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zuerst mein Video Tag 14 bis 17

Rest von Tag 14, Sonntag, 02.08.
65 km | 1.000 Hm | 6 h

Mit dem Stempel bei CP3 in der Tasche fällt plötzlich eine enorme Last von mir ab. Ich bin etwa zehn Stunden vor dem Cut-off angekommen – damit hatte ich nicht gerechnet. Zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, wieder etwas Luft zu haben.

Also beschließe ich, erst einmal in Ruhe etwas zu essen. Während ich darauf warte, kommt mir eine geniale Idee: Warum nicht gleich meine gesamte Radgarderobe waschen? Wann habe ich schon einmal so viel Zeit und ein Waschbecken zur Verfügung? Allerdings habe ich die Rechnung ohne den gut besuchten Gastgarten gemacht. Rappelvoll. Und die sanitären Anlagen bestehen aus zwei winzigen WC-Kabinen mit einem noch winzigeren Waschbecken. Die Infrastruktur ist offensichtlich sehr gut ausgelastet.

Was nun? Soll ich mich wirklich trauen? Ich traue mich. Offenbar ist mir inzwischen wirklich nichts mehr peinlich. Also weiche ich meine komplette Kleidung im kleinen Waschbecken ein. Kommt jemand herein und möchte sich die Hände waschen, dann geschieht das eben über meinen eingeweichten Kleidern. Was soll’s. Jetzt ist sowieso alles egal. Spülen, auswringen – und anschließend wird die frisch gewaschene TCR-Garderobe rund um das Fahrrad zum Trocknen aufgehängt. Sehr dekorativ.

Inzwischen steht auch schon mein Essen auf dem Tisch: Gemüsesuppe mit Brot, dazu ein paar gegrillte Hühnerbrüstchen, Pommes und – endlich wieder einmal – Salat, Gurken und Tomaten. Nach Tagen unterwegs ist allein der Anblick von frischem Gemüse schon fast ein kleines Festmahl.

Irgendwann muss ich mich dann doch von diesem netten Platz trennen. Die Wäsche ist zwar noch nicht trocken, aber ich verstaue alles wieder hinten am Fahrrad. Wie schon vor ein paar Tagen an der BP-Tankstelle in Tschechien bin ich wieder als fahrender Wäscheständer unterwegs. Das meiste ziehe ich allerdings gleich noch nass an – bei der Hitze ist das angenehm und sorgt für etwas Kühlung.

Mein weiterer Weg führt mich zunächst über eine sehr steile, schmale Abfahrt in Richtung Pale. Nach etwa drei Kilometern geht der Asphalt plötzlich in Schotter über. Und nicht in irgendeinen Schotter, sondern in ziemlich üblen Schotter. Ich erinnere mich: Bei der Planung hatte ich für die nächsten etwa 15 Kilometer zwei Varianten zur Auswahl. Diese hier war offenbar nicht gerade meine beste Idee.

Ich schaue auf die Karte und entschließe mich schweren Herzens, das Ganze lieber wieder zurückzufahren. Oben angekommen, wartet schon die nächste Überraschung: ein Baustellenschild. Schon wieder.

Ich halte ein entgegenkommendes Auto mit offenem Verdeck an und frage den Fahrer, ob ich hier durchkomme. Er mustert mich von oben bis unten und meint, ja, das gehe schon. Allerdings sei es noch ziemlich weit bis Pale und inzwischen schon später Nachmittag.

„Wie weit denn?“ – „15 Kilometer!“

Vermutlich sieht der Mann vor sich eine etwas angegraute Frau mit schwer beladenem Fahrrad und macht sich so seine Gedanken. Das möchte ich dann doch nicht ganz auf mir sitzen lassen. Also erwähne ich, dass ich gerade ein Radrennen quer durch Europa fahre.

„Aha!“ Damit verändert sich sein Blickwinkel offenbar schlagartig. Im Verhältnis dazu seien 15 Kilometer natürlich nicht weit für mich, meint er. Na bitte. Geht doch.

Ich fahre weiter, mit ziemlichem Auf und Ab, aber immerhin schattig durch die Wälder. Und wer weiß, wie dieser Schotterweg weiter unten tatsächlich geendet hätte. Vielleicht war meine vermeintlich schlechte Entscheidung am Ende ja doch die bessere.

In Pale wird mir klar, dass ich noch einmal Proviant nachfüllen sollte. Es ist Sonntag und natürlich hat außer einer Tankstelle nichts geöffnet. Zum Glück gibt es wenigstens die. Vermutlich würde ich in Goražde, der nächsten größeren Ortschaft, am Abend nichts mehr bekommen – und in Priboj am nächsten Morgen möglicherweise auch noch nicht. Damit liegen insgesamt etwa 150 Kilometer vor mir, auf denen ich nicht mit Nachschub rechnen kann. Erst in Serbien wird es wieder Einkaufsmöglichkeiten geben.

Also wird an der Tankstelle noch einmal eingekauft. Neben dem Üblichen – Dosencappuccino, Kakao und Keksen – nehme ich auch zwei Flaschen Wasser mit: eine still und eine mit Kohlensäure. Das Wasser mit Kohlensäure ist eine willkommene Abwechslung nach der faden, inzwischen lauwarmen Brühe in meinem Trinkrucksack. Man wird unterwegs eben bescheiden – manchmal reicht schon ein bisschen Sprudel für ein kleines Glücksgefühl. Ob die Idee mit dem Sprudelwasser allerdings wirklich so gut war?

Nach Sonnenuntergang wird es hier oben in den Bergen etwas kühler. Die Straße führt vorbei an hohen Felswänden, und ich weiß aus meiner Planung, dass bald der zwei Kilometer lange Štambolić-Tunnel kommt. Für Radfahrer ist er verboten. Zum Glück gibt es parallel einen alten Eisenbahntunnel, durch den ich ausweichen kann.

Nur biege ich natürlich zu früh ab und fahre einen steilen Schotterweg hinauf. Man gönnt sich ja sonst nichts. Als ich meinen Fehler bemerke, drehe ich um und rumpelte den mit Schlaglöchern übersäten Weg wieder hinunter.

Plötzlich macht es laut: Plopp! Und etwas Kaltes läuft mir über den Rücken. Nein, nicht im übertragenen Sinne. Wirklich. „Nanu? Was zur Hölle …?“ Dann dämmert es mir: das Sprudelwasser im Trinkrucksack!

