more info english italiano

Tag 1Tag 2Tag 3 und 4Tag 5Tag 6
Tag 7Tag 9Tag 10, 11& 12Tag 13Tag 14

Zuerst mein Video Tag 8:

Tag 8: Samstag, 23.08.25
Naryn – Richtung Arabel Plateau
125 km/ 1400 Hm/ 10:50:10 Bewegungszeit


Wie herrlich in einem Bett aufzuwachen ohne Wecker, sich nochmal unter die Dusche zu stellen, das Radgepäck in Ordnung zu bringen und vor allem, in Ruhe ein super tolles Frühstück zu genießen. Das gönnen wir uns nämlich, um den halben Weg zu feiern.

In der Nacht hatte mich wieder ein unangenehmer Husten überfallen. Das wird wohl dem Staubschlucken geschuldet sein.

Auch Konrad und das Team Markus und Jos machen das heute so. Da in der Lobby und rund um das Hotel noch einige andere Räder stehen, vermutlich auch noch andere. Konrad ist so nett, uns Kettenöl zur Verfügung zu stellen, das hatten wir nicht kaufen können am Vorabend. In Ermangelung eines Behälters, hatte er eine kleine Tube aus dem Hotel Amenity Set, sprich Pflegeset, verwendet.

Er bauche eh kein Schmiermittel, da sein Silk Road Mountain Race hier zu Ende sei. Was???? Leider war der hintere Dämpfer seines Rades gebrochen und die Halterung seiner Gepäcktaschen. Der sympathische in Belgien lebende polnische Radler wolle zwar noch in einer Autowerkstatt vorbeischauen, ob die ihm eventuell helfen könnten. Ein Blick in die Zukunft: Konrad wird zwar noch auf den nächsten Streckenabschnitt gehen, dann aber ähnlich wie ich übergehen zur „Genuss-Tour“ (obwohl ich das meinerseits nicht ganz so empfinden werde) nach Karakol.

Relativ spät für das Rennen brechen Hermann und ich auf. Gut ausgeruht und gerüstet für die 400 Kilometer ohne Möglichkeiten einzukaufen. Wasser würde es überall zur Genüge geben. Nach Naryn biegen wir ein auf unsere Ausweichstrecke (siehe Bericht von Tag 7, Brückeneinsturz). Zunächst rollen wir angenehm auf Teer, dann aber wieder auf Schotter mit den unangenehmen Folgen, wenn ein Auto uns überholt und uns Staub schlucken lässt – der Vortag lässt grüßen. Als Antwort – Hust! Hust!

Die Zusatzhöhenmeter gehen eigentlich recht flott von der Hand, auch wenn es in der tieferen Lage heute im Laufe des Vormittags ziemlich heiß wird. Und der Weg wird immer schlimmer in Bezug Staub: die Reifen versinken manchmal zentimetertief in der feinen Staubschicht. Wir wirbeln dieses feine Zeug selbst auf und ziehen wie die Autos minutenlang eine Staubfahne hinter uns her.

Gegen Mittag haben wir den höchsten Punkt der Umleitung erreicht. Hier oben gibt es eine weite Almgegend mit Jurten, vielen Pferden, Kühen, Schafen und Ziegen. Drei Buben, einer beritten, halten uns ein Tor auf, dann beginnt die Abfahrt. Sie führt entlang weiter Hänge mit wunderbarer Sicht auf die gegenüber liegenden Berge.

Der Weg ins Tal ist jedoch nur am Anfang flott zu befahren, dann wird der Staub sehr tief und mein Rad reagiert mitunter wie auf einer nassen Fahrbahn, wenn man auf Wasser den Bodenkontakt verliert. Ich denke mir unterwegs allerlei lustige Alternativen zu Aquaplaning aus, mein Hirn hat ja wieder mal nichts Sinnvolles zu tun: Dryplaning, Staub-Surfen, Feinstaub-Driften oder gar Aerosol-basiertes Bodenverlustphänomen? Zum Glück ahne ich nicht, was in den kommenden Tagen los ist, sonst hätte ich mir heute wohl mein Hirn anderweitig zermartert, aber dazu am nächsten Tag und einige Tage später.

Des Quatsches genug. Irgendwann sind wir unten und treffen wieder auf die Originalstrecke. Es ist schon Mittagszeit und der Hunger nötigt uns zu einer kleinen Pause im Schatten eines der letzten Bäume heute, denn wir werden uns im Laufe des Tages wieder der 3000-Meter-Grenze nähern. Aber jetzt gibt es wieder mal Brot und leckeren Käse und nicht zu vergessen, eine Fischdose. Dann müssen wir weiter, eigentlich habe ich gar keine Lust mich wieder in Bewegung zu setzen, es geht nämlich sofort mal steil hoch. Der Naryn River hat sich hier unten tief in die Schlucht eingegraben, begrenzt von gigantischen Felswänden.

