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Tag 13 – Donnerstag, 28.08.25
170 km | 2300 Hm | 11 Stunden in Bewegung

Kurz vor sechs schließen sich die Tore des Hotel Asfandyar nahe Mikhailovka am Issyk-Kul-See hinter uns. Hermann und ich radeln endlich wieder zusammen.
Seit unserer Trennung auf dem Arabel-Plateau hatte Hermann in super Form die beiden Loops hinter sich gebracht, während ich von Tamga (CP3) aus gut 100 Kilometer am Ufer des Issyk-Kul-Sees entlanggerollt war. Im Hotel Asfandyar – vermutlich als einziger Gast – hatte ich auf ihn gewartet. Jetzt bin ich auskuriert, ausgeruht und voller Erwartungen.
Vor uns liegen noch rund 300 Kilometer und 3.500 Höhenmeter bis ins Ziel nach Karakol. Zwei Pässe trennen uns noch davon: der Eshkilitash und der Chon Ashuu.

Wir radeln in die Dämmerung hinein, dem Sonnenaufgang entgegen. Linkerhand liegt der See, rundherum die Lichter der langsam erwachenden Dörfer. Der Asphalt hält nicht lange, dann geht es wieder auf staubige Piste.

Die Landschaft ist nicht spektakulär – Felder, Wiesen, hie und da ein Gehöft –, doch in der Ferne blitzen die schneebedeckten Gipfel. Der Himmel ist von einem tiefen Blau, das nur der frühe Morgen kennt. Kinder winken uns zu, Bauern treiben ihre Tiere über die Wege.

Gerade rechtzeitig, als Essen und Wasser knapp werden, erreichen wir Sary-Telegay. Der kleine Laden hat zwar keine große Auswahl, aber ein paar Kekse, Snickers – und endlich wieder diese tiefrote Granatapfel-Limo.

Eine Umleitung wegen einer eingebrochenen Brücke finden wir schnell. In Sichtweite erkennen wir: Es war nur ein schmaler Steg, einige vor uns sind einfach über die zerbrochenen Betonrohre balanciert.

Dann münden wir in eine Straße – und was für eine! Schön breit, offenbar frisch asphaltiert. Ob die wohl bis Karakara, 40 Kilometer weiter, so bleibt? Hatte ich bei der Planung gar nicht auf dem Schirm. Unverhofft kommt hier selten, aber wir nehmen das Geschenk dankbar an.

Ein moderner Container-Shop taucht am Straßenrand auf. Wir gönnen uns Eis, obwohl unsere letzte Rast kaum eine Viertelstunde her ist. Im Schatten einer Jurte genießen wir die kühle Süße – Luxus auf 2.000 Metern.

Dann „brausen“ wir weiter. Auf dem glatten Teer fliegen die Kilometer dahin, auch die Hügel gehen leicht von der Hand. Und wo es hinaufgeht, da geht’s bekanntlich auch wieder hinunter. Doch unser Tempo wird immer wieder jäh gebremst: Herde um Herde zieht über die Straße gen Westen – Kühe, Schafe, Ziegen und unzählige Pferde. Almabtrieb.

Irgendwer hatte uns erzählt, hier beginne der Winter oft schon Ende August. Kühe, Schafe, Ziegen und sehr viele Pferde ziehen sehr motiviert an uns vorbei oder ist es weniger die Motivation als das Knallen der Peitschen der berittenen Hirten, die das Tempo angeben?

Karakara schließlich. Sollte hier nicht irgendwo ein Shop sein? Fehlanzeige. Haben wir genug Proviant? Vermutlich. Ich neige ohnehin zum Hamstern – tief in meiner Tailfin-Tasche schlummern noch Reste, die ich seit Tagen (sprich seit fast 2 Wochen) mitschleppe. Nicht clever, aber beruhigend.

Es gibt keine Einkaufsmöglichkeit, dafür immer noch Asphalt – und inzwischen brütende Hitze. Schatten ist rar. Hunger meldet sich. Ich fahre voraus, ausgeruht und überraschend stark, hänge Hermann heute immer wieder ab. Schließlich finde ich ein kleines Gebüsch, richte unser improvisiertes Lager her: Brot, das zerbröselt, Käse, der in der Sonne schwitzt (ja, das kann Käse auch), und die unvermeidliche Fischdose – Sardinen in Tomatensoße. Zum Dessert ein paar Waffeln, die den Loacker-Keksen aus der Heimat Konkurrenz machen.

