Und nun ist er da, der gefürchtete hike a bike – Tag. Als ob wir in den letzten Tagen nicht auch schon viel mit dem Rad „gewandert“ wären …
Wollt ihr euch zuerst ein Bild machen? Hier mein Video Tag 5:
Mittwoch, 20.08.: nach Kok Art – Suyek Pass
40 km / 1361 m/ 8:04:16 Bewegungszeit

Nach Abbau des Nachtlagers geht es los. Ach ja, das Speed-Frühstück nicht zu vergessen, viel gibt es ja nicht mehr. Aber am nächsten Tag, da werden wir wohl beim Blue Caravan königlich bewirtet werden …
Es geht wie üblich in den letzten Tagen in die stimmungsvolle Morgendämmerung hinein. Geschlafen habe ich mäßig zu gewaltig stand der heutige Tag vor meinem inneren Auge.
12 Kilometer weiter, nach der letzten Bachquerung über eine Brücke (!) wird aus dem zweispurigen Fahrweg ein einspuriger Saumpfad und auch der ist manchmal nur ansatzweise zu erkennen.
Wir sind zumindest nicht alleine. Zwei Handvoll bepackter Radfahrer bewegt sich in Sichtweite vor und hinter uns. Bei den Flussquerungen staut es sich.

Und es geht nach anfänglichen Kilometern über eine Almwiese gleich zur Sache. Äußerst steil windet sich der Weg nach oben. Teilweise gähnende Leere unterhalb und tief unten schlängelt sich der reißende Gebirgsbach. Ausrutschen darf man hier keinesfalls. Als der Pfad sich mit wohl gefühlt 40% Steigung durch einige Latschen drängt, kommt Hermann mir entgegen und nimmt mir das Rad ab. Ich schiebe von hinten, schnaufe wie eine alte Dampflock und schaffe es kaum dran zu bleiben. Sind das die Überbleibsel meines Infekts? Die Höhe wird es wohl nicht sein, wir sind ja „erst“ auf etwa 3000 Metern NN.

Abwechslungsreich, das muss man sagen, geht es weiter. Mal kann man ein paar Meter fahren, dann wieder mühsames Hochschieben oder auch Runterschieben. Manche Anstiege sind so steil, dass ich mir überlege, es wäre leichter, das Rad zu tragen. Der Ansatz meines Tragesystem, ganz neu, scheint mir hier sinnvoll. Es ist etwas kniffelig, die Tragebänder an der richtigen Stelle am Rad zu befestigen, damit es halbwegs in der Waage ist. Fertig.

Nun noch in die Träger schlüpfen. Dazu setze ich mich auf den Boden vor das Rad. Aufstehen ist schwierig. Die etwa 25 Kilo drücken mich wieder zu Boden. Irgendwie schaffe ich es, aber das Gewicht reißt mich gleich wieder um. In Richtung Steilhang – nach unten. Ich lasse mich gleich wieder fallen. Rettung kommt von oben. Hermann hatte meine Trageversuche beobachtet. Er nimmt das Rad Huckepack. Die Befestigung falte ich zusammen, mitgerissen zu werden ist zu groß. Etwas weiter kann ich beobachten, wie ein anderer ähnliche Probleme hat – bei der Flussquerung. Was, wenn man da umfällt und kommt nicht rechtzeitig aus den Trägern raus. Ich packe das System ganz weg. Zu gefährlich.
Und der Flussquerungen sind auch unzählige. Immer wieder wechselt der Pfad die Talseite. Große Kiesel liegen auf dem Grund des Wasserlaufs, man muss höllisch aufpassen, dass man auf den rutschigen Steinen nicht ausgleitet und samt Rad in den reißenden Fluten verschwindet. Oft ist das Wasser knietief, die Strömung sehr stark. Hatte ich bei der ersten Wasserquerung Tage zuvor noch die Sandalen angezogen, so mache ich das in der Folge nicht mehr.