Offenbar war die Kohlensäure mit der holprigen Abfahrt nicht ganz einverstanden. Besonders angenehm ist die kalte Dusche jetzt allerdings nicht – zumal ich unmittelbar danach in die dunkle, kalte Tunnelröhre einfädeln muss.

Leicht bergab geht es nun weiter durch das Prača-Tal. Gemütlich lümmele ich mich auf meinem Triathlon-Aufsatz. Ich komme durch einige kleine Orte mit Moscheen, deren Minarette man schon von Weitem sieht. Mir fällt etwas auf. Es dämmert bereits, und immer wieder bemerke ich neugierige Männerblicke aus den Autos, die mir entgegenkommen oder mich überholen. Manche rufen mir etwas nach.

Wie kommt das denn? Ich schaue an mir hinunter. Eine Frau allein unterwegs – und dann auch noch in hautenger Radmontur, mit kurzer Hose und nackten Knien. Etwas verschämt zupfe ich am unteren Rand meiner Hose herum. Viel verändert sich dadurch allerdings nicht.

Da es inzwischen auch noch kühler wird, halte ich kurz an und ziehe meine Knielinge über. Die befinden sich allerdings schon seit geraumer Zeit in einem ziemlich bedenklichen Auflösungszustand: Überall hängen Fäden heraus, Laufmaschen ziehen sich durch das Material. Eigentlich hätte ich sie längst entsorgen sollen. In den letzten Tagen hatte ich bei der Hitzewelle auch gar keine Verwendung dafür.

Jetzt erfüllen sie zumindest noch eine wichtige Funktion: Sie bedecken meine Knie. Und plötzlich fühle ich mich gleich ein bisschen besser. Nicht unbedingt eleganter – aber doch etwas weniger ausgestellt.

Nach etwa 50 Kilometern beginnt der nächste Anstieg. Rund 500 Höhenmeter geht es in vielen Kurven nach oben, und die Steigung fühlt sich schwer an. Eigentlich habe ich heute noch gar nicht so viele Kilometer in den Beinen, dafür aber bereits einige heftige Anstiege hinter mir. So quäle ich mich ein wenig nach oben. Danach wartet noch ein letzter kleiner Anstieg, und dann soll es rund 20 Kilometer bergab nach Goražde gehen.

Inzwischen wird es dunkel. Bei der Planung hatte ich allerdings nicht auf dem Schirm, dass ein Teil der Abfahrt sehr steil über Schotter führen würde. Den entsprechenden Abzweig finde ich nicht – vermutlich handelt es sich nur um einen schmalen Wanderweg. Also orientiere ich mich auf der Karte und beschließe, einfach der Asphaltstraße zu folgen.

Nur geht es jetzt erst einmal weiter bergauf. Dann wieder bergab, wieder bergauf. Die Straße ist unglaublich kurvig und irgendwann habe ich völlig die Orientierung verloren. Zu allem Überfluss hängt sich auch noch mein Garmin auf. Na wunderbar.

Also fahre ich einfach der Straße nach, ohne wirklich zu wissen, wo ich am Ende landen werde. Zwischendurch halte ich immer wieder an, um mich auf dem Smartphone zu orientieren. Irgendwann sieht es tatsächlich so aus, als wäre ich doch noch auf dem richtigen Weg.

Es ist bald 23 Uhr. Ich bin hundemüde. Seit vier Uhr morgens bin ich unterwegs und sehne mich inzwischen nur noch nach Schlaf. Eigentlich waren laut Planung noch weitere 100 Kilometer vorgesehen gewesen und dann wieder einmal ein Hotelbett. Aber schon seit gestern war irgendwie der Wurm drin und mein Vorankommen hat sich immer weiter nach hinten verschoben. Puh, Stress lass nach! Bisher war ich immer pünktlich bei den Kontrollstellen. Aber würde das beim nächsten, dem CP4 in Albanien, auch so sein? Ich bin schon 3.700 Kilometer unterwegs. Und langsam wird die Frage immer dringlicher, ob meine bisherige Pünktlichkeit jetzt ein Ende finden würde.

Kurz vor Goražde entdecke ich oberhalb der Straße ein gemähtes Stück Wiese, eine kleine Hütte und ein paar Parkbänke. Ich inspiziere den Platz und beschließe, dass er für heute Nacht geeignet ist. In einer kleinen Bodenmulde zwischen Bäumen und Bänken finde ich einen halbwegs geschützten Platz für mein Zelt.

Kaum bin ich in meinen vier Wänden verschwunden, hält unten auf der Straße ein Auto. Ein paar Männer unterhalten sich miteinander. Dann fahren sie wieder weiter. Uff.

Ich bin gerade dabei wegzudösen, da geht es los. Hundegebell. Erst einer. Dann mehrere. Und bald klingt es, als käme das Gebell aus allen Richtungen – in den unterschiedlichsten Tonlagen. Offenbar hat mein Hundeorchester beschlossen, auch die Nachtschicht zu übernehmen. Hoch, tief, kurz, lang. Es klingt fast wie ein Tonband, das jemand auf Endlosschleife gestellt hat. Ich frage mich schon, ob hier vielleicht tatsächlich eine Aufnahme abgespielt wird, um andere Hunde oder ungebetene Gäste fernzuhalten.

Ein ziemlich eigenartiges Gute-Nacht-Konzert.

Tag 15 – Montag, 03.08.
230 km | 3.500 Hm | 13 h

Ich schiebe das Fahrrad hinunter zur Straße. Und plötzlich ist klar: Das Hundeorchester war offenbar doch live. Ein ganzes Rudel kommt bellend und knurrend auf mich zu gerannt. Anscheinend haben die nichts Gutes im Sinn. Sie umzingeln mich. Ich steige vom Rad, stelle mich dem frechsten von ihnen direkt entgegen und brülle so laut ich kann: „Verschwinde!“ Offenbar bin ich in diesem Moment überzeugender, als ich mich selbst fühle. Die Hunde weichen tatsächlich zurück.

Ich war offenbar überzeugend genug, denn die Meute verschwindet in den Büschen unterhalb der Straße. Ich fahre weiter. Hinter der nächsten Kurve stehen wieder zwei Hunde auf der Straße. Ob sie zur gleichen Gruppe gehören, weiß ich natürlich nicht. Diesmal bleiben sie ruhig und ich fahre unbehelligt weiter. Vielleicht hat sich inzwischen herumgesprochen, dass mit der Frau auf dem Fahrrad nicht zu spaßen ist.

