Mein neuestes Abenteuer führte mich von der nordwestlichen Atlantikküste in Caminha bis zur südlichen Küste in Vila Real de Stº António. Die Strecke führte über ruhige Nebenstraßen durch atemberaubende Landschaften und vorbei an kulturellen Highlights. Mit etwas über 1.000 km und gut 16.000 m kumulierten Anstiegen und der Hitzewelle war das eine echte Herausforderung für uns Ultracyclisten und Bikepacker.
Planung, siehe unten
Vor meinem Erlebnisbericht eine kurze Vorstellung des Events: Das Grandiagonal Portugal End-to-End war in seiner ersten Edition ein besonderes Abenteuer für alle Teilnehmenden. Das Event wurde als self-supported Bikepacking-Format ausgetragen, bei dem jede und jeder Fahrer:in eigenverantwortlich unterwegs ist und sich selbst um Versorgung und Logistik kümmert. Die Strecke führte einmal quer durch Portugal und stellte klare, aber anspruchsvolle Regeln, die Fairness und Eigenständigkeit im Vordergrund hielten.
Mit rund 160 Teilnehmenden in Solo- und Teamkategorien, darunter 25 Frauen, war das Starterfeld international und vielseitig besetzt. (Ich konnte das Rennen auf dem 6. Platz in der Frauenwertung sowie 46. Rang insgesamt nach 4 Tagen und 1 Stunde Fahrzeit im Süden des Landes beenden).
Alles, was schiefgehen kann… Sarahs Edition … hier lesen …
Die Organisation rund um António und sein Team war hervorragend. Bereits im Vorfeld wurden wir Athletinnen und Athleten umfassend auf die besonderen Anforderungen eines self-supported Events vorbereitet. Ein ausführlicher Service-Guide lieferte alle wichtigen Informationen zur Strecke, Navigation, Versorgung und den Regeln – eine wichtige Grundlage für ein sicheres und gelungenes Abenteuer.
Über den sportlichen Aspekt hinaus verfolgt das Projekt eine klare Vision: Es soll nachhaltige Mobilität fördern, den Naturtourismus stärken und den Radsport weiterentwickeln. Gleichzeitig bietet es den Regionen im Landesinneren Portugals neue Perspektiven und trägt dazu bei, diese landschaftlich beeindruckenden, oft weniger erschlossenen Gebiete stärker in den Fokus zu rücken.
Jetzt gibt es meine „stories“ & Videos, einfach runter scrollen!
Tag 1 – Vom Atlantik in die Berge, Höhenmeter und erbarmungslose Hitze
210km/ 4000Hm/ verstrichene Zeit 13:30, Zeit in Bewegung 11:30
zuerst mein Video Tag 1
Start um 9 Uhr in Caminha, im äußersten Nordwesten Portugals. Für ein 1000-km-Rennen ist das fast schon ein gemütlicher Zeitplan – mein Körper war der Meinung, dass 9 Uhr eindeutig „zu spät für so etwas“ ist und es kribbelt in den Beinen, die los wollen. Dann AC/DC – Hells Bells – und 150 Leute werden auf die Strecke geschickt. Gänsehautmoment. Kurz dieser Gedanke: Was zur Hölle liegt da eigentlich alles vor uns?
Am Anfang läuft es fast unverschämt gut. Kühl, schnell, die Beine machen einfach mit, als hätten sie nicht gelesen, was der Tag noch so vorhat. Die Landschaft zieht angenehm vorbei, und ich denke mir noch: „Vielleicht habe ich das alles ein bisschen unterschätzt – aber im positiven Sinn.“ Ein Schwätzchen da, ein Schwätzchen dort, noch …
Erster Stopp: Brunnen in Arcos de Valdevez. Wasser ins Gesicht, Flaschen voll, weiter geht’s. Noch ein bisschen wellig, noch ein bisschen freundlich. Die ersten 100 km sind plötzlich einfach weg. Ich werde kurz übermütig und beginne innerlich schon zu feiern.
Dann: die nächsten 50 km.
Die fühlen sich an wie Kaugummi, der unter der portugiesischen Sonne vergessen wurde. Und die Sonne meint es ernst – sehr ernst. Dazu der erste „Tough Nut Nr. 1“, wie die Veranstalter den Anstieg nennen. Ich nenne ihn im Nachhinein eher: „Warum eigentlich?“
Ich war in diese erste ordentliche Steigung zu optimistisch gestartet – der Berg hat das sehr schnell korrigiert. Mein Garmin-Gerät immer wieder Rampen mit 12–15 % und das bei weit über 30° C. (Garmin übertreibt wohl etwas mit 44°). Meine Mountainbike-Übersetzung fühlt sich kurz wie eine gute Idee an – bis sie merkt, dass da noch Gepäck dranhängt. Und zwar nicht wenig. Lumacagabi, die Schneckegabi, trägt ja ihr ganzes Haus mit sich herum. Das ist poetisch formuliert – und technisch leider auch ziemlich wahr.
Dafür kommt später etwas, das alles ein bisschen rettet: eine eiskalte Quelle in Germil, dazu ein steingemauertes Dorf, das wirkt, als wäre es aus der Zeit gefallen. Und dann noch mehr Quellen. Immer wieder. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen und stattdessen begonnen, mich bei jeder einzelnen komplett zu „duschen“ – also wirklich: Helm runter, Kopf drunter, den gesamten Körper – alles nass. Der Effekt hält ungefähr zwanzig Minuten, aber diese sind unbezahlbar.
Die Abfahrt danach ist dafür ein Geschenk. Wunderschön geschwungene Straßen, glattgeschliffene Steine, diese typische Landschaft, die dich kurz vergessen lässt, dass du gerade eben noch gelitten hast. Vorbei an einem Stausee – und der Gedanke ist eigentlich nur: Bitte kurz eintauchen. Darf ich aber nicht. Also weiter.
Der zweite „Tough Nut“ des Tages ist weniger romantisch. Viel Verkehr, vermutlich halb Portugal auf dem Heimweg vom See, und ich mittendrin auf einer schmalen Straße.
Etwas später: Die Schatten werden länger, der Hunger meldet sich deutlich, und weit und breit habe ich nichts auf meiner Planung stehen – bis ich an einem See ein unscheinbares Schild mit ‚Bar‘ entdecke, eine steile Rampe hochschiebe und schließlich in einer kleinen Dreimädelwirtschaft lande, wo mich Tochter, Mutter und Oma nach kurzem Ratlos-Blick mit überraschender Selbstverständlichkeit mit Toast, Cola, Ananassaft und am Ende sogar Pistazieneis versorgen – Rettung in ihrer schönsten Form.
Gestärkt kurbele ich weiter. Ich treffe Sara und Miche. Gemeinsam mit ersterer rolle ich weiter Richtung Mondim de Basto. Irgendwann wird klar: heute wird noch entschieden, wie viel Komfort ich mir gönne.
Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich wie Lars und Sarah einfach in ein Hotelzimmer zu retten. Bivy wäre zwar offiziell möglich, aber mein Schlaf ist leider so sensibel, dass schon ein falsch atmender Nachbar als „zu laut“ zählt.
Dann kippt der Abend. Tankstellenstopp, die Sonne sinkt, und plötzlich entscheide ich mich doch für meinen ursprünglichen Plan: Zeltplatz suchen. Genauer gesagt den Spot, den ich mir schon vorher ausgedacht hatte – irgendwo zwischen Friedhof und Sportplatz. Klingt vielleicht morbider als es ist. Praktisch ist es jedenfalls: 20 km bergauf am Abend, dafür morgens weniger leiden.
Ich erreiche den Platz im Dunkeln und baue das Zelt auf. Natürlich mit einem leicht schlechten Gewissen. Wildcampen ist in Portugal ja offiziell nicht unbedingt als „gute Idee“ gesehen.
Kaum liege ich in meinem Zeltchen, höre ich ein Auto. Dann Hunde. Dann noch mehr Geräusche. Mein Fahrrad steht draußen wie ein Weihnachtsbaum auf zwei Rädern – komplett beleuchtet, reflektierend, vermutlich weithin sichtbar. Ich liege da und überlege, ob gerade jemand den Friedhof besucht. Hunde in der Ferne und dann in der Nähe. Führt da wer seinen Bello um Mitternacht spazieren? Schlaf kommt eher in kleinen Stücken als in ganzen Portionen. Ich rechne sekündlich damit, dass mich wer verjagt, Schlimmeres kommt mir glücklicherweise nicht in den Sinn.
Wecker: 3:45
Die Nacht ist vorbei, meine jedenfalls, bevor sie sich richtig angekündigt hat. Zaghafte Dämmerung, alles noch grau und still. Und dann sitze ich wieder auf dem Rad.
Die Luft ist kühl, der Rhythmus passt sofort, und die Straße zieht gleichmäßig bergauf durch ein Naturschutzgebiet. Vor mir sehe ich schon Lichter in Bewegung. Ich bin also nicht allein in dieser übertrieben frühen Stunde.
Und während die Sonne langsam versucht, sich zu entscheiden, ob sie heute freundlich oder brutal wird, frage ich mich nur: Mal sehen, was dieser Tag noch so alles für Überraschungen bereithält.
Tag 2 – Weinberge, Hitzeschlacht und ein Hotel statt Campingplatz
220 km/ 3700 Hm/ verstrichene Zeit: 15:40/ Zeit in Bewegung 13:15
Es dämmert gerade, und die Lichter vor mir verraten: Ich bin nicht der Einzige, der sich freiwillig zu dieser Uhrzeit auf ein Fahrrad setzt.
Wo ich heute Abend landen werde? Keine Ahnung. Der ursprüngliche Plan sieht den Campingplatz in Valhelhas vor – vorausgesetzt, ich komme überhaupt noch über Tough Nut Nummer 5. Aber wie so oft bei solchen Rennen gilt: Der Plan ist eine grobe Empfehlung.
Die erste Überraschung des Tages wartet bereits am Morgen. Tough Nut 3 entpuppt sich als deutlich weniger furchteinflößend als in meiner Planung. Entweder habe ich mich verrechnet oder der Berg hat über Nacht ein paar Höhenmeter verloren.
Oben treffe ich Lars – beziehungsweise trifft Lars mich, denn er ist ja schon am frühen Morgen von Mondim de Basto hochgekurbelt. Gemeinsam stürzen wir uns in die Abfahrt. Die Straßen hier sind ein Traum: perfekt angelegte Kurven, kaum Bremsen nötig und endlich einmal Straßenbauer, die offenbar selbst Fahrrad fahren.
Beim Frühstück lade ich ein. Das fällt in Portugal erfreulich leicht. Entweder ist hier alles günstig oder bei uns alles absurd teuer. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
Anschließend rollen wir weiter talwärts und legen einen Fotostopp am Viaduto do Corgo ein. Die riesige Autobahnbrücke wirkt im morgendlichen Dunst majestätisch.
Danach geht es kurz hoch und dann in flotter Fahrt durch das Herz des Douro-Tals. In der Weinbauregion Cima Corgo reiht sich Weinberg an Weinberg. Sauber gezogene Terrassen ziehen sich die Hänge hinauf, bis wir schließlich Peso da Régua erreichen.
Dort hole ich mir endlich meinen Aufkleber am ersten Kontrollpunkt ab. Die Kontrollstelle liegt malerisch zwischen mehreren beeindruckenden Brücken (Ponte Metálica, Ponte Rodoviária da Régua und Ponte Miguel Torga) und bietet eine Kulisse, die fast vergessen lässt, dass man sich eigentlich in einem Radrennen befindet.
Über die alte eiserne Fußgängerbrücke verlasse ich die Stadt. Danach folgen zehn herrlich entspannte Kilometer flach am Douro entlang. Und durch eines der ältesten und renommiertesten Weinbaugebiete der Welt.
Und dann wartet er auf mich: der Mann mit dem Hammer.
Die Straße richtet sich plötzlich kerzengerade auf. Tough Nut Nummer 4 steht vor mir. Wörtlich. In der prallen Sonne kämpfe ich mich Rampen mit bis zu 15 Prozent hinauf. Das hatte ich am Vortag zwar schon einmal geübt, schöner wird es dadurch aber nicht.
Wasser zum Abkühlen ist zunächst Mangelware. Die Rettung kommt in Tabuaço in Form eines wunderschönen Brunnens mit eiskaltem Wasser. Flaschen auffüllen, Kleidung komplett durchnässen und weiter.
Die folgende Abfahrt bringt leider nur begrenzte Kühlung. Bis unten ist ohnehin wieder alles trocken.
Am Rio Távora, der hier breit wie ein See in der flirrenden Mittagshitze liegt, entdecke ich eine Bar, die ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Einige Rennräder stehen bereits davor.
Ein gutes Zeichen. Ich parke dazu, bestelle Pizza und Cola und tauche anschließend mitsamt Kleidung in das angenehm kühle Wasser. Hochprofessionelle Regenerationsmaßnahmen.
Danach geht es zurück in die Mittagshitze. Mein Trikot ist nach zwanzig Minuten wieder staubtrocken. Zum Glück stehen entlang der Strecke regelmäßig Brunnen bereit, die inzwischen zu meinen wichtigsten Freunden geworden sind.
Die Pizza liegt allerdings schwerer im Magen als erhofft. In Trancoso folgt daher ein weiterer Stopp im Supermarkt. Kefir und Orangensaft sollen die Verdauung auf Trab bringen. Nur ungern verlasse ich das klimatisierte Paradies wieder.
Unterwegs überhole ich bereits zum zweiten Mal einen Fahrer, der sein Rad bergauf schiebt. Auf meine Nachfrage, ob alles in Ordnung sei, bekomme ich keine Antwort. Vermutlich fehlte ihm die Kraft zum Sprechen. Ich leide also alleine weiter und nutze wirklich jeden Brunnen, der sich anbietet.
Eigentlich wollte ich die Nacht auf dem Campingplatz in Valhelhas verbringen – falls ich Tough Nut 5 überhaupt noch rechtzeitig überquere. Doch irgendwann wird die Sonne gnädiger.
Da ich auf meiner Planung keinen weiteren Supermarkt vermerkt habe, halte ich kurz vor Porto da Carne noch in einer Bar. Außer Getränken gibt es dort nichts. Also geht es nach einer Cola weiter.
Inzwischen hat mich Sarah überholt, und wir fahren ein Stück gemeinsam. Wenig später treffen wir Christoph in einem kleinen Ort. Die fürsorgliche Wirtin serviert uns ausgezeichneten Toast. Meinen schaffe ich allerdings nicht ganz. Den Rest transportiere ich noch bis zum nächsten Abend spazieren, bevor ich ihn schließlich entsorge. Dem Schinken, der einen kompletten Sommertag in meiner Fahrradtasche verbracht hat, vertraue ich dann doch nicht mehr uneingeschränkt.
Christoph hat bereits ein Zimmer in Aldeia Viçosa gebucht. Sarah und ich möchten die etwas kühlere Abendluft nutzen und noch über Tough Nut Nummer 5 fahren. Sie hat ein Zimmer in Manteigas reserviert, direkt am Fuß des Torre Estrela.
Zu zweit vergeht der Anstieg erstaunlich schnell. Die anschließende Abfahrt nach Valhelhas ist erneut ein Highlight, dank der portugiesischen Straßenbaukünste.
Unten angekommen scheint immer noch die Sonne. Zu schade, jetzt schon Schluss zu machen. Der Gedanke wächst: Warum nicht die letzten zwanzig Kilometer bis Manteigas auch noch fahren?
Als wir den Ort in der Dämmerung erreichen, diskutieren wir kurz über die nächste Kontrollstelle. Ich bin überzeugt, dass sie irgendwo hier sein müsste. Sarah ist anderer Meinung. Hätte ich doch nur meine Planung hervorgeholt: Natürlich liegt der zweite Kontrollpunkt genau hier, und am nächsten Morgen werde ich noch einmal 6 Kilometer zurückfahren dürfen, um meinen Aufkleber zu bekommen.
Bleibt die Frage nach dem Hotel. Das liegt leider nicht direkt an der Strecke, sondern wie erwähnt noch einmal knapp drei Kilometer bergauf. Natürlich.
Oben angekommen wartet die Belohnung: Es gibt tatsächlich noch ein freies Zimmer. Dazu serviert man uns spontan eine Gemüsesuppe und einen Früchteteller. Nach diesem Tag schmeckt beides wie ein Sterne-Menü.
Sogar ein Frühstück in Form eines Lunchpakets wird uns für den nächsten Morgen zugesagt. Nach und nach treffen weitere Teilnehmer im Hotel ein.
Duschen. Essen. Schlafen.
Mehr braucht es an diesem Abend nicht.
Tag 3 – Hitzeschlacht, Essiggurken und ein unfreiwilliges Wasserbett
200km/ 3400 Hm/ verstrichene Zeit 16:10 /Zeit in Bewegung 11:40
Der Wecker klingelt noch vor fünf Uhr. In der Hotellobby treffe ich Sarah. Schlechte Nachrichten: Platten. Eigentlich würde man jetzt helfen. Andererseits ist das hier ein Unsupported Race. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und ehrlich gesagt – mit meinen Reifenwechselkünsten wäre ich vermutlich eher moralische als praktische Unterstützung gewesen. Also rolle ich mit einem leicht schlechten Gewissen los.
Blöd nur, dass das Hotel oberhalb von Manteigas liegt. Erst einmal also wieder das ganze Stück hinunter ins Dorf, auf der anderen Talseite wieder hinauf und CP2 suchen. Dort gibt es immerhin den nächsten Kontrollstempel, einen Aufkleber – und, viel wichtiger, Kaffee. Um kurz nach fünf hat sonst ohnehin nichts geöffnet.
Gerade wird es hell. Vor mir liegt der längste Anstieg der ganzen Grandiagonal. Überraschenderweise fühlt er sich in der kühlen Morgenluft fast angenehm an.
Die ersten zwei Drittel verbringe ich plaudernd mit Paulo. Irgendwann beschließt er, das Tempo leicht anzuziehen. Genau in diesem Moment beschließen meine Beine, ihren Dienst einzustellen. Noch 250 Höhenmeter bis zum Gipfel.
Von da an wird jede Ausrede dankbar angenommen. Wasser an einer Quelle auffüllen. Blumen fotografieren. Landschaft fotografieren. Fahrrad fotografieren. Noch einmal trinken. Irgendwie schaffe ich es, aus einem gleichmäßigen Anstieg eine kleine Sightseeing-Tour zu machen.
Hatte Paulo von einem legendären Frühstück mit traditionellem Käse erzählt, klingt fantastisch. Erwartungsvoll oben angekommen sehe ich, dass leider sämtliche Lokale geschlossen haben. Also gibt es stattdessen mein Lunchpaket-Sandwich vom Hotel.
Anschließend beginnt eine der längsten Abfahrten der Tour. Kilometerlange Geraden, auf denen das Rad fast von allein beschleunigt. António hatte beim Briefing eindringlich vor den Abfahrten gewarnt. Also höre ich ausnahmsweise auf Vernunft und nehme etwas Tempo heraus. Sogar die portugiesischen Verkehrsschilder fordern Autofahrer dazu auf. Wenn schon die Einheimischen gewarnt werden, sollte ich vielleicht nicht die Heldin spielen.
Die Straße fällt mit bis zu 15 Prozent Gefälle ins Tal. Meine Bremsen werden ordentlich warm. Im Tal angekommen zeigt das Thermometer bereits deutlich über 38 Grad. Vor mir liegen noch zwei der berüchtigten „Tough Nuts“. Höhenmeter sind es gar nicht so viele – aber eben bei Temperaturen, bei denen man das Gefühl hat, jemand hätte die Backofentür geöffnet.
Zum Glück taucht immer wieder ein Brunnen auf. Jeder einzelne wird zur persönlichen Rettungsinsel. Kaum fahre ich weiter, ist das frisch durchnässte Trikot nach wenigen Minuten wieder knochentrocken.
Dazu kommt: Schatten gibt es praktisch keinen. Große Waldflächen wurden in den vergangenen Jahren von Bränden zerstört. An manchen Stellen wachsen erste Büsche nach, aber vielerorts stehen nur noch verkohlte Baumreste. Ein trauriger Anblick.
Nach einer langen Abfahrt sehe ich endlich ein Dorf. Vor mir biegt ein anderer Fahrer spontan in eine Bar ein. Ich bin schon vorbei, bevor mein Gehirn „Stopp!“ denken kann. Hoffentlich kommt bald die nächste Gelegenheit.
Und tatsächlich. Direkt an einem kleinen Fluss liegt eine Bar. Cola. Eis. Lupinenkerne. Eine Kombination, die ich außerhalb eines Ultrarennens vermutlich niemals bestellt hätte. Aber offenbar verlangt mein Körper dringend nach Salz.
Kurz darauf trifft auch Sarah ein. Gemeinsam beschließen wir, ein Bad im eiskalten Fluss zu nehmen. Über kleine Leitern kommt man bequem ins Wasser. Herrlich.
Unsere spontane Umziehaktion – Radtrikot und Unterwäsche müssen reichen – sorgt allerdings für großes Interesse bei einer Gruppe älterer Herren, die im Halbschatten ihre wohl vorgezogene Nachmittagsruhe verbringen. Sagen wir mal so: Unsere Badeeinlage brachte etwas Abwechslung in deren Siesta.
Weiter geht’s. Von Brunnen zu Brunnen.
Laut meinem Höhenprofil sollte der Rest des Tages ziemlich flach sein. Im Nachhinein vermute ich, dass der riesige Torre-Anstieg mit seinen über 1.200 Höhenmetern einfach den Maßstab gesprengt hat. Alles andere sah daneben wie Ebene aus. Die Realität bestand allerdings weiterhin aus erstaunlich vielen Hügeln.
An einem Supermarkt treffe ich João wieder. Wir kennen uns noch vom Silk Road Mountain Race in Kirgisistan. Damals schenkte er uns ein halbes Glas Essiggurken. Eine erstaunlich gute Sportlernahrung.
Also kaufe ich ebenfalls ein Glas. Eigentlich wollte ich teilen. João ist allerdings schon verschwunden. Also esse ich sämtliche Gurken selbst und spüle sie mit vier Erdbeerjoghurts herunter.
Ernährungswissenschaftler würden vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Während sich meine Gedanken den ganzen Tag nur noch darum drehen, wo ich als Nächstes Wasser zum Abkühlen finde, verpasse ich völlig den Halfway Point.
Halbzeit. Nur noch 500 Kilometer. Irgendwie klingt das gleichzeitig motivierend und völlig absurd.
Am späten Nachmittag sammeln sich vor einem Supermarkt in Castelo de Branco plötzlich jede Menge „Grandiagonalos“. Fast alle haben bereits Hotels gebucht. Es ist etwa 17 Uhr.
Für mich viel zu früh. Ich möchte mindestens noch bis Vila Velha de Ródão am Tejo kommen. Hier gäbe es auch einen organisierten Bivy-Spot.
Also wandert Verschiedenes- auf jeden Fall viel zu viel, Kefir, Frühstücksvorräte und allerlei andere Dinge in meine Taschen. Eine halbe riesige Wassermelone verschwindet sofort. Dazu ein halber Liter Kefir. Mein Speiseplan entwickelt sich langsam in sehr kreative Richtungen.
Unterwegs stelle ich fest, dass ich mich sogar im Wochentag vertan habe. Ich war fest überzeugt, wir hätten bereits Mittwoch. Sarah klärt mich auf, dass Dienstag ist. Offenbar beginnt mein Gehirn bei 40 Grad ebenfalls zu kochen.
