Frau + Karbon = Randonneur(in) - aber nicht nur ...

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Rando EDELWEISS oder wachgeküsst …

Randonnée EDELWEISS von Sport Verona, 420 Km/ 4050 Hm

italiano

In der Nacht fahren ist nicht grad meine Lieblingsbeschäftigung und das vor allem wegen der Sekundenschlaf-Gefahr und weil meine Gedanken durch die mangelnde Ablenkung in Endlosschleife durch die dunkle Nacht vagabundieren.

Und was zudem in der Nacht auf mich zukommen bzw. mich überkommen sollte … gut, dass ich mir das in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen konnte …

Verona Gravel

Mit diesem Bild vom Verona Gravel hatte ich einen Startplatz gewonnen für das Brevet EDELWEISS Reverse über 400km.

Eine Nacht durchfahren oder nicht? Ich entschloss mich kurzerhand (naja, in Wirklichkeit in endlosem Hin und Her *lach*) mit Sack und Pack zu starten, das hieße mit Matte, Schlafsack und Biwacksack. Hermann murrte zunächst, denn bei einer 400er mache das kaum wer, dann aber fügte er sich. Ob zwei bis drei Stunden später ankommen … kräht kein Hahn danach.

Start -schon legendär- beim Bike Braek Faedo nach Lattemacchiato für mich und Brioche.

Dann ging es los. Dem Radweg durchs Etschtal folgend. Eingebaut aber eine Schleife über den wunderschönen Kalterer See.

Erste Kontrollstelle sollte in Brixen sein, die ersten 100 Kilometer kannte ich wie meine Westentasche Meter für Meter. Ich war nun froh nicht die Option Start in Brixen gewählt zu haben, wäre ätzend gewesen, wenn alle andern Schluss haben bei Trient und man selbst noch öde 80 Kilomenter vor sich hätte. In Brixen musste ich kurz zuhause vorbei fahren, da ich unsere Radflaschen am Vortag stehen lassen hatte.

Nun ging es nach Stärkung mit großem Kakao und Kuchen ins Pustertal. Nun stieg der Radweg stetig bergan, im Blick die noch schneebedeckten Pusterer Berge. Eine erste Krise gab es in Olang, da ich mich schon über die Strecke entlang des Stausees gefreut hatte. Aber nix da, Umleitung und man musste äußerst beschwerlich bis zu einige Bauernhöfen hoch oben mit Maximalsteigung von 16% hoch. Dann rasante Abfahrt an Welsberg vorbei. Nächste Kontrollstelle bei Niederdorf, mit Toast und Cola zur Stärkung. Zuvor gab es noch Verwirrung bei einer weiteren Baustelle. Wir irrten herum, bis wir schließlich doch wieder auf der gesperrten Strecke landeten. Ein paar Bauern taten laut ihren Unmut kund.

Jetzt ging es längs des „Langen Weges der Dolomiten“, dem Radweg, der Südtirol mit Belluno verbindet. Zunächst radeln wir auf der Landstraße durch das Höhlensteintal nach Cortina. Wenig Verkehr und mäßige Steigung ließen uns zügig vorankommen. Zwischenstopp machten wir kurz vor dem Dürensee, den Traumblick auf die Drei Zinnen durften wir uns nicht entgehen lassen. Das Bächlein, das hier in in den See fließt, ist die Rienz, die sich in Brixen mit dem Eisack vereint. Weiter geht es nun unter den Wänden des Monte Piana, dem im Ersten Weltkrieg heftig von Österreichern und Italienern umkämpften Berggipfel.

Von Cortina verläuft der Radweg auf der Trasse der ehemaligen dampfgetriebenen Dolomitenbahn, die von 1921 bis 1964 in Betrieb war und während der Olympiade 1956 unzäh. Etwa 40 Kilometer bergab durch das Val Bóite mit beeindruckendem Blick auf die massiven Gebirgswände, vorbei an alten Bahnhöfen und durch Viadukte.

Kurz vor Piéve Energienachschub in der Bar beim Eisstadion in Tai di Cadore (hier war Kontrollstelle bei der Rando 600).

Nun radeln wir entlang der alten Alemagna-Straße vorbei an Longarone, mit seiner tragischen Geschichte des Staudammbruches. In Ponte nelle Alpi füllen wir an der vorletzten Kontrollstelle mit Pasta al pomodoro unsere Energiespeicher. Einige Mitstreiter erzählen, dass die Fahrer vor uns gerade durch eine Gewitterfront fahren, also lassen wir uns etwas Zeit und das war gut so, denn die nassen Straßen zeugen von unlängst abgegangenen Regengüssen, aber zumindest von Oben bleiben wir trocken. Aber in der Ferne drohen die Wolkenbänke in giftigen Farben. Hoffentlich dreht der Wind nicht. Auf Radwegen und sekundären Sträßchen geht es nun vorbei an Belluno, Feltre bis nach Arsíe, von wo wir abfahren in die Valsugana. Es ist nun schon spät und so nutzen wir die erstbeste Gelegenheit, eine Bar am Wegesrand, um unser Nachtlager aufzuschlagen. Hermann macht es sich unter einem Dach gemütlich, mir ist es da zu hell und so verziehe ich mich unter einen Tisch nebenan. Es ist nicht unbedingt warm,

das Thermometer zeigt gerade mal 8° an, ich ziehe also alles an, was ich aus den Tiefen meiner Taschen greifen kann. Endlich in die verschiedenen Schichten von Schlafsack und Biwacksack verkrochen, war die eben noch vorhandene Müdigkeit wie weggeblasen. Irgendwann übermannt er mich doch – der Schlaf. Aber was ist das? Stimmengewirr, Knirschen von Radschuhen auf dem Pflaster. Ein paar Radfahrer, die vergeblich nach dem „Timbro“, dem Kontroll-Stempel suchen. Hat wohl die nachtschlafende Zeit für Halluzinationen gesorgt. „Dai ragazzi! Zitti! Die nächste Kontrolle ist erst in einem Dutzend Kilometern“. Endlich sind die Störenfriede von dannen gezogen, ich befinde mich irgendwann zwischen Wachsein und Schlafen. Was ist das schon wieder? Ein kaum zu vernehmendes Knistern … lässt mich hellwach werden. Ich halte den Atem an. Da! Schon wieder. Irgendwas ist an meinem Biwaksack. Da schon wieder! Kann doch nichts sein … Ich drifte langsam wieder weg. Und jetzt, was ist das? … alarmiert reiße ich die Augen auf. Irgendwas Feuchtes an meiner Wange! Ein Kuss? Wer …? Eine Katze, ein Fuchs, Wolf oder gar ein Bär? Vorsichtig wühle ich meine Hand aus den Tiefen der wärmenden Schichten. Ihhhiiiigittttigitt. Greift sich an wie eine feuchtkalte Hundeschnauze, aber im Schlafentzugswahn begreife ich nicht, dass das der Negativabdruck davon ist. Langsam werden meine Gedanken klarer und ich begreife … eine dicke Nacktschnecke hatte sich ihren Weg über meine Wange gebahnt und mich sozusagen wie Dornröschen wachgeküsst. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken, vor allem auch deshalb, dass die Umgebungsluft immer feuchter und kälter wird. Ich zittere in meinem Schlafsack. Also weiter. Bei der Kontrolle treffen wir Andrea S., einen Langstreckenradler, der wochenlang auf dem Rad verbringen kann und u.a. zur Rando 6+6 Isole mit Rad angereist und anschließend hunderte Kilometer wieder heimgefahren ist.

Hinter uns wird es langsam hell, die Morgenstimmung am Caldonazzo-See ist traumhaft schön.
Aber auch dem letzten Anstieg bei Pergine wird mir nicht warm, bis wir runter nach Trient rollen. Am Radweg überholen wir ein paar Ciclisti, dem müden Anblick auch Mitradler. Diese biegen bei Lavis aber rechts ab, wir hätten eigentlich auch diese Abkürzung nehmen sollen, denn ein paar Kilometer weiter geht gar nichts mehr, nicht mal Schritttempo. Wir stecken im Stau. Ein Hirte mit hunderten von Schafen, ein paar Eseln und Ziegen blockieren die Ciclabile. Geduld ist gefragt. Die letzten Kilometer radeln wir nun den Etschtalradweg zurück zum Ausgangspunkt, wo uns Loretta schon erwartet. Loretta übrigens eine phänomenale Radlerin, die tausende Kilometer zur Unterstützung der „Amici del quinto piano“ radelt. Es gibt ein großes Hallo auch mit Giuseppe Leone, Maria Altimare und Flavio Bertagnolli. Und nicht zu glauben, dass Thomas Günsel, den ich mit meinem Bericht von der Verona Gravel zum Mitmachen motiviert hatte, schon gegen 23 Uhr im Ziel war nach nur 17 Stunden auf dem Bike, wir hingegen brachten über 25 auf den Tacho … Das Frühstück beim Bike Break Faedo mundet und auch den Teller Spaghetti al pomodoro etwas später haben wir und redlich verdient. Ich werde allerdings noch einen ganzen Tag brauchen, bis mir wieder warm wird.

Flucht ans Meer

Covid-Pfingst-Lockerung – nichts wie weg! Ans Meer, ganz spontan.

Gabicce Mare ist unsere Destination, Stützpunkt ist zum wiederholten Male das Bikehotel Marinella. Chef Alessandro ist selbst begeisterter Radfahrer und kann manche Tipps geben. Das Hotel bietet auch täglich schöne Radfahrten durch die schönen Hügel der Emilia-Romagna und Marken an. Wir machen uns an diesen beiden Tagen aber alleine auf den Weg.

