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Video Tag 2:

Sonntag: Daroot Korgon – Sary Mogul
120 km / 1700 m

Am Morgen Traumwetter. Das weite Alay-Tal liegt vor uns. Die etwa 1600m Anstieg zum CP1 verteilen sich auf 110 Kilometer. Meine Beine fühlen sich gut an. Nach dem gestrigen Tag konnte ich mir nicht vorstellen jemals wieder Kraft für größere Steigungen zu haben.

Schon liegt die erste Wasserquerung vor uns, eine riesige trübe Pfütze. Hermann ruft mir zu, ich kann da einfach durchfahren, die „oane Gitsch“ hat das auch gemacht, also das andere Mädel. Ich missmutig: „I bin net di oane Gitsch!“ Ich komme trockenen Fußes durch, diesmal. Missmutige Töne gibt es dann aber auf dem gesamten SRMR keine mehr. Bringt ja nichts …

Das Alay-Tal (die Einheimischen nennen es einfach Alay) ist ein Teil des Pamir-Alay, das sich auf fast 200 km Länge von Osten nach Westen zwischen dem Alay-Gebirge im Norden und der zum Pamir gehörenden Transalay-Kette erstreckt. Die unendliche Weite des Alay liegt vor uns. Ein „Tal“ stelle ich mir irgendwie anders vor. Vor uns verliert sich der Blick in nahezu grenzenloser Ferne. Die weitläufige trockene baum- und strauchlose Graslandschaft liegt auf einer Höhe von 2500 bis 3500 m.


Atemberaubend gewaltige hohe Gipfel tauchen im Laufe des Vormittags rechterhand auf. Wir radeln im Angesicht der hohen weißen Gipfel der Transalai-Kette. Touristisch aufgeschlossen ist das Alay-Gebiet durch Bergtouristen auf dem Weg zum Gipfel des Pik Lenin (7134 m), dem höchsten Punkt der Transalay-Kette. Bei den Jurtencamps direkt am Fuße der Bergriesen, wo sich auch unser 1. Kontrollpunkt befindet, ist einiges los.

Aber noch sind wir nicht dort … Es geht leicht auf und ab. Wir hoffen, dass trotz Sonntag der Laden im nächsten und einzigen Ort auf unserer Strecke, Achyk Suu, offen hat.

Die folgenden 30 Kilometer verfliegen im Nu. Es geht meist „platteben“ durch das Alaytal, aber immer wieder unterbrochen durch Abfahrt in ein Flusstal, Flussüberquerung, dann wieder Aufstieg aufs Plateau. Hatte ich beim ersten „Rivercrossing“ Radschuhe ausgezogen und bin mit den Sandalen durchgewatet, so war mir das in Folge zu umständlich. Einfach mit den Schuhen durch, auch wenn die Füße ständig nass und kalt sind. Ob das auf die Dauer gut ist? Mein Infekt ist ja noch nicht lange her. Ich huste immer noch …

Wir brauchen Nachschub an „Futter“ und Wasser. Wir haben Glück, müssen im winzigen Ort etwas abfahren von der Strecke und bekommen Wasser, Granatapfelsaft, sogar Eis und anderen Süßkram, wie Snickers, die es in Kirgistan überall gibt und eine leckere Energiequelle sind. Etwas quatschen mit anderen Radfahrern und einigen staunenden Lokals, mit Hilfe des Translators auf Kirgisisch, dann müssen wir wieder los, dürfen nicht zu viel trödeln, um unser Tagesziel zu erreichen.

Die Fahrt weiter durch unendliche Weiten. Keine weiteren Schwierigkeiten bis auf die Tatsache, dass wir zum Teil keinen Weg haben über die Weiten Graslandschaften und uns am Track auf dem GPS-Gerät orientieren müssen.

Und als hätte mein Gerät am ersten Tag nicht schon genug Ärger gemacht … gerade hat es sich eine neue Teufelei ausgedacht, bzw. sich dazu entschieden den Bildschirm wieder mal genordet anzubieten. Hatten wir schon öfters … Was der Grund war, vermutlich, dass ich vor dem Geschäft gerade eben mein Rad entgegen der Fahrtrichtung geparkt hatte. Zur Erklärung, der Streckenpfeil bietet sich mir nur, wenn ich Richtung Norden fahre, in Fahrtrichtung. Fahre ich nach Süden, kommt der Pfeil auf dem Display mir entgegen, geht es nach Osten, muss ich nach Links, nach Westen rechts fahren. Einfach, gell? Schwierig wird es bei den Zwischenhimmelsrichtungen. Hat man einen Weg, geht es gerade noch, aber ohne Spuren? Wie gerade hier auf den Alay-Weiten …
Ein Blick in die Zukunft, ich bekomme das Gerät ausgetauscht … Super, danke! Und da SRMR ja im kleinen und großen Drama endet, kommt es auf Trubel zwischendurch auch nicht mehr groß an … Aber noch bin ich mitten in der Geschichte.