Dann wieder auf. Es wird bergiger. Bei einem Campingplatz entdecke ich einen Container-Shop. Ich lechze nach Cola, kaufe zwei, dazu noch ein paar Snickers. Kaum treten wir hinaus, wird der Laden hinter uns zugesperrt.

LKWs rangieren, Baumaschinen lärmen. Ich denke mir nichts dabei – bis ein Schlagbaum über die Straße auftaucht: Militärstation. Klar, wir sind hier nahe an Kasachstan, die nächsten 30 Kilometer verlaufen parallel zur Grenze. Pässe zeigen, warten, die Zeit verrinnt. Früher Nachmittag schon.

Der Asphalt endet abrupt. Jetzt Schotter – grob, unregelmäßig, von den Straßen-Bau-Maschinen aufgerissen. Steine, Wurzeln, Löcher. Links tobt ein Fluss, rechts türmen sich die Hänge. Der Weg steigt deutlich an. Hirten begegnen uns, Herden ziehen vorbei.

Später wird das Tal wieder weiter. Die Sonne steht hoch, aber die Luft ist frischer. Berge ringsum, einzelne Jurten, irgendwo ein alter Lada – Relikt aus einer anderen Zeit. Ziegen, Pferde, Schafe, wie gehabt. Ab und zu eine kurze Schiebestrecke, aber nichts Dramatisches.

Dann der letzte Anstieg – ein runder, grasbewachsener Hügel zu erklimmen. Und was wir dort erleben, hätten wir nicht erwartet: Kurz vor dem höchsten Punkt, auf rund 3.600 Metern, entfaltet sich ein Panorama zum Staunen.

Die Gipfel des Tian Shan schieben sich langsam höher, wie eine aufsteigende Mauer aus Fels und Schnee. So schön!

Oben treffen wir ein Paar, das gerade sein Zelt aufbaut – mit Blick auf den Khan Tengri (7.010 m) und die umliegenden Riesen. Sie reisen ohne Rennstress, einfach nur unterwegs. Wir beneiden sie ein wenig.

Die Sonne sinkt, es wird kühl. Wir ziehen unsere warmen Sachen an. Kurz unter der Passhöhe stehen einige Allradfahrzeuge – wohl Übernachtungsgäste, die hier oben im Angesicht der Siebentausender von Abenteuern träumen.

Ein paar hundert Meter Abfahrt liegen vor uns, dann rund 40 Kilometer flussabwärts bis zur nächsten Militärstation.

Stille. Und plötzlich: „brraaap-brraaap!“
Ein Quad kämpft sich mit aufheulendem Motor die steile Schotterpiste hinauf. Die Reifen graben sich tief ins lose Geröll, Staub wirbelt auf, Steine prasseln. Das Fahrzeug hüpft über Schlaglöcher, frisst sich Meter für Meter nach oben. Dann noch eins. Und noch eins. Und noch ein letztes. Wo kommen die her – und wo wollen sie um diese Uhrzeit noch hin? Bis Karakara sind es über 50 Kilometer, und die Sonne ist längst untergegangen.

Unser Weg wechselt ständig: sandige Piste, dann Wiesenweg, dann wieder unregelmäßiger Schotter. Es geht auf und ab, manchmal steil – trotz meiner Grafik, die hier „leicht abwärts“ anzeigt – damit ist wohl tendenziell gemeint. Menschen? Keine. Keine Jurte, keine Hütte. Nur ab und zu Yaks und Schafe. Also wohl doch jemand in der Nähe.

Es dämmert stark. Manche fahren diese letzten 150 Kilometer in der Nacht durch. Wir entscheiden uns fürs Zelt. Der Weg scheint im Dunkeln schwierig, die Karte zeigt noch mehrere Flussquerungen. Und auf fast 4.000 Meter hinauf, mitten in der Nacht – das muss nicht sein. Wir haben Zeit. Die „Snail“ kriecht weit hinter uns, und wir genießen das.

Unser Campingspot ist sagenhaft: hoch über einem reißenden Fluss auf einem grasigen Plateau. Der Vollmond geht auf, das Wasser glitzert silbern unter uns. So schön.
Eine Portion Chinesischer Instantnudeln, Zähneputzen, Licht aus. Der Wecker steht auf halb sechs.