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Video Tag 3 und 4:

Tag 3: Montag, 18.08., Sary Mogul – Ulay Talaa
200 km / 2100 Hm

Schon um halb vier bekommen wir von Dana ein tolles Frühstück serviert. Das ist so nett von ihr. Nochmal einen großen Dank! Geschlafen hatte ich nicht besonders. Ich habe mich in den Schlaf „gehustet“, hoffentlich habe ich nicht alle anderen Schlafenden in ihrer Nachtruhe gestört.

Um vier dann Abfahrt. Durchs Küchenfenster kann ich sehen, dass die Familie alle ihre Schlafplätze den Gästen zur Verfügung gestellt hat. Sie hat ihr Lager für zwei Erwachsene und schätzungsweise 4 Kinder auf dem Küchenboden bereitet. Wir sind sehr dankbar dafür.

Die über 30 Asphaltkilometer nach Sary Tash wollte ich ja eigentlich schon am Vortag hinter mich bringen, um das aufzuholen starten wir so früh. Das ist auch gut so, denn im Laufe des Tages ist diese Straße viel befahren und der Wind dreht auch. So begegnen wir nur sehr wenigen Autos bis zum nächsten Ort. Starker Wind bläst über die Berghänge herunter, ich muss einige Male den Lenker fester greifen, um nicht umgehauen zu werden. Recht kalt ist es nun auch. Es dämmert schon, als wir am Beginn des ersten Aufstieges heute sind – dem Taldyk-Pass (3615).

Eigentlich ging ich diesen etwas leichtfertig an. Der Aufstieg auf Asphalt auf dem „Pamir Highway“ wird easy sein, dachte ich mir im Vorfeld. Was auf mich zukommen würde, trifft mich jetzt mehr oder weniger unvorbereitet. Verrückte Straße.

Pamir Highway – der Name hätte mich eigentlich vorwarnen sollen. Nun am Morgen beginnt nämlich der LKW-Verkehr zuzunehmen. Zweiachsige Monster schnaufen über die steile Straße nach oben, manch einer bleibt überhitzt oder defekt liegen und wir Radfahrer müssen uns im Gegenverkehr daran vorbeiquetschen. „RRRÖÖÖHHHHHRRR…“, das Dröhnen und Röcheln der von hinten nahenden Schwertransporter lässt mich immer schleunigst auf den geschotterten Seitenstreifen ausweichen. Gleichzeitig peitschen heftige Windböen auf mich ein und drohen mich auf die Straße zurückzuwerfen. In welchem Inferno bin ich denn hier gelandet?

Weiter oben zieht dann auch noch Nebel auf. LKWs überholen LKWs, PKWs überholen PKWs  und LKWs, oft sehr riskant, dazwischen wir Radfahrer. Zumindest lässt nun der Wind nach. Aber ich kann die Laster, die sich von vorne und hinten nähern nur noch hören. Kreuzen sie sich auf meiner Höhe, dann wird es für ein Rad ganz schön eng. Nicht gerade meine Lieblingssituationen. An meinem inneren Auge ziehen Horror-Erinnerungen auf meinem Weg ans Nordkap, Northcape4000 (2022), vorbei. Beim Plattensee und bei Riga hatte ich schlimme Erlebnisse mit solchen Riesenlastern.

Meine Angst verstärkt sich durch meine körperliche Verfassung. Ich fühle mich seit Beginn des Aufstieges eher schlapp und huste verstärkt. Ist das der Steilheit der Straße auf doch schon über 3000m Meereshöhe geschuldet? Oder ist mein Infekt noch nicht ganz auskuriert? Mein Puls rast, obwohl ich mich schneckenmäßig langsam nach oben schiebe. Furcht und Erschöpfung steigern sich gegenseitig.

Dann bin ich oben. „Pass-Foto“ und gleich wieder Abfahrt, um nicht auszukühlen. Es beginnt zu regnen und ist kalt hier oben. Der Gegenanstieg weckt meine Lebensgeister wieder.