Kashka Suu lassen wir links liegen, ein „Magazin“ läge etwa 3 km im abseits der Strecke. Wir verlassen uns darauf, dass es bei CP1 etwas zu essen gibt. Und Sary Mogul werden wir wohl auch noch bei Tageslicht erreichen.

Der Kontrollpunkt, Topol Camp, am Fuße der Pamir-Eisriesen ist noch etwa 30 Kilometer entfernt, die knapp 1000 Höhenmeter vor uns bedeuten, dass es nun hügelig wird. Von den Anstrengungen werden wir jedoch abgelenkt, denn hinter jeder Kurve eine neue Traumkulisse. Vor uns liegen jetzt die hohen Pamir-Gipfel mit ihren Schnee- und Eisflanken. Vorbei geht es an Jurten, Kinder kommen an die Strecke und wollen abgeklatscht werden. Dann geht es vorbei an kleinen Seen und in der Ferne können wir schon die Camps erkennen.

Nach dem ersten Stempel, den wir uns verdient haben, sind wir doch noch weit vor der „Snail“, der Schnecke, gibt es Mittagessen. Hungrig stürze ich mich darauf. Reis, etwas Fleisch, Gemüse und Obst, lecker nach dem ganzen „Mist“, den man so zu sich nimmt unterwegs.

Die Abfahrt von CP1 entpuppt sich auf den ersten Kilometern als schmaler Singletrail. Vorsicht und manches Absteigen und Schieben ist geboten. Vor allem der steile felsige Abhang zum Fluss hinunter, der sich tief in das Gelände eingegraben hat und eine Schlucht gebildet. Vorahnungen kommen auf … wie wird wohl die 30-Kilometer-Schiebestrecke am über-übernächsten Tag werden?

Unten tost der reißende Fluss, undurchsichtig und braun schäumend wie mein geliebter Latte Macchiato. Ohne die schmale Brücke käme man hier nicht hinüber. Auf der anderen Seite steht ein Reiter, der uns beobachtet, gewandet in traditioneller Kleidung und Kalpak, der für Kirgistan und andere asiatische Gebiete typischen Filz-Kopfbedeckung, hoch und weiß, mit Stickereien versehen, so genau schaue ich nicht hin.

Brücke über die Fluten? Ja schon, aber mittendrin, einige Meter vor dem anderen Ufer, ist Schluss. Vermutlich führt diese am Vormittag von einem Ufer zum anderen, aber jetzt, am Nachmittag ist der Wasser-Pegel durch das abfließende Gletscher-Schmelzwasser der Pamir-Giganten wohl gestiegen. Hermann schultert sein Rad und watet hinüber, die Fluten reichen ihm über die Knie. Oje, ich hoffe, ich schaffe das, ohne von der Wasserkraft umgestoßen zu werden.

Ich konzentriere mich, dass ich mein schweres Rad hoch genug trage. Wichtig ist, dass das ganze Fahrrad über Wasser ist, denn tauchen die Räder mit der breiten Bereifung auch nur zentimeterweit unter, dann übt das reißende Gebirgswasser einen so starken Druck aus, dass ich fast den Stand verliere, vor allem, wenn man dann ein Bein hebt, um einen Schritt vor zu machen. Für mich schwierig, dann noch den festen Stand zu behalten.

Hermann hat etwas mehr Körpergewicht und tut sich leichter standhaft zu bleiben. Und zum Glück kommt er mir auch schon entgegen und nimmt mir das Rad ab, meine Rettung. Würde ich hier mit dem Rad umkippen, würde ich unweigerlich von den braunen beängstigend starken Fluten mitgerissen. Aber ist gut gegangen, bis auf dass ich eiskalte Füße habe.

Nicht so schlimm, dass es jetzt auf dieser Seite auch wieder sehr steil aus der Schlucht nach oben führt. So wird mir wieder halbwegs warm. Die ersten paar Meter ist etwas komplizierte Kraxelei, aber weit rutscht man nicht, wenn…

Auf dem schmalen staubigen Pfad haben Rad und Mensch nebeneinander nicht Platz, links fällt der Hang steil ab. Ein Schritt vor, das Rad vorschieben, halb in der Luft und irgendwie von hinten den Lenker weiter drücken. Die Steilheit lässt Vorahnungen in mir aufsteigen an die Old Soviet Road nach CP2.

Kurze Pause und Blick zurück. Aha, jetzt verstehe ich die Anwesenheit des Reiters: Er treibt sein Ross in die Fluten bis zum Brückenende und dieses trägt zahlungswillige Wanderer ans rettende Ufer. Apropos Kleidung, es ist ein Jugendlicher mit Kapuzenpulli und Smartphone in der Hand, der sich da wohl ein Taschengeld verdient.

Nun erwarten uns 25km Abfahrt bis nach Sary Mogul. Zunächst geht es vorbei an mehreren Jurten-Camps touristischer Natur. Hier ist ordentlich was los. Die Camps, wie auch das Topol-Camp, das unseren CP1 beherbergte, sind Ausgangspunkt zur Besteigung des Pik Avicenna, besser bekannt als Pik Lenin, der mit 7134m fünfthöchster Berg des Pamir ist und höchster Berg der Transalay-Kette.

