zuerst mein Video Tag 11 bis 14
Halbzeit? Tag 11 – Do, 30.07.
CP2 bis Tarnalelesz | 240 km | 2.050 Hm | 12 h

Durch die längere Pause in der Penzion Fortuna in bin ich inzwischen auch einige Kilometer hinter meinem Zeitplan. Im Verhältnis zur noch verbleibenden Strecke ist das nicht problematisch. Wenn sich die „Verspätungen“ in den nächsten Tagen nicht weiter summieren, dürfte ich trotzdem pünktlich ins Ziel kommen. Den CP2 hatte ich jedenfalls mit einem halben Tag Vorsprung auf das Cut-off erreicht.

Nach dem Frühstück starte ich motiviert zunächst auf einem schönen Radweg am Fluss entlang, muss dann aber leider auf eine Hauptstraße abbiegen. Hatte ich gedacht, bis Poprad sei es mehr oder weniger eben, werde ich bald eines Besseren belehrt. Schon nach kurzer Zeit habe ich die ersten 500 Höhenmeter gesammelt und dazu wird es unangenehm heiß. Ehrlich gesagt nutze ich bereits auf den ersten Kilometern die Beregnung eines Kinderspielplatzes als Dusche. Auch ein Abstecher in die Hügel mit zusätzlichen Aufstiegen wird spontan gestrichen. Man muss im TCR schließlich Prioritäten setzen.

Dann habe ich plötzlich ein Aha-Erlebnis. Der Blick auf die Berge nördlich von mir kommt mir bekannt vor. Hier war ich doch schon einmal! Ich krame in den hintersten Gehirnregionen und werde tatsächlich fündig: Bei meinem NorthCape4000 vor vier Jahren kam ich durch die Niedere Tatra und durch sehr einsame Gegenden. Ich übernachtete damals in einem Dorf und querte anschließend nach Norden in Richtung Hohe Tatra. Und genau diese Berge liegen jetzt vor mir. Ich kreuze sogar meinen damaligen Weg und entdecke das Hinweisschild zu einem Ort mit einem einzigen Vokal am Ende: Štrba. Sofort sind die Erinnerungen wieder da: die bunte Dorf-Silhouette, auf die ich in der Dämmerung zufuhr, und die sehr einfache Unterkunft mit den ausgesprochen netten Vermietern. Schon irgendwie schön, nach vier Jahren wieder hier vorbeizukommen – diesmal allerdings auf dem Weg nach Kalamata.

Nur noch wenige Kilometer bis Poprad. Der Verkehr wird immer dichter. Manchmal kann ich auf ein Stück Radweg ausweichen, dann muss ich wieder Richtung Süden abbiegen.
Über Betlanovce geht es hinein in den Slovenský raj, das Slowakische Paradies. Bei Píla fahre ich mitten durch diese beeindruckende Landschaft aus dichten Wäldern und tiefen Schluchten. Anfangs zweifle ich noch, ob das wirklich die beste Wahl war. Entlang der kühlen Veľká Biela voda geht es stetig bergauf. Die Straße liegt fast vollständig im Schatten, weit und breit ist kein Verkehr zu sehen. Es ist unglaublich einsam und ruhig – nur das Plätschern des Baches begleitet mich. Ein paar Kehren noch, dann erreiche ich den Kopanec-Pass, den höchsten Punkt dieser Strecke.
Danach folgt eine rasante Abfahrt und ich komme durch Stratená – Verlorenseifen. Allein dieser Name bringt mich zum Grinsen. Nach mehreren Tagen ohne richtige Dusche fühle ich mich tatsächlich ein bisschen wie als hätte ich meine „Seife verloren“. Irgendwie passend für einen TCR, bei dem man sich zwischendurch schon einmal fragt, wo man eigentlich gelandet ist. Ich nehme das einfach als gutes Zeichen und fahre weiter.
Nach dem Mittag geht es wieder bergab Richtung Dobšiná. Der Ort wirkt auf mich ziemlich heruntergekommen. Viele Häuser sind offensichtlich seit Jahren nicht mehr renoviert worden, manches macht einen geradezu traurigen Eindruck.

