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Tag 9: Sonntag, 24.08.25
Arabel Plateau …
Hermann: 142 km/ 2000 Hm/ 11h:11min Bewegungszeit

Gabi: 127 km/ 1200 Hm/ 9h:40min

Zuerst das Video Tag 9:

Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, geht mir vieles durch den Kopf. Vielleicht wäre das, was an Tag 14 passiert ist, anders verlaufen, wenn ich mit Hermann vom Arabel Plateau weiter auf die Südschleife gefahren wäre. Aber mein Körper hatte andere Pläne.

Der Infekt, den ich eigentlich schon überstanden glaubte, meldete sich zurück. Ich fühlte mich schlapp, der Husten wurde stärker, und die Kälte kroch mir in die Knochen.

Die Vorstellung, in diesem Zustand über 200 Kilometer durch abgelegenes Gelände zu fahren, fühlte sich einfach falsch an. Ich wusste: Das ist nicht mein Tag, nicht meine Etappe.

Es fiel mir schwer, den Gedanken loszulassen, einfach weiterzufahren. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich diesmal auf meinen Körper hören musste – auch wenn es weh tat.

Aber von Anfang an:

Zwischen Schnee-Regen, Steinen und Entscheidung. Sternklare Nacht, dann am Morgen dichte Wolken. Nicht lange nach dem Aufbruch beginnt es zu regnen. Entlang der Strecke einige Zelte, vom Regen gezeichnet. Die Fahrer darin waren wohl schlauer als wir – sie warten auf Wetterbesserung. Traurig aber wirken die pitschnassen zusammengesunkenen Zeltwände.

Die erste Bachquerung vor mir: fast trockenen Fußes geschafft, nur ein bisschen Wasser lässt mich ahnen, wie sich nasse Füße bei diesen Temperaturen anfühlen. Der nächste Bach meint es weniger gut. Ich will durchfahren – der trockenen Füße wegen – verliere das Gleichgewicht. Alles geht blitzschnell. Ich lande im Wasser, die linke Körperhälfte nass. Hermann, hinter mir, lässt sein Rad fallen, kommt mir sofort zu Hilfe. Schreck in unseren Gesichtern.

Der Regen hört auf, aber es bleibt kalt. Meine Füße sind Eis. Ich schaue in meine Aufzeichnungen – irgendwo soll es eine Jurte geben, die Gäste empfängt. Nahe der einzigen Brücke im Tal. Die Kilometer dorthin ziehen sich endlos, eben, dann wieder leicht auf und ab.

Dann endlich: die Jurte, Aidana Guest-Jurt Eine Gruppe deutscher Frauen bricht gerade auf, begleitet von ihrem Führer – sie dürfen auf den Rücken ihrer Pferde hinauf aufs Arabel Plateau. Klingt verlockend, aber auch nicht. Reglos auf dem Pferd sitzen? Ich friere ja schon im Stehen. Dann lieber Rad.

Drinnen Wärme. Frühstück. Die Hirtenfamilie hat aufgetischt: Brot, Marmelade, Süßigkeiten, Chai-Tee. Ich hänge meine klatschnassen Socken an den kleinen Ofen, stelle die Schuhe davor. Die Füße fühlen sich an der Luft fast warm an. Zitternd sitze ich am Tisch, der Tee tut gut.

Aufbruch. Ich mag eigentlich gar nicht weg. Das Wetter weiß nicht, was es will. Wolken, Sonne, dann Regen, dazwischen Schneeflocken. Kurze Mittagspause bei Sonnenschein. Ich breite alle nassen Sachen über einen großen Stein aus, wir essen Brot und eine Dose Sardinen in Tomatensoße. Dann weiter.

Nicht mehr weit bis zu den Serpentinen hinauf aufs Arabel Plateau. Der Weg wechselt zwischen Wiesenpfad und Schotter, immer wieder kurze, steile Rampen. Ich fühle mich schlapp, schiebe zwischendurch. Die Bachquerungen machen es nicht besser – die Füße bleiben dauerhaft nass.

Der Hustenreiz schüttelt mich. Gedanken im Kreis: Was, wenn sich das Wetter weiter verschlechtert? Wir sind hier zwischen 3000 und 4000 Metern. Kein Internet, keine Prognose. Schneetreiben in der Nacht – das will ich mir gar nicht vorstellen.

Vor uns läge heute noch der Suyek Pass, dann nach einer langen Abfahrt zelten im Sturm, bei Minusgraden – eine Horrorvorstellung. Aber erst mal der Aufstieg.