Später trennen sich unsere Wege. Sarah biegt Richtung Hotel ab. Wir sehen uns erst ganz im Süden Portugals wieder. Ihre dramatische Geschichte ist oben verlinkt.
Ich fahre weiter bis kurz vor Vila Velha de Ródão. An der historischen Stahlbrücke über den Tejo gönne ich mir noch einen Kefir-Bananen-Stopp. Genau deshalb verpasse ich das Kamerateam der Veranstaltung, das offenbar dort auf die Fahrer gewartet hatte. Als ich wieder losfahre, kommen sie mir bereits entgegen.
Schade. Das wäre ein schönes Foto geworden.
Der vorletzte Tough Nut ist dagegen überraschend harmlos. Die Sonne geht langsam unter, die Temperatur sinkt auf angenehm frische 32 Grad.
Plötzlich höre ich hinter mir ein Auto. Es fährt im Schritttempo. Direkt hinter mir. Mir wird schlagartig mulmig. Was wollen die? Umdrehen? Wegfahren? Einfach weiterfahren? Dann geht langsam das Seitenfenster herunter. Ich wage einen Blick zurück. Weißes Auto. Orange Schrift. Beige T-Shirts mit „Grandiagonal“-Aufdruck. Noch nie hat mich ein Organisationsfahrzeug so sehr erleichtert. Die beiden wollten lediglich wissen, ob alles in Ordnung sei und ob ich einen Schlafplatz hätte. Die Szene dauerte vielleicht zehn Sekunden. Gefühlt waren es zehn Minuten.
Kurz darauf finde ich einen Brunnen mit Holztisch. Perfekt für das Abendessen: Kefir, Gurke, Tomaten und ein kompletter Block Feta. Überraschend köstlich.
Danach suche ich mir einen Zeltplatz. Ein paar Meter den Hang hinauf, gerade so weit, dass mich niemand von der Straße aus sieht. Licht bleibt konsequent aus. Tarnmodus.
Fast.
Denn bevor ich endlich schlafen kann, verbringe ich geschlagene zehn Minuten auf allen Vieren im hohen Gras und suche einen Zelthering, der sich beim Aufbau verabschiedet und elegant ins Nirgendwo katapultiert hat.
Gegen zwei Uhr nachts wache ich auf. Meine linke Körperseite ist klatschnass. Neben mir schwimmen Smartphone, Kleidung und allerlei Ausrüstung. Nach kurzer Panik finde ich den Übeltäter: Ich habe die halbe Nacht auf dem Schlauch meines Trinksystems gelegen. Das Ventil war offen. Liter für Liter hat sich mein kostbares Wasser im Zelt verteilt. Mein Schlafsack ist ebenfalls tropfnass. Ich rette, was noch zu retten ist.
Draußen sehe ich in der Dunkelheit einen einzelnen Lichtkegel vorbeiziehen. Kurz überlege ich, ebenfalls sofort weiterzufahren. Stattdessen ziehe ich trockene Kleidung an, kuschle mich in den inzwischen eher feuchten Schlafsack und gönne mir noch zwei Stunden Schlaf. Warm wird das allerdings nicht mehr, ich fröstle. Also stehe ich gegen vier Uhr endgültig auf.
Eine halbe Stunde später rolle ich wieder los. Mit nassem Gepäck. Und hoffentlich geschlossenem Trinkventil.
Tag 4 / Nacht 5 – Hitze, Kreisel und andere Entscheidungen
Tag 4 – 220km/ 2400 Hm/ verstrichene Zeit 16:00/ Zeit in Bewegung 11:30 Nacht 5 zur finishline – 160 km/ 1700 Hm/ verstr. Zeit 8:30/ in Bewegung 7:30
Mein Video wieder zuerst:
Tag 4 / Nacht 5
Ich starte in die Dämmerung, noch leicht feucht vom letzten „Abkühlungsversuch“ und mit der leisen Hoffnung, dass die Hitze des Vortags ein Ausrutscher war. Portugiesen hatten mich allerdings schon gewarnt: südlich der Berge wird Wasser schnell zur Glückssache. Klingt ja erstmal beruhigend.
In der Infogruppe wird eine Umleitung wegen eines Festivals angekündigt. Von Nisa soll man direkt nach Crato fahren. Am Abzweig sitzen zwei Veranstalter wie Wegweiser im Halbdunkel. Ob die da wirklich die ganze Nacht ausharren? Ich hoffe heimlich, dass sie wenigstens gute Musik haben.
In Crato gönne ich mir ein zweites Frühstück. Die Einheimischen schauen etwas irritiert auf die voll bepackte Frau im Rennmodus – vermutlich keine typische Bar-Kundschaft um diese Uhrzeit. Danach geht’s weiter durch eine Landschaft, die irgendwo zwischen Steppe und „wo genau kommt hier eigentlich das Wasser her?“ liegt.
Kühe und Schafe wirken erstaunlich entspannt. Vielleicht wissen sie etwas, das ich noch nicht verstanden habe.
Zwischendurch hole ich eine Männergruppe ein, wir quatschen kurz, dann sind sie wieder schneller weg. Dazu ein Mediateam, das mich regelmäßig überholt – vermutlich immer dann, wenn ich gerade nicht fotogen genug leide. Ich beginne ernsthaft zu überlegen, ob „unsichtbar im Rennen“ eine eigene Kategorie ist. Immerhin: Neon gelb bin ich definitiv nicht gut im Verstecken.
Und dann passiert es natürlich: genau in dem Moment, in dem ich mich innerlich schon über die mangelnde Frauenquote auf den Bildern beschwere, stehen sie plötzlich da – Kamera, Team, perfekte Szene. Ich zwinge meine Mundwinkel nach oben und spiele „alles unter Kontrolle“. Das Ergebnis landet später auf Instagram mit einem Untertitel in der Richtung: Hitze beeinflusst die Geschwindigkeit. Aha. Ich nenne das dann wohl offiziell: strategisches Langsamsein.
Ich bleibe dabei: irgendwo im Mittelfeld ist trotzdem ziemlich solide, auch wenn mein Ego kurz diskutiert.
Die Strecke führt durch wunderschöne Orte wie Sousel und Estremoz. In einem schattigen Stadtgarten entdecke ich plötzlich einen Gartenschlauch. Der Rest ist Geschichte. Ich nenne es „kurze logistische Abweichung“, die Gärtner grinsen, als ich mich des Schlauches bemächtige und mich großzügig abdusche.
Dann kommt der letzte große Anstieg. Nur 200 Höhenmeter – klingt harmlos, fühlt sich bei 40 Grad aber eher nach persönlicher Charakterprüfung an. Oben kümmere ich mich erstmal um mein Fahrrad und schmiere die Kette (man nennt es auch: Prioritäten setzen im Ausnahmezustand).
In Redondo wartet CP3. Danach der klassische Luxus: 3 km zurück zum Supermarkt in der Hitze, weil Planung manchmal eben ein Gerücht ist. Ich esse, trinke, packe Vorräte – und stelle später fest, dass ich 1,5 Liter Wasser zusätzlich ins Ziel transportiert habe. Offiziell „Trainingseffekt“ für das Transcontinental Race im Juli, inoffiziell einfach „Dummheit“.
Ich dusche noch, ziehe alles nass wieder an und fahre weiter. Die Garmin zeigt über 40 Grad. Schatten ist ein Mythos, Wasser ein Luxusgut. Ein Friedhof mit Schlauch wird zur Oase des Tages.
Über mir diese typische Fantozzi-Wolke – nur dass sie mich nicht verfolgt. Hier verfolgt mich ausschließlich die Sonne. Und sie meint es ernst. Ich vergleiche es mit der Fantozzi -Wolke, der nuvola di Fantozzi , ein running gag aus den Kult-Filmen des italienischen Komikers Paolo Villaggio. Ein bösartiges, kleines Gewitterwölkchen, das den glücklosen Buchhalter Ugo Fantozzi auf Schritt und Tritt verfolgt. Hier ist es genau umgekehrt.
Dann taucht Monsaraz auf. Hübsch, aber brutal steil und kantiges Kopfsteinpflaster zwingt mich zu hike a bike. Ein Gewitter droht in der Ferne, zumindest sieht es so aus. Kurz Hoffnung, kurz Stress, dann Kopfsteinpflaster, das eher Wandern als Fahren bedeutet. Oben: keine Gewitter. Nur ich, mein Rad und ein sehr verdienter Latte Macchiato plus Calippo. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Die Abfahrt ist schnell, der Rest hügelig, Hunde unbeeindruckt. Später Abend, die Frage wird dringlicher: Wo schlafen?
Auf einer Brücke über dem Rio Ardila beschließe ich das Abendessen einzulegen. Mozzarella, Tomaten, Gurken, Suppe – Gourmetmoment auf Steinbänken mit Aussicht.
In Moura treffe ich kurz Kontakt zu anderen Fahrern. Einer, Lars, plant um 23 Uhr weiterzufahren. Ich entscheide mich für Schlaf – zumindest theoretisch. Mein Zelt steht schnell zwischen Olivenbäumen. Die Hunde in der Ferne diskutieren offenbar meine Anwesenheit, aber niemand kommt vorbei.
Um halb zwei ist Schluss mit Schlafillusion. Ich starte wieder. 160 km liegen noch vor mir.
Im Dunkeln läuft es erstaunlich gut. Den historischen Bergbauort Mina de São Domingos passiere ich noch im Dunkeln.
Keine Hitze, keine Dramen – nur Kilometer. Steppe, Bäume, Wiederholung.
In Alcoutim perfekt getimter Bäckerstopp um 6 Uhr: Kaffee, Saft, Gebäck. Leben kann so einfach sein.
Dann wird gerechnet: drei Portugiesen hinter mir, 10 km. Motivation aktiviert. 16 km Vorsprung. Dann wieder nur 3. Das nennt man dann wohl „interessante Beziehung zum eigenen Hinterradfeld“. Ich gebe Gas.
Der Rio Guadiana begleitet mich, Spanien auf der anderen Seite. Kein Empfang, kein Stressabbau – großartig.
Und dann: Kreisverkehr. Ich bin zu schnell, denke nicht, das Rad denkt auch nicht mehr mit. Einschlag. Asphaltkontakt. Rutschen. Aufstehen. Aua.
Lenker schief, ich auch. Weiterfahren. Diskussion später. Die letzten Kilometer sind reine Willenssache. Kopfsteinpflaster in Vila Real fühlt sich schmerzhaft an.
Ziel. Platz 46 von 150.
Ich rolle rein, etwas unspektakulär für meinen Geschmack. Kein tosender Applaus, keine dramatische Filmsequenz. Nur Realität, ein paar klatschende Hände und ein sehr müder Körper.
Erst Enttäuschung, dann Stolz. Und dann diese Erkenntnis: Es war mehr, als ich mir selbst zugetraut hätte – bei dieser Hitze, dieser Strecke, diesem Abenteuer.
Und ja: es war ziemlich großartig. Trotz allem. Oder gerade deswegen.
Start nach einem umfangreichen und leckeren Frühstück bei Augustiner Etwa 70 Abenteuerlustige (in Anbetracht der zu erwartenden Verhältnisse) stehen 620 km vom Ziel in Nyons entfernt in den Startlöchern.
Los geht’s! Ich bin in der ersten Startgruppe und etwas verhalten geht es durch Freiburg mit seinen vielen Straßenbahngleisen. Ich schaffe es, an der Jungs-Gruppe dranzubleiben – anfangs allerdings eher unrhythmisch. Ich frage mich nur: wie lange?
Im Kopf geistert etwas herum. Was um Himmels Willen sind Geisteradler? Vor mir, auf dem Radweg, in großer weißer Schrift gepinselt. Mal auf dem Kopf, mal lesbar. Ist Freiburg eine besonders tierfreundliche Gemeinde? Nicht lange und mir geht der „Knopf auf“. Mir war das zweite „R“ im Wort entgangen: GEISTERRADLER!! Ich bin gerade so einer. Pendant zum Geisterfahrer. Zum Glück ist noch fast Nacht.
Raus aus den schützenden Häuserfronten knallt uns erst mal der von der Windy-App angedeutete Wind (harmlos ausgedrückt) entgegen. Mal von vorne (Windschatten erwünscht), mal in harten Böen von der Seite (Windschatten nützt exakt nichts). Meine Beine brennen schon jetzt vom ständigen Gasgeben zum Dranbleiben und Bremsen, um nicht auf den Letzten aufzufahren. Lange packe ich das nicht mehr. Es dämmert und ich muss sowieso mal ein Foto machen, also lasse ich die Jungs ziehen. Dafür stehe ich jetzt voll im Wind. Super Plan.
Meine Gedanken kreisen um Wetterphänomene. Was ist schlimmer – starker Gegenwind oder Regen? Ich kann mich nicht entscheiden. Nicht weit später am Tag werde ich es wissen …
Beim Frühstück hatte es einen Diskurs gegeben, wann es wohl zu regnen begänne. Mit meinen Berechnungen (inklusive App-Vertrauen) träfe das bei mir in etwa auf 100 Kilometer vom Start zu, also bei Montbéliard. Kurz vorher lächle ich etwas hämisch in mich hinein: Ist die Wetter-App wohl doch nicht so zuverlässig. Das hätte ich besser bleiben lassen. Genau 300 Meter vor Vollmachen des 100ers: der erste Tropfen. Ich kann mich nicht schnell genug anziehen, da öffnet der Himmel schon seine Schleusen – und zwar komplett. Und für Stunden.
Und jetzt kann ich auf die Frage von vorher auch eine Antwort geben: Was ist schlimmer, Gegenwind oder Regen? Ganz klar: Gegenwind UND Regen!
Ich bin zwar gut eingepackt, aber Regenfäustlinge und Regenüberschuhe halten nicht, was sie versprechen. In kürzester Zeit lassen sie Wasser durch. Zudem ist es kalt. Sehr kalt. Die Naturgewalten haben mich voll im Griff. Und der Tag ist nicht mal zur Hälfte um.
Der Gegen-„Sturm“ hat mich weiterhin fest im Griff. Kommt er von vorn (also fast ununterbrochen), fällt meine Geschwindigkeit auf 12–15 km/h. Meinen Berechnungen zufolge werde ich in diesem Schneckentempo (lach – LumacaGabi lässt grüßen) ohne Pausen für die nächsten 500 km wohl über 40 Stunden brauchen. Das bedeutet: nicht pünktlich im Ziel sein – und den Mini-Schlaf-Break im 24h-Hotel Ibis in Ambérieu kann ich abschreiben. Dabei hatte ich beim Buchen noch angenommen, dass ich irgendwann vor Mitternacht dort eintrudeln würde und nach einer heißen Dusche ein paar Stündchen schlafen könnte …
Am Rhein-Rhône-Kanal-Radweg entlang (Canal du Rhône au Rhin) ist es landschaftlich eigentlich sehr ansprechend. Ich kann es nur kaum genießen: Entweder brauche ich unsägliche Kraft zum Vorwärtskommen oder werde fast von seitlichen Böen vom Rad gefegt. Meine Taschen hinten bieten eine wunderbare Angriffsfläche. Aerodynamik vom Feinsten – leider falsch herum.
Zwischendurch verlässt mich die Motivation. So ein Kraftaufwand. Wer zwingt mich eigentlich dazu?
Ich halte an. Gerade kommt die Sonne mal hervor und ich krame in meiner Nussmischung. Stephan, Frank und das Tandem mit Christine und Thomas machen auch kurz Halt.
Immer wieder gemeinsam, dann wieder einsam geht es weiter. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Tandem bei einem Café anhalten. Christine wirkte vorher auch nicht so motiviert, meinte, sie seien schon zwei Stunden im Rückstand … Oje. Und ich? (Christine erzählt mir später in Bédoin, dass sie in Ambérieu den Weg des geringeren Widerstands – sprich: Zug – genommen hätten.)
Irgendwann ist Besançon erreicht. Die Festung sehe ich schon von Weitem. Und kurz darauf: die seit 195 km heiß ersehnte Boulangerie. Ich lasse mir beim Auswählen viel Zeit, denn leider gibt es in der warmen Stube keine Möglichkeit zu sitzen – und draußen, mit der Fensterbank als Tisch, ist es bitterkalt.
Weiter geht’s. Nun liegen knapp 90 Kilometer zwischen mir und der nächsten Kontrollstelle. Und dann nochmal 90 bis nach Ambérieu, wo ich mir einen Schlafplatz im Hotel Ibis gebucht hatte. Stress habe ich keinen – 24h-Rezeption. Im Vorfeld hatte ich mir ausgerechnet, dass ich vor Mitternacht ankommen sollte und dann bis 4 Uhr bleiben könnte. Die folgenden Kilometer rund um Lyon sollte man tunlichst vor dem um 5 einsetzenden Berufsverkehr zurücklegen.
Also erst mal los.
Landschaftlich geht es weiter wie gehabt: längs Kanälen, flach. Wenn nur der Gegenwind nicht wäre. Kanalaufwärts (!) ordentlicher Wellengang. Die Durchschnittsgeschwindigkeit erhöht sich nicht und die Beine sind nach 200 Kilometern im Dauereinsatz schon „ansatzweise“ müde.
Nach einem kurzen Wolkenfenster beginnt es wieder zu regnen. Gut, dass ich meine Regenhose heute noch nicht wieder ausgezogen habe. Regen? Was ist das? Es schmerzt im Gesicht. Hagelkörner!
Und ich kann gar nicht schnell genug denken, was Hagel im Sommer normalerweise bedeutet, da blendet mich ein greller Blitz und im selben Moment ein ohrenbetäubender Donner. Natürlich passiert das mir – mit meiner fürchterlichen Gewitterangst. Ich lege einen Zahn zu. Nur weg hier! Glücklicherweise bleibt es bei diesem einen Blitz.
Das Wetter gleicht Aprilwetter – obwohl noch nicht mal Ende März.
Im Wechsel: Regen, Hagel, Sturmböen, ein bisschen Sonne, über den Himmel rasende mehrschichtige Wolkenbänder, dann wieder bleiernes Grau.
Dann bietet ein Waldstreifen etwas Schutz. Ich radle wieder ein paar Kilometer zusammen mit Stephan und Frank. Wir klagen uns gegenseitig unser Leid und tauschen uns aus, wer schon alles das „sinkende Schiff“ verlassen hat. Später werde ich hören, dass sich auf den Bahnhöfen und in den Regionalzügen nicht wenige Randonneure mit Elektrounterstützung Richtung Süden aufgemacht haben.
Die letzten Bäume liegen gerade hinter mir – eine Böe erfasst mich voll und schiebt mich über die gesamte Straßenbreite in den gegenüberliegenden Straßengraben. Mit zitternden Knien steige ich ab und lege einige hundert Meter schiebend zurück. Wenn da ein Auto gekommen wäre … nicht auszudenken.
Eine Gruppe Kühe beäugt mich, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Haben vielleicht recht.
Vier Stunden für die knapp 90 Kilometer – und ich darf wieder ein Beweisfoto schießen für die digitale Brevetkarte. Beneidenswerte Gäste hinter der Scheibe der Pizzeria Le Grill. Stephan meint, ein bisschen weiter sei ein netter Kebab-Laden. Und so landen wir bei Devran.
Hier findet sich schon ein lustiges Grüppchen mit Christoph und Stephan. Ersterer bestellt mir auf Türkisch gleich mein Menü – inklusive Vorzugsbehandlung. Leckeres Ayran (Joghurtgetränk!) – danach lechzt mein Körper. Und mein allererster (!!) Döner im Leben. Köstlich. Nach einem Tag voller Süßkram ein echtes Highlight.
Mit den beiden – sie sollen später auch meine Ferienhaus-Mitbewohner in Bédoin sein – verlasse ich die warme Bleibe. Es ist längst dunkel geworden. Ein Berg vor uns dient dem Warmfahren (wie freundlich) und dreieinhalb Stunden später, weiteren 90 Kilometern, einigen Höhenmetern und ein paar Müdigkeitsattacken später rollen wir gemeinsam auf den Parkplatz des McDonald’s in Ambérieu-en-Bugey.
Halb eins. Mein Wunsch, weit vor Mitternacht hier zu sein, hat sich nicht ganz erfüllt.
Um 2 Uhr liege ich dann frisch geduscht in meinem Bett im Ibis. Der Wecker ist auf Viertel vor Vier gestellt. Schlaf findet sich leider nicht ein. Mein Zimmer ist geteilt und die ungewohnten Atemgeräusche meines Bettnachbarn sind nicht kompatibel mit meinem Schlafbedürfnis. Also döse ich ein wenig vor mich hin – und dann muss ich eh schon wieder aufstehen.
Als ich die Hoteltür aufdrücke – gegen eine kräftige Windböe – glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: Es schneit. Fröhlich trudeln die Flocken vom Himmel und beginnen sogar liegenzubleiben. Natürlich schneit es. Warum auch nicht.
Meine Hoffnung, durch frühes Losfahren dem Berufsverkehr auszuweichen, erfüllt sich anscheinend nicht. Große LKWs und rasende PKWs ängstigen mich. Haben die um diese Jahreszeit – und auch noch im Dunkeln – Radfahrer überhaupt auf dem Schirm?
Ohne Ablenkung beschäftigen sich meine – nach der gestrigen Gewalttour von 370 Kilometern verbliebenen – Gehirnzellen mit dem kommenden Tag. Zwar „nur“ knapp 250 Kilometer, aber die Berge drohen schon von meiner papiernen Höhengrafik-Karte. Wie soll ich das schaffen?
Ich muss spätestens um 21:00 Uhr in Nyons sein. Ich rechne und rechne. Mit der Geschwindigkeit vom Vortag wird das nichts. Hätte ich heute früh doch noch mindestens bis Crémieu fahren sollen? Aber bei der Kälte in der offenen historischen Markthalle schlafen? Eher nicht.
Als ich vorbeifahre, scheinen alle Randonneure, die dort übernachtet haben, schon ausgeflogen zu sein. Schlechtes Zeichen?
Ich zweifle weiter. Bin ich die Letzte, die noch durchhält?
Aussteigen wegen des Wetters? Kommt mir zum Glück nicht ernsthaft in den Sinn. Wäre auch logistisch schwierig gewesen. Also: weiter mit Muskelkraft.
Abgelenkt werde ich von riesigen Dampfschwaden und lichterbesetzten, gruselig in die Dunkelheit starrenden Türmen. Gänsehaut. Ich passiere wohl gerade das Kernkraftwerk Bugey.
Die Strecke führt mich nun einige Kilometer über einen Schotterabschnitt parallel zur Straße. Trotz zarter Rennradbereifung bin ich heilfroh, dem Verkehr zu entkommen, und rolle vorsichtig über den unebenen Untergrund.
Es wird langsam hell.
Vollbremsung. Etwas versteckt entdecke ich eine Boulangerie auf der anderen Straßenseite. Frühstück ist längst überfällig – und mehr als erwünscht.
Ich futtere mich in der warmen Gaststube durch das Sortiment. Verständigungsprobleme bescheren mir zwei Kaffeevarianten: einen Café au Lait und einen Cappuccino. Fragt mich nicht nach dem Unterschied – ich war einfach froh über beides.
Einige andere Fahrer trudeln ein. Also doch: Ich bin nicht die Letzte.
Irgendwann muss ich mich losreißen und starte wieder in die Kälte. Überraschenderweise weht immer noch starker Wind – aber ich kann es kaum glauben: Heute aus der richtigen Richtung. Rückenwind!