Radtour 1 San Leo und San Marino (111km/ 1800Hm) Strava   download

Radtour 2 Auf den Monte Carpegna – den berüchtigte „Cippo“ (138 km/ 2300 Hm)
Strava   download

Anekdötchen von Tag 1
Hinfahrt nach San Marino und San Leo durch das Conca-Tal. Ich hatte mich schon auf verkehrsarme Sträßchen gefreut, aber hier ist es nicht ganz meinem Geschmack. Zudem weht uns eine straffe Brise entgegen. Frau soll nicht mit so hohen Pulsfrequenzen fahren. Gute Ausrede sich in den Windschatten des Göttergatten zu hängen. Langsam habe ich mich an diesen Gedanken gewöhnt. Glaube das zumindest.


Aber wo fährt der gute Mann. Hinter seinem holden Weib. Dann Überholmanöver und Beschleunigung und die Gute steht im Wind und der Gatte ist von dannen geprescht. Ich werde immer langsamer. Soll er doch alleine wohin auch immer fahren. Irgendwann dann steht H. mit fragendem Blick wartend am Straßenrand. Ich vorbei. Er hängt wieder hintendran. Nicht lange dasselbe Spiel. Überholmanöver, Beschleunigung total und weg ist er. Meine Miene wird immer säuerlicher. Soll er doch dahin fahren, wo der Pfeffer wächst. Und überhaupt: Den nicht geringen Pfings-Samstag- Verkehr mag ich auch nicht.

Ich konsultiere das Navi. Aha, hier könnte ich abbiegen und auf Schleichwegen nach San Marino radeln. In Fratte bietet sich eine Gelegenheit. Ich biege rechts ab, folge dem Sträßchen, nach 100 Metern Ende in einer Wohnsiedlung. Aber das Navi hat hier doch eine Verbindung angezeigt. Ich schaue nochmal genauer. Ach so, die Bewohner dieser kleinen Siedlung können sagen: „Ich wohne in der Emilia Romagna, mein Auto parke ich aber in den Marken“. Hahhaaaaa – die Linie, der ich gefolgt bin, ist nämlich die Provinz-Grenze. Kleinlaut fahre ich zurück. Von Hermann weit und breit keine Spur mehr. Doch da vorne wartet er schon wieder. Als ich in Sicht bin, bewegt er sein Rad wieder weiter taleinwärts. Nein, er biegt rechts ab. Mein Navi zeigt eine „Abkürzung“ nach San Marino an. Das ist eine gute Idee – weg vom Autoverkehr! Aus den Augenwinkeln sehe ich Hermann hinter der nächsten Biegung verschwunden. Aber wieso das? Da kommt man nur wieder auf die Hauptstraße. Na warte! Nicht mit mir.

Hier kann ich mein missglücktes Vorhaben von vorher in die Tat umsetzen. Die ruhige Straße ist ganz nach meinem Geschmack, es geht nun zudem bergauf, nichts hasse ich mehr als kilometerlange flache Strecken. Nach den ersten Kehren nagt dann doch langsam das schlechte Gewissen. Gut, eine WhatsApp-Nachricht kann ich ja tippen, sein Handy ist eh immer aus: „I fohr über Sassofeltrio – segma ins spater!“ Weiter schraube ich mich hoch. Auf einer langen Geraden drehe ich mich immer wieder um. Wäre doch ganz schön, wenn mein Rad-Partner mir nachkäme. Was, wenn wir uns nicht mehr treffen? Verloren haben wir uns schon häufig, das sorgt für Erheiterung bei unseren Radlfreunden. Ich gucke mal auf mein Handy.

„Ondre Strecke?“ – Aha, meinen Seitensprung hat er schon entdeckt und kurz vor Sassofeltrio hat er mich dann wieder. Ich werde mal meinen Frust los. Und der Rest der Tour ist gerettet. Wunderschön geht es vorbei an San Marino nach San Leo, das wie ein Adlerhorst auf einem felsigen Hügel thront. Nach einer schönen Strecke durch die Colline geht es über den Passo San Marco und vorbei am malerischen Monte Cerignone hinunter ins Concatal und mit tollem Gegenwind zurück nach Gabicce Mare.

Tag 2: Monte Carpegna – der berüchtigte „Cippo“ (138 km/ 2300 Hm)

Il „Cippo“ di Carpegna. Lang schon auf dem Wunschzettel, aber zugegeben – etwas sorge ich mich über die vor uns liegende Tour. Sie wird lang und hat viele Höhenmeter. Werde wir vor dem Abendessen überhaupt zurück sein?
Wieder geht es ins Conca-Tal. Aber wir entschließen uns dazu nicht den schnellsten Weg nach Carpegna zu nehmen, sondern über einen Hügel durch das Valle Avellana ins Valle del Foglia abzufahren und über Mercatale und Lunano hinauf nach Carpegna zu radeln. Das war eine sehr gute Entscheidung, die Strecke ist wunderschön. Nach dem sanften Aufstieg nach Carpegna wird es dann bitterernst. Es geht auf den Monte Carpegna, einen 1415 m hohen Berg im Naturpark des Montefeltro. Die Auffahrt von Carpegna her ist unter Radsportlern weltbekannt unter dem Namen „Il Cippo della Carpegna“.

Der Hintergrund: Die Strecke war das Lieblingstrainingsrevier von Marco Pantani Il cielo – der Himmel- des „pirata“. Die ersten beiden Kilometer haben es ganz schön in sich: Die Steigung auf dem Navi pendelt zwischen 16 und 20 % an. Dann wird es milder, es geht in zahllosen Serpentinen durch wunderbaren Laubwald nach oben. Auf dem höchsten Punkt kommt ein Brunnen mit klarem Quellwasser zur Erfrischung ganz zurecht, bevor wir uns auf der anderen Bergseite in die Tiefe stürzen. Und von Carpegna dann geht es nun durch das Conca-Tal in Sause-Fahrt zurück ans Meer.

Und ich freue mich schon auf den nächsten Besuch in Gabicce Mare. Dann wird das Gravel-Bike mitkommen. Susi und Wolfgang sei Dank, die uns den Mund wässerig gemacht haben.

Zum Eisessen nach Genua – 400km Rando Carlo Galetti

Brevet Carlo Galetti der Ciclisti Corsichesi resoconto in italiano
390 km/ 2900Hm

Die Fahrt war für uns ein willkommenes Schlupfloch dar, den Covid-19-Reisebeschränkungen zu entfliehen – also auf nach Mailand. Hier der Track auf Strava.

Mein Mini-Video:

Die Randonnée hatten wir schon vor einigen Jahren einmal gemacht, allerdings könnte von Interesse sein, dass wir dieses Mal am Morgen starten, während wir damals kurz vor der Abenddämmerung losgeradelt waren. Um 6 Uhr morgen steigen wir auf unser Bike nach Frühstück im Café Christian im Örtchen Zibido San Giacomo. Der Veranstalter Luciano ist vor Ort und schickt uns auf die Strecke. Auch andere Radfahrer sind schon vor Ort, mit Minimalausrüstung. Mein Bike hingegen ist bepackt, als würde ich heute schon zum Nordkap aufbrechen.

Die Po-Ebene durchqueren wir auf einem schön angelegten Radweg entlang von Kanälen und auf Nebenstraßen. Es geht flach dahin, voraussichtlich für etwa 100 Kilometer. Ich schaue, dass mein Puls nieder bleibt, dass ich zumindest im Flachen den Maximalpuls von 155 nicht überschreite. Aber leicht fällt mir das nicht, immer wieder äuge ich misstrauisch auf meine Garmin. Warum das schlechte Gewissen nagt, ist hier nachzulesen. Nach der ersten Kontrollstelle bei Bereguardo, neu ist die Verwendung der App Icron, mit der die Kontrolldurchgänge via QR-Code belegt werden, tauchen wir ein in den Naturpark des Ticino. Der Fluss wird hier auf einem Ponte delle Barche überquert, auf einer Pontonbrücke. Mit der GoPro in der einen Hand und mit nur einer am Lenker sind die wackeligen Planken eine Herausforderung, lose Bretter, Löcher, ein kantiges Metallband.

 Zwei, drei Schreckensausrufe … sollte für mich schon hier -nach etwa 80 Kilometern – die Fahrt zu Ende sein? „Gabi, du spinnst wohl!“, raunt mir eine Stimme zu und dasselbe lese ich aus den Blicken Hermanns, als ich auf der anderen Seite ankomme – heil … Weiter durch die Felder der Po-Ebene und über ebendiesen Fluss. Bald wird es hügelig und der Anstieg nach Carpeneto, dem zweiten Kontrollpunkt, bringt knackige 12% auf den Tacho. Nach einer rasanten Abfahrt und dann geht es dann entlang des Flusstales des Torrente Erre. Die Steigung ist meist moderat. Italienische Ciclisti nennen das einen falso piano, eine falsche Ebene. Die Gegend wird immer rauer, von saftigem Laubwald gelangen wir durch Buschwald bis zu felsigem Gelände beim Übergang nach Ligurien. Angelangt bei einigen Festungsanlagen, erinnere ich mich, dass wir hier letztes Mal noch im Dunkeln waren. Ich freue mich schon, bei der Abfahrt das erste mal einen Blick auf das Meer zu erhaschen, zu lange waren wir durch Covid-19 verhindert die „Welt“ mit ihren Schönheiten zu sehen.

Als ich in der Ferne ein riesiges Frachschiff erspähen kann, läuft mir ein Prickeln über den Rücken. Und endlich sind wir dann unten. Ach, wie schön ist das tiefe Azur des Meeres. Von fast Einsamkeit der letzten Stunden tauchen wir ein in einen bunten Rummel. An den Stränden ist ganz schön was los. Und auch der Autoverkehr ist äußerst lebhaft. Das liebe ich weniger. Aber die 30 Kilometer bis Genua werde ich wohl überleben. Ablenkung bietet die Schönheit der Küste und die Ausblicke auf kleine Buchten wechselnd mit bevölkerten Stränden und immer das wunderbare Blau.