Viel zu kompliziert und zeitraubend. Ich hatte auch eine Methode gefunden, wie ich das Rad ans andere Ufer bringe, ohne dass die Reifen in die Fluten tauchen. Das ist nämlich fatal, wie ich festgestellt habe. Ist ein Teil des Rades unter Wasser wirkt die Strömung mit aller Kraft und ich kann nicht mehr dagegenhalten. Umgeworfen ist das, was ich hier keinesfalls brauchen kann. Zudem würde ich vom Wasser dann mitgerissen. Das kleinere Übel wäre völlig durchnässt zu sein. Sehr warm ist es hier oben ohnehin nicht.
Manchmal stützt man sich gegenseitig. Alle Fahrer, die sich bei den Querungen stauen, haben dieselben Probleme.
Zwischendurch kann man auch mal ein paar Meter fahren, aber flach ist es kaum einmal. Sobald die Wiesenhänge auch nur wenig ansteigen, komme ich außer Puste und schiebe lieber. Oft liegen auf dem Saumpfad auch Steine im Weg. Interessanterweise wirkt der Weg auf meinem Video harmlos und der Betrachter wird sich fragen, warum wir nicht fahren. Was für den ganzen Tag gilt, hier in diesem Tal ist außer uns Fahrerinnen und Fahrern niemand. Völlige Einsamkeit.
Nun wird das Tal enger. Der Fluss rauscht laut, 100 Meter unter uns. Der Weg schmiegt sich eng an eine Felswand und ist schmal. Ein Stück ist sogar weggebrochen und notdürftig mit einem Brett und ein paar Steinen überbrückt. Rad und Mensch haben nebeneinander nicht Platz. Hermann hilft und zieht das Rad nach vorne. Uff!

Dann wird es wieder etwas weiter das Tal. Der Gras-Hang unter mir fällt steil ab. Nach einigen Metern dann bricht dann eine Felswand senkrecht ab. Vom Fluss darunter sehe ich nur ein Stück, hören kann man ein lautes Rauschen. Ich schiebe, wie alle anderen auch. Plötzlich ein leises Pfeifen hinter mir. Da will wohl wer vorbei. Ich wuchte mein Rad hoch, stelle es auf den Grashang und mich auch. Der Weg ist frei. Aus den Augenwinkeln sehe ich Unglaubliches: Da will jemand vorbei FAHREN. Und Hundertstel Sekunden später erkenne ich einen Stein auf dem Weg. Alles geht blitzschnell. Das Rad blockiert, der Fahrer samt Fahrrad neigt sich nach links, überschlägt sich mehrmals, dann hört man einen lauten Knall und ein rotes Fahrrad getragen von den Seitentaschen schwimmt davon und verschwindet hinter der nächsten Biegung. Fassungslos fange ich an zu schreien: „Neeeeeiiiiiiiiin!!!“ Dann sehe ich einige Meter unter mir zwei Hände am Rand des Abgrundes. Die bewegen sich hin und her, der Mensch daran schwingt sich irgendwie über die Kante. Was für ein Glück, denn einen Sturz von mindestens 10 Meter auf die Steine im Flussbett hätte er sicher nicht überlebt.
er Mann, nur mit Shirt und kurzer Hose bekleidet, kraxelt über den Grashang auf den Weg und rennt talauswärts, steigt zur Abbruchkante hinunter. Dann kommt wieder zurück zu uns; Hermann und Tobias und ich stehen da in Schockstarre. Der Abgestürzte sagt wir sollten weiter gehen und das Rennen fortsetzen. Er kommt mit uns, bis zu einem kleinen Bach, der sich in den Hang eingeschnitten hat. Hier ist es nicht so steil und der Unglücksmensch klettert hinunter und will wohl durch das Flussbett zurück zu seinem Rad gelangen, das wohl weiter talauswärts in den Steinen hängen geblieben ist. Ich rufe ihm noch zu „take care!“, schon ist er, ich konnte den Namen nicht herausfinden, aus unserem Blickfeld verschwunden. Was tun? Weiter gehen?

Wir diskutieren ein paar Minuten und setzen uns dann in Bewegung. Den ganzen Tag geht mir die Begebenheit nicht aus dem Kopf, ich kann mich kaum konzentrieren auf das, was ich gerade mache, wandle wie im Traum dahin. Was, wenn der Fahrer in dem eiskalten Wasser einen Kreislaufkollaps oder so bekommt. Niemand, außer uns dreien, hat den Vorfall gesehen und dass der Radler hinuntergestiegen ist und von oben nicht gesehen werden kann. Falls er das Rad und Gepäck nicht zurückbekommt, was dann? Er hat keinerlei warme Kleidung bei sich. Es sind viele Kilometer zurück zum letzten Dorf, Kok Art, schätzungsweise 20 Kilometer. Wir hätten dableiben sollen und warten, bis er wieder zurückkommt. Gewissensbisse folgen mir den ganzen Tag. Was, wenn der Fahrer das nicht überlebt? Bis dem Veranstalter oder einem Dotwatcher auffällt, dass der Tracker sich anscheinend nicht weiter bewegt, würden wohl Stunden vergehen. Bis Hilfe da ist vielleicht ein weiterer halber Tag.

