Der Mechaniker, vermutlich der Chef des Einmannbetriebs, ruft seine Tochter. Sie kann etwas Englisch, etwa so gut wie ich … und wir plaudern ein wenig. Wieder einmal Staunen darüber, wie man so etwas durchhalten kann. Ich staune inzwischen selbst. Dann wird die Tochter weggeschickt und kommt wenig später mit einer Flasche Wasser zurück. So nett, die Leute.
Weiter. Wie gesagt: heute im Schneckentempo bei dieser Hitze. Ob das wohl gut geht? Ich habe ja noch einiges vor mir: den sehr anspruchsvollen Finisherparcours. Und bis zu dessen Anfang, dem antiken Olympia, sind es auch noch knapp 50 Kilometer.

Zu allem Übel werde ich jetzt auch noch müde. Der nächste Schattenplatz wird angefahren, es geht nicht anders. Unterlage raus. Ein paar Trauben, eine Packung Cocktailtomaten, Brot, ein Becher griechisches Joghurt. Dann Powernap: 20 Minuten. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Weiter durch Olivenhaine, vorbei an riesigen Feldern mit Melonen. Ich fahre an einem Kanal entlang – allerdings auf der falschen Seite. Also zurück. Dann wird es mühsam auf der anderen Seite des Wasserlaufs. Was habe ich mir bei der Planung da wohl gedacht? Schotter, aber nicht von der feinen Sorte. Einsam ist es auch.

Dann wieder einmal Hunde, die meinen Tunnelblick augenblicklich aufklären. Irgendwann bin ich wieder auf einer Straße. Der Zeitverlust durch das Hin und Her ist mir inzwischen egal. Was soll’s? Aufregen? Dadurch wird es auch nicht besser. Hauptsache weg von dieser schlimmen Straße.
Und irgendwann ein Schild, das ich entziffern kann: „Αρχαία Ολυμπία“. Wie immer auf Neugriechisch und ein paar hundert Meter später dann auch in lateinischer Schrift: „Archea Olympia“. Austragungsort der Olympischen Spiele der Antike. Da muss ich hin.
Touristenrummel. Am Eingang zur Ausgrabungsstätte frage ich eine der Führerinnen, ob ich ein Ticket kaufen muss. Hier sei doch der Start des Finisherparcours. Die Frau schaut mich erstaunt an und gleichzeitig etwas entrüstet – die Frau, die hier allen Ernstes mit ihrem Fahrrad hineinwollte. Sie weiß von nichts. Auch davon nicht, dass vor mir schon an die 200 Radfahrer hier vorbeigekommen sein sollten. Hmmm … komisch.

Ich lade die neue Strecke. Aha. Der Anfang des Parcours ist etwa einen Kilometer entfernt und gar nicht im Bereich der archäologischen Stätte. Meine Planung hatte mich also hierhergeführt, ohne den richtigen Anschluss an die Pflichtstrecke. Das kann auch nur mir passieren.
Die Sonne ist schon am Untergehen, als ich endlich auf die letzten 180 Kilometer starte. Technisch soll es leicht sein, allerdings warten noch 3600 Höhenmeter auf mich. Puh. Und ich habe noch etwa 24 Stunden Zeit.
Die Strecke führt durch das einsame Landesinnere des Peloponnes. Wunderschön!
Es geht gleich los mit ordentlichen Steigungen. Kleine Pause an einem Brunnen mit Löwenkopfspeier. Das Wasser wird doch hoffentlich Trinkwasser sein. Ich glaube einfach daran. Wer weiß, wann die nächste Gelegenheit kommt. Denn meine Planung ergibt auf der gesamten Strecke keine Möglichkeit einzukaufen oder einzukehren.