Unterwegs gönnen wir uns eine kurze Pause. Ich bewache die Räder, Hermann besorgt fabelhafte Focaccia. Hatte ich bei einer der vergangenen Fahrten seine Einkäufe mal bemängelt mit „viel zu viel, wer soll das denn essen?“, so stand ich hier fast hungrig wieder aufs Rad. Selber schuld …  Auch Wasser hatten wir dringend gebraucht. Der Wassereinkauf sorgt für Beinduschen durch Sprühregen in regelmäßigen Abständen – sehr angenehm … Ja, ja, wenn Männer zum Einkaufen geschickt werde … aber wir Frauen dürfen mit Kritik hinterm Berg halten, wir sollten eigentlich froh sein …  bekomme ich durch die Blume mitgeteilt. Kritik nagt am Selbstvertrauen 😊. Klammer auf – ich hätte statt acqua minerale frizzante besser stilles gekauft – Klammer zu.

Bei Genua wird der Verkehr immer dichter, ich bin froh, dass wir nun wieder gegen Norden abbiegen können. Eine Gänsehaut überläuft mich, als vor uns eine hohe schlanke weiße Brücke erscheint: Ponte San-Giorgio, anstelle der 2018 eingestürzten Morandi-Autobahnbrücke. Eine Weile berührt mich die Erinnerung und lenkt mich von den finde ich wenig schönen Industrievororten Genuas ab. Bald ist Pontedecimo erreicht, der dritte Kontrollpunkt, hier laben wir uns mit Eis und frisch gepresstem Orangensaft. Und nun steht die nächste Steigung an: der Passo Giovo. Langsam gurke ich in der nun nachmittäglichen Hitze die Serpentinenstraße aufwärts. Irgendwann schließt Salvatore auf und mit Quatschen ist der Kulminationspunkt bald erreicht. Nun geht es nur noch abwärts, tendenziell, wie ich feststellen muss.

Vor der Dämmerung stärken wir uns nochmal mit Tost. Dann fahren wir in die Nacht hinein. Hatte ich die vergangene Nacht wieder mal grottenschlecht geschlafen, so sorgte ich mich schon auf die anstehenden 100 finalen Kilometer. Ich hatte zwar meinen Biwacksack mit, aber es wird schon recht kühl und es sind ja nur noch so wenige Kilometer. Ich rechne mir das durch, bis halb zwei sollten wir zurück sein. Schlusszeit wäre 27 Stunden insgesamt, also eine mehrstündige Schlafpause wäre schon drin … Nur noch flach dahin fahren und nichts Ablenkendes zu sehen ist hart, besonders, wenn frau schon 15 – 16 Stunden in den Beinen hat. Gegen Mitternacht übereilt mich die Müdigkeit. Kurz vor Pavia, biege ich scharf ein und steuere einen kleinen Park mit Bänken an. Ich sage Hermann, mir würden fast die Augen zufallen, ich bräuchte eine kurze Pause. Obwohl ich alles anziehe, friere ich innerhalb Minuten fürchterlich, verstärkt durch die kalte Steinbank und so geht es weiter durch die Nacht. Mein Blick heftet sich alle paar Minuten auf das Navi. Die Kilometer scheinen sich kaugummiartig in die Länge zu ziehen. Mein Puls überschreitet zum Glück kaum die Grenze zu „moderat“ – dafür ist die Geschwindigkeit gar nicht so schlecht. Ich rechne und rechne und überliste mein Gehirn der Müdigkeit nachzugeben.

Und irgendwann sind nur noch 10 Kilometer übrig. Und jetzt bin ich wieder richtig wach … super – nur noch die paar Meter. Und dann sind wir endlich da. Kein Mensch weit und breit. Schnell den QR-Code gescannt und ab in die Federn. Ich bin stolz es wieder geschafft zu haben, denn 19h fast nonstop auf dem Rad und kein Schlaf ist nicht so meins, aber auf einer so „kurzen“ Randonnée eine Schlafpause machen ist halt auch unüblich. Da kommen mir die 600 km eher entgegen, da dort für mich eine Schlafpause drin sein muss. Aber die nächste 400er wartet schon – die Edelweiß von Sport Verona.

Verrückte Corona-Welt

Geht’s noch? 250€ Strafe (nicht ich), weil mit Rad und Skiern unterwegs zum Ausgangspunkt einer Skitour. Begründung? In den Covid-Bestimmungen ist die „attivitá sportiva“ (Einzahl) erlaubt, also Rad ODER Skier … und nicht „attivitá sportive“ (Plural) Rad UND Skier … Wir verrückt ist denn diese (Corona)- Welt???

Ich habe mich also heute daran gehalten und bin mit dem Auto innerhalb der Gemeinde zum Ausgangspunkt des Skiaufstieges gefahren. Ehrlich gesagt war ich heute auch heilfroh, dass mir die Entscheidung abgenommen wurde nach den vergangenen beiden radkilometerintensiven Tagen:

  • Kalterer-See-Runde (125km) strava
  • Brixen-Terlan, Mölten, Hafling und von Meran wieder zurück nachhause (169km/2100Hm). strava

Mondo pazzo: 250€ di multa (non io), perché con bici e sci in strada per una gita scialpinistica. Motivo? Nel regolamento Covid è permessa l’attivitá sportiva (singolare), quindi bici O sci … e non attivitá sportive (plurale) bici E sci … Quanto è pazzo questo mondo Corona????

Così mi sono attenuto oggi e sono andato in automobile al punto di partenza della salita sci. Onestamente, ero contenta che la decisione è stata presa da me dopo gli ultimi due giorni di gran chilometraggio in bici:

  • Giro del Lago di Caldaro (da Bressanone)
  • Bressanone-Terlano-Moltena-Avelengo-Merano e a casa (169km/ 2100m disl.)

NC4K – für den AEB mit dem Rad zum Nordkap

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NC4K, das sind 4000 Kilometer mit dem Rennrad von Rovereto bis ans Nordkap. Sofern Corona will, darf ich diese Strecke dieses Jahr in Echt pedalieren. Die Fahrt möchte ich wieder für einen guten Zweck zurücklegen, habe ich letztes Jahr mit der virtuellen Nordkap-Fahrt doch gut 9000€ sammeln können, die direkt über „Südtirol hilft“, an Familien in Not, gingen.
Was hat aber die NC4K mit dem heutigen Tag zu tun? Frühlingsbeginn? Auch, aber das meine ich nicht, denn heute, am 21. März ist auch ist auch der internationale Welt-Down-Syndrome-Tag, Ehrentag für die Menschen mit Trisomie 21. Und 2021 möchte ich für den AEB, für den Arbeitskreis Eltern Behinderter, Spendengelder sammeln,

Seit Beginn der Covid-19-Krise vor genau einem Jahr wird der Großteil der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen zu Hause rund um die Uhr von den Angehörigen betreut. Eine extreme Belastungsprobe. Sie brauchen dringend Entlastung. 

Mein Plan wurde eigentlich schon vor Corona, nämlich hier, geboren. In gewissem Sinne ist also Jochi schuld …

Wie?
Sobald ich Genaueres weiß, werde ich hier aktuelle Informationen posten.

Nur soviel in Kürze: Wer mag, kann 1 Cent/ km spenden, wären insgesamt 40 Euro, der direkt an das Konto des AEB geht. Die Spender bekommen natürlich einen Spendenbeleg.
Mehr ist natürlich immer möglich … wie wäre es mit 2C/km usw.?

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Eine lange Reise: 4000 km längs durch Europa

Aufgehoben ist nicht aufgeschoben.
Start 2021 – hoffentlich geht es nun wirklich los!
Mit 1 Cent/ km kann jeder helfen den AEB zu unterstützen … siehe unten!

2020 wegen Covid-19 gestrichen, habe ich die Strecke für einen guten Zweck auf dem Ergobike abgestrampelt. Der Erlös, 9000€, kam Südtiroler Familien über SÜDTIROL HILFT zugute. Danke nocheinmal an alle Spender!

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Radeln mit dem megafitten Jochi

2021 – ich hoffe sehr, dass das Virus die echte Fahrt zulässt – möchte ich wieder einem Zweck widmen. Gedacht habe ich diesmal Cent/km für den AEB, dem Arbeitskreis Eltern Behinderter, zu sammeln. Das war vor zwei Jahren eigentlich meine ursprüngliche Idee gewesen beim Radeln mit Jochi.

Ich würde mich sehr freuen, wenn es wieder Unterstützer für die gute Sache gibt. Nähere Informationen im Frühjahr 2021.

Ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr
wünscht Gabi

solo-overnighter Mailand-Brixen

Uboldo (Mailand) -Comer See – Valtellina – Passo Aprica – Edolo – Tonalepass – Val di Sole – Mendelpass – Brixen

Gratis Shuttle nach Mailand? DIE Gelegenheit darf frau sich nicht entgehen lassen. Und hatte Hermann vor kurzem mal von seiner „durchgeknallten“ Ehefrau gesprochen, so muss ich doch wieder mal was zur Aufrechterhaltung meines Images tun …

Plan: mit dem Rad heim fahren … es sollte ein Overnighter werden, also darf der Biwaksack mit …

Tourenlänge: 355 km/ 4800 Hm
Ausgangspunkt:  Uboldo bei Mailand
Wegbeschaffenheit: Radwege, sekundäre Sträßchen, kaum Hauptstraßen
Zeit: reine Fahrzeit ca. 17 Stunde

Beschreibung:

  • Uboldo – Como:

Ich starte gegen 9 Uhr in Uboldo nahe Mailand. Verkehrsarm geht es auf Nebensträßchen 30 Kilometer bis kurz vor Como. Ich halte den Atem an, als ich um eine Kurve fahre und tief unter mir Como und den See erblicke. Ein hübsches Serpentinensträßchen bringt mich nach unten.

