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zuerst mein Video Tag 1 bis 3 (Start – CP1):

Nacht 1 – Los geht’s. Mit Knall.

So, 19.07. – Startparcours
196 km · 2.250 Hm · 9:30 h

Es geht los. Kurz darauf, in der ersten Steigung. Knall. Reifenplatzer.Der Arme. Ich hätte wahrscheinlich gleich aufgegeben.Noch bin ich aber guter Dinge. Ich quatsche mit ein paar Bekannten – unter anderem mit Jesko von Taunus Bikepacking und Malte.

Das erste Hindernis lässt nicht lange auf sich warten: Nach einer Bergauffahrt wartet eine ziemlich steile Schotterabfahrt. Viele schieben. Ich bin mit meinen 40er Schwalbe Allroad fein raus. Jetzt noch. Wie sie sich wohl auf 5.000 Kilometern bewähren werden? Einen Ersatzreifen habe ich aus Gewichtsgründen natürlich nicht dabei. Man muss Prioritäten setzen.

Am Straßenrand steht ein Schild: „Erster Berg auf TCR gemeistert!“ Na, wenn das kein gutes Zeichen ist.

Die Abfahrt macht Spaß. Ich fahre flott hinunter, genieße das Gefühl – und dann plötzlich ein lautes Geräusch. Was war das? Da hat wohl jemand etwas verloren … Ich blicke argwöhnisch zurück. Und sehe aus dem Augenwinkel mein Smartphone über die Straße hüpfen. Mist!
Ein Schlagloch hatte es aus dem Foodbag geschleudert, wo ich es während der Fahrt aufbewahre. Es hatte sich offenbar entschieden, schon nach wenigen Kilometern eigene Wege zu gehen. Vollbremsung. Zurückwandern. Handy aufheben.

Und während ich es in die Hand nehme, sitzt mir die Angst im Nacken: Was, wenn es nicht mehr funktioniert? Was, wenn ich es geschrottet habe? Wie durch ein Wunder: Es funktioniert. Handyvorfall Nr. 1. Ich hoffe, es bleibt bei einem.

Bald fahren wir am Meeressaum entlang. Wunderschön. Die Sonne geht langsam unter und um mich herum sind noch viele Fahrerinnen und Fahrer. Ich frage mich, wie das in den nächsten Tagen sein wird. Werde ich jemanden von diesen Leuten wieder treffen? Wer wird durchkommen? Wer wird aufgeben? Und wie weit werde ICH überhaupt kommen?

Zum Zeitvertreib versuche ich mir einige der CAP-Nummern zu merken. Später könnte ich sie auf FollowMyChallenge „stalken“ – falls mir dafür irgendwann Zeit bleibt.

Langsam wird es „Nacht“. Wobei: Nacht ist vielleicht etwas übertrieben. Es wird eigentlich nur dämmrig. Auch nach Mitternacht ist es noch immer nicht richtig dunkel. Ich beneide die Teams um mich herum. Zu zweit unterwegs zu sein, muss gerade ziemlich angenehm sein.

Trotzdem genieße ich die Landschaft. Die gepflegten roten Holzhäuschen, die kleinen Ortschaften, die Ruhe. Bei einem der Häuser denke ich: Wenn jetzt meine normale Schlafenszeit wäre, könnte ich mir wunderbar vorstellen, hier auf dem gepflegten Rasen mein Biwak aufzuschlagen. In Norwegen darf man grundsätzlich campieren – aber natürlich nicht einfach direkt neben einem Haus. Und vermutlich würde ich am nächsten Morgen ohnehin mit noch kürzeren Haaren aufwachen. Die sind gerade sowieso schon sehr, sehr kurz. Ob ein Mähroboter eigentlich zwischen Rasen und Haaren unterscheiden kann?

Kilometer 111 –Schlafversuch: Auf Street View hatte ich mir eine Tankstelle mit überdachten Picknickbänken markiert. Eine gute Idee, wie ich dachte. Offenbar hatten mehrere TCR-Fahrer dieselbe Idee.