Knapp 30 Kilometer komme ich noch weit, teilweise mit Schieben, so steil ist die Straße mitunter. Dann überfällt mich die Müdigkeit, zusätzlich etwas entnervt von einer neuen Steilstufe. Außerdem hatte ich in der Nacht davor gerade einmal 2,5 Stunden Pause, davon etwas mehr als 1,5 Stunden Schlaf. Es ist halb elf.
Das Zelt stelle ich nicht auf. Es ist warm, und die Zeit spare ich mir. Ich habe mein Lager ein Stück einen Olivenhain hinaufgeschoben. Erst als ich im Schlafsack liege und ein vorbeifahrendes Auto mich blendet, erkenne ich, dass ich mein Lager nicht, wie gewollt, fern von der Straße aufgebaut habe, sondern genau in einer Kehre. Oje! Zum Glück ist das das einzige Auto. Hunde höre ich bellen. Fern? Keine Ahnung.
Irgendwann wache ich auf, mückenzerstochen – und ganz in der Nähe ist ein Hund. Ich sollte ohnehin aufbrechen, wenn ich die verbleibenden Kilometer bis zum Abend schaffen möchte. Den Hund höre ich auf den trockenen Olivenblättern herumtapsen. Er traut sich offenbar nicht bis zu mir. Ich flüchte trotzdem. Es ist gegen halb drei.
Samstag, 08.08.
150 km / 3300 Hm

Im Dunkeln fahren. Mystisch. Dann und wann in der Ferne die Lichter eines Ortes. Meine Lampe zaubert einen Lichterteppich vor mich, der hin und her zuckt, denn beim Bergauffahren schlingere ich mich mehr oder weniger erfolgreich den Berg hinauf.
Dann der erste helle Streifen im Osten, der den Tag ankündigt. Wie üblich ereilt mich kurz vor Sonnenaufgang ein Müdigkeitsschub, dem ich nachgeben muss. Hinter der Leitplanke finde ich einen sehr steinigen Platz mit ein paar Grasbüscheln dazwischen. Wecker auf zehn Minuten gestellt. Trotz des unbequemen Lagers schlafe ich sofort ein und wache tatsächlich frisch wieder auf. Weiter! Wenn es heute so schleppend weitergeht wie am Vortag, kann ich mir abschminken, pünktlich im Ziel zu sein.

In einem Bushäuschen entledige ich mich meiner Beinlinge, Ärmlinge und Jacke – nachts war es doch etwas frisch. Valerio überholt mich. Etwas später fahre ich an einer Steigung wieder an ihm vorbei. Es ist so steil, dass er schiebt. So geht es eine Weile hin und her. Er wird am Ende eine Stunde vor mir in Kalamata sein.

Am frühen Vormittag wird es wieder sehr heiß und ich muss den zweiten der vier Berge hoch. Erster Halt bei einer betagten Frau. Mein geübter Blick erkennt den Gartenschlauch hinter dem Zaun. Die Frau versteht auch ohne große Worte meine Bitte, reicht mir den Schlauch durch und verschwindet wieder Wasser anschalten. Kurz darauf das kalte Nass. Herrlich!
Dann weiter. Kurz darauf der nächste Garten. Eine nette Frau fragt mich, ob ich sonst noch etwas brauche. Nein. Nur Abkühlung. Dann wieder hoch. Heiß und steil. Die Abfahrt kühlt wenigstens ein bisschen.

Überraschung im „Tal“. In der Nähe der Autobahn steht Hermann und hat mich tatsächlich „abgepasst“. Er war mit der Fähre von Ancona übergesetzt und auf dem Weg nach Kalamata. Perfektes Timing! Das duftende Brioche darf ich leider nicht annehmen. Das eine der strengen „Unsupported-Regeln“. Zu schön wäre es jetzt, einfach einzusteigen und nicht noch 90 Kilometer über die Berge fahren zu müssen. Aber das Treffen gibt mir einen Motivationsschub. Noch ein, zwei Videos, dann fährt jeder seines Weges. Nach dem letzten, in der unerbittlichen Hitze, graut mir allerdings schon vor dem nächsten Berg mit seinen 1000 Höhenmetern. Wenn ich die Differenz zwischen tiefstem und höchstem Punkt betrachte, klingt das nicht gerade nach einem Geschenk.

Ich komme nicht weit. Nächster Halt: Schildkrötenrettung. Danach ein kurzer Stopp bei einer kleinen Kapelle mit Wasserstelle.
Dann geht es wieder hoch. Bringen wir den Berg hinter uns. Zwischendurch gibt es immer wieder eine kleine Abfahrt. Das tut fast „weh“, denn was ich gerade mühsam herunterfahre, muss ich anschließend natürlich wieder hinauf. Und aus den 1000 Höhenmeter wird so nichts, es sind am Ende gut 1400. Zum Glück war mir das vorher nicht bewusst.