Das Kopfkino beginnt sich zu drehen. Eigentlich wollte ich früh los, doch daraus wurde leider nichts. Mein Wecker hatte nicht geklingelt – die Uhr war komplett leer. Ich bin frustriert und auch ein wenig demotiviert. Irgendwie scheint inzwischen sowieso schon alles zu spät zu sein. Hermann hatte mir vorher ausgerechnet, wie viele Kilometer und Höhenmeter ich täglich fahren müsste, um rechtzeitig bei CP4 anzukommen. Und jetzt kommt schon der nächste Punkt dazu, der mich zweifeln lässt. Es ist bereits taghell, ich hätte längst viele Kilometer weiter sein müssen und bin erst nach fünf Uhr gestartet.

Aber der späte Start hat immerhin auch einen Vorteil: In Goražde ist bereits eine Bäckerei geöffnet. Also hinein, etwas essen und sogar noch kurz waschen. Gleich danach bekomme ich an der Tankstelle auch noch einen Kaffee. Nach der Nacht im Zelt fühlt sich das fast schon wie Luxus an.

Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass ich mir damit nicht gerade einen schnellen Start in den Tag verschaffe. Erst verschlafen, dann zwei Pausen direkt hintereinander – schnelles Vorankommen und ein großes Aufholmanöver sehen definitiv anders aus. Dabei habe ich heute noch einiges vor mir. Und auf dem nächsten langen Abschnitt gibt es erst einmal nichts mehr. Erst in Serbien werde ich wieder Einkaufsmöglichkeiten haben. Also heißt es jetzt: Proviant einpacken und endlich Kilometer machen.

Ich hoffe, dass es heute nicht wieder so heiß wird. Der Verkehr ist schon am frühen Morgen ziemlich dicht. Laut Tracker-App sind in der Nacht einige Fahrer an mir vorbeigezogen. Damit werde ich inzwischen wohl zu den Allerletzten gehören. Und auch die anderen, die jetzt noch um mich herum unterwegs sind, müssen sich ordentlich beeilen, wenn sie Leskovik bis Mittwoch Mitternacht erreichen wollen.

Ich beginne wieder einmal zu rechnen. Das Ergebnis ist kaum vorstellbar: Heute ist Montag, und zwischen hier und der nächsten Kontrollstelle liegen noch etwa 825 Kilometer und 10.600 Höhenmeter. Bis Mittwochabend. Ich schaue auf die Zahlen und frage mich ernsthaft, wie das funktionieren soll.

Gestern habe ich mehrere Fahrer getroffen, die in Sarajevo aus dem Rennen ausgestiegen sind oder nur noch ein Stück weiterfahren wollen. Auch das geht nicht ganz spurlos an meiner Motivation vorbei. Gleichzeitig komme ich mit mir selbst zu einer Art Frieden: Ich fahre, was ich kann. Und wenn es am Ende nicht reicht, komme ich eben einen Tag später ins Ziel. Mehr kann ich nicht tun.

Dabei ist die Landschaft traumhaft schön. Die Straße führt entlang der Drina, immer wieder mit fantastischen Ausblicken auf die tief unter mir liegende Schlucht, dann weiter durch das Lim-Tal. Es geht durch unzählige Tunnel. Sie sind für Radfahrer zwar erlaubt, trotzdem fahre ich mit entsprechender Vorsicht hindurch. Nach den einsamen Straßen der vergangenen Tage ist nun wieder einiges los.

Schließlich erreiche ich die serbische Grenze. Die Formalitäten sind schnell erledigt: Stempel in den Pass und weiter. An der ersten Tankstelle wird wieder einmal das volle Programm absolviert: einkaufen, waschen, eincremen. Die Tankstellen heißen hier in Serbien übrigens auffallend oft „Carwash“. Die Männer scheinen eine ausgesprochen liebevolle Beziehung zu ihren Autos zu haben. Da wird geschäumt, geschrubbt und poliert, was das Zeug hält. Ob sie wohl mit ihren Frauen genauso nett umgehen? Die Autos – meist eher große Kaliber – werden jedenfalls gehegt und gepflegt. Und anschließend wird natürlich herumgefahren und vorgeführt, wie schnell das gute Stück von null auf zweihundert beschleunigt.

Auch über die Hunde denke ich nach: Bei all dem Ärger mit ihnen muss ich allerdings auch manchmal schlucken. So aggressiv sie auf den ersten Blick wirken können, tun sie mir oft leid. Immer wieder humpelt einer vor mir über die Straße, manche laufen nur noch auf drei Beinen, andere sind völlig abgemagert. Fast alle kratzen sich ununterbrochen und sehen aus, als wären sie voller Flöhe. Da fällt es mir schwer, nur Angst oder Ärger zu empfinden. So viel Tierleid – und kein Mensch kümmert sich.

Und dann liegt er vor mir: der Schreckensberg. Wie ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß. Bei Bistrica muss ich die wunderschöne Panoramastrecke an der Lim verlassen und nach links abbiegen. Vor mir liegen 30 Kilometer Anstieg und rund 1.200 Höhenmeter. Die ersten 15 Kilometer bis nach Nova Varoš empfinde ich als die schlimmsten der ganzen Fahrt. Eigentlich wäre dieser Berg gar nicht so schlimm – wenn da nicht dieser Verkehr wäre. Die Straße ist viel zu schmal für das, was sich hier abspielt. In beiden Richtungen herrscht reger Verkehr, immer wieder donnern schwere LKWs an mir vorbei. Drei Fahrzeuge nebeneinander würden hier definitiv nicht funktionieren – und ich bin leider das dritte.

Immer wieder springe ich vom Fahrrad und drücke mich so weit wie möglich an den Straßenrand, während die LKWs dicht an mir vorbeiziehen. So komme ich natürlich nur langsam voran. Dazu kommen die Steigung und die Hitze. Jeder Höhenmeter fühlt sich zäher an als der vorherige. Der Berg selbst wäre machbar. Aber dieser Verkehr macht ihn zu meinem ganz persönlichen Schreckensberg.