Ein Tisch ist bereits besetzt. Zu dritt steuern wir auf den verbleibenden zu. Ein kleiner Wettlauf beginnt. Ein Mann überholt mich hastig – fast gleichzeitig erreichen wir das begehrte Objekt. Ich bin schneller und besetze den Tisch.

Susi kommt ebenfalls an. Der Kollege sucht sich notgedrungen etwas anderes. Susi und ich kennen uns schon vom Kontakt vor dem Start. Sie bezieht unter dem Tisch Quartier.

Ich breite meine Unterlage aus, die Matte, den dünnen Schlafsack. Zusätzlich ziehe ich alles an, was ich dabeihabe – inklusive Regenjacke und Regenhose. Dann verkrieche ich mich bis auf die Nasenspitze in meinem Schlafsack.

Und nach wenigen Minuten beginnen meine Zähne zu klappern. An Schlaf ist nicht zu denken. Entnervt stehe ich kurz darauf wieder auf und packe meine Siebensachen zusammen. Mein Garmin zeigt +2 °C.

Es ist kurz vor halb drei.Und draußen ist es schon wieder taghell. Na wunderbar.

Ich fahre los und treffe auf Karin. Wir fahren einige Kilometer zusammen und plaudern. Eigentlich darf man bei einem Unsupported Race nicht länger mit jemand anderem zusammen fahren. Das ist eine der Regeln. Aber so genau wird der Organisator das bei den Letzten vermutlich nicht nehmen.

Karin fährt ebenfalls solo. Ihr Mann Alexander ist auch dabei, allerdings schon weiter vorne. Sie weiß bereits, dass sie das Ziel wahrscheinlich nicht erreichen wird – ihr Rückflug ist viel zu früh gebucht.

Immerhin hatte sie in dieser Nacht mehr Glück als ich: Sie konnte in einer beheizten Toilette schlafen. Die Glückliche!

Einige Kilometer später erreichen wir den Coop-Supermarkt, der beim Briefing angekündigt worden war. David, einer der Race-Organisatoren, hatte dort auf wichtige Dinge hingewiesen. Mein karges Englisch hatte allerdings nicht alles aufgenommen, deshalb bin ich etwas überrascht. Es dauert eine Weile, bis wir überhaupt in den unbemannten 24-Stunden-Supermarkt hineinkommen.

Drinnen: Chaos.

Vor uns müssen sich schon weit über 300 Leute bedient haben. Das Angebot an frischen Lebensmitteln ist weitgehend erschöpft. Ich kaufe, was noch brauchbar aussieht, und bezahle an der Self-Service-Kasse.

Ich lümmele mich noch zitternd von der Kälte draußen am Tisch, der wohl für uns aufgestellt wurde. Und entdecke, dass meine Vorgänger noch einiges übrig gelassen haben. Ich bediene mich. Hier sieht es inzwischen eher nach Schlachtfeld als nach Supermarkt aus.

Die anderen Fahrer bleiben noch länger im warmen Shop. Verständlich. Ich fahre weiter. Ich will ja schließlich pünktlich in Kalamata sein. Zeit großzügig zu verplempern bleibt mir nicht, so fein es auch wäre …

Und dann kommen die ersten LKWs. Mehrfachachser, schnell unterwegs, ziemlich nah. Ich frage mich unwillkürlich, ob die Fahrer eigentlich wissen, wie viel Platz zwischen ihrem LKW und mir gerade noch bleibt. Ich will es lieber nicht so genau wissen.

Vermutlich ist das schon ein kleiner Vorgeschmack auf den Verkehr, der mich später auf dem Balkan erwartet.

Es ist inzwischen acht Uhr morgens. Ich bin seit rund zwölf Stunden unterwegs.Und jetzt soll ich mir vorstellen, irgendwann dort unten anzukommen?Jeden Tag 260 Kilometer? Ich habe gerade einmal etwa 180 Kilometer geschafft.Und jede einzelne Pedalumdrehung fühlt sich beim Anstieg Richtung Røros bereits schwer an. Dazu kommt ein Gedanke, der mir gar nicht gefällt: Die kommende Nacht.