Gerade kam mir eine Reihe von mehreren LKWs langsam entgegen. Ein blauer Hyundai-Kleinlaster dahinter (von denen gibt es unzählige in Kirgisistan, neben den Millionen Audi 100, alle aus dem letzten Jahrhundert), schert plötzlich aus, um die Schlange zu überholen, als er mich zum Glück bemerkte und wieder auf seine Fahrbahnseite zurückrollt. Alle drei hätten wir auf der engen Straße nicht Platz gehabt. Es ging so schnell, mit zitternden Knien fuhr ich weiter. Das hätte leicht schiefgehen können. Die Situation könnte ihr auf dem Video sehen (Minute 1:12). 

Dann ist endgültig der höchste Punkt erreicht, wieder im dichten Nebel. Nicht ungefährlich die Abfahrt. Anfangs sehe ich kaum meinen Lenker, so dicht ist die Nebelsuppe. Wie weit ist wohl die Sicht der Autos und LKWs?

Letztere tasten sich schwerfälliges bergab, Bremsen kreischend, jede Kurve ein Kampf gegen die Schwerkraft. Wir Radfahrer müssen da vorbei, waghalsige Überholmanöver riskierend, denn die Laster sind mitunter geschätzt einen viertel Kilometer lang. Über 2000 Höhenmeter dürfen wir nun abfahren, alles auf Teer, zunächst in unzähligen Kehren, dann einem Fluss-Tal entlang, bis Gülchö. Dort werden wir verpflegungsmäßig nach 150 Kilometern erstmal wieder Nachschub bekommen.

Wie sich herausstellt, müssen wir nicht ganz so lang warten. Ich habe nämlich langsam Hunger. Und wie in einer Fata Morgana taucht linkerhand plötzlich ein Gebäude auf, mit einer großen Werbetafel an der Wand und nicht wenigen Rädern angelehnt.

Wie eine Pistole richte ich Translator-App-Kamera auf das Schild: Yak-Restaurant. Da auch einige Laster und Autos hier parken, beschließen wir hineinzugehen, uns mit Chai zu wärmen und etwas zu essen. Es gibt nur Gerichte mit Fleisch, mit Yak-Fleisch, oje! Wir kehren unsere Bedenken beiseite, denn bei so vielen Gästen, Radfahrern und Lastwagenlenkern, muss wohl frisch gekocht werden. Die Yak-Suppe ist mega-köstlich, der Tee sehr lecker.

Die folgenden etwas 80 Kilometer bis Gulchö vergehen wie im Fluge, es rollt sich sehr angenehm. Wenn nur die Laster nicht wären. Eine brenzlige Situation beobachte ich vor mir: Hermann wird von einem Laster mit Anhänger überholt, ein weiterer kommt entgegen und am Straßenrand der Gegenseite läuft eine Schafherde. „Standhaft“ bleibt Hermann auf dem Teer-Band, vermutlich denkt er, der Asphalt ist für alle da … Der Laster denkt nicht dran zu bremsen, er ist nur noch eine Handbreit von Hermann entfernt, als dieser dich dazu bequemt, die Straße zu verlassen und auf das Schotterbankett auszuweichen. Sekunden später ist das Riesengefährt auch schon da, wo vorher Hermann sich befand. Alles passierte in Sekundenschnelle, im Video festgehalten (Minute 2:45).

Es ist einiges zu sehen talauswärts. Der Fluss Kurshab, auf den Schildern an den Brücken steht meist Gulcha,  hat sich tief ins Tal eingegraben, dieses wird von zinnoberroten Felswänden begrenzt. Eine wunderbare Farbkombination mit der tiefgrünen Vegetation, die sich hier bei unserer Abfahrt durch die Höhenstufen von Gebüsch bis hin zu kleinen Wäldern entwickelt. Kleine Siedlungen, bunte Häuser, blaue Moscheen mit goldenen Kuppeln. Kinder am Straßenrand, überall. Freilaufende Haustiere entlang der Straße leben sehr gefährlich. Wir auch.