Der Weg führt in Ermangelung von Ausweichmöglichkeiten über 20 Kilometer stets auf und ab. In der Hitze ist das ziemlich ätzend. Zu Wasser kommt man auch lange Zeit nicht. Ich überlege, eigentlich kann dieser Umstand nur Gutes bedeuten, denn der Fluss ist weit unter uns und wir überqueren ihn einige wenige Male trockenen Fußes über Brücken. Wie gesagt, einige wenige Male, dann ist mit Brücken auch wieder Schluss.

Irgendwann am Nachmittag verlassen wir die Schlucht und vor uns tut sich ein weites Tal auf. Höfe hier und da, Tiere, Bauern, die Felder mähen. Dann ein kleiner Weiler mit einer Handvoll Häusern. Vor einem lehnen zwei Fahrräder. Ich konsultiere meine Streckengrafik, da sollte es irgendwo einen kleinen Shop geben, auf myMaps von Google war dort eine Anmerkung, dass man klopfen sollte, falls geschlossen. Nicht nötig, denn vor uns waren ja welche.

Beim Näherkommen sehe ich auch wer. Die beiden hatten mich schon in den Tagen zuvor in Staunen versetzt, waren sie doch mit Singlespeeds unterwegs. Ich kann mir nur schwer vorstellen, mit so einem Rad unterwegs zu sein, bei diesen Bergen, haben sie doch keine Gangschaltung, da nur ein Gang vorhanden ist, ein Kettenblatt vorne, ein Ritzel hinten.

Na gut, pannenanfällig ist das zumindest nicht, Hermanns Schaltung macht immer wieder komische Geräusche beim Schalten und er sorgt sich, dass ein Schaltkabel reißen könnte. Wenn man keinen Schaltkabel hat, dann kann der wohl auch nicht reißen. Aber Kehrseite des Ganzen: Die beiden hatten wohl mehr an hike a bike hinter sich als wir.   

Bemerkenswert der Ort, an dem wir nun kurz Pause machen. Eine einfache schräge Holzhütte. Ein älteres Ehepaar, sichtlich ziemlich älter …, bieten was zu essen und zu trinken an. Sie dolmetschen mit Hilfe eines Telefons, nicht Translator, sondern Anruf bei einer Bekannten. Wir bekommen 1 gekochtes Ei, einen Instantkaffee und dazu eine Waffel. Wir müssen etwas schmunzeln, denn mehr haben sie nicht im Sortiment, vermutlich haben unsere Vorgänger, äh Vorfahrer alles aufgekauft. Aber besser als nichts ist es allemal. Wie sagt ein Sprichwort? Den letzten beißen die Hunde …

Dann geht es weiter. Wir fahren noch bis tief in die Dunkelheit. Immer weiter in das einsame Tal hinein. Kleine Steigungen hoch, dann wieder runter. Es ist bewölkt, wird immer kälter. Der Schotterweg geht irgendwann in eine Graspiste über und wechselt immer wieder mit steinigen Passagen an und gar mancher Bachquerung. Meine Füße sind nass und eiskalt.

Lichter fernab unseres Weges lassen in der Dunkelheit Jurten erahnen. Einmal sehen wir auf der anderen Fluss-Seite ein hell beleuchtetes Haus, eine Brücke führt dorthin. Wir werden am nächsten Tag von einem kirgisischen Team (oder war es Konrad?) erzählt bekommen, dass dort eine Hochzeit gefeiert wurde und sie beide eingeladen wurden zum üppigen Mahl. Sie zeigen uns Fotos von der Schlemmerei.

Hatten wir noch bis zu den Serpentinen, die hoch auf das Arabelplateau führen, fahren wollen, so überkommt uns die Müdigkeit und wir beschließen nach 125 Kilometern es für heute gut sein zu lassen. Es ist auch besser so, denn einige kleine Bachquerungen im Dunkeln waren schon unheimlich gewesen und weitere sollten folgen, wie wir aus Erzählungen früherer Ausgaben des SRMR erfahren hatten.

Zelt rasch aufstellen, Schlafutensilien raus, alle Handgriffe sitzen inzwischen. Hermann bereitet heißes Wasser für die chinesischen Instantnudeln vor. Man gönnt sich ja sonst nichts *lach*

Ein Blick nach oben. Die dichten Wolken hatten sich verzogen, über uns sternenklarer Himmel.  

Ich huste mich in den Schlaf. Am nächsten Tag stünde die Auffahrt zum Arabel Plateau vor uns. Dann die Abzweigung zum remote-Loop.