Wenn ich so müde bin wie jetzt – wo soll ich dann schlafen? Ein Hotel war eigentlich nicht eingeplant. Und werde ich überhaupt irgendwo eine Unterkunft finden? Draußen schlafen? Bei diesen Temperaturen ist das für mich kaum vorstellbar. Und selbst wenn ich einen geschützten Platz finde, kann ich dort nicht einfach stundenlang gemütlich schlafen.

Mittwoch um 11 Uhr muss ich pünktlich bei Checkpoint 1 in Flåm sein, sonst bin ich am dritten Tag schon raus. Für mich ist das verdammt knapp.

Vielleicht will Lost Dot – die Organisation hinter dem TCR – das Fahrerfeld bis dahin auch einfach schon ein bisschen auslichten. Ein weiterer LKW kommt heran. Ich mache mich ganz klein und halte die Luft an. Als ob das etwas nützen würde.

Wenn ich pünktlich am CP1 sein will, bedeutet das vermutlich: sehr, sehr wenig Schlaf in der kommenden Nacht. Und wahrscheinlich auch in der darauffolgenden.

Keine Ahnung, ob ich das schaffen kann. Aber ich probiere es. Ein positiver Gedanke bleibt immerhin: Es regnet nicht. Bei diesen Temperaturen auch noch nass zu werden – das wäre wirklich keine gute Idee.

Und irgendwann zeichnet sich tatsächlich das Ende des Startparcours ab. Die Sonne steht inzwischen höher. Es wird etwas wärmer. Und ich fahre weiter. Noch bin ich im Rennen.

Tag 1&2 – Zähneklappern und Schotterpisten

Mo. 20.07. & Di. 21.07. – Vom Ende des Startparcours zu Parcours 1(a)
305 km · 3.200 Hm · 16 h

Røros. Frühstück an einer Tankstelle. Ich plaudere mit einigen anderen Fahrern. Eigentlich will ich gar nicht mehr weg. Die Waffeln sind superlecker, der Kaffee auch – und nach der ersten Nacht tut ein bisschen Körperpflege ebenfalls gut. Aber irgendwann muss ich weiter.

Ab Røros beginnen sich meine Mitstreiter in alle möglichen Richtungen zu verteilen. Von hier bis zum nächsten Pflichtparcours am Vinstra-See muss jeder und jede die eigene Route planen. Eine offizielle Strecke gibt es nicht. Ob ich wohl eine Ideallinie erwischt habe?

Die nächsten 100 Kilometer rollen jedenfalls gut. Vorbei an Tolga, dann der nächste Stopp in einer Bäckerei. Wieder sehr lecker – und wieder treffe ich zwei oder drei andere TCR-Fahrerinnen und -Fahrer. So langsam bekomme ich das Gefühl, dass man sich auf diesem Rennen immer wieder über den Weg fährt.

Dann wird es warm. Und ich bin übermüdet. So übermüdet, dass ich fast ununterbrochen gähne. Kurz vor Folldal – inzwischen bin ich seit dem Start rund 320 Kilometer im Sattel – entdecke ich ein Bushäuschen und gönne mir einen Powernap.

Zehn Minuten. Ich lege mich hin, schließe die Augen – aber einschlafen kann ich nicht. Also weiter.

In Folldal verpasse ich den Supermarkt, der etwas abseits meiner Route liegt. Als ich es bemerke, bin ich schon zu weit hinuntergefahren. Also kein Umkehren. Proviant habe ich noch genug in den Taschen, allerdings nichts Frisches mehr – kein Kefir, kein Obst, nichts, worauf ich gerade besonders Lust hätte.

