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Tag 7: Freitag, 22.08.25Kel Suu (CP2) – Naryn
132 km/ 1.207 Hm/ 8:40:10 Bewegungszeit

Zuerst mein Video Tag 7:

CP2 am Morgen.
Die Nacht in der Jurte war unruhig, es war kalt, nachdem der Ofen aus war, jemand anderes schnarchte laut und ich musste immer wieder husten bzw. diesen unterdrücken, um nicht alle zu wecken. Die Old Soviet Road spukte durch meine Träume. Wie sollte ich mein 25-Kilo-Rad da hoch bekommen?

Ich entdecke ich beim Aufwachen, dass fast alle schon weg sind. Nur Lukas schält sich etwa gleichzeitig aus den Deckenschichten. Ich werde im Laufe des Tages entdecken, dass ich ihn in diesem Sommer beim Hellenic Mountain Race als eine von Nelsons Dotwatcherinnen eine Woche lang verfolgt hatte.

Ich freue mich auf das Frühstück. Aber Fehlanzeige, schon am Abend war der Strom weg und die Probleme führten dazu, dass es nur eine Spar-Version der gebuchten Mahlzeit gibt. Eine laufwarme Suppe, kein Brot, ein paar Kekse. Und die nächste Hiobsbotschaft: Snacks und Wasser für unterwegs gibt es auch erst „später“ wieder.

Müssen wir uns mit dem begnügen, was wir noch am Rad gehortet haben. Das Wasser ist eher abgestanden, ist es doch schon seit dem Vortag im Trinkrucksack. Durch die Reinigung mit den Chlordioxid-Tabletten ist es geschmacklich auch nicht granchè.

In den Strahlen der aufgehenden Sonne machen wir uns auf den Weg. Ein paar Minuten durch die Ebene, dann beginnt der Aufstieg.

Der Blick hinunter auf die weißen Jurten, die wie Perlen aufgereiht am Fluss liegen und auf die gegenüber liegenden schneebedeckten Berge ist wunderbar und lenkt etwas von der Schinderei ab.
Der Name ‚Old Soviet Road‘ an sich ist schon eine ironische Hyperbel – denn bei nahezu 30 % Steigung ist das keine Straße mehr, sondern ein Abenteuerpfad. Und auf den etwa zwei Kilometern nach oben geht das in etwa so vor sich:

Arm strecken, Gabi (lumacagabi) schiebt ihre 25 Kilo Zweirad nach oben, Bremse drücken, zwei bis drei Trippelschritte neben dem Rad nach oben. Bremse loslassen, Rad hochdrücken, Bremse drücken, ein paar kleine Schritte nach oben, Wiederholung. Nach etlichen Wiederholungen eine kurze Pause, um die Gegend zu bewundern (Ausrede!) oder um einen Schluck zu trinken (Ausrede!) oder um ein Foto zu machen (Ausrede, denn so viele Fotos kann ich gar nicht  brauchen).

An der steilsten Stelle kommt Hermann mir zu Hilfe, ich verspreche schieben zu helfen. Ich bin aber heute irgendwie schlapp und schaffe es nicht mal hinten dran zu bleiben, so schnell schiebt er, beziehungsweise so langsam bin ich auch ohne Gewicht.

Dann endlich oben. Ich kann sogar lächeln, denn jetzt steht nur noch ein kleiner zweiter Gipfelanstieg an, dann eine lange Abfahrt, dann lange mehr oder weniger flach bis zur gemächlichen Anfahrt zum Kynda Pass. Dann wieder lange hinunter. Ein letzter Berg wäre zu überqueren, dann würden wir Naryn erreichen.

Ich denke nur mal an die nächste Abfahrt. Die ist toll. Über Singletrails hinunter. Die Brücke über einen Fluss wäre eigentlich die geplante Endstation für den vorhergehenden Tag gewesen, aber leider verkalkuliert und so sind wir halt ungefähr drei Stunden hinter dem Plan.