In Nova Varoš mache ich erst einmal einen Supermarkt-Stopp. Mozzarella, den ich mitsamt dem Wasser in der Tüte genieße, dazu Tomaten und Kefir – mehr brauche ich gerade nicht. Danach darf ich endlich auf eine deutlich weniger verkehrsreiche Straße abbiegen. Es geht zwar weiterhin bergauf, aber allein dadurch, dass der Stress mit dem Verkehr weg ist, kann ich mich wieder an der Landschaft erfreuen. Schließlich erreiche ich den höchsten Punkt, danach geht es hügelig weiter.

In Sjenica werde ich dann zur Zechprellerin beziehungsweise zur kleinen Diebin – wenn auch nicht ganz freiwillig oder eigentlich doch freiwillig und voll dessen bewusst, was ich da tue, aber vielleicht etwas überstürzt, ohne zu überlegen . Ich brauche Nachschub und entdecke Zwetschgen, Trauben und kleine Tomaten, die mich geradezu anlachen. Ich packe alles in eine Tüte und gehe damit zur Kasse. Leider kann man nur bar bezahlen. Serbisches Geld habe ich natürlich nicht.

Also verlasse ich das Geschäft wieder und räume das Obst zurück. Zwei Zwetschgen behalte ich allerdings und lasse sie ziemlich verstohlen in meiner Tasche verschwinden. Wenn ich schon zur Diebin werde, dann hoffe ich wenigstens, dass sie gut schmecken. Ganz wohl ist mir bei der Sache allerdings nicht.

Auf meiner Strecke liegen jetzt noch zwei Berge mit jeweils etwa 400 Höhenmetern. Beim ersten wird es so steil, dass ich ein Stück schieben muss. 14 Prozent Steigung mit dem ganzen Gepäck sind dann doch eine Ansage. Beim zweiten gibt es dafür eine Ketten-Öl-Pause. Meine Kette und ich brauchen beide ein bisschen Zuwendung.

Danach wartet noch die Abfahrt nach Tutin auf mich. An einer Tankstelle lege ich einen weiteren Stopp ein. Die Auswahl ist überschaubar: Es gibt eigentlich nur diese schrecklich süßen, mit Creme gefüllten Kekse. Sie sind weich und klebrig und damit völlig ungeeignet, um sie irgendwo am Fahrrad zu verstauen. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die ganze Packung sofort aufzuessen. Problem gelöst.

Der Tankstellenbetreiber hat zwei Söhne, die mithelfen. Der ältere ist vielleicht zwölf und spricht ein wenig Englisch. Ich frage ihn, ob er das in der Schule gelernt hat. Nein. Er bringt es sich selbst bei – mit Videospielen.

In den kleinen Weilern fallen mir immer wieder große, ziemlich beeindruckende Autos mit luxemburgischen, österreichischen oder deutschen Kennzeichen auf. Ich vermute, dass viele der Besitzer im Ausland arbeiten und ihren Urlaub dann zu Hause verbringen. Ein erstaunlicher Kontrast zu den kleinen Orten, durch die ich fahre.

In Tutin ist es inzwischen dunkel geworden, und ich lege noch einen letzten Supermarkt-Stopp ein. Meine Planung für den nächsten Tag sieht wieder einmal nur sehr spärliche Einkaufsmöglichkeiten vor, also heißt es vorsorgen. Nach den süßen Keksen von vorhin habe ich diesmal Lust auf etwas Salziges. Meine Wahl fällt auf Erdnussflips – ebenfalls nicht gerade das, was man als gesunde Sportlerernährung bezeichnen würde, aber inzwischen habe ich andere Prioritäten. Das Abendessen fällt auch weiter ziemlich kreativ aus: Zu dem Salzgebäck gibt es noch eine Banane und einen Becher Ayran, türkischen Trinkjoghurt.

Mit der jungen Kassiererin komme ich ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass ich noch nach Montenegro möchte und mir anschließend irgendwo entlang der Straße einen Schlafplatz suchen werde. Da schaut sie mich etwas erstaunt an. Ob ich denn nicht wisse, dass dieser Teil Serbiens die bärenreichste Gegend des Landes sei?

Meine Reaktion fällt vermutlich etwas ängstlich aus. Sie beruhigt mich sofort: Die Bären würden tief im Wald leben. Na dann. Das beruhigt mich natürlich ungemein.

Etwas mulmig ist mir trotzdem, als ich wieder losfahre. Kurz darauf beschert mir ein Brunnen mit Trinkwasser einen weiteren Halt. Einen Schlafplatz finde ich zunächst allerdings nicht. Einige Kilometer später entdecke ich schließlich eine gemähte Wiese mit einer kleinen hölzernen Schauhütte darauf. Die Hütte ist zwar verschlossen, aber etwas zurückgesetzt entdecke ich einen LKW-Anhänger. Perfekt! Ein besseres Versteck für mein kleines Zelt kann ich mir kaum wünschen. Ich stelle das Zelt daneben auf, lehne mein Fahrrad an den Anhänger und benutze dessen Ladefläche kurzerhand als Ablage. So kann ich sogar schon mein Frühstück für den nächsten Morgen vorbereiten. Dann heißt es: Licht aus und Augen zu.

Tag 16 – Dienstag, 04.08.
210 km | 3.600 Hm

Vier Stunden später bin ich schon wieder unterwegs. Dass ich nach so kurzer Zeit erneut aufbreche, hat auch mit der Temperatur zu tun. Immerhin liege ich hier auf rund 1.000 Metern Höhe, und nachts wird es empfindlich kühl. Mein Schlafsack hat eine Komfortzone von 10 Grad – die Temperatur liegt allerdings leicht darunter. Besonders gemütlich ist das also nicht. Der frühe Aufbruch hat aber auch etwas Gutes: Jede Stunde, die ich heute gewinne, erhöht meine Chance, CP4 am nächsten Tag tatsächlich noch rechtzeitig zu erreichen. Vielleicht ist also doch noch nicht alles verloren. Wenn es gut läuft, möchte ich heute Abend zumindest noch einen Teil des Parcours 4 hinter mich bringen.

Am Abend zuvor hatte ich noch die Grenze nach Montenegro überquert. Viel Zeit, das Land kennenzulernen, bleibt mir allerdings nicht. Mein Gastspiel in Montenegro fällt mit gerade einmal 34 Kilometern ausgesprochen kurz aus. Heute werde ich es schon wieder verlassen.