Kurz Sonne, dann wieder Regen, dazu ein Wind, der durch alle Schichten dringt. Hermann ist wohl schon oben. Ich bin schneckenlangsam. Mir wird klar: Ich bremse ihn aus.

Hermann wartet im Sturm. Zwei Mädels fahren und schieben mit mir die Serpentinen hoch. Sie werden es bis zur Finisher Party schaffen.

Auf dem Hochplateau Sturmböen. Das Mediateam überholt, macht Fotos. Meine GoPro gibt auf – zu kalt, die Batterie leer. Die letzten Bilder, das Objektiv voller Tropfen, zeigen die Realität: Kälte, Wind, Erschöpfung.

Ein hellblauer Container inmitten der Steinwüste. Hermann nestelt den Drahtverschluss auf. Endlich Windschutz, endlich ein Ort, an dem man wieder sprechen kann, ohne dass der Sturm jedes Wort verschluckt. Wir planen.

Ich spreche meine Gedanken aus. Wenn das Wetter so bleibt, eine Nacht, ein ganzer Tag im Sturm – ich sehe mich da nicht mehr durchkommen. Der Husten, die Erschöpfung, die Kälte in den Knochen. Ich schlage vor, direkt hinunter zum Issyk-Kul-See zu fahren, zu Checkpoint drei. Hermann soll ruhig die Pflichtstrecke weiterfahren. Für mich wären es nur neun Kilometer Aufstieg zum Barskaun Pass, dann 55 Kilometer bergab – machbar. Ich wäre kein Bremsklotz mehr.

Schade nur, dass wir beide dann aus der Wertung fallen. In meinem Kopf reift ein Plan: den nächsten Tag in Tamga auf Hermann warten, mich erholen, dann gemeinsam weiter über den Tosor- und Jukuu-Pass.

Als wir den Container verlassen, taucht die Mediacrew wieder auf, hält die Szene im Bild fest. Noch ein paar flache Kilometer über die Hochfläche bis zur Abzweigung – eine halbe Stunde Bedenkzeit.

Dann ist der Moment da. Ich weiß nun genau, was tun. Ich werde mich nach links wenden. Es erscheint mir verlockend, diesem Inferno zu entkommen. In meiner inneren Vorstellung sehe ich Bilder von Bergsteigern, die erschöpft die Nacht im Freien nicht überlebt haben. Das will ich nicht riskieren, denn Schneefall setzt ein, der Wind tobt fast orkanartig. Ich bin fast erleichtert über meine Entscheidung. Ein Blick nach oben nämlich verspricht keine Besserung. Am Scheideweg ein rascher Kuss im Schneetreiben. Hermann fährt nach rechts, ich nach links.

Gabi:

Die Höllenstraße zum Barskaun Pass. Vor mir liegt die Straße zum Barskaun Pass. Ein Radfahrer kommt mir entgegen – einer von uns. Hier kreuzen sich die Strecken. Wir winken uns kurz zu, fast wortlos, zwei Gestalten im Grau. Nur neun Kilometer, denke ich. Nur neun.

Schon nach wenigen Metern wird mir klar: Das wird nicht leicht. Der Wind, eben noch von der Seite, trifft mich jetzt frontal. Eiskalt. Unerbittlich. Es beginnt stark zu schneien. Auf meiner Brille bildet sich binnen Sekunden eine weiße Schicht. Ich sehe nichts mehr, wische mit den Handschuhen darüber, immer wieder, vergeblich.

Der Schotter ist aufgeweicht, und immer wieder donnern große Lastwagen vorbei – Zubringer zur Kumtor-Goldmine, irgendwo dort oben auf über 4000 Metern. In der Mitte ist die Straße halbwegs fest, aber sobald ich einen LKW höre, weiche ich auf das Bankett aus. Und dort saugt mich der Schlamm fest, wickelt sich um die Reifen. Ich komme kaum voran.

Verzweifelt blicke ich mich um, jedes Mal, wenn ein Motorengeräusch auftaucht. Ich würde in diesem Moment in jedes Auto steigen, nur um diesem Inferno zu entkommen. Hätte ich Tränen gehabt – ich hätte geheult. Aber es ist, als wären selbst die gefroren.

Dichter Nebel. Der Gegensturm drückt mich fast zum Stillstand. Ich fahre im Schritttempo, manchmal schiebe ich, manchmal stolpere ich. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, bin ich oben.