Ein Mehr-Achser über holt wieder mal einen anderen. Ich rette mich auf das Bankett, nicht einfach, wenn ich mit fast 50 Sachen von Teer auf Schotter wechsle.

Dann Gülchö. Das Magazin ist schon von Weitem zu sehen an der Menge von angelehnten und liegenden bepackten Fahrrädern. Alle Stufen vor dem Geschäft sind besetzt, Mengen an Essbarem in allen Variationen und Getränken liegen und stehen herum. Ausgehungert und durstig schlagen auch wir voll zu. Was wir nicht hier verschlingen, versuchen wir irgendwo am Rad unterzubringen, kein leichtes Unterfangen.

Es geht nämlich um einen Großeinkauf. Gülchö ist die letzte sichere Einkaufmöglichkeit vermutlich vor dem Blue Caravan 270 Kilometer weiter. Stimmt nicht ganz, denn in 140 Kilometern, kurz vor der 30-Kilometer-Schiebestrecke, gibt es noch einen möglichen „resupply point“, aber es ist fraglich, ob wir dort noch was bekommen oder ob alles leergekauft wurde von den anderen. Laut meinen Berechnungen müssen wir uns schlimmstenfalls darauf vorbereiten, drei Tage nichts kaufen zu können.

Es ist nun früher Nachmittag, bis zum nächsten Schlafen müssen wir noch den Suuk Döbö Pass erklimmen, etwa 30 Kilometer mit gut 1000 Höhenmetern, dann nochmal soviel wieder runter bis Ulay-Talaa. Diese Ortschaft mit Unterkünften und Shops liegt drei Kilometer abseits, deshalb werden diese links liegen lassen.

Auf Teerstraße geht es nun ein ewig langes Straßendorf hinauf. Bei jedem dritten Haus ein „Tschippl“ Kinder, würde der Südtiroler sagen. Damit verbunden immer ein großes Hallo und Give me Five. Ich fühle mich hier fast wie beim Race around Rwanda im Februar.  

Hermanns Schaltung macht wieder Sperenzchen. Wieder? Das hatte er am Vortag im Alay-Tal schon mal. Krachendes schleifendes Geräusch, Schrauben nach links und rechts, bis dann wohl alles verstellt war, aber dann ging es auf einmal wieder. Bedenken, ob nicht vielleicht der Schaltkabel reißen könnte demnächst. Wir müssten vielleicht mal einen „Schrauberlehrgang“ machen.

Der Asphalt geht über in Schotter und in weitläufige Almenlandschaften. Vorwiegend Pferde werden hier gehütet.

Die letzten Meter auf den Pass werden ziemlich steil. Ich schiebe und bin froh, als Hermann mir entgegenkommt und mir mein schweres Rad abnimmt. Ich bin eher platt, huste und schäme mich überhaupt nicht.

Aus dem Staunen und Bewundern komme ich kaum heraus bei der folgenden Abfahrt. Auf den Berghängen ist auch einiges was los. Mäharbeiten und Abtransport des Heus mit Pferden. Wir haben uns schon gewundert, warum die Pferde, oft mit Reitern, ein seltsames Holzgestell nachziehen. Als wir dann einem hoch beladen mit Heu begegnen ist alles klar. Meine Recherche ergibt zudem, dass man diese Gestelle „Arpa“ nennt. Ein Platten an Hermanns Hinterrad bremst uns etwas ein. Als wir stehen bleiben, um Luft einzupumpen, bekommen wir Gesellschaft von einem kirgisischen Jugendlichen, mit dem wir uns auf Englisch und mit Hilfe des Translators auf Kirgisisch unterhalten, seine Einladung müssen wir leider ablehnen, da die Zeit bis zum Dunkelwerden drängt.

