Nervenkitzel pur – für mich jedenfalls …

Riemannhaus und Schönfeldspitze – zwei Tage im Steinernen Meer
Bergfreunde nehmen mich mit auf Tour. Unser Ziel sind die Berchtesgadener Alpen, genauer gesagt die Gegend rund um Maria Alm bei Saalfelden. Am ersten Tag wollen wir zum Riemannhaus aufsteigen und am Nachmittag noch den Sommerstein und das Schönegg besteigen. Am nächsten Tag steht dann die Schönfeldspitze auf dem Programm – jener markante, pyramidenförmige Gipfel, der wegen seiner Form gerne als „Matterhorn der Berchtesgadener Alpen“ bezeichnet wird.

Und genau dieser Gipfel hat noch eine ganz besondere Attraktion: Auf seinem Gipfel steht ein monumentales Kreuz in Form einer Pietà, also Maria mit dem Leichnam Christi. Dieses ungewöhnliche Gipfelkreuz möchte ich unbedingt einmal aus der Nähe sehen.
Bei meinen Recherchen wird allerdings schnell klar: So harmlos, wie die knapp 500 Höhenmeter vom Riemannhaus zur Schönfeldspitze klingen, ist die Sache nicht. Die Tour verlangt absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, dazu Kletterei im I. Schwierigkeitsgrad, teilweise 1+. Vor allem das ausgesetzte, schrofige Gelände macht mir Respekt. Mit ungesicherten Kletterstellen im Schottergelände habe ich nämlich so meine Schwierigkeiten.

Im Internet gibt es genügend Beschreibungen und Videos, die einem sehr deutlich zeigen, worauf man sich einlässt. Ob ich das schaffen würde? Keine Ahnung. Aber die Herausforderung nehme ich auf jeden Fall an.
Tourenlänge: Zwei-Tagestour
Tag 1: Parkplatz Sandten zur Hütte + Sommerstein und Schöneggspitze:
8km/ 1350Hm/ 4h reine Gehzeit (gemütlich) … Strava … GPX download
Tag 2: auf die Schönfeldspitze (Auf- und Abstieg zum Parkplatz Rohrmoos:
12km/ 600Hm: reine Gehzeit 5h … Strava … GPX download
Gelände und Anforderungen: Forstweg, Wanderwege, Steig über Felstreppen, zum Teil Drahtseilversichert; absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich, gutes Schuhwerk
Ausgangspunkt: kostenfreier Parkplatz Sandten oberhalb Maria Alm
Endpunkt: Parkplatz Rohrmoos (anschließend mit Taxi zurück zum Parkplatz Sandten
Übernachtung: Riemannhaus (2177m) im Steinernen Meer

Tag 1 – Aufstieg zum Riemannhaus
Wir starten am Parkplatz Sandten bei Maria Alm. Zunächst geht es auf dem Weg Nr. 401A noch recht gemütlich bergauf. Über Schotterstraße und Forstweg steigen wir durch Almwiesen zur Talstation der Materialseilbahn auf etwa 1.594 Meter.

Ab hier ändert sich der Charakter des Weges deutlich. Der Pfad wird steiler, felsiger und alpiner. In Serpentinen geht es über Felsbänder und angelegte Stufen nach oben, viele Passagen sind mit Stahlseilen gesichert. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind bereits hier gefragt.
Nach dem Aufstieg erreichen wir schließlich das Riemannhaus auf 2.177 Metern. Erst einmal gibt es eine wohlverdiente Stärkung. Eigentlich könnte der Tag damit gemütlich ausklingen. Eigentlich.

Denn unser „Chef“ hat andere Pläne. Nach dem Essen schlägt er vor, noch die Gipfel am Kamm oberhalb der Hütte mitzunehmen. Und so nehmen wir die nächste Herausforderung an.
Von der Hütte geht es zunächst hinauf zum Sommerstein auf 2.308 Meter. Der gut markierte Weg führt über Felsstufen nach oben und verlangt auch hier konzentriertes Gehen. Technisch ist der Aufstieg nicht besonders schwierig, aber das Gelände ist bereits richtig alpin.
Danach geht es wieder etwas hinunter und weiter zum Schönegg auf 2.389 Meter. Für den größten Teil unserer Gruppe ist hier Schluss. Die Hütte und vor allem das Abendessen locken doch ziemlich.
Vier von uns haben allerdings noch etwas Luft nach oben und setzen die Gratüberschreitung über den Wurmkopf auf 2.451 Meter fort. Danach geht es auf dem gleichen Weg zurück zum Riemannhaus. Für die drei Gipfel und den Rückweg zur Hütte sollte man ungefähr zweieinhalb bis drei Stunden einplanen.