Die Auswirkung auf den Abend finde ich nicht so schlimm, denn in Naryn, Halbweg unseres SRMR, warten Hotels auf uns. Danach gibt es bis zu CP3, geplant drei Tage später, nichts mehr. Betonung auf „geplant“ – und Hermann fährt genau nach Plan, ich leider irgendwann dann nicht mehr …

Landschaftsmäßig werden die nächsten Stunden noch ganz ok sein, teilweise ähnelt das Land unseren Almen, dann wieder ist es einfach nur staubig.

Mittagessen-Stopp. Wir kochen eine chinesische Instant-Suppe, essen unseren Rest Brot, eine Dose Sardinen in Tomate und „сгущёнка“, einer Art gesüßte Kondensmilch, man beachte die „leckere“ Kombination! *lach*
Einen Kaffee-Beutel kann ich auch noch auftreiben in den Tiefen meiner Tasche.

Kurz darauf ein riesiges rotes „STOP“ auf einen Stein gepinselt. Passkontrolle am Militär-Checkpoint auf dem Kynda-Pass. Nach zehn Minuten dürfen wir weiter. Jetzt geht es in die kurvige Abfahrt. Und OJE! In einer der ersten Serpentinen liegt ein LKW quer über der Straße, seine Heuladung rundherum verstreut. Der Fahrer und seine mindestens drei Mitfahrer sitzen am Straßenrand. Zum Glück ist ihnen nichts passiert.

Ablenkung sind die vielen Tiere, Yaks, Pferde, Schafe, Ziegen und … kaum zu glauben: Kamele stehen da, auch wenn ich stundenlang am Zweifeln bin, ob das nocht Dromedare sind. Aber im Kopf geht oft lange fast nichts rum, wie eben einfachste Berechnungen oder eben, ob die mehrere Dutzende zweihöckrigen Wesen, die da am Hang rumstehen und uns genauso „blöd“ anstarren wie wir sie, Kamele sind oder doch Dromedare. Es sind Kamele, was meine Recherche fast zwei Monate später ergibt.

Lange fahren wir bergab, die Straße zum Teil schlimmstes Waschbrett, das heißt, wir können nicht schnell fahren und werden gnadenlos durchgerüttelt.

Im Talgrund angelangt wird es flach. Die dann und wann überholenden Autos wirbeln jedes Mal eine Staubwolke auf, in der wir Radfahrer verschwinden. Ich bin zu bequem mein Halstuch in einer meiner Taschen zu suchen, das ich für diese Zwecke eingepackt hatte, und schlucke so kiloweise Staub. Manchmal, aber nur ganz manchmal, kann man dem Waschbrett und Staub auf einem parallel zur Straße führenden Wiesenweg ausweichen. 60 Kilometer ohne megaschnelles Vorwärtskommen. Ablenkung bringt ein kurzes Schwätzchen mit Konrad.

Denn hatten wir am Tag zuvor schönen Wind, nämlich Rückenwind, so bläst uns dieser schon den ganzen Tag entgegen. Die Stunden durch das sich immer mehr verbreiternde Tal ziehen sich endlos. Zu sehen gibt es auch nur wenig. Es ist hier unten schonungslos heiß, megastaubig, Hunger und Durst nehmen zu. Es ist einfach nur „ätzend“. Und der Staub raubt nicht nur uns den letzten Nerv, unser Antrieb leidet auch ganz schön. Das Schmiermittel für die Ketten ist uns ausgegangen, hoffentlich können wir in Naryn irgendwo Kettenöl kaufen.