Das Nachpumpen hilft nicht, die Dichtmilch verweigert ihren Dienst. So bleibt nichts anderes übrig, als ein paar Kilometer weiter einen Schlauch einzulegen. Also haben wir einen weniger. Hoffentlich geht das gut. Er nutzt einen der Ultraleichtschläuche, auch da fragen wir uns, ob das wohl gut geht, damit haben wir nämlich keine Erfahrung.

Weiter geht es. Im Talgrund angelangt wird es schon leicht dämmerig. Die Frage an einen Einheimischen ergibt, dass es weit und breit keine Unterkünfte gibt.

Wir radeln noch ein bisschen in die Dunkelheit hinein und halten Ausschau nach einem geeigneten Biwakplatz. Den finden wir oberhalb eines kleinen Abhanges auf einer ebenen Grasfläche, anscheinend einer Weide. In der Ferne hören wir Hundegebell. Wir packen aus und stellen unser Zelt auf. Der Wasserkocher wird angeworfen, eine chinesische Instant-Nudelsuppe köchelt gerade vor sich hin, da wird das Gebell lauter, eine Lampe irrlichtert über die Wiese. Da kommt wer. Was tun? Warten? Wir gehen der Person entgegen, um zu erklären, was wir hier tun. Ein Kirgise ist es, der von der Stimmlage eher ungehalten klingt. Wir sind ratlos, wie wir uns verhalten sollen, versuchen mit der Übersetzer-App ihm zu erklären, dass wir sehr dankbar wären, wenn wir auf seiner Wiese zelten dürften.

Wieder Wortschwalle. Ich kann nicht erkennen, ob der Mann wütend und ablehnend spricht. Auf der Straße unterhalb nähert sich ein Licht. Es ist einer von uns, jemand, der russisch spricht. Er versucht zu dolmetschen, immer wieder unterbrochen von dem Hirten. Anscheinend möchte dieser uns nur helfen, er möchte uns in seine Jurte einladen, dort könnten wir schlafen. Sehr nett gemeint, aber der Ton, den der Mann anschlägt, klingt wenig freundlich.

Wir müssten unser Zelt wieder abbauen und unser Essen brodelte auch schon vor sich hin. Was tun? Wir kehren zurück zum Zelt, der Hirte entfernt sich. Wir wollen hier im Zelt bleiben. Etwas mulmig ist mir die ganze Nacht zumute. Ruhig schlafen kann ich irgendwie nicht. Was ist, wenn der Hirte zurückkommt und uns wegschickt? War er etwas angetrunken? Die Hunde hören wir immer wieder, die sind wohl wegen der ungewohnten Nachbarschaft beunruhigt.

Tag 4: Dienstag, 19.08., Ulay Talaa- KokArt
110 km / 2400 Hm

Früh morgens, bei Dämmerung machen wir uns wieder auf den Weg. Bei der Jurte nebenan ist alles still. Es tut uns leid, dass wir uns mit dem Hirten nicht verständigen konnten. Heute ist der Plan, bis in etwa zum Beginn der Schiebestrecke zu fahren. Das bedeutet ein ewig langes leicht ansteigendes Fluss-Tal entlang.

In Karasu finden wir am Straßenrand eine Wasserstelle mit fließendem Wasser. Es scheint frisch und sauber zu sein, vermutlich aus dem Trinkwassernetz, aber wir gehen auf Nummer sicher, filtern es und werfen zusätzlich noch eine Chlordioxid-Tablette rein.

Über die nächsten Kilometer mache ich mir wenig Gedanken, es wird vermutlich eine ausgedehnte Mix-Fahrt viel Schotter/ ein wenig Asphalt durch ein nicht enden wollendes Tal, bis hin zum Beginn der hike a bike – Passage.