Vor mir taucht schemenhaft die Kumtor-Straße auf – sie windet sich in unzähligen Kurven hinab, 2000 Höhenmeter Abfahrt. Eine Höllenfahrt. Der Schnee, der auf der Fahrbahn schmilzt, verwandelt alles in zentimeterdicken, fast flüssigen Schlamm. Meine Reifen schwimmen darin. Aquaplaning – nur dass hier kein Asphalt, sondern Matsch unter mir ist.

Ich sehe nichts. Der Nebel, der Schnee, die beschlagene Brille. Ich schiebe sie auf die Nase, versuche über den Rand zu blicken – doch dann stechen mir die harten Schneeflocken direkt in die Augen. Ich bin im Blindflug unterwegs, die Finger klamm, die Muskeln verkrampft. Jede Kehre ist eine Zitterpartie. Wenn ich wieder eine ohne Sturz schaffe, bin ich erleichtert.

Die LKWs donnern an mir vorbei, schleudern mir Matsch ins Gesicht. Ich hoffe nur, sie sehen mich rechtzeitig. Mein Kopf ist leer, mein Denken reduziert auf ein einziges Ziel: irgendwie heil unten ankommen.

Nach etwa zwanzig Kilometern lichtet sich der Nebel. Die Sicht wird langsam besser, aber meine Hände gehorchen kaum noch. In einer engen Kehre versagen mir die Finger den Dienst – ich kann die Bremse nicht mehr ganz ziehen, rutsche auf die Gegenspur, lande schließlich in der Notspur für Fahrzeuge mit Bremsversagen. Stehe da, atemlos, verloren im Grau.

Da schält sich aus dem Nebel eine Gestalt. Ein Radfahrer. Er hält mir ein Päckchen Kekse hin. Ich glaube zu träumen. Es ist einer von uns. Genau hier trifft die Schiebestrecke vom Tosor-Pass wieder auf die Kumtorstraße – der Nordring schließt sich.

Dankbar nehme ich einen Keks, kann kaum sprechen, meine Zähne klappern so heftig. Er erzählt von der schwierigen Schiebepassage, die er hinter sich hat. Ich wünsche ihm Glück für den Aufstieg, den ich gerade hinuntergekommen bin. Dann rolle ich weiter.

Langsam wird der Boden fester, die Wolken reißen auf. In den flacheren Abschnitten taut sogar mein Körper wieder etwas auf. Ich bin über und über mit Schlamm bedeckt – mein Rad, meine Taschen, ich selbst, alles in einer einheitlichen graubraunen Kruste.

Auch der Himmel lichtet sich, ich glaube es kaum. Kurz vor Sonnenuntergang, ja die Sonne ist plötzlich da, öffnet sich das Tal. Über dem Horizont spannt sich ein breiter, bunter Regenbogen – fast Hohn nach diesem Tag. Noch ein paar Kilometer im Licht des Abendrots. In der Ferne glitzert das Ufer des Issyk-Kul-Sees.

Dann endlich: das Hotel, der Checkpoint 3. Endlich. Ich kann wieder lächeln.
Ein Beweisfoto, dann lasse ich meine schlammigen Hüllen fallen, gehe barfuß durch die warme Luft hinein. Heißer Tee, warmes Essen – die Welt ist wieder, wenigstens für den Moment, in Ordnung.

Eine freundliche Helferin vermittelt mir ein Guesthouse nebenan. Bei Olga komme ich spät an. Die schmutzigen Sachen lasse ich draußen, springe unter die Dusche, dann direkt ins Bett.

Meine Gedanken, kurz bevor ich einschlafe, sind bei Hermann. Er wird es wohl nicht so fein haben wie ich jetzt. Und: ich wäre jetzt wohl nicht hier, wenn sich die Strecken am Arabel Plateau nicht gekreuzt hätten. Die Abfahrt nach Tamga war verlockend – ja –, aber auch vernünftig. Der Husten quält mich noch, die Kräfte sind am Ende. Ich bin alles andere als fit. Oder war ich doch zu voreilig?

In meinem Kopf streiten sich noch eine Weile Zweifel und Vernunft: Letztere siegt vorerst: Die Entscheidung auf dem Arabel Plateau hat mich vielleicht vor Schlimmerem bewahrt. Glücklicherweise weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Tag 14 an Dramatik nicht überboten werden kann, auch nicht von dem, was ich heute erlebt habe.