  • West-Ufer Comer Sees:

Der erste Teil bis etwa Menaggio ist sehr schön, es geht durch Dörfchen nah am Ufer entlang und es fahren relativ wenige Autos. Dann aber zeichnet sich die Fahrt bei mir am späten Vormittag durch einen Stop & Go aus. Vor allem bei den Dorfeinfahrten staut es sich und auch als Radfahrer kann man sich nicht immer vorbeischlängeln, sondern steht ebenso in der Hitze, ohne Klimaanlage …  

  • Sentiero Valtellina.

Durch den Veltliner Talboden führt ein schön angelegter Radweg, oft in unmittelbarer Nähe des Flusses Adda. Am Ende des Comer Sees fahre ich zunächst durch Dörfchen, bis ich auf den Radweg treffe. Auf diesem geht es für mich bis nach  Morbegno, das wir schon als Dorf am Fuße des San Marco Passes kennen (Superrandonneé Lombardia Extreme).

Ich folge allerdings bis Sondrio unseren Spuren bei der Superrandonneé verkehrsarm auf Nebenstraßen durch das Tal, da ich etwas schneller weiter kommen wollte als auf dem Radweg. Nach Sondrio bleibe ich aber auf dem Radweg.

  • Passo Aprica

Bei San Giacomo verlasse ich den Radweg, es geht nun das erste Mal ernsthaft für 18 km aufwärts. Dieser Aufstieg auf den Passo Aprica ist empfehlenswert, da nahezu ohne Autoverkehr und schattig.

Erst die letzten Kilometer verlaufen auf der Straße, die von Tresenda nach oben führt und diese ist stark befahren. In der Kurve vor der Passhöhe mache ich eine Eis-Cola-Rast in einer kleinen Bar mit Terrasse.

  • Aprica – Edolo

Auf diese Abfahrt hatte ich mich eigentlich gefreut, mache hier leider meinen einzigen Fehler auf der Fahrt und bin rechts abgezweigt und über die Dörfer Corteno Golgi und Santicolo. Die Straße bringt einige Höhenmeter und die steile Abfahrt nach Edolo auf schlechtem Straßenbelag ist nicht so erhebend.

  • Radweg Edolo -Ponte di Legno

Es gibt einen schönen Radweg von Edolo, etwa 20 Kilometer lang, der mich in Auf und Ab und einigen steileren „Stichen“ bis Ponte di Legno bringt. In Edolo habe ich einige Schwierigkeiten, den Anfang des Radweges zu finden und lege einem Schild folgend eine kleine Strecke sehr steil und gepflastert zu Fuß zurück.

  • Passo Tonale

Von Ponte di Legno gelangt man relativ schnell auf den Tonalepass. Es sind etwa 10km mit knapp 600 Höhenmetern auf der Pass-Straße zu überwinden. Hatte ich vor noch abzufahren ins Val di Sole und mir dort einen Schlafplatz irgendwo am Radweg zu suchen, so lässt mich das Wetter ganz spontan umdisponieren.

Dichter Nebel am Pass und ungemütliche Temperaturen machen mir die Entscheidung leicht und ich checke auf der Passhöhe in ein Hotel ein, die vernünftige Variante.  Hotel. Und wenn, dann auch gleich mit Frühstück. Warum sollte ich um 4 Uhr aufstehen und weiterfahren? Wartet doch niemand auf mich außer die Hausarbeit …

  • Radweg durch das Val di Sole

Nach der Abfahrt vom Tonalepass nach Ossanna geht es 25 Kilometer talauswärts, vorbei an Dimaro, Malé und vielen anderen Dörfchen. Der Radweg ist sehr schön angelegt, entlang des Flusses Noce. Beliebt ist der Fluss für seine rasanten Raftingfahrten. Viele Radfahrer kamen mir entgegen, man muss etwas aufpassen, da die „Sonntagsradler“ auf ihren oft gemieteten Rädern manchmal für ihre Schlangenlinienfahrt die gesamte Radwegbreite benötigen. Es geht fast immer leicht abwärts. Unterwegs lerne ich Fabio kennen und wir fachsimpeln etwas über schöne Radtouren, er ist mit seinem Gravelbike unterweg zum Monte Pello bei Cles. Ich muss links abbiegen und die kurzweilige Fahrt ist leider zuende.

  • Lago di Santa Giustina – Fondo – Mendelpass

Etwas mühsam bei der Hitze, aber der Blick auf den gut gefüllten Lago di Santa Giustina lenkt ab und auch die Fahrt durch die Dörfchen mit den interessanten Namen Cloz und Brez. Einige Kilometer vor Fondo wird es steiler, hier beginnt der 15 km lange Aufstieg auf den Mendelpass. Ab Malosco knapp oberhalb von Fondo ist es dann nur noch easy auf die Passhöhe hinauf. Nichtsdestotrotz glaube ich mir wieder eine Rast verdient zu haben und im Hotel Waldheim an der Strecke genehmige ich mir wieder mal eine Cola und einen leckeren Blaubeerkuchen.

  • Mendelpass-Bozen-Eisacktal-Radweg

Traumblicke habe ich von der Mendelpass-Straße Richtung Überetsch. Ab Eppan bin ich wieder auf einem Radweg und flitze auf der alten Bahntrasse hinunter nach Bozen. Auf dem Radweg durch das Eisacktal geht es weiter nach Hause, nicht ohne Einkehr auf einen Johannisbeere-Saft bei der Radstation Bios bei Atzwang.

Three Peaks Bike Race 2020- Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt

„Plopp …!“, 3:18 Uhr am Morgen – ich sitze in Sekundenschnelle kerzengerade in meinem Daunenbett auf der Luftmatratze. Was gibt es hier im französischen Bergwald wohl für wilde Tiere? Bären? Wölfe? Wildschweine? Was war das gerade, was auf meinen Biwaksack geploppt ist?

Und so kam ich in diese Situation …

Aber zuerst mein Video …

2019 sind die Mühen des TPBR von Wien nach Barcelona schnell vergessen, Hermann und ich sind uns einig, wir machen wieder als Team bei der TPBR 2020 mit, diesmal mit Ziel Nizza – ich wollte ja schon lange ein Foto von „#ILoveNICE“.

Kontrollpunkte des TPBR2020:
CP1 Großglockner, CP2 Col Sanetsch und CP3 der Mont Ventoux.
Dazwischen gab es für uns jede Menge weiterer Berge, um an das ersehnte Ziel Nizza zu gelangen. Das Durchfahren der Po-Ebene –da waren Hermann und ich einig- kam für uns nicht in Frage, und wir entschieden uns so für landschaftliche Schönheit versus weniger Höhenmeter.

Tag 1 (450km/ 5850Hm – CP1 Großglockner)
Start am Schloss Schönbrunn. Plan ist, vielleicht die Nacht durchzuradeln, aber da wir dieses Mal mit dem vollen Biwakprogramm im Gepäck radeln, lulle ich mich mit dem Gedanken ein, unterwegs doch jederzeit mal einen Powernapp einlegen zu können, wenn der Sekundenschlaf droht.
Hügelig geht die Fahrt rasch vonstatten durch das Wiener Vorland und weiter bis Amstetten. Nun fahren wir es nach einem leckeren Abendessen in einem Dörfchen in die Dämmerung hinein. Es wird bergig und nicht nur das mit der Dunkelheit zieht feuchte kalte Luft auf. Biwak? Nicht auszudenken wie ungemütlich das wäre, bei den Nebeln, die aus der Enns heraufwabbern. Mit der Nacht kommen die Zweifel. Kälte … ich habe nicht mal genug zum Anziehen mit im Falle eines Stillstandes. Wie viele Kilometer liegen noch vor uns … Ich bin müde … die fiesen Gedanken lassen mich nicht mehr los. Unsere Fahrt führt in den nächsten Tagen nahe der Heimat vorbei … da könnte ich doch … ja, da werde ich wohl …
Liezen, Schladming und langsam wird es Tag. Wir finden am heutigen Sonntagmorgen eine Bäckerei. Die fiesen Gedanken verfliegen. Zeit für Frühstück. Wir lassen uns häuslich nieder. So schnell bringt mich hier niemand weg. Ich wähle das japanisch anmutende „Hiata-Frühstück“. Was? Ahhhaaahhaaa – nicht japanisch? Es ist ein deftiges Hüter-Frühstück, mein Hirn ist wohl nach „durchzechter“ Nacht noch umnebelt.


Inmitten der Leckereien werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Die Nackenhaare stellen sich mir leicht auf: bleierne schwere Wolken Richtung Südwesten. Da müssen wir hin … Dort steht er – der Großglockner, Kontrollpunkt 1. So früh am Morgen womöglich schon Regen oder noch schlimmer Gewitter? Auf einen Schlag schmeckt mir das Frühstück nicht mehr. Schnell beenden wir den Festschmaus. Weiter!
Am Fuße der Großglocknerstraße beginnt es auch schon zu regnen. Regenhose an und weiter. An eine schnelle Fahrt ist hier nicht zu denken. Ständig Steigungen über 11% lässt den Beinen nie auch mal die geringste Chance sich etwas auszuruhen. Meine Regenhose engt ein und genau so wird der Grundstein für die Qualen der nächsten Tage gelegt: zwei große schmerzende blaue Flecken unter den Gesäßknochen. Der Regen lässt nach, ich entledige mich des Regengewandes, aber zu spät – spüre ich.

Den Berg meistern wir, ich schaue immer wieder panisch nach oben, denn Gewitter wo auch immer, aber besonders in den Bergen fürchte ich wie nichts sonst. Michael, der Veranstalter, hatte sich was fieses ausgedacht: Die letzten drei Kilometer auf grobem Kopfsteinpflaster, unmöglich steil. Zumindest kommt die Sonne raus. Gerettet. Der Zucchini-Karotten-Kuchen und ein Lattemacchiato wecken meine Geister wieder. Am Himmel über uns ziehen wieder dicke bleierne Wolken auf. Was bemitleide ich die vielen TPB-Racer, die den Berg vom Süden her in Angriff nehmen und uns nun auf unserer Talfahrt entgegen kommen.