Dann endlich lassen sich in der Ferne einige Häuser-Silhouetten ausmachen.  Ak-Muz, das Dorf hatte ich schon sehnlichst erwartet. Nun noch das „Magazin“ suchen, ach ja, da drüben, wo einige bepackte staubige Räder lehnen. Wie immer Treffpunkt aller hungrigen und vor allem durstigen Bikepacker. Ich rechne zurück, das letzte Geschäft, in dem es ordentlich was zu kaufen gab war wohl Gülcha, etwa 400km liegen dazwischen. Gut, ein kleines Geschäft gab es noch (das mit den netten beiden Damen, Tag 4 und den Minishop mit den Melonen und dem unverhofften Reisfleisch darf ich nicht vergessen), aber danach in Kok-Art gab es ja so gut wie nichts.

Das Mini-Geschäft hier ist auch nur winzig und die Auswahl sehr begrenzt, aber die Frau an der Kasse kommt auf einmal mit einem Tablett herein, auf dem noch dampfende Köstlichkeiten aufgereiht sind: Russische Piroschki – es duftet so lecker, dass wir zugreifen. Erst beim Hineinbeißen merken wir, dass die Fülle aus Kartoffeln und Fleisch besteht. Ob das wohl gut geht?

Wir sind hungrig und uns ist im Moment alles egal. Ich bekomme noch ein halbes Glas Essiggurken geschenkt von Joao aus Portugal. So was Leckeres habe ich nie zuvor gegessen, glaube ich, vermutlich verlangt mein Körper nach Salz oder einfach nur nach etwas NICHT Süßem. Ich bin so dankbar über den gefühlt halben Kilo Gurken, dass ich Joao verspreche, ihn in meinem Bericht zu nennen. Siehst du, Joao, ich habe mein Wort gehalten …

Neben mir sitzt Lukas, neben dem ich heute früh aufgewacht bin (ja, keine Aufregung, auf meiner linken Seite Lukas, auf meiner rechten Hermann). Unterwegs war mir eigefallen, dass ich seinen Namen irgendwo her kenne. Ich erzähle ihm, dass ich während des Hellenic-Races eine ganze Woche „ein Auge auf ihn geworfen hatte“ und er meint, er sei wohl der älteste Teilnehmer mit seinen 63 Jahren. Nein, belehre ich ihn, Hermann sei ein Jahr älter und ich würde im Oktober auch 63. Aber einhellig: So verrückte ALTE gibt es anscheinend mehrere …

Nun ist noch ein Berg zu erklimmen, insgesamt noch 30 Kilometer bis Naryn. Dort dürfte unser Nachtlager warten. Denn – nach diesem Staub-Schluck-Tag wünschen wir eine Dusche, das bedeutet Hotel oder Ähnliches buchen. Eine weitere Überlegung ist auch, dass es vor CP3 auch keine weitere Übernachtungsmöglichkeit geben würde, denn der Loop in die Einsamkeit steht bevor und eine weitere Ausrede ist auch, dass wir „Halbweg“ feiern müssen. Gedacht getan, nachdem ich meine Favoriten-Liste „Naryn“ konsultiert hatte, buche ich kurzentschlossen das Altay Village Hotel in Tash Bashat. Schaut sympathisch aus.

Aber noch müssen wir einen Anstieg bewältigen und, da es nach Ak-Muz wieder auf Schotter weiter geht, müssen wir weiter Staub schlucken. Aber irgendwann biegen wir auf die asphaltierte Überland-Straße ein, man staune, von hier kommt man direkt zur chinesischen Grenze und zum Blue Caravan …

Das Angenehme (Teer) hat seinen Preis. Der Verkehr in Richtung Stadt ist dicht. Schnelle Autos, die andere schnelle Autos und LKWs überholen. Viele mehrachsige Schwertransporte und wir wieder mal mittendrin.

Kurz vor Naryn wollte ich Google Maps konsultieren, wo denn nun die besagte Unterkunft liege. Beziehungsweise fällt mir unterwegs etwas brennend ein. Mit zittrigen Fingern öffne ich das Gerät, meine Vorahnung bewahrheitet sich: Das Hotel liegt 30 Kilometer entfernt von Naryn. Und nicht nur das, es liegt zudem 33 Kilometer von der Strecke entfernt. Wie konnte das passieren?