Falsch gedacht: Bald geht der Asphalt in eine unmögliche Rüttelpiste über. Schlimmstes „Wellblech“. Wir kommen einfach nicht weiter. Äußerst steil hoch, in den Abfahrten kann man auch nicht schnell fahren. Unter uns der Fluss, die Schotterstraße am Hang entlang.

Uns kommt ein schwer bepackter Radfahrer entgegen. Er war schon bei der Schiebestrecke, aber die sei für ihn kaum machbar gewesen, also sei er umgekehrt. Keine Schiebe- sondern Tragestrecke. Oje, was da wohl auf uns zukommt?

Heute haben wir sehr starken Gegenwind. Auf den ebenen Stücken wirkt er wie eine Wand. Es wird immer einsamer und wilder. Richtig schön ist es nicht. Ziemlich staubig.

Hermann hatte am Abend zuvor unser Vorankommen analysiert und mich informiert, dass er tagsüber sechs Stunden Stillstand hatte. Ich hatte den sicher nicht, denn der arme musste ja immer wieder warten. Manchmal musste ich aber auch stehen bleiben. Anziehen, Ausziehen, Essen während der Fahrt kann ich leider auch nicht gut. Voll fit bin ich auch nicht. Ich finde aber, wir kommen nicht schlecht weiter.

Die Sonne brennt im Laufe des Vormittags immer stärker vom wolkenlosen tiefblauen Himmel, kein Lüftchen kühlt uns. Der Gedanke lässt mich nicht los, dass bis übermorgen um diese Zeit wohl kein Magazin oder ähnliches am Weg liegt. Der „Blue Caravan“ an der chinesischen Grenze ist also das große Ziel, dann nämlich werden wir die 30km-Schiebe- und Tragestrecke hinter uns haben. In diesem legendären Wohnwagen bekämen wir warmes Essen, Getränke und vielleicht könnten wir unsere Süßkram-Vorräte etwas aufstocken. Anscheinend würde jeder Fahrer und jede Fahrerin mit dem Namen begrüßt.

Der Sohn des „Hauses“ beobachte das Event online. Nach einer Stärkung im blauen Wohnwagen würden wir wohl gerüstet sein für die nächsten 110 Kilometer bis CP2. Und dann sind, nach Bewältigung der legendären und überaus steile „Old Soviet Road“ nochmal über hundert Kilometer bis zum nächsten Ort, Ak-Muz. Meine Gedanken rattern, die Entfernung zwischen Gülchö gestern Mittag bis Ak-Muz beträgt fast 480 Kilometer und schätzungsweise 4 Tage ohne resupply … oje, ob wir uns da nicht verschätzt haben. Ich überschlage schnell, was wir noch alles im Gepäck haben. Verhungern würden wir wohl nicht, aber wir werden rationieren müssen.

Noch in Gedanken geht der Schotter in Asphalt über, eine kleine Siedlung liegt vor uns. Und … Jubel!!! Ein kleiner Shop. Wirklich winzig mit einem kleinen Gastraum. Zwei nette ältere Kirgisinnen schmeißen den Laden und bieten sogar Kaffee an, Instant-Kaffee, lecker, ähnlich meinem geliebten Latte Macchiato mit zweimal Zucker. Und genial: Wir können chinesische Instantnudeln kaufen und diese werden uns in heißem Wasser serviert. Unverhofft kommt oft … gestärkt geht es weiter, aber nicht vor einem Foto-Shooting mit den beiden lustigen Damen, auf dem sie bestehen.

Das Tal wird nun einsamer, die Fluss-Oase unter uns schön grün. Weniger überholende Autos stauben uns ein. Gegen Abend würden wir Kok-Art erreichen und dort sollte laut Veranstalter ein kleiner Shop sein. Mal sehen, ob sich meine Vorahnung bestätigt, dass wir dort vor leeren Regalen stehen würden.