So erkläre ich es mir auch, dass ich trotz der unzähligen Anstiege heute doch noch pünktlich ankommen sollte. Nicht auszudenken, wie das mit Gegenwind gelaufen wäre …
Ich wage es sogar einmal, meine Regenhose auszuziehen. Bei diesem einen Versuch bleibt es auch, denn kurz darauf bricht wieder ein Guss über mich ein. Die Wetterkapriolen gehen munter weiter – diesmal gern auch in Form von Schneeschauern.
Vor allem auf den höchsten Punkten (die gerade mal auf 600 m liegen!) bläst der Sturm die Flocken quer über die Strecke. Nach dem Col de la Croix geht es erst einmal länger bergab – zumindest theoretisch. Denn bei jedem noch so kleinen Gegenanstieg brennen meine Oberschenkel ordentlich.
So früh im Jahr eine solche Gewalttour – der Körper meldet sich.
Immer wieder überhole ich Matthias oder werde von ihm überholt. Wortlos.
Beim x-ten Mal, als ich wieder anhalte, um irgendetwas an- oder auszuziehen oder in meiner Tasche zu wühlen, frage ich mich kurz, ob Matthias vielleicht denkt, ich würde ständig auf ihn warten … Vielleicht, um „anzubandeln“? 😄
Wie froh bin ich, als ich bei Kilometer 550 rechts abbiegen darf. Nicht auszudenken, wenn wir – wie ursprünglich geplant – durch den Naturpark Vercors hätten fahren müssen, mit Léoncel auf über 900 m. Die schneebedeckten Höhen sehe ich von Weitem. Nein danke.
Zwar sparen wir uns diesen einen langen Anstieg, aber höhenmäßig wird es nicht wirklich einfacher. Ständiges Auf und Ab. Teilweise richtig giftige Rampen.
Dann plötzlich: Der Track verlässt die Straße und führt auf einen Wanderweg. Aha?
Ich schiebe. Einen Grund wird es schon haben. Matthias vor mir macht es genauso.
Raufschieben, steinig wieder runter, dazwischen einen umgestürzten Baum überklettern – und ich stehe wieder neben der Straße. Erleichterung! … die genau zwei Sekunden hält.
Es geht nicht auf der Straße weiter. Sondern wieder über diesen Weg.
Andere sind schlauer und bleiben einfach unten. Ich nicht. Ich will ja keinen DSQ riskieren.
Also wieder rein ins Gestrüpp, durch Büsche und Himbeer-Ranken. So bin ich halt. Wie ein Fähnchen im Wind – ich mache brav, was von mir verlangt wird.
Die Motivation sinkt nach einem weiteren 20%-Anstieg spürbar. Da rollen Horst und Karl heran. Ich hänge mich dran. Ein bisschen Plaudern hilft erstaunlich gut gegen Leiden und Kopfkino.
Gemeinsam erreichen wir den Kontrollpunkt beim Mairie von La Baume-Cornillane. Hier treffen wir plötzlich auf einen ganzen Pulk Randonneure. Wo kommen die denn alle her?
Nebenbei löst sich auch mein Rätsel: Mairie = Rathaus. Wieder was gelernt.
Mit Horst und Karl rolle ich weiter. In rasanter Fahrt geht es runter nach Crest.
Vielleicht etwas zu rasant.
In einer scharfen Rechtskurve sehe ich Horst vor mir auf der nassen Straße wegrutschen. Das Hinterrad geht weg, der ausgeklickte Fuß versucht zu retten, was noch zu retten ist. Vergeblich.
Er überschlägt sich mehrfach und stürzt die Böschung hinunter. Auf allen Vieren landet er unten auf dem Acker.
Karl und ich helfen ihm wieder hoch. Rad: ok. Horst: bis auf einen Kratzer erstaunlich ok. Meine Knie: zittern.
In Crest muss ich erst mal pausieren. Milchkaffee und Pain au Chocolat. Es ist inzwischen fast drei. Noch zwei Berge.
Werde ich die Maximalzeit schaffen?
Zu den beiden Anstiegen lässt sich nur sagen: Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt.
Ich starte. Matthias überholt mich wieder – genau in dem Moment, als ich wegen eines blauen Wolkenfensters meine Regenhose ausziehe.
Der Wind schiebt mich den Col du Lauzon hinauf. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus: hohe Felswände, eine beeindruckende Schlucht. Der Sturm erfasst unten das Wasser und schleudert es nach oben. Ein Regenbogen ist zu erahnen – leider nur schemenhaft.
Auf der Passhöhe: natürlich wieder Schneesturm. Also: schnell runter und Regenhose wieder an.
Im Tal dann: das erste Lavendelfeld vor spektakulärer Felskulisse. Wir sind in der Provence.
Ein letzter, langer Anstieg zum Col de la Sausse. Mit Rückenwind geht es erstaunlich gut – bis auf die letzten Meter. Richtungswechsel. Und plötzlich wird Radfahren fast unmöglich.
Ich habe kurz Sorge, vom Rad geweht zu werden. Trotzdem will ich unbedingt mein Erinnerungsfoto am Passschild.
Absteigen wird zur Herausforderung. Auf einem Bein stehen? Schwierig. Rad loslassen? Risiko. Aber es klappt.
Die Abfahrt danach wird… sagen wir: denkwürdig. So starke Seitenböen habe ich selten erlebt. Wie ich unten ankam, ist eine Mischung aus Können, Glück und vermutlich Schutzengel.
Dann, es dämmert bereits, rolle ich in Nyons ein.
Ich kann es kaum glauben. Was ich auf diesen 620 Kilometern erlebt habe, passt eigentlich auf keine Kuhhaut – geschweige denn auf eine Word-Seite.
Der angenehme Teil folgt: Herzliche Aufnahme bei Margriet und Eric, gemütliche Fahrt nach Bédoin mit Daniel, ein tolles Ferienhaus mit netten Radfahrkollegen.
Der Ventoux: wegen des Sturms nur bis Le Chalet Reynard (ja, ich gebe es zu – ich bin ein Weichei 😄). Dafür eine Traumabfahrt durch die Gorges de la Nesque.
Und schließlich die Rückreise mit dem Zug ab Avignon. Selbst die TGV-Fahrt mit Rad wird noch einmal abenteuerlich. Anleitung für das Verpacken des Rades: siehe weiter unten!
Schön war’s!!!
Vorher …
Die Anmeldung hatte es schon in sich: Punkt Mitternacht, in den ersten Sekunden des neuen Jahres. Bevor andere mit Sekt anstoßen oder längst selig schlummern, amüsierte ich mich traditionell vor dem Fernseher bei „Dinner for One“ mit „The same procedure as every year“, in den letzten Sekunden des alten Jahres saß ich dann schon etwas verschlafen vor dem Rechner. Eigentlich wollte ich ja früh ins Bett – aber die Startplätze sind angeblich wenige Minuten nach Mitternacht restlos vergeben. Also: Frohes Neues – Klick!
Das Event findet in der letzten Märzwoche statt. In unseren Breiten ist da eher „Übergangsjacke mit Handschuhen“ als Frühlingsgefühle angesagt. Etwas über 600 Kilometer führen von Freiburg im Breisgau nach Nyons – Zeitlimit: 40 Stunden. Klingt sportlich. Ist es vermutlich auch.
Rückfahrt mit TGV … hier muss man sein Rad „verstecken“. Ich habe aus Fallschirmseide eine Hülle genäht, klein zusammenlegbar, leicht und das Rad „verschwindet“ darin schnell. Hier, wie ich es gemacht habe. Hier ein eine Anleitung.
Das lief vorher so ab …
Die Begeisterung bekam nach der Anmeldung einen kleinen Dämpfer, als ich das „Drumherum“ studierte. Zuerst die Anreise mit dem Zug nach Freiburg. Ich + Rad + Zug = latente Nervosität. Kommt der Zug pünktlich? Erreiche ich die Anschlüsse? Ist der Fahrradplatz wirklich frei? Ein Abenteuer vor dem eigentlichen Abenteuer.
Dann die beiden Brevettage, an denen ich hoffentlich Nyons pünktlich erreiche. Am nächsten Tag fährt, wer möchte, weiter nach Bédoin – unter die Südseite des Ventoux, denn im März ist die Nordseite meist noch gesperrt. Kleine Randnotiz: Bédoin war natürlich ausgebucht. Zeitgleich findet eine Laufveranstaltung statt. Großartig.
Also Planspiel: Auto einen Tag vorher nach Bédoin bringen? Dann mit dem Zug (noch so ein „Rad-im-Zug-Tag“) zurück nach Freiburg zum Start? Logistisch eine kleine Doktorarbeit.
Und nach dem Sturm auf den Ventoux? Zurück mit dem Zug. TGV + Rad bedeutet: Radtasche. Der Drahtesel muss als harmloses Gepäckstück getarnt reisen. Für zwei Tage Brevet darf ich also eine ganze Woche einplanen. Effizienz geht anders.
Immerhin: Das Unterkunftsproblem in Bédoin hat sich inzwischen charmant gelöst. Ich darf mit sieben anderen Randonneuren ein Apartment teilen – was vermutlich mindestens so unterhaltsam wird wie der Ventoux selbst.
Und ich habe mir aus Fallschirmseide ein „Kleidchen“ für meinen Renner genäht. Sehr schick, sehr leicht – nur das Einpacken muss ich noch üben. Momentan schlackern die Einzelteile noch etwas zu sehr im Paket. Der Ventoux wird (hoffentlich) bezwungen – aber zuerst muss ich die Packtechnik üben.
Eigentlich bin ich wieder voller Vorfreude: Züge gebucht, Unterkünfte organisiert, alles geplant. Wenn ich da nicht heute Morgen beim Frühstück zwei Abenteuerberichte aus 2018 gelesen hätte. Miserables Wetter. Eisiger Wind. Regen. Dramatische Schilderungen.
Hier die Links dazu – danach werdet ihr mich vermutlich nicht mehr beneiden 😉
Und auch heuer gab es leider kein Audax Randonneé Solstizio d’Inverno, das sonst von Fabio Albertoni organisiert wurde. Also hieß es wieder: selber machen.
Wasserkrippe in Cassone
So gingen wir erneut alleine auf die nächtliche Runde um den Gardasee. Rund 200 Kilometer und 1.200 Höhenmeter später war klar: Es war jede Pedalumdrehung wert.
Eingeladen hatte ich über Instagram und Facebook, außerdem wurde die Runde als JOINME! auf der Skinfit-Website angekündigt.
Am Ende standen 12 Leute in Arco am Start: Umberto aus Trient, die beiden Mädels Margy und Gaia, drei Jungs aus dem Raum Turin (Marco, Gabriele und Massimo), Andrea aus Linz, Uli aus München, Christian und ich aus dem Raum Brixen sowie Michael und Benjamin aus dem Vinschgau.
Lazise
Gemeinsam rollten wir los Richtung Norden. Jede*r im eigenen Rhythmus, ganz ohne Druck. Unterwegs fanden sich immer wieder kleine Grüppchen – genau so, wie es sein soll vier Tage vor Weihnachten.
Nach der ersten Schleife über die Nordrunde (Arco – Radweg Richtung Sarche – Toblino-See – entspannt zurück nach Arco) trafen wir uns bei Kilometer 45 wieder.
Wer mochte, legte eine Pause ein: Die Bar Centrale in Arco hatte bis Mitternacht geöffnet – perfektes Timing.
Peschiera
Danach ging es im Uhrzeigersinn rund um den Gardasee. Bei Kilometer 111 stand der nächste Boxenstopp an: Energie nachladen bei McDonald’s in Peschiera (am Wochenende nachts bis 2 Uhr offen – wer hätte das gedacht?).
Die Vinschger waren schon wieder unterwegs, als ich dort ankam, kurz darauf war der Rest der Truppe wieder komplett. Essen, aufwärmen, weiter.
Sirmione, Desenzano, Saló … dann durch die Tunnel der Gardesana Occidentale, vorbei an Limone, Riva und zurück nach Arco. Die Gruppe zog sich etwas auseinander – ich „musste“ zum Beispiel immer wieder stehen bleiben, um die Weihnachtsbeleuchtung zu fotografieren. Man kann ja nicht einfach dran vorbeifahren.
Als ich schließlich wieder in Arco einrollte, kündigte ein feiner lila Streifen am Himmel bereits die Morgendämmerung an. Am Parkplatz folgte noch eine kurze Verabschiedung – alle happy, alle zufrieden.
Obwohl es unterwegs kaum unter 4 Grad hatte, war es am Parkplatz neben dem Fluss deutlich kälter: Raureif am Dach, mein Auto-Aufstelldach war zugefroren. Also verzichteten wir drei auf eine Schlafpause und packten unsere sieben Sachen zusammen.
Erstaunlich, welches Chaos ein paar Sachen anrichten können. Räder verstaut – meines hinter dem Sitz, Andreas und Ulis auf dem Heckträger – los ging’s.
Und dann kam der Moment, der mir heute noch in den Knochen steckt.
Beim Wegfahren fragte ich Uli noch, ob die Räder wirklich gut festgezurrt seien – und ob die rote Bandschlinge als zusätzliche Sicherung montiert sei. „Wozu denn?“ Ich erzählte ihm meine Geschichte vom Tuscany Trail, wo mir fast zwei MTBs auf der Autobahn verloren gegangen wären. Die Bandschlinge blieb trotzdem nutzlos hinter meinem Sitz.
Irgendwann auf der Autobahn hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich fragte Andrea, die hinten saß, was das gewesen sei. Sie schaute zum Radträger und rief: „Da ist nur noch ein Rad.“ „Du machst Witze“, sagte ich. „Nein!!!“
Pannenstreifen. Anhalten. Fünf Meter hinter dem Auto lag Ulis Rad.
Erstmal Schockstarre. Die beiden zogen Leuchtwesten an, stiegen aus. Auf den ersten Blick schien das Titanrad unversehrt – bis auf den fehlenden Spiegel. Später stellte sich heraus: dem Rad ist wirklich nichts passiert. Mehr Schaden hatte mein Setup: Die rot-weiße Warntafel war kaputt, zwei Befestigungen am Träger, die Felgenschuhe, waren weg – wie und wohin, bis heute ein Rätsel.
Der Schreck sitzt tief. Mein Fehler war klar: Ich hätte darauf bestehen müssen, die Räder zusätzlich zu sichern. Also: Leute da draußen – verlasst euch nicht nur auf die Befestigungen am Radträger! Sichert zusätzlich. Mit Bandschlinge, Gurt, was auch immer.
Was hätte passieren können, mag man sich gar nicht ausmalen: ein Rad auf der Fahrbahn, ein nachfolgendes Auto, ein Unfall …
Da die Audax Randonneé solstizio d’inverno, organisiert von Fabio Albertoni, leider in diesem Jahr (vorübergehend) nicht stattfindet, habe ich mir überlegt, ob wir an diesem besonderen Tag nicht trotzdem auf die nächtliche Fahrt um den Gardasee gehen. 200 Kilometer mit 1200 Höhenmetern haben wir vor uns.
Und das war mein Skinfit JOINME!
Treffpunkt ist Arco, Bar Ai Conti, Abfahrt 19:30
Mit der Radfahrt um den Gardasee feieren wir die Winter-Sonnwend-Nacht, die längst Nacht des Jahres. 7 Leute finden sich pünktlich ein, 3 Mädels und 4 Jungs. Zunächst geht es auf dem Radweg Richtung Norden, dabei sind einige Höhenmeter zu überwinden.
Vorbei ging es am am nächtlich dunklen Toblino See bis nach Santa Massenza. Hier ist, wie die Italiener sage „giro di boa“, das heißt, hier drehen wir um und rollen auf demselben Weg hinunter und zurück nach Arco. Angetrieben werden wir von italienischen Schlagern, die aus der Lautsprecherbox von Doris schallt. Mit Einschlafen auf dem Bike ist nix …
Auf jeden Fall ist auf dem Radweg etwas Vorsicht geboten, besonders bei den Abfahrten, denn um diese Jahreszeit könnte es auch mal glatte Stellen geben. Heute aber nicht, alles ist trocken und die Temperatur ist gnädig mit uns, noch …
Zurück in Arco stärken wir uns im Café Centrale mit heißem Getränk😂 . Dann starten wir zur Gardasee-Runde und zwar im Uhrzeigersinn. Die Gruppe spaltet sich nun etwas, denn ein Grüppchen lässt sich etwas mehr Zeit. Peter, Umberto, Jasmin und ich fahren langsam vor, um nicht zu viel auszukühlen. Hermann startet auch irgendwann, entscheidet sich dann aber -wegen der Weihnachtsfeier in der Nacht zuvor- es nach 50 Kilometern gut sein zu lassen und sich in den warmen Schlafsack zurückzuziehen. Auch Ulrich und Doris machen sich wieder auf den Weg.
Wie immer sind die Dörfer rund um den See schön weihnachtlich geschmückt, es gibt kaum ein paar Meter Dunkelheit. An mehreren Orten sind sehr malerisch Unterwasserkrippen installiert.
Nach angenehmem Auf und Ab erreichen wir Peschiera und wärmen uns beim McDonald’s auf. Als Gruppe 1 grad wieder aufbricht, kommen Doris und Uli. Sie werden in Limone frühstücken, bevor sie sich in ihrem Appartement noch ein paar wohlverdiente Stündchen Schlaf gönnen.
Riva
Aber zunächst müssen wir entlang des Südufers und dann noch einige Höhenmeter überwinden Richtung Norden über die Gardesana Occidentale mit ihren zahlreichen Tunnels, in der Nacht glücklicherweise autofrei.
Die Fahrt ist ein herrliches Lichter-Spektakel, durch die weihnachtlich geschmückten Gardasee-Orte. Da der See temperaturausgleichend wirkt, ist es gar nicht sooo kalt. Und wie immer erstaunlicherweise mitten in der Nacht, ab drei, halb vier lautes Vogelgezwitscher und das am Winteranfang.
Es ist noch dunkel, als wir die Runde beschließen. Nach einem Zielfoto brechen alle in unterschiedliche Richtungen auf, um sich noch etwas auszuruhen. Schön war es. Danke an die Teilnehmer*innen, es war schön mit euch!! Danke an unser „Baby“ Jasmin. Nett, dass du mit uns „alten Hasen“ gefahren bist. Hochachtung vor Umberto, der auf den 200 Kilometern mit seinem Brompton super mithalten konnte.
~ We Who Travel Have Stories To Tell ~ ~ Wir, die reisen, haben Geschichten zu erzählen~
Und wie viel es wieder zu erzählen gibt, konnte ich mir im Vorfeld des Panceltic Ultra, kurz PCR, nicht vorstellen …
Panceltic Ultra Race in Kürze: Eine rund 2400 Kilometer lange Radstrecke mit Start und Zeitfahren auf der Isle of Man, um dann die schottische Küste mit Isle of Mull und Isle of Sky abzufahren bis zum Ziel in Inverness. Veranstalter Web-Site
Nur wenig Zeit zum Lesen? Britta von Skinfit hat eine wunderbare Zusammenfassung meines Abenteuers erstellt.
Mein Roman …
Auftakt: Zeitfahren auf der Isle of Man:
Bekannt ist die Insel wegen des im Motorsport berühmtberüchtigten TT, der Tourist Trophy, bei der die Motorradfahrer eine Runde von gut 60 Kilometern 6-mal bewältigen müssen. Schnellste Rundenzeit sind unglaubliche 17 Minuten. Trauriger Rekord von bisher über 250 tödlich Verunglückten. Wir Radfahrer gehen das gemütlicher an.
Für mich ist es schon im Vorfeld des Rennens aufregend. Der Hinflug: Kommt mein Rad rechtzeitig an bzw. wird es mit der Lithium-Batterie in der Sattelstütze überhaupt mitgenommen … (ich bin gebranntes Kind von meiner GBDuro- Heimreise )
Kann ich mich bei meiner Gastfamilie Jaqui und Richard überhaupt verständigen mit meinen mageren Englischkenntnissen? Beim Rad-Zusammenbauen dann der Schreck: Die Schaltung funktioniert nicht, die Shimano DI2 ist „tot“. Richard fährt mich über die Insel zum Mechaniker, das Rennen kann kommen! Die Aufregung wird immer größer … Hier tausend Dank an Jaqui und Richard für die herzliche Aufnahme, die Taxidienste und und und …, auf Revanche!!!
Nacht eins: 157 km/ 2900 Hm: über die Isle of Man
Am Samstag, 6. Juli ist es dann soweit. Die Teilnehmer versammeln sich bei Douglas. Registrierung und ein Schwätzchen da und dort. Meine Aufregung wächst. Sie ist aber vorbei, als es endlich losgeht. Wir werden nach einem Briefing (bei dem ich ehrlich gesagt nicht alles verstehe) in Gruppen auf die Strecke geschickt. Glücklicherweise darf ich in einer der ersten Gruppen starten, ich muss die 157 Kilometer lange Runde bis spätestens halb acht Uhr am nächsten Morgen geschafft haben, denn dort treffen sich alle wieder auf der Festlandfähre.
Schon auf den ersten Kilometern bekomme ich einen ersten Geschmack über das, was mich in den nächsten Tagen erwarten wird: steilste Anstiege. Oje, bei meinen etwa 20 kg Rad & Gepäck eine Herausforderung. Die Landschaft auf der Insel und das Zusammentreffen mit netten Gleichgesinnten lässt mich das vergessen und noch sind die Beine ja frisch. Auf Halb-Weg ein etwa 400m hoher Berg. Das Wetter hält sich nicht an die Wettervoraussagen, hier auf der Nordseite der Insel beginnt es zu regnen; ich lege meine Regenkleidung an und fahre weiter.
Auf dem höchsten Punkt schüttet es wie aus Kübeln und da es hier baumlos und ungeschützt ist, greift noch dazu der Wind scharf an, es ist eisig kalt -nicht mehr als 5°C, und ich zittere wie Espenlaub. Ich sehe kaum mehr etwas auf der steilen Abfahrt und der Lenker überträgt mein Schlottern auf das Rad. Ich schlingere vorsichtig bergab. Warm wird es mir erst wieder, als ich die Meeresquote erreicht habe und die nächsten Anstiege warten. Mein Garmin gerät glaubt mich wieder mal auch hirnmäßig fordern zu müssen.
Auch das noch: Die Karte mit der Strecke zeigt sich wieder mal als genordet. Das heißt, ich muss bei jeder Richtungsänderung denken, wohin ich nun abbiegen muss, nicht einfach, da ich ja schon mit dem Linksverkehr sehr gefordert bin jetzt an den ersten Tagen. Mehrmals verfahre ich mich. Aber ich bin gut in der Zeit und kann den Tagesbeginn um etwa 3:30 Uhr genießen. Die Aussicht auf der Küstenstraße ist genial. Gegen 5 Uhr habe ich mein Ziel erreicht. Sachen trocknen, frühstücken, dann geht es auf die Fähre. Die 4 ½ Stunden auf der Fähre kann ich etwas ausruhen, aber an viel Schlaf ist im Kinder-Spielbereich leider nicht zu denken. Zudem stelle ich meinen Wecker viel zu früh, die Fähre war verspätet abgefahren und somit verzögert sich die Ankunft.
Tag eins (128 km/ 1800 Hm): Heysham – Ambleside
Am Festland gibt es nochmal eine Versammlung aller Teilnehmer*innen und dann die sehnlichst erwartete Ansprache des „Clan-Chefs“ Mally. Und endlich dürfen wir los, getrennt nach MO (Magnum Opus Rider hatten im Vorfeld schon einen herausfordernden Bewerb hinter sich gebracht und mussten pünktlich beim Start sein, berechtigt waren Fahrer, die mindestens zwei PCR gefinisht hatten), und dann kamen die Fahrer der kurzen und langen Strecke dran, der Short Route (1736km/ 19.546 Hm) und Full Route (2393 km/ 26.931 Hm).
