
Von Istanbul bis an den Atlantik
(Doris Hermanns)
Europa von Norden nach Süden habe ich in Etappen bereits verbunden. Seit letztem Jahr arbeite ich an der Ost- West Durchquerung und das Stück Rijeka nach Istanbul fehlt noch.
Wider allen vernünftigen Planungen, sollte es nun im Februar endlich soweit sein.
Da ich die letzten zwölf Wochen auf Samos für ein Volontariat in der Flüchtlingsarbeit verbracht habe, stand der Plan schnell fest, mit dem Fahrrad in Richtung Heimat zu starten.

Mit unterschiedlichen Fähren und dem Bus geht es zuerst in Richtung Türkei. Das war ganz gut so, denn nach einer Abschiedsfeier bis in die Morgenstunden war ich froh über eine entspannte Busfahrt mit Bordservice. Bei Sonnenaufgang stehe ich mit dem Ruf des Muezzin am Bosporus den Blick zum Goldenen Horn gerichtet. Nach zwei weiteren Tagen Touristenprogramm in dieser gigantischen Metropole steig ich voller Erwartungen und Ungeduld auf mein Rad. Und ja, es ist wie in jedem Reisevideo zu sehen wirklich sehr verkehrsreich.

Vierspurig geht es für mich 50 km aus der Stadt mit dem Gefühl, gleich werde ich von einem der anderen Verkehrsteilnehmer unfreiwillig aus dem Verkehr gezogen. Zur Beruhigung denk ich mir, es gibt auch Fußgänger auf dieser Schnellstraße, also wird es nicht so schlimm sein. Jeder Versuch, eine ruhigere Nebenstrecke zu finden, wird mit Kilometer langen Schlammpassagen bestraft. Als groẞen Vorteil erweisen sich meine wasserdichten Wanderstiefel. Mein einziges Schuhwerk auf dieser Reise.

So schön die Türkei ist, bin ich glücklich, zurück auf griechischem Boden zu sein. Griechenland? Dieser Landstrich ist eingeklemmt zwischen der Türkei, dem Meer und Bulgarien, genannt Ostmakedonien, landwirtschaftlich geprägt. Hier sind die Nebenstraßen eher Feldwege, nicht immer asphaltiert, und der Jahreszeit geschuldet oft überschwemmt. Dazu gesellt sich nun ein nicht unerhebliches Hundeproblem. Immer wieder werde ich von einem ganzen Rudel attackiert, einmal sogar an der Packtaschen gezerrt und das in jedem Ort und zum Leidwesen auch auf einsamer Strecke. Von nun an mit Stock bewaffnet, womit ich die vielen weiteren freilaufenden Hunde wenige Zentimeter ferner vom Rad halten konnte, komme ich nach drei Tagen verängstigt und genervt in Thessaloniki an.
Vielleicht sind die Hunde im Sommer etwas träger oder auf organisierten, geplanten Routen nicht so zahlreich vertreten. Ich entscheide mich, in ein touristisches Gebiet zu fahren, um diesen Hunden zu entkommen. Die Direktroute durch die Berge ist diesen Winter wegen ständigem
Schneefall für mich nicht passierbar und der Umweg ans Meer durch milde Klimazonen war bereits eingeplant. So geht es mit dem Bus nach Igoumenitsa, gegenüber der Insel Korfu, und weiter am Meer entlang nach Albanien. Auch hier, bis über die Grenze ins nächste Land von Hunden begleitet.

Albanien, ein Land mit keinem anderen Vergleichbar! Die Sprache, mir vollkommen fremd: lateinische Buchstaben mit Sonderzeichen. In den Bergen Schafe, Ziegen, fischreiche Flüsse und in den Niederungen zum Meer fruchtbarer Boden, der den Anbau von jeglichem Gemüse und Zitrusfrüchten ermöglicht. Am Straßenrand sind unzählige Marktstände, jeder verkauft was er anbaut, und es häufen sich viele kleine Manufakturen. Selbstversorgung ist in diesem Land bestimmt möglich, nur wie ich die günstigsten, neuen Luxus-Unterkünfte einordnen soll, mag ich mir nicht erklären.
Und der Verkehr? Abseits der Küste liegen gut ausgebaute, ruhige Straßen, leider auch sehr steil, sodass manches in die Jahre gekommenes Auto härter zu kämpfen hat als ich. An der Küste erreiche ich verkehrsreiche Strecken, die sich an Kreuzungen oft zu einem Schotterfeld verbreiten. Alle Fahrzeuge aus den unterschiedlichsten Richtungen schlängeln sich an Pfützen vorbei, dabei großen Löchern ausweichend, um sich ihren Weg zu suchen. Längst macht es mir Spaß, im gleichen Tempo mit Bussen und LKW über diese Kreuzungen zu mäandern.