Viel mehr Sorgen macht mir allerdings das Wasser. Es wird langsam knapp. Und der nächste sichere Punkt zum Auffüllen liegt erst rund 80 Kilometer entfernt.

Auch mein Handy macht mir Sorgen. Heute gab es nicht viele Abfahrten, bei denen ich es hätte aufladen können mit meinem Nabendynamo. Im Gegenteil: Der Akku ist deutlich leerer geworden, als ich nachladen konnte. Hilfe! Ich brauche Wasser. Und Strom.

Bei einem See entdecke ich einen kleinen Hotspot mit Wassersportmöglichkeiten. Perfekt! Allerdings ist die Bar geschlossen. Also weiter.

Dann kommt eine kleine Tankstelle mit angeschlossenem Campingplatz.  
Vor mir kommt gerade ein Fahrer aus der Rezeption – mit Bettwäsche unter dem Arm. Schlafen? Hier schon? Kommt nicht infrage. Für mich ist es noch viel zu früh.
Aber essen könnte ich und dann entdecke ich das Buffet. Es gibt ein sagenhaftes Angebot beim Atnasjø Café.

Ich bezahle und futtere mich mehrmals durch praktisch jeden Gang. Gemüse, Salat, norwegische Köstlichkeiten, eine Art Gries-Rahm-Brei, dazu verschiedene Desserts – natürlich ebenfalls mit Nachschlag.

Andere Fahrer haben sich bescheiden jeweils einen Teller genommen. Ich habe drei vor mir stehen. Unverschämt? Vielleicht. Aber es ist so lecker. Und ich habe Hunger.

Außerdem kann ich hier endlich mein Wasser auffüllen. Und dann passiert es: Beim Aufstehen kippt mein Stuhl um – mein Trinkrucksack war nicht ordentlich verschlossen. Zwei Liter Wasser ergießen sich über den Boden. Ich entschuldige mich vielmals. Wie peinlich. Ausgerechnet hier. Nach meinem hemmungslosen Zugreifen aufs Buffet. So bedankt man sich also. Nun gut, mit jedem Kilometer werden die Hemmungen sowieso weniger – irgendwann verlieren sie sich ganz im Nirgendwo – wie ich im Laufe meiner Fahrt feststellen werde.

Ich hoffe, das Personal sieht mein Missgeschick als Beitrag zur Bodenreinigung. Dann kurbele ich weiter.

Etwas später komme ich an eine Baustelle. Und genau hier geht es mehrere Kilometer steil bergauf. Teilweise über 12 Prozent. Mit mehr als 22 Kilo Fahrrad inklusive Gepäck und mittlerweile fast 400 Kilometern in den Beinen ist das ziemlich genau die Grenze dessen, was ich noch treten kann. Ich will nicht schieben. Aber der Gedanke daran wird durchaus konkreter. Irgendwann bin ich oben auf dem Fjell.

Kein Wald mehr weit und breit. Kein geschütztes Plätzchen, an dem ich einfach mein Zelt aufstellen könnte. Stattdessen geht es weiter auf und ab, vorbei an Seen und durch eine Landschaft, die wunderschön ist – wenn man nicht gerade verzweifelt versucht herauszufinden, wann und wo man endlich schlafen kann.

Ich muss heute unbedingt schlafen. Immer wieder rechne ich im Kopf durch, ob CP1 überhaupt noch machbar ist. Erstaunlicherweise bin ich in meiner Planung sogar noch etwas vor der Zeit. Aber die Hotels, die ich mir im Tal 30 Kilometer weiter notiert hatte?

Alle ausgebucht. Und selbst wenn eines frei wäre, würde ich dort wahrscheinlich erst weit nach Mitternacht ankommen. Was also tun?

Die Sonne verschwindet langsam hinter Wolken. Es wird empfindlich kühl. Was tun? Vor mir liegt noch eine Abfahrt mit rund 800 Höhenmetern.