Es wird immer heißer, Schatten gibt es wenig und wenn, dann nur auf Fluss-Niveau. Die Straße geht in ständigem Auf und Ab immer wieder zum Fluss hinunter, etwas dort entlang, um dann wieder anzusteigen. Auf einer der rasanten Abfahrten blitzt etwas Weißes am Wegesrand auf. Ohhhhhh! Ein nackter Männer-Arsch … und noch einer. Kleidung liegt am Straßenrand. Was geht da ab? Ich höre noch ein „Splaaaashhhh!! Und in hundertstelsekundenschnelle keimt der Gedanken in mir auf: „Das will ich auch!“ – eintauchen in die kühlen Fluten.

Leider dauert es noch ein Weilchen, bis wir nach einer Brücke eine geeignete Stelle finden, schieben unser Rad hinunter, entledigen uns unserer Kleider und tauchen in das Bächlein hier ein. Eiskalt! Schnell wasche ich mich von Kopf bis Fuß mit dem Funktionstuch, das ich immer mithabe (eins für mich – eins für mein Rad), dann wird noch Wäsche gemacht. Die nassen Teile hänge ich säuberlich hinten auf meine Tasche. Mein Rad wird sozusagen zu einem fahrbaren Wäscheständer.

Leider müssen wir weiter. Das Tal wir immer wieder enger, begrenzt von Felswänden, dann weitet es sich wieder, vor uns ein weiteres Dörfchen, Say-Talaa, und versteckt hinter einer hohen Mauer schon wieder ein Mini-Laden. Die angelehnten Räder verraten ihn jedoch. Schon wieder Einkauf-Pause? Vermutlich ist es aber sinnvoll, alles zu nutzen, das am Wegesrand liegt. Also hinein! Es gibt kalte Getränke. Ich probiere mal Nitro aus, einen zuckersüßen Energy-Drink. Brrrrrr! Mich schüttelt es. Und es gibt Wasser-Melonen.

Zu dritt teilen wir uns eine der Riesen-Kugeln. Etwas Köstlicheres scheint es nicht zu geben. Wir sitzen auf der Treppe vor dem Shop und schlemmen. Ich muss wohl ziemlich „abgerissen“ und „fertig“ ausgesehen haben, plötzlich steht die Laden-Inhaberin hinter mir, tippt mir auf die Schultern und reicht mir einen Teller. Oh, wie lecker: warmer Reis mit Fleisch … Ich teile mit Hermann, mit gemischten Gefühlen wagen wir uns auch an das Fleisch. Die Portion ist so groß, dass wir auch Tobias was abgeben können, der ebenfalls des Weges kommt. So nett von der Frau!!! Vehement winkt sie ab, als ich mein Essen zahlen möchte.

In der prallen Sonne geht es weiter, die Landschaft lenkt mit ihren Bergformationen und vielen Farben ab. Die Kilometer „schleichen“ dahin, aber die Zeit vergeht. Und schon wieder ein Dorf und ein Haus mit Rädern davor. Schon wieder ein Laden? Hermann meint, wir brauchen nichts. Ich fahre also weiter. Nun wird die Straße mühsam. Meine Reifen pflügen durch tiefen Schotter und durch grobes Gestein. Ich werde so langsam, dass es keinen Fahrtwind gibt. Langsam bekomme ich wieder Hunger, vielleicht ein Snickers? Keine Lust darauf, auch weil die Dinger in der Hitze fast flüssig aus der Verpackung laufen und nicht nur die Hände schokoladeverschmieren.

Wo bleibt Hermann? Ich nutze den einzigen Schattenplatz weit und breit, um auf ihn zu warten. Breite mich gemütlich auf der Zeltunterlage aus, schneide Käse und Brot auf. Hermann trägt zu der „Brotzeit“ Cola bei. Er hatte am letzten „Rad-Versammlungsplatz“ trotzdem halt gemacht.