In kleineren Orten und Cafés sind fast nur Männer anwesend, Frauen bekomme ich nur in Hausnähe zu Gesicht. Aber das Essen ist frisch zubereitet aus regionalen Produkten und der Kräutertee aus den Bergen ein Genuss. Einmal wird mir zum Frühstück neben dem üblichen Omelett mit Schafskäse, Oliven und Tomaten sogar eine ganze Schüssel Krapfen gebacken. Die Reste bekomme ich als Wegzehrung eingepackt.
Mit Wehmut und dem Gedanken zurückzukommen, geht es danach nach Montenegro, wo ich fast überall Straßenbau erleben darf, egal ob in den Bergen oder in der Bucht von Kotor. Mangels Umleitungsmöglichkeiten läuft der normale Verkehr in der nächsten Baustelle weiter. Also reihe ich mich zwischen Autos, LKWs und Baustellenfahrzeugen ein, um über kilometerlange Schotterstrecken zu hoppeln. Da wird mir bewusst, wie wichtig es ist, nicht durch Pfützen am Straßenrand zu fahren, denn oft fehlen an Drainageschächten die Schutzgitter und es geht weit in die Tiefe. Landschaftlich beeindruckend sind die dunklen Berge bis zum Meer.

Das kurze Stück Bosnien-Herzegowina bleibt mir als Dusche in Erinnerung. Trotz Regen sind die langen Festungsanlagen auf den vorgelagerten Inseln gut zu erkennen. Sie sind Zeugen einer bewegten Vergangenheit hier auf dem Balkan. Zurück in Kroatien, eines meiner Lieblingsländer, fahr ich meist an der Küste entlang, allerdings nicht nur auf Meeresniveau, sondern auch oberhalb, aber immer mit Meerblick bis Split. Vorbei geht es an
der “Perle der Adria”, der gigantischen Festungsstadt Dubrovnik. Auf alle Fälle ist sie einen Besuch wert.
Zurück in den Bergen, zwischen Meer und Bosnien wird es wieder einsamer: lange Landstriche mit zerfallenen Häusern, Ruinen, Dörfern und streunenden Hunden, aber auch imposante Städtchen mit langer militärischer Vergangenheit. Und erwähnenswert ist bereits in den Morgenstunden in jedem Ort der Geruch von Holzkohle. Es wird auf dem Balkan, seit Istanbul, viel gegrillt. Die von Karst geprägte Landschaft wird grüner und lieblicher, bereits 50 km vor Slowenien ändert sich auch die Bauweise zu einem östereichisch-habsburger Stil.
Noch nie habe ich auf einer Strecke solch unterschiedliche Länder, Religionen und Sprachgruppen erlebt mit dieser einzigartigen ethnischen, religiösen und kulturellen Vielfalt. Das alles auf 3000 km zwischen den Slowenischen Alpen, Schwarzem Meer und Ägäis. Längst habe ich meine Ost -West Verbindung vervollständigt, deshalb bin ich dankbar und glücklich, dies alles erfahren zu dürfen, und fahre weiter bis nach Ljubljana. Ein günstiges Angebot der Bahn, in nur acht Stunden zu Hause zu sein, macht mir die Entscheidung leicht, Österreich zu einer milderen Jahreszeit zu bereisen. Auf der ganzen Strecke hilfreich war ein europaweiter E-Simkarten Vertrag, der es mir ermöglichte, ohne Rooming Gebühren und weiteren Aufwand Internet zu nutzen.

Wie bereits erwähnt, arbeitete ich bei einer NGO auf der griechischen Insel Samos. In der Skills Factory finden Geflüchtete eine Tagesstruktur und können in den unterschiedlichsten Bereichen ihre Fähigkeiten vertiefen. Neben Media- und Barberkenntnissen gibt es auch Organisatorisches, Arbeiten in Küche und Wäscherei, sowie Nähkunst zu erlernen. Shirts werden genäht und bedruckt, unter anderem auch mit dem Aufdruck “NO BORDERS“. Gleiches gilt auch für die Grenzen in unseren Köpfen, ohne die unsere Welt mehr erstrahlen würde.
Ich möchte euch zuletzt ermutigen zu helfen, sei es
persönlich und durch eine Spende an :
the seed that grew (chuffed.org)
Instagram
oder an eine der vielen anderen Organisationen, die ihren Dienst am Menschen tun und sich nur aus Spenden und freiwilliger Arbeit finanzieren.