Und dann sehe ich es: Ein Hotel. Hier oben. Ich könnte ja einfach mal ganz unverbindlich fragen. Es ist zwar eigentlich noch etwas zu früh für mich, aber inzwischen ist mir ziemlich egal, was eigentlich geplant war. Ich muss schlafen.

Venabu Mountain Hotel. Ich gehe hinein. Juhu! Ein Zimmer ist frei. Die 170 Euro für vermutlich vier Stunden Aufenthalt tun mir in diesem Moment überhaupt nicht weh. Schlaf ist gerade unbezahlbar.

Ich kann sogar mein Fahrrad waschen. Das wird das einzige Mal während des gesamten Rennens sein, dass ich Zeit mit so etwas Unwichtigem verplempere. Immerhin bekommt die Kette dabei auch etwas Öl – und das ist dann doch wichtig.

Auf mein Zimmer bekomme ich sogar ein kleines Frühstück mit Obst und Müsli. Für den nächsten Tag bekomme ich zusätzlich ein Lunchpaket. Unverschämt allerdings die Preise für ein schlichtes Abendessen, wie mir Susi, sie ist auch hier untergekommen, am nächsten Tag erzählen wird. 200€ für ein Stück Gummiadler – sprich Hähnchen. Oder habe ich das falsch verstanden und es sind 200 NOK??? Ich brauchte nach meiner Fress-Orgie ein paar Stunden zuvor glücklicherweise nichts mehr.

Bevor ich mich schlafen lege, vergewissere ich mich noch mehrmals, dass ich gegen vier Uhr morgens problemlos aus dem Hotel komme. Ich habe in den vergangenen Jahren schon schlechte Erfahrungen mit Hotels gemacht, in denen der nächtliche Ausgang offenbar eher als Kletterroute gedacht war. Ich möchte diesmal bitte nicht aus einem Hotelfenster steigen müssen.

Das Fahrrad ist gewaschen, die Kette geölt, der Magen gefüllt, das Wasser aufgefüllt und ein Bett ist da. Jetzt muss ich nur noch schlafen. Für ein paar Stunden fühlt es sich an wie Luxus.

Und dann muss ich weiter Richtung CP1.

Es ist noch nicht ganz dunkel, als ich mich wieder auf den Weg mache oder noch nicht wieder ganz hell?  Susis Fahrrad steht am Morgen noch. Mit ihr hatte ich in der Nacht zuvor das „Stockbett“ auf der Picknickbank geteilt.

Richtung Parcours 1(a) wartet zunächst eine Abfahrt auf mich, dann geht es rund 20 Kilometer durch ein Tal, bevor der Anstieg zum Jotunheimvegen beginnt. Hier habe ich die Wahl: eine längere Asphaltvariante, etwa 30 Kilometer mehr, oder die geschotterte Strecke über das Fjell. Da es trocken ist, entscheide ich mich für die Schottervariante. Sie soll landschaftlich spektakulär sein. Und 30 Kilometer weniger sind natürlich auch ein Argument.

Nach etwa 30 Kilometern stelle ich allerdings fest, dass an meinem Cockpit etwas nicht stimmt. Meine GoPro ist weg!

Wie kann das sein? In der Dämmerung hatte ich sie in der Fahrradgarage des Hotels wohl nicht ordentlich befestigt. Danach gab es einen Gravelabschnitt mit einigen Schlaglöchern, und auch der Asphalt war nicht gerade glatt. Irgendwann muss sich das gute Stück verabschiedet haben.

Ich fahre vier Kilometer zurück. Nichts. Der Verlust des Geräts selbst wäre noch zu verschmerzen. Aber die Aufnahmen seit dem Start sind weg. So schade!

Ich bin ziemlich frustriert. Nun muss ich wieder mit dem Smartphone filmen. Handyvorfall Nummer eins war ja bereits glimpflich ausgegangen. Jetzt also GoProvorfall Nummer eins – und wohl auch der letzte.

Nach etwa 60 Kilometern, inzwischen am frühen Vormittag, bin ich kurz vor dem eigentlichen Schotterabschnitt. Eine erste Pause zum Stärken, dann geht es weiter.