Aber es dauert nicht lang, der Regen holt uns ein, als wir den Talgrund erreichen. An einer Holzbrücke blickt uns ein blonder Schopf entgegen: „Seid ihr da grad über die Straße runter gekommen?“ „Ja, wieso?“ Was mischt sich denn der da ein? „Na, dann schaut euch doch mal das GPX der Pflichtstrecke an!“ Hatte ich ja mit meinem Track verglichen, wohl aber die letzten beiden Kilometer im Tale wohl nicht, die auf dem Radweg verliefen. Was tun? Schnell dem Michael unser Versehen geschrieben und dann bleibt uns nichts anderes übrig als wieder taleinwärts zu fahren, um der Disqualifikation zu entgehen. So müssen wir wohl dem Gerald M. dankbar sein, dass er uns hingewiesen hat. Daaaaanke!!!!
Auf der nächsten Steigung treffen wir das erste Mal auf Jost, unsere Wege werden sich bis kurz vor Nizza immer wieder kreuzen. „Bist du die Gabi?“ Er stellt sich als Freund von Torsten vor. Ja, den kennen wir, der ist nur ein Stück hinter uns. Nein, nicht den Torsten Frank meinte er, sondern Torsten B., ach ja, die Welt ist klein …
Hatten wir vor von Lienz aus noch weiter Richtung italienischer Grenze zu fahren, hatten sich diese Pläne nun zerschlagen. Nass und ausgekühlt würden wir unterwegs kaum ein trockenes Biwakplätzchen finden. Was tun? Mir fällt ein Gasthaus ein, das auf unserem Weg liegt, der Braugasthof Falkenstein. Wir könnten dort um ein Zimmer fragen und dafür früh morgens starten, das Wetter sollte dann auch besser sein. Dusche im Zimmer „Fass“ (Waschbecken ein Bierfass und die Armaturen der Zapfhahn, witzig!!), ein gutes Abendessen und eine angenehme Nachtruhe, fit und guten Mutes geht es frühmorgens, sprich halb vier, los.


Tag 2 (290km/ 3300Hm)
Guten Mutes? Nicht lange und es beginnt zu regnen, nanu? War das vorausgesagt? Zudem komme ich gefühlt nur sehr langsam weiter, obwohl es fast eben ist. (Eben? Keineswegs, erst im Nachhinein sah ich die vielen Steigungsmeter bis zur Grenze). Mit dem Regen kommen die fiesen Gedanken. Regen? Wenn das so weiter geht, hat das ganze Rennen keinen Sinn. Ausgekühlt und nass … nein, dann werde ich die Fahnen wohl streichen, spätestens in wenigen Stunden, in Brixen. Zudem donnern immer wieder Schwertransporter an uns vorbei und der Fahrtwind wirft mich fast um. Sein Leben auf’s Spiel setzen? Wegen eines Radrennens? Das hatten wir doch im vergangenen Jahr auch schon mal (TPBR2019 – im Gewitter auf dem Arcalis). Und den Hauptgrund hatte ich noch gar nicht genannt: Meine vier Buchstaben, sprich Sitzknochen, tun seit dem Vortag bei jeder Pedalumdrehung höllisch weh.
An der Grenze hört der Regen auf, es dämmert langsam, über dem Haunold geht die Sonne auf und die fiesen Gedanken verschwinden spätestens beim Lattemacchiato und Gipfele bei der Tankstelle in Toblach, das Frühstück dort ist legendär, die vielen Einkehrer zu so früher Stunde zeugen davon.
Brixen erreichen wir auf uns bekannten Radwegen. Meine Gedanken fliegen im Karussell. Dableiben, vorbeifahren, dableiben? Das Traumwetter überzeugt mich schließlich: vorbeifahren und auf unseren Heimstrecken durch Bozen, Meran, das Vinschgau bis nach Glurns zu rollen. Hier biegen wir in der nachmittäglichen Hitze ab und mühen uns über die Schweizer Grenze. In Santa Maria gibt es Abendessen „Ghackets mit Hörnli und Apfelmus“, sprich Nudeln mit Fleischsauce und Apfelmus, seltsame Kombination, aber ich brauche viele leicht verdauliche Kalorien. Weiter in den Abend hinein. Der Ofenpass muss noch überwunden werden, dann geht es runter nach Zernez. Dort soll unser Biwak aufgeschlagen werden. Wir wollen doch die ganzen Utensilien nicht umsonst von Wien nach Nizza schleppen. Ausgedacht war 1x Hotel, 2x Biwak, usw.
In Zernez hat es an die 8 Grad. Ich schlottere von der Abfahrt. Wo schlafen? Wir treffen auf Jost. Der will noch über den Albula Pass und in wärmere Gefielde abfahren. Ich will nicht weiter. Aber: Alle Hotels sind belegt. Unser letzter Versuch, auch hier ausgebucht, aber … es gibt eine Art Hüttenlager. Gerne, denn einen Schlafsack haben wir ja mit.

Tag 3 (210km/ 4100Hm)
Gegen vier sind wir wieder auf dem Rad. Es ist empfindlich kalt. Und jetzt finden sich … ich brauche nicht lange warten … auch die fiesen Gedanken wieder ein. Warum denn das? Kein Regen, das ist schon mal was. Aber bei jeder Bewegung tut der Sitzbereich sowas von weh. Ein großes Hämatom ist schuld daran. Setze ich mich auf’s Rad geht es los. Es schmerzt höllisch. Missachte ich die Schmerzen, dann hört es mit der Zeit etwas auf … Aber setze ich mich nach einigen Metern im Wiegetritt, sind die Schmerzen wieder da. Wie ich das wohl aushalte bis ins Ziel und vor allem, wenn es noch schlimmer werden sollte? Die Gedanken fahren wieder Karussell. Ich muss mir vor Augen führen, dass mit einem Frühstückskaffee die Gedanken immer wieder besänftigt wurden. So auch heute, nach Erreichen der Albula-Passhöhe und der spektakulären Abfahrt finden wir in Bergün eine kleine Bäckerei. Als wir unsere Lebensgeister aufwärmen, kommt ein unterkühlter Jost bei der Tür herein. In seinem Biwak war es anscheinend nicht grad sommerlich warm.


Nun steht noch Oberalp-Pass und Furka auf dem Programm. Dazwischen aber noch fast 100 Kilometer Auf und Ab entlang des Vorderrheins, anfangs bis Illanz mit spektakulären Tiefblicken auf den Fluss. Es wird langsam warm. Endlich mal. Aber bald Richtung Disentis wird es unerträglich heiß. Am Fuß der Pass-Straße, kurz vor Sedrun, auf einmal ein Platzregen. Schnell retten wir uns in ein Café und da ist der Spuk schon vorbei, die dicke schwarze Wolke verzieht sich grollend Richtung Osten. Gerettet. Wir hatten aber auch Glück. Die hinter uns wird es wohl voll treffen. Nun aber flott weiter. Auf nicht mal halber Höhe Richtung Pass wird es schon wieder zappenduster am Himmel. Wie schnell das hier heute geht. Erst noch Sonnenschein, dann schüttet es wie aus Kübel. Kein Unterschlupf weit und breit. Da! Der erste Donner. Hektisch trete ich in die Pedale.

Wohin soll ich nur jetzt. Gewitter in den Bergen, meine größte Angst. Ein paar Hundert Meter vor mir ein Baustellen-Container. Ich rette mich dorthin. Ich versuche mich vor dem stürmischen Wind zu schützen und so vor der ärgsten Flut. Keine Chance. Hermann hinter mir ruft, ich solle zu ihm kommen. Ich drehe mich um und trotz Ernst der Lage muss ich schmunzeln: Er winkt aus dem weiß-blauen Dixi Kloo. Zu zweit drängen wir uns in das enge Kabüffchen. Es riecht nicht besonders gut, schützt aber vor dem Regenguss und hier drin ist es auch gemütlich warm. Wie das Gehäuse sich verhalten würde, wenn ein Blitz einschlägt, wage ich nicht zu denken. Was hatten wir aber für ein Glück, nach einer halben Stunde Gefängnis scheint wieder die Sonne und wir setzen unseren Weg die letzten Serpentinen auf den Pass fort. Wir treffen wieder auf Jost und fahren gemeinsam nach Andermatt ab.

Über dem Ort ziehe sich schon wieder die Gewitterwolken zusammen und kaum sitzen wir in der Bar im Trockenen, geht der Spuk schon wieder los. Das Regenradar kündigt es an, die nächsten Stunden kommen immer wieder Gewitterfronten von Westen nach. In einer Regenpause starten wir Richtung Furka-Pass. Meine Angst macht mir Beine. Das nächste Gewitter fängt uns auf halber Höhe zum Pass ab. Zu unserem Glück können wir nahe einer Hütte mit Ställen Unterschlupf finden. Gemeinsam mit uns ist Gund und nach wenigen Minuten gesellt sich Jost zu uns, der wieder abgefahren war, als ein Blitz knapp neben ihm einschlug. Richtung Andermatt ein riesiger Regenbogen. Dorthin hatten sich die Gewitterwolken verzogen und wir konnten bei abendlichen Sonnenstrahlen unseren Weg fortsetzen. Was hatten wir wieder für ein Glück. Die Abfahrt vom Furka mit spektakulärem Blick auf Hotel Belvedere, auf die Gletscherschliffe des Rhone-Gletschers (nanu, vor etwa 10 Jahren war hier doch noch Eis und man konnte die berühmte Eisgrotte begehen …) und auf den gegenüber liegenden Grimselpass (Furka und Grimsel durfte ich beim Extreme Triathlon Swissman schon mal fahren). In Gletsch müssen wir zum Glück nicht hoch, sondern fahren nach Süden ab, der jungen Rhone entlang, die sich hier durch die Felsen quetscht. In der Dämmerung ist es mit den nassen Schuhen und Klamotten wieder mal fröstelig kalt. Biwak? Heute wohl schon wieder nicht. Mit Jost teilen wir uns nach einem guten Abendessen ein Familienzimmer. Unsere Sachen können wir an den Skischuh-Trockner hängen. Frühmorgens müssen wir leider wieder aus den Federn. Wir verlassen den Skikeller. Nach einigen Hundert Metern merkt Hermann, dass ihm etwas fehlt: der Helm!!! Zurück zum Hotel. Zu unserem großen Glück: Jost ist noch im Haus und kann ihm die Kellertüre von innen öffnen. Nicht auszudenken, wenn er mit uns das Hotel verlassen hätte. Wir hätten wohl vor der Tür vier Stunden warten müssen …