Endlich geht es los. Es ist schon fast 15:00 Uhr und ich hatte im Vorfeld schon die Vermutung, dass ich an diesem ersten Renntag nicht sehr weit kommen würde. Allerdings war mein Plan der, dass ich noch über den Hardknott-Passs hinter mich bringen wollte und dann eine Schlafpause einlegen. Mein Plan wurde also schon hier am ersten Tag durcheinandergebracht. Eine durchfahrene Nacht reichte mir, ich switchte um, möchte nun in einem Hotel übernachten und nehme die Buchung unterwegs vor. Das ist eine der PCR-Regeln, man darf Unterkünfte nicht im Vorfeld buchen und man darf keine Hilfe von anderen annehmen, die nicht auch für alle anderen Teilnehmer*innen verfügbar ist. Mein Ziel an diesem Tag ist Ambleside, ein Ort im wunderschönen nordenglischen Lake District. Ganz leicht gehen die etwa 130 Kilometer nicht herum, da mir eine kräftige Brise entgegenweht.
In Ambleside checke ich ein, lasse verbotenerweise mein Zelt und Proviant hinten und gehe noch auf die 18 Kilometer lange Runde. Die 440 Höhenmeter bringen mich in eine sehr schöne Gegend, die fast alpin anmutet und unseren Almregionen ähnelt. Die Steilheit der Anstiege tut ganz schön weh. Zurück im Ort stocke ich im Supermarkt noch meine Vorräte auf. Die Supermärkte haben in UK glücklicherweise von frühmorgens bis meist 23:00 Uhr geöffnet und das 7 Tage in der Woche.
Schon kurz vor dem Wecker um 3:00 Uhr wache ich auf, packe, esse eine Kleinigkeit und sitze bald wieder im Sattel. Wrynose Pass und Hardknott stehen an. Das Kopfzerbrechen, eine Morgen-Bergtour vor mir zu haben, bewahrheitet sich: Die Straße auf den Wrynose Pass ist mit einer Steigung von bis zu 30 Prozent eine der steilsten in England. Die Steilheit zwingt mich nicht nur an einer Stelle vom Rad. Und an der steilsten Stelle komme ich -kaum zu glauben- auch zu Fuß kaum hoch, immer wieder rutschen meine MTB-Schuhe auf dem glatten Asphalt ab. Sowas hatte ich vorher noch nie erlebt. Auf dem höchsten Punkt wunderbarer Sonnenaufgang. Dasselbe gilt für den Hardknott Pass: auch hier ist Wandern angesagt. Auf den sehr steilen Abfahrten halte ich meinen Lenker sehr verkrampft. Erleichterung dann am Bergfuß, meine Motivation steigt wieder. Erst recht, als ich dann wenig später in einem kleinen Supermarkt einen Latte Macchiato und frisch gepressten Orangensaft bekomme. Ab und zu ein kleines Schwätzchen mit anderen gut bepackten Radfahrern. Nicht alle glauben mich zu verstehen oder verstehen mich wirklich nicht: wahrscheinlich rede ich einen schönen Quatsch mitunter, aber es geht immer leichter mich „aufzudeutschen“, äh „aufzuenglischen“ – gibt es das?
230 Kilometer liegen vor mir, ich habe vor, in der Kontrollstelle ein paar Stündchen zu schlafen, im Freien ist es unerwartet kalt, zum Teil nur 3-4°C
Sind die Steigungen über 15-16% knarzt irgendwas an meinem Rad ganz fürchterlich. Was ist das? Die Kurbel? Ist vielleicht das Tretlager kaputt? Komme ich überhaupt bis nach Inverness? Radläden gibt es nur wenige an der Strecke. Würden meine Beine auch so knartzen, gäbe es ein ganz schönes Konzert. Die Steigungsangaben auf meinem Navi sind teils erschreckend: meine Beine sind schon froh, wenn als Farbe nur ein Mittel-Dunkelrot angezeigt wird und nicht ein Dunkel-Dunkelrot. Immer wieder ein paar Meter zu Fuß. Schenkt mir ja niemand was, wenn ich mich im Sattel hochquäle. Ich bin froh um meine MTB-Schuhe. Im Laufe des Rennens sehe ich bei einigen Teilnehmern völlig ruinierte Rennrad-Schuhprofile.
Nach einigem Auf und Ab komme ich nach Braithwaite. Ab hier gibt es wieder eine Schleife durch die Berge. Im Dorf kommen mir Fahrer entgegen. Die Glücklichen haben die Runde wohl schon absolviert. Zwei hohe Berge sollten es sein. Beim ersten, dem Newlands Pass sehe ich schon von Weitem, dass dort Leute hochwandern. Oje! Und dieser sollte noch der gnädigere Pass sein. Hatte ich mich vor Wrynose und Hardknott gefürchtet, so hatte ich diese beiden gar nicht so auf dem Schirm gehabt.
Auch der nun anstehende Honister Pass hat Steigungsprozente von über 25% zu bieten und ich muss sicher über 2 Kilometer hinauf wandern. Anstiege mach ich im Grunde ja, aber wenn die dann so steil sind, dass man beim Schieben zurück rutscht und die Bremse krampfhaft umklammern muss, um nicht das Rad mitzuziehen, dann ist das weniger lustig. Die Abfahrt ist dafür traumhaft und ein paar Stündchen später bin ich wieder in Braithwaite und nun bin ich die, die mitleidig auf die ankommenden Radfahrer blicke, die die Schleife noch vor sich haben. Im Shop, den sehr nette Frauen führen, gibt es leckeres Essen und ich gönne mir einiges. Anscheinend glauben die Damen, ich bestelle für zwei, denn ich bekomme zwei Gedecke und zwei hoch beladene und lecker garnierte Teller serviert. Zum Abschluss noch ein Dessert und ein Latte, so heißt hier der Latte Macchiato – natürlich wie immer mit zweimal Zucker, man gönnt sich ja sonst nichts.
Weiter geht es über einige Hügel, immer wieder zwingt mich die Steilheit vom Rad, dann wird es nahezu eben, viele Kilometer lang, die Route führt entlang des National England Coast Path, manchmal bis zur Mitte zugewachsen und ich muss durch das Gras pflügen. Müdigkeit überkommt mich und ich mache einen kurzen Powernap-Stopp auf einer Parkbank. In der Ferne hört man Donnner-Grollen. Es war wohl eine gute Wahl so früh aufzustehen, denn dunkle Wolken dräuen über den Bergen, die ich gerade hinter mir gelassen habe. Die jetzt da hoch müssen, fahren wohl im Gewitter. Es fängt an zu tröpfeln und so mache ich mich ohne Nickerchen wieder auf den Weg.
Der Radweg führt nun am Meer entlang, dann biegt er wieder ins Landesinnere ab. Es geht durch landwirtschaftliches Gelände. Ich treffe immer wieder die gleichen drei Radfahrer. Irgendwann geht nichts mehr, wir stehen allesamt im Stau und das bestimmt 20 Minuten lang. Vor uns ein offenes Gatter und von der Weide begeben sich unzählige Kühe gemächlich in Richtung Stall. Immer wieder stockt es, da nachkommende Kühe erst mal stehen bleiben und gucken müssen, wer da steht, nämlich wir Radfahrer. Endlich ist das Ende erreicht, ein Traktor treibt die letzten vor sich her. Nun kommen auch wir wieder in Schwung. Der Boden ist allerdings total verdreckt. Meine Räder starren vor Kuh-Kacke und wohin die Soße überall hin gespritzt ist, möchte ich gar nicht wissen. Oje!
Die fast hundert Kilometer gehen recht flott von der Hand, ich erreiche die schottische Grenze. Nanu, ich dachte, ich sei schon längst in Schottland. Der Grenzort, Gretna Green, ist berühmt. Der Ort wurde über 200 Jahre lang von minderjährigen Paaren aus England, bald aber auch aus Teilen des übrigen Europas zur Hochzeit aufgesucht, weil sie hier ohne Erlaubnis der Erziehungsberechtigten eine Ehe schließen konnten.
Kurzer Tankstellenstopp, wer weiß, wann ich am nächsten Tag wieder die Möglichkeit bekomme mich zu versorgen … laut meiner Planung stehen abgelegene Gegenden an …
Ich treffe auf Caudia Gugole, eine Radfreundin aus Italien, die die short Route fährt und zusammen rollen wir im CP1 im Dorfgemeinschaftshaus Kirkpatrick-Fleming ein. Nach dem anstrengenden Tag und den beiden Tagen ohne viele Leute um mich ist das „Gewusele“ am Kontrollpunkt mir irgendwie zu viel. Vermutlich mache ich einen irgendwie verwirrten Eindruck und weiß in der fremden Sprache zunächst glaube ich nur Blödsinn zu antworten. Oje, oje! Ich esse und trinke was, Katzenwäsche und schaue mich in der Turnhalle um, in der ich mein Schlaflager aufbauen kann. Wie erwartet ist es dort nicht still, Schnarchen, auf Matten Rumgerutsch, … es ist für mich Schlafsensibelchen fürchterlich laut. Zu meinem Ohrstöpseln habe ich immer schon ein gestörtes Verhältnis, sie ploppen immer gleich wieder aus den Ohren raus und genervt stehe ich nach sicher nicht mehr als 2 Stunden Ruhe wieder auf, packe meine Sachen. Warum ich dabei immer so viel Zeit verliere, ist mir rätselhaft, aber es ich mir wichtig, alle Sachen an ihrem definierten Ort zu verstauen, damit ich sie jederzeit schnell wiederfinde.
Kleiner Diskurs zum Thema Gepäck: Schlafsack, Zelt, Zeltunterlage, Matte und Kopfkissen kommen in die Lenkerrolle, Zeltgestänge, Schlafgewand, Esssachen und Regenzeug in die Seitentasche (Tailfin Pannier). In meine Tailfin Top Bag auf dem Carbon Rack hinter meinem Sattel kommen alle Dinge, die ich nicht regelmäßig brauche, wie Werkzeug, Reiseapotheke, Wechselkleidung, eiserne Reserve bezüglich Verpflegung (die ich aber unangetastet wieder mit nach Hause bringen werde, 2 gefriergetrocknete Mahlzeiten, einige Gels und Riegel). Das ist noch so eine Sache- ich hamstere: Ich schleppe Esssachen und Wasser zur Genüge mit über die Berge, verbrauche sie erst kurz bevor ich neues bunkern kann, das heißt zum Beispiel in Sachen Wasser, zwei Flaschen, eine große mit einem Liter und eine kleinere sind am Rad. Die kleine trinke ich immer aus, einen großen Teil der zweiten Flasche schütte ich meist aus, wenn es neues Wasser gibt. Ist das nicht krank? Aber ich will keinesfalls auf dem Trockenen sitzen bleiben. Jetzt kann man verstehen, warum mein Rad mit Gepäck über 20 Kilogramm wiegt, ich will gewappnet sein für alle Fälle. Aber schnell über die Berge kommen geht da nicht. In meinem Foodbag der am Lenker baumelt ist mein Smartphone verstaut, Schloss und verschiedene Kabel. Aller möglicher Krimskrams findet Platz in meiner Unterrohrtasche und in der Oberrohrtasche schnell zugängliches Essen, wie Studentenfutter, ein paar Kekse sind auch immer griffbereit (unterwegs werde ich rausfinden, dass die Kekse mit Ingwer mir super schmecken und gut verdaulich sind).
Noch schnell einen Kaffee und ein Toastbrot mit Erdnusscreme und Orangenmarmelade, Verabschiedung von den netten Helferinnen und Helfern und los geht es nach der Pack-Orgie in Tag drei … Ich werde schon mal vorgewarnt, dass es heute regnen soll. Ab 8:00 Uhr. Zzzz, wie soll das denn gehen, das auf die Minute vorauszusagen?
Tag drei: 266 km/ 2000 Hm: Kirkpatrick (CP1) – Port Patrick
Es dämmert gerade, drei Uhr ist gerade vorbei. Ich bin 70 Kilometer hinter meinem Plan, das werde ich wohl nicht mehr aufholen … Ob ich wohl pünktlich finishen kann? Mein Heimflug ist gebucht, ich darf mich nicht verspäten.
Meine Fahrt geht super flott voran, so liebe ich es: etwas rauf und runter und keine megasteilen Anstiege wie gestern. Überhaupt, die letzten 100 km gestern waren platt, da bekommt man nur „dicke Beine“, immer dieselben Muskeln in Bewegung, nix für mich. Nach 30 km überholt mich das erste Auto. Fein, so einsam! Sonnenaufgang, die Luft ist irgendwie seltsam, so feucht kalt, Regen kündigt sich wohl an. Kurzer Blick auf die Uhr, ach ja, in eineinhalb Stunden soll es losgehen. In Dumfries ist natürlich noch nichts offen und mein Wunsch nach einem Latte wird wohl nicht erfüllt werden. Denk niemals „nie!“, denn am Ende des Ortes etwas versteckt finde ich eine Art Trafik und die Dame dort macht mir doch wirklich einen Kaffee in ihrem Hinterzimmer. Wunderbar!
Motiviert fahre ich weiter. Nun geht es ins Hinterland. Hügel. Nicht sehr anstrengend, ich habe Zeit zu denken, zum Beispiel viel Quatsch: Wusstet ihr, dass hier in den Dörfchen nicht Pound, sondern Salz das Zahlungsmittel ist? Auf jedem fünften Haus steht „for sale“ – für Salz … Wie schön wäre es jetzt so ein nettes Cottage zu haben, vor dem offenen Kamin in ein Lammfell gewickelt auszuschlafen, lesen, … und ich muss hier durch die Gegend fahren. Es ist nicht so sinnvoll hier unkonzentriert den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen, denn regelmäßig zieren knietiefe Schlaglöcher die Straße. In so eines reinzufahren würde das Rennen wohl schlagartig beenden. Besser: Augen auf die Straße!
Die Hügel sind genial heute. Hoch, dann runter Beine baumeln lassen. Das Smartphone lädt sich mit dem Nabendynamo heute schnell auf. Bei meiner Fotografiererei braucht es viel „Saft“. Ein erster Regentropfen ploppt mir auf die Nase. Ein kurzer Blick auf die Uhr: eine Minute vor halb acht: Das geht schon gar nicht. Ein böser Blick meinerseits und es folgen keine weiteren Tropfen, aber die Wolken hängen tief.
Interessant die Ampeln hier. Sie stehen auf Rot, sobald ich abbremse, werden sie grün.
Die Höhenprofile sollte man sich wohl besser ansehen vor der Fahrt und den Maßstab. Auf meinem Profil nämlich gibt es heute unzählige Berge. Nun stellt sich heraus, dass so ein Berg grad mal 40-50 Höhenmeter hoch ist. Auf dem Tacho verfliegen die Kilometer im Nu, schon wieder ist die Hälfte von einem Viertel rum, bald sind dann wieder 10 Kilometer im Sack.
Ich sollte nicht übermütig werden. 6 Minuten vor acht. Autos kommen entgegen mit Scheibenwischer an. Das bedeutet wohl nichts Gutes. In 8 Kilometern habe ich die Hundert voll in grad mal vier Stunden. Ich habe wohl Rückenwind. Kurz nach acht … was ist denn mit dem Regen? Verspätung? Nein, es fängt an zu tröpfeln. An der letzten Bushaltestelle zum Regenkleidung-Anziehen rausche ich vorbei. Sprühregen. Meinte das die Dame vom letzten Kaffeestopp mit „showery“ (duschig?) in Sachen Regen heute. Die Straße ist noch trocken, ich glaub, ich brauche noch nichts anzuziehen.
Kurz vor Kircudbright ist es soweit, die Regenkleidung muss raus. Im Ort dann mein drittes Frühstück bei der Tankstelle mit leckerem Latte und Brownies.
Gegen Mittag das vierte Frühstück in Gatehouse of Fleet in einem netten kleinen Bistro. Diesmal toll mit Pfannkuchen, Avocado, baked beans und anderen leckeren Sachen, dazu einen Pot english breakfast tea. Super gut! Davor kleine Hügel und dann wieder mal ein Gravelabschnitt und ein Radweg durch die Pampa, dann durch den Cally Paark. Es gibt auch wieder steilere Anstiege, an einem werde ich auf ein Knirschgeräusch an meinem Rad aufmerksam. Was das wohl ist? Die Kurbel? Ist da vielleicht das Kugellager kaputt?
Nun folgt ein Berg und Einsamkeit. Interessant, es braucht irgendwo nur an die 200 Höhenmeter hoch zu gehen und die Vegetation ändert sich und präsentiert sich ähnlich wie bei uns über der Waldgrenze.
Im Laufe des Tages fängt es immer mehr an zu regnen, ich brauche meine lange Regenhose, die schwerere Jacke und den Helmschutz. Der Rückenwind schiebt mich weiter Kilometerweit der Küste entlang, der Regen macht mir gar nicht so viel aus.
Supermarktstopp in einem winzigen Ort, Port Willam, kaum bleibe ich stehen, friere ich. Es ist später Nachmittag, langsam muss ich mir Gedanken machen, wo ich schlafen könnte. Der nächste größere Ort ist Stranraer. Laut Booking.com ist alles ausgebucht. Schlafen im Freien? Undenkbar. Alles ist nass. Das Zelt im Regen aufbauen ginge ja noch, aber wohin dann mit all den nassen Sachen? Meine Schuhe und Socken sind klatschnass, die Überschuhe hatten ihren Dienst schon bald aufgegeben. Die nette Dame im Spar-Geschäft meinte, es gäbe noch einen kleinen Ort vorher. Bingo, in Port Patrick werde ich fündig und buche sofort ein Zimmer. Noch etwa 40 km liegen vor mir. Ich treffe auf Janine, wir tauschen uns kurz aus, klagen uns unser leid. Wir überholen uns noch ein- zweimal heute.
Im tagesfüllenden Regen stellt sich bei mir der Horrorgedanke ein, was, wenn das jetzt tagelang so weitergeht? Die Aussichten sind nicht die besten.
Gut, nur bis zum nächsten Stopp denken, mein Hotel in Port Patrick. Noch 10 Kilometer bis dahin. Irgendwie lässt sich mein Rad plötzlich schwer steuern. Nanu? Mir schwant Böses. Ein Blick nach unten genügt, mein Vorderreifen ist fast platt. Schnell runter vom Rad und die Luftpumpe von Zuunterst in der Tasche rausgepult. Ich lehne mein Rad gegen einen Zaun, der Untergrund, nass und matschig, ist nicht ideal für die Standpumpe. Ich bekomme etwas Luft in den Reifen, bevor dieser von der Felge springt. Das ist der Nachteil, wenn man schlauchlos fährt. Ich will auf keinen Fall bei Regen einen Schlauch einlegen müssen. Beim Abschrauben der Pumpe, schraubt sich der obere Teil des Ventils mit ab. Mist, denn jetzt entweicht schlagartig alle Luft aus dem Reifen. Hilfe!! Ein Glück ist, dass der Reifen auf der Felge bleibt, ich schraube das Ding so fest ich kann wieder zu und starte einen zweiten Aufpump-Versuch. Passt! Mit nicht ganz viel Luft fahre ich weiter. Alles Weitere muss auf das Hotel warten. Immer wieder gucke ich argwöhnisch nach unten.
Im Hotel breite ich erst mal alle durchweichten Sachen auf den heißen Heizkörpern aus. Die sind so heiß, dass ich befürchte mir Löcher einzubrennen. Ich bekomme auch noch was zu essen. Tomaten-Suppe und Haggis, das schottische Nationalgericht aus Schafsinnereien. Lecker! Auch wenn viele sagen, das äßen sie nie im Leben …
Anschließend vergeht noch viel Zeit mit Sachen ausbreiten, Reifen „pflegen“, … leider geht das von der Schlafzeit ab. Extra stehe ich nachts nochmal auf, um zu schauen, ob die Luft im Reifen bleibt … Bleibt sie! Die Dichtmilch hat wohl ihren Dienst erfüllt und ein Loch verschlossen. Ich sollte zumindest reifenmäßig gut durch das Rennen kommen.
Tag vier: 221 km/ 2000 Hm: Port Patrick – Kilmacolm
Um vier starte ich wieder nach fast einer Stunde packen und schnellem Frühstück. Oje! Was mache ich da falsch.
Es regnet im Moment nicht mehr. Wann es wohl wieder anfängt? Meine Kurbel knarzt weiter. Auch bei weniger steilen Anstiegen macht sie Krach.
Nach Stranraer fahre ich auf ein Art Hochfläche. Nachdem ich mich verfahren hatte und zwei Kilometer zurück muss, geht der Weg nun auf einem Matschweg durch einen Privatgrund. Rad und Schuhe sind im Nu verdreckt. Dabei hätte ich der Straße gut weiter folgen können, aber Pflichtstrecke ist Pflichtstrecke, der Park ist auf jeden Fall schön.
Es fängt wieder an zu regnen. Anziehen angesagt. An die 80 Kilometer Einöde liegen vor mir.
Auf der schmalen Bergstraße kommt mir ein großer LKW entgegen. Neben einer riesen großen Pfütze will ich ihm ausweichen. Er fährt langsam, um mich nicht anzuspritzen, vorbei und als ich anfahren will, verliere ich das Gleichgewicht, komme nicht aus dem rechten Pedal und stürze im Zeitlupentempo um. Hänge fest, ich kniee in der Pfütze und versinke beim Aufstehen mit beiden Schuhen knöcheltief im Wasser, das Rad ist zum Glück heil. Es geht bergauf, zumindest bekomme ich warm. Demotivierend aber, was mein Navi für Quatsch macht: Es geht bergauf, steil und das Gerät zeigt minus 4 % und Ähnliches an. Auch das Höhenprofil stimmt nicht. Ärger! Einen Neustart möchte ich jetzt vor Ablauf des Tages nicht machen.
Meine Beine sind heute wie Gummi. Ich brauche eine Pause. Seit gestern schleppe ich eine Scheibe Fruchtkuchen und eine Flasche Frappuccino mit mir mit und die könnte ich vor dem nächsten Berg gut mal zu mir nehmen. Vielleicht hebt das meine Motivation. Es kommt mir vor, als würde ich nur langsam vorwärts kommen heute. Kaum bleibe ich stehen, entdecken mich sofort die Miniplagegeister, die Midges, und stürzen sich zu Hunderten auf mich armes Opfer. Meinen Kuchen und Kaffee kann ich so nicht genießen, also weiter! Den halben bröseligen Kuchen verliere ich während der Fahrt. Tipp: Eine Frappuccino-Flasche sollte man nicht schütteln, wenn der Deckel nicht ganz angeschraubt ist. Fazit: Ich und mein Rad sind von oben bis unten besprenkelt.