Oben auf dem Fjell mache ich eine Fotopause. Kiki und Andreas, die ich von nun an noch öfter treffen werde, überholen mich. Die beiden gehen das TCR-Abenteuer etwas anders an: wenig Gepäck, dadurch schneller unterwegs – und dafür jede Nacht ein Hotel, beneidenswert!

Ich dagegen bin mit meinem ganzen Hausrat entsprechend schneckenmäßig unterwegs. Dafür habe ich mein Hotelzimmer immer dabei. Zumindest theoretisch.

Nachtrag: Die beiden sammeln mit ihrer Fahrt Spenden für ein tolles Projekt. Cycling for Mutoto. Ein Spendenprojekt habe ich auch mal gemacht bei meinem Northcape4000, diesmal war es mir zu viel Aufwand die Leute wieder „anzubetteln“. Vielleicht hat ja jemand Lust hier mitzumachen. Bei Kiki und Andreas sind die Spenden in besten Händen. 

Ein Foto mit den beiden gelingt noch, einholen kann ich sie allerdings nicht. In den nächsten Stunden habe ich gefühlt unendlich viele kurze Stopps: Sonnencreme auftragen, Ärmlinge aus, Beinlinge aus, kurze Zeit später wieder an. Der Wind bläst frisch über das Fjell. Jacke an, Jacke aus. Wieder an, wieder aus.

Immerhin ist der Untergrund, wie jemand so schön gesagt hat, „Champagner-Schotter“.

Gegen Mittag bin ich nach einer unangenehm löchrigen Abfahrt endlich am Beginn des Parcours 1(a). Hier kommen mir einige TCR-Fahrer entgegen. Zunächst wundere ich mich. Dann wird mir klar: Wer die Asphaltvariante gewählt hat, kommt am anderen Ende des Parcours an und muss anschließend die gesamte Schotterstrecke wieder zurückfahren. Da bin ich mit meiner Entscheidung ja noch ganz zufrieden.

Noch einmal geht es hoch und runter, dann ist Beitostølen erreicht. Und damit endlich der erste richtige Versorgungspunkt seit vielen Kilometern – eigentlich seit fast 20 Stunden für mich.

Herrlich! Der Supermarkt lässt keine Wünsche offen. Ich futtere mich durch das Sortiment und bunkere gleichzeitig Vorräte für den restlichen Tag und den nächsten. Bis zum CP1 in Flåm, so denke ich, wird es nichts mehr geben.

Wie so oft beim TCR sollte ich mich irren. Rund 60 Kilometer später gibt es doch wieder eine Einkaufsmöglichkeit.

Also schleppe ich mein unnötiges Hamstergut weiter durch die Gegend. Besonders Wasser. Ich trage es über die Berge und schütte es wieder aus, sobald ich irgendwo neuen Nachschub bekomme. Ich hamstere, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen.

Vor dem Supermarkt in Beitostølen ist inzwischen Treffpunkt für mehr als ein Dutzend Fahrerinnen und Fahrer. Viel zu lange halte ich mich dort auf. Ich werde interviewt und soll Englisch sprechen.

Was dabei herauskommt, ist vermutlich eine interessante Mischung aus Englisch und Fantasie. Erwähnen muss ich an dieser Stelle, dass mich noch nie ein englischer Muttersprachler korrigiert hat. Nur wenige Kilometer später, bei der nächsten Kaffee-Einkehr in einem schnuckeligen kleinen Laden, der von zwei jungen Frauen geführt wird, meint ein Deutscher, man merke am Satzbau, dass mein Englisch nicht besonders gut sei. Na danke!

Überhaupt ist es beim TCR manchmal lustig: Man fährt eine Weile mit jemandem zusammen und radebrecht sich auf Englisch einen ab – bis irgendwann herauskommt, dass beide Deutsch sprechen. Dann geht es wesentlich leichter.