Jetzt haben auch die Letzten genug. Abendessen.
Danach wird es gemütlich: Bis zum Zapfenstreich um 22 Uhr sitzen wir zusammen und spielen Watten. Nach so einem langen Bergtag ist das genau die richtige Beschäftigung – obwohl beim Kartenspielen natürlich niemand müde wirkt.
Beim Einschlafen beschäftigt mich und wohl die anderen ein Thema mehr als uns lieb ist: die strengen Regeln zum Schutz vor Bettwanzen. Schlafsack, Rucksack und persönliche Sachen müssen entsprechend behandelt bzw. verstaut werden, und so mancher von uns macht sich Gedanken, ob er am nächsten Morgen tatsächlich nur mit den erwarteten Bergwehwehchen aufwachen wird.

Tag 2 – Die Schönfeldspitze
Am nächsten Morgen erwartet uns ein sehr schönes Frühstücksbuffet – und danach gegen 8 Uhr der eigentliche Höhepunkt der Tour: die Schönfeldspitze auf 2.653 Metern.
Die ungefähr 500 Höhenmeter bis zum Gipfel klingen für mich zunächst fast harmlos. Doch die Schönfeldspitze ist definitiv ein Berg, den man ernst nehmen muss. Es gibt Kletterstellen im I. Schwierigkeitsgrad, teilweise 1+, und vor allem ist das Gelände über weite Strecken ausgesprochen ausgesetzt.

Zunächst geht es noch ganz entspannt durch das Steinerne Meer. Schon am Vortag haben wir von unseren Gipfeln aus über die gewaltigen Dimensionen dieser verkarsteten Landschaft gestaunt. Jetzt wandern wir mitten hindurch und kommen dem Fuß der Schönfeldspitze langsam näher.
Dann wird es ernst. Zumindest für mich.

Der Weg schlängelt sich zunehmend steiler durch ein Schotterkar nach oben. Einige aus unserer Gruppe nehmen unterwegs noch den Wurmkopf mit, während wir anderen dem gut markierten Weg weiter zur Schönfeldspitze folgen.
Bald müssen die Hände zu Hilfe genommen werden. Durch leichtes Klettergelände, etwa im I. bis I+ Schwierigkeitsgrad, geht es durch die Schrofenflanke hinauf zu einer Scharte. Danach folgt eine luftige Querung auf einem schmalen Band, südseitig hinüber zur Ostflanke.

Eine kurze, ausgesetzte Plattenpassage ist mit Drahtseil versichert. Danach geht es noch einmal über steiles Schrofengelände nach oben – und plötzlich stehen wir auf dem Gipfel.
Und da ist es: das gewaltige Gipfelkreuz in Form einer Pietà.
Für mich ist das tatsächlich ein besonderer Moment. Genau dieses ungewöhnliche Kreuz wollte ich sehen. Und jetzt stehen wir hier oben, nach all den Zweifeln und der ganzen Konzentration, direkt davor.

Und dann diese Aussicht! Watzmann und Königssee, der Hochkönig mit dem Matrashaus auf dem Gipfel, der Großglockner, Hochkalterer, Großer Hundstod, der Hohe Göll, Dachstein und und und … ringsum die großen Gipfel, und wir mittendrin. Spätestens jetzt ist jeder Gedanke an die mühsamen Kletterpassagen vergessen.
Der Abstieg über die Buchauer Scharte

Lange können wir allerdings nicht bleiben. Der Abstieg über den Ostgrat zur Buchauer Scharte ist mindestens so ernst zu nehmen wie der Aufstieg. Wenn nicht sogar noch ernster, wie ich auf den ersten Abstiegsmetern merke.
Steil geht es über den felsigen Ostrücken hinunter. Der Weg wechselt ständig zwischen Schrofen und kurzen Kletterpassagen, immer sind die Hände zur Unterstützung notwendig. Dazu kommt die Ausgesetztheit. Manchmal fällt das Gelände direkt neben dem Weg steil ab, und durch die Steilheit ist der weitere Wegverlauf nicht immer sofort zu erkennen.

Die rot-weißen Markierungen sind zwar gut sichtbar, trotzdem ist hier volle Aufmerksamkeit gefragt, dass man nicht falschen Spuren folgt. Bei Nebel oder einem Wettersturz möchte ich in diesem Gelände jedenfalls nicht unterwegs sein.
Für mich bedeutet dieser Abstieg vor allem eines: Konzentration. Jeder Schritt wird bewusst gesetzt, jeder Griff vorher überlegt. Das ist nicht die Art von Gelände, in dem man einfach gedankenlos hintereinander herläuft. Und sehr froh bin ich, wenn ich von meinen Bergfreunden dann und wann einen Tipp bekomme, wo ich hinsteigen soll.