Heute ist der Tag des ungewollten Trödelns. In den letzten 60 Kilometern bin ich unzählige Male vom Rad gestiegen: einmal anziehen, einmal ausziehen, kurze Regenhose austauschen mit der langen, dann lange Hose wieder aus, fotografieren, zurückfahren, um verlorenen Müll wieder einzusammeln (sprich Frappuccino-Flasche, Verpackung der Fruchtschnitte, …), wieder fotografieren, …
Motivationsschub: Auf dem Asphalt ist das Panceltic-Logo in Blau aufgespritzt. Dann über holen mich zwei Teilnehmer nach fast 100 Kilometern alleine. Immer wieder sehen wir uns. Mein Rad macht immer mehr Krach. Über ein paar ernstere Berge geht es jetzt, ich brauche keine Klingel, das Knirschen meines Rades ist lauter. Wieder mal sehe in der Ferne die beiden Radfahrer. Ich beeile mich vor der nächsten Anhöhe, ihnen nachzukommen, zu spät schon sind sie wieder weg. 150 Höhenmeter geht es hoch, die fühlen sich an, wie bei uns 1500m. Auf dem höchsten Punkt wieder die beiden Radler, ich glaube Rupert und Jack, ziehen sich vor der Abfahrt wohl was an. Meine Chance scheint gekommen. Atemlos erreiche ich sie. Mein Anliegen, was sie wohl von den Geräuschen an meinem Rad halten. Tja, klingt nicht gut, bald kämen wir wieder in belebtere Gegenden und vielleicht gibt es da einen Mechaniker. Sie fahren weiter. Ich fahre auch weiter und als ich wieder Empfang habe, befrage ich mein Internet. In Ayr gibt es tatsächlich einen Rad-Shop, der sogar über Mittag offen habe.
Nach einigen steilsten Anstiegen erreiche ich den Ort und suche sofort den Radladen. Bei Carrick Cycles sind sie sehr nett. Es tut mir leid, dass ich ein so verdrecktes Rad bringe. Ich kann mein Rad dalassen und etwas essen gehen. Das Kugellager wird inzwischen auseinandergenommen und etwas gefettet, es sei in Ordnung gewesen, der gröbste Schmutz ist weg, die Bremsbacken kontrolliert, Kette geschmiert und sogar meine elektronische Schaltung aufgeladen. Erleichtert ziehe ich von dannen, vor dem Geschäft passiert mir ein Missgeschick, meine Tasche kippt nach hinten weg, weil ich sie nicht ordentlich an der Sattelstütze befestigt hatte. Typisch Gabi! Eine Stimme, Janine, ich beteuere, dass nichts weiter passiert sei. Aber wenn das in voller Fahrt passiert wäre, oje! Wir tauschen uns noch kurz aus, dann fährt sie weiter. Ich werde sie anschließend nicht mehr treffen, vor der Überfahrt zur Insel Mull steigt sie wohl aus dem Rennen aus. Sehr viele Fahrer ereilt dasselbe Schicksal, sie beenden das Rennen irgendwann oder einige switchen auf die Short-Route um. 100 von 165 der Full-Route werden am Ende ins Ziel kommen, von 300 Startern insgesamt nicht ganz zwei Drittel.
Nun führt die Strecke an der Küste entlang Richtung Glasgow. Es ist zwar nahezu flach, aber sehr unrhythmisch, der Radweg geht kreuz und quer, Stopp & Go ist angesagt durch die scharfen Richtungsänderungen und durch belebtere Wohngegenden, schattige nasse moosbewachsene Passagen erlauben auch kein höheres Tempo. Der Untergrund ist oft holprig, Radfahrer kommen aus der Gegenrichtung, enge Kurven, Gegenverkehr, Fußgänger. Schnell ist was anderes. Irgendwo suche ich einen Eiswagen heim. Ich brauche was Süßes.
Mit gemischten Gefühlen rolle ich in Largs ein. Keine Ahnung, was mich hier erwartet. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich setze mich etwas verloren nahe des Hafens auf eine Bank. Ein Teilnehmer hält neben mir und fragt mich was, gedankenverloren schaue ich auf mein Smartphone und sehe, dass Rory mir geschrieben hatte, ob ich ein Eis essen gehen möchte. Ich schreibe zurück. Rory kommt und wir entscheiden zusammen etwas essen zu gehen. Bei Nardinis. Die Gründer des Lokals kamen aus Italien, vor fast 90 Jahren. Shannon gesellt sich zu uns und führt das Gespräch an. Gut, so müssen wir nicht über persönliche Dinge reden. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte. Das Essen ist sehr sehr lecker, nach einer Suppe gönne ich mir noch einen großen Salat-Teller. Das ist das, was ich unterwegs am meisten vermisse: Obst und Gemüse. Anschließend gibt es noch einen italienischen Eisbecher. Lecker! Und dann ist es Zeit aufzubrechen. Verabschiedung. Shannon treffe ich noch ein paar Mal. Er war beunruhigt, ob er es vor seinem Rückflug nach Inverness schaffen würde. Ich werde irgendwann auf der Track-App sehen, dass er einer der vielen ist, die auf die Short-Route wechseln. Zum Glück mache ich mir nicht zu viele Gedanken, hoffe aber, dass ich in meinem geplanten Pensum nicht noch weiter zurückfalle. Noch habe ich einen Puffer von fast einem Tag zu meinem Abflugdatum.
Heute wollte ich eigentlich noch etwas weiterkommen, aber ich beschließe bis ans Ende meines Tracks zu fahren und dann einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Aber es kommt immer anders als man denkt, am Ende meines Streckensplits bin ich mitten in einer Steigung. Ich erkenne, dass ich nun noch zum höchsten Punkt muss, dann ein paar Kilometer über eine Hochfläche und dann runter rollen bis Kilmacolm. Keine Ahnung, was mich da erwartet, die Sonne geht unter, die Dämmerung kommt. Durch besagten Ort rolle ich langsam, keine Ahnung, wo ich hier mein Zelt aufstellen kann. Da! Eine Kirche … mal sehen. Ich schiebe mein Rad durch das Eingangstor in den gepflegten Kirchhof. Platz wäre auf dem kurz getrimmten Rasen, aber den Blicken aus den umliegenden Häusern ausgeliefert … Ich lasse mein Fahrzeug stehen und mache mich zu Fuß auf den Weg um die Kirche. Auf der Rückseite finde ich einen Gemeindetrakt … und … der ist schonbesetzt. Drei Räder lehnen an der Wand, aus dem Eingangsbereich ertönen Schnarch-Geräusche. Leise schleiche ich vorbei und hinter der nächsten Ecke mein Traumplatz: eine gepflegte Rasenfläche blickgeschützt vor einer hohen Mauer kommt wie gerufen. Ich hole mein Rad und baue mein Nachtlager auf. Hundegebell und ein Herrchen mit seinem Tier spaziert durch den Kirchhof. Oh, das ist mir jetzt aber peinlich. Ich gehe zu dem Mann und stottere, ob er glaube, ich könne hier schlafen und wäre dann am frühen Morgen schon wieder weg. Er schaut etwas irritiert und meint, er habe kein Problem damit. Nach zwei Stunden Schlaf wache ich frierend auf und ziehe alles an, was ich habe.
Tag fünf: 230 km/ 2160 Hm: Kilmacolm – Campbeltown
Früh mache ich mich auf, meine Schlafnachbarn sind auch schon weg. Kalt ist es, ich brauche meine Primaloft-Jacke. Die 50 Kilometer, die ich auf meine Planung hinten bin, werde ich wohl nicht mehr aufholen.
In die Morgendämmerung fahren ohne Regen und ohne große Steigungen ist fein. Ich unterhalte mich ein paar Worte mit einem Franzosen. Hier fahren wir auch eine Weile gemeinsam mit Teilnehmern der Short-Route, also ist grad mal mehr um mich los. Fein, nicht ganz allein zu sein.
Auf der Höhe von Glasgow biegt die vorgegebene Strecke auf einen Radweg ein. Nach ein paar Metern ist Schluss: Radweg gesperrt. Ich kann an ausgetretenen Spuren im Gras erkennen, dass viele sich über das Sperrgitter hinweggesetzt und sich vorbeigequetscht haben. So mache das auch ich. Aber nach 100 Schiebemetern ist endgültig Schluss. Der Weg trifft auf eine Fahrbahn. Ein hoher Zaun verhindert das Weitergehen und entlang der Straße wuchert undurchdringbares Gestrüpp. Hier ist wohl schon länger keine Durchfahrt möglich. Also zurück zum Sperrschild. Dort stehe ich etwas verloren herum. Aus den Augenwinkeln erkenne ich drei Radfahrer, die mit einem Fußgänger reden. Schnell hin. So erfahre ich, dass wir hier einem Radweg auf der anderen Straßenseite folgen können. Das mache ich auch. Nach einem kurzen Anstieg sehe ich, dass es darum geht, den breiten River Clyde auf einer hohen Brücke zu überqueren. Am anderen Ufer angelangt fädle ich wieder auf den richtigen Weg ein. Gerettet!
Die folgenden Kilometer folgen sehr idyllisch einem Fluss entlang, dem River Leven. Ich sehne mich nach einem Frühstück. Es ist zwar noch sehr früh, grad mal sechs Uhr, aber via Google Maps werde ich fündig. Ich entferne mich nicht mal 100 Meter von meinem Track und stehe vor einem schon geöffneten Fischer-Zubehör-Laden und darin gibt es Kaffee und was zu essen. Genial!
Gestärkt gehen die nächsten Kilometer leicht vonstatten, ich friere auch nicht mehr so. 30 Kilometer fahre ich nun Meeresarmen entlang, erst dem Gare Loch, dann dem Loch Long, wie passend der Name. Das Örtchen Arrochar scheint am Ende der Welt zu liegen. Hier hatte ich eigentlich in der Nacht zuvor schlafen wollen. Hier fädle ich nun in eine stark befahrene Straße ein, Arrochar liegt also doch nicht am Ende der Welt. Und der Verkehr ist schauderhaft. Lastwagen rumpeln vorbei. Ich fürchte mich. Jetzt liegt auch noch ein Pass vor mir, der Rest and Be Thankful, ja der heißt wirklich übersetzt Raste und sei dankbar, kurz The Rest, auf Schottisch Bealach an Easain Duibh. Es gefällt mir gar nicht inmitten des lebhaften Verkehrs nach oben zu fahren. Rettung naht, meine Spur biegt nach ein paar Kilometern auf die Old Military Road ab. Hier ist es ruhig. Das Teil, das in den letzten Tagen so krach gemacht hat, meldet sich zuverlässig wieder und nun bei jeder Kurbelumdrehung. Ob ich das Ziel so wohl erreichen kann oder mein Rad irgendwann mal schlapp macht?
Ich sinne grad über meine Weiterfahrt nach, da überholen Shannon und ein anderer Fahrer (Andrew?) mich. Etwas weiter beobachte ich die beiden, wie sie ihre Räder über ein Viehgatter heben. Da wird doch nicht …? Erinnerungen an die GBDuro steigen in mir hoch, dort hatte ich ein Dutzend solcher Hindernisse. Schnell den beiden nach. Und ich bekomme vier helfende Hände. Wie dankbar ich bin, denn allein hätte ich mein Bike da nicht drüber bekommen. Zwei Forstbeamte oder ähnliches sehen uns und meinen, dass wäre nicht das einzige Gitter. Oje! Da muss ich schauen, dass ich nicht allein hinten bleibe. Das ist jedoch nicht so leicht, denn hier ist es wieder mal so steil, dass ich schieben muss. Beim letzten Tor sperrt der Bauer selbst auf, weil er mit dem Auto zu seinen Tieren will. Glück gehabt!
Nach einer rasanten Abfahrt führt meine Fahrt die Old Military Road an der Meeresküste entlang mich nach Inveraray. Hier stelle ich fest, dass ich in etwas das halbe Panceltic Ultra geschafft habe. Das muss gefeiert werden. Da in dem Fast Food Laden zum Glück kein Platz frei ist, kehre ich in ein nobleres Restaurant ein. Es gibt Tomatensuppe und einen wunderbaren Caesar Salat. Das hatten wir doch schon mal …
Gestärkt geht es weiter. Bald nach dem Essen werde ich müde. Der wenige Schlaf fordert wohl seinen Tribut. Ein Parkbänkchen kommt wie gerufen. Kaum liege ich werde ich schon von unzähligen blutrünstigen Midges umschwirrt. Also kein Powernap, sondern schnell weiter.
Ich hatte vor die ellenlange Halbinsel bis nach Campbeltown zu fahren, in einem Hotel zu schlafen und wenn möglich die 45 Kilometer-Schleife über den Süden der Halbinsel noch am selben Tag zu fahren. Würde ich das schaffen, dann wäre ich 50 Kilometer auf meinen Plan hinten, ansonsten 90 Kilometer, langsam mache ich mir doch Sorgen, denn vermutlich würde ich an diesem Tag die Schleife nicht mehr angehen können und das wird sich auch bewahrheiten.
Von Lochgilphead fülle ich im Supermarkt meine Reserven auf und schleppe viel zu viel mit, denn man weiß ja nie, wann man wieder mal was bekommt, bis zum nächsten Supermarkt. Wir haben glücklicherweise gut Rückenwind und so bremsen mich nur unzählige kurze unmenschlich steile Schiebeanstiege in meinem Vorwärtsdrang zum inzwischen gebuchten Hotel in Campbeltown. Ich mache mir zwischendurch Luft und schimpfe immer mal wieder lautstark auf die Straßenplaner. Oder ist mein Rad einfach zu schwer und meine Beine zu schwach?
Gegen halb neun erreiche ich mein Hotel. Durch ein Missverständnis, die Küche sei länger offen, beeile ich mich nicht beziehe mein Zimmer und dusche noch. Dann gibt es leider nichts mehr und ich kaufe mir im nahen Einzelhandel noch was. Ich bekomme netterweise ein paar Frühstückssachen mit ins Zimmer und richte mir was aus Frühstücksflocken, Cornflakes, Brot, Käse (schleppe ich schon seit dem Vortag mit, Cheddar, lecker!), Snickers, Apfel, Orange. Zwei Becher Müller Milchreis hebe ich mir auf den nächsten Tag auf.
Vor dem Schlafengehen rattert mein Gehirn auf Hochtouren. Die letzte Fähre in Oban zur Isle of Mull legt um 21:45 ab. Die musste ich unbedingt schaffen. 240 Kilometer und mehr als 3200 Höhenmeter lagen zwischen mir und der Fähre. War das machbar? Ich vermute „ja“, aber … Ich musste nur früh genug aufstehen. Um 2 Uhr!
Tag sechs: 271 km/ 3450 Hm: Campbeltown – Port nan Gael auf der Isle of Mull (CP2)
Ich glaubte grad eingeschlafen zu sein, da geht der Weck-Alarm los. 2 Uhr! Mein Zelt und das Frühstück bleiben im Hotel und ich fahre in tiefschwarzer Nacht los. Gleich mal verfahre ich mich, denn mein Navi hat wieder mal beschlossen die angezeigte Karte genordet darzustellen, mit allen schon erwähnten Denkproblemen für die Nutzerin Gabi und das an so frühem Morgen oder war jetzt noch Nacht?
Die Gegend ist sehr einsam und bei Heller-Werden kann ich mich nicht sattsehen an den Naturschönheiten. Und an der Meeresküste kann ich was dickes Wurstartiges auf einem Stein erkennen. Beim Näherkommen verschwindet die Wurst im Wasser und kurz darauf mustern mich schwarze Knopfaugen neugierig und zugleich misstrauisch. Ein Seehund. Wie schön!
Wieder im Hotel angelangt, mache ich mein Rad fahrbereit und frühstücke nebenbei. Fraglich ist, ob es nicht schneller gehen würde, die Dinge hintereinander zu erledigen.
Die folgenden zig Kilometer führen über eine Landstraße nach Norden. Auf der Halbinsel, die ich am Tag zuvor südwärts befahren habe, geht es nun auf der Gegenseite nordwärts, mit etwas Gegenwind. Müdigkeit überfällt mich, da ich ja schon seit 2 Uhr auf bin, aber eine kurze Rast auf einer Parkplatzbank mit Blick über das Meer sei mir nicht gegönnt. Auch jetzt am frühen Morgen wimmelt es von den Ministechmücken, die in Nasenlöcher, Ohren und Augen krabbeln, um ihren Blutdurst zu stillen. Weiter! Das erste Mal ziehe ich meine Kopfhörer raus und lenke mich mit Two Steps from Hell ab. Nach einem Kaffee-Stopp bei der einzigen Möglichkeit weit und breit, einer Tankstelle, geht die Spur ab an die Küste. Wunderschön und sehr einsam. Mittag ist knapp vorbei, ich habe etwa 160 Kilometer hinter mir, da komme ich wieder in Lochgilphead vorbei. Auf dem kurzen Gegenverkehrsbereich unserer Strecke kommen mir einige entgegen, die erst noch die lange Halbinsel runter müssen. Die Armen! Eigentlich bin ich ja nicht schadenfroh, aber es tut doch gut, nicht die letzte zu sein.
An der Tankstelle möchte ich mich an einer Essensausgabe mit warmem Essen eindecken. Großspurig bestelle ich eine große Portion Tomatensuppe und eine normale Portion Maccaroni mit Käsesauce oder was immer das auch ist. Die Suppe schaffe ich, dann kann ich nicht mehr. Die Nudeln müssen mit. Ich werde sie und einige Dinge, die ich am Vortag schon gekauft hatte, über viele Berge fast hundert Kilometer mit mir rumschleppen, bis ich sie nach dem nächsten Supermarktbesuch „genießen“ werde. Ich muss an meiner Verpflegungstaktik wohl was ändern.
Zunächst folge ich einem Kanal, der Loch Gilp mit Loch Fyne verbindet. Hier beobachte ich einige Boote, die sich gemächlich von einer Schleuse zur nächsten treiben lassen. Die haben es fein. Einige Minuten warte ich an einer Drehbrücke und merke, als sie bereit ist, dass ich drüberfahren kann, dass ich gar nicht rüber muss, sondern auf meiner Uferseite bleiben muss. Typisch!
Nach einigen flachen Kilometern, die mein Herz schon hüpfen lässt, so schön und fein heute … kommt der Hammer: drei oder vier Berge mit je einigen hundert Metern, die steilst nach oben führen, dann auf der Gegenseite sehr steil nach unten, ätzend. Einer nach dem andern, bis ich fix und fertig bin. Aber irgendwann hat jede Leiderei ein Ende. Ich schaue auf meine Uhr, ich bin gut in der Zeit, Oban werde ich sicher vor viertel vor Zehn erreichen. Und damit rückt eine pünktliche Zieleinfahrt wieder in greifbare Nähe. Erleichterung.
In Oban bin ich kurz nach sechs. Ich kann sogar noch einkaufen gehen, denn auf der Isle of Mull wird es keine Versorgungsmöglichkeit geben. Mit etwas Beeilung hätte ich sogar noch die sechs-Uhr-Fähre schaffen können, aber ohne Einkaufen. So habe ich auf der Mole genügend Zeit mich warm anzuziehen, denn es ist recht frisch und dann endlich meine Maccaroni zu essen, die ich den halben Tag mit mir rumgekarrt hatte. Sie sind eingepackt in einer recyclebaren Verpackung, ebenso recyclebar ist die Gabel. Und der Recycle-Vorgang hat offenbar schon eingesetzt, der Behälter war matschig und hielt kaum mehr stand. Appetitlich hat das Ganze auf jeden Fall nicht ausgesehen. Aber die Blicke der Wartenden stört mich nicht, viel zu beschäftigt bin ich mit Durchrechnen der Anforderungen, die auf mich zukommen. Auf der Fähre habe ich eine ganze Bank für mich. Ich frage mich gar nicht erst, warum sich niemand neben mich setzen will … ich kann sogar etwas schlafen. Mein Hauptziel für heute war die Fähre zu erreichen. Nun Ich entdecke ich, dass ich zu CP2 noch fast 30 Kilometer zu fahren hatte und dabei einen kleinen Pass zu überwinden.
Auf der Insel angelangt fahre ich eine Zeitlang zusammen mit Seamus. Ich brauche ihn gar nicht aufmerksam machen, dass mit meinem Rad etwas nicht in Ordnung ist, das Geknarzte ist inzwischen kilometerweit zu vernehmen. Nicht mal die Hirschkühe am Wegesrand lassen sich aber davon stören, sie suchen nicht das Weite. Hatte ich am Tag zuvor eine andere Idee zur Herkunft der Geräusche gehabt und ohne Erfolg die Befestigung meiner hinteren Tasche an der Sattelstütze etwas verschoben, so meint Seamus auch, dass er glaubt, das Knirschen liege nicht an der Kurbel, sondern höher. Dann ist es also wirklich die Sattelstütze. Hoffentlich lässt die Schelle nicht nach und mein Sattel sinkt nach unten.
Hatte ich gehofft CP2 wäre wieder eingerichtet mit Schlafmöglichkeit, dann werde ich enttäuscht. Hier gibt einen Campingplatz, auf dem für uns Stellplätze reserviert sind und es gibt Brote mit Erdnussbutter und Marmelade Tee und Kaffee. Nach dem Stempeln meiner Karte richte ich schleunigst meinen Schlafplatz her, umschwirrt von Millionen Plagegeistern. Ich merke, dass mein Mückennetz nicht ganz ideal ist. Die Löcher sind zu groß und die Mini-Midges schwindeln sich gekonnt durch, um zum Ziel zu kommen. Ich verzichte auf die Dusche, die würde mich nur wieder wach machen und anschließend frieren lassen und reinige mich notdürftig mit meinem Funktionslappen, den ich inzwischen für mich und mein Rad nutze.
Den Wecker-Alarm stelle ich auf drei Stunden später, also sehr früh, denn es gibt einen weiteren kritischen Punkt: Ich muss nach der Insel Mull möglichst früh wieder aufs Festland und dort nach fast 100 Kilometern die Fähre auf die Insel Skye erwischen. Die letzte am Samstag, ja inzwischen ist es schon Samstag, wie die Zeit vergeht, die letzte Fähre legt um 16:10 in Mallaig ab. Wenn ich die nicht erreiche, dann geht die nächste erst um halb zehn am Sonntag. Oje! Vorausgeschickt, die Fähre um halb zehn wird wegen eines technischen Defekts ausfallen. Ich muss also eine möglichst frühe Fähre von Mull aufs Festland schaffen, dann 100 km düsen, um zeitgerecht nach Skye ablegen zu können. Das Rennen wird langsam ganz schön stressig … Verlockend wäre auch ein Hotel in Mallaig, gemütlich frühstücken und dann die Fähre … Aber ginge sich dann der Heimflug am Mittwochfrüh noch aus?
Tag sieben: 267 km/ 3500 Hm: Port nan Gael (CP2) – Isle of Skye
Am Morgen noch schnell einen Kaffee getrunken am Panceltic-Zelt und ich schmiere mir auch noch ein Toastbrot mit Erdnussbutter und Orangenmarmelade, das ich während der Fahrt esse will. Die ersten Kilometer begleitet mich Flynn und wir tauschen Erfahrungen aus. Bei den ersten Anstiegen lasse ich ihn ziehen, Hochfahren und Brot essen verträgt sich nicht so gut.