Weiter. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob meine Streckenwahl an diesem Tag wirklich so genial war. Unzählige Male geht es steil bergauf und wieder steil bergab. Die Straße führt am Vangsmjøse entlang, aber ein unglaublich starker Gegenwind bremst mich. Danach wechselt der Belag ständig zwischen Asphalt und Schotter.

Durch das Tal verläuft die E16. Die dortigen Tunnel dürfen mit dem Fahrrad nicht befahren werden. Also muss ich immer wieder auf die alten Straßen außen herum ausweichen. Auf der E16 selbst ist der Verkehr unangenehm, dazu kommen Steigungen und inzwischen wieder ordentlich Wärme.

In Tyinkrysset entdecke ich – völlig unerwartet – doch noch einen Supermarkt. Also weiter hamstern. Und weiter schleppen.

Zumindest folgen jetzt rund 70 Kilometer bergab. Gemeinsam mit einigen anderen fahre ich hinunter, teilweise auf der E16. Hier ist die Straße angenehm breit und weiter unten wird der Verkehr wieder einmal umgeleitet.

Die Landschaft entschädigt für vieles: gewaltige Schluchten, Wasserfälle, Kulturdenkmäler. In Borgund steht eine verwitterte, fast schwarze Stabkirche. Diese mittelalterlichen Holzkirchen gehören zu den besonderen Bauwerken Norwegens. Ihr Name kommt von den senkrechten Holzstäben, die die Konstruktion tragen. Von den ursprünglich zahlreichen Stabkirchen sind heute nur noch 28 erhalten, die meisten davon in Norwegen.

Weiter Richtung Lærdalsøyri. Es ist inzwischen früher Abend. Und dann sehe ich die Tunneleinfahrt. Ach, wie schön wäre es jetzt, einfach hier hineinzufahrenundabzukürzen zum CP1.

Der Lærdalstunnel ist mit 24,5 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt und führt direkt nach Aurland. Aber natürlich ist er für Radfahrer verboten. Also muss ich über das Fjell. Vom Meeresspiegel hinauf auf rund 1.300 Meter, über die Hochfläche und anschließend wieder hinunter. Am anderen Ende wartet der begehrte CP1. Bis 11 Uhr am nächsten Vormittag muss ich dort sein. Ich beginne wieder mal zu rechnen.

Es ist inzwischen nach 21 Uhr. Laut meiner Planung brauche ich für die noch fehlenden 54 Kilometer und rund 1.400 Höhenmeter etwa fünf Stunden. Fünf Stunden! Was aber, wenn ich länger brauche? Ich habe schließlich eine Menge zu schleppen.

Und über mir hängen inzwischen dicke Wolken. Als ich Lærdalsøyri erreiche, beginnt es zu tröpfeln. Ich stelle mich in einem Bushaltestellenhäuschen unter und überlege. Was tun? Lange schlafen ist keine Option. Und jetzt bei Regen das Zelt aufstellen? Oje.

Ich versuche über Booking in Lærdalsøyri noch eine Unterkunft zu finden. Fehlanzeige. Alles ausgebucht. Ich fahre zu einem Campingplatz mit kleinen Häuschen. Voll. Zum nahe gelegenen Hotel. Auch voll.

Inzwischen hat es zumindest wieder aufgehört zu regnen. Also weiter. Kurz nach dem Abzweig hinauf zur Hochfläche finde ich nach einer Brücke genau das, was ich brauche: eine kleine Wiese, etwas abseits der Straße.

Ideal. Ich stelle rasch mein Zelt auf. Der rauschende Wildbach neben mir wird mich bestimmt gleich in den Schlaf wiegen. Und tatsächlich: Ich schlafe.

Allerdings nur vier Stunden. Dann klingelt der Wecker. Packen. Weiter.