Hermann:

Was steht an? Auffahrt zum Arabelplateau, der Suyekpass, Abfahrt bis zur Brücke.

Für Gabi ist es von Beginn an ein schwerer Tag. Schon bei der ersten Bachquerung sind die Füße nass. Beim nächsten Durchgang der Umfaller – komplett durchnässte linke Seite. Kein guter Start. Dann setzt Regen ein. Wir kämpfen uns auf der holprigen Straße weiter, Meter für Meter.

Nach ein paar Stunden erreichen wir die Guestjurte Aidana. Drinnen Wärme, Tee, Kaffee, Brot, Butter, Marmelade. Eine Stunde Aufatmen. Draußen hört der Regen auf, sogar ein paar Sonnenstrahlen. Gegen Mittag sitzen wir in der Sonne, essen Fisch, Käse, Brot. Kurze Ruhe. Von Westen aber schon wieder dunkle Wolken. Weiter also.

Vor uns der steile Aufstieg aufs Arabelplateau. Die Kehren schaffe ich fast alle, nur das letzte Stück zwingt mich zum Schieben. Gabi und einige andere Fahrerinnen bleiben etwas zurück. Dann beginnt es zu schneien.

Kurz vor der Passhöhe finde ich einen windgeschützten Platz, ziehe die Regenklamotten an, warte. Der Schnee wird dichter, der Wind stärker, bald Sturm. Als Gabi ankommt, fahren wir gemeinsam weiter. Seitenwind, der uns fast von der Piste drückt.

Ein Container taucht auf, mit Draht verschlossen. Wir nesteln den Verschluss auf, zwängen uns hinein. Drinnen Stille, Windschutz, Zeit zum Denken.

Wir beraten, wie es weitergehen soll. Gabi hustet, wirkt erschöpft. Sie will direkt nach Tamga, bevor sich die Erkältung verschlimmert. Sie sagt, ich soll die geplante Route weiterfahren – neun Kilometer eben, dann sechzig bergab, das schaffe sie.

Wir erreichen die Kumtorstraße. Hier trennen sich unsere Wege – renntechnisch zumindest. Gabi biegt nach links ab, ich nach rechts, Richtung Suyekpass. Ich sehe ihr nach, wie sie gegen Schnee und Wind antritt, und fühle mich miserabel dabei. Später wird sie erzählen, dass das eine ihrer härtesten Etappen war: Schnee, klebriger Schlamm, LKWs, Gegenwind. Sogar die Abfahrt danach – pure Rutschpartie.

Ich habe Rückenwind. Etwa 300 Höhenmeter bis zum Suyekpass. Der Schnee bleibt auf der Straße liegen, aber es macht mir fast Spaß. Endlich Flow, endlich Rhythmus. Ich freue mich auf den 120-Kilometer-Loop.

Oben am Pass kommen mir mehrere Fahrer entgegen – sie sind auf dem Rückweg, kämpfen gegen Schnee und Wind. Ihre Gesichter sagen alles. Kein Lächeln, nur Konzentration.

Die Abfahrt ist rutschig, ich fahre vorsichtig. 500 Höhenmeter tiefer hört der Schneefall auf. Der Wind kommt jetzt von der Seite, peitscht über die Ebene. Berge in dichte Wolken gehüllt.

Vor mir öffnet sich ein weites Tal, rundum Berge. Noch ein kleiner Anstieg, etwa 300 Höhenmeter, dann eine lange Abfahrt hinunter zur Schotterstraße entlang des Flusses. 50 Kilometer durch die Ebene. Der Wind lässt nach. Es dämmert. Auf der anderen Seite des Tals, vielleicht zehn Kilometer entfernt, sehe ich Lichter – Fahrer auf dem Rückweg. Ich werde dieselbe Strecke erst morgen fahren.

Mein Ziel: die Brücke, Wendepunkt der Runde. Dort will ich biwakieren.
Ich erreiche sie gegen halb zehn. Seit Stunden fahre ich in der Dunkelheit. Auf der anderen Flussseite finde ich einen guten Platz fürs Zelt. Eine weitere Fahrerin übernachtet in der Nähe.

Der Wind zieht über die Ebene. Ich koche mir noch etwas, krieche in den Schlafsack. Müde, aber zufrieden. Noch ahne ich nicht, was Gabi in der Zwischenzeit durchmacht – draußen im Sturm, auf der anderen Seite des Bergs.