Wunderschön ist die Insel. Sehr einsam. Auf den letzten 10 Kilometern vor der Fähre erkenne ich, dass ich nicht erst die angepeilte 11-Uhr-Fähre, sondern vielleicht schon die um neun Uhr dreißig erwischen könnte, wenn ich weiter in dem Tempo fahren würde. Die beiden Berge hatte ich nicht mehr auf dem Schirm, es wird ganz schön knapp. Zügig radle ich bergauf, versuche mein schweres Gepäck zu vergessen. Runter rase ich, dann nochmal hoch, wieder runter. Völlig verausgabt rolle ich ein paar Minuten vor Ablegen in den kleinen Hafen von Tobermory. Die Fähre hatte ich noch nicht gebucht, das musste ich nun noch. In der Hektik fällt mir nicht mal mehr ein, wie der Ankunftsort auf dem Festland heißt. Die App zeigt aber eh nur eine Fährverbindung. Wenn die Fähre jetzt schon ausgebucht wäre, dann hätte ich mich umsonst so gestresst. Aber ich habe Glück, auch einen Radplatz gibt es noch. Das Verflixte an den Fähren ist nämlich, dass es begrenzte Radmitnahmen gibt. Aufgrund dessen buchen einige der Fahrer mehrere Fährüberfahrten frühzeitig, weil sie nicht genau wissen, welche sie erreichen können. Damit sind die Radplätze ausgebucht, auch wenn sie gar nicht genutzt werden. Das ist ganz schön unfair. Ich buche nun auch noch die Fähre in Malleig, die Radplätze sind allerdings schon aus. Dann muss ich halt die Fähre am nächsten Tag nehmen. Wäre aber nicht fein sich jetzt zu verausgaben und pünktlich vor Ort zu sein und dann nicht mitzudürfen. Aber es bringt gar nichts, sich da jetzt den Kopf zu zerbrechen.
Durch die frühere Festlandfähre rückt das Erreichen der Sky-Fähre jedenfalls wieder in erreichbare Nähe. Es waren etwa 100 Kilometer, für die hatte ich nun gut sechs Stunden Zeit. Klingt recht großzügig, hängt aber von der Beschaffenheit der Strecke ab. Nach einem ersten hohen Berg, naja, hier sind 200m hoch … und einer rasanten Abfahrt fahre ich in ständigem Auf und Ab an der Küste entlang. Musik treibt mich an, unter anderem Evergreen und andere monumentale Stücke von Two Steps from Hell, Sirenia, Sonata Arctica, Hammerfall und besonders Wardruna mit Helvegen. Auf der Road to the Isles geht es auch zügig weiter. Es geht ins Inland, dann wieder runter ans Meer.
Erleichterung, es ist knapp nach 15 Uhr und ich bin schon fast da. Ein Spar-Geschäft liegt an der Strecke. Die Gelegenheit möchte ich noch nutzen. Eine Frau vor dem Geschäft bestätigt mir, dass es nur noch etwa 10 Minuten zur Fähre in Mallaig ist. Nach dem Einkauf frage ich den Chef an der Kasse noch nach Wasser. Er ist so nett, meine Flaschen aufzufüllen. Ich stelle auch ihm sicherheitshalber die Frage nach dem Hafen. Ja, das seien noch 11 Kilometer. Was? 11 Kilometer! Es ist viertel nach drei. Noch so weit und zeigt mir das Abgleichen mit meiner Planung noch einige Aufstiege. Das schaffe ich nie und nimmer. Ich presche los. Hoch über den ersten Hügel, rase runter, weiter und weiter. Ich rase, als würde ich ein Kurzstreckenrennen bestreiten. Ich münde in eine Hauptstraße ein, verfehle den Radweg. Aber was hatte Mally, der Organisator gesagt, wir müssten selbst nach Sicherheitsempfinden entscheiden, ob wir auf der Straße oder auf dem Radweg fahren. Ich düse die Hauptstraße entlang, habe dabei schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Später sollte ich erfahren, dass viele Fahrer die Straße genommen hatten. Das trug bei mir zumindest dazu bei, dass ich zur Fähre komme, als die letzten Autos schon auf dem Schiffsdeck stehen. Brennend fällt mir ein, dass ich keinen Radplatz habe und außer Atem versuche ich dem Einweiser das zu erklären. Er fragt nur, ob ich ein Fußgänger-Ticket habe. Ja, das habe ich. Dann sollte ich zu seinen Kollegen an der Rampe gehen. Diese kontrollierten nur den QR-Code auf meiner App und schickten mich in den Schiffsrumpf. Oben im Aufenthaltsraum gibt es Kaffee.
Ich treffe hier mehrere andere Radfahrer und auch Mally mit seiner Crew sind da. Ich werde interviewt und aufgekratzt wie ich bin, erzähle ich in meinem gebrochenen Englisch jede Menge Quatsch. Ein Foto bekomme ich anschließend von Matt geschickt, es zeigt eine aufgekratzte kanariengelbe Frau. Oje! Aber ich bin so was von erleichtert, ich könnte die Welt umarmen. Der ganze Stress ist von mir abgefallen, jetzt kann ich das Rennen so richtig genießen. Dachte ich am Morgen in Tobermory noch, dass ich so einen Zeitdruck wie dort nicht nochmal erleben möchte, da wusste ich zum Glück nichts davon, was vor Mallaig noch kommen würde. Aber erst mal gut, dass ich hier war, denn den ganzen Sonntag waren die Überfahrten ausgebucht.
Auf der Isle of Skye angekommen war es noch recht früh am Tag und ich rollte ohne Zeitdruck weiter. Ohne Zeitdruck? Ich kehre in einem netten Restaurant ein und genehmige mir die Suppe des Tages, eine Linsensuppe und Knoblauchbrot. Nebenbei beschäftige ich mich mit dem, was mich auf der Insel erwarten würde. Mein Puls erhöht sich schlagartig. Mit gemütlich würde da nichts sein. Ich hatte 230 Kilometer vor mir bis zur Festlandfähre nach Glenelg. Die letzte würde Skye um 19:00 verlassen. Das bedeutet auch am nächsten Tag muss ich mich sputen, sonst hinge ich bis 10 Uhr am Morgen fest.
Ich beschließe noch bis zum Dunkelwerden zu fahren, um am nächsten Tag nicht mehr so viele Kilometer zu haben und mir einen Platz für mein Zeltchen zu suchen. Keine Ahnung wo. Immer mehr Zeug hat sich in meinen Taschen angesammelt. Ich schleppe 2-mal Milchreis mit, ein viertel Kilo Cheddarkäse, weiche Waffeln – die Kombi Waffeln/Käse ist übrigens sehr lecker-, Apfel, Cappuccino in der Flasche, zwei volle Wasserflaschen, Ingwerkekse, Schokolade, Nussmischung und so weiter mit mir. Meine Taschen bekomme ich kaum mehr zu. Ob das dem schlampigeren Packen geschuldet ist? Wohl eher der Überladúng. In den Bergen aber ganz schön schwer. Und ich habe unglücklicherweise kräftigen eiskalten Gegenwind. Ich gondele komot durch die Gegend.
Am Ende meiner Planungstrecke wollte ich mir einen Schlafplatz suchen. Die Kartenarbeit hatte ich wohl nicht ganz genau genommen bei dieser vorletzten Strecke. Am Ende nämlich befinde ich mich mitten in einem Berg. Den muss ich nun noch hoch. Hier ist es fast alpin. Hier geht es nun noch 12 Kilometer über eine Hochfläche hoch und runter. Hier schlafen? Zu kalt und zu windig. Die Sonne ist schon untergegangen. Von der Straße geht es ab auf Schotter. Auch das noch! Langsam rolle ich nun noch offroad einige Kilometer abwärts. Dann ein Glückstreffer. Ein Cattle Grid, ein Viehgitter, daneben, eingefasst von Farnkrautwedeln ein flacher Grasplatz. Wie geschaffen für mein Zelt. Das Rad kann ich gegen den Zaun lehnen und hänge das Ladegerät für die Batterie meiner elektronischen Schaltung Di2 vorsichtshalber noch mal an meine Powerbank. Miges gibt es wegen des kräftigen Windes keine. Bald liege ich auf meiner Matte in den Schlafsack eingemummelt, alle verfügbaren Sachen an, denn recht warm ist es nicht.
Tag acht: 242 km/ 3400 Hm: über die Isle of Skye – Lochcarron
Halb vier Uhr schreit der Wecker. Ich bin so müde und lasse noch zweimal den 10-Minuten-Timer laufen. Gab es beim Zeltaufbau keine Mücken, so sind die Viecher jetzt um so lästiger. Aus Versehen sprühe ich mir auch noch Mückenmittel ins rechte Auge. Die beiden Becher Milchreis frühstücke ich nebenbei, dann verstaue ich die leeren Becher und anderen Müll in meiner Seitentasche. Irgendwo werde ich ihn wohl illegal in einem privaten Mülleimer am Straßenrand entsorgen.
Um fünf Uhr endlich Start. Ich schiebe ein paar Meter hoch, um mit Schwung über den Cattle Grid zu kommen. Dann geht es in fröhlichem Auf und Ab über Skye. Mitten im Nirgendwo entdecke ich einen roten Briefkasten, so einen müsste ich mal fotografieren, das gibt es auch nur hier. Schon bin ich vorbei und zurückfahren möchte ich nun auch nicht mehr. Wenn ich wüsste … dass ich genau diesen Postkasten doch noch fotografieren würde, die Nackenhaare würden sich mir vor Schock wohl aufstellen.
Ich genieße die Fahrt, die Anstiege nicht sehr lang, dann wieder feines Runterrollen. Irgendwann kommt ein Haus in Sicht, ein Mülleimer daneben außerhalb der Sichtweite des Hauses. Das war meine Gelegenheit. Hier werde ich den Müll einwerfen. Ich bremse, steige vom Rad und will in die Seitentasche greifen. Nanu, wo ist sie? Es beginnt in meinem Gehirn zu arbeiten. Entsetzen macht sich breit. Ich habe meine Tasche verloren! Ein rascher Blick auf den Tacho: Sechs Kilometer in Hügelgelände habe ich schon hinter mir. Ich muss zurück! Wo aber ist die Tasche? Hat sie inzwischen ein Auto überfahren oder ein Autofahrer mitgenommen? In der Tasche sind das Zeltgestänge und Regenzeug. Alles Dinge, die ich dringend brauche. Ich rase zurück – bis hin zu meinem Zeltplatz. Die Tasche liegt auf dem Cattle Grid. Das erste Holpern hat sie vom Rad katapultiert, ich hatte vergessen sie am Rahmen zu verriegeln. Nicht auszudenken, wenn ich wie üblich viele Kilometer, ohne anzuhalten gefahren wäre, 30, 50 oder mehr … und dann erst das Fehlen des Panniers gemerkt hätte. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken … Auf jeden Fall wäre eine Stunde mehr Schlaf gescheiter gewesen als dieses sinnlose Hin- und Herfahren.
Weiter geht die Pechsträhne, ich verfahre mich zweimal, anhalten und zurückfahren. Meine Beine fühlen sich zwischendurch auch schwer an, ich halte und esse etwas, dann geht es besser. Ein schwer bepackter Radfahrer kommt mir entgegen. Gehört der zu uns? Bin ich falsch oder er oder gibt es hier eine Gegenverkehrstrecke. Ich halte an, um das zu kontrollieren. Es will heute kein richtiger Rhythmus aufkommen, auf Musik habe ich auch keine Lust.
Nach Dunvegan steht wieder ein Berg im Weg. Wie fast überall ist die Straße einspurig, alle paar Meter gibt es einen Passing Place zum Ausweichen. Die meisten Autofahrer nehmen das sehr ernst, auch Radfahrern gegenüber. Aber nicht alle. Grad hat sich einer noch schnell an mir vorbeiquetschen wollen. Ich weiche auf den Straßenrand aus, klicke mein linkes Pedal aus, verliere das Gleichgewicht und mein linker Fuß tritt ins Leere. Im letzten Augenblick kann ich mich fangen. Ich schimpfe dem Autofahrer hinterher.
Flynn überholt mich und erzählt mir von seiner teuren Campingplatzübernachtung. Er konnte sie allerdings gar nicht nutzen, da er die ganze Nacht in den sanitären Anlagen gesessen sei, im Licht und der Wärme seinen Reifenschaden zu reparieren. Dementsprechend unausgeruht sei er jetzt und zudem schmerze sein Oberschenkel sehr.
Zusammen kommen wir auf dem höchsten Punkt an, dem Quiraing-Viewpoint Dort erwartet uns ein grandioser Ausblick über das Quiraing-Bergmassiv mit seinen Felsentürmen bis hinunter in die Bucht von Staffin und ein Imbiss-Wagen. Ich gönne mir einen Latte und einen Muffin, kaufe noch etwas Süßkram, dann stürze ich mich in die Tiefe.
Skye ist wunderbar. Küstenabschnitte wechseln sich mit Seen und atemberaubenden Bergblicken ab. Ich fahre durch Portree, ein von Touristen nur so wimmelnder Ort mit einer malerischen Häuserkulisse. Ich bin froh da wieder raus zu sein. Irgendwo komme ich in den Gegenverkehrsbereich. Da gibt es eine Vielzahl von Radfahrern, die mir entgegenkommt. Ob es die wohl pünktlich zur Finisher-Party nach Inverness schaffen?
Hatte ich gestern Gegenwind, so habe ich den auch heute wieder, der Wind hat unglücklicherweise gedreht. Zurück in Braedfort kehre ich erst mal im Supermarkt ein, denn ab hier gibt es laut meiner Planung über 150 Kilometer nichts. Das bedeutet aber, alles, was ich einkaufe muss ich vor der Fähre über einen höheren Berg und nach der Überfahrt zunächst über einen hohen und mehrere überschaubare Berge karren und dann stand da noch der Pass Bealach na Bà auf dem Programm. Beim Supermarkt treffe ich wieder Flynn. Er hat wieder Probleme mit seinem Reifen, da hilft meine Pumpe auch nicht und meinen Reserveschlauch kann ich ihm leider auch nicht anbieten. Ich versorge mich mit Milchreis, Käse, Tomaten, einem Thunfisch-Sandwitch- Keksen, Kefir, KitKat, Wasser, denn in den nächsten 120 Kilometern gibt es nichts. Ich fahre weiter, es tut mir sehr leid um den Radkollegen. So weit gekommen und nun soll Schluss sein? Auf der Insel gibt es keinen Mechaniker, der nächste keine Ahnung, wie weit weg.
Die letzte Fähre um 19:00 würde ich locker schaffen, egal, was sich mir nun in den Weg stellte an Steilheiten. Und steil wurde es wieder. Fast oben höre ich ein Geräusch hinter mir. Wer kommt da? Ja, Flynn! Irgendwie hat er es geschafft, seinen Reifen zu reparieren. Das freut mich für ihn. Vom höchsten Punkt geht es extrem steil runter. Leichtsinnig bremse ich mit einer Hand und filme mit der anderen. Irgendwann wird es mich wohl mal vom Rad werfen. Die Fähre liegt schon vor Anker. Es ist nicht mal fünf Uhr am Nachmittag.
Die Glenelg-Skye Ferry ist die letzte ihrer Art. Eine Autofähre, deren Deck gedreht wird – von Hand, wohlgemerkt. Sie quert das Meer zwischen der Isle of Skye und dem Festland. Die Strömungen beim Wechsel zwischen Ebbe und Flut sind sehr stark und so leistet die kleine Autofähre „Glenachulish“ hier eine bärenstarke Arbeit, wenn sie etwa sechs Autos auf einmal in nur fünf Minuten auf die andere Seite bringt. Und Hund hilft fleißig mit. Die Überfahrt ist ein ganz besonderes Erlebnis. Die zweieinhalb Pounds streckt mir Flynn vor, da ich nur einen großen Geldschein habe. Ich teile mit ihm dafür mein Sandwich und die Tomaten. Ich hoffe, die Organisatoren lesen das nicht. Support verboten! Nicht sattsehen kann ich mich an den Vorgängen rund um das Beladen und Ablegen und beobachte sie durch meine Kameralinse noch einmal vom Berghang aus. Alle anderen Radfahrer sind schon lange weg. Aber mich kann nun nichts mehr stressen.
Ich muss mich nun aber auch auf den Weg machen. Auf meiner Skizze droht der Ratagan Pass in dunkelroten Farben vom Blatt. Das bedeutet nichts Gutes. Nach einigem Schieben bin ich am höchsten Punkt. Hört das denn nie auf mit den übersteilen Straßen? War es sonnseitig fast brütend heiß, so muss ich mich jetzt bei der Abfahrt im Schatten warm anziehen. An der Küste angekommen, dem Loch Duich, weiß ich wieder mal nicht, ob ich an einem See oder am Meer bin. Das muss ich zuhause mal recherchieren. Einige Häuser und eine kleine Einkehrmöglichkeit. Um viel Geld bekomme ich sehr wenig Suppe. Ich fülle noch meine Flaschen auf, um wieder so richtig viel zu tragen zu haben und fahre weiter.
Noch drei Hügel, mit kurzen steilen Schiebeeinheiten, wie üblich, und ich kann mein letztes Planungsblatt aufblättern. Und dann möchte ich mir meinen letzten oder vorletzten Schlafplatz suchen. Das wird auf jeden Fall vor dem gefürchteten Pass Bealach na Bà geschehen, das ist gewiss. Den Pass möchte ich mit möglichst frischen Beinen angehen. Unterwegs noch eine Überraschung. Ich drehe mich nach dem zweiten Berg zufällig nach links, als ich in eine Straße einfädeln möchte und da steht es da das Eilean Donan Castle. Ich war hier schon mal im Rahmen des Celtman Triathlons. Erinnerungen!
Jetzt muss nur noch ein Schlafplatz her. Glücklicherweise ist es trocken. Jetzt fällt mir auf, dass es in den letzten Tagen nie geregnet hat. Nun dämmert es schon und neben der Straße gibt es nichts, wo ich mein Zelt aufpflanzen könnte. Etwas weiter ein nun schon geschlossenes Restaurant. Auf der anderen Straßenseite ein Rasen mit einem Zelt und einem handgeschriebenen Zelt „pitch 10 pounds“. Hierher könnte ich zurückfahren, wenn ich demnächst gar nichts finde. Aber wenn mal ein paar Kilometer rum sind, tut ein Zurück weh. Ich hatte auf meiner Planung eine Kirche vermerkt und google diese: da steht geschlossen, ich finde sie aber auch nicht.
Etwas weiter taucht Lochcarron in meinem Blickfeld auf und … eine Kirche der Gemeinde der Free Church of Scotland, alle wären dort willkommen, das klingt schon mal gut. Rund um die Kirche ein hektargroßes gepflegtes Rasengelände mit unzähligen Grabsteinen aus Stein. Sollte ich dort …? Ich schaue links und rechts die Straße entlang, niemand da. Am großen Gitter ein Schild „Hunde haben keinen Eintritt“, entschlossen mache ich mich am Schließmechanismus zu schaffen, mit einem lauten Quitschen geht das Schloss auf. Recht profan wirkt ein Auto neben der Kirche mit einem „for sale“ Zettel an der Windschutzscheibe. Also ist ein kleines Zelt wohl auch nicht so fehl am Platz. Hinter zwei großen Thuyen ist es ideal. Hinter? Wo ist da hinten und vorne? Auf jeden Fall ist der Platz von der Straße aus nicht einsehbar. Rasch alles hergerichtet und rein in die gute Stube. Irgendwo zwischen den Bäumen habe ich ein Licht gesehen, also nicht zu viel Bewegung draußen machen.
Tag neun: 260 km/ 3500 Hm: Lochcarron – Inverness
Ich schlafe sehr gut, es ist so wunderbar ruhig. Früh raus aus den Federn, das Packen geht immer schneller und routinierter von der Hand. Das Quietschen des Gitters und weg bin ich. Dem Schild mit dem Hundeverbot werden sie wohl noch ergänzen müssen mit „Campieren verboten“. Mein Glück, ein paar Meter weiter gibt es sogar eine öffentliche Toilette, die ich schon öfters in Orten besucht hatte für ein Mindestmaß an Körperpflege und Wasserfassen. Exkurs bezüglich öffentlicher Toiletten: Man darf sich nur nicht einsperren lassen, wie es Steve bei der GBDuro vor zwei Jahren passiert ist. Nur mit vom Waschen der Kleidung nasser Kleidung war er, das Rad vor der Tür, rund 10 Stunden eingeschlossen, bis ihn der erste Kunde befreite. Oje, ein Horrorgedanke! Noch einen letzten Blick in den Spiegel: Da blickt mich eine grau-wuschelhaarige Frau mit geblümtem Stirnband an, eigentlich noch voller Tatendrang. Kanariengelbes Radtrikot. Ein Wunder, dass das nach über acht Tagen noch so sauber ist, vermutlich liegt das wohl am Material. Ich werde das daheim mal in der Ausrüstungsliste auswerten. Ich spüre mein Sitzleder nach: Kein Problem nach so vielen Tagen im Sattel. Heute bin ich wieder mit meiner Triathlon-Hose ohne Sitzpolstere unterwegs und fahre gut damit.
Genug getrödelt, ich weiß schon, warum … Es ist nun wirklich Zeit mich an den Aufstieg des letzten hohen Passes zu machen, dem von mir gefürchteten Bealach na Bà.
Es ist ein berühmt berüchtigter Pass auf der Applecross-Halbinsel mit einer sich windenden einspurigen Straße, die bis auf 626 Meter ansteigt. Es ist eine der wenigen Straße in den Highlands, die wie unsere Bergpässe in den Alpen angelegt ist, mit engen Haarnadelkurven, die sich mit Steigungen von teils über 25 % den Berg hinaufschlängeln.
Und der Pass fühlt sich wirklich so an wie bei uns daheim. Nur dass bei uns keine Schilder stehen mit einem Abraten für Führerscheinneulinge. Und was „gradients of 1 in 5“ auf der Warnung bedeutet, google ich erst zuhause, aber es klingt nicht gerade beruhigend. Damit ist eine Steigung von 20% gemeint. Und wirklich, die 20% kommen und bedeuten für mich etwa einen halben Kilometer Schieben, der Rest ist fahrbar, auch wenn die Oberschenkelmuskulatur ganz schön brennt.
Unterwegs habe ich Zeit über den anstehenden Tag nachzugrübeln, denn in der dichten Nebelsuppe lenkt mich sonst nichts ab und auf Musik habe ich keine Lust, zu angenehm ist die Stille ohne auch nur ein Auto. Gut so früh gestartet zu sein. Was liegt nun aber vor mir? Es sind noch 260 Kilometer bis Inverness. Ist das machbar an diesem Tag? Oder sollte ich noch eine Nachtruhe einlegen irgendwo? Das wird sich wohl zeigen im Laufe des Tages.
Plötzlich tauche ich aus dem Nebel. Wunderbare Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Auf dem Pass hat eine Gruppe Caravans ihr Nachtlager mit View aufgeschlagen. Die Sonne geht auf, ich treffe auf einen anderen Radfahrer und wir schießen gegenseitig Fotos, es gibt ja nur so wenige, auf denen ich selbst abgelichtet bin.
Dann die Abfahrt. Eine lange Abfahrt. Es ist ziemlich kalt und das hält mich davon ab, müde zu werden. Anhalten die Primaloft-Jacke anziehen ist die beste Option.
Beim Runterfahren weiß ich glücklicherweise noch nichts von Claudia. Im Ziel werde ich erfahren, dass Claudia Gugole genau in dieser Abfahrt gestürzt ist. Sie kann sich an nichts erinnern. Ich vermute, das könnte Sekundenschlaf gewesen sein. Sie ist glücklicherweise nicht schwerer verletzt, muss das Rennen aber abbrechen. Und von hier, vom Ende der Welt ist es nicht leicht nach Inverness zu kommen.
Wieder auf Meeresspiegelhöhe angelangt liegt Applecross. Der Campingplatz mit Restauration noch in tiefem Schlaf. Schade, also kein Wachmach-Latte.