Tag 4 (230 km/ 3900Hm – CP2 Col Sanetsch)
Weniger Glück … meine Sitzfläche schmerzt beim Wegfahren fürchterlich. Und durch das Entlasten durch eine andere Sitzhaltung gesellt sich nun schmerzmäßig auch mein rechtes Knie dazu. Ob das wohl gut geht, denn wir hatten ja nicht mal die Hälfte der Strecke hinter uns. Die fiesen Gedanken kehren zurück … nicht nur wegen meiner Schmerzen, sondern auch wegen des nun einsetzenden Nieselregens. Nicht mal die Gedanken an den Latte Macchiato und das Brioche mit Schokoladenfüllung, die erfahrungsgemäß stimmungsaufhellend wirkten, helfen mir im Moment, zu sehr beschäftigen mich meine Schmerzen. Ich überlege, wie es wohl sein würde mit den Verkehrsanbindungen. Sollte Hermann doch alleine weiter fahren, ich käme mit dem Zug nach Nizza nach und alles Leiden hätte ein Ende. Das Wetter spielte ja auch nicht mit und besser als noch vier Tage mit Höllenschmerzen im Regen rumzufahren …
Ich vergesse die fiesen Gedanken als vor mir ein rundes weißes Schild mit rotem Rand auftaucht und in der Mitte ein Radfahrer. „Hermann, Halt!!!!! Hier dürfen wir nicht …!!!!“ Das würde doch glatt zur Disqualifikation führen … Hermann hört mich nicht. Panisch lege ich einen Zahn zu. Auf Augenhöhe mit dem Schild verwandelt es sich: In der Mitte eine große 50 … Welch ein Glück, kein Radfahrverbot, sondern eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Hatte mein umnebeltes Gehirn mir doch einen Streich gespielt und 5 und 0 waren zwei Räder … Warum sehe ich Dinge, die es gar nicht gibt? Vermutlich beschäftigt mich wahrscheinlich ein Satz Michaels vor Start, er kenne kein Pardon bei Fahrten durch Tunnels mit Radfahrverbot, dabei schaut er uns vielsagend an (siehe TPBR2019) und bei Autobahnen schon gar nicht. Nicht zuletzt deshalb hatten wir peinlichst genau unsere geplante Strecke auf solche Eventualitäten untersucht. Große Teile waren wir schon via Google Street View virtuell abgefahren.
Nicht lange später wieder mit Erschrecken das Verbot für Velos, diesmal entpuppte es sich allerdings als eine Sechzig.  So geht es noch eine Weile weiter, was mich aber von den Schmerzen etwas ablenkt.
Eine Tankstelle liefert dann bei Dämmerung das Stimmungsaufhellungsgetränk und die Welt sieht (wie erwartet) ganz anders aus. Nicht mehr weit ist es bis Sion und dort beginnt der nächste ernste Aufstieg nämlich zur zweiten Kontrollstelle, dem Col Sanetsch. Aber noch muss ich mit dem Tadel Hermanns leben, der sich mokiert, dass er einen Umweg von fünf Kilometern machen muss. Er wäre ganz anders gefahren, der Aufstieg weiter östlich und Abfahrt auf meiner Strecke. Es sollte sich allerdings herausstellen, dass meine Entscheidung die einzige goldrichtige war …

Kurz vor Abzweigung passieren wir das Café Relais du Simplon. Die gemütlichen Sitzgelegenheiten im Garten vor dem Haus winken uns einladend zu einem zweiten Frühstück heran. Die nette Chefin mit ihrer Enkelin bewirtet uns sehr freundlich. Unser Wunsch nach Joghurt mit Früchten und Müsli wird erfüllt. Mir kommt eine blendende Idee. Nach unserem Gipfel kommen wir genau hier wieder vorbei, könnten wir da nicht … hmmhmmm … Ich gebe meine Frage an die Wirtin weiter. Ja, klar dürfen unsere Biwaksachen hier lassen. Sie zeigt uns, wie wir vom Garten hinter dem Haus an unser Zeug kämen.
Wie leicht fällt nun der Aufstieg Richtung Sanetsch, obwohl jetzt am frühen Vormittag die Sonne schon fest sticht. 30 Kilometer bis zum Kontrollpunkt müssen wir hoch. Unterwegs treffen wir auf Jost und Andrea. Die beiden ächzen, ihr Aufstieg steilte sich bisweilen bis zu 15% auf. Triumphierend blicke ich zu Hermann.

Das und sein leichtes Rad hat er nur mir zu verdanken. Ich hatte mich auf einen langen Aufstieg eingestellt und dieser fällt mir wider Erwarten gar nicht mal so schwer. Das ist wieder mal ein Beweis, dass vieles im Kopf abläuft. Manch kleinerer Mugel bereitet mental mehr Probleme, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Das Wetter zudem traumhaft. Und wenn ich nicht zu oft die Sitzhaltung ändere, scheinen Knie und Hinterteil auch weniger zu schmerzen.

Die Höhe ist mit vielen Fotopausen erreicht, nun eine kleine Abfahrt (bäh, das wird ein Gegenanstieg) und um den Sanetschsee herum bis zum Bergrestaurant an der Staumauer. Hier erwarten uns schon die beiden Fotografen von Adventurebikeracing. Großes Hallo, als von der anderen Seite Brian L. eintrifft. Von Gsteig führt ein hochalpiner Wanderweg herauf, was bedeutet, dass sein beladenes Rad hochgetragen werden musste. Unsere Hochachtung!! In gemütlicher Runde fülle ich mit kräutergarniertem Hummus meine Proteinreserven wieder auf. Leider müssen wir aber weiter. Wir haben noch einiges vor. Die Bremsen werden bei 30 km Abfahrt ganz schön heiß. Am Fuße des Berges wollen wir unser Gepäck noch aufsammeln, aber das Relais du Simplon ist geschlossen. Mittagspause? Wir erinnern uns an das, was die Wirtin uns gezeigt hatte und finden wirklich die offene Türe vor. Etwas Katzenwäsche im Privat-WC erlauben wir uns auch noch und die Trinkflaschen müssen auch noch aufgefüllt werden. Dann machen wir uns wieder auf den Weg. Wir danken den Chefleuten des du Simplon vielmals für das Vertrauen.
Auf den nächsten, nämlich flachen Wegabschnitt bis Martigny habe ich mich eigentlich gefreut. Aber strammer Gegenwind macht unseren Weg durch die zahllosen Obstplantagen schwer. Nach einem Supermarkt-Stop folgt der vorletzte Passaufstieg heute: der Col de Forclaz. Unterwegs fragt uns Elias mit Cap 20, wie das so ist, in Natura und beim Race als Paar. Ich will grad antworten, da übernimmt mein Göttergatte: Naja, Probleme verdoppeln sich halt … Na warte, wenn ich den mal mit dem Kochlöffel erwische … Probleme? Wo sieht er da denn Probleme??? Aber es stimmt schon: Jeder von uns beiden wäre alleine wahrscheinlich flotter unterwegs. Bleibt der eine mal stehen, muss der andere warten und umgekehrt.
Oben auf der Passhöhe treffen wir wieder auf die Fotografen. Großes Hallo und Fotoshooting.

In der Dämmerung müssen wir weiter, um über die Grenze zu Frankreich und den Col Montet nach Chamonix zu gelangen. Die Gegend hier „kenne“ ich schon, bzw. sehe ich das erste Mal bei Tag, nachdem ich schon mehrmals beim Berglauf UTMB und CCC hier nachts per pedes vorbeikam. In einem Park bei Chamonix schlagen wir nun unser erstes Biwak auf. Also, auch, wenn das vielleicht das einzige Lager im Freien bleiben wird, ganz umsonst schleppen wir Matte, Biwaksack und Schlafsack nun doch nicht mit, welch ein Glück. Bei Stirnlampenlicht und mit blankem Po – meine strapazierte Haut muss mal an die Luft – erledige ich Auf- und Abbau meines „Bettes“. Hier sieht mich ja eh niemand … Detail am Rande: Tags darauf muss ich hören, dass noch weitere zwei Fahrer ihr Lager nahe unserem im selben Wäldchen aufgeschlagen hatten, uppps …