Die ganze Nacht über sind unzählige LKWs an meinem Zeltplatz vorbeigedonnert. Jetzt liegen zahlreiche Tunnel vor mir. Was tagsüber eher unangenehm wäre, kommt mir in der Dunkelheit sogar entgegen: Meine Beleuchtung ist in den Tunneln deutlich besser zu sehen, und dadurch fühle ich mich etwas sicherer. Ich fahre durch eine Art Schlucht, schemenhaft zeichnen sich die Felswände ab.

Dann ist es Zeit für den ersten Tankstellenstopp und einen frühen Kaffee. Die freundliche Tankstellencrew bietet mir auch etwas zu essen an: ein gegrilltes Etwas, bei dem ich zunächst keine Ahnung habe, was sich eigentlich darin befindet. Der Name klingt ungefähr wie „Roschtilj“. Meine spätere Recherche ergibt: Roštilj – Fladenbrot, das auf dem Fleischgrill geröstet wurde. Endlich wieder einmal etwas Herzhaftes!

Vor der Tankstelle mache ich mich über das Ding her. Was genau sich darin versteckt, kann ich beim besten Willen nicht herausfinden. Ein bisschen suspekt ist es schon. Und weil die Portion ausgesprochen üppig ist, teile ich sie kurzerhand mit meiner neuen Freundin: einer kleinen, schwarzen, ziemlich mageren Hündin, die vor der Tankstelle herumstreunt. Sie ist sehr schüchtern und hat offenbar Junge. Hunger hat sie jedenfalls einen riesigen. So sitzen wir beide vor der Tankstelle und teilen uns mein geheimnisvolles Frühstück. Ich weiß zwar nicht genau, was ich da esse – aber dass sie etwas davon abbekommt, steht für mich fest. Vielleicht gleicht dieses gute Werk ja meinen Zwetschgendiebstahl von gestern wieder ein bisschen aus.

In Rožaje beginnt der Aufstieg hinauf zur Grenze nach Kosovo, zum Kula-Pass. Rund 700 Höhenmeter liegen vor mir. Und hier wird mir erst einmal wieder richtig warm. Meine Planung meint es allerdings nicht besonders gut mit mir und schickt mich mitten im Ort direkt auf eine 18-Prozent-Rampe. Das ist mir dann doch zu viel, also schiebe ich ein Stück. Dabei komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Er ist gerade hier auf Heim-Urlaub, arbeitet in der Schweiz. Damit bestätigt sich meine Vermutung vom Vortag: In dieser Gegend scheinen erstaunlich viele Männer im Ausland zu arbeiten und ihren Sommerurlaub zu Hause zu verbringen. Eine Hauptbeschäftigung dabei scheint die Pflege ihrer dicken Schlitten und schnelles Herumfahren zu sein.

Kurz vor dem Pass werde ich wieder einmal müde. Also lege ich meine Zeltunterlage mitten im tiefen Gras in die Sonne und gönne mir zehn Minuten Powernap. Kaum bin ich wieder auf dem Fahrrad, fährt Marius vorbei. Also hinterher! Die Grenze ist schnell erledigt, und danach folgt eine lange, wunderschöne Abfahrt Richtung Peja. Das Bergpanorama ist grandios.

Peja selbst ist dann allerdings das genaue Gegenteil: laut, staubig und schmutzig. Nach einem Supermarktstopp brauche ich dringend noch einen Kaffee und noch wichtiger Internet, das war nämlich wieder mal ausgefallen unterwegs. Die Bar nebenan scheint dafür bestens geeignet. Nur gibt es ein kleines Problem: Ich habe kein Bargeld. Meine Diskussion mit dem Kellner fällt offenbar einem etwas distinguiert aussehenden Herrn auf, der kurzerhand zu uns kommt und darauf besteht, mich auf einen Cappuccino einzuladen. Ich erzähle ihm, was ich hier mache, woraufhin sich an seinem Tisch doch einiges an Erstaunen breitmacht.

Erst später fällt mir ein: Ich hätte den Kaffee natürlich problemlos selbst bezahlen können. Im Kosovo bezahlt man schließlich mit Euro. Na ja. Immerhin habe ich jetzt einen spendierten Cappuccino.

In der Stadt halte ich anschließend verzweifelt Ausschau nach irgendeiner Möglichkeit, an Wasser zu kommen. Es ist wieder unglaublich heiß, und zusätzlich stehe ich im Stau. Da entdecke ich einen Carwash – meine Rettung! Die Jungs dort stellen mir sofort ihren Wasserschlauch zur Verfügung. Ich nutze ihn kurzerhand als Dusche, was für einiges an Gelächter sorgt. Mir ist das völlig egal. Hauptsache nass und kalt!

Endlich schaffe ich es aus der lärmenden, staubigen Stadt heraus. Die nächsten etwa 50 Kilometer führen durch ländliche Gegend. Und ich nutze wirklich jede Gelegenheit, mich abzukühlen: Tankstellen, Brunnen, Gartenschläuche. Einmal frage ich sogar einen Mann, der gerade seinen Bus wäscht, ob ich mich kurz mit seinem Schlauch erfrischen darf. Inzwischen ist mir jedes Mittel recht.

Die Strecke führt gefühlt hin und her, kreuz und quer, bis nach Gjakova. Und immer noch funktioniert mein Internet nicht. Ein ziemlich dummes Gefühl, wenn man in der Fremde unterwegs ist und sich nicht mehr auf die gewohnte Verbindung verlassen kann. Ich fühle mich jedenfalls ziemlich hilflos.

Nun steht der nächste Pass vor mir: der Qafa e Morinës, der Grenzübergang von Kosovo nach Albanien. Unterwegs werde ich von einem anderen Teilnehmer überholt. An seiner hinteren Tasche hat er einen Stock befestigt. Hundeabwehr! Bisher hatte ich eigentlich nicht das Gefühl, dass mir so etwas fehlt. Nach den Erlebnissen der letzten Tage frage ich mich allerdings kurz, ob ich vielleicht doch etwas nachrüsten sollte. Andererseits: Bis hierher bin ich auch ohne Stock ganz gut durchgekommen.

Vor dem Pass steht noch meine letzte richtige Mahlzeit an: eine „Tonno Insalatissima“ – Grüße aus der Heimat! Dazu ein Brot, in das ich kurzerhand zwei Bountys hineinstecke. Klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber erstaunlich lecker. Und ansonsten heißt es bei dieser Hitze nur noch: trinken, trinken, trinken.