Erst am nächsten Tag sollte ich das Gerücht hören, dass der Teilnehmer sein Rad zurückbekommen hat und sogar das Rennen fortsetzen konnte. Wenn du das liest, lieber Radkollege, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, dass wir dich in der brenzligen Situation allein gelassen haben. Das macht man nicht!
Noch voll in Gedanken schiebe ich weiter. Und nur ein paar Minuten später der nächste Unfall. Eine kleine Menschenansammlung. Zwei Schienbeine notdürftig mit einem Verband umwickelt, der das Blut nicht stoppen konnte. Sie fragen mich, ob ich Verbandszeug hätte. Ich krame es aus den Tiefen meiner Tasche heraus und gebe ihnen was von meinem ab in der Hoffnung, dass wir es nicht selbst brauchen werden. Es schaut nicht gut aus, Dimitrii, so heißt der Verunglückte, kann nicht einschätzen, ob was gebrochen ist.

Was war passiert? Vom Weg durch den Steilhang vor uns sind nur Spuren zu sehen. Ein kleiner Erdrutsch hatte ihn verlegt. Das Gelände ist sehr steil. Deshalb geht vor uns auch eine „Umleitung“ durch ein Latschenfeld steil nach oben. Man hört von oben Stöhnen und Fluchen, denn da hoch ist auch nicht einfach, man muss das Rad hochwuchten, rutscht zurück, verhängt sich im Gebüsch. Dimitrii hatte wohl deshalb versucht, den Wegspuren zu folgen. Im Steilhang dann war er ausgerutscht und mit seinem Rad zum Fluss hinuntergestürzt und gerutscht. Sergey, sein Teampartner, konnte ihm wieder nach oben helfen. Er hat den Unfall sogar gefilmt. Man kann die Schreckenssekunden in Sergeys Video sehen:
Шёлковый путь или как Серёжа и Дима в Киргизию ездили. Часть 1/4. Старт → КП1
übersetzt: Die Seidenstraße oder wie Sergej und Dima nach Kirgisistan reisten. Teil 2/4. CP1 → CP2; auf youtube: Video – 4 Teile – Teil 1 – Teil 2
Wir sind übrigens auf den Videos auch einige Male zu sehen. Ein Blick in die Zukunft: Das Team 308A und B haben es ins Ziel geschafft. Wir nicht.

Der Aufregungen sind für heute genug. Es ist schon Nachmittag. Wenn es so weiter geht, werden wir wohl den Suyek-Pass nicht vor Dunkelwerden erreichen. Unser Plan war aber, auf der anderen Seite noch abzufahren, um nicht auf über 4000m schlafen zu müssen.
Ich bin erschöpft nach jedem steileren Anstieg. Zuzüglich zu meinen fiesen Gedanken an das Geschehene, kann mich schon gar nicht mehr ärgern über Mein GPS-Gerät. Das schaltet bei jeder steileren Passage, bei der ich langsam schiebe oder mein Rad tragen muss auf Autopause. Die zurückgelegten Kilometer stimmen so nicht, die Höhensumme ebenfalls nicht. Das Ding unterschlägt an diesem Tag einfach 13 Kilometer und über 500 Höhenmeter.