Tag 5 (300km/ 2600Hm)
Wieder nächtlicher Aufbruch. Weiter raus nach Le Houches. Die Nebenstraße endet. Komoot lenkt uns … auf eine Art Schnellstraße. Vollbremsung. Das ist doch nicht möglich. Jost schließt zu uns auf. Auch sein Track führt identisch weiter. Wir orientieren uns und finden eine Straße, die rechts umfährt. Die endet allerdings nach wenigen Kilometern an einem Zaun, also wieder zurück. Laut Komoot und Openrunner müssen wir kurz auf die N205. Ich vergesse schlagartig meine Schmerzen, mir wird ganz flau im Magen. Die Situation hatte ich irgendwann mal kommen sehen. Trotz genauer Recherche stehen wir jetzt vor einer Situation, die im Stockfinsteren nicht überschaubar ist. Ich google vorsichtshalber nochmal den Passus, den ich zuhause gefunden hatte: Die Route Nationale kann abschnittsweise mit dem Rad befahren werden. Rad-Fahrverbot sehe ich auch keines. Aber bedeutet kein explizites Radverbot eine Erlaubnis dort zu fahren?  Später wird uns Brian informieren, dass bei Einfahrten, an denen es Ausweichmöglichkeiten gibt, deutliche Radfahrverbotschilder angebracht sind. Die Nachtalps vom Vortag tauchen vor meinem inneren Auge auf: die spiralförmigen Erscheinungen, die sich als Ziffern outen. Beunruhigt fahre ich ein, es sind eh nur 400 Meter, dann folgen wir einer holprigen Nebenstraße, die einen Tunnel umfährt.  Wie ich schemenartig im Finstern erkennen kann mündet die Buckelpiste an einer schluchtartigen Engstelle wieder auf die Nationalstraße. Nochmal wenige Hundert Meter und wir sind raus. Ab hier ist laut Schild definitiv Verbot für Traktoren, Fuhrwerke, Radfahrer und Fußgänger. Brouter, Komoot und Co haben das glücklicherweise gut erkannt. (Nachtrag: Trotzdem gibt es für uns und für viele andere eine Zeitstrafe von 6h …). Wir gondeln bei Tagwerden auf einer wunderschönen Auf- und Abstraße durch ein dichtes Waldgebiet, dann folgt eine atemberaubend aussichtsreiche Abfahrt nach Passy. Hinter uns die Mont-Blanc-Riesen vor uns eine lichterdurchflutete Ebene. Der erste Anstieg folgt: Saint Gervais. Bald gibt es Frühstück mit Jost. Mein Körper sehnt sich nach den Aufregungen am frühen Morgen schon lange nach Latte Macchiato und mein Po nach einer kurzen Entlastung.

7-9-12,9,0

Nicht lange später versperrt uns ein Umleitungsschild den Weg. Steil bergauf sollten wir nun fahren, anstatt wie geplant hinunter durch eine Schlucht nach Albertville. Einige Fahrer kommen hier zusammen. Was nun? Vielleicht kann man die gesperrte Stelle umfahren oder zu Fuß umgehen? Die ganze Gruppe rollt abwärts. Wir werden aber abrupt gestoppt durch die Straßenarbeiter. Nein, die Straße ist wegen Steinschlag komplett gesperrt, auch für Radfahrer. Für uns bedeutet das an diesem Tag unerwartete etwa 500 Höhenmeter mehr. An diesem Tag verschiebt sich auch unser bisher super getimter Zeitplan leicht nach hinten.
Bis Grenoble folgen nun endlose schnurgerade Strecken durch den heißen Vormittag, manchmal glücklicherweise beschattet durch kilometerlange Pappelalleen. Sehnsuchtsvoll halte ich in jedem Dorf nach Brunnen Ausschau. Einige wenige liefern Ganzkörper-Erfrischung.


Vor Grenoble eine uferlose Ampelkette. Wir als Radfahrer kommen nicht in den Genuss einer „grünen Welle“, sondern stehen vor jeder Ampel minutenlang in der Hitze. Erschöpft lassen wir uns in Grenoble vor einem Supermarkt im Schatten nieder. Hermann geht einkaufen. Ich lasse ihm da den Vortritt. Selber schuld … hätte er beim vergangenen TPBR nicht leichtfertig angemerkt, dass ich immer soooo lange brauche beim Einkaufen. Er bringt leckeres Trinkjoghurt, Cola, belegte Baguettes und Jost EIS … Hmmhhmmm.
Ein Pass steht uns bevor. Zum Glück ist er nicht steil und in Abschnitte mit kurzen Pausen dazwischen überleben wir die Hitzeschlacht auf den Col du Fau. Nun geht es auf dem gut ausgebauten Radfahrer-Seitenstreifen viele Kilometer auf und ab mit wunderbarem Blick auf eine weiße Bergkette, über der sich die Wolken bleiern zusammenziehen. Wir haben Glück und sind von Gewittern heute verschont. Mein Sitzpolster schmerzt bei jeder Bewegung. Cola-Eis-Pause kommt wie gerufen. Eine Qual die Leute im Schwimmbecken nebenan toben zu sehen. Das Tüpfelchen auf dem i – eine Wespe sticht mich in den Bauch. Das lenkt jedenfalls von den vier Buchstaben – sprich Popo- ab.


Nicht lange später, wir haben unseren letzten Pass an diesem Tag, den Col de la Croix Haute, abgehakt,  gibt es Abendessen. Wir treffen auf Nicola, dem die Hitze extrem zu schaffen macht und der im Moment fix entschlossen ist aus dem Rennen auszusteigen, er wird allerdings, nachdem sich unsere Wege noch mehrmals kreuzen, einige Stunden vor uns in Nizza ankommen. Auch Jost gesellt sich wieder mal zu uns.  Die Pizza ist sagenhaft groß und lecker. Gestärkt geht es mit einem Affenzahn nochmal 50 Kilometer im Falsopiano leicht abwärts. Es hat schon eingedunkelt, als wir Laragne de Monteglin erreichen. Hier waren wir schonmal im Jahr zuvor. Wir richten unser zweites Nacht-Lager hinter einer Hecke in einem Garten mit kurz getrimmtem Rasen ein und stellen den Wecker wieder auf vier Uhr.

Tag 6 (230km/ 3700Hm – CP3 Mont Ventoux)
Wie 2019 geht es nun dem Flüsschen La Méouge entlang. Ich vermute kilometerlang durch eine Schlucht, im Dunkeln kann man das nicht so genau erkennen. Die fiesen Gedanken bleiben heute aus, es ist abgesehen vom schmerzenden Po nur wunderbar durch die laue Nacht zu pedalieren. Aus der Schlucht heraus merken wir an der stellenweise nassen Straße, dass es hier wohl früher geregnet hat. Hatten wir ein Glück wieder mal. Wie 2019 erwartet uns weiter oben betörender Duft. Ich weiß nun, dass dieser zahllosen Lavendelfeldern entströmt.


Nach einer sagenhaften Abfahrt durch eine Schlucht erwartet uns Frühstück bei einem Abstecher in eines der schönsten Dörfer Frankreichs: Montbrun-les Bains. Dann geht es weiter und nicht lange später münden wir auf die legendären Tour-de-France-Straße. Schon den Kelten galt dieser Berg als heilig. Es ist im ersten bewaldeten Teil schön kühl, auch die Steigung ist angenehm. Und dann steht er plötzlich vor uns: der Berg der Berge – der Mont Ventoux. Ich kann mich nicht satt sehen. Er ist aber auch äußerst fotogen: Über dem dunklen Grün des Waldes erhebt sich schneeweiß der Gipfel. Schon der Dichter Francesco Petrarca hatte 1336 diesen fabelhaften Berg erstiegen. Tausende von Radfahrern erklimmen den „Gigant der Provence“ täglich. Die Kontrollstelle befindet sich beim Restaurant Chalet Reynard. Von hier wird es nach einer Stärkung etwas mühsamer, schattenlos und steiler.

Immer wieder halte ich für Fotos an. Kurze Gedenkminute am Denkmal eines der ersten Dopingopfer im Radsport zu einer Zeit, als man noch nicht abschätzen konnte, wie gefährlich das Zuführen von chemischen Substanzen zur Leistungssteigerung sein kann. 1967 am 13.Juli brach der englische Radprofi Tom Simpson eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel erschöpft zusammen und verstarb noch an der Unglücksstelle. Es stellte sich heraus, dass Simpson eine hohe Dosis von Amphetaminen und wohl auch Alkohol zu sich genommen hatte. Am Gipfel ein Menschen- Gewimmel, Corona-Virus? Hat wohl noch nie jemand davon gehört. Seltsamerweise hatten wir auch in der gesamten Schweiz niemals jemanden mit Maske gesehen. Fotoshooting, denn auch die Fotografen von Adventure Bike Racing sind zur Stelle. Wir treffen Tomàs Z., der hier das Handtuch werfen muss, der sogenannte „Shermer’s neck“, unerträgliche Schmerzen in der Halswirbelsäule durch die ungewohnte Haltung auf dem Rad, hat ihn leider so „kurz vor dem Ziel“ ausgeknockt. Kurz vor dem Ziel … dachte ich bei mir … aber es sollte jetzt erst so richtig anfangen.

Nach der wenig erfrischenden Abfahrt ging es nun kilometerlang im Flusstal des L’Ouvèze entlang. Hier stand die heiße Luft nur so. Kurze Pause bei einem Stand mit frischen Früchten. Wir trinken einen Liter Pfirsich-Saft, womit ich mir auf der anschließenden ellenlangen unendlich heißen Steigung auf den Col de Perty einige Zwangs-Pausen hinter Büschen einhandelte. Am späten Nachmittag ging es dann wieder runter. Im ersten Dorf ein rettender Brunnen in einem Dorf am Ende der Welt. Kein Geschäft weit und breit.

Wie sollten wir uns denn nun versorgen? Eine deutsche Frau lädt uns zum Abendessen bei sich zuhause ein. Brot hätte sie zur Genüge. Nette Geste, aber wir wollen weiter. Stunden später, vor Ribiers, hören wir schon von Weitem Musik. Ein Dorffest. Der Stand neben dem Dorfbrunnen kommt genau richtig: Wir schlemmen so richtig mit Galettes, Buchweizenpfannkuchen mit Pilz-Ei-Füllung und zum Nachtisch gibt es Crepes sucre citron. So lecker!

Gestärkt brechen wir auf, um nicht kurz später in der Dämmerung im malerischen Städtchen Sisteron eine weitere Eis-Cola-Pause einzulegen und uns im touristischen Gewimmel auch noch mit Sandwiches einzudecken. Wer weiß, wann wir das nächste Mal was bekommen. Wir haben nämlich den nächsten sehr langen Anstieg zum Signal de Lure vor uns und wollen in der Dunkelheit noch fahren soweit es die Fitness zulässt.