Oben am Pass geht kein Lüftchen, und meine Garmin zeigt 41 Grad an. An der Grenze habe ich dann kurz Stress: Auf der albanischen Seite stehen gerade einmal zwei Pferde. Habe ich etwas übersehen? Brauche ich noch einen Stempel, der mir später bei der Ausreise fehlen könnte?

Ab der Grenze ziehen sich die Kilometer. Es ist hügelig, ständig geht es hinauf und wieder hinunter, nur um kurz darauf wieder hinaufzugehen. Dazu ist die Hitze enorm. Und kein Wasser weit und breit außer weit unter mir, wo große Seen in der Sonne glitzern.

Kurz vor Kukës entdecke ich an der Brücke über den See ein Fischrestaurant. Eigentlich wäre das genau der richtige Ort für eine Pause und etwas zu essen. Noch wichtiger wäre allerdings das WLAN, denn nach wie vor habe ich kein Internet. Zunächst meint der Kellner, ich könne gerne etwas essen. Dann stellt sich heraus, dass ich nur mit Mastercard bezahlen kann – meine gehört natürlich nicht dazu. Bargeld, also Euro, würde er ebenfalls nehmen. Als ich schließlich frage, wie lange ich denn auf das Essen warten müsste, kommt die Antwort: 21 Uhr. Ich schaue ihn etwas ungläubig an. Habe ich das richtig verstanden? Es ist gerade einmal 16 Uhr! Ich habe den leisen Verdacht, dass er mich vielleicht einfach nur loswerden möchte.

16 Uhr: Hotel Dion bis 20:30

Also lasse ich mich unter einem Baum im Schatten nieder und nutze zumindest das WLAN. Meine Vermutung bestätigt sich: Offenbar hat das Surfen während meines Aufenthalts im Kosovo mein gesamtes Guthaben aufgebraucht. Damit funktioniert auch mein Balkan-Paket nicht mehr. Großartig. Ich muss erst einmal mein Guthaben aufstocken. Hermann ist so nett und erledigt das für mich. Danach funktioniert das Internet tatsächlich wieder. Bis auf Weiteres …

In Kukës, einer quirligen Stadt, bin ich von der Hitze und dem ganzen Stress völlig platt. Vor mir liegen noch etwa 500 Höhenmeter und 15 Kilometer bis zum Beginn von Parcours 4. Ich bin von der Hitze völlig platt und sehe mich nicht in der Lage, jetzt gleich wieder Berge hochtreten zum müssen. Ich entschließe mich, ein Hotel zu nehmen. Ein paar Stunden schlafen und danach die Nacht durchfahren – anders kann ich mir nicht vorstellen, die noch fehlenden Kilometer bis CP4 zu schaffen.

Das Hotel ist überraschend schnell gefunden: das Hotel Dion, ein modernes Vier-Sterne-Hotel – und billig ist es auch noch. Der Check-in geht unkompliziert, und das Beste: Ich darf mein Fahrrad mit aufs Zimmer nehmen. Ich dusche, wasche meine Sachen, esse etwas und schlafe zwei Stunden. Am liebsten würde ich einfach liegen bleiben und einmal richtig ausschlafen. Aber gegen halb neun klingelt der Wecker. Draußen dämmert es bereits, als ich wieder auf dem Fahrrad sitze.

Einige Hunde lungern auf der Straße herum und bellen. Viel unangenehmer sind allerdings die nächsten Begegnungen – diesmal mit Menschen, und zwar ausschließlich mit Männern. Es ist nun stockdunkel und die Strecke führt durch ländliches Gebiet. In Kolesjan beginnt der Pflichtparcours 4 Richtung Peshkopi: 60 Kilometer lang.

Viele Männer sind in der Dunkelheit noch unterwegs. Aus vorbeifahrenden Autos wird mir etwas zugerufen, das ich nicht verstehe. Einer ruft deutlich „Danger!“. Kurz darauf hält ein Van neben mir, die Schiebetür öffnet sich automatisch direkt neben mir und jemand fragt, ob ich ein Taxi brauche. Ein anderer steigt neben mir aus dem Auto und fragt, woher ich komme. Ich ignoriere ihn – genauso wie die anderen zuvor.

Irgendwann scheint niemand mehr unterwegs zu sein. Die Straße wird steiler und führt durch mehrere Dörfer den Berg hinauf. Hier und da gibt es noch eine Bar, Männer sitzen an den Tischen und starren mich an. Nur ab und zu überholt mich ein Auto.

Weiter oben steht plötzlich ein Auto am Straßenrand. Alle Türen sind geöffnet, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Ich fahre mit einem etwas mulmigen Gefühl weiter. Nur ein paar Steinwürfe später brechen plötzlich drei Halbwüchsige aus den Büschen hervor. Sie schreien und schwenken ihre Lichter. Ich erschrecke fürchterlich. „Ich rufe die Polizei!“, rufe ich ihnen entgegen. Mein Smartphone liegt inzwischen griffbereit. Die SOS-App befindet sich auf meinem Startbildschirm – sollte mich noch einmal jemand belästigen, kann ich sofort die Polizei verständigen.

Nach mehreren geradezu unmenschlich steilen Anstiegen erreiche ich nach Mitternacht endlich den höchsten Punkt auf etwa 1.200 Metern. Ich bin müde und brauche Schlaf. Hinter einem Busch breite ich meine Unterlage aus, ziehe alles an, was ich habe und lege mich mit Matte und Schlafsack hin. Als zwei Quads auf der Straße vorbeifahren und gegenüber auf einen Schotterweg abbiegen, decke ich kurz meine Lampe mit der Hand ab, damit sie mich nicht sehen können. Wenig später kommen sie wieder herunter und verschwinden in der Nacht. Zum Glück haben sie mich nicht entdeckt.

Mehr als eine Stunde gebe ich mir für meinen improvisierten Schlafplatz ohnehin nicht. Und tatsächlich: Lange dauert es nicht, bis ich wieder aufwache. Mir ist fürchterlich kalt.

Tag 17 – Mittwoch, 05.08.
280 km | 3.500 Hm

Ich rolle in die Dämmerung hinein, Richtung Peshkopi. In jedem Dorf werde ich inzwischen von mehr oder weniger freundlichen Hunden empfangen. An den Ortseingängen und Ortsausgängen muss ich besonders aufmerksam sein, denn genau dort halten sich die Hunde gerne auf.