Zwei Tage vor unserem Start war bei Eki-Naryn die weit und breit einzige Brücke über den Fluss eingestürzt. Was für uns SRMR-Fahrer bedeutet, dass wir einen Umweg über die Berge diesseits des Flusses nehmen müssen.

Die Holz-Fachwerk-Brücke selbst ist den Fluss runtergetrieben, wo sie wohl heute noch liegt. Die Bilder kursierten vor unserem Start zwischen uns Sensationslüsternen. „Boah, habt ihr gesehen …?“

Dass dabei der Fahrer in den reißenden dunkelbraunen Fluten ums Leben gekommen ist, hat wohl niemand realisiert. Tragisch dabei, laut Berichterstattung auf Instagram, war, dass nicht lange vor dem Unglück der Journalist Idyris Isakov einen Bericht veröffentlicht hat, in der der Zustand der Brücke als „Notfall“ bezeichnet wurde.

Der Fahrer des Lasters konnte geborgen werden, Tatsache ist aber, dass Behörden oft erst nach einer Tragödie tätig werden. Die Verbindung über den Tosor-Pass und nach Issyk-Kul wird wohl noch lange unterbrochen sein.


Youtube Video über Brückeneinsturz

Unser Weg war also umgeplant und unser gebuchtes Hotel liegt nun abseits der Strecke. So ein Mist! Es ist laut Booking auch nicht kostenlos stornierbar. Das Glück und sehr nette Menschen kommen uns allerdings wieder mal entgegen: Auf meine Anfrage via Mail gewährt uns die Hotel-Verwaltung ein kostenloses Storno. Tausend Dank!

In Naryn angekommen, bemühen wir uns um eine Unterkunft und irren etwas ratlos umher. Schließlich vor dem gebuchten Guesthouse angelangt sind Hermann und ich einer Meinung, dass wir da eigentlich nicht übernachten wollen. Fünf Minuten vorher gebucht, stornieren wir schon wieder. Heute ist wohl der Wurm drin … Und nun?

Etwas früher hatten wir einen Restaurant-Tipp bekommen, Gran Khan Tengri. Das ist an ein Hotel angeschlossen. Über Booking gibt es keine Verfügbarkeit mehr. Schade! Ich probiere es trotzdem und rufe an. Jubel! Es gibt noch ein Doppelzimmer. Innerhalb 10 Minuten verspreche ich dort zu sein. Und erstaunlich, es ist nahe unserem Standort, vielleicht 100 Meter neben dem Guesthouse, das ich gerade storniert hatte. Und was für ein Nobelhotel das ist … und ganz neu ist es. Irgendwie passen wir hier absolut nicht hin, staubig und „abgerissen“ wie wir in die Hotel-Lobby marschieren. Der Hauswirtschaftsraum als Rad-Depot ist leider schon besetzt. Die Räder müssen wir also vor dem Hotel stehen lassen, uns wird aber versichert der Eingang sei videoüberwacht und da passiert hundertprozentig nichts. Glauben wir es mal.

Wir fahren noch ins Zentrum, um unsere Vorräte aufzustocken, denn an den nächsten drei Tage gibt es wieder mal nichts, und diesmal wirklich absolut nichts.

Dann schnell duschen und ab ins Restaurant. Es kommt wieder eine lustige Truppe zusammen, Tobias, Markus, Jos und Konrad. Leider lassen uns die Kellnerinnen einige Zeit sitzen, bis sie die Bestellung aufnehmen und dann ist es zu spät, die Küche hat nun zu. Ärger! Ich und Hermann bekommen zumindest noch eine Linsensuppe, andere von uns gehen leer aus.

Mit fast leerem Magen schläft es sich eh besser – rede ich mir ein.
Dafür werden wir beim Frühstücksbuffet voll zuschlagen. Also kein nächtlicher Start, sondern (fast) ausschlafen … Das gönnen wir uns zur Feier des Halbwegs.