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Tag 6: Donnerstag: Suyek Pass – Kel Suu (CP2)
170 km / 1600 Hm

Kaum dämmert es, packen wir unser Lager ab. Sehr gut habe ich nicht geschlafen, es war bitterkalt und ganz eben war es auch nicht. Im Zelt nebenan hat jemand die ganze Nacht gehustet, ich aber auch …

Noch 66 Kilometer, dann werden wir endlich beim Blue Caravan wieder etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommen. Die Wirtsleute empfangen die Radfahrer mit warmen Speisen, Snacks und Getränken. Dabei informieren sie sich stets, wer des Weges kommt. Ich freue mich schon darauf. Aber …

Nach den nächtlichen Abwärts-Schiebe-Passagen habe ich kaum Hoffnung, dass das Gelände nun fahrbar wird. Und so ist es auch. Ein bisschen ruckelig bergab fahren, dann wieder durch Bachbetten, dann wieder umständlich am Ufer entlang, um nicht schon wieder durchs eisige Wasser zu müssen und über steile Grashänge runter schieben. Dann endlich eine Brücke und eine grobe Schotterstraße. Diese ist nicht instand gehalten, etwas später sehen wir auch wieso. Ein Erdrutsch und Auswaschungen hat sie unterbrochen.

Ein Blick zum Himmel lässt Böses ahnen. Dunkle schwere Wolken hängen da oben. Schnell weg. Aber da fängt es auch schon an … zu schneien. Ich ziehe Regenjacke und Regenhose über. Nun habe ich fast alles an verfügbarer Kleidung am Körper, sogar meine Merino- und Daunenhandschuhe. Richtig warm ist mir nicht.

Den Schnee-Wolken können wir davonfahren. Die nahen hohen Berge sind bis an den Bergfuß schneeweiß.

Dann lassen wir für heute die Berge hinter uns, auch wenn wir uns immer noch in großer Höhe befinden, auf fast 3500 m über dem Meeresspiegel. Gut 20 Kilometer geht es fast schnurgerade in Richtung der chinesischen Grenz-Straße. Die Sonne schaut auch sporadisch auf uns herunter. Es geht tendenziell leicht aufwärts. Ich habe aber das Gefühl, dass ich (fast) flach fahre.

Ab und zu geht es hinunter in ein Bachbett und auf der anderen Seite wieder hoch. Glücklicherweise müssen wir nicht mehr durch knietiefes Wasser wie am Vortag gefühlt mehrere 100 Mal. Was sagte Nelson beim Briefing? Dreimal müssen wir durch den Fluss? In welchem Zahlensystem hat er wohl gezählt? Im Dezimalsystem vermutlich nicht.

Unendliche Weiten liegen vor uns, am Weg immer wieder Pferdegruppen. Wo ist aber die sehnlichst erwartete Teerstraße, die uns zum Blue Caravan bei Torugart bringen soll? Ich habe langsam Hunger, es geht auf Mittag zu.

Als wir die Durchgangsstraße erreichen, wünsche ich mich bald zurück ins unwegsame Bergland. Riesige Trucks brausen heran, überholen mehr oder weniger riskant und nebeln uns mit ihren Abgasen ein. Meine Gedanken lenken mich ab: Bald gibt es eine leckere Suppe oder sonst was Warmes, vielleicht einen Chai oder einen Instant-Kaffee?

Vor mir steht plötzlich ein LKW am Straßenrand. Und noch einer. Und noch einer. Stau? Ich fahre weiter und muss dann und wann zwischen die stehenden Fahrzeuge ausweichen, wenn Gegenverkehr naht. Ich zähle 100 Laster und noch kein Ende in Sicht. Ein Stacheldraht-Zaun rechts von uns zeigt die Grenznähe. Und der Straßenrand ist übersät mit Müll.

Auffallend viele Flaschen liegen hier herum. Aber wie ich erkenne, sind sie nicht leer. Halbvolle Fanta-Flaschen. Ich kann mir nicht erklären, warum jemand seine Fanta nicht austrinkt. Als ich dann auch mal eine gefüllte Cola-Flasche entdecke, wir mir schlagartig alles klar. In der Flasche ist nämlich nicht, wie erwartet, eine dunkelbraune Flüssigkeit, sondern auch darin eine trüb gelbe. LKW-Stau stundenlang und keine Toiletten weit und breit … „Der Gedanke ist der Vater der Tat.“

Ich bin bei Fahrzeug 133, da sehe ich vor mir ein Gebäude und halte darauf zu. Da alarmiert mich mein GPS-Gerät optisch als auch akustisch, dass ich von der Strecke abgekommen bin. Ich radle zurück, biege in den Schotterweg ein und sehe in der Ferne was Blaues. Ah! Der Blue Caravan. An den hatte ich doch andauernd gedacht, jetzt ist er da und davor jede Menge bepackter Räder. Ich stelle mein Gefährt ab und halte auf die Treppe zum Wohnwagen zu. Voller Erwartung jetzt freundlich begrüßt zu werden und etwas Leckeres angeboten zu bekommen. Aus der Tür lehnt sich ein halbwüchsiger leicht übergewichtiger Bub.