Diejenigen, die laut bellend auf mich zukommen, sind dabei meist gar nicht die unangenehmen. Viel gefährlicher sind die stillen Kandidaten, die plötzlich von der Seite auftauchen, ohne einen Ton von sich zu geben. Dann heißt es: schleunigst runter vom Rad und das Fahrrad zwischen mich und den Angreifer stellen. Gerade hatte ich so eine Begegnung mit einem schmutzig weißen Riesenvieh. Schock am Morgen.

Meist genügt es, langsam an ihnen vorbeizufahren. Die meisten verschwinden oder bleiben einfach sitzen. Vielleicht halten sie mich wegen meines hellen Vorderlichts für ein Auto? Oder sind sie inzwischen einfach genervt von den vielen Radfahrern, die in den letzten Tagen hier durchgekommen sind?

In Peshkopi wimmelt es schließlich nur so von Hunden. An jeder Ecke begegnen mir welche, besonders in der Nähe des Müllplatzes. Langsam wird mir klar: In Peshkopi sind die Hunde offenbar Teil der städtischen Bevölkerung.

Kurz nach dem Ort steht schon die nächste Grenze an: Nordmazedonien. Zuvor gibt es an einer Tankstelle noch einen Automatenkaffee. Für den Automaten fehlt mir allerdings das nötige Kleingeld. Der Tankstellenwart wechselt mir freundlicherweise einen Euro-Schein. Irgendwie habe ich dabei sofort das Gefühl, dass ich über den Tisch gezogen worden sein könnte. Der Mann holt daraufhin seinen Taschenrechner heraus und rechnet mir geduldig vor, dass alles seine Richtigkeit hat. Aha. Da habe ich wohl gerade Bekanntschaft mit meinen eigenen Vorurteilen gemacht.

Gleich danach gibt es noch ein zweites Frühstück in einer Bar: Cappuccino und zwei abgepackte Brioche, dazu ein kleiner Plausch mit dem Barbetreiber. Als hätte ich alle Zeit der Welt oder als hätte ich meinen CP4 schon abgeschrieben. Dabei sind es noch etwa 200 Kilometer bis dorthin. Dann geht es zur Grenze.

Der Grenzbeamte verschwindet zunächst und macht Platz für eine Dame, die das kleine Kabuff gründlich putzt. Währenddessen bildet sich auf beiden Seiten eine lange Schlange. Vermutlich ist gerade Kaffeepause. Ich nutze die Gelegenheit und creme mich ordentlich ein. Nach mehr als 20 Minuten erscheint schließlich wieder ein Beamter. Zuerst muss er sich noch ein Kissen holen und richtet er sich in seinem kleinen Häuschen gemütlich ein. Die wartende Schlange scheint ihn dabei nicht sonderlich zu interessieren. Kein Gruß, kein Wort – als wäre niemand da. Irgendwann ist die Grenzabfertigung dann doch geschafft und ich fahre weiter nach Nordmazedonien.

Was mich dort zunächst erwartet, ist allerdings ziemlich ernüchternd: Alles wirkt heruntergekommen, überall liegt Müll, und selbst Tierkadaver liegen am Straßenrand beziehungsweise auf den Gehwegen. Kein besonders einladender erster Eindruck vom neuen Land.

Von Debar bis kurz vor Struga fahre ich auf einer Straße mit mäßigem Verkehr durch das Tal der Schwarzen Drin. Der Fluss begleitet mich auf dieser Strecke und liegt immer wieder so breit im Tal, dass er fast wie ein See wirkt. Nach dem ganzen Trubel der letzten Stunden ist diese ruhige Strecke eine willkommene Abwechslung. Ich kann wieder einmal einfach fahren und die wunderschöne Landschaft auf mich wirken lassen.

So schön die Landschaft rundum ist, so fürchterlich ist der Zustand des Straßenrandes. Überall liegt Müll, teilweise in unglaublichen Mengen. Einen solchen Anblick habe ich bisher auf meinen Reisen noch nie erlebt. Die schöne Landschaft und diese unglaubliche Vermüllung wollen so gar nicht zusammenpassen.

Am Ohridsee ändert sich das Bild völlig. Hier ist alles sehr touristisch, es wimmelt nur so von Menschen und Autos. Und ich mache den Fehler, zunächst auf einer Promenade direkt am See entlangzufahren. Flott komme ich da allerdings nicht weiter.

Den CP für heute Abend habe ich inzwischen ohnehin schon abgeschrieben. Ich werde müde und entdecke ein offenes Tor, das direkt an einen Strand führt. Ich fahre hinein, lege mich für einen kurzen Powernap hin und erfrische mich anschließend im See. Schlaftrunken packe ich meine Sachen weg, da kommt jemand. Der Eigentümer des Grundstücks und macht mich freundlich darauf aufmerksam, dass dies Privatgrund sei. Wir kommen ins Gespräch. Ungläubig lauscht er meiner weiteren Erzählung, woher ich komme und was ich hier eigentlich mache. Es sei ihm eine Ehre, dass ich hier Pause gemacht habe.

Weiter. Mir ist inzwischen alles egal. Drei kleine Berge liegen noch vor mir, immer am See entlang, dazu entsprechend dichter Autoverkehr. Egal, da muss ich halt durch. Die Hitze ist wieder unerträglich, und weit und breit gibt es keine Möglichkeit, mich abzukühlen. Bei einer kurzen Pause im Schatten stelle ich dann fest, dass ich immer noch keinen Empfang habe. Ist vielleicht auch Nordmazedonien nicht im Balkan-Paket enthalten – so wie Montenegro?

Noch liegt der Grenzübertritt zurück nach Albanien vor mir. Dann werde ich sehen, ob ich wieder auf das Internet zugreifen kann.