Die Straße steigt regelmäßig an, der Split-Belag allerdings ist äußerst unangenehm, man muss gut aufpassen, dass es einen nicht auf die Nase legt. Nicht lange später übermannt uns die Müdigkeit und wir suchen uns eine Lagerstätte für unser drittes Biwak, etwas abseits der Straße. Hermann lagert auf einem Waldweg, ich suche mir einige Meter neben ihm einen Platz unter einem Baum, links und rechts durch Büsche geschützt. Wecker auf vier Uhr und wir fallen sofort in den ersehnten Schlaf.

Tag 7 (210 km/ 4000 Hm)
„Plopp …!“, 3:18 Uhr – ich sitze in Sekundenschnelle kerzengerade auf meinem Daunenbett auf der Luftmatratze. Was gibt es hier im französischen Bergwald wohl für wilde Tiere? Bären? Wölfe? Wildschweine? Was war das gerade, was auf meinen Biwaksack geploppt ist? Wird wohl nichts gewesen sein … Ich lasse mich zurücksinken, aber von Schlaf keine Rede mehr. In sekündlichen Abständen fallen kleine Gegenstände auf meinen Biwaksack. Nach zwanzig Minuten etwa ist wieder Stille. Was war denn das? Ein Eichhörnchen mit nächtlichem Heißhunger? Oder ein Tierchen, das sich köstlich amüsierte, was für einen interessanten Plopp-Ton es auslöste, wenn man Sachen auf das orangene Ding da unten fallen ließ? Ich kann mich erinnern, dass ich etwas vom Baum fallen habe hören, als ich mein Lager gerichtet hatte, mir aber nicht weiter Gedanken gemacht hatte. Eine halbe Stunde zusammenlegen und aufpacken und wir sind wieder on the road. Fiese Gedanken suchen mich auch heute Morgen fast keine heim.

Der Po schmerzt aber nach wie vor und es scheint sich auch eine kleine offene Stelle gebildet zu haben. Bei Sonnenaufgang sind wir auf der montagne de Lure, er wird von den Franzosen liebevoll als kleine Schwester des Mont Ventoux bezeichnet, den man in der Ferne schemenhaft erkennen kann. Bei der langen Abfahrt holen mich Müdigkeitsattacken ein. Da es Hermann ebenso ergeht, halten wir und strecken uns am Straßenrand für einen Powernäppchen aus neben unseren Rädern. Für einen vorbeifahrenden Autofahrer muss das wohl wie ein Unfall aussehen … Weiter geht es und bald die ersehnte Bäckerei und Latte Macchiato für mich.


Nun tauchen wir ein in den Naturpark Verdon und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zunächst hügelig durch das Umland der legendären Schlucht des Verdon. Die Temperatur steigt von Stunde zu Stunde. Bei höherem Tempo kühlt die Luft etwas. Aber jede Steigung und Tempominderung bedeutet extreme Hitze. Wie schön wäre jetzt ein Regenguss. Wie sich doch die Vorlieben verschieben können. Wie hatte ich in den ersten drei Tagen die Wärme herbeigesehnt, nun wünschte ich ein klein wenig Abkühlung. Meine Garmin zeigt mitunter über 40° an, obwohl ich sie mit einem Tuch vor der direkten Sonnenenstrahlung abschirme.  Nach einer Cola-Eis-Pause, bei der wir Brian treffen, steigt die Straße an.

Ich frage mich, ob die Weiterfahrt bei derartigen Temperaturen vernünftig ist. Wie gerne würde ich jetzt irgendwo im Schatten die ärgste Hitze abwarten. Hermann meint jedoch, dass es so schnell nicht abkühlen würde und wir müssten weiter.  Die Mühen in der Nachmittagshitze sind aber wie weggeblasen, als wir um die nächste Kurve biegen. Eine Traumaussicht bietet sich uns auf den Fluss Verdon umrahmt von steilen Felswänden. Im Fluss unter uns tummeln sich ungezählte Wassersportler. Wie gerne wäre ich jetzt da unten. Nicht weit und ich finde eine Abkühlung, ein eiskalter kleiner Sturzbach ergießt sich neben der Straße. Weiter fahre ich klatsch nass, einschließlich Radhose … Die Idee der Ganzkörperdusche war wohl nicht so gut für mein Sitzpolster, es brennt fürchterlich. Nach vielen Ahs und Ohs und Fotopausen nähern wir uns Palud sur Verdon. Hier treffen wir auf viele Teilnehmer. Einige Glückliche haben schon die vor uns liegende Verdon-Schleife hinter sich. Wir machen uns nach einer kurzen Pause auf den Weg in den glühendheißen Nachmittag. Die durchgehend 15%-ige Steigung tut weh. An uns rauschen Leute mit E-Bikes vorbei.

Immer wieder kommen wir an spektakulären Aussichtspunkten direkt am Abgrund und das lässt die Anstrengung kurz vergessen. Ich hatte erwartet, dass wir nach dem höchsten Punkt gemütlich zurück nach Palud und zu unserem Abendessen rollen. Leider nein. Es zieht sich elendlich lang dahin, abwärts, dann wieder Steigungen. Irgendwann sitzen wir aber doch glücklich vor unserer Spinatlasagne und einem großen Eisbecher. Dann rollen wir weiter durch den Georges du Verdon, spektakel pur bei unserer Fahrt duch den Grand Canyon du Verdon. In Castellane noch ein Eis-Cola-Stop. Ich fühle mich erhitzt, meine Wangen sind hochrot. Ob das nicht schon in Richtung Hitzeschlag oder Sonnenstich geht? Ich bekomme mich mit Hermann in die Wolle, der meint, wir sollten in Castellane unser Lager aufschlagen, wenn es mir nicht gut ginge. Nein! Mir geht es gut, wir müssen weiter noch auf den nächsten Pass, den Col du St. Barnabé, ich würde halt langsamer fahren. Auf den letzten Kilometern schiebt uns sehr starker Wind fast schon ohne zu Kurbeln nach oben. Ein Grollen lässt mich aufschrecken. Ein Blick nach Oben lässt mich Schauern.  Rechts von uns der Mond vor tiefblauem Himmel, links düstere Gewitterwolken. Oje! Das hat uns noch gefehlt. Wo finden wir einen Unterschlupf, wenn es jetzt losgehen sollte?

Ich pedaliere schneller, wie immer, wenn mir die Angst im Nacken sitzt. Vor uns nur Wald und Wald und Wald. Dann tief unter uns ein Dorf. Bunte Lichter die in den Himmel zucken zeugen von einer Party. Wir fahren ab, Splitfahrbahn mahnt zur Vorsicht. Beim nächsten Dorf hat sich der Sturm beruhigt, aber ob nicht noch eine Regenfront nachkommt, wer weiß. Wir finden ein unbewohntes Haus und lassen uns im Garten nieder. Wenn es anfangen sollte zu regnen könnten wir uns in den Eingangsbereich zurückziehen. Es sind zwar nur noch knapp 100 Kilometer bis Nizza, aber eine Nacht durchfahren würde ich wohl nicht durchhalten nach dem Schlafentzug der ganzen Woche. Es hat auch was, gemütlich am nächsten Tag die paar Kilometer ins Ziel zu radeln und noch was von der schönen Landschaft zu sehen. Unser Hotel konnten wir in der Nacht sowieso nicht beziehen.

Tag 8  (95 km/ 900Hm)
Also wieder um vier Uhr Start. Im Dunkeln können wir steile Felswände um uns ahnen. Bei Dämmerung passieren wir Dörfchen, wie Adlerhorste an die Hänge geschmiegt. Wunderschön. Frühstück in Bouyon in der Bäckerei am Dorfbrunnen. Lässig. Dann geht es weiter auf der Panoramastraße, die bald schon von Hunderten von Radfahrern bevölkert wird. Erste Ausblicke auf unser Ziel Nizza. Die letzten Kilometer durch die Dörfer, dann sind wir an der Küste. Eine Strandpromenade mit Radfahrspur bringt uns an unser oft ersehntes Ziel. Ein großes Hallo vonseiten Michael und von anderen Fahrern, die im Ziel herumlungern.

Zur Belohnung gibt es ein kühles Bier und eine sehr schön illustrierte Skizze von der Fahrt. Ich kann es kaum glauben, schon hier zu sein. 2000 Kilometer und doch  erscheint mir jetzt unsere Fahrt von Wien hierher so kurz und doch gespickt mit so vielen Erlebnissen. Mein Sitzleder? Schmerzen? Die sind auf einen Schlag vergessen … was bleibt ist der Stolz und die Erinnerung an ein unvergessliches Abenteuer …
Danke, Michael!
Wunderbare Landschaften und das gemeinsame Erlebnis mit vielen Gleichgesinnten das ist TPBR.

Ergebnis:
Wir überfuhren die Ziellinie als 3. Team.
Vor uns sind schon 50 Teilnehmer von über 100 Gemeldeten in Nizza angekommen.
Etwa 84 haben das Ziel erreicht. 20 haben unterwegs aufgegeben.

Ralph Schwörer hat einen wunderbaren Erlebnis-Bericht verfasst. Da er auf derselben Strecke wie wir unterwegs war (allerdings war er zwei Tagen schneller in Nizza mit kaum Schlaf), können wir viele Orte und Situationen nachvollziehen und uns damit zurückversetzen in die megaschöne Racewoche. Hier geht es zum Bericht von Ralph.


Blog-Awards 2020

Vielen Dank für eure Unterstützung bei den Blog-Awards Fahrrad XXL 2020
Das Ergebnis übertrifft alle meine Erwartungen:
Platz 7 von 30 in der Kategorie „Generalisten“
Innerhalb aller nominierten Blogs (kategorieübergreifend):
36. von 114

Grazie mille per il vostro sostegno. Il risultato supera tutte le mie aspettative:
7° posto su 30 nella categoria „Generalisti. All’interno di tutti i blog nominati (in tutte le categorie): 36° su 114

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