Tag 3 – Über das Fjell nach Flåm

Di. 21.07. – Lærdalsøyri nach CP1
56 km · 1550 Hm · 5:30 h

Obwohl es noch nicht einmal vier Uhr morgens ist, ist es schon oder noch taghell. Sonne ist allerdings vorerst keine zu erwarten. Die dicken Wolken hängen noch immer über den Bergen – und weiter oben werden sie sich offenbar gleich entleeren.

Gedacht und schon beginnt es zu nieseln. Regenzeug an. Da hört es schon wieder auf.
Die schmale Straße schlängelt sich nach oben. Hier bin ich schon einmal gewesen, nach dem Norseman Triathlon. Ich kann es kaum erwarten oben über das Fjell zu düsen.

Oben ist es wunderschön. Und bitterkalt. Und windig. Ich ziehe alles an, was ich habe. Überall stehen Camper. Die haben es fein. Ausschlafen, gemütlich frühstücken. Aber ich habe es mir ja so ausgesucht. Bei der Abfahrt zittert mein Lenker im Takt mit meinen zitternden Armen.

Dann erreiche ich den Aussichtspunkt Stegastein. Und mir wird warm ums Herz. Und plötzlich ist alles Frieren vergessen. Der Blick über den Sognefjord ist schlichtweg unbeschreiblich. Mir kommen die Tränen. Nicht nur wegen der Kälte.
Wie schön wäre es, diesen Moment mit jemandem teilen zu können. Mit jemand Bestimmtem. Für das Sich-Bemitleiden ist aber keine Zeit. Weiter. Die Uhr läuft.

Immerhin habe ich noch etwa vier Stunden bis zum Cut-off am CP1 in Flåm. Von Aurland sind es nur noch wenige Kilometer. Mit einem kleinen Zeitpolster erreiche ich mein erstes großes Ziel.

Bei Sonnenschein fahre ich durch die Menschenmassen des kleinen Ortes. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff liegt vor Anker und hat seinen kompletten Menscheninhalt in das Mini-Dorf ausgespuckt.

Flåm platzt aus allen Nähten. Ich stempel am Checkpoint, erledige eine kurze Körper- und Kleiderpflege und  suche mit Google Maps den Supermarkt. Natürlich finde ich den Supermarkt nicht sofort. Google Maps zeigt mir den Weg – ich nehme offenbar lieber einen anderen. Soviel zu meinen Navigier-Fähigkeiten. Verärgert über meinen Umweg will ich am liebsten gleich auf den Rallarvegen einbiegen. Aber das kann ich mir nicht leisten. Für heute und vermutlich auch bis weit in den nächsten Tag hinein wird es kaum Einkaufsmöglichkeiten geben.

Auch Susi ist inzwischen da. Wir „frühstücken“ einsam aber gemeinsam vor dem Supermarkt. Sie verabschiedet sich, ich werde ihr dann nicht mehr begegnen auf meiner Fahrt durch Europa.

Dann ist es auch Zeit für mich, endlich weiterzufahren. Den argwöhnischen Blicken der geschniegelten Kreuzfahrt-Leuten kann ich sowieso nichts entgegenhalten. Wenn DIE wüssten.

Der nächste Höhepunkt wartet bereits auf mich/ uns:
Der Rallarvegen.
Über 52 Kilometer führt der Pflichtparcours 1(b) auf der Schotterpiste der alten Bahntrasse bis Finse. Von dort geht es noch einmal über 30 Kilometer Schotter bis Haugastøl. Keine Ahnung, wie lange ich dafür brauchen werde.

Ich rechne mit bis zu zehn Stunden. Denn den beliebten Radweg müssen wir in Gegenrichtung zu den touristischen Massen fahren. Und bis Finse bedeutet das rund 1.600 Höhenmeter bergauf. Es ist gerade 10 Uhr am Morgen. Mal sehen, wo ich heute Abend sein werde.

Eigentlich hatte ich geplant, etwas mehr als 100 Kilometer weiter in Geilo ein Quartier zu nehmen. Aber beim TCR weiß man ja inzwischen: Eigentlich ist ein ziemlich dehnbarer Begriff.← →

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