In einem Weiler dann der nächste Halt. Ich bin wieder einmal müde. Das passiert meistens genau dann, wenn die Beine für einen Moment keine Arbeit, sprich zu Kurbeln, haben. Im Schatten einer Scheune ein kurzer Powernap. Dann weiter. Der Ort scheint nicht besonders viele Bewohner zu haben, dafür aber eine Kirchenbaustelle. Und die hat Wasser! Die Arbeiter lachen, als ich mich darüber hermache.

Der weitere Aufstieg ist dann gar nicht so schlimm wie befürchtet. Die Steigung bleibt moderat und der Wald spendet Schatten. Der „Gipfel“ ist erreicht. Abfahrt. Zunächst am Hang entlang – Konzentration ist gefragt, denn der Asphalt ist nicht gerade der beste. Dann eine ausgebaute Straße. Ermüdend trotz Bergabfahrt. Und dann kommt der letzte „Berg“. Ich nenne ihn einmal die griechische Stilfser-Joch-Straße, weil sie sich ähnlich mit zahlreichen Kehren den Hang hinaufzieht. Ich glaube tatsächlich, diesen Berg nicht mehr zu schaffen. So müde bin ich wieder.
Ich hole meine Unterlage heraus und versuche, hinter der Leitplanke einen halbwegs bequemen Platz zu finden. Kaum liege ich, mit den großen Steinen im Rücken, springe ich schon wieder auf. Was mache ich denn da? Das Ziel ist doch in Reichweite. Weiter! Geht doch!

Dann von oben der Blick auf das Meer und tief unter mir Kalamata. Die Lebensgeister erwachen. Und ich brause abwärts. Schlängele mich durch das dichte Häusermeer und fädle schließlich zum Hafenbecken ein. Noch ein paar Meter daran entlang, dann höre ich schon das Jubeln. Zu meinem Empfang.
Ein paar Leute laufen mit mir die letzten Meter. Oben auf der Terrasse steht Hermann. Mein Blick gilt in diesem Moment nur ihm. Dann Fototermin und Zielinterview.

Fast noch zwei Kilometer extra …
Kaum stehe ich im Ziel, kommt schon einer der Helfer auf mich zu und zeigt mir, dass ich am Eingang von Kalamata offenbar abgekürzt hätte.
Ich müsse wohl die letzten zwei Kilometer noch einmal fahren. Nach fast 5100 Kilometern wäre das natürlich auch noch eine nette Zugabe gewesen. Ich erkläre ihm, dass ich am Vortag das Update der Strecke geladen und mich penibel danach gerichtet habe. Zum Beweis zeige ich ihm die Route auf meinem Navi. Malte kommt mir zu Hilfe und bestätigt: Genau so, wie es das Update vorgibt, bin ich gefahren. Alles gut. Offenbar war auf der Tracker-Seite die aktualisierte Strecke noch nicht eingepflegt. Noch einmal Glück gehabt. Die letzten zwei Kilometer darf ich mir sparen.
Ich bin angekommen.

19 Tage und 20 Stunden von Trondheim nach Kalamata. Die Reise ist abrupt zu Ende. Ich kann es gar nicht glauben. Ein Wechselspiel der Gefühle. So viel habe ich in diesen Tagen erlebt: von Hochgefühlen bis zu tiefen Krisen. Und jetzt bin ich hier. Endlich – und trotzdem schade …
Meine Trophäe ist meine Karte mit dem letzten Stempel, und ein Bier wird mir in die Hand gedrückt. Nun noch das Nachher-Foto – das Vorher-Foto wurde in Trondheim geknipst – und dann bin ich frei, mich für die Finisher Party frisch zu machen, die nur wenige Stunden später, ich glaube, es waren gerade einmal eineinhalb Stunden, steigen würde.
Nach mir kommen nur noch zwei oder drei Fahrer, die sich vor Zielschluss nach Kalamata retten. Aber ich bin einfach nur noch stolz, dass ich es ins Ziel geschafft habe – und sogar noch in die General Classification gekommen bin, denn um Mitternacht ist Schluss. 25 Fahrer werden in den nächsten Tagen noch ankommen.
Ich bin die 175. von knapp 400 Startern.
Mit 63 Jahren. Und als Frau.
Ich glaube, da darf man schon ein bisschen stolz sein …

Ganz besonders hat es mich gefreut, folgende Instagram Nachricht zu lesen, danke, Jana!
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