Aber noch ist noch lange nicht Ende der Strapazen. Immer wieder wechselt der Weg die Talseite. Wir schieben zum Fluss hinunter, auf der anderen Seite wieder hoch. Dann wieder Verschnaufpause auf leicht geneigter Art Alm-Wiese. Vor mir auf einem Stein liegt, zum wiederholten Male, ein ausgeblichener Schädel mit mächtigen spiralförmig gedrehten Hörnern, ähnlich denen eines Mufflons. Aber die gibt es in Kirgisistan anscheinend nicht. Die KI sagt mir, es wird wohl der Schädel eines Wildschafes sein, eines Argalis oder Marco-Polo-Schafes. Gruselig allemal. Hoffentlich kein böses Omen.
Das Tal verengt sich nun, Weg ist über einige Kilometer keiner mehr zu sehen, höchstens Spuren. Der Fluss ist hier oben kleiner und nun eher ein reißender Bach. Alle paar Hundert Meter muss er überquert werden, das Gelände ist sehr steinig und wir bahnen uns den Weg nach oben mehr intuitiv. Bald wird die Sonne untergehen, die Schatten werden immer länger. Und es wird kälter. Meine nassen Füße sind Eisklumpen. Und immer und immer wieder muss man durch Wasser waten. Etwas weiter oben kann ich was Weißes erkennen, schaut aus wie ein riesiger Weißer Schirm von einem Pilz. Beim Näherkommen wird mir klar, eine Lawine hatte das Bachbett verlegt, hier hängen noch die Schneereste. Das Vorankommen wird immer schwieriger. Steinblöcke sind zu überklettern. Ein Blick nach oben: Da hängt so viel an Material, was wenn es gerade jetzt zu einem Erdrutsch oder Felssturz kommt?

Dann plötzlich geht das enge Tal über in weite Wiesen hänge. Und hoch über uns kann man ahnen, wo der Passübergang sein könnte. Einige Hundert Meter müssen wir jetzt nach oben schieben. Ich bekomme endlich wieder etwas warm, auch deshalb, weil ich meine nassen Socken nun gegen trockene getauscht habe und meine Füße in Plastiksäcke gesteckt habe. Eine klasse Idee gegen die Kälte. Vermutlich wird aber die Tatsache, dass ich den gesamten Tag über mit nassen kalten Füssen unterwegs war, Tribut zollen in den nächsten Tagen, was ich aber im Moment noch nicht weiß. Der Husten ist nämlich zurück.

Die letzten 200 Höhenmeter etwa, die sehr steil auf die Pass-Höhe führen, trägt Hermann mein Rad. Er war wieder zurück zu mir abgestiegen.
Lange halten wir uns oben nicht auf. Kurzes Foto mit dem Schild, dann starten wir wieder. Es ist nämlich stürmisch und bitterkalt hier oben.
Ein schnurgerade verlaufender steiler, aber glatter Pfad führt talwärts. Aber zu früh aufgeatmet, ich hoffte nämlich auf diesem schnell viele Höhenmeter nach unten düsen zu können. Nach ein paar Minuten nämlich alles wie gehabt: steiniger Pfad, unebenes Gelände und zudem setzte nun die Dämmerung stark ein. Nur noch kurz haben wir Tageslicht, dann holpern und schieben wir im Stockdunkeln hinunter. Das Gelände erlaubt es hier nirgends ein Zelt aufzustellen. Ich fürchte, dass das noch lange so sein wird. Oje, nach diesem anstrengenden Tag brauchen wir bald mal etwas Schlaf.

Irgendwann, ich habe das Zeitgefühl verloren, sehe ich tief unter mir mehrere Lichter. Diese bewegen sich nur wenig hin und her. Wir vermuten, dass dort einige ihren Schlafplatz einrichten. So schieben wir auf diese Lichtquellen zu. Wir erreichen einen halbwegs ebenen Platz und schließen uns den anderen an. Bald steht unser Zelt und ein Süppchen, sprich chinesische Instantnudeln, brodeln in unserem Kocher, nachdem das Zündsystem sich lange bitten ließ, eine Flamme zu entwickeln. Vermutlich ist das in größerer Höhe so.

Es ist so kalt, dass ich alle meine Kleidung übereinander anziehe, bevor ich mich in meinen warmen Daunenschlafsack kuschele. Meine letzten Gedanken sind allerdings bei den schlimmen Geschehnissen an diesem Tag und ich hoffe inständig, dass alle abgestürzten Fahrer sich nun auch in ihrem warmem Schlafsystem befinden. Der Schlaf lässt nicht lange auf sich warten.
Was die nächsten Tage bringen werden? Wenn das so weiter geht, wie in den ersten 5 Tagen … Ojemine!
Ein erster Fixpunkt am nächsten Tag wird der Blue Caravan in etwa 65 Kilometern sein, dann der CP2 – wir brauchen unbedingt Nachschub an Verpflegung.