Immer versperren protzige russische und kasachische SUV auf ihrem Weg nach oben die Straße und lassen uns in einer dicken Staubschicht verschwinden. Ja, hier ist ordentlich was los.

Die Schotterstraße verlangt Konzentration, denn sie ist recht steinig und manchmal muss man sich vor Schotterhaufen in Acht nehmen.

Immer wieder muss ich stehen bleiben und zurückblicken auf die wunderbare Bergkulisse. Pferde begleiten unseren Weg.  Wir haben vor, dass in Sary Mogul für heute Schluss ist. Das Ali-Guesthouse ist schon gebucht. Eigentlich hatte ich Sary-Tash geplant, aber dort hatte ich online keine Unterkunft gefunden und es wäre zu spät geworden, dort vor Ort noch etwas zu bekommen.

Etwas trickreich ist es noch Sary Mogul zu erreichen, ein Fluss liegt zwischen uns. Ein mit 10 Zentimetern Staub bedeckter Pfad entlang des Ufers führt uns zu einer Brücke. Das nächste Rätsel ist nun die Unterkunft zu finden. Denn dort, wo sie auf Google Maps eingezeichnet ist, ist sie nicht. Wir irren einige Zeit durch das Dorf, von Leuten da- und dorthin geschickt, bis wir das unscheinbare Häuschen finden.

Dana, ein kleines Mädchen auf dem Arm und einen kleinen Jungen hinter sich versteckt, empfängt uns herzlich und zeigt uns unser Zimmer. Wir werden wohl die einzigen Gäste sein, denn das Haus ist nicht sehr groß.

Wir fahren noch schnell los, um ein offenes Geschäft zu finden, denn am nächsten Tag würde es 150 Kilometer bis zum Dorf Gulcha, einem Knotenpunkt am Pamir Highway nichts geben – voraussichtlich.

Auf unserem Weg zum Magazin kommen wir wieder bei Kindern vorbei, die High-Five möchten. Aber was ist das? Was Rotes blitzt auf und eine hundertstel Sekunde darauf bin ich klatschnass. Rotzlöffel! Nach dem ersten Schreck-Moment springe ich vom Rad, die beiden Buben stieben los, die rote Plastik-Schüssel wird fallen gelassen. Ein kurzer Blick, wütend nehme ich mit dem rechten Fuß Schwung und lasse ihn auf das Gefäß sausen.  Dann steige ich auf mein Rad und fahre schweigend weiter. Die Wut, die in der Tat gipfelte, Befreiung fühlt sich nicht immer wie Triumph an. Auch Hermann meint, die Reaktion sei etwas übertrieben gewesen und jetzt fühle ich mich auch noch etwas schuldig. Fazit, meine Kleidung ist nass und ich friere, denn die Sonne ist schon seit einer Weile weg.
Wir füllen unsere Vorräte auf und radeln zurück. Am Ort der Tat lässt sich niemand mehr blicken, auch das rote Ding ist weg.

Sehr willkommen ist die heiße Dusche mit dem Brausekopf in der Badewanne der Familie. Für einen Toilettengang müssen wir ums Haus herum gehen. Toilette? Vier Wände und im Boden ein Schlitz. Wie das meist so üblich ist in den ländlichen Gebieten hier.

War ich der Meinung die Buchung umfasst Bett und Frühstück, so sind wir angenehm überrascht, dass wir auch zum Abendessen eingeladen sind. Es gibt sehr leckeres Schaffleisch (bei uns heißt das „Schäbsernes“) mit Bratkartoffeln und Gemüse und wir lassen es uns schmecken, wenn auch mit gemischten Gefühlen. Das Event wird scherzhaft auch „Sick Road Mountain Race“ genannt, da viele der Teilnehmer sich eine Magen-Darm-Sache einfangen oder Lebensmittelvergiftung. Von Fleisch wird eigentlich abgeraten. Ich hätte es irgendwie aber unhöflich gefunden, das Essen stehen zu lassen. Hoffen wir …

Wir sitzen mit einem australischen Touristen-Paar am Tisch, da klopft es und Tobias steht in der Türe, Minuten später auch Role. Großes Hallo. Etwas später finden sich auch noch Jos und Markus ein. So ein Zufall, wir kennen nämlich alle vier … Es stellt sich heraus, so groß ist der Zufall nicht, denn via Tracker-GPS-Daten kann man leicht rausfinden: Gabi und Hermann sind etwas abseits der Strecke und bewegen sich nicht, das heißt, dort gibt es eventuell eine Schlafmöglichkeit.
Platz wird geschaffen. Die Familie, Mutter, Vater und mehrere Kinder schlafen kurzerhand auf dem Küchenboden. So nett!

Trotz bequemem Bett schlafe ich nicht gut und bin nicht ausgeruht nach den wenigen Stunden. Frühstück bekommen wir schon um halb vier, vielen Dank, Dana! Und dann ziehen wir los – in die Dunkelheit von Tag 3.