Als ich schon denke, das Schlimmste liegt hinter uns, geht es um den nächsten Felsvorsprung herum – und plötzlich sehe ich einen gestuften Gegenanstieg vor mir, bei dessen Anblick mir erst einmal der Mut sinkt. Von gegenüber sah das Ganze allerdings deutlich schlimmer aus, als es sich nun tatsächlich herausstellt. Noch ein letzter Aufschwung, dann haben wir es geschafft: Ab hier geht es nur noch bergab.
Dann erreichen wir die Buchauer Scharte auf gut 2.270 Metern. Der schwierigste und ausgesetzteste Teil der Tour liegt hinter uns.
Von der Buchauer Scharte nach Rohrmoos

Jetzt beginnt der lange Abstieg ins Tal. Vom hochalpinen Gelände der Scharte führt der markierte Weg in engen Serpentinen nach Süden. Zunächst geht es noch durch Geröll und steile Latschenfelder, doch mit jedem Höhenmeter wird die Landschaft freundlicher.
Nach und nach verschwinden die Felsen, und wir erreichen die Freithofalm auf etwa 1.555 Metern.
Der Name der Alm hat übrigens eine etwas makabre Geschichte. Der Überlieferung nach sollen einst alle Bewohner der dortigen Almhütten einer Seuche zum Opfer gefallen sein. Deshalb wurde die Gegend „Freithof“ genannt – also sinngemäß Friedhof.

Und auch die Schönfeldspitze trug früher einen anderen Namen: Freithofzinckh. Das finde ich nach dieser Geschichte dann doch ein bisschen gruselig.
Von der Freithofalm geht es zunächst auf einem Forstweg weiter bergab. Nach ungefähr eineinhalb Kilometern wechseln wir wieder auf einen Waldpfad. Und dann taucht mitten im Wald die kleine Kasereggkapelle auf.

Die Kapelle liegt idyllisch an einer Quelle und besitzt einen Brunnen. Gerade nach dem langen, teilweise sehr anstrengenden Abstieg ist dieser stille Ort eine schöne Überraschung. Unser Durst wird gestillt und ein bisschen Kneipen tut unseren vom langen Abstieg geschundenen Füßen gut.
Wasser ist auf dieser Tour übrigens ein Thema. Außer an der Kapelle gibt es unterwegs keine Möglichkeiten, die Vorräte aufzufüllen. Auch auf dem Riemannhaus herrschte bei unserem Besuch Wasserknappheit, weshalb dort sehr sparsam mit dem kostbaren Nass umgegangen wurde. Auch das Trinkwasser ist rationiert, jeder konnte maximal 1,5 Liter kaufen, Detail am Rande: nur Sprudelwasser.

Von der Kapelle führt der Weg weiter durch den Wald. Wir überqueren noch eine Brücke und erreichen schließlich wieder einen Schotterweg. Diesem folgen wir noch ungefähr einen Kilometer durch den Krallerwinkel bis zum Parkplatz Rohrmoos.
Nach dem langen Abstieg sind die Beine inzwischen ziemlich eindeutig der Meinung, dass die Tour jetzt wirklich zu Ende sein könnte.
Mein Fazit

Die Schönfeldspitze ist für mich keine normale Bergwanderung. Der Anstieg ist eine Mischung aus anspruchsvollem, markiertem alpinem Weg und leichter Kletterei, dazu kommt auf großen Teilen die ausgesetzte Lage.
Ein Fehltritt kann hier durchaus fatale Folgen haben. Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit (siehe bergsteigen.com und outdooraktiv.com) sind deshalb keine Empfehlungen, sondern Voraussetzung. Auch wer hauptsächlich auf Klettersteigen unterwegs ist und daran gewöhnt, einem dicken Stahlseil zu folgen, sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass ihm die Schönfeldspitze leichtfällt. Das Gelände ist anders: Es gibt viel Schrofengestein, Geröll und ungesicherte Passagen, in denen man selbst für den nächsten Schritt verantwortlich ist.

Für reine Wanderer ohne Erfahrung im alpinen Schrofengelände wird die Tour ebenfalls nicht empfohlen.
Für mich persönlich war die Schönfeldspitze vor allem eine Tour der Konzentration. Ich musste mich immer wieder überwinden, ruhig zu bleiben und mich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren. Aber genau deshalb war das Gipfelkreuz in Form der Pietà am Ende auch so besonders.
Und eines ist sicher: Die Schönfeldspitze hat ihren Spitznamen „Matterhorn der Berchtesgadener Alpen“ nicht ganz zu Unrecht.
Beschreibung auf Bergsteigen.com