Ich halte bei einem kleinen, ziemlich baufälligen Supermarkt. Mit meinem Einkauf – fast einem Liter Kefir, Müller Milchreis und dem Obst und Gemüse, das ich vom Frühstück mitnehmen durfte – setze ich mich vor dem Geschäft in den Schatten und versuche, ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Kaum sitze ich, spricht mich ein ziemlich eigenartiger Mann an. Ich verstehe nicht recht, was er von mir will, und irgendwie fühle ich mich hier nicht besonders wohl. Auch einige Jugendliche hängen in Gruppen herum.
Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Menschen mich genauso misstrauisch beobachten, wie ich sie. Vielleicht ist es auch einfach die ungewohnte Umgebung. Jedenfalls bin ich froh, als ich meine Sachen wieder zusammenpacken und weiterfahren kann.
Talauswärts geht es weiter entlang der Slaná. Je weiter ich nach unten komme, desto weniger schattenspendende Bäume gibt es. Die Hitze wird brutal.
Wieder muss ein Brunnen als Dusche herhalten. Ich verpasse mir eine Ganzkörperdusche, tränke mein Radtrikot komplett und ziehe es klatschnass wieder an. Herrlich – zumindest für die nächsten paar Kilometer.
Doch ein kleiner Berg liegt noch im Weg: drei Kilometer und 170 Höhenmeter. Eigentlich klingt das nach gar nichts. In der prallen Sonne wird daraus allerdings eine ziemliche Tortur.
Zum Glück ist kaum Verkehr. Die wenigen Autos, die hier unterwegs sind, haben es offenbar besonders eilig. Sie schießen mit irrem Tempo den Berg hinauf, der den Übergang von einem Tal ins andere bildet. Bei einem gerade herankommenden Auto quietschen plötzlich die Reifen fürchterlich. Ich glaube, der Fahrer hat mich erst im allerletzten Augenblick gesehen. Da bin ich schlagartig hellwach.
Im nächsten Örtchen entdecke ich ein Mini-Geschäft, vor dem einige Männer sitzen und mich neugierig beäugen. Unter der spärlichen Auswahl kaufe ich eine Cola und ein Eis. Ich frage, ob ich mich drinnen in der Kühle des Geschäfts hinsetzen darf. Kurz darauf schließt der Inhaber allerdings – und es ist noch nicht einmal 17 Uhr. Das halbe Eis landet anschließend im Mülleimer. Die Waffel ist völlig durchweicht und der Geschmack etwas seltsam. Da war die Kühlkette wohl mehrmals unterbrochen worden. Ich hoffe stark, dass ich davon keine Probleme bekomme. Salmonellen oder irgendetwas Ähnliches wären jetzt wirklich das Letzte, was ich gebrauchen könnte. Meine TCR-Fahrt möchte ich ungern wegen einer fragwürdigen Eiswaffel beenden.
Bei Gemerská Hôrka muss ich einen Umweg nehmen. Die Straße Richtung Bohúňovo ist für mich verboten, also bleibt mir nichts anderes übrig, als einen Bogen zu fahren. Dafür geht es schön durch landwirtschaftlich geprägte Gegenden – nur leider sind es ungefähr zehn Kilometer mehr.

Bei Tornaľa, kurz vor der slowakisch-ungarischen Grenze, bin ich wieder auf meiner Route. Im Supermarkt mache ich eine kurze Pause. Vor dem Geschäft sprechen mich zwei Buben an. Sie sagen immer wieder „ku … ku …“ und zeigen dabei auf ihren geschlossenen schmuddeligen Rucksack. Ich verstehe kein Wort. Erst nach einigem Rätselraten dämmert mir: Sie wollen mir kukurica – Maiskolben verkaufen.
Eine Frau nimmt mir anschließend bereitwillig meinen Müll ab. Vielleicht kann sie sich mit den zurückgebrachten Flaschen und Dosen noch ein paar Cent Pfand verdienen? Wer weiß. Jedenfalls bin ich meinen Müll los.
Die Gegend rund um die Grenze wirkt ziemlich ungepflegt. Ich komme nach Özt. Trinkwasser gibt es hier am Friedhof offenbar nicht, aber vielleicht kann ich mich wenigstens ein bisschen waschen und vor allem abkühlen.
Aus dem langgezogenen Ort führt dann völlig unerwartet ein schmaler, netter Radweg durch schilfbewachsene Böden. Etwa 15 Kilometer lang – wunderschön und völlig ruhig. Es dämmert schon und langsam wird es dunkel. So schön ist der Radweg, dass ich ihm gedankenlos viel zu weit folge. Irgendwann muss ich umdrehen und die verlorenen Kilometer wieder zurückfahren. Tja – auch das gehört zum TCR.
Danach geht es auf einer neu ausgebauten Straße noch einmal einen kleinen Berg hinauf und wieder hinunter. Ich telefoniere dabei mit Hermann, und so vergehen die paar Höhenmeter fast wie im Flug.
Eigentlich sollte ich zu diesem Zeitpunkt schon etwa 90 Kilometer weiter sein. Am Vortag bin ich durch die Hitze nicht so schnell vorangekommen. Mehr als 240 Kilometer mit 2.500 Höhenmetern stehen deshalb heute auf dem Tacho, leider nicht mehr, soviel ich auch rechne.
Nach Tarnalelesz werde ich so richtig müde. Dazu kommen die LKWs, die auch spät am Abend noch mit ordentlichem Tempo über die Straße donnern. Ob die wohl wissen, dass um diese Zeit noch Radfahrer unterwegs sind?

Viel Auswahl habe ich bei der Schlafplatzsuche jedenfalls nicht. Kurz nach dem Ort finde ich ein Feld etwas unterhalb der Straße, ein Busch bietet zumindest ein wenig Schutz. Also Zelt aufstellen, Wecker auf halb drei und gegen drei Uhr wieder los. Der ideale TCR-Schlafplatz sieht vermutlich anders aus – aber heute bin ich nicht mehr wählerisch.
Die LKWs rauschen weiter vorbei, die Zikaden zirpen lautstark. Eigentlich könnte das ziemlich störend sein. Aber heute ist mir das völlig egal. Ich bin so müde, dass mich beides nicht mehr interessiert.