Nein, es gäbe gar nichts mehr, außer ein paar Dosen „Nitro“, dem klebrigsüßen Energy-Getränk. Nicht mal Wasser gibt es. Ich „entscheide“ mich für eine Dose  Nitro, nach uns schließt der Junge den Caravan ab. Das kann doch nicht wahr sein! Ich träume seit zwei Tagen von diesem Wohnwagen, über 100 Kilometer unwegsamstes Gelände liegt hinter uns seit dem letzten Ort, Kok Art. Und weitere knapp 100 km vor uns bis zu CP2, dem zweiten Kontrollpunkt in den Jurten von Kel Suu.

Wir entschließen eine unserer Notrationen für „entlegene“ Gebiete zu opfern und packen Gaskocher und Tactical, unsere gefriergetrocknete Expeditionsnahrung aus. Etwas Brot haben wir auch noch, das wollen wir aber beim nächsten Halt essen. Gummibärchen sind auch noch da und der ein und andere Schokoriegel – na also, das Überleben ist gesichert. Aber den Blue Caravan hatte ich mir anders vorgestellt, ein Empfang mit offenen Armen

Auf geht’s auf die nächste Halbtagesetappe. Eigentlich war mein Plan nach CP2 noch die Old Soviet Road zu überwinden und erst einige Kilometer weiter unten unser Nachtlager aufzuschlagen. Das werden wir wohl kaum schaffen. Es ist schon früher Nachmittag und 105 Kilometer vor uns bis zu CP2. Zum geplanten Schlafplatz dann nochmal über 20 Kilometer mit dem 30% steilen Anstieg über 3 Kilometer, das wird wohl nichts. Wir können wohl froh sein, wenn wir es noch bis zum Jurten-Camp Kel Suu schaffen. 80 flache Schotterkilometer, dann noch ein Aufstieg von etwa 400m.

Zu den folgenden acht Stunden nur Folgendes:
Die fast plattebene Strecke erst entlang des Grenzzaunes zu China bringt landschaftlich kaum Abwechslung. Ablenkung gibt es nur durch die Pferde oder Yaks am Streckenrand. Glücklicherweise kommen auf dem zum Teil üblen Wellblechbelag nur wenige Autos vorbei, die nebeln uns aber gründlich ein. Ein Glück auch, dass wir schön Rückenwind haben, der uns vor sich herschiebt. Aber in der Ferne brauen sich bleierne Wolken zusammen, wir hoffen, dass sich diese verziehen, bis wir dorthin gelangen. Leider nein und radeln einige Zeit eingepackt in unsere wasserdichte Bekleidung.

Der Spuk ist aber bald vorbei. Nun gibt es aber dann und wann wieder eine Flussquerung. Zum Glück wenige, bei der ich nasse Füße bekomme.

Irgendwann ist dann die Abzweigung zu CP2 erreicht. Nun geht es leicht aufwärts. Die Sonne ist schon blutrot untergegangen und es wird recht frisch. In der Ferne hinter uns eine schöne Bergkette, Pferde grasen dann und wann in der Nähe der Straße. Dann wird es dunkel und die Straße steigt gehörig an. Manche Strecke legen ich zu Fuß zurück. Der Track zweigt auf einmal rechts ab, ich kann keinen Weg erkennen, nur in der Tiefe Wasser-Rauschen. Ich bleibe spontan auf der Straße. Ich stelle mir vor, wie das Gelände links und rechts von uns aussieht. Lieber nichts riskieren in der Dunkelheit.

Dann eine längere Abfahrt. Brrrr! Kalt! In der Ferne sind Lichter zu erkennen. Das Jurt-Camp? Dann verlassen wir die Schotterstraße und rollen auf einem schmalen Pfad und zum Teil über Wiese hinunter Richtung einer Lichtquelle. Sind wir da richtig? Ich habe keine Lust jetzt noch extra-Kilometer zu fahren und womöglich wieder hochstrampeln zu müssen.

In unseren Scheinwerfern erscheint eine Jurte mit dem gewohnten Plakat, Silk Road Mountain Race, CP2 – endlich da!

Wir holen uns den begehrten Stempel und bejahen sofort, als wir gefragt werden, ob wir einen Schlafplatz benötigen. Dusche gibt es leider keine. Eine Sauna, mit dampfendem Wasser-Aufguss wurde früher am Tag zwar angeboten, aber im Moment gibt es einen Strom-Ausfall. Wir können uns glücklich schätzen noch ein warmes Essen zu bekommen, romantisch bei Kerzenlicht. Darauf hatte ich mich schon seit der letzten ordentlichen Mahlzeit (wo war die nochmal? – ach ja in dem Yak-Straßen-Imbiss an Tag 3) gefreut.

Dann schleichen wir uns in die Jurte, um nicht die anderen Fahrer zu wecken, die schon in den Schlaf der Gerechten gefallen sind.

Bevor auch ich weg döse, nicht ganz leicht, wenn man Hustenreiz unterdrücken muss, stelle ich mir noch vor, was am nächsten Morgen auf uns zukommen wird: die Old Soviet Road, ein Abschnitt von wenigen Kilometern mit bis zu 30% Steigung. Und dann? Ich will es gar nicht so genau wissen …