An der Grenze scheint sich die Beamtin wohl mit ihrem Kollegen von heute Morgen abgesprochen zu haben. Auch sie hat offenbar alle Zeit der Welt – und wirkt dabei so richtig präpotent. Erst einmal liest sie ihrem Kollegen minutenlang einen Text ihres Smartphones vor und lässt mich in der prallen Sonne warten. Irgendwann dreht sie sich zu mir, begutachtet meinen Pass und nickt mir gnädig zu. Die Schranken vor mir bleiben allerdings geschlossen. Ich warte eine Weile und frage schließlich, ob ich durchdarf. Sie macht ein genervtes Gesicht und deutet mit der Hand zur Schranke. Ach so. Ich soll mich zwischen den beiden Stangen hindurchzwängen. Also tue ich absichtlich so, als würde ich mit dem Fahrrad hängen bleiben. Die Schranke ächzt bedenklich, biegt sich ein wenig und schnellt dann wieder zurück. Warum ich mich mit so einem kindischen Getue gut fühle? Keine Ahnung. Aber irgendwie tut es wirklich gut.

Da ich in Pogradec immer noch nicht auf mein Internet zugreifen kann, muss ich wohl oder übel schon wieder irgendwo eine WLAM-Pause einlegen, ist ja egal, eine Pause mehr oder weniger. Ein Restaurant scheint mir dafür praktisch: So kann ich gleichzeitig etwas essen und eine kleine Wasch- und Abkühlungsaktion starten.

Bei einer Gemüsesuppe und Cola stelle ich schließlich fest, dass mein Guthaben beim Internetanbieter noch vorhanden ist. Also bin ich beim Wegfahren auch nicht schlauer als vorher. Und wieder habe ich Zeit liegen gelassen. Kostbare Zeit. Denn die läuft unerbittlich weiter. Es ist inzwischen 15 Uhr. Mir bleiben noch neun Stunden bis Mitternacht. 130 Kilometer liegen noch vor mir, dazu gut 2.000 Höhenmeter. Großzügig ist was anderes.

Nach einem kleinen, aber giftigen Aufstieg vom See geht es über 40 Kilometer auf einem Falsopiano, wie der Italiener sagen würde – es scheint eben zu sein, ist es aber vermutlich nicht ganz. Ein kräftiger Rückenwind schiebt mich dabei ordentlich an. Ich komme also richtig schnell voran.

Zwischendurch einen kleinen Tankstellenstopp zum Abkühlen. Ich stelle fest, dass ich wieder auf das Internet zugreifen kann, wohl, weil ich nun nicht mehr in Grenznähe bin.

In Korçë wechsle ich von der Straße mit dem breiten Seitenstreifen auf eine Nebenstraße. Es geht durch Wiesen und Felder, dann hinein in bewaldetes Hügelland, durch das sich die Straße schlängelt. Und durch eine große Schaf- und Ziegenherde, die gemächlich wandert und die ganze Straße füllt.

Dann stehe ich vor der Wahl. Bei meiner Planung hatte ich mich für die alte Straße entschieden. Jetzt, da die Zeit drängt und ich nach dem schnellen Vorankommen auf den letzten 50 Kilometern wieder ein kleines Fünkchen Hoffnung habe, entscheide ich mich spontan für die Ausbaustrecke. Sie erspart mir einige Kilometer. Ausschlaggebend ist auch, dass kaum ein Auto unterwegs ist. Allerdings beginnt die Strecke sehr, sehr steil. Mühsam quäle ich mich die mit über zehn Prozent ansteigende Straße hinauf. Oben angekommen geht es dafür sagenhaft steil wieder bergab – und mit ordentlich Schwung gleich in den nächsten Anstieg. Das Spiel wiederholt sich mehrmals.

Dann scheint es flacher weiterzugehen. Warum fühlen sich meine Beine plötzlich so schlapp an? Vermutlich geht es doch leicht bergauf.

In Ersekë nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und fahre zu einer Tankstelle. Ich muss irgendwie meine schlappen Beine etwas aufmöbeln. Zwei Dosen Energy-Drink wandern in meinen Besitz. Eine schütte ich mir gleich hinein, die zweite kommt für später in die Trinkflasche. Es schmeckt sogar lecker, nach Mango. In einem kleinen Tante-Emma-Laden im Ortszentrum kaufe ich noch Kekse und Bananen.

45 Kilometer und knapp 1.000 Höhenmeter sind noch zu fahren, und ich habe noch vier Stunden Zeit dafür. Eigentlich müsste das reichen. Schon? Reicht es wirklich?

Ich fahre wieder los. Meine Beine fühlen sich nach diesem Gebräu tatsächlich wieder ganz gut an. Die Strecke beginnt wunderschön: Es geht lange bergab, die Sonne geht unter und taucht die Landschaft in ein magisches Licht. Dann wieder ein Anstieg.

Ich bin irgendwie wie im Fieberrausch. Die Kilometer gehen gut von der Hand. Die Straße ist einsam, sehr kurvig und ein stetiges Auf und Ab. An einem Brunnen mache ich noch einmal Halt und fülle meine Wasserreserven auf. Dann sind es nur noch 3 Kilometer und es ist grad mal 22 Uhr vorbei. Das Gefühl ist sagenhaft, ich könnte sogar zu Fuß gehen und käme auch noch pünktlich an.

Irgendwann sehe ich hinter mir ein Licht. Das müsste Samuel sein. Wir werden vermutlich die letzten beiden sein, die am CP4 in Leskovik ihre Karten abstempeln lassen. Eine Stunde vor Zapfenstreich. Eine Stunde später ist nämlich Mitternacht und Schluss am letzten Checkpoint. Wir werden gefeiert. Auch Oliver, den ich bereits am CP3 getroffen hatte, ist da und freut sich mit uns.

Und dann ist da Georgie. Ich schätze, sie ist acht oder neun Jahre alt und hat an diesem Tag eine ausgesprochen wichtige Aufgabe übernommen: Sie darf mir meinen vierten und vorletzten TCR-Stempel in die Karte drücken. Natürlich unter den wachsamen Augen ihres Papas – schließlich geht es hier nicht um irgendeinen Stempel, sondern um einen offiziellen TCR-Stempel!
Nur das Stempelkissen macht nicht ganz mit. Zu wenig Tinte. Georgie versucht es einmal – nicht genug. Also noch einmal. Beim zweiten Anlauf sitzt der Stempel perfekt. Mit einer Ernsthaftigkeit und Präzision, als hätte sie das schon hundertmal gemacht.

Ich bin der Meinung, Georgie hat ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert. Und ich bin ziemlich sicher, dass dieser Stempel einer der schönsten meiner ganzen TCR-Karte ist.

Die nette Wirtin am CP4 organisiert für uns noch zwei Zimmer. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich es geschafft habe – und dass ich nun sogar noch in einem richtigen Bett schlafen darf.

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