Hinter einer niederen Mauer liegt ein Hirsch. Ist der angefahren worden? Träge hebt er den Kopf, schaut mir in die Augen, dann döst er weiter. Dem geht es gut! Etwas weiter macht sich eine Hirschkuh im Garten direkt neben dem Haus am Gemüse gütlich. Nur von mir bemerkt. Ich bekomme auch langsam Hunger und halte, um fast eine ganze Packung (250g!) Cheddar zu essen. Als Beilage gibt es eine kleine Ciabatta und einen Apfel. Ich lege Kekse griffbereit neben das Studentenfutter in meine Oberrohrtasche. Was jetzt kommt, braucht Mumm. Das weiß ich in dem Moment aber noch nicht.
Die Applecross Coast Route führt, wie der Name schon sagt an der Küste entlang. Wunderbare Blicke inbegriffen, aber einsamst bezüglich menschlicher Spuren. Auf meinem Planungsblatt schaut das Höhenprofil flach aus. Das täuscht, denn der letzte hohe Pass verfälscht das Bild, wie ich bald merke. Das Gelände ist kupiert, es geht ständig hoch und runter. Hoch heißt hier wieder mal ständig sehr steil hoch und nicht selten muss ich wegen ein paar Metern runter vom Rad, aber 16+% komme ich mit der schweren Ladung ohne Leiden nicht hoch. Und Leiden will ich nicht, also absteigen. Tut meinen Muskeln eh gut, mal eine andere Belastung zu erleben. Wardruna mit Helvegen im Ohr nützt im Moment auch nichts.
Unterwegs erwischt mich eine Müdigkeitsattacke. Ich lege mich kurz ins hohe Gras, der Wind hält die Midges davon ab mich lebendig aufzufressen. Aber schlafen kann ich doch nicht. Im Kopf schwirren mir die Kilometerzahlen rum, noch immer sind es 230 Kilometer bis Inverness. Und wenn ich so „schnell“, sprich langsam weiter komme, wie hier auf der Küstenstraße, dann würde ich wohl bis zur Finisher-Party unterwegs sein. Das lässt mir keine Ruhe, denn die Party wäre am nächsten Tag am Abend und um 5 Uhr früh müsste ich schon am Flughafen sein. Das Rad verpacken müsste ich dann wohl nachts. Ich rappele mich auf und starte, um die verlorenen 7 Minuten wieder aufzuholen. Keinen Spaß macht etwas später die Horde wild gewordener Ferraris und Co, die mit aufjaulenden Motoren die Küste entlangrasen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die denken wohl, die Passing Places sind nur für die anderen da. Das ist nun wirklich der letzte, hoffe ich, und schon rast ein nächster um die Kurve. Die spinnen hochgradig!
Es ist schon später Vormittag, da hellt sich mein Gemüt schlagartig auf. In der Ferne erkenne ich eine weißgetünchte Häuserzeile. Shieldaig!!! Erinnerungen kommen auf: Fünf Jahre zuvor war ich schon einmal hier, beim Celtman Extreme Triathlon. Ich erinnere mich an die fast 4 km Schwimmen im 8° kalten Wasser mit Millionen von Quallen, die Radstrecke über die Highlands und der abschließende Marathon über drei Gipfel des Bergmassivs Beinn Eighe. Ein tolles Abenteuer, aber eine Marathonzeit von fast 9 Stunden zeugt von der Härte des Bewerbs, bei dem man fast weglos mit Kompass und Karte bewaffnet über die Berge irrte. In Shieldaig endlich ein Laden. Davor sitzt … Flynn. Er schwärmt mir vor, was er schon alles gegessen hat, wenn ich Glück habe, gibt es noch eine Dose mit dem leckeren Thunfisch-Salat mit Gemüse oder so. Das Geschäft schaut geplündert aus, vor Flynn waren da wohl schon viele andere. Aber ich bekomme meine gewohnte Kost: Kefir, Ingwerkekse, KitKat und wirklich eine Dose Fertignahrung ist noch da, die letzte. Einen leckeren Kaffee gibt es auch noch. Was will frau mehr? Flynn erkundet inzwischen, wo der auf Google Maps eingetragene Trinkwasserhahn ist. Dann noch ein kurzer Halt am Ende des Dorfes in der öffentlichen Toilette. Die erkenne ich, als ich sie sehe: Hier war die Radwechselzone, alle Triathlon-Räder waren auf der schmalen Straße aufgefädelt wie Perlen.
Zehn Kilometer weiter liegt Torridon, mein Herz hüpft. Hier war das Ziel des Celtman und die Straße, die ich jetzt nehmen muss, bin ich auch schon gefahren. Wunderschön unter den Berggipfeln entlang. Ich komme auch an dem kleinen Wäldchen vorbei, hier war der T2 Wechsel beim Laufen. 10 Minuten vor Cut off hatte ich es hierhin geschafft und musste dann noch über die drei Gipfel hoch über mir, anstatt rund um das Massiv. Memories …
Die Straße ist, nach all dem, was ich heute schon erlebt hatte, angenehm zu fahren. Leichte Steigung, viele Ausweichmöglichkeiten für den langsam zunehmenden Verkehr. Die Autofahrer sind allerdings sehr zuvorkommend gegenüber Radfahrern. Das muss ich rückblickend für fast alle Teile Englands und Schottlands sagen. Fast.
In Kinlochewe möchte ich nochmal meine Wasserreserven auffüllen. Die öffentliche Toilette ist mit einem Baustellenzaun gesperrt. Ich frage den Arbeiter dort, ob ich trotzdem etwas Wasser einfüllen könne. Er öffnet. Wir quatschen etwas. Beeindruckt von dem, was ich gerade mache, bringt er mir eine kleine Wasserflasche. Höflich bedanke ich mich und traue mich nicht nein zu sagen, obwohl ich weiß, dass ich eh nur meine kleine Flasche austrinken werde, die große und nun auch die neue kleine über die Hügel tragen werde. Und wirklich, die kleine Wasserflasche sparte ich mir auf und trank sie vor dem Flugplatz-Security-Check in einem Zug aus. Wie krank ist das denn … Daran muss ich arbeiten. Beim Losfahren nuschelt der Mann noch was von einem Berg. Den hatte ich durch das verzerrte Profil auf meinem Blatt nicht auf dem Schirm. Schock!
Am Beginn des 200-Meter-Anstiegs treffe ich wieder auf Flynn. Ich werde ihn erst wieder am nächsten Tag im Ziel sehen, wo er von seiner besseren Hälfte und Schwiegerfamilie empfangen wird. Er ist vernünftig und plant, vor allem wegen seines immer mehr schmerzenden Knies, eine Übernachtung in einer Pension oder ähnlichem ein. Unterwegs werde ich noch mehrmals daran denken, wie sinnvoll diese Taktik auch für mich gewesen wäre.
Was nun kommt, ist zwar vom Profil her eine Wohltat. Es geht fast 50 Kilometer stetig leicht bergab und ich komme mega schnell weiter. Wermutstropfen ist nur, dass wir auf der ziemlich befahrenen Hauptstraße unterwegs sind. Unterwegs wieder mal ein obligatorischer Powernap, bei dem ich wie üblich nicht einschlafe, aber das Rasten mit geschlossenen Augen bringt auch was. Auf den letzten Kilometern wird der Verkehr noch stärker, hier hätte es allerdings eine optionale Gravel-Ausweichstrecke gegeben. Ich verzichte dankend und hoffe, mein Leben nach so vielen Kilometern nicht aufs Spiel zu setzen. Dann aber schickt mich mein Navi urplötzlich nach rechts weg und bis zum Ziel darf ich nun wieder auf sekundären Sträßchen radeln, natürlich wieder etwas profilierter. Man gönnt sich ja sonst nichts.
In großem Bogen geht es um einen See herum. Sehr idyllisch. Aber bei jedem Stopp bin ich von Bremen und ähnlichem umvölkert. Besser nicht stehen bleiben. Mein Rad macht wie schon in den letzten Tagen einen Höllenspektakel, ich höre es schon gar nicht mehr und mache mir auch keine Sorgen mehr. Was kommt, kommt …
Es ist schon später Nachmittag als ich in Muir of Ort einrolle und mich zum Supermarkt durchfrage. Auch hier das volle Programm: Das Wichtigste ein Latte (-Macchiato mit zweimal Zucker!), Kefir, Käse, Tomaten, Sandwich, Ingwer-Kekse und eine Eineinhalbliter-Flasche Wasser. Wie vorher vermutet, ist die große Trinkflasche noch fast voll und ich nutze sie mein Rad etwas zu säubern. Hhhahahhaaa!
Ich rechne nach: Bis ins Ziel sind es nun noch schlappe 90 Kilometer. Das ist doch nicht viel, grad mal so wie Brixen-Bozen-Brixen. Wenn ich jetzt losfahre, wäre ich locker gegen halb zehn im Ziel. Mein Zelt müsste ich dann nicht noch einmal auf- und abbauen, das klingt verlockend, also los! Die ersten 30 Kilometer laufen auch recht flüssig. Dann stehen noch drei Berge an. Und die drohen vom Blatt mit saftigen Steigungen und mit insgesamt knapp 1000 Höhenmetern. Oh nein!
Unterwegs suche ich immer mal wieder einen guten Grund, um stehen zu bleiben. Eine Blindschleiche, unterarmlang, mitten auf der Straße. Wenn da ein Auto käme, dann wäre sie platt. Ich versuche sie wegzuscheuchen, aber auf dem glatten Asphalt hat sie keinen Halt und schlängelt auf der Stelle. Mit einem kräftigen Zupacken nehme ich sie auf und schleudere sie weit weg in die Büsche. Die hat nochmal Glück gehabt.
Der erste fängt schon sehr steil an, wird dann flacher, ich schaffe es im Sattel zu bleiben. Na also, nicht so schlimm. Der zweite ist zum Teil Schiebestrecke für mich, zwischen 15 und 20% Steigung. Dann wird es langsam dunkel, sprich 11 Uhr ist vorbei. Also ist wohl nichts mit Zieleinlauf um halb zehn. Weit muss ich hochschieben auf den dritten Hügel, denn bei uns zuhause wäre das so einer. Irgendwo auf der Hochfläche müsste eine Gravelpassage abgehen. Hermann hatte mich aber informieret, dass die meisten auf der Straße fahren würden. Nanu? Ich frage mal beim Organisator nach und bekomme auch bald eine Antwort via E-Mail. Und wirklich, bei der Abzweigung steht ein großes Holzschild, dass die Panceltic-Rider auf dem geteerten Radweg bleiben sollten. Mein Navi spielt verrückt, als ich mich von der hochgeladenen Strecke entferne, und will mich immer wieder zur Originalroute zurück zwingen. „Nein“, sage ich laut. Hier oben ist es ziemlich kalt. Oder ist das meiner Müdigkeit geschuldet? Die überkommt mich jetzt nämlich und ich denke wehmütig, dass meine Mitradler jetzt wohl alle irgendwo schlafen würden. Eine Nacht am Ende des Rennens durchfahren macht sicher niemand.
Dann bin ich wieder auf dem originalen Track und nah bei Inverness. Mein Navi hat allerdings seinen Dienst quittiert und schickt mich beim letzten Kreisverkehr mehrmals die Runde. Die richtige Abfahrt finde ich im Dunkeln nicht und so verliere ich viel Zeit, um Google zu befragen, wo es hier zum nahen Campingplatz, dem Zielort geht. Irgendwann bin ich dann dort, es ist kurz vor 1 Uhr in der Früh. Um ein wärmendes Lagerfeuer sitzen ein paar Leute und warten auf die letzten Ankömmlinge an diesem Tag, oder nein: der neue Tag hatte ja schon angefangen, es ist kurz vor eins. Auf einen Schlag ist die lange Reise vorbei, das muss frau erst mal fassen …
Ich bekomme noch was zu essen und mir wird angeboten, anstatt mein Zelt aufzubauen, im großen (Pferde-) Transporter der Organisation zu schlafen. Nach einer Dusche wickele ich mich in meinen zu dünnen Schlafsack und friere mich durch die restliche Nacht, nahezu schlaflos. Das kommt davon, wenn man von der „letzten Nacht durchfahren“ spricht. Trotzdem bin ich munter am nächsten Morgen, kann in aller Ruhe mein Rad auseinanderbauen. Das hat wider Erwarten gut durchgehalten. Als ich das Sattelrohr abziehen und die Schelle wieder zuschraube, funktioniert das nicht: das Gewinde ist kaputt. War das das Geräusch? Was wäre passiert, wenn die Klemmung unterwegs nachgelassen hätte? Ich hätte kein Ersatzteil mitgehabt. Und mit einem Sattel, der womöglich ganz runterrutscht und sich nicht fixieren ließe, hätte ich wohl das Rennen vorzeitig beenden müssen. Glück gehabt!
Den ganzen Tag ist viel los im Zielbereich, ständig kommen Fahrer an, ein Plausch hier, einer da. Später ziehe ich ins Hotel, nutze meinen Essensgutschein bei der Finisher-Party, trinke endlich mal ein schottisches Bier. Ich erstaune dabei die Barfrau, indem ich meinen Wunsch äußere, die Hälfte Bier, die andere Hälfte bitte Apfelsaft – das beste nach-dem-Sport-Getränk!!! Ich lerne ein paar Leute kennen, verabschiede mich frühzeitig, denn ich habe Schlaf bitter nötig. Allerdings sei mir der schon wieder nicht lange gegönnt: Um vier muss ich schon wieder raus aus den Federn, das Taxi zum Flughafen wartet.
Begriffsklärung: Ein solches Event nennt sich zwar Rennen, aber für mich ist es eher eine gemeinsame und doch nicht gemeinsame Fahrt mit vielen Gleichgesinnten. Das einzig, das mich an ein Rennen erinnert ist die vorgegebene Zielzeit, durch die die Tage auf dem Rad für mich gezwungenermaßen etwas intensiver sind und die Nächte recht kurz, damit ich es zeitlich ins Ziel schaffe.
Fazit: Meine Planung hat sich zwar schon nach einem Tag in Luft aufgelöst und ich hinkte meinem Pensum immer nach, aber am Ende war ich doch nur 4 ½ Stunden hinter meinem Plan im Ziel. Ich bin doch ein bisschen stolz auf meine Leistung.
Geamt-Ergebnis:
64. von 165 der Full Route – lange nicht die letzte … denn: gestartet waren insgesamt gut 300 Fahrer, ins Ziel kamen 101 von 165 der langen Strecke und 88 von 139 der kurzen. Dabei muss erwähnt werden, dass ziemlich einige der Long Distanz unterwegs auf die kurze Strecke wechselten. Diesen Wunsch verspürte ich überhaupt nie! Zu schön war das Abenteuer Full Route des Panceltic Ultra … Ich genoss (fast) jeden Kilometer.
“Cracking video and photos – it does make it look all a bit easy doesn’t it! Or maybe that’s just me – no images of suffering – I’ve showed it to my wife to give her an insight into the stunning scenery we were privileged to see.” (Sean Case)
Übersetzung: Tolles Video und Fotos – es sieht alles ein bisschen einfach aus, nicht wahr! Oder vielleicht bin das nur ich – keine Bilder des Leidens 😆 – ich habe es meiner Frau gezeigt, um ihr einen Einblick in die atemberaubende Landschaft zu geben, die wir sehen durften. (Sean Case)
Ich: Naja, die Bilder des Leidens (gab es die überhaupt?), dazu hatte ich wohl keine Kraft …, aber die sind sicher irgendwo zwischen den Bildern wunderschöner Landschaften …
Im Juli war ich auf Abenteuer-Fahrt. 2400km mit 26.000 Hm durch Isle of Man, England & Schottland beim Pan Celtic Ultra.
Wie 2020 und 2021 (Northcape4000) unternahm ich meine Fahrt wieder zu einem guten Zweck . Jeder Cent ging direkt an Südtirol hilft . Rückblick: Dank der Spender*innen gingen bei NC4K einmal 9000€ und einmal 10.000€ direkt an Südtirol hilft und an den AEB. Ihr wart großartig!
Die Motivation mit meinem Steckenpferd (Carbon-Renner) durch England und Schottland zu düsen war ungebremst … 😂🚴♂️
Das war meine Idee – gerne kann jemand auch im Nachhinein noch teilnehmen!! 5 verschiedenen Paketen :
Pan Celtic Ultra Bronze: 1 Cent/ Kilometer gehen direkt an Südtirol hilft. Das sind 24€
Pan Celtic Ultra Silber: 2 Cent/ Kilometer, nämlich 48€
Pan Celtic Ultra Gold 5 Cent/ Kilometer, = 120€
Pan Celtic Ultra Titan, = 240€
Pan Celtic Ultra – Premium
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Was bekommst du dafür?
Vor allem ganz viel Dankbarkeit von Seiten Südtiroler Familien in Not (ich möchte betonen, der gesamte Betrag geht an Südtirol hilft)
Eine Spendenbestätigung von Südtirol hilft für die Steuererklärung 2025
Seid ihr dabei? Fantastisch! Meldet euch bei mir für nähere Informationen: gabi_winck[at]yahoo.de Schreibt mir , wie ich euch auf die Danke-Liste einfüge, mit Namen, anonym, mit oder ohne Nennung des Betrags. Firmen mailen mir bitte ihr Logo.
Falls ihr mitmacht ohne mich zu informieren via Mail (lumacagabi[at]gmail.com) oder WhatsApp, hier ist die IBAN von Südtirol hilft. Gebt bitte Panceltic als Überweisungsgrund an und eure Mailadresse für den Spendenbeleg:
Südtirol hilft – Spendenkonten: Bitte schreibt bei der Spende auch eure Steuernummer und Mailadresse bei Grund dazu, dann bekommt ihr die Spendenquittung von Südtirol hilft unkompliziert zeitnah.
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💜🩷🩷💜Mein Herzensprojekt 💜🩷💙💜💙🩷💙💙
AN TÉ A BHÍÓNN SIÚLACH, BÍONN SCÉALACH — in einer keltischen Sprache – wer unterwegs ist, der kann was erzählen … schaut immer mal wieder auf meinem Blog vorbei … Geschichtchen & Videos warten auf euch …
Das sagt der Brixner … (Nr. 411, S.49) – danke, Sabine!
Superrandonnée dei 100 Bersaglieri – das bedeutet mehr als 600 Kilometer und 15000 Höhenmeter in nur 60 Stunden, Pausen eingerechnet.
Hier mein Video (6 min):
Mein Geburtstag naht – Hilfe! Schon der 61.– auf Facebook sehe ich, dass wieder mal einer gewagt hat, die Superrandonnée dei Cento Bersaglieri zu fahren. Bisher haben nur gut zwei Handvoll dieses herausfordernde Abenteuer gewagt, darunter nur eine Frau. Welcher Teufel mich da wohl wieder mal geritten hat, denn spontan beschließe ich, mir damit ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Aber, ob ich das schaffen kann? Zäh bin ich ja, aber doch als „lumaca“ wohl zu langsam. Ich verspreche mir, wenn ich nicht durchkommen sollte, dann werde ich mich demnächst zum Seniorenturnen anmelden. Das muss Motivation genug sein. Und wenn ich nur im entferntesten eine Chance haben sollte, dann nur auf Kosten von Pausen und Schlaf.
Um 5 Uhr am 6. Oktober sollte es losgehen. Der Schock bringt macht mich vollends wach: Musseu steht plötzlich und unerwartet vor meinem California, die unausgeschlafene Gabi gnadenlos filmend. Dann wird der Start festgehalten. Ich muss nun nur noch in die Pedale treten und 18 Kontrollstellen abfahren mit massenhaft Höhenmetern dazwischen. Die Fotos soll ich zur Beweisführung sofort auf WhatsApp schicken. Das Abenteuer kann beginnen.
Und was in den kommenden zweieinhalb Tagen (60 Stunden) auf mich zukommen wird, bekomme ich auf den ersten Kilometern im Kleinen zu spüren, es geht nämlich gleich schön steil einige Hügel hinauf. Musseu bezeichnete das vorher mit „spaccagambe“ – eine direkte Übersetzung gibt es nicht, spaccare bedeutet „zertrümmern“, gambe sind die Beine.
Im steten Auf und Ab bin ich nicht besonders schnell am Gardasse, wo ich mir doch gedacht hatte, die paar Kilometer werde ich schnell runter spulen – das Höhenprofil- hat mich da schändlich an der Nase herumgeführt. Klar, gegen das was mir bevorsteht, sind diese paar „Hügel“ Pipifax. Na warte, Gabi!
Kurzes Verschnaufen am See entlang, wenig Verkehr, sehr schöne Morgenstimmung. Plötzlich werde ich bleich, die Kinnlade fällt mir runter vor Schreck. Der Musseu wird doch wohl nicht … Nicht weit vor mir die Punta Veleno, die als härtester Anstieg am Gardasee gehandelt wird. Eine durchschnittliche Steigung von 14,6% mit Spitzen von 20%. Und es gibt keine Atempause. Zu meinem Glück muss ich früher abbiegen. Das Glück währt nur kurz, denn ähnlich wie bei der Punta Veleno geht es nur mit bis zu 18% Steigung hinauf nach Lumini. Später wird man mir sagen, dieser Anstieg wird unter Insidern „la sorella piccola“ – die kleine Schwester der Punta Veleno genannt.
Abfahrt und ich suche vergeblich den nächsten Kontrollpunkt „die Platane der 100 Bersaglieri“. Die Bersaglieri waren ein Korps der italienischen Armee, ursprünglich der piemontesischen Armee, die später zur Königlichen Italienischen Armee wurde. Anscheinend hatten sich im Zweiten Weltkrieg einige Soldaten in den Ästen der monumentalen Baumes versteckt. Ich habe keine Zeit mich im Schatten dieses Baumes, der wohl im 14.Jahrhundert aus einem Samenkorn gesprossen ist, auszuruhen. Ich bin am Baum vorbei gefahren und muss nochmal ein paar Kilometer zurück für das Beweisfoto. Pech, wo ich doch keine Zeit zu verlieren habe.
Nun geht es auch wieder stramm nach oben. Keine beinfreundlichen Prozentangaben auf meiner Garmin … Hoch über mir sehe ich Spiazzi. Ich beschließe zwar nicht Wallfahrten zu gehen (in der Nähe ist das spektakulär in den Fels gehauene Kloster Madonna della Corona), aber mich doch mit Cola und einer Fiamma zu stärken, einem mit Schokolade überzogenen Schoko-Mousse-Törtchen. Wasser fassen muss ich auch. Dann weiter – weg vom Touristen-Rummel. Dass Flämmchen gibt nicht lange Kraft, das merke ich bald.
Wenige Kilometer, aber einige Höhenmeter später lädt mich ein Bänkchen zur Brot-Ess-Pause ein. Ich kann nicht mehr. Es ist sowas von heiß, dass man glauben könnte wir haben Hochsommer, nicht seit zwei Wochen Herbst. Wenn ich jetzt schon schlapp mache, nach nicht mal 100 Kilometern und 3000 Höhenmetern … wie wird das sich wohl weiter entwickeln? Bis zum geplanten Schlafplatz habe ich noch fast 150 km und nochmal 3000 Höhenmeter. Ich sehe schwarz, obwohl es hier blendend hell ist. Nachdem ich mein Brot hinuntergeschlungen habe, Wasser zum Nachspülen ist auch schon wieder aus … lege ich mich kurz flach auf die Bank zu einem Powernäpchen. Der Schlaf will aber nicht kommen und als mir eine Buchecker auf den Kopf fällt, fahre ich entnervt weiter. Motivation ist was anderes.