Wie dicht beieinander doch die Versorgungsmöglichkeiten heute waren. Unverhofft kommt oft. Es sollten noch knapp 10 Kilometer bis Kok-Art sein mit der allerletzten Chance. Dort könnten wir unser Snickers Depot noch etwas aufstocken und dann dürfte es bis zum Blue Caravan am übernächsten Tag reichen.

Plötzlich bremst Hermann und bleibt abrupt stehen. Ein Platten! Schon wieder. Und schon wieder ist der hintere Reifen platt. Was nun? Einen neuen Schlauch einziehen? Wir haben die Idee, in den Schlauch Dichtmilch einzufüllen. Mal schauen, ob das auch mit den ultraleichten Schläuchen hilft. Wir haben so unsere Bedenken. Ein Versuch ist es wert und ich werde wieder ein paar Gramm Gewicht los. Ein Blick in die Zukunft: Der Reifen hält bis zum Ende durch, was man von uns beiden nicht sagen kann. Drama … Wir nähern uns in Riesenschritten …

Am Ortseingang bzw. am „Torbogen“, die man nahezu bei jeder Siedlung sieht, treffen wir Konrad aus Polen, der in den Niederlanden lebt. Die Welt ist klein, er richtet mir einen Gruß von Agon aus. Mit Agon, übrigens ein super Fotograf, war ich im Februar beim Race around Rwanda. Konrad werden wir noch öfters treffen in den nächsten Tagen.

Etwa abseits die gewöhnliche Räderansammlung, wo es was gibt. Der angekündigt letzte Shop. Aber wer sich darauf verlassen hatte, sich für die kommenden beiden Tage (oder sogar drei) zu versorgen, der war arm dran. Wir bekommen gerade mal einen Beutel Chips, mehr gibt es nicht. Nicht mal Wasser haben sie. Oje!

Draußen am Straßenrand sehe ich eine Schwengelpumpe und frage im Shop, ob man das Wasser trinken kann. Ja, aber der Junge im Geschäft muss mit einem Werkzeug mitkommen, um den Anschluss zu öffnen. Dankbar füllen wir unsere Flaschen und Trinkrucksäcke. Dann müssen wir los. Nicht mehr lange und es würde wieder Nacht. Schaffen wir es noch bis zum Beginn der Schiebestrecke? Noch etwa 30 Kilometer bis dorthin.

Es geht nun bergauf bis auf eine weitläufige Hochfläche. Ein wunderbares Panorama bietet sich uns. Wir sind nicht alleine, mehrere Fahrer haben sich mit uns auf den Weg gemacht. Man sieht sich immer wieder. Befahrbar sind hier nur noch zwei Spurrillen, es wird immer unwegsamer.

Einmal geht es sehr steil hoch, zwei Fahrer folgen dem Weg im Tal, müssen dann aber umkehren. Die Sonne geht unter, es wird kühler. Leider müssen wir die mühsam erklommenen Meter auf der anderen Seite einer Schlucht wieder abfahren.

Unwegsam. Ich schiebe ein paar Meter. Dann wieder platteben über weite Grasflächen. Irgendwann stehen zwei Reiter am Wegesrand und schauen uns prüfend an, recht freundlich wirken sie nicht. Unheimlich! Vor meinem inneren Auge tauchen Bilder auf. Bei einem der ersten Ausgaben war ein Radfahrer von zwei bewaffneten Reitern aufgehalten worden. Ausgeraubt? Ich weiß es nicht mehr. Jetzt bei Dämmerung spielt die Fantasie mir Streiche. Ich möchte eigentlich hier irgendwo unser Zelt aufstellen.

Besser noch weiterzufahren, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden sind und noch möglichst einige Kilometer weiter. Es ist nahezu ganz dunkel, als wir einen geeigneten Platz finden. Der Schlafplatz ist schnell errichtet, Wasser für die chinesische Suppe zum Kochen gebracht, gegessen wird im Schlafsack. Alle Handgriffe sitzen nun nach 5 Tagen tadellos. Und bald versinken wir in tiefen Schlaf.