Augen zu – und weg.
Tag 12 – Freitag, 31.07.
330 km | 900 Hm | 14:40 h
Wecker um halb drei, Abfahrt gegen drei. Kaum losgefahren, schreckt mich lautes Klackern auf. Ein Reh springt über die Straße. Oha – da muss ich wohl etwas besser aufpassen. Immer wieder warnen Schilder vor Wildwechsel.
Etwa 15 Kilometer weiter sehe ich rechts von mir eine ganze Gruppe von Tieren, die Richtung Straße stürmt und sie überquert. Der Strom an graubraunen Tieren in verschiedenen Größen scheint gar nicht mehr aufzuhören. Ich fahre langsam weiter. Als ich denke, jetzt ist das letzte Tier drüber, taucht plötzlich nur wenige Meter vor mir ein riesiger Körper mit Geweih auf. Hirsche! Die waren ohne jede Vorwarnung plötzlich da. Ich muss wirklich besser aufpassen, besonders wenn ich bergab etwas schneller unterwegs bin.

Ganz konzentriert bin ich heute offenbar nicht.
Unterwegs mache ich mir Gedanken, wie ich nun am besten nach Sarajevo komme. Im Vorfeld habe ich tagelang verschiedene Routen geplant. Das Ergebnis ist ernüchternd: Egal, welche Variante ich wähle, irgendwo lande ich auf stark befahrenen Magistralen.
Dann kommt mir eine Idee. Robin Gemperle, der Sieger des TCR, ist bereits an Tag 10 angekommen – er war genauso lang unterwegs, wie ich – bis gestern. Warum also nicht einmal schauen, welche Strecke er genommen hat?
Tagelange Routenplanung hin oder her: Ich beschließe, ab Osijek einfach Robins Strecke nachzufahren. Noch habe ich einen Tag vor mir. Und manchmal ist es vielleicht gar nicht schlecht, die eigene Planung kurzfristig über Bord zu werfen. Allerdings ahne ich noch nicht, was mich übermorgen erwarten wird.
Etwa 70 Kilometer sind geschafft, als ich rund zehn Kilometer vor Heves in Kál eine kleine, wunderbare Bäckerei entdecke. Frische Pistazien-Croissants, Cappuccino und irgendetwas mit Quark – vermutlich eine ungarische Quarktasche. Ich kann natürlich nicht widerstehen. Alles wird verputzt, dann geht es weiter.
Die Sonne steht inzwischen deutlich höher und es wird richtig warm. Die Landschaft gefällt mir, aber die Straße ist ein einziger Flickenteppich. Ich schlängle mich um die zahlreichen Löcher und muss bei jedem Ausweichmanöver gleichzeitig aufpassen, dass nicht gerade ein Auto oder LKW von hinten kommt. Radfahren als Slalomtraining.

In Újszász halte ich spontan an einem Brunnen. Aus gleich vier Hähnen sprudelt Wasser – allerdings lauwarm und gelblich trüb. Zum Händewaschen ist mir das schon suspekt genug, ans Trinken denke ich erst recht nicht.
Ich hole Brot, Käse und einen Joghurt aus meinem Proviant und mache es mir im Schatten gemütlich. Nach und nach kommen immer mehr Leute mit großen Plastikflaschen, Kanistern und sogar Gießkannen. Sie füllen das Wasser ab und unterhalten sich angeregt. Einer der Männer versucht mir zu erklären, dass hier Mineralwasser aus der Leitung kommt und man es bedenkenlos trinken könne.

Ich bleibe skeptisch. Getrunken habe ich es jedenfalls nicht. Für meine persönliche Kühlanlage ist es allerdings bestens geeignet. Wieder einmal benetze ich mich von oben bis unten mit dem lauwarmen Wasser und fahre erfrischt weiter.
Heute habe ich sogar leichten Rückenwind. Er schiebt mich ganz angenehm vorwärts, kühlt aber leider überhaupt nicht. Die Sonne brennt weiter.
Ich höre zum ersten Mal einen Podcast. Sonst bleiben meine Kopfhörer meist in der Tasche – ich setze sie nur auf, wenn ich mich wirklich ablenken muss. Heute ist es so weit. Es geht um Everesting und darum, dass man auch einmal „Nein“ sagen darf. Das passt natürlich gerade wie die Faust aufs Auge. Zwingt mich eigentlich irgendjemand, hier längs durch Europa zu fahren? Und dann auch noch durch diesen teilweise schlimmen Verkehr?
Dabei muss ich an meine eigene spontane Everesting-Aktion denken. Eines Tages habe ich einfach beschlossen, den Ploseberg direkt vor meiner Haustür hoch- und wieder runterzufahren. Achtmal bin ich hinauf, bis ich knapp 9.000 Höhenmeter zusammenhatte. Der Busfahrer, dem ich bei jeder Auffahrt wieder begegnet bin, hat vermutlich irgendwann gedacht: Die Tante hat doch ein paar Schrauben locker.
Und jetzt sitze ich hier, irgendwo auf dem Weg durch Europa, und frage mich tatsächlich, warum ich mir das eigentlich antue. Vielleicht ist das genau der Moment, in dem man einmal „Nein“ sagen sollte. Oder vielleicht ist es auch genau der Moment, in dem man merkt, dass man es eben doch will.
Vor Kecskemét wird die Hitze fast unerträglich. Meine Strecke führt kilometerlang ohne jeden Schatten auf einem Radweg direkt neben der stark befahrenen Straße. Die Sonne knallt herunter, der Verkehr rauscht vorbei und auf dem Garmin klettert die Temperatur auf über 40 Grad.

Nach einem Einkauf breite ich meine Unterlage auf der Wiese vor einer Tankstelle aus. Essen, hinlegen, eine halbe Stunde Powernap. Dann muss ich weiter. Zuvor weiche ich auf der Tankstellen-Toilette wieder einmal meine Radkleidung komplett ein. Die Abkühlung hält natürlich nicht lange. Kaum zurück auf der Straße, ist alles wieder trocken.
Die kommenden Stunden könnte man mit „Überlebensstrategie gegen die Hitze“ überschreiben. Jede Gelegenheit zur Abkühlung wird genutzt.

Eine Beregnungsanlage nehme ich dankbar mit. Kurz darauf komme ich an einem kleinen Supermarkt vorbei. Auch hier frage ich, ob ich die Toilette benutzen darf – und wieder werden die Kleider eingeweicht. So nett die Damen!
Nächste Station: eine Hausbaustelle. Die Besitzer sind gerade dabei, den frisch gegossenen Betonboden zu besprühen. Eine willkommene Gelegenheit! Ich stelle mich gleich mit dazu.

Nach spätestens 20 Minuten ist ohnehin wieder alles trocken. Also frage ich bei ein paar Gärten einfach, ob ich mich mit Wasser nass machen darf. Die Leute lassen mich tatsächlich. Inzwischen ist mir nichts mehr zu peinlich.
Irgendwann komme ich an einen Friedhof. Auch hier gibt es Wasser. Und wieder heißt es: übergießen und weiter.
Finde ich nichts, muss die Trinkflasche herhalten. Aber nicht diese eine spezielle: Mir war in einem der Supermärkte eine Dummheit passiert: Ich will Wasser kaufen und greife – wie gewohnt – nach der Flasche mit dem rosa Etikett. Erst später merke ich: Erdbeergeschmack! Süßes Erdbeerwasser. Igitt.

Die Hälfte schütte ich weg, den Rest fülle ich in meine Trinkflasche. Und dann zwinge ich mich alle paar Kilometer, ein paar Schlucke davon zu trinken. Nicht gerade mein Lieblingsgetränk – aber bei dieser Hitze ist jede Art von Flüssigkeit kostbar.
Der Verkehr auf dieser schnurgeraden Straße ist inzwischen wirklich grenzwertig. Vor allem die LKWs. Manche donnern nur wenige Zentimeter an mir vorbei. Sehen die mich überhaupt? Zudem besteht der Straßenbelag ganz rechts aus einem dicken Wulst. Eine gerade Linie ganz am Straßenrand halten ist nahezu unmöglich.
In Kiskőrös mache ich nach dem Tesco-Stopp gleich noch einmal Halt in einem anderen Supermarkt. Ich habe doch tatsächlich das Wasser vergessen. Verflixt! Heute hat die Hitze wohl irgendetwas bei mir da oben verbrutzelt. Dabei habe ich tagsüber ständig angehalten. Alle paar Kilometer kurz runter vom Rad, Wasser über die Ärmlinge und mich selbst gegossen, etwas getrunken und gegessen. Alles sinnvoll und bei dieser Hitze auch notwendig. Aber die vielen kleinen Stopps summieren sich langsam bedenklich.
Und plötzlich kommt der Gedanke: Schaffe ich es überhaupt noch bis kommenden Samstag ins Ziel?
Die Strecke ist zwar flach, aber die Hitze kostet Kraft – und Zeit. Und Zeit habe ich eigentlich nicht zu verschenken. Durch die zweistündige Mittagspause im Schatten und die vielen kleinen Stopps schaffe ich es dann auch tatsächlich nicht mehr zur letzten geplanten Abendfähre über die Donau.
Egal. Heute werden es sowieso über 330 Kilometer auf dem Tacho sein. Höhenmeter gab es kaum, die Strecke führt fast schnurgerade durch die Pannonische Tiefebene. Eigentlich müsste das ein Traum sein – flach und schnell. Aber die Hitze staut sich hier, und selbst bei einer Abfahrt gibt es nicht einmal einen Moment, in dem ich die Beine einfach hängen lassen kann. Monoton immer weiter pedalieren.

Am Abend ziehen sich die etwa 25 Kilometer bis zur Fähre wie Kaugummi. Man sieht kaum etwas. Auf meinem Garmin kann ich eigentlich nur erkennen, dass ich parallel zur Donau fahre. Ein kleines Nebensträßchen, kaum Ablenkung – zum Beispiel von LKWs. Lach!
Inzwischen habe ich das Gefühl, ganz alleine unterwegs zu sein. Seit zwei Tagen bin ich keinem einzigen Mitstreiter begegnet. Wo fahren die alle? Oder bin ich etwa die Letzte? Ein misstrauischer Blick auf die App beruhigt mich: Nein, bin ich nicht.
Tag 13 – Samstag, 01.08.
283 km | 1.500 Hm | 13:50 h
Am Bootsanleger zur Donaufähre bei Mohács stelle ich mein Zelt auf. Um zehn nach fünf soll die erste Fähre fahren. Viel Schlaf wird es also nicht. Nicht mal 4 Stunden.

Beim Zeltzusammenpacken merke ich: Ich kann mich irgendwie nicht mehr riechen. Das Trikot habe ich zwar immer wieder einmal durchgewaschen, aber irgendwann hilft alles nichts mehr, wenn man nicht duscht und sich nur mit einem Funktionstuch einer Art Katzenwäsche unterzieht. Am Anleger gibt es ein WC. Das nutze ich, nachdem ich ein Ticket für mich und mein Rad gekauft habe.
Einige Leute warten bereits auf die erste Fähre, mit Fahrrädern und Körben voller Gemüse und Blumen. Die Sonne geht gerade auf und taucht alles in ein unwirkliches Licht. So schön!

Auf der anderen Seite, in Mohács, hat am frühen Morgen bereits ein Bäcker geöffnet. Gegenüber gäbe es auch Kaffee – aber leider nicht ohne Bargeld. Außerdem tut der Barmann so, als wüsste er nicht, was ein Cappuccino ist. Unfreundlich! Also weiter.
Ein paar Kilometer später erreiche ich die Grenze. Ungarn liegt hinter mir, Kroatien vor mir.
Und … am Horizont entdecke ich wieder einmal einen kleinen Hügel. Na bitte! Etwas Abwechslung für die Beine. Ganze 100 Höhenmeter wollen überwunden werden. Ein Mini-Berg – aber ich freue mich tatsächlich darüber nach den vergangenen vielen flachen Kilometern.

Kurz darauf erreiche ich Kneževi Vinogradi in Kroatien. Eine Bar! Hier wird man hoffentlich mit Euro zahlen können. Es ist noch früh am Vormittag, aber in der Bar sitzen bestimmt schon zwanzig Männer. Keine Frau weit und breit. Natürlich werde ich wieder neugierig beäugt.
Orangensaft, Kaffee und ein Croissant – fein! Zwischendurch setze ich noch schnell das WC unter Wasser. Ich wasche meine Handschuhe, das Stirnband und vor allem die Socken, die es ganz besonders nötig haben. Die stehen inzwischen schon fast von alleine.

Bei der Weiterfahrt dann sofort wieder ein Schreckmoment: Ein Bus überholt auf der Gegenfahrbahn eine Gruppe Radfahrer. Ich muss mich auf meiner Seite ganz schmal machen. Das war knapp!
Es wird schon wieder warm, aber die Hitze fühlt sich heute anders an. Es ist etwas luftiger und dadurch angenehmer. Und tatsächlich begegnen mir beim Weiterfahren immer wieder Radfahrer. Offenbar bin ich auf einer Strecke unterwegs, auf der Autofahrer Radfahrer gewohnt sind. Das beruhigt mich.
Und zwischendurch kann ich wieder einmal über etwas völlig anderes sinnieren: Heute sind die Oreos dran. Diese kohlrabenschwarzen Kekse mit Füllung, die ich zu Hause nie und nimmer kaufen würde. Hier sind sie praktisch. Ich schichte sie abwechselnd mit Weintrauben in meine Oberrohrtasche und habe damit jederzeit einen kleinen Snack griffbereit. Unglaublich eigentlich: In jedem Land scheinen die Oreos ein bisschen anders zu schmecken – und auch die Farbe der Füllung wechselt. Von zartrosa bis türkis ist alles dabei. Weiße Oreos hatte ich auch schon. Das hat sogar einen praktischen Vorteil: Bei den weißen sieht man den Proviant nicht noch stundenlang im Gesicht. Bei den schwarzen Oreos dagegen fahre ich mitunter mit schwarzen Zähnen und schwarzen Mundwinkeln durch die Gegend. Nicht unbedingt der eleganteste TCR-Look.

Kurze Zeit später und einige Straßendörfer weiter erreiche ich Osijek. Ab hier fahre ich ins Unbekannte. Naja – wie schon erwähnt, wurde die Strecke ja bereits von Robin Gemperle getestet. Aber ob er im Nachhinein glücklich mit seiner Wahl war und ich es auch sein werde? Das werden wir wohl erst am nächsten Tag in Sarajevo wissen.
Es ist gegen halb zehn am Vormittag, und vor mir liegen noch gut 300 Kilometer und mehr als 3.000 Höhenmeter bis zum CP3. Eigentlich wollte ich dort am frühen Vormittag ankommen. Jetzt frage ich mich: Um wie viel werde ich mich verspäten? Und komme ich dort überhaupt an?
Zu viele Fahrerinnen und Fahrer sind inzwischen aus dem Rennen ausgeschieden. Wird mich dasselbe Schicksal ereilen? Der Zeitdruck ist jedenfalls real. Um Mitternacht schließt der CP3 hoch über Sarajevo.
Trotz aller Unbekannten bin ich wieder richtig stolz, Teil der TCR sein zu dürfen. Gestern habe ich mehrmals aus den unterschiedlichsten Gründen gezweifelt – und mich tatsächlich gefragt, ob ich nicht doch aussteigen sollte. Wenn das nur nicht so kompliziert wäre. Wie würde ich von hier überhaupt nach Hause kommen? Gut, Kroatien ist ja nicht aus der Welt. Aber ausgerechnet hier, am östlichsten Zipfel des Landes, wäre die Heimreise auch nicht gerade ein Spaziergang.

Und dann läuft mir auch schon der erste Hund hinterher. Zum Glück nur ein kleiner – wahrscheinlich so eine Art Eingewöhnungsmodell. Ein bisschen bellen, ein paar Meter hinter mir herlaufen, dann lässt er von mir ab. Na bitte. TCR-Hund Nummer eins. Da geht noch was.
Nach drei Tagen fast ausschließlich durch die Ebene kommen nun endlich wieder ordentlich Höhenmeter auf mich zu. Wie wird das wohl werden?

Ab Osijek geht es zunächst weiterhin durch Felder, Wiesen und kleine Dörfer. In Vinkovci lege ich einen Supermarkt-Stopp ein. Leider gibt es dort kein WC, auf dem ich mich wenigstens einmal ordentlich waschen könnte. Also weiter.
Zehn Kilometer später halte ich in Andrijaševci noch einmal an. Direkt beim Geschäft finde ich keinen Schattenplatz. Also fahre ich kurzerhand einen halben Kilometer zurück. Beim Herfahren hatte ich dort einen kleinen Park am Ufer des Flüsschens Bosut entdeckt – perfekt für eine Mittagspause. Essen, hinlegen, Powernap. Wie üblich um die Mittagszeit. Und tatsächlich sehe ich wieder einmal jemanden vorbeifahren. Also ganz alleine bin ich dann doch nicht.

Ich nähere mich der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina, bei Županja / Orašje. Meine erste Grenze außerhalb des Schengenraums. Vor der Grenze stehen die Autos auf etwa zwei Kilometern im Stau. Zunächst reihe ich mich brav hinter den klimatisierten Wagen ein. Aber schon nach kurzer Zeit wird mir klar: Wenn ich hier in der prallen Sonne im Stillstand bleibe, riskiere ich einen Hitzekollaps. Also schwindle ich mich langsam an den Autos vorbei und dränge mich nach vorne. Nicht gerade elegant, aber mir ist inzwischen ziemlich egal, was die Wartenden davon halten.
Kroatien liegt hinter mir. Ich fahre auf die Brücke über die Save – und genau da fällt es mir siedend heiß ein: Bosnien hat kein Schengen-Roaming für mich. Ich habe dort kein Internet! Ausgerechnet mitten auf der Brücke und in der sengenden Hitze versuche ich, mein Balkan-Internet-Paket zu aktivieren. Zum Glück klappt es. Noch einmal Glück gehabt. Ohne Internet wäre das Bikepacking-Leben um einiges komplizierter geworden. Nicht auszudenken – ähnlich schlimm wie ganz ohne Smartphone dazustehen, was ich bei den Ladeproblemen vor ein paar Tagen ja schon einmal hatte.
Und dann: die Hunde. Punktgenau in Bosnien geht es los. Alle paar Kilometer rennen welche neben mir her, bellen und begleiten mich ein Stück. Bisher gibt es zum Glück noch keine Situation, in der ich deshalb anhalten muss.

Kaum bin ich über die Grenze nach Bosnien und Herzegowina gefahren, fällt mir noch etwas auf: In den Dörfern stehen auffallend viele Minarette. Immer wieder höre ich den Muezzin rufen – eine Geräuschkulisse, die mir sofort zeigt, dass ich in einer anderen Welt angekommen bin. Auf den Straßen sind vor allem Männer unterwegs. Heute ist Samstagabend, und offenbar haben es einige besonders eilig. Immer wieder schießen Autos mit ziemlich hoher Geschwindigkeit an mir vorbei.
Ich bin froh, als ich kurz nach Suha, inzwischen ist es schon dunkel, endlich auf einen Schotterweg abbiegen kann. Damit hatte ich auf meiner Strecke eigentlich überhaupt nicht gerechnet – aber Hauptsache weg von der Straße.

Am Abend wird es schwierig, einen Schlafplatz zu finden. Ich möchte noch über die Berge, aber davor hatte ich bereits einmal einen netten Platz bei einer kleinen Hütte entdeckt. Leider noch etwas zu früh. Ich dachte, ich fahre noch ein bisschen weiter. Und jetzt kommt einfach nichts mehr.
Mein Überraschungs-Schotterweg führt über einen kleinen Berg bis nach Banovići. Erst später stelle ich fest, dass ich mit ein paar Kilometern mehr auf einer Asphaltstraße schneller dort gewesen wäre.

So bleiben mir zwar nur etwa fünf Kilometer Schotter – genau die Strecke, die auch Gemperle gefahren ist –, aber davon muss ich fast die Hälfte schieben. Es ist inzwischen stockdunkel und unheimlich. Neben mir rauscht der Bach, sehen kann ich fast nichts.
Plötzlich taucht vor mir ein großer schwarzer Fleck auf. Als ich näherkomme, spiegelt sich mein Vorderlicht darin. Ich bleibe stehen – und prompt geht auch die Lampe aus. Der Nabendynamo liefert bei meinem Schritttempo offenbar nicht mehr genug Energie. Na wunderbar. Ich schalte meine Helmlampe ein. Jetzt erkenne ich, was vor mir liegt: Der Bach hat quer über den Weg einen großen See gebildet. Trockenen Fußes komme ich da nicht hinüber.
Also hinein. Die Schuhe sind wieder einmal voll. Und das Schauspiel wiederholt sich noch mehrmals. Wo der Weg trocken ist, ist er dafür so steil, dass ich nicht fahren kann. Also schiebe ich weiter durch die Dunkelheit. Ich brauche über eineinhalb Stunden.
Dabei muss ich immer wieder an die Strecke seit der Grenze bis ungefähr Tuzla zurückdenken. Das war eine Horrorstraße: immenser Verkehr, schlechter Belag und rechts häufig ein erhöhter Wulst am Fahrbahnrand. Darauf zu geraten, so dass das Rad zu schlingern beginnt und gleichzeitig ein nahender LKW – nicht auszudenken.
Mehrmals hatte ich brenzlige Situationen. Einmal kam ein breit mit Heuballen beladener Laster. Wenn ich nicht rechtzeitig ganz aufs Bankett ausgewichen wäre, hätte mich die Ladung vermutlich umgerissen. Andere Fahrzeuge donnerten so knapp an mir vorbei, dass ich fast mit dem Ellenbogen Kontakt hatte. Wieder andere rasten mit unfassbarer Geschwindigkeit vorbei. Schnell vor einem Hindernis bremsen hätten die vermutlich nicht können.
Und während ich jetzt im Dunkeln über diesen verfluchten Schotterweg schimpfe, denke ich plötzlich: Eigentlich sollte ich froh sein, überhaupt hier zu sein. Ich bin es auch.
Dachte ich, dass ich die Einzige war, die diese Schotterpartie gewählt hatte, habe ich mich geirrt. Plötzlich sehe ich ein Licht hinter mir und Marius überholt mich – wie immer sehr schweigsam.
Banovići ist ein quirliger Ort. Samstagabendfieber! Die Jugend ist unterwegs, manche führen ihre aufgemotzten Autos und Motorräder spazieren. Ich fürchte schon wieder, übersehen zu werden, und schalte deshalb vorsichtshalber mein zweites blinkendes Rücklicht ein.
Und nicht nur Menschen sind unterwegs: In Banovići steht plötzlich ein ganzes Rudel magerer Hunde vor mir. Ich rechne schon mit dem nächsten Spektakel – aber die Herrschaften nehmen keinerlei Notiz von mir. Sie lassen mich einfach passieren. Vielleicht habe ich ja Glück und das bleibt so.
Bald geht es bergauf, hinein in einen dichten Wald. Genau hier würde ich mir gerne irgendwo einen Schlafplatz suchen. Aber es kommt einfach nichts. Kein Waldweg, keine Lichtung, kein geeigneter Platz. Zweimal glaube ich, etwas gefunden zu haben – dann höre ich wütend bellende Hunde. Also doch weiter.
Irgendwann folgt eine lange Abfahrt. Und plötzlich friere ich, vielleicht auch vor Müdigkeit. Ich zittere den kleinen Pass hinunter nach Ribnica und dann hinein ins Tal der Krivaja.
Auf einem kleinen Parkplatz bei einem Haus wage ich es schließlich. Ich stelle mein Zelt auf. Schön ist es hier nicht, übersät mit Müll. Viel Schlaf werde ich auch nicht bekommen. Etwas nervös bin ich, denn auf der anderen Seite des Zaunes höre ich Stimmen. Also erledige ich alle Arbeiten so leise wie möglich. Als ich endlich im Zelt liege, höre ich zwei Männer vorbeigehen. Ich halte den Atem an. Sie entfernen sich, unterhalten sich dabei ganz entspannt.
Dann überfällt mich … der Schlaf. Viel bekomme ich davon allerdings nicht. Vier Stunden, immerhin eine Stunde mehr als in der Nacht zuvor vor der Fähre über die Donau.

Tag 14, Sonntag, 02.08.
190 km | 2600 Hm | 15:00 h
Kurz vor vier bin ich schon wieder unterwegs und folge der Krivaja etwa 20 Kilometer talaufwärts. Eine wunderschöne Gegend, unterwegs gibt es sogar einen Campingplatz und mehrere Brunnen. Dann heißt es plötzlich rechts abbiegen – und damit sind auch schon die nächsten zwei Schotterabschnitte von jeweils etwa vier Kilometern angesagt. Unerwartet und natürlich bergauf. Mühsam kämpfe ich mich durch den Wald, vorbei an den kleinen Weilern Donja Vijača und Ivančevo. Zwischendurch gibt es eine kurze Pflegepause: eincremen und Kette ölen. Die sieht inzwischen ziemlich mitgenommen aus und könnte dringend etwas Zuwendung gebrauchen. Nach dem zweiten Schotteranstieg erreiche ich schließlich wieder Asphalt. Endlich! Es geht hinunter ins Tal der Stavnja.

Noch bevor ich Vareš erreiche, fahre ich durch einen ziemlich ungewöhnlichen Tunnel. Ein Schild warnt: „SMANJITE BRZINU – ŠIŠMIŠI U LETU“. Wörtlich bedeutet das: „Geschwindigkeit reduzieren – Fledermäuse im Flug“. Langsam fahren also – Fledermäuse unterwegs. Das mache ich ja ohnehin schon den ganzen Tag … Tatsächlich führt die Straße hier nicht einfach in einem Tunnel durch den Berg, sondern durch die Ponikva-Höhle. In diesem natürlichen Höhlensystem leben mehrere seltene Fledermausarten. Ein ziemlich spezieller Weg nach Vareš!

Im ersten Ort seit langem gibt es erst einmal Frühstück in einer kleinen Bäckerei: eine Süßspeise und dazu den türkischen Joghurt, der inzwischen abwechselnd mit Kefir fast schon zu meiner festen Frühstücksroutine gehört. Dazu meist ein Dosen-Cappuccino. Viel Zeit zum Genießen bleibt nicht, denn danach liegen viele Kilometer bergab vor mir. Fast 30 Kilometer kann ich gemütlich aus Vareš hinausrollen, bis ich Breza erreiche. Kurz danach lockt bei einer Edeka-Tankstelle bereits das zweite Frühstück.

In Vareš fallen mir die vielen alten, teilweise verfallenen Backsteingebäude auf. Sie wirken fast wie eine Geisterstadt. Meine Recherche ergibt, dass sie zur ehemaligen Eisenhütte und den Bergwerksanlagen gehören. Vareš war einst ein bedeutendes Zentrum des Eisenerzabbaus und der Eisenverarbeitung. 1891 entstand hier sogar der erste Hochofen Bosniens und Herzegowinas. Heute wirken die verlassenen Fabrikhallen wie Relikte aus einer anderen Zeit.
Zwischendurch gibt es wieder einmal einen Hundesprint. Es geht leicht bergab, der Kläffer kommt schnell – aber ich bin schneller. Mein Puls hat sich trotzdem merklich erhöht. Warum auch immer scheinen Hunde meine sportlichen Ambitionen besonders ernst zu nehmen.

Anschließend folge ich dem Tal der Bosna in Richtung Sarajevo. Je näher ich der Stadt komme, desto dichter wird der Verkehr. Aus der bisher eher ruhigen Strecke wird langsam eine ziemlich geschäftige Angelegenheit. Schon ab Vogošća sind deutlich mehr Autos unterwegs. Wo es möglich ist, weiche ich auf Radwege aus. Dann geht es noch einmal hinunter nach Kobilja Glava und weiter abwärts bis zur Miljacka.

Kurz vor Sarajevo wartet allerdings noch eine kleine Navigationsüberraschung auf mich. Gerade wäre ich beinahe auf der Autobahn gelandet. Ich denke noch, dass ich diese Grenze offenbar überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, da erkenne ich im letzten Moment, dass das kein Grenzgebäude, sondern ein Mauthäuschen ist. Ups! Schnell wieder raus aus der Ausfahrt, bevor aus meinem kleinen Navigationsfehler ein richtiges Problem wird.

Inzwischen ist es wieder unerträglich heiß geworden. Und das Schlimmste steht mir noch bevor: der Anstieg über Bistrik hinauf Richtung Trebević und zur Bobbahn. Die Straße wird teilweise über 20 Prozent steil – an Radfahren ist hier kaum noch zu denken.
Unterwegs habe ich allerdings auch etwas Glück. Ein Mann stellt mir in seiner Garage seinen Wasserschlauch zur Verfügung. Ich übergieße mich von oben bis unten und fühle mich für einen kurzen Moment wieder halbwegs menschlich.

Dann geht es weiter bergauf, über schmale Straßen und schließlich hinauf zum Relikt der Olympia-Bobbahn von Sarajevo. Die rund 1.300 Meter lange Bahn wurde für die Olympischen Winterspiele 1984 gebaut und liegt heute mitten im Wald.
Den steilen Anstieg gehe ich allerdings nicht in meinen Radschuhen hoch. Dafür wechsle ich in meine Schlappen – sie sind zwar nicht unbedingt die klassische TCR-Bergsteigerausrüstung, aber immerhin habe ich damit etwas mehr Halt. Oben angekommen, muss ich die Bobbahn wieder hinunterfahren. Ein ganz besonderes Erlebnis: Einige Fußgänger sind unterwegs, klingelnd ich rolle vorsichtig durch die alte, wunderbar mit Graffiti geschmückte Bahn. (Zu etwas muss die von den Veranstaltern verpflichtete Klingel ja gut sein)
Doch dann kommt der weniger lustige Teil: Ich muss den Auslauf der Bobbahn wieder hinauf. Je weiter ich komme, desto steiler wird es. Mit meinen Radschuhen habe ich auf dem Beton kaum Halt, und das schwere Fahrrad zieht mich immer wieder nach unten. Irgendwann hänge ich mit einer Hand an der Randmauer und komme weder vor noch zurück. Loslassen darf ich auf keinen Fall.

Da höre ich Stimmen unter mir. Leise rufe ich: „Hilfe!“ Ein Paar taucht unter mir auf. Ich höre, dass sie Italienisch sprechen, und rufe noch einmal: „Aiuto!“ Sie erkennen sofort meine missliche Lage. Mit Schieben von unten und Ziehen von oben schaffen wir es schließlich gemeinsam bis zum Rand. (Ich hoffe, David, du liest das hier nicht … Soviel zum Thema „unsupported“)
Oben angekommen, müssen wir mein Fahrrad noch etwa eineinhalb Meter hinunter auf den Weg heben. Gerettet! Ohne die beiden hätte ich dort vermutlich noch eine Weile sehr dekorativ an der Mauer gehangen und hätte das Zeit Cut-Off wohl nicht geschafft.

Dann treffe ich Oliver und ein Stück des Weges geht es gemeinsam weiter. Kurz darauf erreiche ich endlich CP3 – pünktlich und sogar einen halben Tag vor dem Cut-off. Das fühlt sich ziemlich gut an.
Am späten Nachmittag geht es weiter. 80 Kilometer werde ich noch fahren, bevor ich mir irgendwo ein Schlafplätzchen suche. Der Tag ist noch nicht ganz vorbei.
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