Es wird jetzt megasteil und ich steige vom Rad und schiebe einen Kilometer lang. Ich überlege mir schon, dass ich das Etschtal nicht überqueren werde, sondern dass ich dort in Richtung Norden nach Hause abbiegen werde oder doch besser nach Süden und das Auto hole. Die 100 Bersaglieri sind absolut nichts für mich! Es wird wieder flacher und eine kraftschöpfende Miniabfahrt bringt mich bis zum Beweisfoto zum Rifugio Graziani unter dem Altissimo-Gipfel. Rasant geht es nur viele Kilometer abwärts.
Im Tal unten wartet das Bicigrill Ruota Libera auf mich. Ich sitze dort gemütlich im Schatten und überlege. Was tun? Bringt es das, sich so zu schinden? Es ist schon Nachmittag und wer weiß, wann ich meinen Schlafplatz aufschlagen kann. Die Nacht durchfahren und womöglich die nächste auch? Unmöglich! Macht das ganze Unterfangen überhaupt Sinn? Ich komme doch unmöglich pünktlich nach Verona ins Ziel. Warum sich dann weiter schinden? Die Schatten sind nun schon länger, die Hitze ist vorbei, ich beschließe dem Ganzen noch eine kleine Chance zu geben. Die Peri-Fosse will ich noch hinauf. Runterrollen kann ich immer noch.
Es ist nun etwas kühler und die 11 Kehren duch den lichten Buschwald hinauf gehen mir relativ leicht von der Hand. Nach jedem Kilometer „zwinge“ (Scherz!) ich mich kurz zum Trinken stehen zu bleiben. Auch die kurze Passage mit 15%-Steigung fast am Ende der Strecke, deren Existenz mir unterwegs brennend einfällt, ist nicht so schlimm. In Fosse wieder Cola & Eis -Pause. Aus dem Pausieren komme ich wohl heute gar nicht raus … Naja, egal, nach Verona schaffe ich es eh nicht. Weiter geht es.
Hinauf auf die Lessinische Hochebene muss ich. Die Bar liegt schon hinter mir, da fällt es mir ein: Ich habe zu wenig Wasser. Nur noch eine kleine Flasche voll. Wer weiß, wann ich am nächsten Tag den nächsten Brunnen finden werde … Habe ich einen Radkollegen belächelt, der wegen Sonnencreme, Wasser und Klogang an Haustüren klingelt, so erscheint es mir jetzt die einzige Lösung zu sein: Ich muss an einem der letzten Häuser von Fosse fragen. Ich klingle. Eine nette Seniorin öffnet mir, sie versteht anscheinend nicht ganz, was ich möchte, aber als ich ihr meine Trinkflasche hinhalte, versteht sie. Glück gehabt! Denn danach kommt wirklich sehr lange kein Wasser mehr.
Motiviert überwinde ich nun auch ein unangenehmes Schotterstück und schraube mich nach oben Richtung Malga Lessinia. Es dämmert nun langsam. Der Himmel ist traumhaft rot gefärbt. Am nahen Horizont tauchen zwei große Gestalten auf, zwei Hirsche, die sich gleich erschrecken wie ich und von dannen springen. Die Bäume werden spärlicher, dafür das kühle Lüftchen stärker. Auf dem höchsten Punkt ziehe ich meine dünne Daunenjacke an. Kurze Abfahrt und dann muss ich nochmal hoch zur Malga San Giorgio.
Eigentlich hatte ich geplant auch den nächsten „Berg“ noch hochzufahren, aber es ist schon fast 10 Uhr und ich beschließe nur noch bis Selva di Progno zu rollen, denn an einem Tag mehr als 6000 Höhenmeter scheint mir doch etwas übertrieben. Und vielleicht fällt das kommende „giftige“ Steigungsprofil am frühen Morgen leichter.
Die letzte Abfahrt an diesem Tag führt über eine neu asphaltierte Straße. Was hab ich für ein Glück! Mit Karacho geht es hinab. Aus den Augenwinkeln eine Bewegung und schon rollt (?) ein dicker grauer Kloß auf mich zu. Ich höre Krallen auf dem Teer klicken, da ist das Ding auch schon neben mir, ich mache einen Schlenkerer und schaffen gerade noch auszuweichen. Was war das denn. Es dämmert mir, das war ein ausgewachsener Dachs. Mit zitternden Knien nehme ich wieder Fahrt auf. Nun aber rolle ich nur noch in verhaltenem Tempo. Wer weiß, was da des Nachts noch alles unterwegs ist. Schade, dass ich hier im Dunkeln durch komme. Anscheinend ist es hier recht spannend, ich sehe Felswände neben mir und große Steine, eine Schlucht vielleicht? Eigentlich nicht meine beliebte Art zu Radeln, denn ich schaue mir die Landschaften lieber tagsüber an.
Die Nachpause ist kurz, gegen 4 sitze ich wieder auf dem Sattel. Zwei Anstiege (wie vermutet „giftig“) und ich rolle Richtung Recoaro Terme, das an den Ausläufern der kleinen Dolomiten liegt. Frühstücks-Zeit! Dann wird es ernst, 1200 Höhenmeter soll es hoch gehen bis zum Rifugio Campogrosso unter den schönen Gipfeln der Carega-Gruppe. Die dunkelrote Farbe auf dem Höhenprofil kündigt zudem Böses an. Die Steigung in der immer wärmer werdenden Sonne ist wieder unerbittlich und lässt mich zum x-ten Male zweifeln.
Aber das Leiden geht vorbei und die nächste Abfahrt und Einkehr am Passo Xomo wirkt Wunder. Bis zum Aufstieg auf die Hochfläche der Sette Comuni ist es auch noch ein Stück, zunächst Abfahrt, dann ein, wie der Italiener sagt „falso piano“, man meint nur, dass es flach ist … Die unzähligen Kehren hinauf zu den 7 Comuni sind zwar in sengender Hitze, aber dafür in moderater Steigung. Irgendwie muss man sich das Positive einreden. Beweisfoto in Rotzo (witziger Name, in dieser Sprachinsel wird zimbrisch gesprochen). Für die Gnocchi-Spezialitäten, die hier oben angeboten werden ist es leider eine halbe Stunde zu früh, aber einen leckeren Tost mit Asiago-Käse gönne ich mir. Dann bald mal Supermarkt-Stopp, ich muss mich noch eindecken, denn am nächsten Tag ist Sonntag. Das Kefir, das ich interessanterweise nur bei langen Radfahrten trinke, erfrischt mich sofort. Mein Körper braucht das irgendwie. Und auf seinen Körper soll frau hören, naja, zumindest in dieser Beziehung. Hätte ich gestern schon auf meine Körper gehört, wäre ich jetzt wohl nicht hier … der hatte mir ja schon nach 100 Km und 3000 hm zu verstehen gegeben „Gabi, du spinnst!“
Toll, jetzt geht es fast flach flott über die Hochfläche, unter anderem durch Asiago. Den Verkehr hier finde ich allerdings weniger angenehm. Am anderen Ende der 7 Comuni dann Abfahrt und die Valsugana und auf der anderen Seite bei Primolano gleich wieder hoch, vorbei an den Festungswerken aus dem Ersten Weltkrieg.
Eine weitere Krise ereilt mich: Ich nähere mich Caupo, Startpunkt der Auffahrt auf den Monte Grappa. Hier war ich schon mal. Aber ich bin damals natürlich am frühen Morgen hinauf gefahren. Jetzt hingegen ist es kurz nach 18:00 und es dämmert schon langsam. Ich erinnere mich, dass wir damals in Seren del Grappa in einer kleinen Pizzeria gegessen und dort auch ein Zimmerchen mieten konnten. Ich könnte ja das Schicksal herausfordern und da mal kurz anrufen? Falls sie ein Zimmer frei hätten … dann könnte ich morgen gemütlich frühstücken und anschließend über den schönen Radweg nach Bassano del Grappa rollen, anstatt jetzt bei Dunkelheit über den Berg … Soll ich?
Eigentlich hatte ich ja vor den Monte Grappa zu überqueren und dann irgendwo ein Zimmer nehmen. Das würde sich wohl nicht mehr ausgehen, denn bis ich auf der anderen Seite wieder am Fuß des Berges sein würde, ist Mitternacht hundertprozentig schon vorbei. Au weh! Kann ich mir ein paar Schlafstunden überhaupt leisten? Und wie gesund ist das denn? Nach 400 Kilometern und über 12.000 hm dem Körper keinen Schlaf zu gönnen? Und was wird mit der Abfahrt vom Monte Grappa? Über 20 Kilometer … werde ich mit der Müdigkeit kämpfen müssen?
Ich überlege lang hin und her und inzwischen bin ich schon richtig abgebogen. Hier beginnt der längste Anstieg zum Rifugio Bassano mit fast 29 Kilometern verteilt auf 1600 Höhenmeter. Ich kann ja mal ein Stück hoch und dann wieder runter rollen … Während ich rechne und rechne … für einen Kilometer brauche ich mehr als 8 Minuten, wie lange bin ich dann bis zum Gipfel unterwegs? Oje, viel zu lange! Während mein Gehirn “joggt“ – also mit Gehirnjogging beschäftigt ist, Rechnen geht nach so vielen Strapazen nicht mehr leicht von der Hand, also während ich rechne und rechne, habe ich die ersten 8 Kilometer schon hinter mir.
Ich mache eine kurze Ess-Pause und dann ist es gar nicht mehr so böse. Kurze schlimme Steigungen wechseln mit flachen Passagen.
Da! In der Dunkelheit hält plötzlich ein Wagen vor mir. Das Fenster wird hinunter gekurbelt. Ob ich was gehört oder gesehen hätte. Der Fahrer hatte am Nachmittag seine zweijährige „femmina“, ein Mädchen, verloren und hier gebe es Wölfe … Das ist ja schrecklich, wie kann ein Kind verloren gehen? Ich drücke noch mein Entsetzen aus. Beim Weiterfahren dämmert es mir, die „femmina“, war eine junge Hundedame. Aber trotzdem, die Arme! Und Wölfe? Hier? Ich lege einen Zahn zu.
Irgendwann bin ich dann an der Abzweigung zum Gipfel. Die knapp drei Kilometer ziehen sich noch wie Kaugummi, aber dann bin ich oben! Und es ist erst halb zehn Uhr, früher, als ich mir erhofft hatte. Hier bläst ein strammer Wind und reißt mir fast das Rad aus der Hand. Trocken umgezogen, fahre ich sofort wieder abwärts. Hatte ich anfangs Angst, dass mich bei der nächtlichen Abfahrt Sekundenschlafattacken heimsuchen würden, so bin ich noch relativ frisch, als ich in Bassano ankomme.
Die „Herbergsuche“ erweist sich als wenig erfolgreich zunächst, ein Park ist zu hell und Blicken ausgesetzt, ein Hotelgarten würde wohl abgesperrt werden und sonst gab es außer Straßen und Bürgersteigen nichts. Kurz vor dem nächsten Anstieg dann der perfekte Schlafort. Eine Kirche mit versteckter Parkanlage. Ich richte mein Lager her und will mich gerade in meinen Schlafsack zwängen, da höre ich Schritte. Zwei Männer biegen um die Ecke und streben einem Eingang in meiner nächsten Nähe zu. Oje, was mache ich jetzt, unsichtbar bin ich ja nicht und Reflektoren an meinem Rad spiegeln das plötzlich angehende Licht. Ich frage zaghaft, ob ich hier schlafen dürfe. Einer der beiden Männer, ich vermute es sind Pfarrer und Messner, bejaht bereitwillig und sperrt mir sogar einen Veranstaltungsraum auf, in dem ich das WC und Waschbecken benutzen darf. So nett!
Ich möchte mir nun 3 Stunden Schlaf gönnen, mehr ist nicht drin, denn ich habe noch einiges vor mir und um Punkt 17:00 muss ich in Verona sein, um in die Randonneur-Wertung zu kommen. Für die Tourist-Wertung hätte ich insgesamt 8 Tage Zeit, am Montag muss ich jedoch arbeiten. Ich schlafe gut, viel zu früh klingelt mein Wecker und gegen 3 Uhr habe ich meine Sachen zusammengepackt und radle weiter.
Nun steht noch ein erster ernstzunehmender Berg vor mir mit etwas mehr als 1000 Höhenmetern, dann noch 6, ich nannte sie zu der Zeit noch „Hügel“. Heute sollten es nicht mehr wie 4500 Höhenmeter mit knapp 150 Kilometern werden. Erst jetzt erkenne ich, dass ich nun wieder auf die 7 Comuni – Hochfläche muss. Die Straße schraubt sich im Dunkeln nach oben. Ab und zu kommt mal ein Auto entgegen. Was machen die denn so früh. Ich hoffe, dass die mich sehen, ganz verschlafen, wie sie wahrscheinlich sind.
Irgendwann fühle ich, dass ich unbedingt was essen muss und mache eine kleine Pause. Kurz darauf komme ich durch ein Dorf und kann es kaum glauben, jetzt um halb fünf Uhr stehe ich vor einer hell erleuchteten Bar, aus der Musik und lautes Gröhlen ertönt. Nanu? Haben die schon offen? Ich brauche unbedingt einen Latte Macchiato mit zweimal Zucker!! Nein, die haben nicht „schon“ offen, sondern „noch“! Meinen Kaffee bekomme ich und lasse mich in ein Gespräch verwickeln, ungläubiges Staunen, wo ich herkomme so früh. Ein Luciano erzählt mir, dass seit gestern abwechselnd jeder mal eine Runde spendiert, lustig sind sie ja alle. Luciano kann mein Unternehmen kaum glauben, er meint sogar, mir ein Zimmer anbieten zu müssen, da ich wohl dringend Schlaf brauche. Nein, danke, ich muss nämlich vielmehr dringend weiter. Leicht ist es nicht, sich zu verabschieden.
Dann aber radle ich wieder durch die kühle Nachtluft Richtung höchsten Punkt. Einsamer Wald. Da! Ein Auto hinter mir, bremst, fährt an, bremst und hält schließlich neben mir. Fenster aufgekurbelt meint Luciano, das mit dem Zimmer gilt noch. Er wolle mir helfen. Ich sage ausdrücklich „nein danke!“ und das Auto fährt weiter. Kurz darauf kommt mir ein Wagen entgegen, kurze Zeit später wieder ein Auto hinter mir, bremst, fährt an, bremst, … dann überholt es mich und ist weg. Ich atme erleichtert auf, dachte ich doch, dass das wieder derselbe Hilfebietende sei. Und hatte ich gedacht, die Autofahrer hier sind Frühaufsteher, so wurde ich eines Besseren belehrt: Da sind Leute unterwegs, die dürften mit ihrem Alkoholpegel eigentlich gar nicht mehr Auto fahren …
Zum Glück muss ich nun abbiegen bei der Bocchetta Galgi mache ich mich schnell bereit für eine rasante Abfahrt. Unterwegs wird es hell und zu früher Stunde finde ich eine geöffnete Bar voller Jäger. Hier decke ich mich ordentlich mit Brioches ein. Gestärkt geht es weiter.
Der erste Hügel ruft. Hätte ich über das, was nun vor mir liegt nicht so abschätzig gedacht, die paar Hügel … Mir wird bei den ersten Anstiegsmetern klar, das sind keine Hügel, sondern „Giftzwerge“! Unbarmherzige Steigungsprozente machen die 300 bis 400 Höhenmeter langen Aufstiege zur Qual. Zudem brennt die Sonne bald erbarmungslos hernieder. Jeden möglichen steilen Berg hat Musseu da noch hinten dran gehängt. Ich komme vom Rechnen nicht weg … Schaffe ich es bis 5 Uhr?
Inzwischen hat meine Garmin Edge für sich entschieden, dass nun genug sei … Der Bildschirm zeigt nicht mehr in Fahrtrichtung, sondern ist genordet. Was das bedeutet, wünsche ich niemandem. Ist mein armes Radlerhirn nicht schon gepeinigt genug, so stehe ich nun vor einer schier nicht mehr zu leistenden Aufgabe: Fahre ich nach Norden, dann ist alles gut, mein Pfeil zeigt in die richtige Richtung. Fahre ich gegen Süden, dann kommt mir mein Streckenpfeil auf dem Bildschirm entgegen. Auch noch leistbar. Verzwickt wird es aber, wenn ich an eine Abzweigung komme. Ist meine Fahrtrichtung Süden so bedeutet das, dass nach Rechts fahren muss, wenn der Pfeil auf dem Gerät nach Links zeigt. Oh je, oh je. Was kostet mich das Zeit. Ganz besonders schlimm ist es, wenn ich nach Südwesten abbiegen muss oder nach Südosten … Ich glaube ich habe meine Leser nun genug verwirrt … Die Garmin ist zwar immer meine treuer Begleiterin, aber so einen Brocken am Stück darf ich wohl nur mir zumuten, nicht aber meinem Gerät.
Irgendwann dann trotz allem der vorletzte Anstieg. Den kenne ich, allerdings nicht von dieser steilen Seite. Dann fehlt nur noch Castel San Pietro, der wunderbare Aussichtspunkt hoch über Verona. Beweisfoto und nun rolle ich nur noch abwärts. In meiner Freude verpasse ich natürlich das Ziel. Ich hatte die fixe Idee, Endpunkt sei Negrar, wo ich gestartet bin. Bis ich draufkomme, habe ich mich schon völlig verloren in den Gassen von Verona. Das Garmin-Problem ist mir nun auf keine Hilfe, ich habe keine Ahnung, wo ich bin, Google muss helfen.
So verplempere ich eine ganze Stunde, bis ich zur letzten Kontrollstelle finde. Egal, ich bin immer noch eine Stunde und 15 Minuten vor meinem „Zielschluss“ da … Endlich.
Das Abenteuer endet mit einem Riesen-Eis mit 4 Kugeln … Die habe ich mir wirklich verdient!!!
Rückblickend bin ich megastolz auf mich, 600 Kilometer mit 15.000 (!!!) Höhenmetern … da habe ich mich wohl total naiv in dieses Abenteuer gestürzt und kann es heute immer noch nicht glauben, dass ich es geschafft habe, auch zeitlich – und dass ich nun doch noch nicht zum „Seniorenturnen“ muss …
Fazit: Ich kann die Superrandonnée dei 100 Bersaglieri nur jedem empfehlen, der ein bisschen (viel) leidensfähig ist …
Danke, Musseu! Als ich davon das erste Mal gehört hatte, da dachte ich bei mir: So was Verrücktes, auf jeden Fall nichts für mich … Keine Ahnung, welcher Teufel mich dann geritten hat …
Ich freue mich schon auf den Mai 2024, da möchte ich diese traumhaft schöne Runde nämlich wieder fahren …
Hier mein Video von 2023:
Nach dem wunderbaren Sabbatjahr 2023 mit viel Rad … (AMR, TBR, GranGuanche, BTG) sollte ich langsam ans „Abgewöhnen“ denken, im September ging dann der Ernst des Lebens wieder los … Abgewöhnen? Deshalb wollte ich das Event Bike Haderburg Mitte September fahren … Der Zielort, die Haderburg, auf einem Felsen hoch über Salurn klang vielversprechend.
Profuminviaggio (Giorgio Murari und Stefania Segna) organisierten 2023 die Edition 0 der Bike Haderburgin Zusammenarbeit mit der Gemeinde Salurn und der Radsportgruppe Ciclisti per Caso.
Dieses Jahr (2024): Der Start ist am Samstag, den 18. 19. Mai 2024, Zielschluss ist Sonntagabend. Für die 450 km sind 40 h vorgesehen. Es gibt dieses Jahr mehrere Streckenlängen zur Wahl: 100 km, 200 km und 450 km. Die wunderschöne Strecke führt durch die Natur zwischen Italien und Österreich; Etschtal, Brenner, Silltal, Inntal, Kaunertal, Vinschgau. Das ideale Rad? Ein Gravelbike mit Slick 35-Reifen oder ein Rennrad mit etwas „großzügigerer“ Bereifung. Das Highlight wird nach der Anstrengung wohl die abschließende Pasta-Party auf Schloss Haderburg sein; das spektakulär gelegene Schloss ist exklusiv für diese Veranstaltung geöffnet.
Wenn jemand mit möchte, beeilen, es gibt nur hundert Startplätze!
Events auf ähnlicher Strecke aus der Feder Giorgios gab es schon mal, es war immer sehr unterhaltsam und schön organisiert: Edelweiß ’17 oder auf südlicher Route: Edelweiß ’21
2019 habe ich meinem Beitrag über die 6+6 Isole den Titel „Radfahren vom Feinsten“ gegeben.
Dieses Jahr ist das das Format etwas anders – die Strecke umfasst nicht beide Inseln, Sardinien und Sizilien, sondern es wird eine 600-Kilometerrunde durch Südsardinien gefahren und anschließend eine ebenso lange Runde durch den Norden der Insel. Dazwischen eine ausgiebige Nachtruhe in Dorgali dem Start- und Zielort. Die Strecke führt über wenig von Verkehr belastete Straßen und die Radfahrer haben jede Menge Berge zu „erklettern“, pro Runde gut 7000 Hm.
murales
Wir, die es inzwischen „spartanischer“ lieben, sprich Rennen im Selfsupportmodus fahren wie Atlas Mountain Race, GBDuro, Granguanche Audax Gravel scheinen nun im Schlaraffenland gelandet zu sein: es gibt etwa alle 100 Kilometer eine Kontrollstelle mit Verpflegung, auf Halbweg jeder Runde sogar Duschen und Schlafmöglichkeit. Aber in die Pedale treten muss man selbst und das ordentlich. Ich freue mich sehr auf die Insel und besonders auch viele bekannte Gesichter wieder zu sehen.
Die 6+6 Ajò Isole verläuft für Hermann und mich spontan etwas anders als im Vorfeld gedacht. Nach der ersten Runde, die durch die vielen Höhenmeter (7000 Hm auf 600km) ganz schön hart ausfällt, erwartet die Randonneure eine ebenso anspruchsvolle zweite Runde durch den Norden.
Bei unserer Ankunft in Dorgali meint Hermann, dass das Weiterfahren womöglich kontraproduktiv für unser nächstes Highlight im Juni, das Transbalkan Race, sein könnte. Eigentlich bin ich noch fit für die nächste Runde …Ich stimme aber ein. Der Entschluss hier zu beenden fällt mir nicht schwer, weil meine Covid-Infektion doch erst 3 Wochen her ist und es somit vernünftiger nicht zu überziehen.
Torre di Bari
Da fast die Hälfte der TN hier unerwarteterweise das Handtuch wirft und das Wetter Regen voraussagt für den übernächsten Tag, ist es für mich noch leichter in Dorgali zu bleiben. Und zudem verspricht unser Ersatz-Programm auch spannend zu werden. (Bergtour Goroppu-Schlucht, Wanderung zur Cala Luna, dazwischen gut essen gehen, Wanderung durch das Naturreservat Biderosa).
Die versäumte wunderschöne Strecke durch den Norden werden wir sicher irgendwann mal nachholen!!
Danke an die Organisatoren, die sich sehr bemüht haben, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein schönes Erlebnis zu bieten. Ich habe mich sehr gefreut, viele unserer Radfreundinnen und Radfreunde wieder zu sehen auf ein Schwätzchen oder den ein oder anderen gemeinsam pedalierten Kilometer!!
Runde 1 – Süd: 587 km/ 7150 Hm
Und wer wissen möchte, was wir rennradmäßig „versäumt“ haben:
Runde 2 – Nord: 590km/ 6980 Hm
Wer nochmal das Video von 6+6 Isole (2019) sehen möchte: